Er schob das Buch zurück, auch wenn es unter anderem genau zu dem gehörte, was er gesucht hatte und er gern direkt gelesen hätte, was für Zutaten es in der Alchemie so alles gab. Aber er hatte das Gefühl, wenn er nun noch mehr Informationen in seinen Kopf stopfte, würde zu den Ohren irgendwas vom vorigen wieder raus fallen.
Und die ganzen Wissensschnippsel, die er heute wieder eingesammelt hatte, schienen ihm zu wertvoll, das zu riskieren. Ob es beim Lernen auch so einen Zustand gab, wie wenn man zu viel gesoffen hatte? Es mochte sein, dass man eine ganze Menge Dinge dabei getan hatte, aber man erinnerte sich einfach nicht mehr daran, was genau.
"Wartet die ersten paar Unterrichtseinheiten ab, mit denen wird sich vieles klären" - das war so zusammengefasst die Essenz dessen, was man ihm angesichts seiner ganzen Fragen heute mehrfach entgegen brachte, vor allem seitens der Lehrkräfte. Ob er zu forsch war? Wenn man zu hartnäckig herumfragte, neigten Leute dazu, überhaupt nichts mehr zu sagen. Andererseits, wenn er nicht fragte, ließe man ihn wohl wie ein tumbes Hoftier auf die nächste Fütterung - den Unterricht - warten. Er wollte sich doch bloß schon mal ein bißchen informieren!
Was genau Magie nun eigentlich war, wusste er immer noch nicht. "Anfängerlektüre", hatte sich Aethra abfällig wirkend geäußert, als er nach etwas in der Art fragte, "Wenn Ihr so etwas wie ein 'Taschenbuch für Magie' sucht, solltet Ihr auf einem Trödelmarkt nachsehen. Für materiebezogene Lektüre empfehle ich Euch die Bibliothek in der Akademie."
Die Akademiebibliothek... das konnten kaum die paar Bücherregale im Erdgeschoss sein. Obwohl in denen Bücher herumstanden, hätten sie für Yaral genau so gut völlig leer sein können, der Nutzen für ihn war der gleiche. Nein, die Bibliothek war im Keller. Aha. Also dort, wo er noch nicht hin durfte, sollte... na toll! Grml.
"Es ist im Augenblick nicht verwunderlich, wenn Ihr Euch ein wenig überfordert fühlt." Überfordert? Naja, es war alles neu und für ihn, den Sohn einer Kleinkrämerfamilie, völlig, also so richtig völlig, neu. Dass er zum Glück mit einem Gutteil der gehobeneren Wortwahl trotzdem etwas anfangen konnte, lag daran, dass im "Brauhof", bei dem er so oft die Leute beobachtet und den Gesprächen gelauscht hatte, auch sehr häufig Verteter der oberen Bürgerschichten saßen, so dass Wörter wie "Lektüre" ihm wenigstens nicht auch noch fremd waren. Aber ob es nun Discipula oder Discipulia hieß, traute er sich vor solchem Publikum nicht zu fragen. Was den Rest anging, fühlte er sich jedoch eher unterfordert, eben weil man das Wissen, nach dem er gierte, vor ihm herumpendeln ließ wie die Möhre an einer Angel vor dem Esel.
Trotzdem, er war weiter gekommen. Jedes Gespräch mit den Mitstudierenden, und vor allem mit den Lehrern, barg irgendwo neue Stückchen, Andeutungen, Aussagen, die er in seinem Kopf zusammenraffte wie Trödel, von dem man felsenfest überzeugt war, dass man damit irgendwann noch etwas anfangen konnte!
Und sie hatten das MYSTERIUM DES TEPPICHS gelöst!
Den Teppich in der Akademie zierten eine handvoll leuchtende seltsame Symbole, und bislang hatte er es vermieden, auf diese drauf zu treten, auch wenn das nicht das Problem zu sein schien. Er wusste nicht, wozu die da waren, offensichtlich dienten sie aber dazu, für die üblichen Streiche herzuhalten, die man Unwissenden spielte. Dafür war er aber ein bißchen zu alt, und so ließ er dem Magier am Empfang das Schmunzeln unterm Bart bei der Aussage, dass man sich in einen Frosch verwandle, wenn man die Symbole in falscher Weise betrete. "Ja ne, ist klar..."
Sophie hatte dann wenigstens nähere Aussagen gemacht, dass es sich um Runen handle, dass sie sie im Prinzip auch kenne, was aber diese Runen hier auf dem Teppich zu bedeuten hatten, wusste sie auch nicht. Aus Aethra endlich konnte er dann mehr heraus kitzeln:
"Runen... verschiedene Symbole haben verschiedene Wirkungen. Ihr werdet die Details noch nicht wirklich verstehen können, aber Ihr könnt Euch vorstellen, dass sie Energiesignaturen in sich aufnehmen und dadurch diverse Wirkungen entfalten."
Das war eine schöne Erklärung für Anfänger... was zum Dämon waren "Energiesignaturen"? Aber er hörte weiter zu: "Die Runen auf den Teppichen sind jedoch eher dekorativ denn zweckdienlich. Auch wenn sie, jede für sich, einen gewissen Zweck erfüllen könnten."
Die waren nur als Zier da?! Diese Symbole leuchteten die ganze Zeit von selbst! Für solche "Zier" würde wohl mancher Schreiber einen Arm geben, wenn das Leuchten noch ein wenig stärker wäre, oder man könnte Wegweiser damit bei Nacht lesen, oder... verschiedene Verwendungsmöglichkeiten huschten ihm durch den Kopf. Zu irgendwas mussten die Dinger doch gut sein.
Es war einer der Momente, in denen es lohnte, weiter nachzuhaken: "Dekorativ.. die machen also nichts?", fragte er ungläubig, und der Arcoveneficus revidierte seine Aussage: "Doch doch... sie haben ein gewisses Potential in sich, dieses wird auf einem Teppich jedoch nicht genutzt. Die Runen auf meiner Robe dienen dem Schutz."
Er schaute Janus' Robe nochmal näher an. Ach deswegen trugen Zauberer so seltsam verzierten Krams, nicht um bloß wichtig und mysteriös auszusehen? Wieder ein Stück Erkenntnis.
"Würdet Ihr entsprechende Runen aus dem Teppich schneiden und auf Eure Brust kleben hätte es einen ähnlichen Effekt - zumindest, sofern Ihr die richtigen Runen erwischt." Für einen Moment stellte Yaral sich das vor... sah er so jung und naiv aus, dass man sich als Erfahrener über solche Experimente planloser Schüler amüsieren konnte? Wohl nicht, aber vermutlich war es der faktische Wissensunterschied. "Nur auf dem Erdboden nutzt eine schützende Rune nicht viel, nicht wahr?", fügte Aethra an und erntete dafür gleich die nächste Frage der Hackfresse: "Die wirken also nur in eine Richtung?"
"Den einzigen Zweck den sie erfüllen, ist, neugierige Schüler darauf aufmerksam zu machen."
Schon wieder diese Aussage, dass die Zeichen im Prinzip sinnlos seien. Yaral wollte es nicht wahr haben: "Die schützen also nicht mal den Teppich? Ich mein, wär ja durchaus praktisch: Schutz vor Dreck oder so." Vielleicht war dem Magus die Wirkung nur zu banal, um sie öffentlich zu nennen oder als solche wahrzunehmen?
"Sie schützen den Teppich", räumte Aethra zäh ein und versuchte die Wirkung auch gleich weiter zu relativieren: "Jedoch nicht sonderlich stark."
HA! Aber sie hatten also eine Wirkung!
"Und nicht sonderlich auffallend, weil niemand darauf achtet, ob ein Teppich besonders lange ohne sichtbare Trittabdrücke auf dem Boden liegt oder nicht. Aber ich würde Euch nicht empfehlen, es auf die Probe zu stellen. Wenn Euch Nelrim erwischt, wie Ihr mit einem Dolch die Schutzwirkung der Runen auf dem Teppich erproben wollt, werdet Ihr wohl ein recht feuriges Erlebnis haben."
Pfh, er war doch keine sieben mehr! Mit einem Dolch den Teppich... also wirklich...
Aber es reichte um, sobald die Lehrer weg waren, für einen etwas befremdeten Blick bei Nelrim zu sorgen, als Yaral die Tür zum Gebäude öffnete wie ein Feldherr den frisch eroberten Thronsaal, Sophie im Schlepp, und nicht mal mit einer Begrüßung sofort die Nase Richtung Teppich bewegte, um diesen auf Abnutzungserscheinungen im Eingangsbereich zu prüfen. Sah ordentlich aus... und um das wirklich zu bestätigen, wurde die rote Stoffbahn noch einige Schritte weiter verfolgt bis zu einer Stelle bei der Vase neben dem Kellerzugang, wo bestimmt weniger drauf getreten wurde, und dort mit dem Anblick bei der Tür verglichen. Tatsache, ein Teil sah genau so aus wie das andere!
Mit schief gelegtem Kopf sah Nelrim den beiden nach... und beschloß, nicht zu fragen, was die beiden da machten. Schüler waren eben seltsam.
Der Ausblick aufs Mehr
Wenn sich mit einer handvoll Zeichen schon solche Effekte erzielen ließen und der Arcoveneficus die Bedeutung dessen derartig herunter spielte, als sei das das simpelste der Welt, was mochte dann noch alles auf ihn warten? Hatte Yaral zu Beginn nur geahnt, dass er als Magier ziemlich mächtig werden könnte, dann gewann er langsam mit einem seltsamen Glänzen in den Augen eine Ahnung davon, dass er als richtiger Magier verdammt mächtig werden konnte!
"Ich wollt ja nur wissen, was man zu Anfang so machen kann...", löcherte er Magister Ferrini, während der mit dem Versuch aller Strenge die anderen Mitschüler dazu ermahnte, nicht zu viel noch ausstehenden Unterrichtes schon vorher preis zu geben. Taten die doch gar nicht. Sophie zeigte sich gleich schon wieder völlig verunsichert, die Frau schien so viel Selbstbewusstsein zu haben wie eine Maus. Es war schließlich besser, Sachen ruhig zwei mal zu hören, und außerdem argwöhnte Yaral, dass die "Geheimnisse" des Unterrichtes auch aus dem Grund so eifersüchtig gehütet wurden, weil man als Lehrer den Stoff zur Magie als neu und spektakulär verkaufen wollte, sich selbst als wissend, statt gelangweilten Schüllern bereits bekannte Inhalte vorzukauen. Aber so leicht ließ er sich nicht abspeisen. Im Unterricht alles in einem Stück zusammenhängend erklärt zu bekommen, würde schon noch interessant genug sein, und vorher ein paar Appetithäppchen... nicht verkehrt.
"Ihr möchtet also wissen, welche Zauber wir für angebracht halten, die Ihr frei nach eigenem Ermessen ausüben könnt?"
Ja genau!
"Also nicht jetzt... nur... als Scolar eben. Wenn." Yaral schwante, dass er gar nichts erfahren würde, wenn er zu sehr den Eindruck machte, ohne Plan von irgendwas sich dann blind drauflosexperimentierend ins Magiegefüge zu stürzen. Davon war... nur bedingt auszugehen. Bislang hatte er sich eher bemüht, die fremdartigen Eindrücke, die entstanden wenn er ... "anders"... sah/fühlte/hörte/was-auch-immer... gründlich zu verdrängen. So gründlich, dass Ferrini bei dem Test, ob Yaral magisch begabt war, einen Feuerball ziemlich groß machen und fröhlich um das Schlitzohr herum schweben lassen musste, damit der bei geschlossenen Augen bemerkte, dass da "etwas" war.
Er wollte definitiv nicht zu denen gehören, die beim Spiel mit magischem Feuer selbst in Flammen aufgingen, auch wenn die Vorstellung, Leuten wie Hanno eine Flammenkugel hinterher zu jagen mehr als.. verlockend war. Aber was würde er zu Beginn denn überhaupt können? Oder besser gesagt, üben? Vermutlich absolut anödende und überflüssige Sachen...
"Ihr könnt es kaum erwarten, wie mir scheint." Naja... mh... nein. Aber er bekam endlich eine Antwort:
"Ihr werdet von uns gelehrt bekommen, Euren Körper von Verunreinigungen zu befreien - das heißt Schaden, der Euch zugefügt wird."
"Verunreinigungen?" Schaden? Was für Schaden? Oder Verunreinigungen? Das eine klang danach, dass er sich nie wieder waschen musste, das andere... zu schön, um wahr zu sein. Aber Ferrini fuhr einfach fort: "Das... nunja... nennen wir es noch 'erschaffen' von Nahrung. Dann folgen noch so Kleinigkeiten wie Wasser erschaffen... einen Stab zum Leuchten zu bringen. In der Nacht sehen zu können... und... auch Euren 'Feuerball'."
In der Nacht sehen?!
Wieder schossen ihm sofort lauter Möglichkeiten, diese Dinge zu nutzen durch den Sinn: Hätte er bei Nacht sehen können, hätte ihn diese verdammte Sekretärfurie nicht so leicht über den Haufen stechen können. Wasser erschaffen, Nahrung erschaffen... da musste doch irgendwo ein Haken dran sein, wenn man sich anguckte, wie viele Menschen trotzdem hungernd in den Straßen saßen. Er begann schon zu vermuten, dass man sich womöglich nur selber erfolgreich vortäuschen konnte, satt zu sein, vielleicht waren sowas also die ersten Illusionszauber. Aber egal. Das klang schon alles weit vielversprechender, als er sich erhofft hatte.
Und Imagina hatte ihn für zwölf Kronen in der Hand sitzen lassen. Ha! Die wusste gar nicht, was ihr entging. Dumme Ziege.
"...Doch eines Tages werd ich mich rächen.
Ich werd die Herzen aller Frauen brechen.
Dann bin ich Magier und du läufst hinter mir her,
doch dann ist es zu spät, dann will ich dich nicht mehr!
Zu spät... zu spät... zu spät..."
Wissen ist Macht
-
Yaral Achon
Aufgabe Nummer Eins: NICHT denken!
Das war irgendwie schon kurios, oder? Magier, von denen man meinen sollte, dass sie mit zu den Denkern schlechthin gehörten, lernten also als erstes... an nichts zu denken.
"Versucht, Euren Geist zu leeren", hatte Kaylem letzten Abend in der Academia erklärt.
"Wenn es die Grundlage für Magie wäre, nichts im Kopf zu haben, au Backe. Dann wären wohl so einige Leute tolle Magiere...", in Gedanken ging Yaral die Liste seiner Bekannten daheim durch und bekam für eine Weile das gehässige Grinsen nicht aus dem Gesicht. Und wer es am schnellsten schaffte, nicht zu denken, der wär Arcoveneficus! Er musste sich bemühen, nicht auch noch laut zu lachen.
In Ordnung, gut... das hatte nun Kaylem sicher nicht gemeint dass es Sinn der Übung wäre, irgendwo herum zu sitzen und für andere unnachvollziehbar vor sich hin zu kichern. "Vielleicht ist der gute Nelrim doch nicht ganz so geistig verwirrt, wie es den Anschein macht, sondern er amüsiert sich bloß über solche Absurditäten und steht völlig über den Dingen, bewundernswertes seniles Kichern..." - räuspern. Oh mann, es fiel tatsächlich nicht leicht, an nichts zu denken. Wie machten andere das? Er versuchte mal, so ein dümmliches Gesicht zu ziehen, mit dem Ugo immer durch die Gegend gelaufen war, mit offenem Mund vor sich hin stierend, aber allein bei der Vorstellung, wie er nun aussah, brach er den Versuch angewidert ab.
Außerdem konnte er sich nicht vorstellen, dass Magiere in heimlichen Momenten so aussahen, nein. Das musste irgendwie anders gehen.
Er wischte sich durchatmend über das Gesicht. Nächster Gedanke: "Ich müsst' mich mal wieder rasieren." Im nächsten Moment dachte er an Imagina und seine Miene verhärtete sich, als ihm der Geruch seines Bettes schon fast wieder in die Nase stieg. Warum dieses Miststück es so darauf anlegte, ihn zu ärgern, wusste er nicht, aber dass sie rohen abgestandenen Fisch in seinem Umhang gewälzt und diesen dann unter seine Bettdecke gelegt hatte, würde sie irgendwie noch zurück bekommen. Unschlüssig schreckte er davor zurück, sich mit dumme-Jungen-Streichen an ihr zu rächen, auch wenn ihre Zimmertür für einen darüber platzierten Wassereimer wirklich perfekt war.
Eigentlich wäre es sehr willkommen, auch an diesen ganzen Kram nicht mehr zu denken. "Konzentrier dich aufs Hier und Jetzt!" Die Feuchtigkeit der Bank unter ihm drang langsam durch die Hose. Rauschen des Meeres... naja, aber es war scheiße kalt hier. Harch, dieser Ort war doch Mist. "Wenn dieser Ort schon Mist ist, was machst du dann erst vor besagtem wütenden Troll? Weglaufen und dabei rufen: 'Moment! Komme gleich wieder, ich brauch erstmal ein netteres Plätzchen, bevor ich zaubern kann!' ? So ein Quatsch." Ne, Übung brauchte es. Klar. Er versuchte es mit dem alten Trick, den Kaylem genutzt hatte, um ihm selber die Schwierigkeit zu verdeutlichen: "Versucht, nicht an diese Kerzenflamme hier zu denken."
Vielleicht konnte man den Spieß zu seinen Gunsten umdrehen: "Yaral, versuch NICHT an nichts zu denken!" Aber wie dachte man denn an nichts?! "Denkt an was Schönes", hatte Ferrini gesagt, als er diesen Test machte, ob der Kerl vor ihm magisch begabt war. Das hatte aber ziemlich abgelenkt, an was er dabei dachte... Dass Männer dabei das Gehirn ausschalteten, hätte Kryss ihm auch sofort bestätigt. "Keine Details bitte", Ferrinis Botschaft dazu. Er spürte, wie er schon wieder fast grinsen musste...
Moah, das war doch alles scheiße!
Was Schönes. Nicht zu schön. Vielleicht auch etwas, was mit Magie zu tun hatte. Nein, nicht die Szene mit dem Wein wieder. Da hatte irgend etwas anderes die Wahrnehmung umgekrempelt. Er atmete tief durch und wusste nicht einmal genau, wie, aber er musste plötzlich wieder an diesen.. mh, "Teich" oder was es war vor dem Konzil des Phönix denken. Ein fantastischer Ort und das einzige, worum er "das Reich" hier auf Gerimor im Moment beneidete. Das sah klasse aus, gebündelte Magie, Ausgewogenheit der Elemente, ganz natürlich und doch aufgeladen mit "Kraft" wie nichts, diese fetten Statuen, wie ein glänzender Kristall aus stumpffarbenem Mutterboden, erstarrte Luft, wartendes Feuer, aufgetürmte Wucht des Wassers, und alles perfekt platziert um dieses unergründliche helle Rund herum, unbenennbar tief, das war Magie, alles was er brauchte und gerade wollte, das Pulsieren, Strömen und doch Warten, ruhende Kraft...
Ein Fitzel seines Verstandes wollte sich gerade fragen, ob er nicht aufstehen und dort hin gehen wollte, als er feststellte, dass er sich aus dieser gemütlichen Haltung, in der er gerade eh nichts spürte, aber nicht weg bewegen wollte. Stutzend bemerkte er, dass es doch kalt sein müsste, das aber gerade egal war... nein, egal gewesen war, die Kälte war hier noch immer. In sich gekehrt lauschte er bewusst wieder seinem Atem, der für wenige Momente seltsam tief schien und geradezu enttäuscht registrierte er, wie ... "irgend etwas" ... gerade anders gewesen war und nun verschwand wie ein verblassender Traum. Er hatte aber doch nicht im Sitzen geschlafen.
Verdammt.
"Ich glaub, das war es. Oder?", fragte er sich irritiert blinzelnd und wusste gleichzeitig, dass er es doch irgendwie geschafft haben musste. Da war "es". Und wenn er daran zurück dachte, kam er sich schon wieder vor wie ein zappelnder Idiot, der den Weg zum Kern des Labyrinthes gefunden und nach dem raus gehen die Route dort hin schon wieder vergessen hatte.
Nochmal Ausatmen und in dem Moment des gedankenverlorenen Bedauerns und der Gewissheit, dass es dies sein musste, was er also lernen sollte, sah er doch ein bißchen aus wie Ugo.
Das war irgendwie schon kurios, oder? Magier, von denen man meinen sollte, dass sie mit zu den Denkern schlechthin gehörten, lernten also als erstes... an nichts zu denken.
"Versucht, Euren Geist zu leeren", hatte Kaylem letzten Abend in der Academia erklärt.
"Wenn es die Grundlage für Magie wäre, nichts im Kopf zu haben, au Backe. Dann wären wohl so einige Leute tolle Magiere...", in Gedanken ging Yaral die Liste seiner Bekannten daheim durch und bekam für eine Weile das gehässige Grinsen nicht aus dem Gesicht. Und wer es am schnellsten schaffte, nicht zu denken, der wär Arcoveneficus! Er musste sich bemühen, nicht auch noch laut zu lachen.
In Ordnung, gut... das hatte nun Kaylem sicher nicht gemeint dass es Sinn der Übung wäre, irgendwo herum zu sitzen und für andere unnachvollziehbar vor sich hin zu kichern. "Vielleicht ist der gute Nelrim doch nicht ganz so geistig verwirrt, wie es den Anschein macht, sondern er amüsiert sich bloß über solche Absurditäten und steht völlig über den Dingen, bewundernswertes seniles Kichern..." - räuspern. Oh mann, es fiel tatsächlich nicht leicht, an nichts zu denken. Wie machten andere das? Er versuchte mal, so ein dümmliches Gesicht zu ziehen, mit dem Ugo immer durch die Gegend gelaufen war, mit offenem Mund vor sich hin stierend, aber allein bei der Vorstellung, wie er nun aussah, brach er den Versuch angewidert ab.
Außerdem konnte er sich nicht vorstellen, dass Magiere in heimlichen Momenten so aussahen, nein. Das musste irgendwie anders gehen.
Er wischte sich durchatmend über das Gesicht. Nächster Gedanke: "Ich müsst' mich mal wieder rasieren." Im nächsten Moment dachte er an Imagina und seine Miene verhärtete sich, als ihm der Geruch seines Bettes schon fast wieder in die Nase stieg. Warum dieses Miststück es so darauf anlegte, ihn zu ärgern, wusste er nicht, aber dass sie rohen abgestandenen Fisch in seinem Umhang gewälzt und diesen dann unter seine Bettdecke gelegt hatte, würde sie irgendwie noch zurück bekommen. Unschlüssig schreckte er davor zurück, sich mit dumme-Jungen-Streichen an ihr zu rächen, auch wenn ihre Zimmertür für einen darüber platzierten Wassereimer wirklich perfekt war.
Eigentlich wäre es sehr willkommen, auch an diesen ganzen Kram nicht mehr zu denken. "Konzentrier dich aufs Hier und Jetzt!" Die Feuchtigkeit der Bank unter ihm drang langsam durch die Hose. Rauschen des Meeres... naja, aber es war scheiße kalt hier. Harch, dieser Ort war doch Mist. "Wenn dieser Ort schon Mist ist, was machst du dann erst vor besagtem wütenden Troll? Weglaufen und dabei rufen: 'Moment! Komme gleich wieder, ich brauch erstmal ein netteres Plätzchen, bevor ich zaubern kann!' ? So ein Quatsch." Ne, Übung brauchte es. Klar. Er versuchte es mit dem alten Trick, den Kaylem genutzt hatte, um ihm selber die Schwierigkeit zu verdeutlichen: "Versucht, nicht an diese Kerzenflamme hier zu denken."
Vielleicht konnte man den Spieß zu seinen Gunsten umdrehen: "Yaral, versuch NICHT an nichts zu denken!" Aber wie dachte man denn an nichts?! "Denkt an was Schönes", hatte Ferrini gesagt, als er diesen Test machte, ob der Kerl vor ihm magisch begabt war. Das hatte aber ziemlich abgelenkt, an was er dabei dachte... Dass Männer dabei das Gehirn ausschalteten, hätte Kryss ihm auch sofort bestätigt. "Keine Details bitte", Ferrinis Botschaft dazu. Er spürte, wie er schon wieder fast grinsen musste...
Moah, das war doch alles scheiße!
Was Schönes. Nicht zu schön. Vielleicht auch etwas, was mit Magie zu tun hatte. Nein, nicht die Szene mit dem Wein wieder. Da hatte irgend etwas anderes die Wahrnehmung umgekrempelt. Er atmete tief durch und wusste nicht einmal genau, wie, aber er musste plötzlich wieder an diesen.. mh, "Teich" oder was es war vor dem Konzil des Phönix denken. Ein fantastischer Ort und das einzige, worum er "das Reich" hier auf Gerimor im Moment beneidete. Das sah klasse aus, gebündelte Magie, Ausgewogenheit der Elemente, ganz natürlich und doch aufgeladen mit "Kraft" wie nichts, diese fetten Statuen, wie ein glänzender Kristall aus stumpffarbenem Mutterboden, erstarrte Luft, wartendes Feuer, aufgetürmte Wucht des Wassers, und alles perfekt platziert um dieses unergründliche helle Rund herum, unbenennbar tief, das war Magie, alles was er brauchte und gerade wollte, das Pulsieren, Strömen und doch Warten, ruhende Kraft...
Ein Fitzel seines Verstandes wollte sich gerade fragen, ob er nicht aufstehen und dort hin gehen wollte, als er feststellte, dass er sich aus dieser gemütlichen Haltung, in der er gerade eh nichts spürte, aber nicht weg bewegen wollte. Stutzend bemerkte er, dass es doch kalt sein müsste, das aber gerade egal war... nein, egal gewesen war, die Kälte war hier noch immer. In sich gekehrt lauschte er bewusst wieder seinem Atem, der für wenige Momente seltsam tief schien und geradezu enttäuscht registrierte er, wie ... "irgend etwas" ... gerade anders gewesen war und nun verschwand wie ein verblassender Traum. Er hatte aber doch nicht im Sitzen geschlafen.
Verdammt.
"Ich glaub, das war es. Oder?", fragte er sich irritiert blinzelnd und wusste gleichzeitig, dass er es doch irgendwie geschafft haben musste. Da war "es". Und wenn er daran zurück dachte, kam er sich schon wieder vor wie ein zappelnder Idiot, der den Weg zum Kern des Labyrinthes gefunden und nach dem raus gehen die Route dort hin schon wieder vergessen hatte.
Nochmal Ausatmen und in dem Moment des gedankenverlorenen Bedauerns und der Gewissheit, dass es dies sein musste, was er also lernen sollte, sah er doch ein bißchen aus wie Ugo.
Zuletzt geändert von Yaral Achon am Freitag 8. April 2011, 13:44, insgesamt 1-mal geändert.
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Yaral Achon
Ich weiß, dass ich nichts weiß...
Was war das für eine Scheiße, sich wieder zu fühlen wie ein 13-jähriger, der nicht wusste, wo seine charakterliche Linie lag, sondern sich einfach auf ein Thema stürzte, wie es ihm in den Sinn kam. "Ich sollte mich wieder wie früher aufs Beobachten verlegen", dachte Yaral und fuhr sich mit der Hand über das stoppelige Gesicht, das gedankliche Contra ließ nur leider keine Sekunde auf sich warten: "Dann krieg ich nie was raus und hink den anderen nur hinterher."
Es war zum aus der Haut fahren. Da FRAGTE er Aethra ein paar Tage vorher noch, was für Lektüre zu Beginn geeignet sei! Da schien der scheiß Kodex der Academia der anderen Neuen auch noch selbstverständliches Wissen zu sein, während Aethra das Buch aus einem der Regale des Schulzimmers nahm und ihm mit Empfehlung, das zu lesen, vor die Nase legte. Yaral hätte schwören können, das lag da vorher nicht.
"Vielleicht zum falschen Zeitpunkt nachgesehen und es hatte irgend jemand anders irgendwo sonst im Gebäude." Das war eine Möglichkeit, aber ein lausiger Trost. Ach, egal.
Bis er sich klarer darüber werden mochte, was von diesem stupidem Schauspiel zu halten war, das ihm kürzlich im Tempel Düstersees geboten wurde, hielt er sich von dem Ort mehr oder weniger fern. Ein Gespräch mit diesem Templer war grad das letzte, was er gebrauchen konnte. "Vielleicht überlässt das besser Kryss, die hat keine Probleme damit, dem das Blaue vom Himmel runterzuheucheln" - nicht wirklich bei der Sache schaute er inzwischen schon seit mehreren Minuten auf ein und dieselbe Seite des Kodex.
Ob es ein Fehler gewesen war, den Schulungsraum nach dem Unterricht zu verlassen? Aethra hatte da gesessen wie eine... Einladung, nun endlich die ganzen Fragen zu stellen, die "nicht zum Unterricht gehörten", aber Yaral hatte auch mehr als deutlich gemerkt, dass er anfing, dem Arcoveneficus auf den Senkel zu gehen, und das war nicht gut. Vor allem hatte er noch immer nicht das richtige Maß gefunden zwischen Zurückhaltung und unendlicher Neugier, am liebsten das ganze Wissen, was die Akademie bot, in sich aufzusaugen wie ein Loch mit Treibsand. Eigentlich hatte er sich mehr aus Verwirrung über sich selbst zurück gezogen, als aus mangelndem Interesse - davon hatte er viel zu viel, wie Aethras Zurechtweisungen bewiesen:
"Meldet Euch, wenn Ihr etwas sagen möchtet."
"Ich empfehle Euch, derartige Fragen, die nicht direkt mit dem Thema der Stunde zusammenhängen, außerhalb zu stellen."
"Scolar, Ihr solltet euch angewöhnen, vor Euren Fragen zu überlegen, ob sie nicht bereits beantwortet wurden oder Ihr sie Euch selbst erschließen könnt ohne größeren Aufwand."
"Wenn ich sage, dass 'Ihr es noch feststellen werdet' und damit auf noch kommende, themenbezogene Unterrichtsstunden verweise, dann meine ich es durchaus auch so."
Nein... heute nervte er lieber nicht weiter. Er war sich ziemlich sicher, es würde der aufkommenden Fragen kein Ende nehmen, sondern das Loch wie bei einem kaputten gestrickten Schal größer und größer werden, je mehr er an den losen Fäden zog.
Hatte man es ihm nicht vorausgesagt? Der Unterricht würde Fragen klären und nur umso mehr neue aufwerfen. "Eigentlich ist das keine Kunst, sowas vorauszusagen." Er stützte den Kopf auf die Hand. Dieser Kodex war langweilig, bis auf die Tatsache, dass es ihn ärgerte, dass er eine Abschrift davon nicht mal für sich mitnehmen durfte.
"Auf diese Weise binden sie natürlich die Schüler an sich, die müssen alle her kommen, um irgendwelchen Krempel zu lesen." Mit leisem Brummen klappte er das Buch zu und legte es so zurück ins Regal, dass es auch wirklich gut zu sehen war. An ihm sollte es nicht scheitern, dass der nächste arme Tropf nicht mal die grundlegendsten Schriften hier fand.
Überlegend schob er den stoppeligen Kiefer hin und her. Langsam, nein eigentlich wohl verdammt früh bekam er das Gefühl, es würde notwendig sein, die ganzen Lücken, die sich ihm irgendwie aufzutun schienen, gründlich zu stopfen. Entweder die dafür benötigten Schriften auftreibend, wenn es auf die Fragen bereits Antworten gab... oder wenn nicht... schrieb er sie eben selber, pah!
"Die Werke des Scolaren Achon: Band 1, Über das Naturell des Akademieteppichs"
Yaral schloß die Augen. Aus irgend einem unerfindlichen Grund war er von seiner eigenen Idee noch nicht so wirklich überzeugt.
Aber eine andere begann er in die Tat umzusetzen: Nach einem weiteren Blick auf die Liste, die er anhand der ersten Stunde nachträglich angelegt hatte, schlenderte er zu Nelrim rüber und grüßte nun wenigstens nicht mehr mit "Nabend", sondern passte sich mit "Wissen und Weisheit" also den Akademiegepflogenheiten an. Gleichzeitig grübelte er, welchen Rang der öfters wie senil kichernde Magier haben mochte. Magister sicher nicht. Konnte man in so einem Alter noch Discipulus sein? Veneficus? Bislang hatte er damit eigentlich den Eindruck von Kompetenz verbunden... Es schien aber in Ordnung, wenn selbst junge Discipuli ihn bloß Nelrim nannten, also beließ er es dabei oder wich solchen Formulierungen aus.
"Sagt mal, ich will mich darüber schlau machen, welche Arten oder mh, 'Schulen' der Magie es noch gibt. Also eben alles, was es außer akademischen Magiern noch gibt. Ob es Hexen gibt... Uhm, oder Schamanen. Oder... äh, Elfen können ja zaubern. Zwerge auch?"
Hoffnungsvoll sah er den älteren Magier an. Der sagte jetzt hoffentlich nicht einfach: "Guck in der Bibliothek", in die er vermutlich immer noch nicht durfte. Und in der er ohne Hilfe vermutlich in zehn Jahren noch nicht finden würde, was er suchte. Oder: "Kommt im Unterricht", das war genauso hinhaltend. Es war zum Mäuse melken.
Aber die Liste war auch längst noch nicht zuende:
"Gibt es eine ausführlichere Definition zu 'Primärenergie' und sowas wie eine Liste oder Einteilung, was für Zauber diese verwenden?"
...
"Und Sekundärenergie?"
...
"Diese Begriffe, 'Salande', äh, 'Salambe', 'Unda'... Gibt es ein Buch, das sich spezieller mit diesen Begriffen beschäftigt? Arcoveneficus Aethra meinte, es sei so etwas wie eine eigene Sprache, und man würde mehr dazu in Büchern finden, wo etwas zur Entstehung der Magietraditionen steht."
...
"Gibt es sowas wie eine grundlegende Abhandlung zum Wesen der Elemente, 'Geist' mit dabei?"
...
"Gibt es ein Buch, das äh... beschreibt, wie man verschiedene Dinge mit dem Sinn für Magie wahrnimmt? Also, was in der Wahrnehmung einen Tisch von einem Menschen unterscheidet oder einen magisch Begabten von einem nicht magisch Begabten oder wie verschiedene Zauber... mh, 'aussehen'?
'Analysemagie' heißt das? Ah ja, gut... Gibt es dazu sowas wie ein Einführungswerk?"
...
"Gibt es so eine Art Fremdwörterbuch, was Magie angeht?" Er ahnte, dass er noch mehr Begriffe als "Applikationen" würde nachschlagen müssen.
Innerlich stellte er sich auf jede Menge "Nein" und Ausflüchte ein, aber vielleicht gab es ja doch irgendwas, das er in die Finger kriegen konnte.
"Ihr solltet nach dieser Stunde verstanden haben, was es mit dem Lied auf sich hat." Dieser Satz von Aethra hallte unangenehm in ihm nach, denn es wirklich verstanden zu haben, das Gefühl hatte er trotz seines Nachhakens nicht.
Magie war wohl keine eigene Kraft, wie er bislang geglaubt hatte, sondern die Manipulation dieser Primär- oder Sekundärenergien als solches. Aber was machte Magie aus? Warum war ein Tisch "nicht magisch", ein Artefakt schon, obwohl beides Gegenstände waren? Worin und warum unterschied sich die Flamme, die Janus schuf, selbst für seine ungeschulte Wahrnehmung so deutlich von dem Feuer im Kamin? Es musste sicher Gemeinsamkeiten geben, sonst hätte der Arcoveneficus die Kerzen im Raum vorher nicht gelöscht.
Wenn die Energien überall waren, sogar auch noch unerschöpflich, wenn alles was existierte, sich aus diesen zusammensetzte und Magie bedeutete, in diese einzugreifen, war mit Magie dann im Grunde alles möglich, alles veränderbar?
Ein paar Antworten glaubte er bereits ansatzweise zu erahnen: "Solche Veränderungen neigen dazu, in ihren Urzustand zurückkehren zu wollen", hatte ihm irgend jemand erklärt. Vermutlich war die Kraft eines Menschen, gegen diesen Drang zu wirken, ab irgend einem Punkt begrenzt und erschöpfbar.
Grübelnd ruckte sein Kopf hoch - jetzt hätte er Nelrims Antwort noch fast überhört!
Was war das für eine Scheiße, sich wieder zu fühlen wie ein 13-jähriger, der nicht wusste, wo seine charakterliche Linie lag, sondern sich einfach auf ein Thema stürzte, wie es ihm in den Sinn kam. "Ich sollte mich wieder wie früher aufs Beobachten verlegen", dachte Yaral und fuhr sich mit der Hand über das stoppelige Gesicht, das gedankliche Contra ließ nur leider keine Sekunde auf sich warten: "Dann krieg ich nie was raus und hink den anderen nur hinterher."
Es war zum aus der Haut fahren. Da FRAGTE er Aethra ein paar Tage vorher noch, was für Lektüre zu Beginn geeignet sei! Da schien der scheiß Kodex der Academia der anderen Neuen auch noch selbstverständliches Wissen zu sein, während Aethra das Buch aus einem der Regale des Schulzimmers nahm und ihm mit Empfehlung, das zu lesen, vor die Nase legte. Yaral hätte schwören können, das lag da vorher nicht.
"Vielleicht zum falschen Zeitpunkt nachgesehen und es hatte irgend jemand anders irgendwo sonst im Gebäude." Das war eine Möglichkeit, aber ein lausiger Trost. Ach, egal.
Bis er sich klarer darüber werden mochte, was von diesem stupidem Schauspiel zu halten war, das ihm kürzlich im Tempel Düstersees geboten wurde, hielt er sich von dem Ort mehr oder weniger fern. Ein Gespräch mit diesem Templer war grad das letzte, was er gebrauchen konnte. "Vielleicht überlässt das besser Kryss, die hat keine Probleme damit, dem das Blaue vom Himmel runterzuheucheln" - nicht wirklich bei der Sache schaute er inzwischen schon seit mehreren Minuten auf ein und dieselbe Seite des Kodex.
Ob es ein Fehler gewesen war, den Schulungsraum nach dem Unterricht zu verlassen? Aethra hatte da gesessen wie eine... Einladung, nun endlich die ganzen Fragen zu stellen, die "nicht zum Unterricht gehörten", aber Yaral hatte auch mehr als deutlich gemerkt, dass er anfing, dem Arcoveneficus auf den Senkel zu gehen, und das war nicht gut. Vor allem hatte er noch immer nicht das richtige Maß gefunden zwischen Zurückhaltung und unendlicher Neugier, am liebsten das ganze Wissen, was die Akademie bot, in sich aufzusaugen wie ein Loch mit Treibsand. Eigentlich hatte er sich mehr aus Verwirrung über sich selbst zurück gezogen, als aus mangelndem Interesse - davon hatte er viel zu viel, wie Aethras Zurechtweisungen bewiesen:
"Meldet Euch, wenn Ihr etwas sagen möchtet."
"Ich empfehle Euch, derartige Fragen, die nicht direkt mit dem Thema der Stunde zusammenhängen, außerhalb zu stellen."
"Scolar, Ihr solltet euch angewöhnen, vor Euren Fragen zu überlegen, ob sie nicht bereits beantwortet wurden oder Ihr sie Euch selbst erschließen könnt ohne größeren Aufwand."
"Wenn ich sage, dass 'Ihr es noch feststellen werdet' und damit auf noch kommende, themenbezogene Unterrichtsstunden verweise, dann meine ich es durchaus auch so."
Nein... heute nervte er lieber nicht weiter. Er war sich ziemlich sicher, es würde der aufkommenden Fragen kein Ende nehmen, sondern das Loch wie bei einem kaputten gestrickten Schal größer und größer werden, je mehr er an den losen Fäden zog.
Hatte man es ihm nicht vorausgesagt? Der Unterricht würde Fragen klären und nur umso mehr neue aufwerfen. "Eigentlich ist das keine Kunst, sowas vorauszusagen." Er stützte den Kopf auf die Hand. Dieser Kodex war langweilig, bis auf die Tatsache, dass es ihn ärgerte, dass er eine Abschrift davon nicht mal für sich mitnehmen durfte.
"Auf diese Weise binden sie natürlich die Schüler an sich, die müssen alle her kommen, um irgendwelchen Krempel zu lesen." Mit leisem Brummen klappte er das Buch zu und legte es so zurück ins Regal, dass es auch wirklich gut zu sehen war. An ihm sollte es nicht scheitern, dass der nächste arme Tropf nicht mal die grundlegendsten Schriften hier fand.
Überlegend schob er den stoppeligen Kiefer hin und her. Langsam, nein eigentlich wohl verdammt früh bekam er das Gefühl, es würde notwendig sein, die ganzen Lücken, die sich ihm irgendwie aufzutun schienen, gründlich zu stopfen. Entweder die dafür benötigten Schriften auftreibend, wenn es auf die Fragen bereits Antworten gab... oder wenn nicht... schrieb er sie eben selber, pah!
"Die Werke des Scolaren Achon: Band 1, Über das Naturell des Akademieteppichs"
Yaral schloß die Augen. Aus irgend einem unerfindlichen Grund war er von seiner eigenen Idee noch nicht so wirklich überzeugt.
Aber eine andere begann er in die Tat umzusetzen: Nach einem weiteren Blick auf die Liste, die er anhand der ersten Stunde nachträglich angelegt hatte, schlenderte er zu Nelrim rüber und grüßte nun wenigstens nicht mehr mit "Nabend", sondern passte sich mit "Wissen und Weisheit" also den Akademiegepflogenheiten an. Gleichzeitig grübelte er, welchen Rang der öfters wie senil kichernde Magier haben mochte. Magister sicher nicht. Konnte man in so einem Alter noch Discipulus sein? Veneficus? Bislang hatte er damit eigentlich den Eindruck von Kompetenz verbunden... Es schien aber in Ordnung, wenn selbst junge Discipuli ihn bloß Nelrim nannten, also beließ er es dabei oder wich solchen Formulierungen aus.
"Sagt mal, ich will mich darüber schlau machen, welche Arten oder mh, 'Schulen' der Magie es noch gibt. Also eben alles, was es außer akademischen Magiern noch gibt. Ob es Hexen gibt... Uhm, oder Schamanen. Oder... äh, Elfen können ja zaubern. Zwerge auch?"
Hoffnungsvoll sah er den älteren Magier an. Der sagte jetzt hoffentlich nicht einfach: "Guck in der Bibliothek", in die er vermutlich immer noch nicht durfte. Und in der er ohne Hilfe vermutlich in zehn Jahren noch nicht finden würde, was er suchte. Oder: "Kommt im Unterricht", das war genauso hinhaltend. Es war zum Mäuse melken.
Aber die Liste war auch längst noch nicht zuende:
"Gibt es eine ausführlichere Definition zu 'Primärenergie' und sowas wie eine Liste oder Einteilung, was für Zauber diese verwenden?"
...
"Und Sekundärenergie?"
...
"Diese Begriffe, 'Salande', äh, 'Salambe', 'Unda'... Gibt es ein Buch, das sich spezieller mit diesen Begriffen beschäftigt? Arcoveneficus Aethra meinte, es sei so etwas wie eine eigene Sprache, und man würde mehr dazu in Büchern finden, wo etwas zur Entstehung der Magietraditionen steht."
...
"Gibt es sowas wie eine grundlegende Abhandlung zum Wesen der Elemente, 'Geist' mit dabei?"
...
"Gibt es ein Buch, das äh... beschreibt, wie man verschiedene Dinge mit dem Sinn für Magie wahrnimmt? Also, was in der Wahrnehmung einen Tisch von einem Menschen unterscheidet oder einen magisch Begabten von einem nicht magisch Begabten oder wie verschiedene Zauber... mh, 'aussehen'?
'Analysemagie' heißt das? Ah ja, gut... Gibt es dazu sowas wie ein Einführungswerk?"
...
"Gibt es so eine Art Fremdwörterbuch, was Magie angeht?" Er ahnte, dass er noch mehr Begriffe als "Applikationen" würde nachschlagen müssen.
Innerlich stellte er sich auf jede Menge "Nein" und Ausflüchte ein, aber vielleicht gab es ja doch irgendwas, das er in die Finger kriegen konnte.
"Ihr solltet nach dieser Stunde verstanden haben, was es mit dem Lied auf sich hat." Dieser Satz von Aethra hallte unangenehm in ihm nach, denn es wirklich verstanden zu haben, das Gefühl hatte er trotz seines Nachhakens nicht.
Magie war wohl keine eigene Kraft, wie er bislang geglaubt hatte, sondern die Manipulation dieser Primär- oder Sekundärenergien als solches. Aber was machte Magie aus? Warum war ein Tisch "nicht magisch", ein Artefakt schon, obwohl beides Gegenstände waren? Worin und warum unterschied sich die Flamme, die Janus schuf, selbst für seine ungeschulte Wahrnehmung so deutlich von dem Feuer im Kamin? Es musste sicher Gemeinsamkeiten geben, sonst hätte der Arcoveneficus die Kerzen im Raum vorher nicht gelöscht.
Wenn die Energien überall waren, sogar auch noch unerschöpflich, wenn alles was existierte, sich aus diesen zusammensetzte und Magie bedeutete, in diese einzugreifen, war mit Magie dann im Grunde alles möglich, alles veränderbar?
Ein paar Antworten glaubte er bereits ansatzweise zu erahnen: "Solche Veränderungen neigen dazu, in ihren Urzustand zurückkehren zu wollen", hatte ihm irgend jemand erklärt. Vermutlich war die Kraft eines Menschen, gegen diesen Drang zu wirken, ab irgend einem Punkt begrenzt und erschöpfbar.
Grübelnd ruckte sein Kopf hoch - jetzt hätte er Nelrims Antwort noch fast überhört!