Traumverse

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Gast

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I. Fremde Seele in neuer Heimat
Dritter Morgen nach der Ankunft auf Gerimor - Sumpfinsel am Tag der Mitte, den 27. Cirmiasum 254

Ruhig und schimmernd wiegt das Licht des Mondes an diesem Morgen auf den Wellen des Meeres an den Ufern der Sumpfinsel. Langsam und leise hebt sich der kühle Nachtwind in andere Bahnen ab und beginnt die Insel wie eine sanfte Umarmung, wieder in einen feinen Nebelschleier einzuhüllen. Alsbald würde ich die aufkommende Sommerwärme auf meinen baren Füßen verspüren, doch solange dem nicht so war, vergrub ich sie leicht im Sand. Die Sonne würde sich sicherlich bald wärmend am Horizont zeigen und das letzte Mondlicht gänzlich vertreiben. Es ist der schönste Sonnenaufgang für mich seit langem. Das Traumbildnisse zu wahren Ereignissen werden konnten, daran hatte ich nicht fest geglaubt, doch beständig trug ich still für mich den jetzigen Moment als Hoffnung in mir. Alles andere schien mir jedoch noch im Unklaren. Die Begegnung mit den Schwestern und dass ich ihnen soviel erzählte, und sie mir - obwohl wir uns fremd waren. Ich glaube meine Angst, dass sie mich für unnormal hielten, ob meiner Erzählungen, wurde nicht bestätigt. Im Gegenteil es schien als würden sie mir irgendwie alles was ich denke und fühle erklären können. Ist es nicht eigenartig?

Allein wie ich herfand. Ich war nie bereit für diese Reise. Bei meiner Abreise habe ich nicht geglaubt, das ich überhaupt irgendetwas finde. Und jetzt geht alles so schnell voran, dass ich fürchte es nimmt kein gutes Ende. Unsicherheit. Wie gerne würde ich sie einfach abschütteln.. und tatsächlich hier an diesem frühen Morgen und der Ruhe und, es mag vielleicht albern klingen - Geborgenheit, die ich hier verspüre, schwindet sie zunehmend. Ich fühle mich eigenartig heimisch, wie noch nie zuvor. Ich vermisse Pelle und erhoffe mir bald von ihm zu hören. Am liebsten hätte ich ihn wieder bei mir. Schon allein deshalb, damit er all das hier selbst mit eigenen Augen sehen könnte. Die Inselmaid. Mit mir darauf, ganz ohne Traum. Nachdenklich schaue ich mir den Sonnenaufgang an diesem Morgen an und lasse den Gedanken freien Lauf.

Entscheiden soll ich mich, etwas dass ich noch nie sehr gut konnte. Ich wäge gerne ab, bevor ich große Schritte wage, und meist ist dann bereits zuviel Zeit vergangen, sodass dann eine Entscheidung überflüssig wird. Mein Herz hat sich bereits entschieden. Abgesehen von den ersten Eindrücken und Ängsten dieser Begegnung, fühle ich mich unheimlich wohl hier. Doch für den Verstand reicht es noch nicht aus. Soviele Fragen sind noch offen. "...weil Du als eine solche Schwester geboren wurdest." - Was wird das hier werden? Schicksal von Geburt an. Warum dagegen wehren? Doch trotzdem ist alles fremd, ich war noch nie jemand mit großem Vertrauen. Alles geht so unheimlich gut voran. Fast jede Begegnung hier auf Gerimor war bisher her mehr als einfaches Geplänkel unter Fremden.

Die Begegnung mit der Schneiderin Karawyn in der Nacht als ich hier ankam, war die erste. Nur ihr Haus habe ich mir von aussen ansehen, und das Hausschild lesen wollen. Doch die Hunde fingen gleich zu bellen an und kurz darauf erschien die junge Frau im Garten. Nach einem kurzen Gespräch und ohne mich zu kennen, lud sie mich in ihr Haus ein, gab mir einiges an frischer Kleidung und erzählte mir ein wenig über die Lande. Ich sollte alsbald noch einmal bei ihr vorbeischauen und mich bedanken.

Am Tag darauf begegnete ich der Bäuerin Nanielle vor Bajard und auch sie lud mich nach einem Gespräch in ihr Haus ein, gab mir Unterkunft in ihrem Keller für ein wenig Arbeit. Einfach so. Ich bin wirklich dankbar, denn ich brauchte mir für den Moment, keine Sorgen mehr zu machen, alsbald eine Unterkunft zu finden. Die ersten Tage nach der Reise haben mich auch ziemlich geschlaucht, jetzt geht es inzwischen wieder besser. Das alles ist auch nicht so arg, trotzdem bin ich froh, nicht mehr auf einem Schiff zu sein und reisen zu müssen. Mir gefällt es hier auf dem Hof, allein die Tiere mag ich sehr gern. Natürlich kann ich hier nicht für immer bleiben, auch wenn Nanielle sagt, das dies so ersteinmal in Ordnung für sie sei und sie sich darüber freut das ich bei ihr bin. Ich mag ihre freundlich, erfrischende Art, sie erinnert mich an Falryn und schafft es auch immer, einem ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. So vertrauensseelig sind hier viele, irgendwie ist das ansteckend.

Ich bin ja selbst sonst viel vorsichtiger. In Erlwald oder in den anderen Städten, hätte ich bei niemand Fremden einfach Quartier bezogen. Aber da war das auch nicht notwendig .. ich hatte Pelle und er sorgte immer gut für uns. Ich denke viel an ihn, ich glaube es ist einfach die Ungewissheit die an mir nagt. Ich würde unheimlich gern wissen ob es ihm gut geht. Soviele Mondläufe ist er jetzt fort und vielleicht hätte ich ihn doch mehr suchen sollen. Ich hoffe Falryn findet mehr heraus und schreibt mir bald. Oder er selbst. Ansonsten habe ich noch mit einem Menekaner namens Wahid Ifrey .. (da war noch mehr Name vorhanden - frag ich nochmal nach) in seinem Laden in Berchgard gesprochen. Er ist recht nett, und kann vorallem gut handeln. Das hat mich beeindruckt. Die junge Frau mit der er um das weisse Gold handelte, tat mir allerdings leid. Und mit ein wenig Raffinesse - eigentlich einer kleinen Unwahrheit, aber dies gibt man ja nur ungern zu, konnte ich es gerade noch hinbiegen, ihr beim Handel zu helfen.

Als weiteres wäre da noch Bryan Raufels. Ich hab' mich noch nicht entschieden ob ich ihn mag oder nicht. Er ist ein wenig frech, das gefällt mir schon und erinnert mich ein wenig an Pelle - auch wenn er sich beim ersten Mal auf meine Kosten lustig gemacht hatte. Ich glaube dennoch, dass Bryan ein gutes Herz hat, denn entschuldigen kann er sich und er will soviel bewegen und hat recht viele Pläne. Ich habe ihm aufrichtig Glück dabei gewünscht, sicher braucht Gerimor mehr Ideen wie seine, aber vorallem Leute die ihn bei seinen Vorstellungen unterstützen. Vorhin hab ich ihn allein gelassen mit einem anderen Krieger namens Garrett. Das Gespräch konnten die beiden so sicher besser weiter führen, als jemanden dabei zu haben, der von den politischen Verhältnissen von Gerimor und Umgebung fast keine Ahnung hat. Ich höre mir das zwar an, aber ich fühle mich noch nicht wie ein Teil dieser Lande und einmischen werde ich mich nicht. Ich mache mir lieber mein eigenes Bild von allem. Wenn ich an die Letharen denke, die ich sah, und vor denen mich fast alle gewarnt haben, bekomme ich schon Angst, aber neugierig bleib ich trotzdem. Vorsichtig sein heisst ja nicht das ich meine Augen verschliesse!

Ich schweife ab, wie ein schneller Windhauch von einem Gedanken zum anderen. Eigentlich sitze ich hier weil ich mich entscheiden möchte. Darüber nachdenken möchte, ob es in Ordnung ist, einfach so zu vertrauen. Die Sonne ist bereits aufgegangen und erfüllt mich mit wohliger Wärme. Am liebsten würd ich hier einfach sitzen bleiben, auf ewig. Eigentlich kann ich das tun, wenn ich mich dafür entscheide. Aber ich glaube ich sollte mich doch erst noch einmal erkundigen, was da genau alles auf mich zukommt und was es bedeutet eine Schwester zu sein.
Gast

Beitrag von Gast »

II. Begegnungen und Entscheidungen
Vierter Tag nach der Ankunft auf Gerimor, Uhrzeit ungewiss - im Keller vom Herbergenhof - am Tag des Donners, den 28. Cirmiasum 254

Irgendein Geräusch hatte mich soeben geweckt. Einmal wach, bleib ich wach. Darum habe ich gleich meine Laterne angezündet, liege aber noch im Bett und schreibe ein wenig. Richtig wach fühle ich mich allerdings noch nicht. Ich habe hier unten mit dem wenigen Licht, und der Müdigkeit noch etwas Mühe ordentlich zu schreiben aber ich versuche es trotzdem. Mir ist unheimlich warm. Ich weiss nicht woran es liegt. Eigentlich ist der Keller trotz des Sommers recht kühl. Meine Hand schmerzt und ich glaube, mir ist das Bier aus der Taverne nicht so gut bekommen. Vielleicht vermischen sich auch wieder Gefühle mit weltlichem? Einfach nicht darüber nachdenken! Ich habe gestern eigentlich einen guten Tag gehabt. Nein, ich hatte einen guten Tag! Und ich habe ziemlich fest geschlafen. Das erste Mal, ein tieferer Schlaf seit ich hier ankam. Trotzdem fühl ich mich nicht ausgeruht. Gestern ist arg viel passiert, sodaß ich gar nicht weiss, was ich zuerst erzählen kann. Fangen wir mal mit den guten Dingen an. Das ist immer das Beste. Ich habe Arbeit gefunden in Bajard, um ein wenig Gold zu verdienen. Eigentlich ist es nicht so wenig, ich glaub soviel Lohn in einer Woche habe ich noch nirgends bekommen. Ich hatte diesen Schreinerladen von Lis Berah betreten, weil mir meine Instrumente fehlen. Hätte nicht gedacht, das mir von all den Dingen die ich zurücklassen musste, jene als erstes fehlen.

Jedenfalls ging ich gestern deshalb in den Schreinerladen am Hafen in Bajard und fragte nach. Die Schreinerin Lis und ich kamen gleiche ins Gespräch und es freute mich unheimlich, das die Instrumente nicht allzuviel kosteten. So wollte ich sogar gleich eine Laute und eine kleine Handharfe mitnehmen. Die Harfe ist wirklich hübsch. Ich kann sie zwar noch nicht so gut spielen wie eine Laute, aber jetzt kann ich ausreichend üben. Und auch die Laute gefällt mir sehr gut. Sie ist handlich, aus gutem Holz und sie hat samt ihres schlicht gewölbten Bauches sowie ihren neuen Saiten einen wundervollen Klang. Doch zurück zu Lis Berah. Sie erzählte mir, dass sie viel Arbeit habe. Gut, dass erzählen alle Handwerker, doch stellen sie nicht immer gleich wen ein. Bei ihr war es anders. Sie hatte gleich soviel Arbeit, dass sie mir sofort erzählte, dass sie sich über eine Verkaufshilfe freuen würde und was jene alles zutun habe.

Die Aushilfe sollte lediglich Kunden bedienen, Bestellungen aufnehmen und Waren herausgeben. Zwar hatte ich keine Ahnung von Möbeln, Holzkram .. und Holzarten und alldem, doch ich bot an, ihr ein wenig zu helfen. Handelsgeschäfte sind mir vertraut und ich mag diese Arbeitweise von allen am liebsten. Ferner brauchte ich diese Verdienstmöglichkeit, da meine Münzen von den Fischereiaufträgen langsam zur Neige gingen - weil ich mir das Nötigste von allem gekauft habe. Ja, Instrumente gehören auch dazu! Lediglich einige Male in der Woche sollte ich den Laden öffnen und die Kunden bedienen und das alles für einen guten Wochenlohn. Selbst das Trinkgold darf ich zukünftig behalten. Zudem ist es auch ein guter Einstieg, falls ich hier im Laufe der Zeit wieder eigene Handelsgeschäfte betreiben möchte. Selbst wenn nicht, so würde ich durch dieses Tagewerk zumindest ein paar Leute mehr kennenlernen.

Die Schreinerin und ich verstanden uns auf Anhieb ganz gut, und Lis erklärte mir im Laufe des ersten Tages recht viel. Selbst die Holzsorten kenne ich nun beim Namen oder weiss, wie es dann verarbeitet ausssieht. Ich hoffe ich kann mir das alles merken! Gestern Abend hatte ich dann gleich den Laden geöffnet, mit ihrer Unterstützung und natürlich auch samt ihrer aufmerksamen Beobachtung. Ein Kunde wurde erwartet gegen zehn Uhr am Abend, weil er seine Waren abholen wollte. Und das waren wirklich viele .. und schwer waren sie auch. Ich glaube das erklärt auch die Schmerzen am heutigen Tage. Es ist aber noch erträglich und ich werde mich sicher daran gewöhnen. So große Regalseiten oder allgemein Holz wiegt schon eine ganze Menge und ich bin das ehrlich gesagt nicht so sehr gewohnt, solch große Sachen oder viele schwere Kisten herum zu tragen. Erst habe ich ihm nur all die Kisten und Bretter rübergereicht, also dem Kunden - und gehofft man merkt mir nicht an, dass es mir zu schwer ist. Später sollte ich dann, weil der Kunde ein Trinkgold gab, auch helfen, die bestellten Waren zum Bankgebäude zu tragen. Hab' ich natürlich gemacht, war schliesslich mein erster Arbeitsabend und ich wollt einen guten Eindruck hinterlassen.

Dieser erste Kunde war ein Magier. Sogar der Magier, von dem Nanielle dauernd mit einem seeligem Lächeln im Gesicht spricht. Also hab ich ihn auch einmal gesehen und kann mir ein besseres Bild machen, um wen es sich eigentlich handelt. Er wirkt wirklich sehr freundlich, genauso wie sie sagte. Nachdem ich ihm auch die letzte Kiste mit den Brettern für den Schreibtisch gab, machte er eine kleine Bemerkung. Er sagte, dass ich mich von nun an wohl an schwere Arbeit gewöhnen musste. Ich dachte nur.. Oh, HIlfe - er hat gemerkt das mir die Kisten zu schwer waren! Aber dann meinte ich nur, dass ich das schon hinbekomme und lächelte hinzu. Muss ich ja auch hinbekommen und werd ich auch! Einfach dran glauben. Die Arbeit wird schwieriger, aber ich hatte schon schlimmere Tagewerke überstanden bei anderen Leuten, die alles andere als nett waren. Und Lis ist wirklich nett, zuvorkommend und erklärt alles mit Geduld und Ruhe. Gestern hab' ich dann schon ein paar Münzen verdient und ausserdem hat Lis mir die Instrumente geschenkt. Ich werd' mir einen ruhigen Platz suchen, damit ich wieder ein wenig spielen üben kann. Wenn ich denn noch Zeit für all das finde? Zum Glück haben wir Sommer und die Tage sind länger. Auch wenn ich kaum schlafe und die Nächte ebenfalls mehr an der Luft bin, als hier im Keller. Ich finde diesen Keller auch erdrückend als Schlafplatz, ein Umstand, bei dem ich länger brauche, um mich daran zu gewöhnen.

Da fällt mir ein, dass Nanielle gestern auch einen guten Tag hatte, was mich wirklich freut. Sie hat sich die ganze Zeit eine richtige Aushilfe für ihren Hof gewünscht. Also jemanden der sich zumindest ein wenig auskennt. Und erst hatte sie die Hoffnung, dass ich diejenige sein könnte. Aber ich kenne mich nur mit den Tieren aus, mit allem anderen so gut wie gar nicht. Kochen kann ich zwar, aber verkaufen lässt sich das wohl eher nicht. Gestern kam jemand zu Besuch und ich glaube sie wird bald hier am Hof anfangen zu arbeiten. Ryah ist ihr Name, sie ist schon ein wenig älter als Nanielle und ich. Ich glaube sie freut sich auch über diesen neuen Arbeitsplatz, jedennfalls war sie recht neugierig und wirkte zunehmend zufriedener als Nanielle ihr alles erklärte. Bald wird sie wiederkommen, um Einzelheiten zu klären. Ich hatte dann gleich angeboten den Keller für Ryah zu räumen, aber Nanielle sagte wir könnten auch beide dort unten nächtigen. Platz wäre genug. Ja, dem ist auch so .. aber ich hab' noch nie groß mit anderen in einem Raum geschlafen ausser Pelle .. da können sie noch so freundlich sein. Herjeh. Ich kling wie ein Angsthase. Bryan bot mir an, wenn alle Stricke reissen, könnte ich bei ihm schlafen. Ich bedankte mich freundlich für das Angebot. Vorstellen kann ich mir das allerdings auch nicht. Bei diesen Dingen denke ich erneut an Pelle. Wie sehr ich ihn vermisse oder was er zu all den Erlebnissen hier sagen würde. Aber ersteinmal erzähle ich weiter, denn ich habe gestern noch einiges mehr erlebt. Erst einmal erzähle ich das Unschöne, damit am Ende noch etwas schönes zu erzählen bleibt:

Da war so ein Kerl. Saremus. Den Namen erfuhr ich allerdings erst viel später. Die Nacht war bereits fortgeschritten und ich wollte die Kutsche nach Berchgard nehmen. Vor der Kutsche standen einige Leute und so fragte ich erst, ob sie allesamt auf die Kutsche warten würden. Saremus stand da, mit einer Frau an seiner Seite. Ich dachte erst, er bräuchte Hilfe. Jedenfalls meinte die Dame an seiner Seite, er wäre angetrunken und würde wanken und sich kaum auf den Beinen halten können. Ich drehte die Laterne an, und sah in seine Richtung, da kam er auch schon auf mich zugewankt und ich wollte ihm erst einen Arm hinhalten um ihn zu stützen.

Doch was tat der Kerl? Wollte mich beklauen! Er griff in meine Taschen, erwischte aber die mit dem Dolch zuerst und schnitt sich in die Hand. Ich schubste ihn fort und er flog hin. Blut. Er leckte über seine blutende Hand, und begann mit mir zu schimpfen. Doch ich sah nur auf das Blut und wie er es ableckte. Wirklich widerlich. Mir wurde gleich schlecht. Aber wütend war ich auch. Saremus schimpfte weiter, meinte ich sei Schuld daran, das er nun blutet. Ich gab ihm irgendwelch' patzige Antworten, beschimpfte ihn wohl auch. Die Übelkeit nahm weiter zu. Langsam drohte der Schwindel einzutreten. Die Frau stützte mich einen Moment, doch ich war nicht in der Lage mich so wieder unter Kontrolle zu bekommen. Langsam und wohl auch wankend ging ich zurück nach Bajard, zum Glück hat mich niemand aufgehalten. Ich ging direkt zur Taverne und kaufte mir einen Krug Bier. Das schmeckte zwar nicht, aber der Alkohol darin half, dass es mir wieder etwas besser ging. Doch umso besser es mir ging, desto wütender wurde ich wieder. Eigentlich auf mich selbst muss ich zugeben. Wegen der eigenen Blödheit auf solch einen profanen Trick reinzufallen. Ich dachte nur noch an diesen Kerl, und wollte wieder zurück gehen. Was ich dann leider auch tat. Ich sage bewusst leider, weil mein Verhalten an diesem gestrigen Abend wirklich.. alles andere als gut war.

Als ich wieder bei der Kutschenstation eintraf, standen da noch mehr Leute als zuvor. Unter anderem auch der Krieger Garrett, mit dem sich Bryan in der Vornacht auf dem Dach des Bankgebäudes unterhalten hatte. Dann waren da noch ein paar Damen, die mir allesamt unbekannt waren. Und wer war natürlich mitten drin: Saremus. Die Wut bei seinem Anblick war kein bisschen verraucht und wurde noch geschürt, als er das gleiche, dass er bei mir versucht hatte, in diesem Augenblick bei einer anderen Dame tat. Ich sagte wieder irgendetwas und sah zu, wie er der Frau irgendwelche kleinen Phiolen entwendete.

Meine Wut wurde zunehmend größer, eigentlich hätte ich Mitleid mit ihm haben sollen oder nur ein müdes Lächeln für die Situation. Ich sollte lernen mich in solchen Momenten besser zu beherrschen, auch wenn Pelle das vermutlich lustig gefunden hätte. Aber in solch' Situationen kam ich bisher nicht allzuoft, und wenn auch selten allein - oder wenn doch mal allein, dann bin ich rascher fortgegangen. Hätte ich gestern auch tun sollen. Aber ich nahm stattdessen einen großen Apfel, einer von den roten, saftigen aber härteren Exemplaren, aus einen meiner Beutel. Mit Schwung warf ich ihn in die Richtung von Saremus. Und traf. Der Apfel prallte direkt an seinem Kopf ab, sodaß sein Hut flog und er erneut wankte. Gut, dieser Treffer hätte mir reichen können - und ich hätte dann einfach gehen sollen. Hab' ich aber leider nicht.
Ich blieb an Ort und Stelle und schob flink die freie Hand zurück in die Taschen und tat so, als wäre nichts gewesen.

Garrett ging auf Saremus zu, nahm den Apfel, säuberte ihn ein wenig und begann ihn zu essen. Es sah aus als täte er dies mit Genuss und auch ein wenig provozierend, aber da ich ihn nicht kenne weiss ich das nicht genau. Fast hätte ich darüber gelacht, wäre da nicht die Wut gewesen die leider nicht so schnell verrauchte, wie sie aufgetaucht war. Doch ein wenig Grinsen darüber musste ich dann doch. Die Situation war schon recht eigenartig. Vermutlich wäre dann auch nichts weiter passiert, wäre im nächsten Augenblick nicht auch noch Majalin aufgetaucht. Sie kam genau aus entgegengesetzter Richtung zu mir, sodaß sie fast auf Saremus zulief. Ich hielt diesen Mann zwar nicht für urgefährlich, sonst wäre ich wohl doch eher geflüchtet, aber dennoch für unberechenbar. Darum ging ich gleich auf Majalin zu, um sie vor jenem zu schützen. Ob das im Endeffekt nötig ist, sie zu schützen - weiss ich nicht, aber instinktiv tat ich das. Und natürlich kam Saremus auf sie zu. Ich stellte mich dazwischen. Gerade eben noch, und schubste ihn erneut fort.

Das ging eine ganze Weile so. Doch, ich tat noch schlimmeres. Irgendwie total albern und beschämend, wenn ich heute darüber nachdenke. Durch Majalin erfuhr ich seinen Namen und trotz des .. Gerangels blieb sie recht ruhig. Im Gegensatz zu mir. Es gab einiges an Hin und Her. Ich verpasste ihm sogar eine, was wohl die Schmerzen in meiner Hand erklärt. Auch trat ich mehrfach nach ihm, wenn er wieder etwas versuchte, oder Majalin mit Steinen bewarf. Dann lag er am Boden und jammerte und ich sagte unschöne Dinge zu ihm. Und er zu mir. Erinnert mich ein wenig an eine Balgerei zwischen Kindern .. - der Unterschied ist nur, das Majalin mir leise klar machte, dass dieser Mann gefährlicher zu sein schien als ich annahm. Sie zog mich nach einer Weile zurück zu sich, versuchte mich in meiner Wut zu bremsen und nahm mich ein Stück mit sich. In der Zwischenzeit waren die meisten Leute gegangen - ein Glück, so hatte nicht jeder mein Verhalten in dieser Nacht mitbekommen. Ich hoffe Saremus hat mich ebenfalls vergessen, oder erinnert sich zumindest nicht mehr so genau, an mein Äusseres. An die Situation, wird er sich ja allein ob der Schmerzen die er haben wird, erinnern.

Dies war die Erklärung zur Situation im Groben. Ich habe mich falsch verhalten, denke ich. Pelle hätte mich angefeuert, gelacht und sich vermutlich auch nicht eingemischt, wenn er mich so gesehen hätte. Aber wäre er dabei gewesen, hätte ich vermutlich wie zumeist gar nichts machen müssen und ihm die Situation überlassen. Ein bisschen Wut kam vielleicht auch daher. Er sollte hier sein. Bei mir. Mir fehlen die Gespräche und das Vertrauen. Und obwohl er nur wenige Jahre älter ist als ich, hat er mich immer vor Allem beschützt. Mir fehlt die Sicherheit, dass jemand da ist wenn ich in Not gerate. Saremus ist ihm ein wenig ähnlich. Ich glaub sie sind im gleichen Alter ungefähr und Pelle mag auch so Scherze, auch wenn er sich dabei wohl weniger blöd anstellt. Noch wenige Mondläufe und er ist schon fast einen Jahreslauf verschwunden. Einfach so. Meine Suche war vergebens und jetzt bin ich einfach hier her gereist, aus eigenem Verlangen etwas für mich zutun. Egoistisch. Das ist sonst nicht meine Art. Und die Ungewissheit, was mit ihm sein könnte nagt an mir. Das nimmt mir immer ein Stück meines Glücks, auch wenn ich das überspiele und versuche nicht daran zu denken.

Kommen wir wieder zu den hoffentlich schöneren Dingen, die am gestrigen Tage geschehen sind. Ich begleitete Majalin in der letzten Nacht dann noch heim. Sie bot mir auch an, sie in ihre Heimstatt zu begleiten und einen Moment zu bleiben. Trotz der vorangeschrittenen Nachtzeit. Als erstes säuberte ich in ihrer Küche ein wenig meine Hände und kühlte mein Gesicht, ehe wir danach vor dem Kamin auf den Fellen platz nahmen und uns unterhielten. Um das Gespräch hatte ich sie bereits am frühen Abend gebeten, nachdem ich den Schreinerladen verlassen hatte und mich aufmachen wollte, etwas zu Abend zu essen. Nach der turbulenten Nacht brauchte ich einen Moment, um wieder etwas Ruhe zu finden und über die Fragen nachzudenken, die ich ihr stellen wollte. Ich stellte ihr die wichtigste Frage zu erst: Was es bedeutet eine Schwester zu sein und was für Aufgaben dies mit sich bringen würde. Lange erklärte mir Majalin in Ruhe einiges, erzählte mir die Geschichte über Paia und beantwortete auch meine darauffolgenden Fragen.

Einiges erklärte sie mir auch nur vage. Vermutlich weil ich mich noch immer nicht entschieden hatte, auch eine Schwester sein zu wollen. Doch umso mehr sie erzählte, desto mehr wollte ich erfahren. Und alles hörte sich irgendwie richtig an und zudem würde ich ein Teil einer Gemeinschaft sein. Keinen Weg mehr allein beschreiten müssen. Wer wünscht sich das nicht? Innerhalb des Gespräches, und als Majalin noch erzählte, fasste ich den Entschluss mich jetzt und hier in dieser Nacht zu entscheiden. Gut, mein Gemüt war noch etwas wirr und ich war noch nicht gänzlich beruhigt. Zudem fasse ich nie allzuschnell Vertrauen. - Doch mir fielen die Worte ein, die Bryan sagte, als ich ihm erklärte, dass ich vielleicht eine Ausbildung zur Heilerin in Aussicht hätte, doch da die Sache mit dem Blut und der Übelkeit und dem Schwindel wäre. Er sagte mir, dass ich es doch einfach versuchen könnte, dabei ehrlich bleiben sollte und von der Schwäche in diesem Fall erzählen könnte. Zudem glaubte er fest daran, das man dieses Problem in den Griff bekommen könnte. Es wäre nur eine Gewöhnungssache. Ich weiss nicht ob er Recht hat damit. Mehr Blut sehen hat bisher jedenfalls nicht geholfen. Majalin erklärte mir gerade, dass die Schwestern eine Art der Verbundenheit haben untereinander. Dies erwähnte sie auch schon am ersten Tage unserer Begegnung und sie erklärte weiterhin, dass auch ich dies spüren würde, sobald ich mich dazu entscheiden würde eine Schwester sein zu wollen. Und während ihrer Erklärungen fasste ich den Entschluss mich hier und jetzt zu entscheiden. Warum nicht? Ich würde sowieso bleiben wollen, mein Herz hatte ich schon beim ersten Betreten der Insel für sie entschieden. Ich konnte es mir nicht einmal mehr vorstellen diese Insel nie wieder zu sehen.

Majalin war gerade dabei zu erklären, das ich mit den Grundlagen von allem beginnen sollte, als ich sie unterbrach um ihr meine Entscheidung mitzuteilen und sagte: Ich möchte eine Schwester sein. - Lächelnd nahm Majalin diese Entscheidung auf und auch ich fühlte mich, als hätte es keinen besseren Zeitpunkt gegeben, um dies zu entscheiden. Von dem Problem mit dem Blut sagte ich dann aber irgendwie doch noch nichts. Der Moment war einfach nicht passend. Das muss ich dann wohl noch irgendwie nachholen. Majalin sagte mir ich könnte die Schwestern nicht enttäuschen, sie wären nur eine Hilfe zu dem was jetzt schon in mir stecken würde. Da bin ich gespannt. Eine Lehrmeisterin namens Vefa wird mich alsbald aufsuchen. Das macht mir doch ein wenig Angst, bestimmt gibts trotzdem hohe Erwartungen .. oder ich weiss auch nicht. Ich hoffe ich verstehe das alles irgendwie, und schaffe gleichsam die Arbeit und finde mich überall zurecht.

Bei diesen Gedanken muss ich gleich wieder an Pelle denken. Jetzt, da es endlich passiert, und etwas, dass ich mir immer gewünscht habe zum greifen Nahe ist, ist er nicht bei mir und kann nicht Teil haben an meinem Glück. Er ist der Einzige dem ich das Insellied vorgesungen hab'. Ich hoffe ich höre bald von ihm und er sieht sie mit eigenen Augen - so wie ich es tat. Vermutlich würde er dann nicht mehr so besorgt schauen, wenn ich von der Insel spreche. Nachher werd ich Falryn den ersten Brief schreiben, vielleicht hat sie schon mehr in Erfahrung bringen können.

Wahid irgendwasdazwischen Ifrey, der Menekaner der den Laden in Berchgard führt, hat mir am gestrigen Vormittag noch meinen Ring repariert. Er war wieder etwas angerissen, von den nächtlichen Traum-Wanderungen und an einer Seite recht scharfkantig. Irgendwo muss ich hängengeblieben sein, darum hab ich ihn eine Weile nur an dem Lederband getragen, statt am Finger. Herr Ifrey hat ihn repariert und frisch poliert, selbst der Onyx darauf glänzt jetzt wieder wie neu. Er versteht sein Handwerk gut und er wollte auch nichts für seine gelungene Arbeit haben. Das hat mich erst ein wenig überrascht und darum hab' ich ihm dann einfach etwas von dem alten Rum geschenkt. Er ist ein wirklich freundlicher Mann und deshalb bin ich noch eine Weile dort geblieben und hab mich mit ihm unterhalten. Er macht meist auch nur Andeutungen wenn es um politische Dinge geht. Dazu kann ich selbst derweil auch eh noch nicht soviel sagen. Er erzählt ganz gern Dinge über die Insel Menekur. Ich würde mir die Insel wirklich gern einmal ansehen, aber derzeit habe ich von Schiffsreisen die Nase voll. Vielleicht gehe ich Herrn Ifrey heute, wenn ich Zeit finde, noch einmal besuchen. Jetzt nehm ich mir erst einmal die Laute zur Hand und such mir neben einem kleinen Frühstück noch einen ruhigen Ort an frischer Luft, zum wach werden und nachdenken und warte neben der Arbeit und den Gedanken an Pelle, gespannt auf meine neue Schwester und Lehrmeisterin Vefa.

Kleiner direkter Nachtrag: Ich weiss warum meine Hand mehr schmerzt als gestern. Ich bin wohl wieder während ich schlief umhergelaufen oder anderes. Eines der Regale ist auch leicht beschädigt. Ich hoffe ich kann es reparieren, bevor Nanielle das sieht. Ansonsten muss ich Lis mal fragen.

Nachtrag zwei in der Nacht kurz vorm nächsten Sonnenaufgang: Sitze jetzt hier und versuch mal mit der rechten Hand zu schreiben, da ich meine linke Hand mit einem feuchten Tuch kühle. Klappt nicht ganz so gut aber ich kann's lesen. War ein ruhiger schöner Tag. Ich war ein wenig in den Wäldern und in Berchgard, aber da war niemand zugegen. Dann noch auf der Insel und bei Lis. Dort hab' ich mir die neue Warenliste mit den Preisen durchgesehen. Bis vorhin war ich noch in der Taverne, war ganz lustig. Hab' ein wenig Laute gespielt und Garett hat gesungen. Lani hab ich noch kennengelernt, aber nicht allzugut. Beide waren total betrunken und ich wusste, dass Lani ihn besiegt. Versuche jetzt noch ein wenig zu schlafen, dann kann ich nachher arbeiten.
Gast

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III. Windleicht.
Tag der Sonne zur Mittagszeit, 31. Cirmiasum 254 - Schreinerladen in Bajard.

Meine Finger wollte ich eigentlich etwas ausruhen vom längeren Übungsspiel an der Harfe. Meine Hand ist nicht mehr geschwollen nur noch leicht verfärbt. Bald ist sie gänzlich verheilt. Das Kühlen mit den feuchten Tüchern, hat gut geholfen. Einfaches herumsitzen ist mir jedoch zu langweilig, darum schreibe ich ein wenig. Ich sitze gerade im Geschäft von Lis. Ein Kunde war bisher da. Ich glaube ich habe doch zu früh geöffnet heute. Sitze schon über einen Stundenlauf hier und hab bisher nur eine Bestellung aufgenommen. Ich fand's lustig, dass die Kundin auch nicht genau wusste, wie das was sei bestellen wollte heisst. Aber jetzt wissen wir es beide, da es zum Glück in der Preisliste stand.

Bevor ich vom heutigen Tag berichte, würd ich gern die Momente von gestern festhalten. Es war mal wieder ereignisreich und gleichsam wunderschön. Welch ein Glück! Irgendwie passiert hier schon recht viel in kurzer Zeit, das ist alles wirklich eigenartig doch nun zu Gestern:

Gestern mittag war ich ebenfalls hier im Geschäft und wollte gerade das Mobiliar im Keller entstauben, (fast hätte ich abstauben geschrieben! - Fehlt mir die Dieberei etwa schon?) als ich oben ein Poltern hörte. Da dacht ich erst, ich hab' vielleicht etwas angestoßen und es ist erst später umgefallen? Kann ja mal passieren. Aber als ich oben ankam, wurde es gleich unheimlich. Die Schneiderpuppe war umgefallen und lag halb auf dem Tisch und halb am Boden. Gleichzeitig kam Wind aus allen Richtungen und allen Ritzen durch das Haus geweht. Alle Fenster waren jedoch geschlossen.

Dann dacht ich erst, gut - wir sind in Bajard, direkt am Hafen - vielleicht kommt das öfter mal vor? Aber dann geschah bereits das nächste! - Und ich dachte, herrjeh hätte ich doch mal mehr geschlafen in der letzten Nacht.
Ich war dann tatsächlich einen Moment in dem Glauben, der Wind ruft leise meinen Namen, so ganz unheimlich und langgezogen wie ein pfeifender Wind: Yaaaaasme - also hab ich mir nach dem Schreck ersteinmal wieder in den Arm gekniffen und geschaut ob ich nicht doch schlafe, oder wie so oft alles vermische. Aber als der Schmerz direkt eintrat, wusste ich, dass ich doch wach bin und ich hab mich wieder aufmerksam und vorsichtig umgesehen. Dann ging unvermittelt einfach die Tür auf, (ich glaub' die hatte ich nicht einmal aufgeschlossen?) Ich hab' mich so sehr erschreckt, ich dachte mein Herz bleibt einen Moment stehen! Instinktiv hab ich mir dann ersteinmal eine der Holzwaffen gegriffen - ich wusste ja nicht, wer da jetzt reinkommt!

Durch die offene Tür kam gleich noch mehr Wind, bis zu mir und ich stand hinten im Raum. Der Wind nahm weiterhin zu und hat mein Haar und meine Kleidung hochgewirbelt und mir fast den Hut vom Kopf gerissen! Ich war echt erschrocken. Ich dacht' schon ich seh' bald Geister oder so. Der Friedhof ist ja gleich hinterm Haus und Bryan erzählt immer so arge Geschichten, die in den Landkreisen vorgehen. Mit Untoten und allem!

Aber als dann nichts weiter durch die Tür kam als einfache Luftströme, hab ich wieder gedacht: Gut, alles nur Wind. Tür schliessen und gut. - Hab' dann die Holzwaffe wieder zurück auf ihren Platz gelegt und bin zur Tür maschiert. Erst wollte ich sie gleich schliessen aber dann hab ich doch erstmal rausgeguckt. War jedoch nichts zu sehen. Hab mich dann einen Schritt vor die Tür getraut und hab mich draussen genauer umgeschaut. Draussen war das Wetter allerdings normal. Viel Sonne und die Blätter der Bäume im Süden haben sich kaum geregt. Der Wind war seltsamerweise nur an diesem Haus. Es wurde allerdings kurz darauf gleich noch eigenartiger. Ich hab dann meinen Namen nicht mehr durch den Wind vernommen, sondern direkt in meinem Kopf. Da klangen die Worte auch gleich viel freundlicher und nicht so unheimlich. Aber woher das kam, dass wusste ich da noch nicht.

Dann hatte ich das Gefühl, der Wind will mich in eine ganz bestimmte Richtung locken. Normalerweise (vielleicht auch nicht) folge ich ja nicht irgendwelchen komischen Winden oder anderen Dingen durch die Gegend. Könnte ja wer weiss was dahinter stecken! Aber hier hatte ich dann ein gutes Gefühl und neugierig war ich natürlich auch. Also bin einfach mal gefolgt. Blätter und Erdstaub wurden immer wieder vor mir aufgewirbelt und das sah so aus, als würde mir damit der Weg gezeigt dem ich folgen sollte. Ein wenig sah es auch so aus, als ob jemand vor mir herlaufen würde. Da hab ich dann gleich mal mit den Händen vorangetastet, aber auch da hab nichts ausser Luft gefühlt. Hab' mich dann aber weiter an den wirbelnden Blättern vor mir orientiert und bin ihnen immer weiter gefolgt. Durch Bajard raus, sogar an der Kutsche vorbei. Ich hatte da ja erst eine Ahnung und dachte es geht zur Insel. Von wegen! Es ging an der Weggabelung auch vorbei! Da war ich mir dann einen Moment nicht mehr so sicher, ob das eine gute Idee war, einfach so blind irgendwelchen Windzeichen zu folgen.

Ich ging nur noch zögernd voran und war dabei zu überlegen, ob ich nicht einfach wieder zurück gehen sollte. Doch dann würd ich mich ja immer fragen, was war das für ein Wind? Und so unfreundlich war das ja auch alles nicht, das meine Instinkte Alarm schlugen. Dann, als hätte der Wind meine Gedanken gelesen, hab ich ein Lachen gehört. Nicht vor mir - nicht irgendwo neben mir, nein, wieder so als würde der Wind es mir zutragen. Da hab ich dann laut gesagt, dass ich hoffe auch gleich darüber lachen zu können, und wollte fast stehen bleiben. Doch dann hörte ich wieder die freundliche Stimme in meinem Kopf, und sie sagte mir das ich keine Angst haben sollte. Das hat mich zwar nicht gänzlich beruhigt aber wenigstens ein wenig und ich bin wieder weiter gefolgt. Das war aber insgesamt gesehen auch ein recht langer Weg. Und ich lief durch Gegenden, die ich mir vorher noch nie angesehen hatte.

Dann plötzlich drehte der Wind, und die Blätter drehten sich gleichsam auf einen kleinen Pfad zu, der mitten in ein Waldgebiet führte. Ich hab' Wälder ja ganz gern, wenn ich mich zumindest ein wenig auskenne.. Aber dort war ich zuvor noch nie gewesen. Ich hielt wieder an, und fragte laut: Wo führst du mich hin? - Prompt hörte ich wieder die Stimme in meinem Kopf, die mir erklärte, dass ich es bald erfahren würde. Die Stimme war zwar weiterhin freundlich aber die Worte waren nicht arg beruhigend. - Naja, was soll ich sagen? Natürlich bin ich weiterhin den Blättern gefolgt. Ich bin einfach zu neugierg. Die Gegend wirkte auch recht einladend. Überall wunderschöne Bäume, kleine Vögel, anmutige Hirsche und vielerlei Tiere mehr, die alle irgendwie zwar keine Scheu hatten, aber doch den Weg für den aufkommenden Wind und mich räumten. Der Waldboden war weich, die Blätter rauschten ringsum im Wind und überall duftete es angenehm. Wirklich wunderschön ist es dort.

Der kleine Waldweg war ebenfalls lang. Ich dachte ich bin schon Stunden gelaufen und es nehme kein Ende mehr. Doch dann wurde es urplötzlich windstill. Die Blätter die mir den Weg bisher gewiesen hatte, fielen einfach abrupt auf den Boden. Die Anordnung der Blätter war allerdings klar zu erkennen. Ihr zugespitztes Ende deutete in eine bestimmte Richtung. Nach Norden. Als ich dort hinsah, sah ich etwas seitlich nur einen Bergpass, und vor mir direkt einen Hang und ein Dickkicht aus vielen Sträuchern und hohen Bäumen. Mehr konnte ich nicht erkennen. Zu dem Waldduft mischte sich inzwischen auch ein rauchiger Duft und nach einem weiteren Moment des überlegens, ging ich dann einfach auf die Bäume zu.

Bevor ich auch nur den ersten Baum berühren konnte, öffnete sich das Dickkicht vor mir, und schloss sich bei jedem Schritt voran, gleich wieder hinter mir, als hätte es da nie einen Durchgang gegeben. Meine Neugierde obsiegte jedoch und ich ging weiter. Ich hielt erst inne, als ich die kleine Hütte vor mir sah, mitten auf einer kleinen Wiese, ringsherum Bäume, Gestrüpp und Gestein. Ein Kessel dampfte über einem kleinen Feuer, daneben waren Sitzgelegenheiten. Die Hütte selbst wirkte wie ein alter Baum, der in der Natur gewachsen war. Doch was vorallendingen meine Aufmerksamkeit auf sich zog, war eine alte Frau, die auf einer großen Bank auf der Terasse vor dem Haus platz genommen hatte und mir entgegen lächelte.

Diese Umgebung, das Haus, die Tür und vorallendingen der Wetterhahn auf dem Dach, waren alles andere als normal. Jedenfalls für mich.. Den Wetterhahn finde ich noch immer unheimlich. Wie er schaut und quietscht. Aber wieder zurück zu der alten Frau. Sie lächelte mir freundlich entgegen und winkte mich zu sich heran. "Möchtest Du mir ein wenig Gesellschaft leisten, Yasme?" fragte sie freundlich und ich erkannte ihre Stimme. Es war die gleiche wie zuvor in meinem Kopf. Nach weiterem Zögern setzte ich mich dann zu ihr auf die Bank, wir saßen also nebeneinander und sie stellte sich mir vor. Wie froh ich war, als sie sagte, dass sie Vefa heisst, kann ich garnicht beschreiben! Die anderen Schwestern hatten mir bisher nichts von ihr erzählt, mir nur ihren Namen genannt und gesagt das ich sie aufjedenfall mögen würde. Ich war jedoch ersteinmal total nervös. Ich wusste sie ist die Lehrmeisterin der Schwestern und zudem ist sie schon so alt, da hat man ja gleich unweigerlich mehr Respekt.

Die Schwestern hatten allerdings allesamt recht. Ich mag sie. Wir haben uns lange unterhalten und immer wenn sie lachte, oder sogar kicherte, konnte ich mir gut vorstellen, wie sie wohl in meinem Alter war. Fragen sollte ich ihr dann als erstes stellen, und erst fielen mir keine gescheiten ein. Dann dachte ich an das Gespräch mit Majalin und konnte doch noch einige Fragen stellen, die bei diesem Gespräch noch offen geblieben waren. Als letztes fragte ich wie Vefa zu den Schwestern fand und sie erzählte es mit viel Begeisterung. Alles was sie erzählte hörte ich mir auch gern an und als sie mich dann bei den Schwestern willkommen hiess, war ich wirklich glücklich. Ich finde es einfach unglaublich, das solch' Menschen, die einen im Grunde genommen gar nicht kennen, (auch wenn ich inzwischen denke, dass .. das zumindest bei Vefa anders ist) einfach zu sich und ihrer Heimstatt einladen und willkommen heissen. Und sie zudem auch noch so herzlich wirken und einem das Gefühl geben, als würde man schon immer dazu gehören. Das nimmt einem schon ein wenig mehr die Hemmungen und Unsicherheiten und allsowas.

Aufgaben bekam ich auch. Ich soll lernen zu vertrauen, den Schwestern und mir selbst. Das ist schwierig, vorallendingen letzteres, aber ich werde mich bemühen. Das hab ich ihr auch gleich so gesagt. Ich hoffe ehrlich, dass ich das alles verstehe und schaffe was mir gezeigt wird.. da ist sie wieder die Unsicherheit. - Die andere Aufgabe die ich ausführen sollte, ist da leichter. Aber auch wieder nicht. Das Nächste was auf mich zukommen soll ist, dass ich meine Gabe entdecke. Meine Gabe .. wie sich das anhört. Gabe. Begabt, Gab, Gabe - ich. Mh. Eluive's Lied vernehmen. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, wie das geht und was das genau bedeutet. Dafür konnte ich schon eine Aufgabe beginnen: Ich soll einen ruhigen Ort finden der mir gefällt, es mir dort auf dem Grasboden bequem machen und versuchen zur Ruhe zu kommen. Auch innerlich. Und wenn das alles geklappt hat, soll ich lauschen. Klingt einfach, oder? Meine Lieblingszeit ist der frühe Morgen, bevor die Nacht zuende ist und die Sonne den Tag begrüßt. (Vefa mag die Zeit auch am liebsten, macht sie gleich noch sympathischer)

Mein derzeitiger Lieblingsort ist natürlich die Insel. Aber wie ich die Gedanken aus meinem Kopf bekomme.. muss ich üben. So gar nicht nachdenken, ist etwas das mir schwer fällt. Ein paar flüchtige Gedanken sind immer da. Und wenn es nur eine Melodie ist. Heute morgen hab ich es probiert. Hab mich ins weiche Gras, und nah ans Wasser gesetzt, sodaß ich mit dem Blick zum Meer dasaß. Leichter Wind war zu spüren und ansonsten nur das Rauschen der Blätter und vereinzelt Laute der Tiere. Gute Voraussetzungen für solch ein Vorhaben. Ich hab mich dann erst mit offenen Augen bemüht, die innere Ruhe zu erreichen. Aber das ging nicht so recht. Dann probierte ich es mit geschlossenen Augen, dies ging noch weniger. Eine ganze Weile hab' ich es probiert, aber dann weil es nicht geklappt hat, hab ich mich leicht über mich selbst geärgert und es sein lassen. Ich bin einfach zu ungeduldig. Entweder hat mich irgendwo etwas körperliches abgelenkt, oder ein Geräusch oder der Drang danach, das es endlich klappen soll. Ich werd es morgen nochmal probieren und mich mehr bemühen, oder es gelassener versuchen.

Gestern gab es also viele schöne Momente. Ich möchte mehr davon haben. Cara hatte ich gestern auch getroffen, sie ist ebenfalls unheimlich nett. Hat mir auch gleich etwas Medizin für Nanielle mitgegeben falls sie sich doch angesteckt hat. Cara musste gestern jedoch rascher fort, aber ich denke bald finden wir sicher genügend Zeit um uns besser kennenzulernen. Gestern traf ich auch noch Saremus, im Bankgebäude. Er war so beschäftigt mit seinem Kram, (den er auch teilweise durch den Raum warf) das ich dachte, er wird mich schon nicht groß bemerken und ich kann meine Sachen unbesehen aus meiner Bankkiste holen.

Als ich dann das Gebäude verlassen wollte, rief er mir laut nach, dass er mich doch kennen würde. Meine Güte, hat er mir einen Schrecken eingejagt! Aber dann hat er irgendetwas von fünf Kronen gefaselt die ich ihm noch schulde. Hat er also doch nicht so ganz mein Gesicht in Erinnerung. Oder er war noch immer nicht nüchtern? Ich weiss nicht. Ich hoffe weiterhin er sieht da mit mir und der Nacht keinen weiteren Zusammenhang. Ich hab dann einfach gesagt er verwechselt mich mit jemand anderem und bin schnell gegangen.

Ich glaube ich schliesse den Laden jetzt gleich auch ab und öffne später erneut. Vielleicht auch erst morgen. Ich bin irgendwie müde und hungrig zudem. Vielleicht gehe ich auch nochmal zur Hütte und red ein bisschen mit Tür (Sie hat keinen anderen Namen) und dem frechen Hähnchen da auf dem Dach. Es ist eigenartig aber irgendwie gefällt mir das alles. Tür hatte mich sogar am ersten Tag ins Haus gelassen und ich hab mir die Hütte von innen ansehen können. Wirklich toll dort. Heute Vormittag bin ich sogar zur Hütte hingelaufen, weil ich die Befürchtung hatte, ich hab den Weg vergessen! Zum Glück ist dem nicht so. Die Hütte ist gut versteckt und der Weg recht weit, doch ich finde sie gut wieder. Hab' dann auf der Bank gesessen und dem Haus eine hübsche Melodie auf der Laute vorgespielt. Ich glaub Tür hat es gemocht, der Hahn da oben hat wieder nur gequietscht. Aber vielleicht wollte er auch mitmusizieren? Na, das seh ich beim nächsten Mal. Jetzt geh ich mir erst einmal etwas zu Essen suchen!
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~ Traumzwischensequenzen ~

Ein windleichter Flug durch unbekanntes Land. Ein Kinderchor, immer lauter werdend, ertönt als Schreckensgesang im Geist der jungen Frau und lässt sie straucheln und fast im Flug fallen.

"Yasme mit den roten Haaren,
will zu ihrer Insel fahren ..
denkt sie hat sie nun gefunden,
doch nun ist sie ganz verschwunden!
Blutet viel und wurd genäht!
Jetzt hat sie schon der Wind verschmäht.."


Ein Kinderlachen beendet den Gesang und verhallt immer leiser werdend, bis nur noch Stille herrscht.
...................
..........
......

Hektisch atmend fliegt Yasme plötzlich irrlos weiter, sucht die Insel, sucht die Heimat.
Schmerz an ihrem Oberschenkel lässt sie fallen, nicht mehr fliegen und immer tiefer fällt sie nun.
Sie hebt die Hände vors Gesicht. Ein Traum, keine Wahrheit - hört sie flehend ihre Stimme.

Stille und Schwärze für viele Augenblicke.
Kein Traumbildnis mehr, nur Ruhe.


Du brauchst keine Angst haben .. - ruhig und sanft schleicht sich eine bekannte Stimme in ihren Geist. Vefa. Friedvoll, achtsam - Dann ein bekanntes Gesicht, erst schemenhaft dann immer deutlicher. Cara. Ein Lächeln. Der Hintergrund färbt sich in einen angenehmen und freundlichen Lilaton, so wie Cara ihn zumeist an ihren Kleidern trägt. Er wirkt einladend, beruhigend. Dann wechseln die Farben in ein dunkles Braun und mischen sich mit einem satten Grün. Tiere sind zu sehen, die grasen und friedvoll sind. Daneben steht Nanielle, lacht fröhlich und erzählt. Für einen kurzen Moment wird das Bild eingefroren und all der Schmerz vergessen.

Ein letzter Flug noch .. hört Yasme sich leise sagen. Dann winkt sie Nanielle lächelnd zu und hebt erneut ab in die Luft. Blätter fliegen kreisend, schützend, um sie herum und kein Gesang und kein Gelächter ist mehr zu hören. All die Unsicherheit ist verflogen. Die Richtung zur Insel ist bekannt und klar.

Willkommen Schwester ...
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IV. Blutduft.
Wochenanfang, 01. Ashatar 254 - Ein fremdes Zimmer, in einem fremden Haus.

Ich habe keine Ahnung wie spät es ist, aber ich muss lange geschlafen haben. Auch weiss ich nicht genau, in welchem Haus ich bin. Das Zimmer ist freundlich und in einer angenehmen Farbe gehalten. Auch das Bett ist riesig und gemütlich und ich wäre unter anderen Umständen wirklich froh, in solch einem tollen Bett liegen zu dürfen, denn das habe ich bisher noch nie. Aber mein Bein schmerzt und ich habe Durst.
Bisher ist hier an jedem einzelnen Tag etwas geschehen und über alle Momente war ich wirklich glücklich. Jetzt ist es ein wenig anders, auch wenn ich froh bin, dass nichts schlimmeres passiert ist.

Banditen. Gestern, in friedvoller Umgebung, kamen sie unerwartet aus dem Wald, mit gespannten Bögen und gezogenen Waffen, und störten die Idylle. Nanielle wollte mir lediglich den Hain zeigen, den die Tiere sich auf freier Fläche gesucht haben um zu überleben. Lange standen wir dort, beobachteten die Tiere und sprachen miteinander. Sie hat mir diesen wundervollen Ort gezeigt, weil sie weiss, wie sehr ich die Natur und die Tiere liebe. Ich stand mit dem Rücken zum angrenzenden Waldgebiet und als ich die Geräusche der fiesen Kerle vernahm, war es bereits zu spät. Die Überraschung liess mich auch noch einen Moment zu lang innehalten, und ich drehte mich sogar zu ihnen um, und sah sie der Reihe nach an. Zerlumpt waren sie, mit grinsenden Gesichtern und dem dunklen Glanz der Habgier in den Augen. Schnellen Schrittes kamen sie auf uns zu, ein Pfeil flog direkt an meinem Kopf vorbei und erst als Nanielle mir etwas zurief, setzte ich mich in Bewegung.

Zu langsam .. Ich drehte mich um und lief Nanielle nach. Dann merkte ich ein kleines Brennen an meinem linken Bein. Ich dachte, ich lauf erst einmal weiter, folge Nanielle, damit sie uns nicht doch noch einholen und kriegen. Doch kurz darauf traf mich erneut etwas am linken Bein, gefolgt von einem größeren brennenden Schmerz. Der zweite Pfeil. Zum Glück blieb auch dieser nicht stecken .. - er streifte mich, bohrte sich jedoch um einiges tiefer in das Fleisch als der vorherige Pfeil. Ich hörte wie meine Kleidung dabei zeriss. Ich konnte nicht mehr so schnell laufen und Nanielle stützte mich. Erschrocken rief sie, dass ich bluten würde und gleichsam versuchte sie mich anzuspornen weiter zu laufen. Doch als wir gerade weiter fliehen wollten, wurden wir erneut aufgehalten. Banditen kamen nun von allen Seiten. Vor uns kamen weitere an, und hinter uns waren noch immer die, die aus den Wäldern gekommen waren. Ich hatte meine linke Hand auf den Oberschenkel gepresst, aber so konnte ich mich noch weniger schnell bewegen. Als ich die Hand weg nahm, sah ich das viele Blut. Mir wurde prompt übel und ich konnte mich für den Moment nicht mehr rühren. Einer der Kerle kam mit gezogenem Schwert direkt auf uns zu und Nanielle schob mich gerade noch durch die Wälder Richtung Kloster. Zum Glück wurden wir nicht weiter verfolgt. Vielleicht wegen den vielen Wachen beim Kloster. Dort an den Klostermauern machte ich auch erst wieder Halt und stützte mich ab.

Was danach geschehen ist, ist nur noch verschwommen in meinem Kopf zu erkennen. Eine andere Frau kam hinzu, ich glaub das war Fayana - in ihrem Haus bin ich gerade, glaub ich. Cara hab ich zwischendurch gesehen, ich glaub sie sprach von Nähen .. dann hatte ich großen Durst und unbeschreiblich arge Schmerzen. Ich hätte wirklich gern geschrien. In beiden Händen hielt ich eine Hand und drückte sie fest. Ich glaub eine war von Nanielle und eine von Fayana. Dann hab' ich irgendwie über Lis und die Arbeit geredet und auch wieder an Pelle gedacht und an die letzte Wunde, die er bei mir versorgt hatte.
"Schrei nicht, sonst werden wir erwischt." - Er hat mir schon früh beigebracht, bei solchen Dingen nicht hysterisch zu werden oder zu schreien und ruhig zu bleiben. Doch das Blut und die Übelkeit machten mir schon immer arg zu schaffen. Ich hab' weiter viel an Pelle gedacht. Komische Gedanken wie beispielsweise was wäre, wenn ich ihn jetzt nicht mehr wieder sehen würde? Oder ich dachte darüber nach, was er mit den Banditen angestellt hätte, würde er von diesen neuen Verletzungen wissen.

Durst.. Ich glaube ich sollte langsam aufhören zu schreiben.

Ich bin auch noch nicht lange wach .. und abgesehen davon, dass ich meine Tasche zu mir zog, um dieses Buch hier und den Stift herauszuholen, hab ich mich noch nicht viel bewegt. Ich traue mich nicht, weil es gerade mit der Übelkeit etwas besser ist. Das Blut rieche ich auch noch. Das Bett ist natürlich voll davon .. - wenn ich jetzt aufstehe und das sehe, kippe ich vielleicht gleich wieder um. Also warte ich ein wenig. Am Nachtschrank wurde mir frische Kleidung, etwas zu trinken und Wasser und Tücher für die Morgenwäsche hingestellt. Ein Glück. Den Beutel mit den Kräutern und dem Kristall darin hab ich dicht bei mir liegen und atme seinen Duft ein. Das übertüncht den Geruch nach Blut und hilft gegen die Übelkeit.

Ich bin nicht gern in fremden Häusern, bei fremden Leuten, in einer hilflosen Lage. Das hatte ich schon einigemale und das war nie sonderlich gut .. Darum werde ich mich gleich aufraffen.. ich hoffe doch ich kann aufstehen. Das Bein ist gut verbunden. Vielleicht kann ich mich dann für alles bedanken und einfach gehen. Auch wenn ich nicht genau weiss, wohin ich jetzt gehen soll und wie weit ich es schaffe. Der Gedanke an den Aufbruch lässt mich wacher werden. Gern wäre ich jetzt auf der Insel, oder bei der Hütte. Die frische Luft dort täte mir jetzt wahrlich gut. Aber beides ist so unheimlich weit. Und die Banditen .. wenn sie da noch immer sind? Es liegt genau auf dem Weg. Egal wohin ich jetzt gehen würde, ich müsste an dieser Stelle vorbei. Aber wir wollen ja jetzt nicht damit anfangen Angst zu bekommen, weil wir uns draussen aufhalten?

Toral sagte noch, hier in Gerimor sollte man lernen eine Waffe zu führen, man müsste sich immer mal wehren. Ich dachte nur: Ja, red Du mal. Du bist ein Krieger, kannst kämpfen und das ist Deine Leidenschaft. Ich dagegen hatte noch nie groß mit Waffen zutun. Aber jetzt nach der Sache.. vielleicht hat er doch Recht? ...
Ich hoffe Nanielle geht's gut...

Mein Bein fühlt sich eigenartig an, es schmerzt, ist gleichsam irgendwie taub und unheimlich schwer. Aber ich versuche jetzt dennoch aufzustehen, mich zu säubern und anzuziehen. Das wird sicher ewig dauern. Im Haus ist es recht ruhig, als würden alle schlafen oder als wäre niemand da. Ich hoffe Lis ist nicht böse mit mir, dass ich gestern nicht noch einmal den Laden geöffnet hab'. Wollte ich ja eigentlich. Vielleicht hat Nanielle ihr auch Bescheid gegeben. Ich hoffe, ich kann da heute irgendwie doch noch öffnen, um die Bestellungen herauszugeben. Ansonsten vielleicht doch erst morgen wieder. Ich muss nur erst einmal aufstehen.
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V. Rückzug.
02.Ashatar 254 - früher Vormittag - Keller beim Herbergenhof

Eigentlich sollte ich nicht schreiben. Meine Stimmung ist an diesem Morgen immer noch getrübt. Das war gestern schon fast den ganzen Tageslauf so. Wie sehr solch eine Verletzung einen einschränken kann und zudem auf andere angewiesen macht, ist nicht auszuhalten. Am liebsten würde ich den gestrigen Tag komplett streichen. Erst hab ich Adrienne erschreckt, da ich in ihrem Zimmer war, ohne das sie davon eine Ahnung hatte. Zusätzlich war ihr Zimmer noch chaotisch, als sie eintrat, weil ich es einfach nicht schnell genug schaffte für Ordnung zu sorgen. Es gab einiges an hin und her wegen der Bettwäsche. Am Ende hab ich sie einfach mitgenommen. Es war ziemlich beschämend alles, obwohl sie eigentlich nett wirkte. Irgendwie hat sie sich aber auch eine Spur eigenartig verhalten, das war zumindest mein Eindruck. Ich wollte da nicht bleiben, hab' mich dann aber nicht getraut den Weg über den gestrigen Pfad zurück zu nehmen. Ein Pferd wollte sie mir auch leihen, hab ich auch abgelehnt für den Moment weil ich da schon genug Chaos angerichtet hatte und .. naja stur bin? Dann bin ich nach Adoran und hab das Schiff genommen, dass war der doppelte Weg und eigentlich ein Fehler, denn danach hatte ich noch viel mehr Schmerzen. Ich war dann nach ungefähr zwei Stundenläufen wieder beim Hof und hab mich mit Nanielle unterhalten. Ihr geht es zum Glück gut. Belius kam dann auch noch und wir haben uns ein wenig unterhalten, aber meine Stimmung war noch immer getrübt und die Schmerzen machten mir zu schaffen. Ich ging dann in den Schreinerladen, legte Lis eine Nachricht hin, damit sie Bescheid weiss. (Ich hoffe sie liest sie rechtzeitig, die Arbeit möchte ich gern behalten.)

Dann hatte ich mich ein wenig hingelegt, aber fand keinen Schlaf und bin wieder raus an die Luft. Wollte mich dann nach Bajard hinter dem Hof im Südeck verkriechen. Das ist auch eine gute Stelle zum ausruhen an der Luft, und wenn einen der Tierlärm nicht stört. Auch der Ausblick ist toll. Und es wäre nicht soweit wie die Insel oder die Hütte gewesen. Doch dann hab ich Karawyn getroffen, sie ist wirklich nett, lustig und ich finde man kann sich gut mit ihr unterhalten. Sie hat natürlich mein Unwohlsein bemerkt, da ich mich an den Zaun stützte und hat nachgefragt. Hab' ihr dann in Kurzform erzählt was passiert ist und auch das ich soviel gelaufen bin. (Manchmal erzähl ich doch wirklich zuviel!) Und sie schlug vor, das wir zu Majalin und Lucien gehen, wegen einem Schmerzmittel. Es war allerdings schon später am Abend und eigentlich war ich nicht in der Stimmung. Ich wollte es ihr ausreden, aber sie meinte, das ginge schon und sie hätte auch zwei Pferde, dann ginge das sogar noch besser. Da war ich schon überredet. Zudem hatte ich wirklich arge Schmerzen, ich wollte das Mittel schon haben, auch wenn meine Instinkte mir sagten, geh da besser nicht so spät und in dieser Stimmung hin.

Das mit den Pferden ging einigermaßen gut, auch wenn Karawyn mir helfen musste abzusteigen. Wir kamen dort ohne weitere Ereignisse an. Lucien öffnete die Tür, auf Majalin mussten wir eine Weile warten und erst hat Karawyn dann ich ein wenig erzählt, warum wir eigentlich zu Besuch gekommen waren. Und ich hab' dann ein paar Sätze zuviel gesagt. (das ich die doppelte Strecke gelaufen bin als nötig) Das Gespräch wurde dann rasch eigenartig und ich sagte lieber nicht mehr soviel. Majalin kam dann zum Glück und Lucien berichtete ihr alles was ich ihm zuviel sagte, oder tat (humpeln) und da war ich dann wirklich .. weiss auch nicht. Sauer? Entweder war ich gestern zu empfindlich oder seine Art ist sehr gewöhnungsbedürftig. Ich schätze beides. Es wirkte ein wenig triumphierend/herablassend, so, als würde er sich gern lustig machen und jemanden wie ein kleines Kind behandeln. Ich hab' nichts gesagt, das ist nicht meine Art - allerdings hab ich dann auch nichts anderes mehr groß gesagt. Warum etwas erklären was am Ende niemand wirklich versteht oder interessiert? Gut, ich war wirklich empfindlich gestern abend und hatte dann prompt bereut, da hingegangen zu sein und wollte einfach nur wieder gehen. Das konnte ich dann auch nicht mehr wirklich überspielen und bin mit wenigen Worten und dem Dank für das Mittel gegangen. Beim Verabschieden hab' ich dann in meiner noch schlechteren Stimmung etwas falsch aufgefasst, was Karawyn dann später aber richtig stellte. Klasse Abend. Ich glaub' da kann ich mich jetzt erstmal nicht mehr blicken lassen.

Das positive für den gestrigen Tag ist das Schmerzmittel. Es hilft wirklich gut. Ich konnte sogar schlafen und mich ausruhen. Vielleicht kann ich damit sogar ein wenig im Schreinerladen arbeiten. Ein wenig bitterer Nachgeschmack wegen gestern ist aber immer noch da. Ich hoffe das vergeht bald. Mir fehlt in solchen Momenten einfach Pelle oder wenigstens jemand wie Falryn, jemand vertrautes, jemand der mich ein wenig besser kennt. Ungeduld. Ich bin ja glücklich darüber das alles bisher so gut lief, und ich in den wenigen Tagen viele gute Menschen kennengelernt hab. Allein für die Begegnung mit Nanielle und der mit den Schwestern kann ich schon dankbar sein. Ich sollte einfach nicht .. mh. Es fällt mir schwer mich auf andere einzulassen und in solch Situationen oder allgemein Hilfe anzunehmen. Jedenfalls noch mehr, wenn man ein wenig angeschlagen ist. Jetzt ist das aber auch nicht mehr notwendig hoffe ich. Das Bein kann ich selbst verbinden und das Schmerzmittel hab ich auch. An meiner Empfindlichkeit und Unsicherheit muss ich auch wirklich arbeiten. Sonst verscherz' ich es mir noch mit mehr Leuten als mir lieb ist. Ich weiss nur noch nicht genau wie. Ich werd mich jetzt einfach ein wenig zurück ziehen, bis das mit dem Bein wieder in Ordnung ist. Dann geht sicherlich auch alles andere wieder viel besser. Vielleicht schaff ich es ja morgen zur Insel zu gehen und kann dann wieder üben, innere Ruhe zu finden. Grad könnt ich die nämlich wirklich gut gebrauchen.
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VI. Markt, Musik und Grenzen der Angst.
Wochenanfang - 08. Ashatar 254 - Waldhütte\Keller am Herbergenhof.

Es ist beängstigend, an einem anderen Ort aufzuwachen, als an dem, an dem man eingeschlafen ist. Meine Beine und Füße sind zerkratzt .. vermutlich bin ich nicht einmal auf den Wegen hier hergelangt. Eingeschlafen bin ich eigentlich im Keller von Nanielle in dem angenehm weichen Bett, das sie mir zur Verfügung stellt. Leider kann Tür mir nicht mit Worten sagen, wann ich hier ankam und was genau passiert ist. Aber vielleicht muss sie dies auch garnicht.

Gestern war eigentlich ein wundervoller Markttag. (Ich glaub ich sollte Worte wie eigentlich und vielleicht aus meinem Wortschatz streichen, es kommt so unglaublich oft vor und drückt Unschlüssigkeit und Unsicherheit aus.) Ich hatte den Markttag ganz vergessen, war zuviel mit anderen Dingen beschäftigt, als dass ich darüber groß nachdachte. Nanielle nahm mich dann mit dorthin. Es wurde im Laufe der Zeit immer voller in dem Fischerdorf und ich wusste in dem ganzen Trubel nicht so recht wohin mit mir. Ich liebe Markttage und ich mag es soviele Menschen zu sehen und beobachten zu können, doch steigt die Unsicherheit bei solchen Massen.

Einem der Marktstandleute, Lairja Scherenbrueck ihr Name - bot ich an, ihr zur Hand zu gehen, so sie denn Hilfe benötigte. Auf solch' Marktfesten kann man sich immer gut einige Münzen dazu verdienen. Doch obwohl sie sagte, sie könnte meine Hilfe später gebrauchen, kam da nichts mehr von ihr. Da ich aber darauf wartete, dass sie mich alsbald zur Hilfe rief, blieb ich in der Nähe des Standes. Sonst waren auch nicht viel Stände da, also hab ich mich mit meiner Laute etwas abseits auf einer der Bänke vor dem Handwerkshaus gesetzt und angefangen beruhigende und fröhlich-klingende Melodien zu spielen. Gesungen hab ich natürlich nicht, das hab' ich mich bei der Menschenmenge nicht getraut, nur ein wenig mitgesummt. Das wurd sicherlich kaum gehört.

Viele Leute kamen vorbei. Einige gaben mir auch Münzen, oder Speisen für mein Spiel, das hat mich wirklich gefreut. Einer von ihnen, ein Mann ungefähr um die 30, ich weiss leider seinen Namen nicht (ich hätte einfach fragen sollen..) gab mir einen größeren Beutel mit Münzen und bat mich darum, über den Marktplatz zu gehen und dabei zu musizieren. Er wünschte sich weiterhin beruhigende und fröhliche Melodien und sagte, er würde mich dabei beobachten und gucken wie gut ich mich anstelle. Ich war erst unsicher, eigentlich trau ich mich sowas nicht.

Ein Blick in den Beutel und meine Unsicherheit schwand ein wenig. Es waren recht viele Münzen und da muss man sich dann auch nicht mehr so sehr anstellen. Ich sagte noch, dass ich nur Laute spielen werd und er keinen Gesang von mir erwarten sollte. Als Antwort daraufhin meinte er lediglich, dass er das mir überlassen würde. Eigentlich könnte man so im nachhinein auch denken, dass er mich da nur weghaben wollte aus dem Eck. Aber warum? - Na .. ich gehe lieber immer vom Guten aus. Also hat er vermutlich nur weiterhin gute Stimmung auf dem Marktplatz gewünscht. Ich nahm die Münzen an mich und begann wieder eine fröhliche wohlklingende Melodie auf meiner Laute zu spielen und ging durch die Menschenmengen. Ich war natürlich nervös, aber das hab' ich mit einem Lächeln versucht zu überspielen und ich hoffe so hat niemand meine Unsicherheit gemerkt. Ab und an blieb ich sogar stehen und hab vor kleineren Gruppen direkt gespielt.

Dann rief mich Aniviel zu ihrem Tisch. Sie saß dort mit einigen Leuten und unterhielt sich. Also ging ich weiter spielend in die Richtung des Tisches. Tarik saß dort und Ashtar, und ein paar andere mit der Zeit. Ich glaube Aniviel hat in der wenigen Zeit, in der sie hier auf Gerimor ist, viel mehr Leute kennengelernt als ich in der gesamten ganzen Zeit. Das Schöne daran ist, sie hat mir immer prompt alle vorgestellt. Keine Spur von Unsicherheit zeigt diese junge Frau und ich fand sie bei der ersten Begegnung ein wenig anstrengend, weil sie nur in Rätseln gesprochen hatte und ich dafür keine Geduld besaß an diesem Tage. (oder sonst irgendwann?) Doch gestern, da fand ich sie einfach toll. Wir haben zusammen musiziert, ganz spontan. Ich bat sie zu singen und sie sang einfach wundervoll zu den Klanglauten meines Instrumentes.
Das haben wir eine Weile gemacht und unsere Zuschauer fanden uns ziemlich gut. Uns wurde gesagt wir seien besser als das Nachtvolk, aber dazu kann ich nichts sagen, da ich dieses Volk nicht kenne. Es war wirklich lustig. Uns wurde dann noch Bratwurst und Bier ausgegeben von den Herren und wir saßen nett beisammen und unterhielten uns lange.

Den Mann, der mir den Auftrag gegeben hatte über den Marktplatz zu wandern und für Stimmung zu sorgen, sah ich nur noch einmal kurz bei der Menge, als der Trubel der Streithähne weiter nördlich begann. Bei sovielen Gesichtern wie gestern, weiss ich garnicht ob ich ihn wiedererkennen werde wenn ich ihn sehe. Aber ich würd schon gern seinen Namen erfahren.
Lucien war gestern auch kurz beim Fest. Ich hatte ihn beobachtet, wie er mit den Markstandsleuten sprach und ich hab' mich nicht getraut auf ihn zuzugehen und ihn um Verzeihung für den letzten misslungenen Abend zu bitten. Dann ging er weg, und ich dachte schon: Schade Gelegenheit vertan. Doch er kam zurück. Und dann, als er fertig war, und ich schon wieder mit dem Musizieren begonnen hatte, nach der Mahlzeit, kam er zu mir, stellte sich neben mir hin und sprach mich an. Zum Glück ist er nicht nachtragend. Er hat ein wenig erklärt, warum er sich so verhalten hat und ich hab mich entschuldigt für mein Verhalten. Alles geklärt. Welch Glück. So muss ich mir darum keine Gedanken mehr machen und hoffe es läuft dann wieder gut zwischen uns und ich kann ihn und Majalin besser kennenlernen.

Ich muss an die Schmerztropfen von Majalin denken, denn meine Beine schmerzen ein wenig. Eigentlich ist es mehr ein nerviges Brennen. Ich frag mich wirklich, welchen Weg ich in der letzten Nacht hier hergenommen habe. Quer durchs Gestrüpp? Ich denke lieber nicht darüber nach, was alles auf dem Weg hier her hätte passieren können. Wenn das weiter so geht, kann ich mich wohl wirklich bald daran gewöhnen Blut zu sehen. Ich hab alles gereinigt und mir wurd nur ein bisschen übel. Aber es waren auch nur wenige Tropfen hier und da, die ich mit den Tüchern einfach wegwischen konnte.

Es fällt mir heute schwer mich zu konzentrieren. Ich bin noch immer müde .. und vielleicht hätte ich gestern nur ein Bier trinken sollen, keine zwei. Ich weiss auch nicht genau, ob ich jetzt weiter schreiben soll. Über die Dinge die sonst oder gestern noch so gewesen sind. Eigentlich möchte ich nicht darüber nachdenken.

Ich hab' aber immer noch soviele Worte von gestern im Kopf. Von dem Gespräch, das ich später allein mit Ashtar führte und tiefe Unruhe plagt auch noch am heutigen Tag meine Seele. Ich wollte die Hütte nach dem Aufwachen verlassen, aber Tür hat mir nicht geöffnet. Ich glaub sie merkt das es mir nicht so gut geht. Also sitze ich hier und schreibe. Ich mache mir wirklich über alles viele Gedanken. Ich hab' sogar darüber nachgedacht wieso ich schreibe. Ich meine, das hab' ich bevor ich herkam nicht gemacht. Aber da hatte ich auch Pelle und Falryn. Vorallendingen Pelle. Bisher hab' ich eigentlich überwiegend nur mit Pelle über mich gesprochen und selbst da nicht einmal alles. Dennoch ist es der einzige Mensch, der bisher mein größtes Vertrauen gewann. Hier schreibe ich nun, weil ich niemandem vertraue? Ich könnte alles Tür erzählen. Sie würd genauso wenig antworten wie Pelle oder dieses Buch. So würde jemand zuhören, der meine Gedanken an niemanden weitergibt, oder mich verurteilt und beeinflusst. Was für ein Unsinn ich hier schreibe nur damit ich nicht .. über das schreibe, was mich gerade wirklich belastet.

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Lameriast. Lameriast. Lameriast. - Ein Wort, soviel Angst. Wenn jemand dieses Wort ausspricht, fühlt es sich für einen Moment so an, als bliebe mein Herz stehen, als würde es starr vor Angst werden. Dann beginnt es zu rasen, als wäre es auf der Flucht vor weiteren Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Ich hab' mein Ziel vollkommen vergessen. Und jedesmal wenn jemand diese Insel beim Namen nennt, werde ich daran erinnert, weshalb ich eigentlich herkam. Um beide Inseln zu finden. Eine fand ich .. und sie ist mit soviel wundervollen Gefühlen verknüpft. Die andere .. bei ihr ist es das genaue Gegenteil. Es fällt mir nicht einmal leicht darüber zu schreiben. Wie soll ich dann darüber reden, oder der Insel begegnen?

Und gestern, ich schäme mich wirklich dafür, hab' ich ein wenig erzählt. Erst wollte ich nur einige Dinge über Lameriast wissen, denn Ashtar erzählte das er dort lebt. Und ich dachte nur, wie kann man auf dieser Insel leben. Dabei kenne ich sie nicht einmal wirklich. Ashtar dachte ich verurteile ihn auch, weil er dort lebt. Hab' ich im Grunde genommen auch, nur aus .. ganz anderen Gründen als er angenommen hatte. Ich hatte meine Emotionen nicht im Griff. Er beschrieb sie. Die Insel. Und alles was er sagte, passt zu den Erinnerungen die ich habe. Irgendwann konnte ich nicht mehr richtig zuhören. Das Gespräch von gestern, ist somit nicht gänzlich in meinen Erinnerungen haften geblieben.

Ich kann diese Angst nicht abstellen, wenn ich an die Insel Lameriast denke. Lähmende Angst. Ashtar weiss nun, dass es dort etwas gibt, das mir Angst bereitet und er weiss, dass.. es eigentlich das Ziel meiner Ankunft auf Gerimor war, diese Insel zu sehen. Er hält diese Aufgabe für wichtig, um meine Bestimmung und meinen weiteren Weg für mich zu finden. Seine Worte bringen mich zu immer mehr Gedanken und mein Kopf ist jetzt schon so voll damit. Ich weiss auch nicht warum ich ihm all das erzählt habe. Ich wünschte, ich hätte es nicht getan. Er sagte meine Seele bräuchte diese Aussprache über diese Ereignisse. Und ich sollte darüber reden, wenn nicht mit ihm, dann mit jemand anderem. Und ich sollte ihn unabhängig von Ängsten und Gedanken auf der Insel besuchen, und an nichts anderes denken, als an diesen Besuch.

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Eine gute Idee, aber nicht umsetzbar für mich. Mir macht allein schon der Gedanke Angst, den Hafen und Steg von Lameriast zu sehen. Der letzte Anblick... - nein, das geht nicht. Vielleicht mit Pelle an meiner Seite, aber selbst da bin ich mir nicht sicher. Er weiss aber wie er mich auffangen kann wenn ich falle. Ich möchte nur nicht fallen. Ich weiss auch, dass ich nicht mein ganzes Leben von einer Person abhängig machen kann, die im Moment nicht bei mir ist. Ja, auch das weiss ich. Sonst hätte ich diese Reise wohl nie begonnen. Ich gebe mir einfach noch Zeit, und hoffe, dass ich diese auch habe.

Diese Unruhe hat mich sicherlich im Schlaf wieder hinaus in die Nacht und hier her getrieben. Und vielleicht ist es wirklich besser, wenn ich mich weiterhin auf die guten Dinge die hier passieren besinne, als mich mit Vergangenem auseinander zu setzen. Ich vergesse das lieber wieder, denn das sind noch Grenzen die ich derzeit nicht schaffe zu überwinden. Das klingt ziemlich feige.


Ortswechsel. Keller vom Herbergenhof.

Hatte nach den letzten Zeilen, ein wenig die Lust verloren weiter zu schreiben und hab' dann nochmal die Schrammen an Beinen und Füßen gesäubert und gekühlt. Dann bin ich nach Bajard gegangen. Es bedurfte einiger Überredungskunst und einem Versprechen, dass Tür mich wieder gehen liess. Ich wollte nachsehen ob ich wieder irgendetwas hier im Keller oder am Hof demoliert habe, während meiner Nachtwanderung. Aber zum Glück ist alles heil. Ausserdem wollte ich ein paar von den Schmerztropfen haben. Die wirken inzwischen auch und ich kühle noch ein wenig mein Bein. Die Fäden hab ich gestern selbst entfernt. Ashtar war entsetzt darüber und wollte es sich eigentlich ansehen. Aber ich konnte das vermeiden. Ich hab' mich ja auch schon drum gekümmert und abgesehen von der Blutsache stelle ich mich auch nicht so an. Die Schrammen sind leider gut sichtbar an den Beinen also heisst es heut wohl Stiefel anziehen oder zumindest Sandalen.

Vielleicht treffe ich heut ja mal Lis wieder an, wäre schön. Ich hatte den Laden in den letzten Tagen auf aber Kundschaft kam nicht groß. Nur eine Kundin die eigentlich Sachen von einem Feinschmied brauchte und Seija kam mich dort besuchen. Seija mag ich auch wirklich gern, fast so wie Nanielle und Cara. Mit Cara hab ich auch einige Abende verbracht und wir haben uns besser kennengelernt und viel unterhalten. Ich mag sie wirklich gern. Auch Seija ist wirklich .. lustig. Alles was und vorallendigen wie sie es sagt, ist wirklich erheiternd. Schweine! - wie sehr sie sich über diese Tiere aufregen kann, ist einzigartig. Ich schreibe viel lieber über solche Dinge und ich hoffe davon wird in Zukunft noch einiges mehr kommen. Gleich werd' ich ein wenig schauen ob ich Nanielle helfen oder ein wenig aufmuntern kann. Mein Gefühl sagt mir, dass es ihr nicht so gut geht wie sonst, aber ich weiss den Grund nicht. Und dann geh ich wohl nach Bajard, arbeiten oder dergleichen. Aufjedenfall irgendetwas, was von mir selbst ablenkt.
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VII. Ein schwacher Moment.
17. Ashatar 254 - Ein Waldstück zur Nachmittagszeit.

Friede. Eine freie Orientierungswahl der eigenen Existenz doch nie ohne Kampf. Licht und Schatten auf meinen Wegen. So wird es gewünscht und Schatten herrscht derzeit voran des Lichts. Achten muss ich auf mich, dass er nicht beständig überwiegt. Wie gut ich die Kraft der Worte in diesen letzten Momenten und Tagen spüren durfte. So fällt es schwer, ein gutes Bild von der Welt zu behalten und die wenige Kraft die übrig bleibt gut einzuteilen. Reserven. Meine sind noch lange nicht erschöpft, und dennoch hat die Fremdheit der einzigartigen Augenblicke mich zurück geworfen. Keine Wahl. So könnte meine Ausrede erklingen. Doch ist es ein wenig die Angst und daraus resultierende Trägheit die mich hält. Viel Neues und Unbekanntes, was meine Seele verarbeiten muss und doch kommt sie nicht hinterher, weil soviel geschieht. Ich dachte, nein hatte es erhofft, meinen Weg nun gefunden zu haben ohne mich neuorientieren zu müssen. Eigentlich ist diese Hoffnung nie Zukunft. Alles bleibt im Wandel und Zeit ist nichts, das wir finden und behalten. Jeder Moment vergeht. Das allein kann Hoffnung und Bedauern sein, je nach erlebtem Augenblick.

Ich rede heute so, weil ich nicht viel Gutes aus der letzten Zeit berichten kann. Soviel ist geschehen und noch braucht meine Seele ein wenig Ruhe. So galt es andere zu schützen, und Freunde aufzumuntern, und gleichsam schaffte ich dies in den letzten Tagen nicht bei mir selbst. In einer Nacht fühlte ich mich so verloren wie damals, als ich Pelle noch nicht kannte und für mich allein auf dieser Welt war, nicht wusste wohin mit mir. Ich hatte immer gehofft, dass dies nie wieder passieren würde. Heute weiss ich, das ich auf vieles vorbereitet sein muss, aber nicht auf alles vorbereitet sein kann. Doch das was mir möglich ist versuche ich zu erreichen. Erste Patientenbegegnungen samt Majalin und Cara hatte ich auch bereits. Es ist schwer mit all den Erfahrungen und Eindrücken umzugehen. Doch gleichsam notwendig und am Ende mehr als lehrreich. Anderen etwas Gutes geben zu können hat viel Wert. Und schon immer war es mir ein Bedürfnis dies so zu leben. Die Gesundheit ist eines der wichtigsten Angelegenheiten für jedes Wesen dieser Welt. Nichts besseres könnte man geben.

Ich besinne mich auf das Gute das bleibt, auf das, was in den derzeitigen Momenten existent ist. Auch wenn mir dies in den letzten Tagen schwerfiel, wird es nun wieder Zeit dafür. Einfach die Angst fortschicken... Vermutlich darf ich mir bald eine neue Bleibe suchen und wenn es so weitergeht auch einen neuen Arbeitsplatz. Die Arbeit bei Lis ist gut, dennoch bleiben immer noch die Kunden aus. Vielleicht weil sie selbst im Moment so wenig da ist, oder wegen dem beständigen Ärger in diesem Dorf, das selbst mir nach so kurzer Zeit schon mehr als leid ist. Ich frage mich, wie die Menschen die hier im Fischerdorf schon solange leben, all den Ärger noch ertragen können. Vielleicht gewöhnt man sich mit der Zeit daran? Ich sollte mal nachfragen, denn ich kann es mir nicht vorstellen. Ich hab noch immer dieses .. Letharengesicht vor Augen und die Larve.. Und die Fratzen der Rabendiener .. ebenso das Gefühl als mir das Gift zusetzte. Und vieles mehr, was ich aber weder erwähnen, noch darüber nachdenken möchte. Angst ist lähmend, das kann ich nicht gebrauchen.

Es fällt schwer, sich frei zu orientieren, wenn die Angst der Menschen mich beeinflusst und ich mich anders verhalte als üblich. Aber das war vielleicht nur ein schwacher Moment. Einer von vielen in den letzten Tagen. Was mich ärgert ist, dass diese schwachen Momente nicht für mich blieben. Einige Leute bekamen dies mit, es ist beschämend und ich weiss nicht genau wie ich damit umgehen kann. Heute kann ich zumindest wieder ein wenig schreiben. Also geht es mir besser. Friedvoll ist meine Seele noch nicht wieder und ein wenig mehr Licht könnte sie vertragen. Doch Gutes zu finden ist derzeit nicht so leicht, wenn man ständig Unruhen und den Schatten begegnet. Eine schwache Episode derzeit, mehr nicht. Wenn man diesen Dingen mehr Herzblut widmet, geht die Seele ein. Also voran blicken und vergessen. Majalin sagte vergessen ist nicht richtig. Doch was bleibt, wenn ich nicht rede und nicht darüber nachdenken möchte?

Friede ist auch ein bisschen von allem zu vergessen. - Es muss weitergehen, wenn ich ständig an all die unschönen Dinge denke, die geschehen sind, komme ich auch nicht weiter. Und keiner kann ständig bei mir sein und mich beschützen, auch wenn ich mir dies derzeit sehr wünschen würde. Ich hab' es einfach ein wenig verlernt, mich auf mich zu besinnen und meinen Instinkten zu vertrauen. Ich hab' sonst eher Pelle alles regeln lassen für mich und jetzt bin ich wieder an der Reihe. Auch wenn ich mich weiterhin noch sträuben möchte.

Ich lerne soviel derzeit, die Ausbildung, die Dinge der Schwesternschaft, der Umgang mit fremden Augenblicken und Gefahren, und viel über mich selbst. Geduld ist keine meiner Stärken. Etwas das mich zurückholt in die Wirklichkeit und mich an meine Grenzen bringt. Wenn ich mir meine Ungeduld vor Augen führe, und weiss, dass ich mir einfach die Zeit geben sollte, die ich im Moment für all die Dinge brauche, werde ich auch schaffen und erreichen was ich mir vorgenommen habe. Die Mühen des Weges und die Strebsamkeit der Seele wären sicherlich alsbald vergessen, wenn das Ziel allzuleicht erreichbar wäre.
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VIII. Dritter Mondlauf.
28. Searum 254 - Früher Abend im Inselhaus.

Lange habe ich keine Zeilen mehr verfasst, um einerseits nicht nachdenken zu müssen, über die Dinge die mich hätten ablenken können und andererseits weil ich einfach viel zu erledigen hatte. Viel erledigen heisst auch viel erleben. Heut' gönne ich mir den ganzen Tag Ruhe. Kein Lernen, kein Arbeiten, kein einmischen, keine Gespräche, kein Nichts. Einfach nur wohltuende Ruhe. Natürlich brauche ich dennoch eine Beschäftigung also schreibe ich ein bisschen. Der letzte Abend war recht gefährlich und noch immer spüre ich die Aufregung in mir. Der Auftrag der mir galt, war eigentlich einfach. Nur wenn sie mich erwischt hätten, wäre dies mein Ende gewesen.

Ich hatte wirklich viel Glück. Und ich bin dankbar das Medren in diesem Moment bei mir war. Ohne ihn hätte es länger gedauert und ich wäre vielleicht nicht unbeschadet davon gekommen. Das diese Zusammenarbeit so reibungslos lief, trotz der letzten Ereignisse und dem Misstrauen der Brüder uns gegenüber, hat mich wirklich gefreut. (Und nicht nur weil wir das überlebt haben) Ein wenig mehr Sicht in all diese Dinge und gleich lenkt es die Gedanken wieder um. Ich hatte vor einer Weile einen Fehler begangen, natürlich unbedacht, wie die meisten Fehler geschehen, und Misstrauen entstand. Ich hoffe das ist bald wieder ausgeräumt. Ein Gespräch diesbezüglich steht noch offen. Ich habe es nicht eilig damit, vermutlich wird es rasch geklärt sein.

Arbeit und Unterkunft hatte ich zwischenzeitlich, dann wieder verloren, oder nur kleinere Aufträge bekommen. Inzwischen schlafe ich meist nur an den mir wertvollen Orten oder hier. In der übrigen Zeit die mir neben all den wichtigen Dingen blieb, habe ich viel mehr über Alchemie und Kräuterkunde lernen können. Überwiegend im Selbststudium, aber auch durch Hilfe der Schwestern. Auch damit lässt sich schon ein wenig verdienen, also muss ich mir darum auch keine Sorgen machen. Derzeit gibt es nur eine Sache die mir Sorge bereitet und dank der Ausbildung und den vielen Auftragsarbeiten konnte ich dies zum Großteil von mir fortschieben. Ich weiss das es sich nicht mehr allzulange aufschieben lässt.. - aber hoffentlich eine Weile noch.

Ich bin zu verschlossen wird mir oft gesagt, dabei möchte ich garnich so wirken. Aber alles was ansatzweise die Thematik die mir Sorge bereitet betrifft, lähmt mich irgendwie. Und ich habe schon lernen müssen, das diese Schwächen ausgenutzt werden können. Einige weitere Menschen sind in der Zwischenzeit in mein Leben getreten, die ich recht gern mag und ich hoffe es verliert sich nicht wieder wie bei einigen anderen zuvor.

Ich freue mich das Bajard befreit werden konnte. Was ich dafür alles getan habe, gehörte zu den vorrangigen Aufgaben in der letzten Zeit und wird wohl ausser uns niemand groß bemerkt haben. Ich hoffe dies zumindest. Auch wenn es recht ermüdend war zum Teil, hat unsere Hilfe dazu beigetragen das dies geschah und viel weniger Menschen ihren Tod fanden. Das Ritual dazu bleibt unvergesslich in mir. Im Geist, im Herz. Ich habe soetwas noch nie erlebt und ich habe mich leiten lassen von den Schwestern, von Yora und all den anderen.

All die Klänge und Kräfte der Elemente haben mich wirklich arg berührt und an mir gezerrt. Doch auch ich wollte nicht loslassen. Zum Schreck der anderen. Wenn ich darüber nachdenke, fühle ich irgendwie keine Angst. Mir schmerzt jetzt noch die Hand von Yora's Griff. Thyrenhände sind kräftig .. auch von ihren Frauen. (Oder gerade von ihnen?) Auch ist mir inzwischen bewusst, das dies recht gefährlich und unbedacht von mir war, doch die Klänge des Nordens und das Element des Windes fühlten sich irgendwie vertraut an.

Dieses Gefühl richtig in Worte fassen werde ich wohl nie können, doch es fühlt sich an, als würde ich schon immer danach gesucht haben, ohne dies zu wissen und bin nun endlich dort angekommen. Ich weiss nicht, ob es noch die Nachwirkungen dessen sind, aber neben dem Glücksgefühl und der Reinheit, habe ich das Gefühl das noch etwas anderes dazu gekommen ist, etwas das ich nicht genau definieren kann. Etwas das nicht zu mir gehört. Ich weiss das das verrückt klingt, aber wenn ich die letzten zwei Mondläufe betrachte, die ich inzwischen hier bin, ist einiges verrücktes passiert. Mehr noch, als in meinem gesamten Leben zuvor. Nun hat mein dritter Mondlauf hier begonnen und mit Neugierde und Zuversicht gehe ich weiter in die Zukunft.
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IX. Klänge der Schöpfung.
30. Searum 254 - kurz vor Sonnenaufgang am Ostmeer

Die Klänge, die die Welt umgeben und formen, sie zu hören, und zu spüren ist mein derzeitiges allgegenwärtiges Verlangen. Die alltäglichen Gänge in die Natur und die Beobachtung der Fauna und Flora hat an unendlich vielen Facetten von Klängen, Düften, Farben, Bewegungen, und Gefühlen zugenommen. Die mich einerseits verwirren, aber auch erfreuen. Wind - wie sehr ich ihn festhalten wollte beim letzten Ritual. Aber weshalb? Die Frage beschäftigt mich inzwischen doch ein wenig mehr, als ich mir zugestehen wollte. Eigentlich ist er immer in meiner unmittelbaren Umgebung, wie alle Elemente. Doch weniger spürbar, sichtbar und mit weniger bekannten Erlebnissen verbunden wie bei den anderen Elementen. Unscheinbar doch immer präsent. Noch am gestrigen Abend wollte ich wieder mehr spüren. Dieses Spüren ist es, was mich fesselt. Ich habe überlegt, wie ich wieder vermehrt diese Klänge des Liedes spüren kann, mich darin ein wenig besser orientieren kann, ohne die Kontrolle erneut zu verlieren. Ungeduldig wie ich bin, habe ich dann ohne weiter zu überlegen begonnen, mich auf meine Umgebung zu konzentrieren. Kontrolliertes Atmen und meditative Konzentration war ein Anfang.

Die Klänge zu hören, und zu spüren für wenige Momente ist etwas, das ich inzwischen beherrsche. Doch sie länger zu sehen, zu halten, sie zu formen ist etwas das noch recht viel Kraft und vorallem Geduld braucht. Meine eigenen Klänge im Lied der Allmutter habe ich auch versucht zu vernehmen. Ein wenig sträubt sich da allerdings etwas in mir und es mag auch noch nicht so recht gelingen. Doch was ich permanent bei all den Dingen fühle, ist unendliche und herzergreifende Dankbarkeit Eluive gegenüber. Ich bin dankbar ein Teil derer sein zu dürfen, die die Welt mit all ihren Sinnen erleben können. Dankbar dafür, das ich die Gabe erhalten durfte, die Schöpfung Eluive's in ihrer Gesamtheit zu hören, zu spüren und zu verändern. Ich kann nicht in Worte fassen wie wundervoll all dies für mich ist. Die Verantwortung die all dies beinhaltet, bereitet mir noch ein wenig Sorge. Aber durch diese Erlebnisse wird meine Angst und meine Unsicherheit auf bisher einfache, weltliche Dinge bereits ein wenig kleiner. Nicht nur ich vermag nun die Klänge verändern zu dürfen, auch mich ändern sie ein wenig, je mehr ich erlebe.

Ich habe da gleich dieses Lied im Kopf, das mir meine Ma oft vorgesungen hatte, Ich habe es einfach Schöpferinnenlied getauft, denn der Name ist mir nicht bekannt und auch niemand anderes kannte das Lied bisher. Also habe ich in meinem bisherigen Leben versucht, jede Zeile aufzuschreiben die mir einfiel. Ich weiss das das Lied auch jetzt noch nicht vollständig ist und auch leicht von mir abgeändert wurde damit es richtige Liedverse sind. So ist es ein wenig mein eigenes Lied geworden und verwoben mit einem Teil meiner Vergangenheit. Schon immer habe ich dieses Lied gern gesungen, doch wenn ich es jetzt singe, spüre ich gleichsam die Dankbarkeit in mir und singe es mit noch mehr Gefühl als bisher. Natürlich nicht vor anderen ... da ist die Unsicherheit noch ausreichend vorhanden. - Es ist ein Ausdruck meiner persönlichen Dankbarkeit Eluive gegenüber geworden, neben den Taten die ich bereits im Schwesternkreise miterleben durfte und noch miterleben darf, um in Eluive's Sinne die Welt zu verändern.

Die Sonne geht in diesem Moment auf, und erhellt freundlich grüßend den Tag. Recht warm wird sie werden, so hell wie sie schon in diesem Moment ist und auch Wolken sind keine zu sehen. Dies ist auch ein Moment den ich sehr geniesse und ja, es lohnt sich dafür aufgeblieben zu sein. Ich habe wieder sehr viel erlebt in den letzten Stunden und Dinge gesehen und erlebt, die ich noch nie zuvor sah. Recht viele Eindrücke brachte mir der Tag also, über die ich noch länger nachdenken kann. Und wenn ich sehe, wie andere die Klänge des Liedes oder ihre eigenen Klangstrukturen verändern, sich also verwandeln, kann ich immer nur staunen. Die Jagd gestern mit einem der Brüder und dem Waldgeist war eine recht neue Erfahrung für mich. Solche Kreaturen, deren Klänge alles andere als einfach zu vernehmen sind, sind schon erschreckend. Doch ich habe ihnen beiden vertraut. Ich schenke nicht schnell Vertrauen, doch bei den beiden habe ich mich recht sicher gefühlt. Meine Neugierde obsiegt am Ende eh meist, warum also dagegen wehren? Und wer darf schon erleben, daß ein Priester ein Schluck Wasser von einem Menschen trinkt? Das war wirklich witzig. Für ihn wohl nicht so .. aber ich muss immer noch Grinsen wenn ich daran denke.

Den restlichen Abend habe ich dann noch in weiterer Gesellschaft verbracht. Vielleicht hätte ich Herrn Graulist doch nicht so austricksen sollen. Das ich heimlich verschwand, war für mich instinktiv das Richtige. Vielleicht hätte er weitere bezaubernde Worte gefunden zum heutigen Sonnenaufgang. Das Gesangsduell gestern hat mir recht gut gefallen, noch nie habe ich soetwas erleben dürfen. Und so, wie Graulist mit Worten malen kann, so musste er der Sieger sein. Auch wenn ich alldies danach nicht wollte. Seine Rufe habe ich noch vernommen, ich hoffe, das da nicht noch etwas nachträgliches geschieht, das macht mir ein wenig Angst. Doch von Musik versteht er viel. Da kann man von ihm noch viel in dieser Hinsicht lernen. Schade das er so zerstreut ist. Ardan wird mir nicht böse darum sein, dass ich ihn nicht wählte, das weiss ich. Ich mag es recht gern, ihn oder andere singen zu hören, das könnte ich wirklich stundenlang tun. Ich glaube er hatte auch recht viel Freude daran, in dieser Nacht solch ein unerwartetes Duell um meine Gunst zu führen. Musik erhellt das Leben. Das der Anderen und auch meines. Jetzt, da soviel neue Klänge der Schöpfung dazu gekommen sind und noch hinzu kommen werden, kann es mir in Zukunft nur noch besser gehen.
Zuletzt geändert von Gast am Samstag 1. Oktober 2011, 05:33, insgesamt 1-mal geändert.
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X. Sehnsucht.
01. Goldblatt 254 - später Abend, irgendwo Nähe Bajard.

Unvollkommenheit spüre ich heut' und Sehnsucht. Vertraute Gesten fehlen. Ein Stück des Glücks fehlt mir und ich kann in diesem Moment nicht aufhören daran zu denken. Also besinne ich mich auf meine Musik, mein Instrument und doch hilft es auch zu dieser Stunde nur wenig. Es gibt soviele Menschen, doch hilft es nicht, wenn das, was einen selbst umgibt, nicht ausreicht. Wenn das, was vermisst wird, verloren ist. Die Frage ist, ob dies mich hindert, solch Vertrautheit wieder zu finden. Ob ich mich klammere an das was fehlt, anstatt zu sehen, was mich umgibt oder vielleicht wartet. Einen Fehler habe ich fast begangen deshalb. Mich in andere Gelegenheiten begeben, die tröstend sind. Und irgendwie hat es sich für wenige Augenblicke richtig angefühlt. Doch jetzt, jetzt weiss ich das es ein Fehler war. Projektion, mehr nicht. Traurig stimmt es mich dennoch.

Ich würde gern irgendetwas verrücktes anstellen, jetzt gleich. So wirklich verrückt, ein wenig gefährlich vielleicht und doch nicht allzu bösartig. So wie damals oft mit ihnen. Purer Nervenkitzel. Wie ich das vermisse. Aber so bin ich wohl nicht? Jedenfalls allein nicht? Ich könnte eigentlich alles sein oder tun, wer wird es merken? Vielleicht fehlt mir dafür die Fantasie, der Mut oder ich bin einfach zu freundlich. Einfacher wäre es mit jemandem an meiner Seite, so wie in Erlwald oder den Städten davor. Das würde mir eigentlich schon ausreichen. Dann bin ich vollkommener, traue mich mehr. Ist das nicht eigenartig? Ich versuche das wirklich zu ändern. Dann ist es wieder die Frage, ob ich das nur mache, weil ich diese Dinge vermisse und die Leute dazu. Ich habe S. gesehen. So dreist zu sein widerstrebt mir. Aber ein wenig davon, nur ein klein bisschen wäre mir durchaus recht. Vielleicht auch ein bisschen mehr. Ich bin Hinterherläufer. Ich möchte das nicht sein. Kopfleere. Wenn ich daran denke was ich einmal verrücktes anstellen könnte. Nur ein wenig was, das mir zeigt: Du bist nicht auf andere angewiesen um dich etwas zu trauen. Trotzdem wäre es natürlich schöner mit jemanden dabei. Vorher hatte ich nur nichts zu verlieren. Ich konnte einfach weiter. Aber dieser Ort und die Verbundenheit zur Insel, macht einen doch auch etwas vorsichtiger.

Falryn, Pelle und den anderen, wären hier sicherlich viele verrückte Dinge eingefallen. Ich hätte sie eher abhalten müssen zuviel zu machen. Das ist es was ich vermisse. Diese Vertrautheit, dieses aufeinander achten, gemeinsame Taten. Ich weiss, dass ich nach zwei Mondläufen nicht allzu hohe Erwartungen haben sollte, es braucht seine Zeit. Doch irgendwie hat schon jeder 'seinen Kreis' und ich fühle mich noch immer fremd, egal wo. Die Frage ist nur liegt es an mir, meiner Ungeduld oder der Sehnsucht nach 'meinen Leuten', oder ist es wirklich so verzwickt wie es sich anfühlt.

Meine Schwestern helfen natürlich, doch auch sie haben ihre eigene Familie, eigene Freunde, Häuser, und Gegebenheiten. K. ist recht verrückt. Eigentlich sind hier recht viele ein wenig Banane. (die Menekaner auch zum Teil, wie passend bei dem Obst) Oder die Letharen mit ihren Knusperaugäpfeln oder Larven. All das macht sie individuell. Etwas das ich mag. Nur ich, ich muss mich noch finden. Muss erkennen, wer ich wirklich bin. Mich erleben und einleben. Doch das braucht soviel Zeit. Und die Sehnsucht nach solchen Dingen macht mir mein Herz ein wenig schwer. Vielleicht auch mehr als ein wenig. Vielleicht fällt mir doch noch irgendetwas verrücktes ein, dass ich anstellen könnte. Zur Ablenkung. Jetzt gleich. Oder wenigstens morgen.

Heute waren hier Drachen, ich habe leider nur die Reste gesehen von einem der tot am Boden lag. Gern hätte ich ihn noch lebendig gesehen. So groß wirkte er garnicht, oder er war schon zusehr angekokelt und zerstückelt. Ich weiss nicht wie ich jetzt darauf komme, verrückt ist es ja nicht einen Drachen zu sehen. Die Musen zu sehen, die mir die Ideen bringen, wäre mal etwas. Die, die mich inspirieren. Wie bei meiner Musik. Und dann können sie mir zeigen, was ich alles so machen könnte, sollte .. Nur wäre es wieder etwas, das mir jemand zeigt und mich damit ein bisschen lenkt. Aber dafür sind Musen ja da. Ob es auch welche gibt, die einem verrückte Dinge in den Kopf setzen? Vielleicht sollte ich mal die anderen Schwestern fragen, ob sie wissen, oder glauben, dass es Musen wirklich gibt. Schön wäre es jedenfalls wenn es sie wirklich gäbe und sie mich, von meiner Sehnsucht nach ein wenig mehr von allem, ablenken.
Zuletzt geändert von Gast am Sonntag 2. Oktober 2011, 01:09, insgesamt 1-mal geändert.
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XI. Neu gewonnene Zukunft.
11. Goldblatt 254 - Früher Morgen, nach dem Sonnenaufgang und in sicherer Umgebung.

Wie oft bin ich davon gelaufen, ohne zu merken, mich und meine Freiheit unterwegs Stück für Stück verloren zu haben? Eine Frage die mich seit dem Überfall beschäftigt. Weglaufen. Flucht. - So vertraut es ist, hier, bei dieser Angelegenheit, fühlt es sich falsch an. Mein Leben war in Gefahr für eine Nacht und ich spüre noch immer diese Angst in mir. Und doch erfahre ich auch aufkeimende Veränderungen. Gelernt habe ich in solchen oder nach solchen Situationen, Ruhe zu bewahren, mir sagen zu lassen, wie es weitergeht. Zu vergessen. Mein Leben in seiner Hand. Doch diese Hand ist nicht da und eine Flucht nicht mehr möglich. Es würde nur alles von vorn beginnen. Nicht willens. Sagt man das so? Ich will dieses Mal nicht flüchten. An meiner Seite sind nun viele Hände, die mich durch diese schwierige Zeit hindurchtragen, mitziehen, halten .. Die wichtigste Hand dessen sollte aber meine eigene sein. Nicht immer einfach alles vergessen.. Wie verlernt man Schutzmechanismen wieder, die man sich sein lebenlang angewöhnt hat? Reiche dir deine eigene Hand und zieh dich mit? Langsam nähere ich mich ihr an. Ich war wieder am Hafen von Berchgard.. habe mir den Ort angesehen bei Tageslicht. Kein weiterer Hafen soll ein Schreckbildnis für mich werden, so wie Lameriast. Also ging ich hin nach Berchgard, doch lange konnte ich nicht verweilen. Ich würde gern vergessen, aber da ich weiss, das es dieses Mal nicht geht, muss ich mich dem stellen. Einige Male ging ich am Hafen vorbei, beim letzten Mal blieb ich einige Momente dort. Übelkeit, die nicht zu ertragen war überkam mich und ich musste gehen, schaffte es kaum zur Kutsche, ging jedem aus dem Weg. Ein Mann half mir dennoch. Er sah mir an, dass nichts in Ordnung war und brachte mich sicher zur Kutsche. So eigenartig muss ich auf ihn gewirkt haben, und eigentlich wollte ich doch solche Situationen zukünftig vermeiden. Aber beides kann ich gerade wohl nicht haben.

Dankbar bin ich dennoch. Ich habe überlebt und ich habe viel Hilfe. Anstatt wieder zu flüchten habe ich mich noch mehr gebunden. Ich habe in den letzten Tagen mehrfach erleben dürfen, was ich ihnen bedeute und wie sehr sie mich schützen. Die Waldgeister. Jetzt bin ich eine von ihnen. Eine Entscheidung die mir leicht fiel, nach all den Geschehnissen. Zudem möchte ich etwas zurück geben, ihnen und auch Eluive. Den Schwestern sowieso. Alles zusammen ergibt soviel Schutz, für mich und jeden einzelnen. Ohne diese Menschen, den Waldgeistern, den Brüdern, den Schwestern und Lucien, würde ich jetzt nicht mehr leben. Das ist es, woran ich momentan festhalten muss. Ich bin nicht allein, ich muss nicht flüchten und ich kann vertrauen. Cara habe ich soviel erzählt. Dinge die ich vorher nicht einmal gedacht habe. Es war eine Art Selbstschutz - nur auf eine andere Art und Weise. Natürlich hat sie auch meine Angst bemerkt, gefühlt und ich sollte sie definieren. Das ist nicht einfach, wenn man sonst lieber vergisst. Dennoch habe ich mich darauf eingelassen und alles was ich danach sagte.. wirkte jäh entschieden, dass kannte ich garnicht so von mir. Zusammengefasst war es meine Entschlossenheit allem zu begegnen und durch diese Situationen und Ängste des Erlebten zu gehen. Alles andere wäre nur wieder Flucht, Einschränkung, ein Stück fehlende Freiheit. Weitere Schwächen. Etwas, dass ich nicht möchte, weil ich dies schon durch andere Dinge in meinem Leben habe(und nicht gerade wenig) und ich einfach nicht noch mehr zulassen kann. Cara hat mich bei diesen Gedankengängen und Vorstellungen bestärkt. Will mich auch zum Hafen nach Berchgard begleiten. Wie sie mir alle helfen, selbst die Nachtigall jetzt in ihrer schweren Zeit, in der sie eigentlich selbst Trost bedarf, anstatt mir welchen zu geben. Wie sehr sie sich über meine Entscheidung freute.. Und Teya, wie sie lächelte als sie mich wieder wohlauf sah. Wie kann ich anderes als tiefe Dankbarkeit fühlen, wenn solche Menschen meine Freunde sind? Der heutige Abend war sehr schön. Das Gespräch mit Cara, und dann der Abend bei den Waldgeistern. Mein Name ziert nun ihren Stein und neben den Willkommensgrüßen und Freundschaften, soll es mir auch Heimstatt bieten, so wurde es mir gesagt.

Die schönen Momente, mögen sie noch so klein sein, sind es, an denen ich mich festhalte. Ruhe braucht meine Seele noch, meinte Cara, um alles zu verarbeiten was passiert ist. Die Wurzel die sie mir gab, schmeckt nicht, (wirklich widerlich, nächstesmal doch lieber Tee daraus kochen..) doch hilft sie gut gegen die Schmerzen. Zum Glück bin ich, was diese betrifft weniger empfindlich. Meine Seele macht mir da mehr Sorgen. Wenn ich zum Hafen von Berchgard gehe oder die Augen schliesse, sehe ich die Bildnisse der Nacht noch deutlich vor mir. (Letharen, Kettengeräusche, Schmerzen, Leichen, Wasser.. der weisshaarige Kerl, über den ich inzwischen soviel weiss, das ich es doch lieber gern nicht erfahren hätte. Ich sollte mit Arlon reden. Tote, Angst.. Wasser.. ) Darum gönne ich mir heute nur ab und an ein paar Stunden Schlaf. Ich kenne mich da inzwischen schon ganz gut. Wenn ich schlafe nach solch' Ereignissen, flieht meine Seele irgendwann von allein. Schlafwandeln und Klarträume. Die Träume haben sich in den letzten Wochenläufen eh um einiges verändert. Ich mache soviele Veränderungen im Moment durch, dass ich teilweise die Orientierung verliere, doch eigentlich geht es bisher aufwärts, statt abwärts, und das ist das wichtigste. Cara hat mir noch einige hilfreiche Dinge gezeigt und will mir weitere zeigen. Alles was sie mir erklärt und erzählt ist bedeutend lehrreich für mich und für meine Zukunft. Sie weiss bisher von allen Menschen hier, dass meiste über mich und alles was sie mir aufzeigt und sagt bringt mich ein Stück weiter. Ich lerne dadurch nicht nur eine Schwester zu sein, sondern auch viel, um hier in diesen Landen und mit meinem Leben zurecht zu kommen. Am liebsten würd ich mich den ganzen Tag mit ihr unterhalten, aber ich weiss natürlich dass das nicht geht.

Irgendwie würde ich auch gern mit Ardan reden über diese Sachen. Also den Geschehnissen der letzten Tage. Bei den anderen Dingen hat er mir auch ganz gut geholfen (wenn ich allein an das Ritualzeug denk das er mir zum Glück abnahm) und auch das Geschenk von ihm hat mich gefreut. Obwohl es garnicht notwendig war mir eines zu geben. Weiss nun nicht, ob ich mich traue mit ihm über die Geschehnisse zu reden oder ihn überhaupt darauf ansprechen sollte. Keine Ahnung warum ich jetzt an ihn denke und ob es gut wäre mit ihm darüber zu reden. Vielleicht auch einfach, um ein wenig über die Toten, die ich mir ansehen musste, zu erfahren.. Er ist für einen Priester recht normal. (Wie das klingt!) Er kann alles gut in Worte kleiden, ich unterhalte mich gern mit solchen Menschen. Und er mag Musik so gern wie ich es tue.. Doch eigentlich ist es besser wenn ich vielleicht nicht soviel darüber rede, ich habe schliesslich auch etwas .. - Ich habe meine Gabe offenbart in der Nacht um mich zu schützen. Angst hat sie geweckt und mich beschützt. Ausreichend Schamgefühl ist da, wenn ich an meine flehenden Worte gegenüber des Letharen denke .. aber das erzähle ich auch ersteinmal keinem. Als ich ins Wasser fiel, dachte ich dennoch: Dies ist mein Ende.

Ich hatte alle Kraft verloren, durch die Verletzungen, den Blutverlust am Kopf und den Veränderungen der Klänge im Schöpferlied durch meine Angst. Es bereitet mir Sorge, vom ersten Moment des Erwachens nach der Nacht an, dass ich meine Gabe benutzt habe, offensichtlich und vor ihnen. Cara hat mich auch versucht in dieser Hinsicht zu beruhigen, aber so recht bin ich da noch nicht beruhigt. Begegnungen dieser Art bleiben mir hoffentlich eine Weile erspart. Ich würd' jetzt natürlich immer gern in der Nähe von irgendwem vertrautes bleiben im Moment. So zum Schutz. Doch war ich vorher nicht so. Ich war viel in der Natur, in den Wäldern, allein und ohne Angst und ich sollte versuchen mich auch jetzt nicht so einzuschränken, ganz wie ich es mir bei dem Gespräch mit Cara vorgenommen habe. Vielleicht auch ein bisschen von beidem. Es war überraschend und erschreckend für mich, dass dies in Berchgard geschah, weil ich einfach nicht damit gerechnet habe. Bajard werde ich auch nicht unbedingt meiden, ich weiss dass die Begegnung dort um einiges höher sein kann als anderenorts. Doch vielleicht laufe ich ersteinmal nicht mehr soviel Nachts herum. (Sagte jene die noch immer nicht schlafen war) Vielleicht erkennen sie mich nicht wieder, vielleicht haben sie nicht darüber gesprochen, das ich meine Gabe benutzt habe und vielleicht halten sie mich auch längst für tot.

Ein bisschen Hoffnung auf all diese Dinge hege ich und neige dennoch zur Vorsicht und gleichsam achte ich mit Bemühungen auf weniger Einschränkung. Ein schwieriger Balanceakt.. Irgendwann hat sich alles wieder beruhigt und das viele Grübeln lässt wieder nach, und auch die Angst. Bis dahin werd ich es irgendwie schaffen, denn ich bin nicht allein. Bisher dachte ich nicht darüber nach was am nächsten Morgen sein wird, und lebte nur für den Tag. Doch jetzt muss ich ein wenig mehr auf den nächsten Morgen achten? Der ganze Text ist so wirr, wie ich mich im Moment fühle. Und ich brauche dringend Schlaf. Bedeckt soll ich mich halten, sagt die eine Schwester und die andere genau das Gegenteil. Wie entscheidet es sich?
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XII. Jenseits.
14. Cirmasium 255 - Früher Abend, Waldgebiete in der Nähe von Vefa's Hütte.

Mit einem erfreuten Blick auf eines der Waldgeister, welches gerade wieder kirchernd zwischen den Bäumen davon fliegt, sitze ich auf dem warmen Waldboden nahe des Kraftortes, welchen mir Vefa zeigte. Doch meine Gedanken und mein Geist sind im Hier und Jetzt, denn ich finde, dass es nach solanger Zeit wieder angebracht ist, einige Zeilen und Gedanken niederzuschreiben. Lange habe ich keine Zeilen verfasst, weil entweder zuviel geschehen war oder ich nicht hier im Lande verweilte. Doch beginne ich mal mit meinen Zeilen von vorn. Das Böse, das mich mein Leben lang verfolgt hatte, wurde besiegt. Keine ständigen Alpträume, Schmerzen und Ängste mehr. Ich fühle mich frei wie noch nie zuvor. Diese gewonnene Freiheit wollte ich einige Zeit auskosten und gleichsam meinen letzten Wunsch, Pelle zu finden, erfüllen. Einige Wochenläufe verbrachte ich auf der Insel Lameriast, jener Insel die mir immer soviel Angst bereitet hatte und jene Insel auf der wir alle gemeinsam mit Thyren, Elfen und Brüdern und Schwestern gesiegt hatten. Ein Sieg der für alle großartig war, doch für mich noch einiges mehr bedeutete. Denn, ich hatte mich selbst wieder, konnte mich kennenlernen, war nicht verändert durch äusserliche Einflüsse und war wieder frei. Ich erkundete in den Wochen nach dem Sieg die Insel,lernte ihre Landschaft und ihre Bewohner kennen. Doch mein Herz hatte noch immer eine Last zu tragen, und bei soviel Glück, wollte ich versuchen, auch diesen einen wunden Punkt zu verändern. Pelle.. mein Unwissen darüber ob es ihm gut erging und wo er verblieben ist, konnte nicht aus meinen Gedanken vertrieben werden. Ich musste erneut versuchen Pelle zu finden.

Ich reiste nach Thalmenbach, Erlwald, unserer letzten gemeinsamen Behausung, und versuchte einige Wochen lang, gemeinsam mit Freunden herauszufinden, was ihm geschehen sein könnte. Doch leider war diese Suche vergebens. Bis heute ist keine Spur von ihm zu finden, keine Spur führt in weitere Richtungen, gibt uns Anhaltspunkte, wo wir die Suche fortsetzen könnten. Die Briefe die ich ihm hinterliess, sind unangerührt. Die Wachen schweigen, wie sie es immer tun. Ich kann meine Wut darüber nicht ausdrücken. Aber sie zwingen, mir Details preiszugeben, kann ich auch nicht. Einen von uns, (den dämlichen Trollkopf) haben wir auch in den Kerker der Stadt eingeschleust, mit einem kleinen Vergehen, musste er nur zwei, drei Nächte dort verbringen. Doch niemand der Insassen hatte von Pelle je etwas gesehen oder gehört. In den umliegenden Städten haben wir dies nicht versucht, uns nur umgehört. Doch auch dort kamen wir nicht weiter. Ich habe erkannt, dass es wohl wirklich nur hilft, wenn wir Schwestern uns zusammensetzen, und den Spiegel befragen. Mir ist diese Herangehensweise noch unbekannt, und ein wenig Angst sitzt mir im Nacken, das die Antwort die der Spiegel uns geben wird, mir nicht gefallen könnte. Doch ich vermisse Pelle so sehr, das ich sehr oft und viel an ihn denke. Ich muss ihn einfach finden.

Nachdem die Suche nach ihm in Erlwald und der großen Stadt Thalmenbach keine Ergebnisse brachte, verabschiedete ich mich von meinen Freunden und reiste zurück nach Gerimor. Das war vor ungefähr vier Wochenläufen. Zur Schande musste ich feststellen, dass die Schwestern sich um mich gesorgt hatten. Meine Nachricht, dass ich diese Reisen antreten werde, hatten sie nie empfangen. Die Freude mich wieder zu sehen war groß und ich entschuldigte mich gleich bei allen, das ich ihnen Sorge bereitet hatte. Auch einige neue Schwestern hatten in der Zwischenzeit zu uns gefunden und ich lernte sie alle nach und nach kennen. Inzwischen ist unsere Gemeinschaft also um einiges gewachsen, was ich sehr schön finde und ich bin nicht mehr die jüngste unter ihnen, was ich noch viel besser finde! Meine Lehre zur Heilerin setze ich fort. Ich durfte auch schon jemanden von innen betasten und behandeln. Unglaublich interessant war das und Majalin hatte alles wirklich wunderbar erklärt, das ich mir keine großen Sorgen machen musste, das ich ihm da ausversehen ein Organ rausreisse. Ich schweife mal wieder von einem Thema zum anderen, ja ich bin ein Wirbelwind, wie Hanna es so gern zu mir sagt. Springe von einem Gedanken zum nächsten und wieder zurück, aber ich habe auch eine Menge erlebt in der ganzen Zeit seit meinen letzten Zeilen.

Da ich gern dass Schönste zum Schluss schreibe, beginne ich nun davon zu erzählen. Ich habe Vefa besucht, ihr wieder frisches Obst gebracht und eine Flasche vom Gebranntem, den sie so gern mag. Tür liess mich gerne ein, ich glaube sogar der alte Hahn auf dem Dach hatte mich vermisst. Vefa war zum Glück auch daheim. Wie sehr ich es liebe, sie anzusehen und mich mit ihr zu unterhalten. Wir haben sehr viel geredet, uns dazu nach draussen gesetzt und ich habe ihren Worten wie ein neugieriges Kind gelauscht. Nach einer Weile drehte sich das Thema um Kraftorte, was das ist, woher sie kommen und wozu sie da sind. Ein wirklich interessantes Thema. Neugierig wie ich bin wollte ich mir solch einen Ort gleich im Schöpferinnenlied anschauen und ich fragte Vefa ob sie mir dies erlauben würde. Da nahm sie mich lächelnd an eine Hand und führte mich tiefer in den Wald, mit dem Hinweis, dass sie mir etwas zeigen möchte.

Was ich dort sah, werde ich nie vergessen. Und was ich dort fühlte noch viel weniger. Dort war ein Krafort, ein kleiner Kreis, ein Ort behütet von magischen Waldwesen. Vefa bat mich, mich auf meine Umgebung völlig einzulassen, sie zu spüren, zu atmen, alles in Empfang zu nehmen, im Diesseits und in Eluive's Lied. Vefa blieb die ganze Zeit dicht bei mir, auch im Lied vernahm ich ihre ruhigen, ausgeglichenen Klänge, nah an meiner Seite.

Ich betrachtete die Umgebung, ihre Fäden und Klangstrukturen im Schöpferinnenlied, dann nahm ich nur noch den Kreis und Kraftort in meinen Fokus. Einzelne Harmonien erhoben sich und bewegten sich wie kleine Wellen hin zum Kreis. Ich konnte nicht viel erkennen, es war ein reines Durcheinander, und mit einem kleinen Anschubser von Vefa traute ich mich auch näher heran. Als ich mich letztendlich gänzlich im Kreis befand überwältigte mich die Schönheit der einzigartigen harmonischen Klangmuster und Melodien der Elemente. Ich hörte ihr Lachen, das leichte und glockenhelle Kichern, der magischen Waldwesen. Spürte die tanzenden Energien die mich gleichsam schützend umgaben. All dies fühlte sich so wundervoll an, stärkte meinen Geist, meinen Körper und eigentlich wollte ich diesen Ort nie wieder verlassen. Ich fühlte mich geborgen und kraftvoller als je zuvor.

Doch die Worte von Vefa kamen wieder in meine Gedanken, dass auch dort das Gleichgewicht bestehen bleiben muss, man geben und nehmen kann, aber nie zuviel von beidem tun sollte. Ich veränderte dort also nichts, liess mich einhüllen und dann von Vefa wieder im Diesseits empfangen. Sie lächelte mich mit dem Stolz einer großen Schwester an und nahm mich in die Arme. Das war ein wundervoller Abend mit einem wundervollem Erlebnis. Und auch das Lied vernehme ich nun eine Spur klarer, genauso wie meine eigenen Klänge. Doch nicht nur das Lächeln wurde mir von Vefa geschenkt. Sie übergab mir auch das, was sich jede junge Schwester wünscht. Die Robe der Schwesternschaft. Behutsam nahm ich sie an mich und strich mit einer Hand über den feinen Stoff. Eine Anerkennung und ein Zeichen dafür wieviel ich gelernt hatte und meine Bereitwilligkeit die Bürde der Schwestern zu tragen, erklärte mir Vefa mit einem Lächeln und ich musste sie einfach erneut umarmen. Ich bin so dankbar und glücklich hier all dies hier gefunden zu haben und erleben zu dürfen. Und es wiegt alles Geschehene auf, das mir Last und Leid war in meinem Leben. So gut wie es mir jetzt geht, ging es mir noch nie in meinem Leben. Und ich werde auch Pelle noch finden, denn ich gebe nicht auf.. Er soll teilhaben an meinem Glück!
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