Der nächtliche Sternenhimmel über Menek’Ur gehörte zu den schönsten Dingen, die der junge Masari an seiner Heimat so sehr liebte. Oft hatte er darüber nachgedacht, was der Sinn des Lebens sei…ein Frage die wohl jeder Mensch für sich selbst finden muss.
Ein kühler Abendwind strich über die Brüstung der Mauer hinweg und ließ sein Haar kurz aufwehen. Die Nacht brach vollends herein und die Temperatur sank in wenigen Augenblicken merklich.
Das fahle Sternenlicht spiegelte sich leicht in seinen Augen und leise kam ein Name über seine Lippen.
“Irsare...“
Er hatte sie das erste Mal gesehen, als er dem Tode nah in ihrer Kammer erwachte und schon damals hatte er sich in diese wunderschönen dunklen Augen, die ihn besorgt betrachteten, verliebt. Die folgenden Tage seiner Genesung waren ein Wechsel zwischen Schlaf und Wachträumen, doch immer war sie bei ihm und wechselte täglich seine Verbände.
Die Zeit verging, seine Wunden heilten allmählich aus und sein Zustand hatte sich so sehr verbessert, dass er wieder in seinem eigenen Haus schlafen konnte.
So sehr er sich in den folgenden Tagen und Nächten versuchte auf seine bevorstehenden Ausbildung zu konzentrieren, so wenig gelang es ihm diese wunderschöne, junge Frau aus seinen Kopf zu verbannen.
Die Tage verflogen und sein Aufnahmegespräch in Tirell rückte immer näher. Es war einer jener Abende an denen er Zerstreuung in der Taverne suchte, als er sie wieder sah.
Ihr dunkles Haar fiel ihr fließend die Schultern herab und ihre Augen, diese wundervollen Augen, schimmerten in einem Glanz der ihn sofort gefangen nahm.
Tariq wurde geladen sich der Runde, um die Shisha herum, anzuschließen. Man erkundigte sich höflich nach seinem Zustand und während er dankend einige Datteln und eine Schale mit kühlem Wasser entgegen nahm, sprach er.
„Dank Irsare, deren Hände so geschickt und sanft sind und deren Schönheit an die Eluives heranreicht, heilen meine Wunden gut.“
Während allgemein zustimmendes Gemurmel aufkam, sah Tariq wie Irsares Wangen sich rot färbten vor Verlegenheit, doch in ihren Augen kam er einen seltsamen Glanz auf.
Während der Abend vor sich hinplätscherte und die nächtliche Kühle Einzug hielt, wurde ein wärmendes Feuer aufgeschichtet. Der Besuch der Taverne verlief wie viele zuvor mit angeregten Debatten um Politik und vergangene glorreiche Kriege des Emirats. Die Blicke des jungen Masari waren immer wieder im Laufe des Abends wie zufällig zu Irsare gewandert und oft genug hatte sie seinem Blick einige Sekunden standgehalten, bevor einer der beiden zu einem gerade diskutiertem Thema befragt wurde.
Er versuchte die junge Heilerin in ein Gespräch zu vertiefen und es gelang ihm schließlich. Tariq bedankte sich ausgiebig bei ihr und pries ihren Liebreiz und ihre Schönheit erneut. Wieder waren tiefrote Wangen das Ergebnis und sie senkte ihren Blick zu Boden.
Auch wenn sie verlegen war, schienen ihr die Worte die er sprach zu gefallen, denn mehr als nur einmal schaute sie ihm mit einem wissenden lächeln in die Augen und es schien, als würden unausgesprochene Worte im Raum schweben, die keiner von beiden aussprechen durfte, jedoch beide verstanden.
Die Nacht hielt endgültig Einzug und die Anwesenden verabschiedeten sich nacheinander. Irsare erbot sich noch einmal schnell nach seinen Wunden zu sehen und wickelte den Verband um seinen Kopf ab. Bei der Berührung ihrer Finger durchfuhr ihn ein Schauer der Sehnsucht. Denkend, dass er vor Schmerz zurückgezuckt sei, betrachtet sie ihn sorgsam, sah jedoch in ein glückliches Gesicht und sie verstand seine Geste. Länger als nötig, und mit einem lächeln, strich sie über die Wunden und sein Haar und er genoss auch die leichteste Berührung. Sie wickelte den Verband erneut um den Kopf und verabschiedete sich zusammen mit ihren Verwandten.
Kurze Zeit später brach auch der junge Masari zu seinem Haus auf, entschloss sich dann jedoch zu einem Umweg um noch einmal seine Gedanken zu ordnen und nachdenken zu können.
Die Stadtmauer am westlichen Ende der Stadt. Hier kam er oft her, wenn er aufgewühlt war, auch bot die erhöhte Lage einen wunderschönen Blick auf die umliegende Wüste und den nächtlichen Himmel.
Würde sie seine Gefühle teilen die er hegte, seit er sie das erste Mal gesehen hatte? Sein Geist hatte keine Antwort auf diese Frage, aber sein Herz war voller Hoffnung.
„Was ist der Sinn des Lebens?“
Leise kam diese Frage über seine Lippen und er für seinen Teil schien die Antwort erhalten zu haben, just in jenem Moment als er auf dem Krankenbett die Augen aufgeschlagen hatte und in das Gesicht Irsares geblickt hatte.
„Zu lieben und zu lernen.“
Schoß es ihm durch den Kopf, als eine Sternschnuppe, ein Zeichen des Glücks, über ihm am Himmel vorbeizog. Er legte seinen Kopf in den Nacken und das Licht der Sterne spiegelte sich schimmernd in seinen Augen wider.
„Irsare…“