Delilah Janaan - Gefangene ihrer Selbst.
Verfasst: Donnerstag 16. September 2010, 12:03
Unschuldige Kindertage
„Delilah, komm’ raus! Ich finde Dich doch sowieso!“
Leise raschelt der Vorhang zu dem kleinen Lagerraum, in dessen Ecke das gesuchte Mädchen kauert. Voller Spannung hält sie den Atem an und versucht sich noch ein klein wenig mehr in die schmale dunkle Ritze zwischen den Vorratskisten und –krügen zu drücken, um möglichst wenig Angriffsfläche für neugierige Späher zu bieten. Doch dieser eine verflixte Krug fängt an zu wackeln – irgendein Spielverderber muss eine große Menge an Korn herausgenommen haben, denn am frühen Morgen stand er noch fest, Delilah hatte es in weiser Voraussicht getestet!
„Ha, hab’ Dich!“, taucht Fareed’s braungebranntes Gesicht über ihr auf, das siegessichere Grinsen von einem Ohr zum anderen zur Schau tragend.
„Aber Du hast mich noch nicht berührt, von wegen gewonnen!“, johlt sie und saust auch schon los, ungeachtet dessen, dass sie dem Tonkrug nun endgültig den Todesstoß verpasst und er scheppernd zu Boden kracht. Das gibt sicher noch Ärger, aber das ist jetzt nicht wichtig. Sie muss erst einmal zusehen, dass sie möglichst viel Abstand zwischen sich und ihren Verfolger bringt. Der Eingangsvorhang flattert hinter ihr auf, die Sandalen an ihren kleinen Kinderfüßen wechseln von Stein auf heißen Sand. Das Herz in ihrer Brust pocht so kräftig, dass sie glaubt es würde gleich zerspringen, doch sie muss durchhalten. Einen Blick zurück wagt sie nicht, es würde sie nur Zeit kosten. Aber bestimmt hat sie ihn schon abgeschüttelt!
Doch da wird sie auch schon mit einem kräftigen Rums vornüber in den Sand geschubst! So weich und sanft sich die kleinen Körner anfühlen, wenn man sie durch die Finger rieseln lässt, so bretthart werden sie, sobald man volle Wucht auf sie aufschlägt. Autsch! Und während sich Mund und Nase gleich einem Schmirgelpapier verhalten, füllen sich die Ohren mit lautem Gelächter.
„Ich bin schneller als Du mit Deinen Stummelbeinchen! Gewonnen, gewonnen, gewonnen!“
„Ich habe keine Stummelbeinchen, Du … Du … Kamel!“, schimpft es aus dem Mädchenmund, der daraufhin eine Ladung feuchten Wüstensand ausspuckt. „Pah, bäh!“, schaufelt sie sich aus ihrer liegenden Position wieder herauf und klopft sich das einfache Leinenkleid aus. Dann stemmt sie die kurzen Arme in die Hüften und funkelt den noch am Boden liegenden und sich weiterhin vor Lachen kugelnden Bruder aufgesetzt böse an (ein Verhalten, welches sie zwischen ihren Eltern beobachtet und ihren Vater stets zum Nachgeben veranlasst hatte). Doch das Motto „Wie der Vater so der Sohn“ will an dieser Stelle nicht recht aufgehen, denn Fareed’s Lachen wird noch einmal eine Spur lauter als er sie so dastehen sieht.
„Was ist?! Soll ich jetzt Angst haben, Stummelbein!?“, gackert der Junge und robbt sich an seine Schwester heran, um sie wieder zu sich in den Sand herab zu ziehen. Quietschend versucht Delilah sich zu wehren, strampelt kräftig und will seine Arme fassen. Insgeheim aber weiß sie, dass sie gegen den Bruder keine Chance hat – immerhin ist er ganze drei Jahre älter und übt täglich mit seinem Holzschwert. Aber dennoch kann sie ja so tun als ob sie ihm ernsthaft Paroli bieten möchte! Und so raufen sich die beiden Kinder durch die losen Körner, wirbeln eine gewaltige Staubwolke auf und erfüllen ihre Umgebung mit Gelächter, Gequäke und freudigem Krakeelen.
Das muntere Treiben findet allerdings ein jähes Ende, als die Stimme der Mutter ertönt. Einige Schritte entfernt, steht sie mit mahnendem Blick und erhobenen Zeigefinger. Die Zeit, sie haben wieder einmal die Zeit vergessen. Der lodernde Feuerball am Horizont steht kurz davor das golden flimmernde Meer zu küssen und in ihm zu versinken. Das endlose satte Blau des wolkenlosen Himmels verwandelt sich bereits in ein zartes Rot, dessen Ausläufer mit einem kräftigen Violett abschließen. Ein feuriges Farbenspiel, welches stets Delilah’s Bewunderung findet – wenn sie eben nicht gerade mit Herumbalgen beschäftigt ist.
„Auf jetzt, ihr Beiden, ab nach Hause! Es ist schon gleich dunkel und Euer Vater will nicht auf Euch warten müssen mit dem Abendbrot!“
Ein einfacher Satz, mehr nicht, dann dreht sich Aneesa Masari wieder um. Sie vertraut darauf, dass die Sprösslinge ihr folgen, ohne weitere Verzögerung und erst recht ohne Widerspruch. Sie ist eine liebevolle Mutter, die gänzlich in der Erziehung ihrer Kinder aufgeht, doch ohne eine ordentliche Portion Strenge ist kein Nachwuchs zu bändigen. Und so nehmen die beiden Rabauken auch wirklich flugs die Beine in die Hand und eilen kichernd und gackernd ins sichere Heim.
In den folgenden Jahren erlebt Delilah noch viele Momente dieser ungetrübten Kindheit. Doch einer von ihnen soll der Letzte gewesen sein.
[img]http://img163.imageshack.us/img163/2749/postingi.jpg[/img]
„Delilah, komm’ raus! Ich finde Dich doch sowieso!“
Leise raschelt der Vorhang zu dem kleinen Lagerraum, in dessen Ecke das gesuchte Mädchen kauert. Voller Spannung hält sie den Atem an und versucht sich noch ein klein wenig mehr in die schmale dunkle Ritze zwischen den Vorratskisten und –krügen zu drücken, um möglichst wenig Angriffsfläche für neugierige Späher zu bieten. Doch dieser eine verflixte Krug fängt an zu wackeln – irgendein Spielverderber muss eine große Menge an Korn herausgenommen haben, denn am frühen Morgen stand er noch fest, Delilah hatte es in weiser Voraussicht getestet!
„Ha, hab’ Dich!“, taucht Fareed’s braungebranntes Gesicht über ihr auf, das siegessichere Grinsen von einem Ohr zum anderen zur Schau tragend.
„Aber Du hast mich noch nicht berührt, von wegen gewonnen!“, johlt sie und saust auch schon los, ungeachtet dessen, dass sie dem Tonkrug nun endgültig den Todesstoß verpasst und er scheppernd zu Boden kracht. Das gibt sicher noch Ärger, aber das ist jetzt nicht wichtig. Sie muss erst einmal zusehen, dass sie möglichst viel Abstand zwischen sich und ihren Verfolger bringt. Der Eingangsvorhang flattert hinter ihr auf, die Sandalen an ihren kleinen Kinderfüßen wechseln von Stein auf heißen Sand. Das Herz in ihrer Brust pocht so kräftig, dass sie glaubt es würde gleich zerspringen, doch sie muss durchhalten. Einen Blick zurück wagt sie nicht, es würde sie nur Zeit kosten. Aber bestimmt hat sie ihn schon abgeschüttelt!
Doch da wird sie auch schon mit einem kräftigen Rums vornüber in den Sand geschubst! So weich und sanft sich die kleinen Körner anfühlen, wenn man sie durch die Finger rieseln lässt, so bretthart werden sie, sobald man volle Wucht auf sie aufschlägt. Autsch! Und während sich Mund und Nase gleich einem Schmirgelpapier verhalten, füllen sich die Ohren mit lautem Gelächter.
„Ich bin schneller als Du mit Deinen Stummelbeinchen! Gewonnen, gewonnen, gewonnen!“
„Ich habe keine Stummelbeinchen, Du … Du … Kamel!“, schimpft es aus dem Mädchenmund, der daraufhin eine Ladung feuchten Wüstensand ausspuckt. „Pah, bäh!“, schaufelt sie sich aus ihrer liegenden Position wieder herauf und klopft sich das einfache Leinenkleid aus. Dann stemmt sie die kurzen Arme in die Hüften und funkelt den noch am Boden liegenden und sich weiterhin vor Lachen kugelnden Bruder aufgesetzt böse an (ein Verhalten, welches sie zwischen ihren Eltern beobachtet und ihren Vater stets zum Nachgeben veranlasst hatte). Doch das Motto „Wie der Vater so der Sohn“ will an dieser Stelle nicht recht aufgehen, denn Fareed’s Lachen wird noch einmal eine Spur lauter als er sie so dastehen sieht.
„Was ist?! Soll ich jetzt Angst haben, Stummelbein!?“, gackert der Junge und robbt sich an seine Schwester heran, um sie wieder zu sich in den Sand herab zu ziehen. Quietschend versucht Delilah sich zu wehren, strampelt kräftig und will seine Arme fassen. Insgeheim aber weiß sie, dass sie gegen den Bruder keine Chance hat – immerhin ist er ganze drei Jahre älter und übt täglich mit seinem Holzschwert. Aber dennoch kann sie ja so tun als ob sie ihm ernsthaft Paroli bieten möchte! Und so raufen sich die beiden Kinder durch die losen Körner, wirbeln eine gewaltige Staubwolke auf und erfüllen ihre Umgebung mit Gelächter, Gequäke und freudigem Krakeelen.
Das muntere Treiben findet allerdings ein jähes Ende, als die Stimme der Mutter ertönt. Einige Schritte entfernt, steht sie mit mahnendem Blick und erhobenen Zeigefinger. Die Zeit, sie haben wieder einmal die Zeit vergessen. Der lodernde Feuerball am Horizont steht kurz davor das golden flimmernde Meer zu küssen und in ihm zu versinken. Das endlose satte Blau des wolkenlosen Himmels verwandelt sich bereits in ein zartes Rot, dessen Ausläufer mit einem kräftigen Violett abschließen. Ein feuriges Farbenspiel, welches stets Delilah’s Bewunderung findet – wenn sie eben nicht gerade mit Herumbalgen beschäftigt ist.
„Auf jetzt, ihr Beiden, ab nach Hause! Es ist schon gleich dunkel und Euer Vater will nicht auf Euch warten müssen mit dem Abendbrot!“
Ein einfacher Satz, mehr nicht, dann dreht sich Aneesa Masari wieder um. Sie vertraut darauf, dass die Sprösslinge ihr folgen, ohne weitere Verzögerung und erst recht ohne Widerspruch. Sie ist eine liebevolle Mutter, die gänzlich in der Erziehung ihrer Kinder aufgeht, doch ohne eine ordentliche Portion Strenge ist kein Nachwuchs zu bändigen. Und so nehmen die beiden Rabauken auch wirklich flugs die Beine in die Hand und eilen kichernd und gackernd ins sichere Heim.
In den folgenden Jahren erlebt Delilah noch viele Momente dieser ungetrübten Kindheit. Doch einer von ihnen soll der Letzte gewesen sein.
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