Wissen ist Macht
Verfasst: Samstag 2. April 2011, 13:27
Er schob das Buch zurück, auch wenn es unter anderem genau zu dem gehörte, was er gesucht hatte und er gern direkt gelesen hätte, was für Zutaten es in der Alchemie so alles gab. Aber er hatte das Gefühl, wenn er nun noch mehr Informationen in seinen Kopf stopfte, würde zu den Ohren irgendwas vom vorigen wieder raus fallen.
Und die ganzen Wissensschnippsel, die er heute wieder eingesammelt hatte, schienen ihm zu wertvoll, das zu riskieren. Ob es beim Lernen auch so einen Zustand gab, wie wenn man zu viel gesoffen hatte? Es mochte sein, dass man eine ganze Menge Dinge dabei getan hatte, aber man erinnerte sich einfach nicht mehr daran, was genau.
"Wartet die ersten paar Unterrichtseinheiten ab, mit denen wird sich vieles klären" - das war so zusammengefasst die Essenz dessen, was man ihm angesichts seiner ganzen Fragen heute mehrfach entgegen brachte, vor allem seitens der Lehrkräfte. Ob er zu forsch war? Wenn man zu hartnäckig herumfragte, neigten Leute dazu, überhaupt nichts mehr zu sagen. Andererseits, wenn er nicht fragte, ließe man ihn wohl wie ein tumbes Hoftier auf die nächste Fütterung - den Unterricht - warten. Er wollte sich doch bloß schon mal ein bißchen informieren!
Was genau Magie nun eigentlich war, wusste er immer noch nicht. "Anfängerlektüre", hatte sich Aethra abfällig wirkend geäußert, als er nach etwas in der Art fragte, "Wenn Ihr so etwas wie ein 'Taschenbuch für Magie' sucht, solltet Ihr auf einem Trödelmarkt nachsehen. Für materiebezogene Lektüre empfehle ich Euch die Bibliothek in der Akademie."
Die Akademiebibliothek... das konnten kaum die paar Bücherregale im Erdgeschoss sein. Obwohl in denen Bücher herumstanden, hätten sie für Yaral genau so gut völlig leer sein können, der Nutzen für ihn war der gleiche. Nein, die Bibliothek war im Keller. Aha. Also dort, wo er noch nicht hin durfte, sollte... na toll! Grml.
"Es ist im Augenblick nicht verwunderlich, wenn Ihr Euch ein wenig überfordert fühlt." Überfordert? Naja, es war alles neu und für ihn, den Sohn einer Kleinkrämerfamilie, völlig, also so richtig völlig, neu. Dass er zum Glück mit einem Gutteil der gehobeneren Wortwahl trotzdem etwas anfangen konnte, lag daran, dass im "Brauhof", bei dem er so oft die Leute beobachtet und den Gesprächen gelauscht hatte, auch sehr häufig Verteter der oberen Bürgerschichten saßen, so dass Wörter wie "Lektüre" ihm wenigstens nicht auch noch fremd waren. Aber ob es nun Discipula oder Discipulia hieß, traute er sich vor solchem Publikum nicht zu fragen. Was den Rest anging, fühlte er sich jedoch eher unterfordert, eben weil man das Wissen, nach dem er gierte, vor ihm herumpendeln ließ wie die Möhre an einer Angel vor dem Esel.
Trotzdem, er war weiter gekommen. Jedes Gespräch mit den Mitstudierenden, und vor allem mit den Lehrern, barg irgendwo neue Stückchen, Andeutungen, Aussagen, die er in seinem Kopf zusammenraffte wie Trödel, von dem man felsenfest überzeugt war, dass man damit irgendwann noch etwas anfangen konnte!
Und sie hatten das MYSTERIUM DES TEPPICHS gelöst!
Den Teppich in der Akademie zierten eine handvoll leuchtende seltsame Symbole, und bislang hatte er es vermieden, auf diese drauf zu treten, auch wenn das nicht das Problem zu sein schien. Er wusste nicht, wozu die da waren, offensichtlich dienten sie aber dazu, für die üblichen Streiche herzuhalten, die man Unwissenden spielte. Dafür war er aber ein bißchen zu alt, und so ließ er dem Magier am Empfang das Schmunzeln unterm Bart bei der Aussage, dass man sich in einen Frosch verwandle, wenn man die Symbole in falscher Weise betrete. "Ja ne, ist klar..."
Sophie hatte dann wenigstens nähere Aussagen gemacht, dass es sich um Runen handle, dass sie sie im Prinzip auch kenne, was aber diese Runen hier auf dem Teppich zu bedeuten hatten, wusste sie auch nicht. Aus Aethra endlich konnte er dann mehr heraus kitzeln:
"Runen... verschiedene Symbole haben verschiedene Wirkungen. Ihr werdet die Details noch nicht wirklich verstehen können, aber Ihr könnt Euch vorstellen, dass sie Energiesignaturen in sich aufnehmen und dadurch diverse Wirkungen entfalten."
Das war eine schöne Erklärung für Anfänger... was zum Dämon waren "Energiesignaturen"? Aber er hörte weiter zu: "Die Runen auf den Teppichen sind jedoch eher dekorativ denn zweckdienlich. Auch wenn sie, jede für sich, einen gewissen Zweck erfüllen könnten."
Die waren nur als Zier da?! Diese Symbole leuchteten die ganze Zeit von selbst! Für solche "Zier" würde wohl mancher Schreiber einen Arm geben, wenn das Leuchten noch ein wenig stärker wäre, oder man könnte Wegweiser damit bei Nacht lesen, oder... verschiedene Verwendungsmöglichkeiten huschten ihm durch den Kopf. Zu irgendwas mussten die Dinger doch gut sein.
Es war einer der Momente, in denen es lohnte, weiter nachzuhaken: "Dekorativ.. die machen also nichts?", fragte er ungläubig, und der Arcoveneficus revidierte seine Aussage: "Doch doch... sie haben ein gewisses Potential in sich, dieses wird auf einem Teppich jedoch nicht genutzt. Die Runen auf meiner Robe dienen dem Schutz."
Er schaute Janus' Robe nochmal näher an. Ach deswegen trugen Zauberer so seltsam verzierten Krams, nicht um bloß wichtig und mysteriös auszusehen? Wieder ein Stück Erkenntnis.
"Würdet Ihr entsprechende Runen aus dem Teppich schneiden und auf Eure Brust kleben hätte es einen ähnlichen Effekt - zumindest, sofern Ihr die richtigen Runen erwischt." Für einen Moment stellte Yaral sich das vor... sah er so jung und naiv aus, dass man sich als Erfahrener über solche Experimente planloser Schüler amüsieren konnte? Wohl nicht, aber vermutlich war es der faktische Wissensunterschied. "Nur auf dem Erdboden nutzt eine schützende Rune nicht viel, nicht wahr?", fügte Aethra an und erntete dafür gleich die nächste Frage der Hackfresse: "Die wirken also nur in eine Richtung?"
"Den einzigen Zweck den sie erfüllen, ist, neugierige Schüler darauf aufmerksam zu machen."
Schon wieder diese Aussage, dass die Zeichen im Prinzip sinnlos seien. Yaral wollte es nicht wahr haben: "Die schützen also nicht mal den Teppich? Ich mein, wär ja durchaus praktisch: Schutz vor Dreck oder so." Vielleicht war dem Magus die Wirkung nur zu banal, um sie öffentlich zu nennen oder als solche wahrzunehmen?
"Sie schützen den Teppich", räumte Aethra zäh ein und versuchte die Wirkung auch gleich weiter zu relativieren: "Jedoch nicht sonderlich stark."
HA! Aber sie hatten also eine Wirkung!
"Und nicht sonderlich auffallend, weil niemand darauf achtet, ob ein Teppich besonders lange ohne sichtbare Trittabdrücke auf dem Boden liegt oder nicht. Aber ich würde Euch nicht empfehlen, es auf die Probe zu stellen. Wenn Euch Nelrim erwischt, wie Ihr mit einem Dolch die Schutzwirkung der Runen auf dem Teppich erproben wollt, werdet Ihr wohl ein recht feuriges Erlebnis haben."
Pfh, er war doch keine sieben mehr! Mit einem Dolch den Teppich... also wirklich...
Aber es reichte um, sobald die Lehrer weg waren, für einen etwas befremdeten Blick bei Nelrim zu sorgen, als Yaral die Tür zum Gebäude öffnete wie ein Feldherr den frisch eroberten Thronsaal, Sophie im Schlepp, und nicht mal mit einer Begrüßung sofort die Nase Richtung Teppich bewegte, um diesen auf Abnutzungserscheinungen im Eingangsbereich zu prüfen. Sah ordentlich aus... und um das wirklich zu bestätigen, wurde die rote Stoffbahn noch einige Schritte weiter verfolgt bis zu einer Stelle bei der Vase neben dem Kellerzugang, wo bestimmt weniger drauf getreten wurde, und dort mit dem Anblick bei der Tür verglichen. Tatsache, ein Teil sah genau so aus wie das andere!
Mit schief gelegtem Kopf sah Nelrim den beiden nach... und beschloß, nicht zu fragen, was die beiden da machten. Schüler waren eben seltsam.
Der Ausblick aufs Mehr
Wenn sich mit einer handvoll Zeichen schon solche Effekte erzielen ließen und der Arcoveneficus die Bedeutung dessen derartig herunter spielte, als sei das das simpelste der Welt, was mochte dann noch alles auf ihn warten? Hatte Yaral zu Beginn nur geahnt, dass er als Magier ziemlich mächtig werden könnte, dann gewann er langsam mit einem seltsamen Glänzen in den Augen eine Ahnung davon, dass er als richtiger Magier verdammt mächtig werden konnte!
"Ich wollt ja nur wissen, was man zu Anfang so machen kann...", löcherte er Magister Ferrini, während der mit dem Versuch aller Strenge die anderen Mitschüler dazu ermahnte, nicht zu viel noch ausstehenden Unterrichtes schon vorher preis zu geben. Taten die doch gar nicht. Sophie zeigte sich gleich schon wieder völlig verunsichert, die Frau schien so viel Selbstbewusstsein zu haben wie eine Maus. Es war schließlich besser, Sachen ruhig zwei mal zu hören, und außerdem argwöhnte Yaral, dass die "Geheimnisse" des Unterrichtes auch aus dem Grund so eifersüchtig gehütet wurden, weil man als Lehrer den Stoff zur Magie als neu und spektakulär verkaufen wollte, sich selbst als wissend, statt gelangweilten Schüllern bereits bekannte Inhalte vorzukauen. Aber so leicht ließ er sich nicht abspeisen. Im Unterricht alles in einem Stück zusammenhängend erklärt zu bekommen, würde schon noch interessant genug sein, und vorher ein paar Appetithäppchen... nicht verkehrt.
"Ihr möchtet also wissen, welche Zauber wir für angebracht halten, die Ihr frei nach eigenem Ermessen ausüben könnt?"
Ja genau!
"Also nicht jetzt... nur... als Scolar eben. Wenn." Yaral schwante, dass er gar nichts erfahren würde, wenn er zu sehr den Eindruck machte, ohne Plan von irgendwas sich dann blind drauflosexperimentierend ins Magiegefüge zu stürzen. Davon war... nur bedingt auszugehen. Bislang hatte er sich eher bemüht, die fremdartigen Eindrücke, die entstanden wenn er ... "anders"... sah/fühlte/hörte/was-auch-immer... gründlich zu verdrängen. So gründlich, dass Ferrini bei dem Test, ob Yaral magisch begabt war, einen Feuerball ziemlich groß machen und fröhlich um das Schlitzohr herum schweben lassen musste, damit der bei geschlossenen Augen bemerkte, dass da "etwas" war.
Er wollte definitiv nicht zu denen gehören, die beim Spiel mit magischem Feuer selbst in Flammen aufgingen, auch wenn die Vorstellung, Leuten wie Hanno eine Flammenkugel hinterher zu jagen mehr als.. verlockend war. Aber was würde er zu Beginn denn überhaupt können? Oder besser gesagt, üben? Vermutlich absolut anödende und überflüssige Sachen...
"Ihr könnt es kaum erwarten, wie mir scheint." Naja... mh... nein. Aber er bekam endlich eine Antwort:
"Ihr werdet von uns gelehrt bekommen, Euren Körper von Verunreinigungen zu befreien - das heißt Schaden, der Euch zugefügt wird."
"Verunreinigungen?" Schaden? Was für Schaden? Oder Verunreinigungen? Das eine klang danach, dass er sich nie wieder waschen musste, das andere... zu schön, um wahr zu sein. Aber Ferrini fuhr einfach fort: "Das... nunja... nennen wir es noch 'erschaffen' von Nahrung. Dann folgen noch so Kleinigkeiten wie Wasser erschaffen... einen Stab zum Leuchten zu bringen. In der Nacht sehen zu können... und... auch Euren 'Feuerball'."
In der Nacht sehen?!
Wieder schossen ihm sofort lauter Möglichkeiten, diese Dinge zu nutzen durch den Sinn: Hätte er bei Nacht sehen können, hätte ihn diese verdammte Sekretärfurie nicht so leicht über den Haufen stechen können. Wasser erschaffen, Nahrung erschaffen... da musste doch irgendwo ein Haken dran sein, wenn man sich anguckte, wie viele Menschen trotzdem hungernd in den Straßen saßen. Er begann schon zu vermuten, dass man sich womöglich nur selber erfolgreich vortäuschen konnte, satt zu sein, vielleicht waren sowas also die ersten Illusionszauber. Aber egal. Das klang schon alles weit vielversprechender, als er sich erhofft hatte.
Und Imagina hatte ihn für zwölf Kronen in der Hand sitzen lassen. Ha! Die wusste gar nicht, was ihr entging. Dumme Ziege.
"...Doch eines Tages werd ich mich rächen.
Ich werd die Herzen aller Frauen brechen.
Dann bin ich Magier und du läufst hinter mir her,
doch dann ist es zu spät, dann will ich dich nicht mehr!
Zu spät... zu spät... zu spät..."
Und die ganzen Wissensschnippsel, die er heute wieder eingesammelt hatte, schienen ihm zu wertvoll, das zu riskieren. Ob es beim Lernen auch so einen Zustand gab, wie wenn man zu viel gesoffen hatte? Es mochte sein, dass man eine ganze Menge Dinge dabei getan hatte, aber man erinnerte sich einfach nicht mehr daran, was genau.
"Wartet die ersten paar Unterrichtseinheiten ab, mit denen wird sich vieles klären" - das war so zusammengefasst die Essenz dessen, was man ihm angesichts seiner ganzen Fragen heute mehrfach entgegen brachte, vor allem seitens der Lehrkräfte. Ob er zu forsch war? Wenn man zu hartnäckig herumfragte, neigten Leute dazu, überhaupt nichts mehr zu sagen. Andererseits, wenn er nicht fragte, ließe man ihn wohl wie ein tumbes Hoftier auf die nächste Fütterung - den Unterricht - warten. Er wollte sich doch bloß schon mal ein bißchen informieren!
Was genau Magie nun eigentlich war, wusste er immer noch nicht. "Anfängerlektüre", hatte sich Aethra abfällig wirkend geäußert, als er nach etwas in der Art fragte, "Wenn Ihr so etwas wie ein 'Taschenbuch für Magie' sucht, solltet Ihr auf einem Trödelmarkt nachsehen. Für materiebezogene Lektüre empfehle ich Euch die Bibliothek in der Akademie."
Die Akademiebibliothek... das konnten kaum die paar Bücherregale im Erdgeschoss sein. Obwohl in denen Bücher herumstanden, hätten sie für Yaral genau so gut völlig leer sein können, der Nutzen für ihn war der gleiche. Nein, die Bibliothek war im Keller. Aha. Also dort, wo er noch nicht hin durfte, sollte... na toll! Grml.
"Es ist im Augenblick nicht verwunderlich, wenn Ihr Euch ein wenig überfordert fühlt." Überfordert? Naja, es war alles neu und für ihn, den Sohn einer Kleinkrämerfamilie, völlig, also so richtig völlig, neu. Dass er zum Glück mit einem Gutteil der gehobeneren Wortwahl trotzdem etwas anfangen konnte, lag daran, dass im "Brauhof", bei dem er so oft die Leute beobachtet und den Gesprächen gelauscht hatte, auch sehr häufig Verteter der oberen Bürgerschichten saßen, so dass Wörter wie "Lektüre" ihm wenigstens nicht auch noch fremd waren. Aber ob es nun Discipula oder Discipulia hieß, traute er sich vor solchem Publikum nicht zu fragen. Was den Rest anging, fühlte er sich jedoch eher unterfordert, eben weil man das Wissen, nach dem er gierte, vor ihm herumpendeln ließ wie die Möhre an einer Angel vor dem Esel.
Trotzdem, er war weiter gekommen. Jedes Gespräch mit den Mitstudierenden, und vor allem mit den Lehrern, barg irgendwo neue Stückchen, Andeutungen, Aussagen, die er in seinem Kopf zusammenraffte wie Trödel, von dem man felsenfest überzeugt war, dass man damit irgendwann noch etwas anfangen konnte!
Und sie hatten das MYSTERIUM DES TEPPICHS gelöst!
Den Teppich in der Akademie zierten eine handvoll leuchtende seltsame Symbole, und bislang hatte er es vermieden, auf diese drauf zu treten, auch wenn das nicht das Problem zu sein schien. Er wusste nicht, wozu die da waren, offensichtlich dienten sie aber dazu, für die üblichen Streiche herzuhalten, die man Unwissenden spielte. Dafür war er aber ein bißchen zu alt, und so ließ er dem Magier am Empfang das Schmunzeln unterm Bart bei der Aussage, dass man sich in einen Frosch verwandle, wenn man die Symbole in falscher Weise betrete. "Ja ne, ist klar..."
Sophie hatte dann wenigstens nähere Aussagen gemacht, dass es sich um Runen handle, dass sie sie im Prinzip auch kenne, was aber diese Runen hier auf dem Teppich zu bedeuten hatten, wusste sie auch nicht. Aus Aethra endlich konnte er dann mehr heraus kitzeln:
"Runen... verschiedene Symbole haben verschiedene Wirkungen. Ihr werdet die Details noch nicht wirklich verstehen können, aber Ihr könnt Euch vorstellen, dass sie Energiesignaturen in sich aufnehmen und dadurch diverse Wirkungen entfalten."
Das war eine schöne Erklärung für Anfänger... was zum Dämon waren "Energiesignaturen"? Aber er hörte weiter zu: "Die Runen auf den Teppichen sind jedoch eher dekorativ denn zweckdienlich. Auch wenn sie, jede für sich, einen gewissen Zweck erfüllen könnten."
Die waren nur als Zier da?! Diese Symbole leuchteten die ganze Zeit von selbst! Für solche "Zier" würde wohl mancher Schreiber einen Arm geben, wenn das Leuchten noch ein wenig stärker wäre, oder man könnte Wegweiser damit bei Nacht lesen, oder... verschiedene Verwendungsmöglichkeiten huschten ihm durch den Kopf. Zu irgendwas mussten die Dinger doch gut sein.
Es war einer der Momente, in denen es lohnte, weiter nachzuhaken: "Dekorativ.. die machen also nichts?", fragte er ungläubig, und der Arcoveneficus revidierte seine Aussage: "Doch doch... sie haben ein gewisses Potential in sich, dieses wird auf einem Teppich jedoch nicht genutzt. Die Runen auf meiner Robe dienen dem Schutz."
Er schaute Janus' Robe nochmal näher an. Ach deswegen trugen Zauberer so seltsam verzierten Krams, nicht um bloß wichtig und mysteriös auszusehen? Wieder ein Stück Erkenntnis.
"Würdet Ihr entsprechende Runen aus dem Teppich schneiden und auf Eure Brust kleben hätte es einen ähnlichen Effekt - zumindest, sofern Ihr die richtigen Runen erwischt." Für einen Moment stellte Yaral sich das vor... sah er so jung und naiv aus, dass man sich als Erfahrener über solche Experimente planloser Schüler amüsieren konnte? Wohl nicht, aber vermutlich war es der faktische Wissensunterschied. "Nur auf dem Erdboden nutzt eine schützende Rune nicht viel, nicht wahr?", fügte Aethra an und erntete dafür gleich die nächste Frage der Hackfresse: "Die wirken also nur in eine Richtung?"
"Den einzigen Zweck den sie erfüllen, ist, neugierige Schüler darauf aufmerksam zu machen."
Schon wieder diese Aussage, dass die Zeichen im Prinzip sinnlos seien. Yaral wollte es nicht wahr haben: "Die schützen also nicht mal den Teppich? Ich mein, wär ja durchaus praktisch: Schutz vor Dreck oder so." Vielleicht war dem Magus die Wirkung nur zu banal, um sie öffentlich zu nennen oder als solche wahrzunehmen?
"Sie schützen den Teppich", räumte Aethra zäh ein und versuchte die Wirkung auch gleich weiter zu relativieren: "Jedoch nicht sonderlich stark."
HA! Aber sie hatten also eine Wirkung!
"Und nicht sonderlich auffallend, weil niemand darauf achtet, ob ein Teppich besonders lange ohne sichtbare Trittabdrücke auf dem Boden liegt oder nicht. Aber ich würde Euch nicht empfehlen, es auf die Probe zu stellen. Wenn Euch Nelrim erwischt, wie Ihr mit einem Dolch die Schutzwirkung der Runen auf dem Teppich erproben wollt, werdet Ihr wohl ein recht feuriges Erlebnis haben."
Pfh, er war doch keine sieben mehr! Mit einem Dolch den Teppich... also wirklich...
Aber es reichte um, sobald die Lehrer weg waren, für einen etwas befremdeten Blick bei Nelrim zu sorgen, als Yaral die Tür zum Gebäude öffnete wie ein Feldherr den frisch eroberten Thronsaal, Sophie im Schlepp, und nicht mal mit einer Begrüßung sofort die Nase Richtung Teppich bewegte, um diesen auf Abnutzungserscheinungen im Eingangsbereich zu prüfen. Sah ordentlich aus... und um das wirklich zu bestätigen, wurde die rote Stoffbahn noch einige Schritte weiter verfolgt bis zu einer Stelle bei der Vase neben dem Kellerzugang, wo bestimmt weniger drauf getreten wurde, und dort mit dem Anblick bei der Tür verglichen. Tatsache, ein Teil sah genau so aus wie das andere!
Mit schief gelegtem Kopf sah Nelrim den beiden nach... und beschloß, nicht zu fragen, was die beiden da machten. Schüler waren eben seltsam.
Der Ausblick aufs Mehr
Wenn sich mit einer handvoll Zeichen schon solche Effekte erzielen ließen und der Arcoveneficus die Bedeutung dessen derartig herunter spielte, als sei das das simpelste der Welt, was mochte dann noch alles auf ihn warten? Hatte Yaral zu Beginn nur geahnt, dass er als Magier ziemlich mächtig werden könnte, dann gewann er langsam mit einem seltsamen Glänzen in den Augen eine Ahnung davon, dass er als richtiger Magier verdammt mächtig werden konnte!
"Ich wollt ja nur wissen, was man zu Anfang so machen kann...", löcherte er Magister Ferrini, während der mit dem Versuch aller Strenge die anderen Mitschüler dazu ermahnte, nicht zu viel noch ausstehenden Unterrichtes schon vorher preis zu geben. Taten die doch gar nicht. Sophie zeigte sich gleich schon wieder völlig verunsichert, die Frau schien so viel Selbstbewusstsein zu haben wie eine Maus. Es war schließlich besser, Sachen ruhig zwei mal zu hören, und außerdem argwöhnte Yaral, dass die "Geheimnisse" des Unterrichtes auch aus dem Grund so eifersüchtig gehütet wurden, weil man als Lehrer den Stoff zur Magie als neu und spektakulär verkaufen wollte, sich selbst als wissend, statt gelangweilten Schüllern bereits bekannte Inhalte vorzukauen. Aber so leicht ließ er sich nicht abspeisen. Im Unterricht alles in einem Stück zusammenhängend erklärt zu bekommen, würde schon noch interessant genug sein, und vorher ein paar Appetithäppchen... nicht verkehrt.
"Ihr möchtet also wissen, welche Zauber wir für angebracht halten, die Ihr frei nach eigenem Ermessen ausüben könnt?"
Ja genau!
"Also nicht jetzt... nur... als Scolar eben. Wenn." Yaral schwante, dass er gar nichts erfahren würde, wenn er zu sehr den Eindruck machte, ohne Plan von irgendwas sich dann blind drauflosexperimentierend ins Magiegefüge zu stürzen. Davon war... nur bedingt auszugehen. Bislang hatte er sich eher bemüht, die fremdartigen Eindrücke, die entstanden wenn er ... "anders"... sah/fühlte/hörte/was-auch-immer... gründlich zu verdrängen. So gründlich, dass Ferrini bei dem Test, ob Yaral magisch begabt war, einen Feuerball ziemlich groß machen und fröhlich um das Schlitzohr herum schweben lassen musste, damit der bei geschlossenen Augen bemerkte, dass da "etwas" war.
Er wollte definitiv nicht zu denen gehören, die beim Spiel mit magischem Feuer selbst in Flammen aufgingen, auch wenn die Vorstellung, Leuten wie Hanno eine Flammenkugel hinterher zu jagen mehr als.. verlockend war. Aber was würde er zu Beginn denn überhaupt können? Oder besser gesagt, üben? Vermutlich absolut anödende und überflüssige Sachen...
"Ihr könnt es kaum erwarten, wie mir scheint." Naja... mh... nein. Aber er bekam endlich eine Antwort:
"Ihr werdet von uns gelehrt bekommen, Euren Körper von Verunreinigungen zu befreien - das heißt Schaden, der Euch zugefügt wird."
"Verunreinigungen?" Schaden? Was für Schaden? Oder Verunreinigungen? Das eine klang danach, dass er sich nie wieder waschen musste, das andere... zu schön, um wahr zu sein. Aber Ferrini fuhr einfach fort: "Das... nunja... nennen wir es noch 'erschaffen' von Nahrung. Dann folgen noch so Kleinigkeiten wie Wasser erschaffen... einen Stab zum Leuchten zu bringen. In der Nacht sehen zu können... und... auch Euren 'Feuerball'."
In der Nacht sehen?!
Wieder schossen ihm sofort lauter Möglichkeiten, diese Dinge zu nutzen durch den Sinn: Hätte er bei Nacht sehen können, hätte ihn diese verdammte Sekretärfurie nicht so leicht über den Haufen stechen können. Wasser erschaffen, Nahrung erschaffen... da musste doch irgendwo ein Haken dran sein, wenn man sich anguckte, wie viele Menschen trotzdem hungernd in den Straßen saßen. Er begann schon zu vermuten, dass man sich womöglich nur selber erfolgreich vortäuschen konnte, satt zu sein, vielleicht waren sowas also die ersten Illusionszauber. Aber egal. Das klang schon alles weit vielversprechender, als er sich erhofft hatte.
Und Imagina hatte ihn für zwölf Kronen in der Hand sitzen lassen. Ha! Die wusste gar nicht, was ihr entging. Dumme Ziege.
"...Doch eines Tages werd ich mich rächen.
Ich werd die Herzen aller Frauen brechen.
Dann bin ich Magier und du läufst hinter mir her,
doch dann ist es zu spät, dann will ich dich nicht mehr!
Zu spät... zu spät... zu spät..."