Warten

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Viridian
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Warten

Beitrag von Viridian »

Fünf mal sieben... fünfunddreißig. Zu einfach. Ah, an der Wand da sind sie versetzt, mal sehen, sieben... nein acht, na also, schon etwas schwerer, fein. Und jetzt... hm. Hm hmm... keine Reihe ist wie die Andere, das wird, ach nein, wie einfach. Wie dumm. Da in der untersten Reihe sieht man es deutlich. Auf eine Bodenfliese kommen exakt zwei Wandsteine. Und weil sie alle gleich groß sind... sieben mal zwei, mal acht... Achtzig, Hundertzwölf. Aber das stimmt natürlich nicht. Ah, die Steine sind jede Reihe etwas weiter versetzt, die Fünfte ist wieder wie die Untere, also...

... mit einem leisen Seufzer schüttelte er die Gedanken ab. Es war verdammt einsam hier. Aber wenigstens ließ man ihn schlafen, so viel er wollte, dabei verging die Zeit schneller. Außerdem kannten Träume keine Gitter, keine Riegel. Wie spät mochte es sein? Er stand auf und tappte barfuß über die kalten Steinfliesen...

... genau über fünf, fünf von fünfunddreißig...

... dann stand er an der winzigen Schießscharte, durch die ein klein wenig Licht in den Raum sickerte. Viel sah man von hier aus nicht, das schmale Loch befand sich in einer Nische , links und rechts ragten die Wände des Regimentsgebäudes in sein ohnehin schmales Sichtfeld und verkleinerten es auf einen schmalen Streifen grünes Gras. Und darüber der Himmel, wunderbar klar und nicht wie so oft im Herbst mit trüben Wolken verhangen. Die Sonne sah er nicht, sie war bereits zu weit nach Westen gewandert.

Zeit verging.

Irgendwann fragte er den Wächter draußen am Gang, in welche Richtung der nächstgelegene Friedhof lag, doch der Mann konnte oder wollte es nicht sagen. Einerlei, er konnte seine Pflicht auch ohne derlei sentimentale Hilfsmittel erfüllen. Mit dem Blick zur Wand schloss er die Augen und gedachte wie jeden Tag eine Weile im Stillen der Toten.

Danach spurtete er einige Male im Kreis durch sein Quartier, bis er durch eine unfreundliche Stimme von draußen dazu aufgefordert wurde, Ruhe zu gehen. Daraufhin wählte er einige Kraftübungen, um Arm-, Bein- und Bauchmuskeln nicht einrosten zu lassen. Kurz bedauerte er, dass er kein Schwert hatte, mit dem er hätte üben können. Als Arme und Beine ihm endlich zu schwer wurden, wusch er sich mit dem kalten Wasser aus der Schüssel den Schweiß ab und legte sich wieder aufs Bett.

Wenn der Soldat vom letzten Abend oder ein anderer käme, würde er darum bitten, dass man ihm eines seiner Bücher, womöglich gar Pergament, Tinte und Feder brächte. Damit ausgerüstet, würde die Zeit des Wartens sicher wie im Fluge vergehen. Das Warten auf den Herzog vom Greifenhain, womöglich auch jemand anderen. Das Warten auf sein Schicksal.

Leise alte Soldatenlieder singend, mit hinter dem Kopf verschränkten Armen die Decke betrachten, dachte Viridian: Eigentlich sind die Zellen Adorans gar nicht so übel.
Zuletzt geändert von Viridian am Mittwoch 25. November 2009, 21:16, insgesamt 1-mal geändert.
Ein strîter sô gelêret was, daz er an den buochen las, swaz er dar an geschriben vant: der was Viridian genant, dienstman was er ze Mêrswaht.
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Viridian
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Beitrag von Viridian »

Ein anderer Raum, ein anderer Tag. In der Luft liegt die unverkennbare Mischung herben Kräuterdufts, destillierten Alkohols und geronnenen Bluts.
Sein Rücken schmerzt wieder, leise ächzend erhebt er sich von seinem Nachtlager und tastet nach den Verbänden. Sie sind trocken, das Laken ist sauber, sie scheinen nicht durchgeblutet zu sein. Sie versteht ihr Handwerk wirklich.

Der gestrige Tag zieht noch einmal an seinem geistigen Auge vorbei.
Erwachen in der gewohnten Kerkerzelle.
Eine erneute Befragung durch den Major des Hohenfelser Regiments und Ihrer Hochwohlgeboren Mariella von Dornwald.
Die Verkündung des Urteils: Fünzehn Peitscheinhiebe auf den Rücken. Im Anschluss: Zwangsdienst im Regiment, vom Rang Rekrut, aber weniger Rechte, kein Rüstrecht, keine Uniform, kein Sold, vorerst. Dafür Ausgangssperre, Stalldienst, strenge Überwachung. Es hätte schlimmer kommen können. Weitaus schlimmer. Seine Finger fahren kurz über die Kehle. Was nicht ist, kann ja noch werden. Das zumindest haben sie sehr deutlich gemacht.
Die Peitschenhiebe erhält er vom Major persönlich. Der zielt bevorzugt auf das Brandzeichen, das der Burgherr einmal seiner gesamten Legion als gemeinsame Strafe einprägen ließ. Kein Wunder, dass hier die Haut bald aufreißt, blutet. Doch auch der restliche Rücken wird nicht geschont.
Als es vorbei ist, erhält er seinen ersten Befehl als Rekrut, den Boden der Folterkammer reinigen. Danach sich selbst. Danach eine Herberge suchen und dieses Quartier melden.
Eimer und alte Tücher finden sich in einer kleinen Besenkammer, Wasser an einem nahen Brunnen. Von seiner Umgebung nimmt er nicht viel wahr, der Rücken schmerzt bei jeder Bewegung, selbst die Berührung des fein gewobenen Hemds kratzt wie Drahtwolle.
Schließlich ist der Foltermeister mit der Arbeit zufrieden, entlässt ihn.
Eine Herberge findet sich nahe den Toten, der Wirt will ihn zunächst nicht einlassen in seinen schmutzigen Kleidern, die er wie sich selbst bisher nur notdürftig reinigen konnte. Doch die Erwähnung des Regiments, der Herrn Major hilft. Und die Tatsache, dass er die Monatsmiete, mehr als zwei Goldkronen, anstandslos und augenblicklich zu zahlen bereit ist.
Im Zimmer dann endlich eine gründliche Wäsche, das Wasser eiskalt, etwas duftendes Öl dazu.
Anschließend werden die Haare zurückgeschnitten und der Bart, der während der drei Tage im Kerker ungezügelt spross, gestutzt.
Der Rücken schmerzt immer noch, aber es wurde ihm nicht erlaubt, die Wunden behandeln zu lassen, also unterlässt er es.
Stattdessen macht er sich auf den Weg ins nächste Wirtshaus.
Eine halbe Karaffe Wein später kommt Liliana van Drachenfels hinzu.
Sie drängt ihn dazu, sich die Wunden ansehen zu dürfen, er gibt schließlich nach.
Erst als sie ihn fragt, warum er nicht gleich zu ihr gekommen sei, schließlich habe ihm das niemand verboten, wird ihm bewusst, wie sehr er noch ein Legionär der Eisenwart ist. Dort hätte es niemand gewagt, das Ausmaß einer Strafe eigenmächtig zu interpretieren. Wäre sie nicht eindeutig gewesen, hätte man sie so lange erduldet, bis man einen Vorgesetzten, am Besten den Burgherrn selbst hätte fragen können, was dieser dazu meint.
Ja, es gab fürwahr vieles, das er neu würde lernen müssen.
Dann, spät in der Nacht, als sein Rücken versorgt war und er müde zu Bett gehen wollte, noch ein letzter Moment der Aufregung: Drakhon Sokarth, im Auftrag des Regiments, befragte jeden im Heilerhaus, der noch wach war zu einem Überfall, der sich vor zwei Tagen ereignet haben musste. Sehr zum Missfallen der Heilerin, die um die zur Heilung nötigen Ruhe ihrer Patienten besorgt war.

Und heute also ein neuer Tag. Nun hieß es warten, was er an Neuem bereithalten würde.
Ein strîter sô gelêret was, daz er an den buochen las, swaz er dar an geschriben vant: der was Viridian genant, dienstman was er ze Mêrswaht.
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