Es ist wirklich ein schlechter Tag, das kann ich euch sagen, wenn man die Anwesenheit der eigenen Füße nur noch durch das Knirschen selbiger im knöcheltiefen Schnee wahrnimmt. Ich brauche dringend eine Herberge oder sonst irgendetwas das mir ein wärmendes Feuer bietet. Ich atme einmal tief durch und sehe die Feuchtigkeit vor meiner Nase kondensieren. Wären sie nicht so salzig wären vielleicht sogar meine Tränen schon gefroren.
„Gottverdammter Scheißtag!“
Kraftlos lehne ich mich an einen nahen Baumstamm dessen Krone kahl, mit weißem Puderzucker bedeckt zwischen dem restlichen Weiß der verschneiten Landschaft untergeht. Ich versuche mich zu beruhigen, mir einzureden, dass die Tränen von den Schmerzen der Kälte kommen. Mit einem leisen Seufzen sehe ich über die Lüge in den Gedanken hinweg und schweife ab zum Ursprung meines Übels.
Tja, damals war ich 13 Sommer alt und ein naives kleines Mädchen, das wie so viele andere ständigen Ärger mit ihren Eltern hatte. Wer räumt aber auch schon gerne sein Zimmer auf..? Oder gar die ganze Wohnung? Putzt den Boden? Kocht? Wäscht? Na gut, es gibt sicher auch SOLCHE Frauen. Ich habe damals nicht dazugehört und heute tu ich es noch immer nicht!
Ich habe mich also in mancherlei Hinsicht nicht verändert. Auf Ian wäre ich aber Gewiss nicht mehr reingefallen! Dieser vermaledeite Mistkerl. Würde er jetzt nicht in irgendeinem Kerker in Adoran schmoren, ich schwöre ich würde ihm die Männlichkeit höchstpersönlich und vor der Nase aller seiner Flittchen langsam und kräftig… seufz… das bringt mich aber jetzt auch nicht aus dieser Situation - oder wie auch immer man es nennen möchte - heraus.
Er war eben damals einer dieser Kerle mit Charisma, denen die jungen Dinger in Scharen verfallen. Und allesamt sind sie zu blind um die anderen zu sehen die sonst um solche jungen Männer herumscharwenzeln. Um es nun also kurz zu machen: ich bin von zu Hause ausgebüchst und habe mich Ians Bande angeschlossen nachdem mir Vater und Mutter den Umgang mit ihm verboten haben. Ich weiß nicht recht warum ich nicht einfach wieder Heim gegangen bin nachdem ich bemerkt habe wie dumm ich da gewesen bin. Ich meine er wollte mich ja nicht mal ständig an der Backe haben. Wahrscheinlich weil ich die mitleidigen Blicke der anderen bemerkte. Da waren tatsächlich ein paar Jungs dabei denen ich nicht ganz egal zu sein schien! Und keine anderen Mädchen in Sicht… Die haben alle nicht die Aufnahmeprüfungen bestanden.
Ich aber schon. Und wie! Ich war schnell, geschickt und konnte die Erwachsenen um den Finger wickeln. Außer dümmlichem Mut brauchte es sonst ja auch nicht so viel um hier und da ein wenig zu stibitzen und mich in die Gemeinschaft der heimatlosen Kinder einzubringen.
Und wie das nun mal im Leben so ist wachsen die Ziele mit dem Alter. Vier Jahre später waren wir keine Bande kleiner Kinder mehr die anderen Streiche spielten sondern streunende Banditen, die… na guuuuuuut… wir waren wohl eher streunende Streuner und Taugenichtse. Wir taten ja nicht wirklich was und das meiste war dann am Ende des Tages doch eher ehrliche Arbeit als irgendeine Gaunerei. Dazu fehlte uns irgendwie dann doch die Skrupellosigkeit.
Die… kam dann erst mit der Zeit.
Aber wenn man nur gut genug ist braucht man sich nicht fürchten. Und wir haben schließlich noch niemanden umgebracht. Also damals. Alles andere ergibt sich dann eben einfach so mit der Zeit. Ein kleiner Diebstahl hier, etwas Erpressung dort, Zuhälterei und ein paar blaue Augen. Man nimmt sich eben was man braucht und wenn man die Menschen nur richtig beeinflusst erfährt die Garde nichts davon. Ich persönlich war mir ja für die Dreckarbeit ohnehin immer zu fein. Ich bevorzugte es in der Distanz meinen Pfeil an die Bogensehne zu legen, bööööse auszusehen und den Leuten die Ian und die anderen ausnahmen Angst einzujagen. Ich bin die Amazone die einem Spatz aus tausend Schritt Entfernung die Fliege aus dem Schnabel schießt. Oder auch Fay, die kleine, Dummerchen, Sturkopf, Furie.. ich könnte das noch Stunden weiterführen. Mir gehörten eben dort so ziemlich alle Namen die man sich als Frau im Umgang mit einer Bande rüpelhafter, aber eigentlich ganz herzlicher Männer so erarbeiten kann!
Ich vermisse sie. Meine Familie.
Vorsichtig raffe ich mich auf, dem Weg weiter gen Bajard zu folgen. Es kann nicht mehr weit sein und dann werde ich mich ausruhen. Es wird sich alles finden, da bin ich sicher. Und dann kann ich mir den Kopf zerbrechen wie ich Ian und den anderen helfen kann. Oder ob ich es überhaupt will.
Ich hatte nie jemandem wirklich Leid zufügen wollen. Ich will es immer noch nicht. Aber ich nehme es inzwischen in Kauf, wenn es notwendig ist. Inzwischen ist es eh egal da ich zwei oder drei Menschenleben auf dem Gewissen habe.
Nicht, dass ich es den anderen nicht gesagt hätte, dass solche Händler immer eine gut ausgerüstete und trainierte Eskorte dabeihaben. Nicht, dass es nicht jeder gewusst hätte was passieren könnte. Aber im Angesicht möglichen Reichtums schaltet sich so manches Hirn aus. Und allein zurückbleiben kam auch nicht in Frage. Schließlich gehörten wir zusammen.
Es lief alles wie immer. Gut gelaunt und voller Übermut machten wir uns auf den Weg. Teddy hatte uns von dem Händler berichtet dessen Karawane auf dem Weg in unsere Richtung war. Drei Wagen mit je 2 Leibwachen und dem Händler mit seiner Familie. Doch eines war uns allen von vornherein klar: Wenn das hier schiefging und es herauskam dann würde uns die Garde jagen. Dann war’s aus mit dem schönen Leben. Das IN den Wagen nochmal jeweils zwei Leibwächter saßen und es zu allem Überfluss auch noch eine Vor- und Nachhut gab hätte man herausfinden können wenn man nicht so schrecklich stur wäre.
Wie konnte das alles nur so schrecklich schieflaufen?
Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass wir uns zu so einer Schwachsinnsaktion haben hinreißen lassen?
Und wieso in Horteras Namen bin ich damals nicht einfach zu Mutter und Vater zurück?
Ich merke wie mir die Tränen wieder die Sicht verschleiern wenn ich an die roten Flecken im Schnee denke. An die zusammengesunkenen Körper von Rod, Fel und Alan. Sie hatten es nicht geschafft, da bin ich mir sicher. Und die anderen? Ich weiß es nicht. Ich bin nur noch gerannt, als sie hinter mir her waren. „Ich habe so lange ich konnte geholfen.“ Das klingt in meinen Ohren wie ein Mantra, eines das mich von jedweder Schuld freispricht.
Ich muss Bajard erreichen...