Das Atmen fühlt sich schwer an. Die Lungen brennen und mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Eiskalte Tränen rinnen über mein Gesicht und ich weiß kaum noch, wo mir der Kopf stehen soll. Es ist ruhig hier, das Schweigen hat sich breit gemacht und nichts in der Welt scheint mit mir sprechen zu wollen. Fragend habe ich Papa angesehen, als sein Blick so fahl und die Haut so blass wurde. Als er verzweifelt an Mama gerüttelt hat. Aber ich musste nicht fragen um zu verstehen. Ich habe längst verstanden, dass Mama ihre Freiheit hat. Aber was passiert nun mit ihrem Körper? Mit ihrer Seele? Ist sie wirklich frei? Mama hat mir oftmals Geschichten zum Einschlafen erzählt in denen sie davon gesprochen hat, dass ihre Seele niemals frei sein wird. Aber wie kann das sein? Kann man die Seele an den Teufel verkaufen? Tausend Fragen für deren Antworten ich für diesen Moment viel zu klein bin. Ich weiß noch nicht einmal, wie ich mit dem inneren Gefühl der Trauer umgehen soll. Ob ich lachen oder weinen soll. Gerade in diesem Moment – weiß ich einfach gar nichts mehr.
Ein paar Jahre später ...
„Ach du meine Güte, was ist das denn?“, ein langes Seufzen überkam meine Lippen, als ich das Chaos in der Küche sah. Kasimir, mein Hauskater, den ich eigens zu meinem sechsten Lebensjahr bekommen habe und der mich nun schon seit über fünf Jahren begleitet hatte wohl akute Langeweile und dadurch das Gefühl oder Bedürfnis, das ganze Haus auf den Kopf zu stellen. Mittlerweile bin ich quasi schon erwachsen und um ehrlich zu sein kenne ich nur Geschichten von dem, was sich vor meiner Haustüre abspielt. Papa hat die Bitte von Mama bei ihrem Tod fortgesetzt und mich hier versteckt gehalten. Was das bezwecken sollte wusste ich bis heute noch nicht. Aber irgendwann würde ich sicherlich verstehen und erfahren, was für Beweggründe meine Mama hatte. Nicht, dass jemand zu denken beginnt sie wäre eine schlechte Mutter gewesen. Ich habe hier alles bekommen, was ich wollte. Genug zu essen, genug zu trinken, jedes Spielzeug, dass ich haben wollte. Die schönsten Kleider, allerlei Geschichten, viele Bücher, meinen privaten Lehrunterricht in Lesen und Schreiben (Sie meinte immer, es wäre wichtig gebildet zu sein, das würde letztendlich jedem Menschen weiterhelfen) – aber von der Welt? Von der Welt habe ich noch nie etwas gesehen. Außer in Büchern. Ich weiß nicht einmal genau, wie die pure Natur riecht. Ob ich das Fremde kennen lernen will? Manchmal, in stillen Momenten, wünsche ich mir, dass ich einfach fliehen kann. Aber dann? Dann habe ich doch Angst vor dem, was mich da draußen erwartet. Wie ist es da? Wie sind andere Menschen? Was erwartet mich in dieser fernen, weiten Welt? Ich habe keine Ahnung und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das, was mich dort erwartet, auch wirklich kennen lernen möchte. Zu viel hat mir Mama von all den Schurken und Bösewichten erzählt, obwohl sie selbst wohl auch zu den Schurken und Bösewichten gezählt hat. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Leben meine Mama auf dem Gewissen hat. Was wollte sie mir ersparen? Was wollte sie mir vorenthalten? Man glaubt kaum wie fremd einem alles sein kann, wenn man von nichts eine Ahnung hat. Ich habe hier alles – und doch nichts. Und jedes Mal, wenn ich aus dem Fenster gesehen habe wurde ich wehmütig. Menschen, die durch die Straßen zogen, sich umsahen, etwas suchten. Die miteinander sprachen, sich austauschten oder einfach nur ignorierten. Nicht einmal das Gefühl von Ignoranz kannte ich. Nur Stille.
Also habe auch ich angefangen mir in den Zeiten, in denen ich alleine war die Errungenschaften und Nachlässe meiner Mutter genauer anzusehen. Vor vielen Jahren hätte mich das alles noch nicht interessiert. Aber jetzt? Jetzt bin ich älter und neugierig auf das, was meine Mutter war. Es ist schon verblüffend genug, dass ich ihr wie aus dem Gesicht geschnitten bin. Und jetzt mache ich mich auf die Suche nach meiner Vergangenheit ...
Akte I: Durch die Adern fliest der Tod
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Leonie Lycron
Akte I: Durch die Adern fliest der Tod
Zuletzt geändert von Leonie Lycron am Dienstag 15. September 2009, 22:08, insgesamt 1-mal geändert.
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Leonie Lycron
Die Reise durch die Vergangenheit – wo komm ich her, wer bin ich?
Es fällt mir schwer zu akzeptieren, was mit mir passiert ist. Dieser Zustand lässt mich verzweifeln. Wie konnte er – mein Liebster – mir nur so etwas antun? Wie soll ich mich je damit zurechtfinden können, dass ich nun ein Kind gebären werde? Ich bin nicht in der Lage ein so zerbrechliches Wesen großzuziehen. Ich bin eine Schwarzmagierin. Ich hab mein Leben einer Institution gegeben, die von mir verlangt zu töten, wenn es sein muss.
Da saß ich also. In der Hand dieses verstaubte Buch mit dem ledernen Einband. Ich hab es im Nachtkästchen von Mama gefunden – ein doppelter Boden, wirklich schlau. Vermutlich hätte Lucan dort nie nachgesehen. Aber vor lauter Langeweile habe ich mich daran gemacht, jede Ecke des Zimmers abzusuchen. Auf der Suche nach meiner Vergangenheit, nach der Vergangenheit von Mama und nach dem Grund, warum ich noch immer hier in diesen vier Wänden sitze und mir ausmalen darf, wie sich die Welt anfühlt. Meine Neugierde treibt mich weiter. Ich habe schon viel gelesen, aber so ganz verstehe ich nicht. Ich sollte vielleicht von vorn anfangen, dann würde ich besser verstehen. Aber wollte ich wirklich alles verstehen? Die Seiten muss ich vorsichtig umblättern, nicht, dass sie noch zerfallen. Das Pergament ist sehr fein … und meine Neugier treibt mich immer weiter …
Und nun sitze ich hier. Neben mir ein Kind, welches ich gerade nicht einmal ansehen kann. Ich bin alleine, weil mich dieser Mann, den ich einst so sehr geliebt habe, alleine gelassen hat. Die Verantwortung war ihm wohl zu groß. Wie konnte ich nur glauben, dass wir eine glückliche Familie werden können? Was erwarte ich von jemandem, der immer auf der Suche nach neuen Seelen ist? Der Menschenleben opfert um dem „Gott“ die Seelen anzubieten? Ich hätte es wissen sollen. Aber nein, du warst dumm, mein Kind. Und jetzt sitzt du hier. Allein. Mit einem kleinen Mädchen an deiner Seite und ohne jegliche Hilfe. Und den einzigen Menschen in deinem Leben, der voll und ganz zu dir gepasst hat – ja, den hast du verloren. [...]
Es ist ein merkwürdiges Gefühl das zu lesen. Zu erfahren, dass mein Vater gar nicht mein Vater ist. Sie schreibt hier von einem fremden Mann. Ich weiß keinen Namen. Aber ich weiß, dass mein richtiger Vater wohl auch kein sonderlich angenehmer Zeitgenosse war. Seelenfänger? Ich habe früher immer von Anna, unserem Hausmädchen, solche Geschichten erzählt bekommen. Und wenn das alles nun keine Geschichten waren? Wenn es wirklich Seelenfänger gibt? War das dann der Grund, warum Mama mich eingesperrt hat? Und warum hat er uns alleine gelassen? Und wo ist er jetzt? Nicht, dass ich Lucan nicht als meinen Vater ansehen würde. Er war, seit ich denken kann, bei mir und war für mich immer das, was jedes Mädchen als seinen Vater sehen würde. Aber jetzt? Jetzt habe ich auf einmal die Wahrheit vor Augen. Vielleicht hätte ich einfach nicht darin herumstochern sollen – in der Vergangenheit. Manchmal sollte man Vergangenes einfach ruhen lassen. 'Dann wird man auch nicht enttäuscht', das hat Mama mir so oft gesagt. Und jetzt weiß ich auch, warum sie nie über die Vergangenheit sprechen wollte und mir keine Geschichten von sich selbst erzählt hat. Ich weiß nicht einmal wie sie zu dem geworden ist, was sie war. Und was sollte ich nun mit dieser neuen Information anfangen? Mich auf die Suche nach 'ihm' machen? Ich bin verwirrt, ganz ehrlich. Mein Blick gleitet zum Fenster in die dunkle Nacht. Mal wieder bin ich allein zuhause, nur Kasimir ist da, der mich vor all der Einsamkeit bewahrt. Ich glaube ich habe viele Dinge mit meiner Mama gemein. Nicht nur die blasse, kränklich wirkende Haut, die hellen blauen Augen, die gleichen Haare und die selbigen Gesichtszüge. Noch viel mehr verbindet uns, vor allem eine Sache: Die Sehnsucht nach Freiheit. Wenn ich mich im Spiegel betrachte sehe ich sie. Wie sie mich anlächelt und wie sie mir das Gefühl gibt, dass sie mich von Herzen liebt. Hätte jemand ihresgleichen gewusst, wie sehr sie mich geliebt hätte wäre ich vermutlich in Gefahr gewesen. Ein weiterer Punkt, warum sie mich nicht aus dem Haus gehen lassen wollte? Sie hatte Angst um mich, ganz sicher. Sie wollte mich nicht verlieren. Und vermutlich ist sie auch aus dem Grund gestorben... weil sie mich der Gefahr ausgesetzt gesehen hat. Trage ich die Schuld daran, dass sie tot ist? Ich wünschte mir für einen Augenblick, dass ich nur noch ein paar Augenblicke mit ihr habe. Einfach, um ihr ein paar Fragen zu stellen. Fragen, auf die ich noch lange keine Antwort finden werde. Vielleicht sollte ich mich erstmal darum bemühen mir meine verdiente Freiheit zu genehmigen. Und dann? Dann mache ich mich auf die Suche. Auf die Suche nach was? Auf die Suche nach dem Leben, nach der welt. Und den Seelenfängern. Ich muss wissen, wer er war.
Es fällt mir schwer zu akzeptieren, was mit mir passiert ist. Dieser Zustand lässt mich verzweifeln. Wie konnte er – mein Liebster – mir nur so etwas antun? Wie soll ich mich je damit zurechtfinden können, dass ich nun ein Kind gebären werde? Ich bin nicht in der Lage ein so zerbrechliches Wesen großzuziehen. Ich bin eine Schwarzmagierin. Ich hab mein Leben einer Institution gegeben, die von mir verlangt zu töten, wenn es sein muss.
Da saß ich also. In der Hand dieses verstaubte Buch mit dem ledernen Einband. Ich hab es im Nachtkästchen von Mama gefunden – ein doppelter Boden, wirklich schlau. Vermutlich hätte Lucan dort nie nachgesehen. Aber vor lauter Langeweile habe ich mich daran gemacht, jede Ecke des Zimmers abzusuchen. Auf der Suche nach meiner Vergangenheit, nach der Vergangenheit von Mama und nach dem Grund, warum ich noch immer hier in diesen vier Wänden sitze und mir ausmalen darf, wie sich die Welt anfühlt. Meine Neugierde treibt mich weiter. Ich habe schon viel gelesen, aber so ganz verstehe ich nicht. Ich sollte vielleicht von vorn anfangen, dann würde ich besser verstehen. Aber wollte ich wirklich alles verstehen? Die Seiten muss ich vorsichtig umblättern, nicht, dass sie noch zerfallen. Das Pergament ist sehr fein … und meine Neugier treibt mich immer weiter …
Und nun sitze ich hier. Neben mir ein Kind, welches ich gerade nicht einmal ansehen kann. Ich bin alleine, weil mich dieser Mann, den ich einst so sehr geliebt habe, alleine gelassen hat. Die Verantwortung war ihm wohl zu groß. Wie konnte ich nur glauben, dass wir eine glückliche Familie werden können? Was erwarte ich von jemandem, der immer auf der Suche nach neuen Seelen ist? Der Menschenleben opfert um dem „Gott“ die Seelen anzubieten? Ich hätte es wissen sollen. Aber nein, du warst dumm, mein Kind. Und jetzt sitzt du hier. Allein. Mit einem kleinen Mädchen an deiner Seite und ohne jegliche Hilfe. Und den einzigen Menschen in deinem Leben, der voll und ganz zu dir gepasst hat – ja, den hast du verloren. [...]
Es ist ein merkwürdiges Gefühl das zu lesen. Zu erfahren, dass mein Vater gar nicht mein Vater ist. Sie schreibt hier von einem fremden Mann. Ich weiß keinen Namen. Aber ich weiß, dass mein richtiger Vater wohl auch kein sonderlich angenehmer Zeitgenosse war. Seelenfänger? Ich habe früher immer von Anna, unserem Hausmädchen, solche Geschichten erzählt bekommen. Und wenn das alles nun keine Geschichten waren? Wenn es wirklich Seelenfänger gibt? War das dann der Grund, warum Mama mich eingesperrt hat? Und warum hat er uns alleine gelassen? Und wo ist er jetzt? Nicht, dass ich Lucan nicht als meinen Vater ansehen würde. Er war, seit ich denken kann, bei mir und war für mich immer das, was jedes Mädchen als seinen Vater sehen würde. Aber jetzt? Jetzt habe ich auf einmal die Wahrheit vor Augen. Vielleicht hätte ich einfach nicht darin herumstochern sollen – in der Vergangenheit. Manchmal sollte man Vergangenes einfach ruhen lassen. 'Dann wird man auch nicht enttäuscht', das hat Mama mir so oft gesagt. Und jetzt weiß ich auch, warum sie nie über die Vergangenheit sprechen wollte und mir keine Geschichten von sich selbst erzählt hat. Ich weiß nicht einmal wie sie zu dem geworden ist, was sie war. Und was sollte ich nun mit dieser neuen Information anfangen? Mich auf die Suche nach 'ihm' machen? Ich bin verwirrt, ganz ehrlich. Mein Blick gleitet zum Fenster in die dunkle Nacht. Mal wieder bin ich allein zuhause, nur Kasimir ist da, der mich vor all der Einsamkeit bewahrt. Ich glaube ich habe viele Dinge mit meiner Mama gemein. Nicht nur die blasse, kränklich wirkende Haut, die hellen blauen Augen, die gleichen Haare und die selbigen Gesichtszüge. Noch viel mehr verbindet uns, vor allem eine Sache: Die Sehnsucht nach Freiheit. Wenn ich mich im Spiegel betrachte sehe ich sie. Wie sie mich anlächelt und wie sie mir das Gefühl gibt, dass sie mich von Herzen liebt. Hätte jemand ihresgleichen gewusst, wie sehr sie mich geliebt hätte wäre ich vermutlich in Gefahr gewesen. Ein weiterer Punkt, warum sie mich nicht aus dem Haus gehen lassen wollte? Sie hatte Angst um mich, ganz sicher. Sie wollte mich nicht verlieren. Und vermutlich ist sie auch aus dem Grund gestorben... weil sie mich der Gefahr ausgesetzt gesehen hat. Trage ich die Schuld daran, dass sie tot ist? Ich wünschte mir für einen Augenblick, dass ich nur noch ein paar Augenblicke mit ihr habe. Einfach, um ihr ein paar Fragen zu stellen. Fragen, auf die ich noch lange keine Antwort finden werde. Vielleicht sollte ich mich erstmal darum bemühen mir meine verdiente Freiheit zu genehmigen. Und dann? Dann mache ich mich auf die Suche. Auf die Suche nach was? Auf die Suche nach dem Leben, nach der welt. Und den Seelenfängern. Ich muss wissen, wer er war.
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Leonie Lycron
Freiheit
Freiheit? Was ist Freiheit schon? Fragt das mal jemanden, der „Freiheit“ nur als Begriff oder als Wunsch kennt. Ich weiß nicht, wie sich Freiheit anfühlt, was es bedeutet, frei zu sein. In Büchern steht etwas über die Möglichkeiten, ohne Zwang zwischen verschiedenen Alternativen auswählen und entscheiden zu können.
Wenn man es so sieht, dann war ich auch immer frei. Ich konnte mich auch zwischen verschiedenen Alternativen des Abendessens oder der Gute-Nacht-Geschichte entscheiden. Nur war meine Freiheit vermutlich deutlich eingeschränkt.
Freiheit auf mich selbst bezogen bedeutet, dass ich die Haustüre verlassen kann wann und so oft ich möchte. Aber ist mir das möglich? Nein. Ich bin elf Jahre alt, habe elf Jahre damit verbracht hier zu sein. Der Lufthauch durch die Fenster oder durch die Türe war das Einzige, was ich von der Welt „da draußen“ miterlebt habe. Ob ich Angst habe? Natürlich habe ich Angst.
Aber jetzt stehe ich hier, sehe mir alles aus einer ganz anderen Perspektive an. Was würde Mama wohl dazu sagen, würde sie mich so sehen? Würde sie vor Angst kreidebleich werden? Nicht, dass das noch möglich gewesen wäre, so blass wie sie immer gewesen war. Nicht einmal der Tod war auf ihrem Gesicht zu erkennen. Ich spüre festen Boden unter meinen Füßen und – viel wichtiger – ich spüre die Luft in meiner Lunge. Es tut fast schon weh zu atmen. Aber ich habe es geschafft, die Mauern, die mich eingesperrt haben hinter mir zu lassen. Ich betrachte sie von außen und ein kurzes Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Eine Seltenheit, die man genießen sollte. Wohin mich meine Wege nun treiben werden weiß ich nicht. Ich muss die Welt erkunden. Ich weiß nicht wie Gras riecht, wie sich der Wind in den Bäumen anhört. Wie es sich anfühlt über Wege zu laufen. Die einzige Erfahrung die ich jetzt gerade habe ist der Wind, der mich umgibt und meine Haut streichelt. Ich spüre dieses Gefühl vermutlich gerade intensiver als jeder andere in meinem Alter. Vielleicht, weil ich es nie gespürt habe und es für andere die Gewohnheit ist. Ich höre Schritte, ich höre Stimmen. Ich sehe Menschen, die dicht an mir vorbei laufen, aber sich nicht groß für mich interessieren. Umso besser. Ich würde es jetzt gar nicht gebrauchen können, wenn mich auch noch jemand aufhalten würde. Doch womit fange ich an?
Freiheit? Was ist Freiheit schon? Fragt das mal jemanden, der „Freiheit“ nur als Begriff oder als Wunsch kennt. Ich weiß nicht, wie sich Freiheit anfühlt, was es bedeutet, frei zu sein. In Büchern steht etwas über die Möglichkeiten, ohne Zwang zwischen verschiedenen Alternativen auswählen und entscheiden zu können.
Wenn man es so sieht, dann war ich auch immer frei. Ich konnte mich auch zwischen verschiedenen Alternativen des Abendessens oder der Gute-Nacht-Geschichte entscheiden. Nur war meine Freiheit vermutlich deutlich eingeschränkt.
Freiheit auf mich selbst bezogen bedeutet, dass ich die Haustüre verlassen kann wann und so oft ich möchte. Aber ist mir das möglich? Nein. Ich bin elf Jahre alt, habe elf Jahre damit verbracht hier zu sein. Der Lufthauch durch die Fenster oder durch die Türe war das Einzige, was ich von der Welt „da draußen“ miterlebt habe. Ob ich Angst habe? Natürlich habe ich Angst.
Aber jetzt stehe ich hier, sehe mir alles aus einer ganz anderen Perspektive an. Was würde Mama wohl dazu sagen, würde sie mich so sehen? Würde sie vor Angst kreidebleich werden? Nicht, dass das noch möglich gewesen wäre, so blass wie sie immer gewesen war. Nicht einmal der Tod war auf ihrem Gesicht zu erkennen. Ich spüre festen Boden unter meinen Füßen und – viel wichtiger – ich spüre die Luft in meiner Lunge. Es tut fast schon weh zu atmen. Aber ich habe es geschafft, die Mauern, die mich eingesperrt haben hinter mir zu lassen. Ich betrachte sie von außen und ein kurzes Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Eine Seltenheit, die man genießen sollte. Wohin mich meine Wege nun treiben werden weiß ich nicht. Ich muss die Welt erkunden. Ich weiß nicht wie Gras riecht, wie sich der Wind in den Bäumen anhört. Wie es sich anfühlt über Wege zu laufen. Die einzige Erfahrung die ich jetzt gerade habe ist der Wind, der mich umgibt und meine Haut streichelt. Ich spüre dieses Gefühl vermutlich gerade intensiver als jeder andere in meinem Alter. Vielleicht, weil ich es nie gespürt habe und es für andere die Gewohnheit ist. Ich höre Schritte, ich höre Stimmen. Ich sehe Menschen, die dicht an mir vorbei laufen, aber sich nicht groß für mich interessieren. Umso besser. Ich würde es jetzt gar nicht gebrauchen können, wenn mich auch noch jemand aufhalten würde. Doch womit fange ich an?