…aus der Nachwelt, von potentiellen Feinden oder gelangweilten Schmierfinken! Was auch immer es war, es wurde von den Anguren mit dem höchsten Maß der Skepsis und Vorsicht behandelt. Nicht viele der Wilden konnten sich einen Reim darauf machen, wie aus undurchschaubaren Zeichen auf Pergament wieder Worte werden konnten. Die, die das Prinzip verstanden, waren dahingegen sehr selten und viele von denen wiederum bauten ihre Sicherheit mehr auf einer Behauptung des Könnens statt dem tatsächlich gelehrten Wissen auf. Perfekte Zustände also, um sich mit der neuen Herausforderung, die die Welt an sie stellte, zu beschäftigen.
Diese bestand nicht etwa aus einem zu überwältigenden Feind oder einer weiteren Naturkatastrophe. Nein, es war nur ein kleines Buch, welches – wann auch immer – direkt vor den Toren des Notlagers der Nordmänner abgelegt wurde. Von einigen ignoriert, ob nun aus Unwissen oder der Vorahnung, ein böses Omen besser nicht anzufassen, war es schließlich doch in die Pranken des Hocherhabenen und Unfehlbarsten aller Anguren gekommen – Jall. So oder so ähnlich jedenfalls wirkte der Alte, während er immer wieder durch das Buch blätterte und einen wichtigen Blick nach dem anderen in die Welt entließ.
Das Äußere:
„Hrrrm.. aye, d’s ganz klar ne Nachricht von.. mhrrrm..!“
„Von wem d’nn?“
„Hrrrm… na schau d’ch hin! ‘s Ding hier, und d’s.. und dann d’s, naahrr?“
„Uhm.. Ahrrr… Aye, von .. Mhrrrm..!“
Die Alten im Lager berieten sich recht eifrig, doch gleich, wie nah sie daran waren, Inhalte zu erwähnen - alles ging in einem inhaltsschwangeren Brummen unter. Doch immerhin konnten Anwesende die Blicke deuten, die gewechselt wurden zwischen den bärtigen Urgesteinen nordischer Herkunft. Diese schienen.. ebenso inhaltsschwanger, doch kein Stück leichter lesbar. Aber wenn alte Männer so ernst und selbstsicher mit sonorem Brummen die Übersetzung des Schreibens meisterten – was konnte dann noch schiefgehen?
Das Innere:
W’s bei’n Warzen Ulfgards is’n d’s für ein Dreck, dammich?!
Der kann d’s? Dies‘s Gekritz’l? Hex’rei!
Woh’r soll’ch’n wissen, von wem, eh? Scheißt’n Bär’n an!
W’s soll ich da seh’n.. hä? W’s? D’s is‘ doch.. arrg!
Völlige Ahnungslosigkeit, gepaart mit der Sturheit, sich auch ja nicht die Blöße zu geben, fehlendes Wissen vor der versammelten Angurerschaft einzugestehen. Die Alten kannten die Rolle, die sie zu spielen hatten. Eine davon war definitiv und zweifelsohne die, Sicherheit und Weisheit zu mimen, wenn beides denn nicht tatsächlich zur Verfügung stand. In diesem Fall spielten die hohen Herren meisterlich, wenn auch jeder in den Falten des anderen lesen konnte, dass hier die Meinung eines Kenners eingeholt werden musste.
So löste sich die Zusammenkunft auf. Zurück blieben einzig zwei, drei Ältere, die stillschweigend abnickten, als der Mimir das Schreiben in eine der zahllosen Taschen, die an ihm hingen, packte.
Die Jagd auf einen Übersetzer war hiermit eröffnet.
Geheimnisvolle Nachrichten auf ganz Gerimor
-
Corbin Tarnassus
Tag 1
Freiwilliger Übersetzer: Karulmann.
Feststellung: Schaiß’nsdrecksmist!
So oder so ähnlich lief wohl die Bestandsaufnahme des bisher Erreichten im Kopf des Alten ab, während er irgendwo im Nirgendwo, besser: Inmitten eines dichten Waldes, saß. Die Pfeife war einmal mehr gestopft und entzündet worden und der Mimir genoss den Geschmack von gutem, selbstgezüchteten Kraut, welches mit allerlei geheimnisvollen Ergänzungen bereichert wurde. Der Geschmackssinn eines Giftmischers kann über Jahrzehnte sehr eigenwillige Entwicklungen durchlaufen, sodass er wohl das einzige Wesen Gerimors darstellte, welches bei der zu rauchenden Mixtur noch ein hohes Maß an Wohlbefinden erleben konnte. Trotzdem: Kraut täuschte nicht darüber hinweg, dass sich der Ahnenrufer selbst nach der Konsultierung eines Übersetzers vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe stehen sah, an der es keinen Weg vorbei gab, die sich eben aber auch nicht einfach so abarbeiten oder wahlweise töten ließ.
„Scheißdreck, verdammt’r. ‘n feiger Südländ’r, der vor Dunk’lheit d’s Weite sucht? W’s soll mir dies’r Schund erklär’n?!“
Das angurische Gebrabbel war vielleicht der Grund, warum sich der Alte fernab angurischer Mithörer seine Mittagspause antat. Immerhin konnte es sehr peinlich werden, als Allwissender vor einem weniger Allwissenden im Lager eingestehen zu müssen, dass das Allwissen hier an seine Grenzen stieß. Und doch: Das, was dieser Karlmann dem Mimir übersetzte, hörte sich nach nichts anderem als völlig alltäglichem Allerlei an: Ein Nichtangure, der die Flucht ergriff. Das zweite Buch brachte kaum mehr Einsichten, handelte es doch nur von Blumen, Schönheit und anderen ungemein unmännlichen Dingen. Wie sollte man damit arbeiten?
„Niem‘nd haut’s’n Stuss vor uns’r Lag’r, weil’rs vergessen hat. Niem’nd..!“
Mit zunehmend verwirrenden Gedankengängen kamen die ersten ungesunden Theorien auf: Antiangurische Verschwörungen? Ein Komplott der Tiefländer? Wollten sich die Grünen mit den langen Ohren etwa mit den sterblichen Überresten der durch die MacAgrona Erschlagenen verbünden zu einem verheerenden Gegenschlag?
„Naaaahrrr.. da zwickt’s ein’m an’r Backe..“
Ruhe. Ruhe bewahren. Mimirisch an das Problem herantreten. In den letzten Jahrzehnten war das nicht das erste Problem, das einem den Tag versauerte. So galt es, auf den Kern der Dinge zu fokussieren, zu beweisen, dass Alter und dadurch Weisheit zu Genüge vorhanden war.
W’s is imm’r klar?
…
Südländ’r labern Scheiße!
Schon hellte sich die Stimmung des pragmatischen Alten auf. Die Lösung war gefunden! Nicht an den Nachrichten, sondern am Übersetzer war es gescheitert! Vielleicht war er ja Teil der sicherlich nicht existenten, aber unter Umständen doch bedenkenswerten Verschwörung, deren Gefahrengrad keineswegs erwähnenswert ist?
Mit dem letzten Aufglühen des Pfeifenkopfes erhob sich der Mimir. Wieder ruhiger, doch keineswegs beruhigt, suchte er sich lautstark und ohne Rücksicht auf Flora und Fauna einen Weg hinaus aus den dichten Wäldern. Jall mochte es nicht, wenn Dinge unerledigt waren. Er mochte es ganz und gar nicht.
Freiwilliger Übersetzer: Karulmann.
Feststellung: Schaiß’nsdrecksmist!
So oder so ähnlich lief wohl die Bestandsaufnahme des bisher Erreichten im Kopf des Alten ab, während er irgendwo im Nirgendwo, besser: Inmitten eines dichten Waldes, saß. Die Pfeife war einmal mehr gestopft und entzündet worden und der Mimir genoss den Geschmack von gutem, selbstgezüchteten Kraut, welches mit allerlei geheimnisvollen Ergänzungen bereichert wurde. Der Geschmackssinn eines Giftmischers kann über Jahrzehnte sehr eigenwillige Entwicklungen durchlaufen, sodass er wohl das einzige Wesen Gerimors darstellte, welches bei der zu rauchenden Mixtur noch ein hohes Maß an Wohlbefinden erleben konnte. Trotzdem: Kraut täuschte nicht darüber hinweg, dass sich der Ahnenrufer selbst nach der Konsultierung eines Übersetzers vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe stehen sah, an der es keinen Weg vorbei gab, die sich eben aber auch nicht einfach so abarbeiten oder wahlweise töten ließ.
„Scheißdreck, verdammt’r. ‘n feiger Südländ’r, der vor Dunk’lheit d’s Weite sucht? W’s soll mir dies’r Schund erklär’n?!“
Das angurische Gebrabbel war vielleicht der Grund, warum sich der Alte fernab angurischer Mithörer seine Mittagspause antat. Immerhin konnte es sehr peinlich werden, als Allwissender vor einem weniger Allwissenden im Lager eingestehen zu müssen, dass das Allwissen hier an seine Grenzen stieß. Und doch: Das, was dieser Karlmann dem Mimir übersetzte, hörte sich nach nichts anderem als völlig alltäglichem Allerlei an: Ein Nichtangure, der die Flucht ergriff. Das zweite Buch brachte kaum mehr Einsichten, handelte es doch nur von Blumen, Schönheit und anderen ungemein unmännlichen Dingen. Wie sollte man damit arbeiten?
„Niem‘nd haut’s’n Stuss vor uns’r Lag’r, weil’rs vergessen hat. Niem’nd..!“
Mit zunehmend verwirrenden Gedankengängen kamen die ersten ungesunden Theorien auf: Antiangurische Verschwörungen? Ein Komplott der Tiefländer? Wollten sich die Grünen mit den langen Ohren etwa mit den sterblichen Überresten der durch die MacAgrona Erschlagenen verbünden zu einem verheerenden Gegenschlag?
„Naaaahrrr.. da zwickt’s ein’m an’r Backe..“
Ruhe. Ruhe bewahren. Mimirisch an das Problem herantreten. In den letzten Jahrzehnten war das nicht das erste Problem, das einem den Tag versauerte. So galt es, auf den Kern der Dinge zu fokussieren, zu beweisen, dass Alter und dadurch Weisheit zu Genüge vorhanden war.
W’s is imm’r klar?
…
Südländ’r labern Scheiße!
Schon hellte sich die Stimmung des pragmatischen Alten auf. Die Lösung war gefunden! Nicht an den Nachrichten, sondern am Übersetzer war es gescheitert! Vielleicht war er ja Teil der sicherlich nicht existenten, aber unter Umständen doch bedenkenswerten Verschwörung, deren Gefahrengrad keineswegs erwähnenswert ist?
Mit dem letzten Aufglühen des Pfeifenkopfes erhob sich der Mimir. Wieder ruhiger, doch keineswegs beruhigt, suchte er sich lautstark und ohne Rücksicht auf Flora und Fauna einen Weg hinaus aus den dichten Wäldern. Jall mochte es nicht, wenn Dinge unerledigt waren. Er mochte es ganz und gar nicht.