"Wer seid Ihr?" - das waren die ersten Worte, die vor wenigen Tagen zu hören waren, als jemand an die Tür zum Haus klopfte wie Hudgarr, aber nicht herein kam. Irgendein blonder Kerl, der im nächtlichen Zwielicht des Innenhofes beim Hund stand, der nicht anschlug... nein, nicht irgend ein Kerl. Luca.
Ihn zu sehen, verschlug ihr die Sprache, schlimmer als bei Viola. Viola während ihrer Reise für einen Besuch mal zu sehen, damit hatte sie halbwegs gerechnet, aber Luca wähnte sie in Dragenfurt, zwischen Soldaten und lauter Halbstarken, bei denen er endlich in der Welt war, die er immer haben wollte... Männer, Militär, Orks. Hoffend auf Silvan und die dragenfurt'sche Strenge, hoffen darauf, daß er dort endlich die Erziehung bekam, die sie hier nicht leisten konnte, es war zum Verzweifeln gewesen. Neulich noch bei Tisch hatte sie erst mit Adrian gesprochen, als er die Sprache auf einen Brief von Luca brachte:
"Sollte er jedenfalls, wenn er mal zurück kommt, weiter so unerträglich sein wie vorher, lasse ich mir nicht nochmal von Savea vorwerfen, ich hätte sie mit ihm im Stich gelassen."
"Was hast du dann vor", fragte Adrian gehobener Braue, "ihn hinauswerfen?"
"Dann kriegt er irgendwo hier in Adoran eine eigene kleine Unterkunft und kann dort so viel besser wissen wie er will." Sie hatte es nie gewollt - ihn rauswerfen. Genau das nicht. Doch in der Hauptstadt und dann in Dragenfurt war er auf eigenen Wunsch geblieben. Und Saveas Worte schmerzten noch immer. Sie hatte das dumpfe Gefühl, gewisse Abgründe nur zu ahnen, die sich während ihrer Abwesenheit mit ihm aufgetan haben mussten. Und sie hatte sich in die Arbeit geflüchtet, statt sich jedes Mal wieder diesem wirren Wesen zu stellen. Im Stich gelassen... da gaben Leahs Worte nur schwachen Trost: "Ihr wart da, wenn es drauf ankam." War sie? Manchmal. Und doch offenbar zu wenig. Zu wenig für Savea. Zu viel für sie selbst.
Doch Adrian schien von dem Plan wenig erbaut: "Ja so bekommt er gewiss eine wohle Erziehung..."
Erziehung? Wie viel denn noch? Und wie lange?
"Er ist zu alt, um davon dann noch abgebracht zu werden, Adrian. Es ist ja nun nicht so, als hätten wir es nicht schon versucht, und ich werd nicht nochmal über Jahre die Nerven aller anderen und meine eigenen dafür opfern."
"Oh natürlich ... du brauchst sie ja für anderes.."
Dieses Gespräch würde in Streit enden. Innerlich senkte sie den Kopf, währenddessen schossen ihre Worte zurück: "Ich erwähnte meine eigenen zuletzt, wenn ich mich recht entsinne? Aber ja, ich brauche sie für anderes."
Er schien das Kippen der Stimmung zu merken und strich ihr nachdenklich über den Rücken. "Richtig verkauft...", lenkte er etwas ein, "ist er möglicherweise sogar stolz über sein eigenes Heim. Aber warten wir erst einmal, wie er sich entwickelt hat. Immerhin haben sie ihn nicht schon nach 2 Wochen entnervt zurückgeschickt, das lässt doch auch hoffen."
"Ich wunder mich, daß er dort noch nicht wie bei uns drei Lehrer verschlissen hat, aber in Dragenfurt ist man vermutlich schneller mal mit dem Rohrstock bei der Hand, eine andere Sprache scheint er ja auch kaum zu verstehen."
"Manchmal frage ich mich wirklich, was Ihr von mir denkt", sagte ihr Luca keine fünf Tage später, und sie konnte es nicht mehr rechtzeitig stoppen, den ersten Teil der Wahrheit, die ihr dazu spontan auf der Zunge lag, auch rauszuhauen: "Das willst du eigentlich nicht wissen."
Aber es war nicht die ganze Wahrheit. Die lautete: "Ich weiß nicht mehr und noch nicht wieder, was ich von dir denken soll." Vor ihr stand nicht Luca. Jedenfalls nicht der Teil von Luca, den sie aus vollem Herzen zu verachten gelernt hatte. Vorlaut, rotzfrech, prahlend, besserwisserisch, verbohrt, abergläubisch, gedankenlos, grausam, spöttisch... es hatte sie alle Überwindung der Welt gekostet, ihn nicht windelweich zu prügeln oder doch ihr Wort zu brechen und ihn aus dem Haus zu jagen.
Und jetzt?
Sie dachte an seine Geste vorhin und ihre Verwirrung. Nachdem Adrian vom Unheilsberg erzählt hatte und davon, daß Luca in seiner Begleitung gegen zwei Ogerfürsten gekämpft hatte, kam er gerade an und fragte sie, ob er ihr ein Mitbringsel überreichen dürfe.
Prompt sah sie vor ihrem inneren Augen, wie er ihr das Bein einer Riesenspinne vor die Nase halten würde, wie die Trophäe, auf die er vor ein paar Jahren so stolz war. Wobei, wenn er nun kämpfen konnte, war es sicher ein ausgewachsener Terathanenschenkel.
Blumen.
Blinzeln.
Nein, das waren tatsächlich Blumen.
Lameriaster Wildnelken, wenn sie denn eine Ahnung davon gehabt hätte. Sattes Grün mit verstreuten hellvioletten krautigen Blüten. "Sie nannten sie immer die tugendhaften unter den Blumen, weil sie sich nicht mit so übertriebenen Blüten schmücken."
Mehr sagte er dazu nicht. Weder ausschweifende Erklärungen, wo er sie gefunden hatte, noch nebenher beiläufige Prahlerei, wie er im Unheilsberg gekämpft hatte... die Blumen galten ihr, und das sollte wohl die einzige Erklärung dazu sein.
Als er das Zimmer wieder verließ und sich Adrian darüber amüsierte, wie sie immernoch reglos auf die Blumen starrte, war ihr zum Heulen zumute: "Was haben sie mit ihm gemacht?"
"Ihn erzogen... sehr offensichtlich."
"Das geht doch nicht in nicht mal zwei Jahren, bei dem, was..." Sie ließ die Schultern sacken und kam sich plötzlich völlig unfähig vor. "Irgendwas hab ich falsch gemacht", lautete die einzige Erklärung, die sie dafür hatte. Sie musste eine Menge falsch gemacht haben.
"Ihr habt uns mit ihm im Stich gelassen." Aber sie konnte doch auch nicht mehr...
"Nein, hast du nicht", mühte sich Adrian, ebenso leise zu widersprechen, "ohne deine Vorarbeit hätten sie ihn schlicht nach spätestens zwei Wochen fortgejagt."
"Ich... nein, wir... haben uns bald mehr als ein Jahr damit abgemüht, daß er sich überhaupt wäscht, sauber kleidet, kein vergammeltes Essen mitschleppt, und so vieles vergeblich und jetzt..."
Jetzt war er zurück und schien wie umgekrempelt.
"Und ohne dies hätten sie schlicht gar nichts erreicht."
Durfte sie das glauben und sich einreden? Nein, sie glaubte es nicht. Sicher steckte ein Korn Wahrheit darin, aber konnte längst nicht alles und kein Trost, schon gar keine Entlastung sein.
"Manchmal frage ich mich wirklich, was Ihr von mir denkt", sagte ihr dieser junge Bursche mit fescher blonder Frisur, der mal Luca war und sich noch weiter so nannte. Mit wehenden Fahnen war sie schon präventiv dazwischen gegangen und hatte ihm vorgepredigt, Allerich keine Flausen in den Kopf zu setzen, als sie merkte, wie eines der ersten Themen wurde, daß der Junge ein Messer haben müsse, um sich gegen Hexer und Hunde wehren zu können. Und als er mit ihm nach oben ging nach der Forderung, Allerich erstmal beizubringen, wie man sich in Sicherheit brächte, da wusste sie, er... der Luca... würde Allerich zeigen, daß man aus dem Zimmerfenster im ersten Stock aus dem Haus klettern konnte - wenn man denn klettern konnte. Allerich aber konnte es nicht.
"Ich will dich nun nicht über Gebühr tadeln, aber auch wenngleich es Luca ist, gib ihm eine Gelegenheit sich zu beweisen, bevor du ihn ob der Tatsache Luca zu sein des Hauses verweist", mahnte Adrian deutlicher als gewohnt.
"Nicht auf Allerichs Kosten!", lautete das mehr als klare Veto.
Und Adrian war sturer als gewohnt, nochmal schnitt er das Thema an, bevor sie Rafael zum Kloster begleitete:
"Ich wollte dir nur mitteilen, dass du überdenken solltest, ob du mit Abscheu zu Luca stehst oder in welcher Weise du es sonst tust... Allerich fragte mich vorhin, warum du Luca nicht leiden kannst. Er wird gewiss auch noch dich darauf ansprechen."
Innerliches Ächzen. Abscheu? So ein Quatsch. Einem Menschen, den sie verabscheute, würde sie nicht... - nein, Erklärungen waren hier sinnlos. Sie wusste es ja teils selber nicht mal, aber was sollte sie erklären? Sie nahm sich noch fester vor, ihr Vorhaben bezüglich Lucas in die Tat umzusetzen, sie brauchte nur die Informationen von Viola. Und wenn er denken würde, sie wolle ihn kaufen?
Luca... wer war Luca... was Savea wohl von ihm denken würde... was, wenn er...
Luca und Luca
-
Darna von Hohenfels
This is the end, you know,
Lady, the plans we had went all wrong
We ain't nothing but fight and shout and tears
We got to a point, I can't stand
I've had it to the limit; I can't be your man
I ain't more than a minute away from walking
We can't cry the pain away
We can't find a need to stay
I slowly realize there's nothing on our side...
Was hatte sie damals eigentlich erwartet, eine Geschichte wie sie aus einem Märchen kommen könnte? Oh, durchaus, es hätte ein hübsches Märchen werden können: von einem Waisenjungen, der mit seinem Bruder aus dem Haus der bösen Tante floh, die viele Abenteuer erlebten, aber auch viel Not, irgendwelche Piratengeschichten, und so plötzlich und unerwartet wie die Jungfrau zum Kinde kam, landete er im Haus einer Paladina und konnte da auf einmal wohnen bleiben. Einfach so.
"Und dort lebten sie glücklich und zufrieden, bis..."
Was für ein Quatsch.
"Könnt ihr es nicht nochmal versuchen?" Diese so einfache, arglose Frage aus dem Mund eines Kindes, das einfach nur wollte, daß zwei Menschen, die es mochte, auch einander mochten. Die Frage schmerzte von den Ohren, in denen sie nachhallten, bis zum Herzen, dem es leid tat, nicht etwas zurechtbiegen zu können, was einfach nicht passen wollte.
Allein schon diese verqueren Begrüßungen...
"Hallo Adrian!" - jedesmal im Innern das Widerstreben gegen diese flapsig-schlichte Anrede. Um ihr und ihren vermuteten Ansprüchen zu genügen, kam ihr gegenüber dann ein: "Kronprinz und Reich zur Ehr unter den Schwingen der Tugendbringerin, Erlaucht!" - du liebe Güte. Und das, wo sich selbst Fräulein Savea mit einem "Guten Morgen, Milady" begnügte, ging es noch gestelzter?
"Du lernst es auch nicht, anhand deines Umfeldes und dem überwiegenden Benehmen zu erkennen, was wo angebracht ist, oder?"
Im Gegenzug versuchte sie, sich möglichst unkompliziert zu geben, und so folgte auf den Rattenschwanz von Begrüßung nur ein: "Hallo Luca." Wie absurd.
"Nein Allerich, tut mir leid... Wir können versuchen, uns beide zu verbiegen, aber es ist doch nichts als aufgesetzte Fassade, so schlimm dass es schon fast eine Lüge ist, wie wir uns benehmen. Schauspiel, mehr nicht."
Luca war immernoch Luca.
"Ich bin immer das, was euch am schlechtesten passt. Alles ist was anderes und schlechtes, wenn's nur ich bin, der's macht!"
Nein, dem war nicht so. Sie kannte Luca, der sich selbstlos um Kinder kümmerte. Und dann hatte sie sein Bild mit dieser widerlich häßlichen Knochenmaske eines Orks vor Augen, mit der er Allerich erst kindlich erschrecken wollte und sie ihm dann schenkte. Sie hatte es herunter geschluckt, nein, gewürgt, ihre Meinung dazu zu sagen: "Das setzt sich eine alatarverdorbene Kreatur auf, die am liebsten Menschen tötet und sich mit sowas mit dem Hauch des Todes umgeben will, und du setzt dir sowas auf's Gesicht?!" Das war Luca. Das war Luca, der stolz ein Riesenspinnenbein anschleppte, ausgeschlagene Orkzähne als Trophäe haben wollte und dabei nichts fand, und da half auch alles Erklären nichts - sie war dann ja nur die in solchen Dingen überempfindliche Lady, eine Frau eben.
Noch so etwas, von dem er nicht runter gekommen war. Ein argloses: "Sie kann ja in der Küche helfen", als Einwurf, als es um die Frage ging, ob Felicitas als Hauswächterin taugte - als Kämpferin. Das war Luca.
"Ich habe eine breite Palette zur Auswahl."
"Nur weiter."
"Nein, ich habe heute schon mal gegen taube Ohren geredet, und bei dir schon sowieso seit Jahren." Sie war es leid. Und doch tat es ihr leid - sie hatte ihn niemals rauswerfen oder vergraulen wollen, aber er wusste um einen der Gründe für diese Haltung: "Ihr wollt mich nicht hier haben aber ich bin jetzt alt genug zum Gehen, findet Ihr, oder..? Aber Ihr sagt es nicht, weil Ihr es versprochen habt."
Innerliches Ächzen. Nicht mal atmen.
"Ich geb's Euch zurück. Das Versprechen mein ich."
Da lag es und sie traute sich nicht, es anzurühren. Es war verlockend. Es war zu einfach. Die formelle Kette des Versprechens war gelöst, sie war entbunden... niemand anders als er hatte es aufheben können, und doch hatte sie nicht gewollt, daß es so endet.
Saveas leise Stimme fasste tatsächlich in Worte, was ihre Gedanken auch hin und her wälzten: "Was Milady macht Euch am meisten zu schaffen? Dass Luca nun das Haus verlaesst? Dass Ihr der Anstoss seid? Oder dass Allerich ihn so mag?"
"Ich dachte, ich könne ihm ein Heim bieten", erwiderte sie monoton, aber auch in den schlichten Worten, in denen man das Gesprochene selbst reflektiert, "Aber es war nie so richtig eins, glaub ich. Ein zähes Festhalten, mal mehr, mal weniger leicht. Ich weiß nicht. ... Ich hab Angst davor, was es ihm angetan hat, und ich nehme nicht gerade eine gloriose Rolle dabei ein..."
Was würde Luca irgendwann über seine Zeit bei ihnen denken? Würde er sie verfluchen, auf sie schimpfen, anklagen? Grund hatte er. Aber sie konnte nicht 'mehr' bewegen, sich nicht 'mehr' verändern, es gab kein 'mehr' mehr. Es war ihr erspart worden, ihn selber raus zu werfen und doch schien sie die Klippe darzustellen, die nicht zu umschiffen gewesen war. Egal. Auch wenn er nicht aus ihrem Leben war, ihr Kapitel "Luca" hatte ein trauriges Ende gefunden.
Find a new one to fool,
Leave and don't look back. I won't follow,
We have nothing left, It's the end of our time.
We can't cry the pain away,
We can't find a need to stay,
There're no more rabbits in my hat, to make things right.
We need to swallow all our pride,
And leave this mess behind.
Tell them it's me who made you sad,
Tell them the fairytale gone bad...
(# Lyric-Teile aus "Fairytale gone bad" von Sunrise Avenue)
Lady, the plans we had went all wrong
We ain't nothing but fight and shout and tears
We got to a point, I can't stand
I've had it to the limit; I can't be your man
I ain't more than a minute away from walking
We can't cry the pain away
We can't find a need to stay
I slowly realize there's nothing on our side...
Was hatte sie damals eigentlich erwartet, eine Geschichte wie sie aus einem Märchen kommen könnte? Oh, durchaus, es hätte ein hübsches Märchen werden können: von einem Waisenjungen, der mit seinem Bruder aus dem Haus der bösen Tante floh, die viele Abenteuer erlebten, aber auch viel Not, irgendwelche Piratengeschichten, und so plötzlich und unerwartet wie die Jungfrau zum Kinde kam, landete er im Haus einer Paladina und konnte da auf einmal wohnen bleiben. Einfach so.
"Und dort lebten sie glücklich und zufrieden, bis..."
Was für ein Quatsch.
"Könnt ihr es nicht nochmal versuchen?" Diese so einfache, arglose Frage aus dem Mund eines Kindes, das einfach nur wollte, daß zwei Menschen, die es mochte, auch einander mochten. Die Frage schmerzte von den Ohren, in denen sie nachhallten, bis zum Herzen, dem es leid tat, nicht etwas zurechtbiegen zu können, was einfach nicht passen wollte.
Allein schon diese verqueren Begrüßungen...
"Hallo Adrian!" - jedesmal im Innern das Widerstreben gegen diese flapsig-schlichte Anrede. Um ihr und ihren vermuteten Ansprüchen zu genügen, kam ihr gegenüber dann ein: "Kronprinz und Reich zur Ehr unter den Schwingen der Tugendbringerin, Erlaucht!" - du liebe Güte. Und das, wo sich selbst Fräulein Savea mit einem "Guten Morgen, Milady" begnügte, ging es noch gestelzter?
"Du lernst es auch nicht, anhand deines Umfeldes und dem überwiegenden Benehmen zu erkennen, was wo angebracht ist, oder?"
Im Gegenzug versuchte sie, sich möglichst unkompliziert zu geben, und so folgte auf den Rattenschwanz von Begrüßung nur ein: "Hallo Luca." Wie absurd.
"Nein Allerich, tut mir leid... Wir können versuchen, uns beide zu verbiegen, aber es ist doch nichts als aufgesetzte Fassade, so schlimm dass es schon fast eine Lüge ist, wie wir uns benehmen. Schauspiel, mehr nicht."
Luca war immernoch Luca.
"Ich bin immer das, was euch am schlechtesten passt. Alles ist was anderes und schlechtes, wenn's nur ich bin, der's macht!"
Nein, dem war nicht so. Sie kannte Luca, der sich selbstlos um Kinder kümmerte. Und dann hatte sie sein Bild mit dieser widerlich häßlichen Knochenmaske eines Orks vor Augen, mit der er Allerich erst kindlich erschrecken wollte und sie ihm dann schenkte. Sie hatte es herunter geschluckt, nein, gewürgt, ihre Meinung dazu zu sagen: "Das setzt sich eine alatarverdorbene Kreatur auf, die am liebsten Menschen tötet und sich mit sowas mit dem Hauch des Todes umgeben will, und du setzt dir sowas auf's Gesicht?!" Das war Luca. Das war Luca, der stolz ein Riesenspinnenbein anschleppte, ausgeschlagene Orkzähne als Trophäe haben wollte und dabei nichts fand, und da half auch alles Erklären nichts - sie war dann ja nur die in solchen Dingen überempfindliche Lady, eine Frau eben.
Noch so etwas, von dem er nicht runter gekommen war. Ein argloses: "Sie kann ja in der Küche helfen", als Einwurf, als es um die Frage ging, ob Felicitas als Hauswächterin taugte - als Kämpferin. Das war Luca.
"Ich habe eine breite Palette zur Auswahl."
"Nur weiter."
"Nein, ich habe heute schon mal gegen taube Ohren geredet, und bei dir schon sowieso seit Jahren." Sie war es leid. Und doch tat es ihr leid - sie hatte ihn niemals rauswerfen oder vergraulen wollen, aber er wusste um einen der Gründe für diese Haltung: "Ihr wollt mich nicht hier haben aber ich bin jetzt alt genug zum Gehen, findet Ihr, oder..? Aber Ihr sagt es nicht, weil Ihr es versprochen habt."
Innerliches Ächzen. Nicht mal atmen.
"Ich geb's Euch zurück. Das Versprechen mein ich."
Da lag es und sie traute sich nicht, es anzurühren. Es war verlockend. Es war zu einfach. Die formelle Kette des Versprechens war gelöst, sie war entbunden... niemand anders als er hatte es aufheben können, und doch hatte sie nicht gewollt, daß es so endet.
Saveas leise Stimme fasste tatsächlich in Worte, was ihre Gedanken auch hin und her wälzten: "Was Milady macht Euch am meisten zu schaffen? Dass Luca nun das Haus verlaesst? Dass Ihr der Anstoss seid? Oder dass Allerich ihn so mag?"
"Ich dachte, ich könne ihm ein Heim bieten", erwiderte sie monoton, aber auch in den schlichten Worten, in denen man das Gesprochene selbst reflektiert, "Aber es war nie so richtig eins, glaub ich. Ein zähes Festhalten, mal mehr, mal weniger leicht. Ich weiß nicht. ... Ich hab Angst davor, was es ihm angetan hat, und ich nehme nicht gerade eine gloriose Rolle dabei ein..."
Was würde Luca irgendwann über seine Zeit bei ihnen denken? Würde er sie verfluchen, auf sie schimpfen, anklagen? Grund hatte er. Aber sie konnte nicht 'mehr' bewegen, sich nicht 'mehr' verändern, es gab kein 'mehr' mehr. Es war ihr erspart worden, ihn selber raus zu werfen und doch schien sie die Klippe darzustellen, die nicht zu umschiffen gewesen war. Egal. Auch wenn er nicht aus ihrem Leben war, ihr Kapitel "Luca" hatte ein trauriges Ende gefunden.
Find a new one to fool,
Leave and don't look back. I won't follow,
We have nothing left, It's the end of our time.
We can't cry the pain away,
We can't find a need to stay,
There're no more rabbits in my hat, to make things right.
We need to swallow all our pride,
And leave this mess behind.
Tell them it's me who made you sad,
Tell them the fairytale gone bad...
(# Lyric-Teile aus "Fairytale gone bad" von Sunrise Avenue)
Zuletzt geändert von Darna von Hohenfels am Mittwoch 29. September 2010, 19:39, insgesamt 2-mal geändert.