"Du musst dich erst richtig schlecht fühlen, bevor du dich wieder gut fühlen kannst.
Erst ertrinken, bevor du wieder Luft holen kannst.
Bluten, bevor deine Wunden heilen können und du verstehst, dass es mehr als eine Klinge braucht, um dich für immer zu töten..."
Es war wie ein unwirklicher Übergang zwischen träumen und wachen, als die silbergrauen Augen sich seit über zwei Tagen wieder öffneten. Wirre, schwer zu deutende und noch schwerer in Erinnerung zu behaltende Träume durchzogen Shessidyrs Geist in den letzten Tagen und Nächten und sie schienen auch noch kein Ende gefunden zu haben, als dunkle, verschwommene Schatten sich vorsichtig wie Räuber an ihre Bettstatt schlichen.
Sie erkannte diesen "Schatten"... es war Asedya. Sie war so oft bei ihr. Und schon bald wurde mit schweren aufkommenden Krämpfen, die den geschwächten Körper gnadenlos schüttelten wie ein Titan eine junge Weide klar, dass es sich um keinen Traum mehr handelte. Die Runenklinge des Wilden hatte ganze Arbeit geleistet und ihr einen tiefen, armlangen Schnitt die rechte Seite hinab zugefügt.
Es waren höllische Schmerzen, als sie die Wunde vor einigen Tagen auswusch und - so tief war sie - mit Verbandsmaterial füllte. Doch sie durfte niemandem davon berichten, niemandem gegenüber etwas anmerken lassen. Sie musste ungebrochen wirken, keine Schwäche zeigen... es würde von ihr erwartet werden. Der Wille des Meisters hat keine Schwächen - zumindest darf sie diese niemals zeigen.
Angefangen hatte alles, als sie letzte Woche in die Heilige Stadt aufbrach. Auf dem Weg dorthin bereits begann die Wunde seltsam zu stechen, aber dieses konnte noch toleriert werden. Jedoch nicht mehr, als sie sich nach dem Gespräch mit Ritter Blutfaust erhob, den Raum verlassen wollte und fast von schweren Krämpfen in der Seite von den Beinen geholt wurde. Zum Glück stellte der Ritter Vater Klaues keine unangenehmen Fragen und sie war bald wieder auf heimatlichem und doch in den letzten Wochen stark verfremdeten Gebiet... Lameriast. Und das keine Stunde zu früh, denn bereits in der Fähre begannen ihre Augen, ihr seltsame Streiche zu spielen und eine eigenartige Schwäche breitete sich über alle Körperteile aus... selbst ihre Klingen, die wie ein Teil von ihr selbst waren und die sie nicht einmal beim schlafen ablegte, wirkten wie eine zentnerschwere Last, die durch aufkommende Übelkeit noch verstärkt wurde.
Zu ihrem Glück begegnete ihr niemand in diesem erbärmlichen Zustand, in dem sie mehr als ein einfaches Opfer für Wegelagerer, Wildtiere und Streiter der Rebellen wäre und erreichte die Mauern Eisenwarts noch vor Einbruch der Nacht. Es wirkte, als wäre in den heimischen Mauern jeder Schmerz vergessen und ein Gefühl der Erleichterung machte sich in ihr breit. Doch es gab nicht viel Zeit, um daran Gedanken zu vergeuden, es galt noch so vieles zu erledigen und die nächsten Schritte führten sie in die Gewölbe der Eisenwart, als sie hinter sich eine Stimme hörte.
"Der Mauer Schutz, Frau Shartir" war das letzte, was sie zu hören bekam, bevor wie eine Stichflamme aufkommende Krämpfe ihr die Schwärze vor Augen trieb und den Körper bewusstlos zu Boden sacken ließen.
Die nächsten Tage vergingen wie ein Alptraum: Die wenigen Momente, die sie kurz wach war, konnte sie ihre Welt verschwommen und trüb wahr nehmen. Jedoch war es kein normales Erwachen, da sie jedes Mal nur die Welt der Träume verliess, als sie starke Schmerzen spürte. Und dieses war meistens, als jemand ihre schwere Wunde versorgte.
Schmerzen...
Wo bin ich?
Zuhause...
Nicht schreien...
Darf nicht...
Papa...
Und wieder Dunkelheit.
Es dauerte einige Tage, bis die Augen sich wieder öffneten. Träume von Leben und Sterben waren die ständigen Begleiter dieser Zeit. Da war Asedya wieder. Anscheinend sprach sie mit ihr, doch sie verstand nichts. Die Worte kamen nur als gedämpfte Fetzen eines entfernten Echos zu ihr. Und plötzlich erschien neben Asedya eine weitere Gestalt, die ihre betäubten Arme erzittern ließ. Konnte es sein... der Meister?!
Wer hatte ihn befreit? Wer hat ihre Schwäche ausgenutzt? Sie hatte nicht viel Zeit darüber nachzudenken, als Asedya ihr bereits irgendetwas flüssiges einflößte. Es schmeckte bitter und verstärkte die Schmerzen nochmals. War es eine Strafe? Jedoch war es bald vorbei und ihre Wahrnehmung pendelte sich wieder in einen normalen Rahmen ein und das Gefühl der glühenden Nadeln verschwand aus ihren Gliedern.
Er war es tatsächlich... der Meister. Er wirkte strenger als sonst und bekräftigte dieses mit den Worten:
"Du hast mich verraten, Shessidyr."
Irgendwie schaffte sie es, sie selbst hörte sich nur schwach, die Lippen zu bewegen und einige Worte heraus zu zwingen:
"Niemals verraten... Meister... ich diene... nur Euch alleine..."
Diese Worte jedoch schienen ihren Meister Khazkal Deslon nur wenig zu interessieren, als er mit schweren Schritten um die Bettstatt herum trat, sich auf den Bettrand nieder ließ und sie die Augen schloß und hoffte, dass die Schläge nicht zu hart werden würden. Die Sekunden wirkten wie eine Ewigkeit und die Schläge blieben aus. Anstelle dessen legten sich die kalten Finger der berüsteten Hand auf ihre Wange und begannen, sie zärtlich anmutend zu streicheln. Dieses Gefühl... es war so ungewohnt. Und schon bald durchbrach die vernichtend kalte Stimme des Meisters diese Illusion der Geborgenheit und zeigte schon bald auf, dass er kein Verständnis für Eigenwilligkeiten hatte:
"Ich weiß, dass du nur mir alleine dienst, Shessidyr.
Dir bleibt auch nichts anderes übrig.
Oder ich werde dich hinrichten lassen.
Diesmal werde ich deine Verfehlung in meinem Großmut vergeben.
Jedoch kein zweites Mal.
Wirst du also ein braves Mädchen sein und gehorchen?
Oder willst du sterben?"
Es gab selten Momente, in denen sie Angst vor ihrem Meister hatte. Dieser war einer davon, da sie wusste, dass er ihr Leben mit einem einfachen Handwink beenden könnte und es auch tun würde. Er hasste schließlich Widerspruch. Sie hatte vor wenig Angst, doch in genau diesem Moment wünschte sie sich nichts mehr, als wieder das kleine geliebte Mädchen ihres Vaters zu sein, der sie vor allem Übel beschützt. Ihr Herz schlug wie das Hufgetrappel einer aufgescheuchten Herde Karibus, als sie den Kopf langsam schüttelte und hoffte, dass er ihre Reaktion nicht falsch verstünde.
Er erhob sich und sprach:
"Dann erhole dich, Shessidyr. Ich brauche dich bei bester Gesundheit, wenn du deine Bestrafung erhältst."
Somit hatte er ihr also vergeben... ein wunderschönes Gefühl.
Sei ein braves Mädchen... oder stirb
- Shessidyr Shartir
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