Erste Runde: Wassermenuett
Sie hatte irgendwann ihr halbwegs akkurates Gefühl für Zeit verloren und wusste kurz danach auch nicht einmal mehr sicher zu sagen, welcher Wochentag denn nun genau war. Wen sollte sie auch fragen? Amalia selbst arbeitete sich beinahe tot und stand mit steinerner Miene am Feld, nur um ein wundersames Lächeln für die Kunden zu zaubern, welches nur jene, die sie sie liebten als unecht identifizieren konnten. Wieland verschwand mit jedem neuen Tag am Bau, wo der Weiler doch bald stehen sollte und schlief des Nachts neben Tulenas Krankenbett auf einem alten Sessel. Geweint hatte er nur in den ersten Nächten, als noch keiner sicher war, ob sie es denn wirklich vollends überstehen würde und als Tulena ihren starken Willen auch in der Genesung zeigte, hatte er einmal brüchig verkündet, dass er nicht mehr so nahe an Rahal leben könne ohne in Angst um eine ähnliche Szene zu verkümmern. Ab jenem Zeitpunkt widmete er seine Kraft in den Bau der neuen Gebäude und wollte am liebsten sofort umziehen, wenn seine Liebste wieder auf eigenen Beinen stehen konnte.Hanna hingegen schwieg sich aus und notierte mit dumpfen Bedenken die aufopfernde Arbeitswut ihrer Tante und ihres Onkels, während sie sich der Heilung verschrieben hatte und lediglich versuchte nicht zu schwanken, denn wenn sie im Rausch der Verzweiflung, Angst und Unsicherheit nun den Boden, die geliebte Erde, unter den Füßen verlöre, dann fürchtete sie in just diesem Rausch zu versinken, zu ertrinken und wer konnte jetzt ein weinendes, schluchzendes Wrack gebrauchen, das nichts als Selbstzweifel in sich trug? Genau, niemand!
So bediente sie sich instinktiv ihrer Stütze im Lied und wurzelte fest, durchgehend im warmen, würzigen Halt der Erde. Es dauerte mehr als nur eine Woche in diesem Zustand, als sie dem „Anderen“ gewahr wurde...
Tulena schien zu genesen und bald schon versuchte sie die Sorge aus den Herzen ihrer Lieben mit scheinbar munteren Sprüchen zu vertreiben. Sicher, auch auf Hannas nunmehr blasse Lippen malte sie mit ihrer kecken Art ein Schmunzeln, doch schmerzte es das Mädchen, wenn sie das im Farbenspiel des Lieds betrachtete, was Tulena hier nicht so großartig vertuschen konnte: auch in ihre Gefühlswelt hatten die grausigen Pantherkrallen klaffende Wunden gerissen und ein ängstlicher, ganz und gar nicht Tulena-artiger Nachklang hallte hohl und wimmernd in ihrer Melodie nach. Er erzählte vom Erlebten, welches sich nie mehr aus der Seele der lieben Tulena waschen lassen würde. Wieder warf sich Hanna in die Schadensminderung, war eine vollständige Heilung nicht einmal mehr eine selbstgewirkte Illusion. Narben würden in beiden Sichten bleiben, doch wollte die diese klein halten.
Vielleicht hatte sie dabei zu schwer aus den eigenen Reserven geschöpft, den Geist und Körper nun selber überanstrengt, denn sonst, so sagte sie sich noch viele Jahre später unbeirrt, hätte sie es eher bemerkt, früher verstanden und innerlich heftiger gedankt.
So waren es aber erst Amalias Worte, die sie verdutzt innehalten und lauschen ließen.
„Hannerl... ach gutes Hannerl. S'ist schon erstaunlich, dass du noch immer so ruhig und doch nicht träge, sondern geschickt, ja recht geflissentlich möcht' man sagen, deinem Werk nachgehen kannst. Jedes meiner Glieder schmerzt und zittert aber du hälst dich tapfer. Ich hoff du weißt, dass Wieland und ich sehr stolz sind... na und Tulena sicher ebenso.“
Natürlich waren es nicht die Worte an sich, die sie verwirrten, als vielmehr die stutzige Frage wie es denn dazu kam, dass sie die Erschöpfung nicht spürte. Sicher, Nahrung und Halt gab ihr das, was ihre liebste Tante nicht wahrnehmen konnte – die Umarmung der Erde – doch in der ewigen Weisheit dieser schlummerte Zeit, Ruhe und Leben erblühte langsam mit trägen, wohl gewählten Bewegungen.
Woher kam die Kraft, was half ihr die Schritte zu lenken? Was rauschte wie muntere Energie durch ihre Adern?
„Wenn die Erde der Körper, die Luft der Atem und das Feuer der lebendige Funke darin ist, so nimmt das Wasser die Rolle des Blutes ein, welches unermüdlich durch uns fließt...“
Vanyas Worte, die in diesem Moment in ihrem Kopf wiederhallten, ließen sie zusammenzucken...
… und Hanna begann zu lauschen.
So viele Quellen von den Bergen rauschen,
die brechen zornig aus der Felsenhalle,
die anderen plaudern in melodischem Falle,
mit Nymphen, die in Grün vertraulich lauschen.
Mit klopfendem Herzen vernahm sie den liebevollen Klang. Unaufdringlich und beinahe beiläufig. Ja, „plätschernd“, wenn man denn so wollte, mit einem stetigen Murmeln und Wispern, welches ihr unermüdlich die heilenden Handlungen im Lied eingab und in den sanften Worten doch darauf achtete, dass sie sich selbst nicht in alledem vergaß. Ja, in gewisser Weise eine Art schützende Hand, die um sie kreiste und in ihre Bewegungen hineinfloss. So bedacht, so zart und natürlich, dass sie diese zweite Hilfe nicht bemerkt, sondern einfach als gegeben hingenommen hatte, ohne sich recht Gedanken darüber zu machen.
Dies war nicht der feste, haltende Schutz einer Mutter, wie der der Erde, sondern das liebe Leiten einer großen Schwester oder einer unbemerkten Tante, die den unsichtbaren Schutzgeist spielte. Sicher, die endlose, bewegungsreiche Melodie wurde inniger und rauschte fast tosend voran, dann aber wieder ebbte sie ab, als würde die junge Flut sich wieder etwas zurücknehmen. Doch selbst dieses melodiöse Gezeitenspiel hatte sie bis dahin nicht bemerkt. Vernommen, ohja, doch nie bewußt gelauscht.
„Das Wasser ist überall, Hanna, es schlummert in der Erde und bricht aus ihr hervor um dem Leib der Welt Leben zu schenken. Die beiden sind sich nahe und dennoch die stilleren, unauffälligeren des Zirkels. Hm, ich glaube beinahe, dass dich das Wasser geleitet hätte, wäre nicht der Ruf der Erde inniger gewesen. Ich meine, das Element hätte auch zu dir gepasst. Stille Wasser und so...“
Damals war sie über diese Worte beinahe beschämt gewesen, denn blind hatte sie nur hineingelesen, dass sie eben eine unsichere, leise, graue Maus war, doch all das war vor vielen Monden gewesen, nun wusste sie es besser, war nicht länger mit Blindheit geschlagen...
… und Hanna begann zu sehen.
Doch wie sie irrend auch die Bahn vertauschen,
sie treffen endlich doch zusammen alle,
ein Strom, mit schwesterlicher Wogen Schwalle
erfrischend durch das schöne Land zu rauschen.
Im Gegensatz zu den Farben des vertrauten, mütterlichen Elements malte das Wasser anders,
Alle nur erdenklichen Schattierungen von blau, von wässrig (im wahrsten Sinne des Wortes) über leuchtende, kräftige Töne bis hin zu annähernden Farbkombinationen, die herzerwärmende Violetttöne hervorbrachten, war alles dabei und während auch hier die Erde in ihren Farben langsam und in seliger Ruhe waltete, so war die Bewegung des Wassers ungebrochen. Ein Antrieb der erneut durch das Blut ging und sie auf den Wellen stark und sicher weitertrug. Die Stütze im Boden, doch der Antrieb waberte um sie herum, lud sie ein zum gemeinsamen Tanz und sorgte für zielgerichtete Schritte.
Sie brauchte sich nicht einmal auf jenen Rhythmus zu konzentrieren, brauchte die Bewegungen nicht sehen, denn sie lagen ihr so tief im Blut, dass sie sich ihrem Herzschlag anglichen. Selig schloss sie kurz die Augen, um sich allen anderen Sinneseindrücken hinzugeben...
… und Hanna begann zu riechen, zu schmecken, zu spüren.
An Burgen, die vom Felsen einsam grollen,
aus Waldesdunkel zwischen Rebenhügeln,
vorrübergleitend in die duftige Ferne...
Leben.
Während es die Basis, die Saat, die Wurzelspitze der Erde bedeutete, so sprudelte es hier ungehindert, mit einer sanften Macht, die sowohl süß schmeichelnd, wie Tau auf Honigblüten, als auch schäumend bittersalzig, wie die wütende Meeresgischt bei Sturm, zu kosten war. Hanna schnupperte überwältigt und tat nun bewusst das, was sie die Pflegewochen doch so stoisch bei der Stange gehalten hatte: sie nährte sich innig am lebensweckenden Klang der Erde und labte sich dann in tiefen Zügen an der süßen Melodie des Wassers, welches die Lebenssaat weckte, benetzte und erhielt.
Tiefer drang sie in den Rausch der Sinne, welche das große eine, das Lied an sich, bewegten.
Sie spürte erfrischende neue Kraft auf der Haut, wie ein warmer Sommerregen, der auch die Erde unter den Füßen immer zu verwandeln geruhte. Alsdann glitt sie mit den sanften Rüttelbewegungen eines jungen Bachlaufs voran und schwelgte zuletzt in einem stillen Salzsee, welcher den Körper leichter erscheinen ließ.
Sie hatte Mühe sich wieder aus dem Lied zu lösen und noch während sie die Tränen der Rührung und Dankbarkeit aus den Augen blinzelte, verstand sie nun warum die Erde sie damals bat nun ihre Geschwister zu vernehmen und auch ihnen zu lauschen, sie zu begreifen.
Sie waren stets da und sie sorgten sich, fungierten als Familie, als Einheit.
In den gemächlichen Walzer der Erde mischte sich das stete Menuett des Wassers und sorgte dafür, dass sie in der Bewegung blieben.
… entwandelt er zum Meere, dem wundervollen,
wo träumend sich die selgen Inseln spiegeln
und auf den Fluten ruh'n die ewg'en Sterne.
„Lerne meine Geschwister kennen, versprich es mir, denn ohne sie wäre ich nicht und sie sind immer in deiner Nähe.“
Hanna musste schwach lächeln und stellte innerlich die einzige Frage, die noch blieb.
„Sag, wusstest du denn davon? Dass es gerade da ist, mich leitet, mir hilft diese schwere Zeit zu bestehen, ganz wie du – und doch auch völlig anders?“
Doch die Antwort war lediglich ein heiteres, belustigtes Lachen zweier Stimmen – zumindest zweier, die sie nun so deutlich vernahm. Tief und wohlklingend, unendlich alt und warmherzig das eine. Kichernd silbrig rauschte das Andere sichtlich bewegt und dankbar vorbei.
Sie konnte nicht anders als nun selbst auch aufzulachen, selbst wenn Tulenas und Amalias verwunderte Blicke sie nun trafen, doch über diese naive Frage ihrer selbst musste sie glucksen. Glücklich und dankbar glucksen, wie eine kleine Waldquelle.
[Gedicht frei nach Eichendorff]