Flammen. Rauch. Hitze, die so groß war, dass die Teppiche im Raum Feuer fingen, ohne je mit Flammen in Berührung gekommen zu sein und nahe der brennenden Truhe abgestellte Glaskrüge sich verformten. Sämtliche Versuche Ari´deryas und Kyr´laex´ , den Flammen Herr zu werden, waren gescheitert. Zwar war es ihnen einmal gelungen, das Feuer zu löschen, jedoch hatte es keine Minute gedauert bis die Flammen, wie von einer unsichtbaren Macht angestachelt, wieder aufloderten. Von irgendeinem Gegenstand in der Truhe schien eine unglaubliche Hitze auszugehen… und es hatte nicht lange gedauert, bis den beiden Letharen auch klar wurde, welcher Gegenstand es war: Die kleine Schatztruhe, gefüllt mit Rubinen und dem Seelenstein, der vor einiger Zeit in den Besitz der Bruderschaft gelangt war. Sie musste aus der Truhe heraus! Mit tränenden Augen beobachtete Ari´derya, wie Kyr´laex sich seine Robe über den Kopf zog, diese mit Wasser tränkte und mit ihrer Hilfe die kleine, schon fast zerfallene Holzkiste mit dem Seelenstein darin aus der Truhe holte und auf den Boden warf.. Die Kiste sprang auf, und heraus fielen die Rubine.. und der Seelenstein. Er glühte in einem dunklen Rot und gab pulsierende Hitzeschübe ab... Und wurde weiterhin immer heißer. „Wir müssen ihn aus dem Hause heraus bringen!“ dachte Ari´derya. Ihr Letharf schien den selben Gedanken gehabt zu haben, denn er streckte die Hand nach dem Stein aus... Sobald er ihn berühte, erscholl ein markerschütternder, gequälter Schrei Kyr´laex´, geboren aus schier unerträglichen Schmerzen. Doch trotz seiner Qualen hielt er den Stein immer noch fest in der Hand und rannte aus dem Raum. Ari´derya folgte ihm eilig... Sie fand Kyr'laex im Freien, vor den Eingangstüren, bewusstlos auf dem Boden liegend. Der Stein lag in seiner geöffneten rechten Hand, welche sich in einem schrecklichen Zustand befand. Der Stein hatte sowohl den Handschuh aus Dämonenknochen, als auch die Haut der rechten Hand bis auf die Knochen verbrannt. Der Gestank verbrannten Fleisches und verkohlter Knochen durchzog die Luft...
Noch während die Lethra Kyr'laex musterte, begann es zu schneien. Dicke Flocken fielen vom Himmel, bedeckten bald schon in einer dünnen Schicht den Boden, berührten den Stein... Und schienen die Temperatur des Steines zu senken. Je mehr Flocken ihn berührten, desto mehr nahmen sein Glühen und die Hitze die von ihm ausging ab. Dies bemerkte Ari´derya auch recht bald. Stumm, und nicht ohne eine gewisse Faszination, betrachtete sie den Seelenstein. Wie magnetisch wurde ihr Blick von diesem festgehalten... auch verspürte sie den übermächtigen Drang, ihn zu berühren, ihn an sich zu nehmen. Kyr'laex war vollkommen aus ihren Gedanken verschwunden. Langsam streckte sie die Hand nach dem Stein aus... und berührte ihn schließlich, nur um die Hand augenblicklich wieder zurück zu ziehen. Er war noch zu heiß! Ihr Blick fiel wieder auf ihren Letharfen. "Ich sollte ihn ins Haus bringen.. was ist wenn ihn jemand in diesem Zustand sieht?" dachte sie, und schleppte ihn ins Haus, wo sie ihn auf dem Teppich im Eingangsbereich liegen ließ. Daraufhin trat sie wieder nach draußen. Der Seelenstein sah inzwischen vollkommen harmlos aus... Abermals versuchte Ari´derya, ihn in die Hand zu nehmen, war ihr nun auch gelang. Eilig trug sie ihn ins Haus und legte ihn auf den Fliesen des Eingangsbereiches ab. Gerade wollte sie sich wieder Kyr'laex widmen, als sie spürte, dass der Stein erneut an Wärme gewann... eilig ergriff sie ihn, rannte damit, die ansteigende Temperatur ignorierend, in die Küche und ließ ihn dort in einen großen Wassereimer fallen. In nervöser Erwartung blieb sie vor dem Eimer stehen und wartete..beobachtete. "Vielleicht wird es ja ausreichen.. Vielleicht....." dachte sie bei sich... "Nein.. natürlich nicht" murmelte sie leise, richtete den Blick gen Zimmerdecke und sprach ein verzweifeltes Stoßgebet an Alatar, als das Wasser im Eimer zu kochen begann. Mit beiden Händen griff die Lethra zum Henkel des Eimers und schleppte diesen so schnell wie möglich nach draußen um ihn dort schwungvoll auszuleeren. Und wieder... sobald der Stein mit Schnee in Berührung kam, kühlte er ab. Eilig machte sie sich daran, mit bloßen Händen Schnee auf ihn zu schaufeln, um ihn darunter zu begraben. Aber auch wenn sie sich noch so anstrengte gelang es ihr nicht, den Stein komplett mit Schnee zu bedecken. Der Schnee auf der Spitze des Steines taute sofort weg... Was nun? Eine halbe Ewigkeit, so schien es ihr, kniete sie vor der Eingangstür im Schnee und suchte verzweifelt nach einer Lösung. "Zerstören will ich ihn nicht... und wage es nicht. Hierbleiben kann er aber auch nicht... Es ist nicht kalt genug hier... und selbst wenn.. spätestens im Frühjahr muss ich dann nach einer längerfristigen Lösung suchen.."dachte sie bei sich. "Wohin also kann ich ihn bringen?" Plötzlich erschien der Lethra die Lösung als ein Bild vor Augen.. Sie sah eine Insel vor sich.. eine von immerwährendem Schnee und Eis bedeckte Insel. Fuachtero! "Das ist es! Ich werde ihn auf Fuachtero vergraben. Aber... wie soll ich ihn dorthin bringen?Die Reise ist lang. Das Schiff wird sicherlich, kaum dass es den Hafen Rahals verlassen hat, in Flammen aufgehen.. Aber vielleicht könnte ich... " Nachdenklich sah sie auf den leeren Wassereimer neben sich. "Vielleicht... wenn ich den Eimer mit Schnee fülle und ihn darin transportiere?" Sogleich ging sie daran, ihr Vorhaben auszuführen. Dann rannte sie , den Henkel des Eimers mit der Rechten umklammernd, zum Hafen, wo zu ihrem Glück.. oder war es mehr? - ein zur Fahrt bereites Schiff wartete. Ari´derya verbrachte die ganze Überfahrt damit, an der Rehling zu stehen und, äußerlich ungerührt, aufs Meer zu schauen... Gelegentlich warf sie jedoch kurze, nervöse Blicke auf den Eimer, welchen sie zwischen ihren Füßen abgestellt hatte...Der Schnee darin schmolz langsam, aber unaufhaltsam. Würde die Zeit reichen?
Eine halbe Ewigkeit später betrat die Lethra endlich den Boden Fuachteros. Der kalte Wind schmerzte tausend Nadelstiche in ihrem Gesicht, sie begann sofort zu zittern. Ohne noch mehr Zeit zu verlieren, lief sie los.Nur noch wenig Wasser befand sich im Eimer, ein Großteil war bereits verdampft... Es grenzte schier an ein Wunder, dass die Überfahrt überhaupt glatt verlaufen war. Ihre Schritte führten Ari´derya an die Spitze einer kleinen Landzunge. Dort kniete sie nieder und grub, unter Zuhilfenahme eines starken Astes, ein Loch in den Schnee. Erst, als sie nicht mehr tiefer graben konnte, leerte sie den Rest des Wassers zusammen mit dem Stein über dem Loch aus.. und füllte dieses wieder mit Schnee, welchen sie gut festtrat. Endlich...Nichts zeigte mehr, dass an jener Stelle etwas vergraben worden war. Abschließend nahm die Lethra einen Stein, der so schwer war, dass er nicht durch die stürmischen Winde verschoben werden konnten, und legte ihn auf die Stelle, um sie zu markieren. Nun war ihr Werk vollendet...Einen kurzen Moment noch verweilte Ari´derya an jenem Ort, um ein Dankgebet an Alatar zu sprechen. Dann trat sie ihre Heimreise an...Wie es Kyr'laex wohl ging?