Selbstfindung

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Viola Ser´Rhal

Selbstfindung

Beitrag von Viola Ser´Rhal »

Die Nacht war über Adoran hereingebrochen und in dem Anwesen derer von Hohenfels schliefen alle seelenruhig, nun nicht ganz exakt alle. Die Dielen quietschten leise als zwei nackte Füße ihren Weg aus dem Frauenzimmer heraus suchten und eine schlaftrunkene Gestalt die Treppe hinab in Richtung Küche lief. Das lange Haar, in der Nacht meist offen getragen, fiel ihr halb ins Gesicht und wurde mit einer Handbewegung beiseite geschoben. In der Küche selbst wurde ein Schrank geöffnet und die Hand der jungen Frau kreiste wählerisch vor zwei Getränken; einer Flasche guten Bieres und einer Flasche mit Traubensaft. Vor einem halben Jahr noch hätte sie ohne Bedenken zur Flasche Bier gegriffen, doch das war damals gewesen und so griff die Hand nach der Saftflasche, öffnete sie und nahm einen tiefen Zug aus jener.
Langsam nahm sie am Tisch platz und streckte sich einmal durch, die Müdigkeit hüllte sie ein wie ein warmer Mantel, aber sie wollte noch ein paar Minuten einfach nur dasitzen, wieder zurück, an jenem Ort den sie vor Monaten verlassen hatte, von heute auf morgen, ohne rechtes Ziel. Und was war das Ergebnis gewesen? Ihre Mundwinkel zuckten leicht hinauf; als sie damals ihre Reise begonnen hatte, hatte sie sich immer mehr hinter ihrer vermeintlich erlösenden Arbeit als Sekretärin versteckt, sie war schlanker geworden, sie war zerbrechlicher und unsicherer geworden, launischer, aggressiver … sie hatte wieder angefangen deutlich mehr zu trinken und die Routine und Langeweile hatte sie immer öfters in die verschiedenen Kneipen gelockt. Und heute? Heute saß eine kräftigere, frischere junge Frau am Tisch des Anwesens. Sie war äußerlich älter geworden, Muskeln die früher verschwunden waren, hatten sich nun wieder gebildet, die Haut war wettergegerbt, und die Mimik nicht mehr die einer Frau die zu sehr an ihrer Kindheit festhielt. Ja, sie hatte sich verändert, und dies innerhalb kürzester Zeit, wenn man in Relation dazu die letzten zwei Jahre betrachtete.

Viola konnte selbst heute nicht genau sagen, wieso sie damals den Drang verspürt hatte aufzustehen und alles hinter sich zu lassen. Aber zu gut blieb ihr dieses Gespräch mit Darna in Erinnerung, welche den Sinn dahinter nicht recht nachvollziehen konnte; aber wie konnte sie auch? Nicht einmal Viola selbst hatte einen wirklichen Sinn dahinter erkennen können, sie wusste einfach nur, dass sie gehen musste. Und sie war gegangen, sie hatte kein direktes Ziel, nur einige Orte vor Augen, die sie besuchen wollte. Orte, die mit ihrer Vergangenheit zu tun hatten, Orte, die sie geprägt hatten aber auch Landstriche, von denen sie nur Ansatzweise gehört hatte. Und so hatte sie das Anwesen Hohenfels hinter sich gelassen.
Die erste Station war simpel, aber von entscheidender Wichtigkeit für Viola gewesen. Es war nahe dem Wegkreuz in einem der kleineren Wälder gewesen; jenes Plätzchen, das so unscheinbar wirkte, jener eine kleine Hügel mit dem Stein in der Erde in welchem eingeritzt war: „Nele, mein kleiner Fuchs“. Sie hatte diesen Ort lange nicht mehr aufgesucht, wohl wissend was er auslösen würde. Tränen liefen ihre Wangen hinab, Erinnerungen strömten aus den dunkelsten Ecken der Vergessenheit hervor und füllten ihren Kopf erneut, Erinnerungen an dieses kleine Mädchen, das etwas Besonderes war für Viola, fast schon wie eine eigene Tochter. Eine einzelne Blume fand ihren Weg hinab zu dem Stein, ehe sie sich abwendete um weiter zu stapfen, immer weiter in Richtung des Unbekannten.

Während den vergangenen Monaten hatte sie vieles gesehen, hatte Zeit zum Nachdenken und vor allem war es wieder nötig, dass sie lang verlorenes Wissen wieder neu ausgraben musste: Wie man in der Wildnis gut zurecht kam, wie man sich möglichst leise bewegte, wie der Bogen in perfekter Weise genutzt werden konnte; alles Dinge die sie damals beim Clan Hinrah gelernt hatte und in den Zeiten ihrer Kriegsmüdigkeit mit Wohlwollen vergessen und verdrängt hatte, sie wollte dieses Wissen damals nie wieder nutzen müssen, aber letztendlich war es ein Teil von ihr und würde es immer sein, ganz gleich wie ihre Zukunft aussehen würde.
Doch nicht nur alte Orte besuchte sie, auch alte Bekannte hatte sie aufgesucht. Schatten und Figuren aus der Vergangenheit, Menschen, die ihr einst wichtig gewesen waren und dann immer mehr in den Hintergrund gerückt waren, aus welchen Gründen auch immer. Neue Gesichter, die ihr einiges an Weisheiten vermitteln konnten, aber auch zwielichtige Gestalten, die sie fast das Leben gekostet hätten. Eine dieser Begegnungen war ihr immer im Kopf geblieben, über all die Monate die sie gereist war. Es war im späteren verlauf ihrer Reise und vor Viola lag eine lange Wanderungen durch ein längeres Waldstück. Gerimor hatte sie längst verlassen und eines der Schiffe zu den größeren Nachbarinseln genommen, ihre Kenntnisse über die Umgebung waren also gleich null gewesen. Vielleicht war es Zufall, vielleicht Schicksal oder was immer, aber sie war gezwungen gewesen, in einer Herberge unterzukommen, ehe sie ihre Reise fortsetzen konnte. Im Schankraum der Herberge hatte sie lustlos an einer Flasche Bier genuckelt, als er sich ihr plötzlich gegenüber setzte und ihr fast den Schock ihres Lebens versetzte. Der Mann vor ihr war exakt acht jahre älter als sie, Viola wusste das instinktiv, denn selbst wenn das Gesicht so viel älter geworden war, ein Bart sich um das, damals noch nackte, Kinn gebildet hatte und die Augen deutlich von mehr Erfahrung sprachen erkannte sie ihn wieder. „Loran?“ die Stimme nicht mehr ein Flüstern.

Loran. Ein Name der sich in Violas frühste Kindheit erstreckt hatte, hinein bis in die Zeiten als sie noch ein Straßenkind in Varuna gewesen war und Leute bestohlen hatte und Essen klaute. Viola war eine Einzelgängerin gewesen, nunja fast, es gab da immer zwei, drei Menschen die sie um sich herum geduldet hatte und einer davon war der damals 16 jährige Loran gewesen. Er war der älteste Freund den Viola noch hatte und oftmals hatte er sie vor anderen Straßenkindern beschützt, was ihm genügend Respekt seitens der Straßengöre eingebracht hatte, dass sie sich mit ihm normal unterhielt, sogar scherzte und lachte. Sie waren Freunde, und Viola hätte diese Freundschaft gerne auf immer fortgesetzt, doch Loran war schon damals auf mehr aus, als das Leben in der Gosse. Viola war zehn Jahre alt, als er ihr verkündete, dass er Varuna verlassen würde, dass er hinaus in die Welt ziehen würde um dort dem ganzen Elend zu entkommen und er wollte dies alleine tun. Und so war er ohne große weitere Worte damals verschwunden, und mit der Zeit wurde er zu einer sich langsam verblassenden Erinnerung, die nun vor Violas Nase saß.

Loran hatte es geschafft, er hatte sein Ziel erreicht, wenn auch über viele Umwege. Doch wie Viola war er nicht länger mehr ein Kind der Gosse, sondern hatte es letztendlich geschafft, sich sein Brot als Späher und Erkunder zu verdienen, was er anscheinend so gut verstand, dass er heute, mit seinen 31 Jahren, ein offizieller Kartograph und Entdecker des alumenischen Reiches war. Die beiden hatten sich viel zu erzählen, es war viel Zeit vergangen und somit fiel auch Violas geplante Route zur Sprache, die auch Loras zu nehmen gedachte; und so entschlossen sich beide, dass sie eine Weile zusammen reisen würden.
Der Blick auf die Saftflasche wurde kurz trüber. Diese gemeinsame Zeit hatte sie immer noch mehr als gut in Erinnerung. Sie waren zusammen gereist, wochenlang, hatten gescherzt, gelacht, sich den Rücken frei gehalten … wie konnte es denn anders kommen als dass sie sich gewünscht hatte, er würde bei ihr bleiben? Es war ein altes Band, und wenn es damals nur eine innige Freundschaft war, so war es heute mehr, jedenfalls für Viola. Sie hatte es ihm an einem Abend gesagt, ihm von Adoran erzählt, davon dass er mit seinen Fähigkeiten und der Tatsache ein offizieller Abgesandter des Reiches zu sein, sicher gut eine Anstellung finden würde, aber es brachte nichts. Es war wie damals; seine Ziele lagen in anderen Richtungen als Violas und jede Hoffnung ihn umstimmen zu können war an jenem Abend verflogen. Ihre Wege würden sich bald trennen, das wusste sie und so bat sie ihm um eine einzige, gemeinsame Nacht, auf dass er eines Tages merken würde, dass sie ihm fehle und er zurückkommen würde.Es war nichts leidenschaftliches oder wildes gewesen, sie waren zusammen gelegen, sie hatte seine Nähe genossen, hatte die Wärme versucht in sich aufzunehmen und war dann in seinen Armen eingeschlafen. Am nächsten Tag trennten sich ihre Wege wieder, und Viola hoffte innig dass es nicht für immer sein würde.

Die Saftflasche wurde nun mit einem Zug geleert, ein tiefer Seufzer folgte. War sie in dieser Hinsicht immer noch das kleine, naive Mädchen? Hatte sie wirklich gehofft, nur weil sie ihm ihre Liebe gestand und ihm die Nähe und Zärtlichkeiten gezeigt hatte, dass er sein Wesen für sie ändern würde? Sie hatte ihren Weg alleine fortgesetzt, noch einen Monat lang, ehe sie sich dazu entschloss, wieder zurück zu kehren. Während all dieser Zeit hatte sie für sich entschieden wo ihr Platz war, wer sie selbst war und was aus ihr werden würde? Das wusste sie zwar immer noch nicht ganz genau, aber es war nun alles irgendwie greifbarer. Und nun war sie wieder zurück, und fühlte sich gut, auch wenn sie gerade mit Darna noch das eine oder andere Gespräch zu führen hatte. Distanziert und sachlich waren ihre bisherigen Begegnungen seit Violas Rückkehr, und den Grund dafür musste sie erst noch finden. Aber sie wusste, gleich was es war, sie konnte mit Darna reden. Schlaftrunken blinzelte sie, nun war es jedoch wieder an der Zeit, sich zur Ruhe zu legen, die nächsten Tage würden wieder fordernder werden.
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