Die Last der Welt

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Tajara Nair
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Registriert: Montag 28. August 2006, 16:57

Die Last der Welt

Beitrag von Tajara Nair »

Prolog: Zwiesprache

An diesem Abend saß sie gemeinsam mit Torina am Feuer - selten waren diese Momente, da sie Torina so gesprächig erlebt hatte, und für Tajara selbst war eben jener Moment sehr eindrucksvoll und versetzte ihr gleichzeitig einen Schlag. Die Worte der Schmiedin enthielten viel Wahrheit - so viel Wahrheit. Kein Vorwurf war es - aber es war ein Beweis dessen, dass die Welt nicht besser wurde nur weil eine einzelne Person versuchte, sie besser zu machen.
Tajaras ganzes Leben beruhte nur auf den Grundsatz: "Laste dir das Gewicht der Welt auf die Schultern, denn es tut niemand anders." War es so einfach? In der Tat! Torina hatte der Waldläuferin die Augen geöffnet, jetzt da sie so dasaßen und sprachen.
Tajara MUSSTE zurücktreten - just gerade aus dem Grund, da....
Oh meine Güte, sie hatte so recht. Nun war Tajara nicht mehr dazu berechtigt sich vor die Schwestern zu stellen und sich bereit zu erklären, jeden Hieb in Kauf zu nehmen. Sie trug ein neues Leben in sich. Sie war schwanger!
"Nein Tajara, du lastest dir diese Bürden selbst auf, und die Menschen versinken wirder in ihre melancholie, sobald die Wogen geglättet sind. 'Das wird Taja schon machen' sagen sie und leben ihr Leben. Ich hingegen lebe nur für meine Schwestern. ich würde sofort für euch in den krieg ziehen. Ich denke nicht, ich handle. Du hingegen lastest dir diese Bürde auf."
Tajara konnte nur eines erwiedern. "Irgendjemand muss es doch tun."
Die Städter auf Gerimor verrichten Heldentaten in ihrem Wunsch, dass dereinst eine Statue ihr Grabmahl ziert und dass sich auf ewig jemand ihrer Taten gedenkt. Doch Tajara würde in einem erdloch verrotten - ihr Name würde einst vergessen werden.
In dieser Nacht fand sie nur schwer Ruhe. Ihr Leben zog an ihren Augen vorbei - und stets war es geprägt von Leid und Schmerz in ihrem Versprechen, das sie insgeheim schon als Kind ihrem Vater schwor. "Ich werde leben und sterben um die Welt besser zu machen. Um der Welt zu zeigen, es gibt bessere Menschen."
Doch sie war vielleicht für lange zeit die Einzige, die das wirklich begriffen hatte.

Was hast du denn aus deinem Leben schon gemacht? Dem Tod dreimal entkommen im Wunsch etwas zu ändern - Leid hingenommen nur damit der Zorn auf dich gelenkt wird - Schmerz erduldet um ihn anderen zu ersparen - dein Leben einer Insel verpfändet, die dein Opfer nie zu schätzen wissen wird. Du hast eine Armee gegen jene geführt - und nun haben sie dich schon wieder vergessen!
Vielleicht sollen sie es nicht vergessen - sie sollen nur begreifen.
Sie sind am Leben - und ist es nicht das was zählt?
Ja - nur das zählt.
Verflucht nochmal! Lieder sollten geschrieben werden über dich. In jungen Jahren hast du schon so viel erfahren! Kaum jemand wird das in diesen Tagen Dir nachmachen können!
Mein Lied erklingt solange ich am Leben bin in meinem Herzen. Nirgendwo anders soll es Platz haben.
Und was dann? Wenn der Rabe dich gar holt - meinst du er legt Wert darauf?
Nein.... Das tut er nicht.
Warum also tust du es? Du erwartest keine Anerkennung aber du hättest sie verdient! Du erwartest keinen Dank, doch du wirst verachtet. Du erwartest nichts!
...und ich bekomme nichts!
Du bist verrückt!
Aye... das bin ich.

Die beiden Stimmen in ihr fochten sich einen lauten und langen Streit aus. Und dennoch. Als Tajara früh am Morgen nach langer Schlaflosigkeit aufstand und das Lager klammheimlich verließ um Luft zu schnappen durchstreifte sie die kühlen nebelverhangenen Wälder um Neu-Sturmwipfel.
Die Luft duftete nach frischem nassem Holz. In der Ferne erwachten die kleinen Vögelchen und schrien um Futter, welches ihre Eltern bereits jagten (ebenso wie Tajara bald ein schreiendes Bündel im Arm halten würde, wenn sie es ausgetragen hatte um es zu füttern) - genoss die Ruhe und das Gefühl, dass keine böse Macht dieser Welt diese Idylle trüben konnte...
...und da fiel es ihr wieder ein. Es waren jene Momente des Friedens und der Ruhe, die es wert machten...
...wert, die Last der Welt auf die Schultern zu nehmen.
Das Inselpfand um ihren Hals war diese Last. Und geduldig trug sie jene.
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Tajara Nair
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Beitrag von Tajara Nair »

Kapitel 1: Zwiedenken

Die Schatten wurden kürzer. Von Tag zu Tag stieg die sonne höher im Firmament und mit Lameriast ging etwas vor sich - wie in jedem Jahr wurde es frühling. Hier im Süden früher als gewöhnlich und die ersten Bäume begannen zu blühen. Sträucher, wie die Forsizie glänzten golden im Licht der erwachenden Sonne und die Kirschbäume trieben weiße und rosafarbene Blüten. Die Wiesen sprossen vor Primeln, Krokussen und Gänseblümchen. Es war eine Zeit des Erwachens und der Zuversicht. Dinge, welche schätzenswert waren. Das Blut war in diesem Winter nicht sehr viel geflossen und damit spülte die Schneeschmelze auch wenig davon. Der sich anbahnende Krieg löste sich in Ruhe auf.
Ein Jahr war es her, seit viel.... viel Blut geflossen war - und ein Jahr nun war es her, dass Tajara ihr Leben dem Inselherren versprach im Gegenzuge für das Überleben der Insel. Irgendwo hinter den Wäldern war Thoran, der zweite Inselwächter. Ob er ähnliche Gedanken hegte im Angesicht seiner Heimat?
Tajara konnte die Insel kaum noch verlassen. Jedesmal wenn sie es tat verspürte sie nach einiger Zeit einen seltsamen Schmerz in ihrem Kopf. Es war als würde etwas ihren Geist fortzerren wollen - dahin wohin sie gebunden war - nach lameriast; denn jedesmal wenn sie zurückkam ging der Schmerz augenblicklich wieder weg.
Empfand sie es zunächst noch als Last wurde ihr klar, wie schön diese Insel eigentlich war - eine Verpflichtung, eine Lebensaufgabe, die sich lohnte. Es war so schön hier. Und wohl kaum jemand verstand den herzschlag der Insel, den sie auch hören konnte. So bezeichnete sie wohl am Ehesten diese Kraft die in der Insel ruhte - ein Wille zu erhalten und zu überleben - fern der Götter - fern der in weiter Ferne liegenden Kriege. Hier ging es nur um eines: Es ging um die Insel selbst.
Es war immer schon so, dass glück und Trauer sehr nahe beieinanderlagen, und so war es kaum verwunderlich dass Tajara Worte dafür finden konnte.

In weiter Vergangenheit...

Seit jeher war Tajara ein ungestümes Mädchen. Das hat sie wohl von ihrem Vater, Dirk nair geerbt, welcher, so nach eigener Aussage ihrer Mutter selbst ein Mann von Ehre und Stolz war, immer darauf erpicht jene zu schützen die er liebte, waren es Freunde oder seine Familie. Leider setzte er sich einst für einen Freund zu sehr ein, welcher aus Notwehr wohlgemerkt einen Reichsritter tötete und die Schuld auf sich nahm damit jener seine Familie ernähren konnte und wurde gehängt. Nie mehr habe sich Layla Nair verliebt. So wandelte sie von Freier zu Freier, immer hoffend, einst ihre Liebe zu finden, die sie jedoch nie fand. Da war Tajara gerade mal zwei Jahre alt.

Als sie vier war brachte Layla Kyra, ihre Halbschwester zur Welt. Während Tajara mehr oder Weniger zur Kämpferin heranwuchs, die schon früh Verantwortung übernehmen musste war Kyra die Arbeiterin. Kyra musste die Kindheit über am Hof ihrer Eltern arbeiten, während Tajara auf den Hof und vor allem auf ihre Schwester aufpasste nachdem Layla wieder in die Taverne ging um sich sinnlos zu betrinken.

Mit 13 war Tajara ihr Heimatdorf Bajard überdrüssig. Sie war seit jeher ein unruhiger Geist und beschloss auszubrechen, wohl zeitgleich mit ihrer Schwester, welche erheblich jünger war. Dennoch gingen sie ohne ihr Wissen voneinander getrennte Wege. Tajara übernahm gelegenheitsarbeiten, Holz schleppen, mitwirken beim Bau von Hütten, bis sie sich einem Wanderzirkus anschloss, welcher durch das Land zog.

Schon früher, auch wenn sie sich gerne rumprügelte, ein Junge gefangen in einem Mädchenkörper, glaubten einige, hörte sie sehr gerne Geschichten. Und so wanderte sie als Geschichtenerzählerin mit diesem Zirkus mit. Eine wichtige Zeit, denn so lernte Tajara viel von der Welt kennen, etwas, das sie immer schon gern tat, war sie doch schon seit jeher ein unruhiger Geist und darauf erpicht, so viel wie möglich zu sehen.

Nach zweieinhalb Jahren des Umherwanderns verließ sie den Zirkus, wo sie gar ein bisschen Schauspielerisches Talent erlernte, um ihre Geschichte glaubhaft zu erzählen. So kehrte sie zurück nach Bajard heim. Kyra war fort. Tajara war ein 16jähriges Mädchen und schlug sich erneut mit Gelegenheitsarbeiten durch - dann lernte sie Milo, einen jungen Hufschmied kennen.

Die Beiden verstanden sich mehr oder weniger auf Anhieb - und schließlich fanden die Beiden zueinander. Sie bauten sich im Walde nahe eines kleinen Teiches eine kleine Holzhütte und leben dort zusammen. Für Tajara war es die vielleicht glücklichste Zeit ihres Lebens. Zwei Jahre verbrachten sie miteinander. Milo bat sie, sie zu ehelichen. Für Tajara war es gar keine Frage, sie stimmte ohne Weiteres zu. Die Verlobung war besiegelt - doch das Schicksal schlug gnadenlos zu.


Der Pfirsichbaum trug erst Knospen, auf dem sie saß. So lange Jahre nun war es schon her. Schicksal.... ein seltsames Wort für etwas nicht Existentes. Letztlich sind es die Entscheidungen, die sie fällte, die sie an diesem Punkt brachte. Aufopferung hatte aus Tajara einen anderen Menschen gemacht. Ihre Intuition sagte ihr, dass sie sehr bald schon vor die Wahl gestellt würde. Doch einstweilen war sie zufrieden - mit sich und dem Dasein auf Lameriast. Es gab nichts was sie geändert haben wollte. Lameriast war friedlich.
Zuletzt geändert von Tajara Nair am Mittwoch 1. April 2009, 05:33, insgesamt 1-mal geändert.
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