"Soll der Panther sie richten"
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Jonath Grauwind
"Soll der Panther sie richten"
Der Mensch neigt stets dazu sich einzureden er hätte keine Wahl gehabt, wenn er den bitteren Geschmack aus dem Kelch der Erkenntnis auf der Zunge schmeckt. Es wäre einfach gewesen den Blick vom Spiegelbild abzuwenden und Verwünschungen an Götter und Menschen zu richten. Hätten unsere Lippen sich am Rande des Kelchs benetzt, vielleicht hätten wir es getan. Nur ein Herzschlag und wir waren vollends hineingefallen. Verrat, Versagen und Verlust… eine dreifache Erkenntnis war die unsere.
Oftmals redete man sich in Zeiten der Not ein, dass Licht am Ende des Horizonts warten würde. Die Lichter die sich in der Ferne von den nächtlichen Klippen abhoben kündeten uns hingegen von einem weniger wünschenswerten Schicksal. Dort erstreckte sie sich. Die schwarze Stadt. Heiligtum und Herz eines ganzen Reiches. Einem Reich das für seine Strenge und Disziplin ebenso berüchtigt war wie für seine grausame Härte.
Jonath Hände umklammerten das Holz der Reling als der Schwindel begann. Die letzten Tage hatte ihm das Auf und Ab der Windbraut kaum eine Schwierigkeit bereitet. Nur die Gedanken raubten jeden Schlaf. Und nun, mit dem Blick auf jene Stadt in deren Mauern sie die falsche Wahl getroffen hatten, krampfte sich das letzte bisschen Herz schmerzlich zusammen.
Vor einem Jahr war unsere eigene Vergangenheit mit uns flammenden Greifen geritten. Die Erinnerungen an die Zeit im Söldnerbanner der Grauwölfe und ihr Erbe. Sie hatte bewirkt, dass wir in den Reihen des alatarischen Reiches als anders galten. Unser Verständnis von Ehre würde uns behindern im Dienst, wir wären zu zimperlich und mitfühlend hieß es. Und dennoch, selbst der heilige Ahad Rasakar würdigte unsere Loyalität.
Der Kniefall vor dem Alka war ein großer Schritt für uns. Es war die Überzeugung einem Mann die Treue zu schwören der uns Hoffnung brachte. In unseren Augen war er ein großer Mann. Ein Mann den man aufs Ärgste zu fürchten hatte wenn man ihn enttäuschte.
Vergangenheit hat die Angewohnheit die Gegenwart einzuholen wenn man nicht mit ihr abschloss. Wie sehr sie es getan hatte.
Jonath schloss einen Moment die Augen, besann sich auf die Leere in der Brust. Als er sie öffnete war es Cregan der neben ihm stand. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen, keine zu deutenden Blicke und auch kein mattes Lächeln. Sie waren einfach da. Dennoch war es gut jemanden neben sich zu wissen. Nicht ganz allein in der Dunkelheit zu schreiten die vor ihnen lag.
Wir schwiegen, schmeckten einen eigenartigen Geschmack, der nicht allein von der salzgeschwängerten Seeluft herrührte. Der Nachklang jener Worte, die uns einst soviel bedeuteten lag uns wie ein bitteres Gift auf dem Gaumen: „Ruhm und Ehre“.
Eine kleine Flamme mag genügen einen Pfad in der Dunkelheit zu erleuchten. Wie glücklich hätten wir uns also schätzen dürfen, dass sich uns darüber hinaus ein Leuchtfeuer geboten hatte, welches uns den Weg wies? Doch wir? Wir waren unseren eigenen Irrlichtern gefolgt. Wir strebten nach mehr, wir schürten unser eigenes Feuer. Ließen es lodern und aufflammen. Glaubten unsere Werte ließen uns heller strahlen als andere.
Ein Tier käme nicht auf die Idee jenes Zentrums seines Lebens, welches ihm überhaupt erst ein Ziel gab, übertrumpfen zu wollen. Ein Mensch hingegen schon. Stolz heißt der Nektar des Wahnsinns.
Wie benommen strebten wir nach Ruhm. Einen anderen Grund als Selbstgefälligkeit können wir heute nicht mehr nennen. Die Kunde unserer Taten sollte nicht nur von unserer Stärke und unserem Mut, sondern auch von unserer Ehre berichten. Ein Greif begleicht stets seine Schulden. Ein Motiv der Ehre und gleichauf jener Dolch, den wir uns blind ins eigene Fleisch rammten. Was hatte Ehre je gebracht?
Sie hatte uns zu Verrätern gemacht. Wie Diebe hatten wir uns in der Nacht davon gestohlen. Hatten neue Gefährten ohne ein Wort im Stich gelassen, unserer Pflicht wissentlich verdrängt und am schändlichsten von allem unseren heiligen Eid gebrochen. Wir waren nicht einmal Manns genug gewesen unserem Herrn eine Botschaft zu überbringen. Wie sehr wir fürchteten er würde uns nicht verstehen. Narren waren wir gewesen einer Stimme aus der Vergangenheit zu folgen und alles was uns am Leben hielt aufs Spiel zu setzen. Leben…ja das war es worum es ging. Grinwulf hatte uns einst zu Männern gemacht und mit einem Sinn versehen. Und noch nach seinem Tod war es die Frucht seiner Lenden die uns das Leben schenkte. Wir hätten den Ruf ignorieren sollen.
Es lag Ironie in der Vertrautheit der Szenerie. Schafott, begeisterter Mob, Henker und ein Urteil welches im Namen der verachtenswerten Adlerin Tod bedeutete. Doch dieses Mal waren die Rollen vertauscht. Der Sohn jenes Mannes, den wir noch immer aus einem Schuldgefühl hinaus nachtrauerten, schritt den langen Weg seines letzten Ganges. Einst rettete er uns mit Zunder und Stahl unseren Hals. Nun harrten wir in der Menge um dem Drama seine Wendung zu verleihen. Hätten wir nur gewusst, dass wir in einer Tragödie spielten.
Grey vertraute uns. Wir machten denselben Fehler. Wir dachten in unserem Stolz und unserer Arroganz wir würden in die Höhle des Löwen kehren und den Todgeweihten aus dem Schlund des Raubtieres reißen. Wie konnten wir nur so töricht sein. Wir hatten die Fluchtwege bereitet, hatten bestochen und alte Schulden eingelöst. Wir hatten mir allem gerechnet... nur nicht mit dem Volk und seiner morbiden Gier nach Blut. Wie eng sie beisammen standen, die Augen wie Kinder auf ein neues Spielzeug gerichtet. Wie sie tuschelten und mit dem Finger auf den Prinzen der Diebe deuteten. Für sie war er ein niemand, ein Hund, ein Verbrecher. Wir bahnten uns den Weg durch die Menge, drückten Schultern bei Seite, rempelten und stießen. Zu grob, zu auffällig. Der Ärger begann, und im Hintergrund wurde das Urteil verlesen. Wir waren zu unsicher, zu feige. Wir hätten den Pöbel ignorieren sollen. Doch wir ließen uns aufhalten. Als Lohn empfingen wir den Anblick eines Freundes, sein blau angelaufenes Haupt welches den Strick zierte.
Das Volk blieb still.
Rothen nicht. Wie oft hatten wir uns Scherze über sein ruhiges Gemüt geleistet? Vielleicht war es jene Jahre lange Ruhe die sich nun in blinde Verzweiflung und Wut wandelte. Sein Wutschrei war die Glocke zur Panik. Es ging zu schnell, viel zu schnell. Ein Aufblitzen der Klinge, Schreie des Entsetzens und Warnungen. Er preschte vor, wie flink er war, ja er war wirklich unser Kundschafter. Bronn und Cregan warfen ihre Kapuzen zurück. Der Griff um ihre blankziehenden Waffen war fest und bestimmt, aber ihre Augen begannen die wachsende Furcht wiederzuspiegeln. Ein Blick nach links, ein Blick rechts. Menschen über Menschen.
Ich konnte nicht ausmachen auf wen Bronn einstach, doch bin ich mir sicher dass es ein Wachmann war. Er war es der sich auf Rothens Fährte machte. Und ich? Mir blieb nur den Rücken an jenen von Cregan zu stellen und mich gemeinsam mit ihm jener zur erwehren die auf uns eindrangen. Ich war ihr Hauptmann, ihr Kopf, ihr Befehl… und doch blieb meine Kehle still. Ich hatte versagt. Die Panik lachte triumphierend.
Das einfache Volk wich, diejenigen die seinem Schutz dienten nahten. Erinnerungen rasten zurück in den Geist. Bilder von feuchten Kerkerwänden, dem Frass und den Ratten. In der Ferne die Stimmen von Gefährten die sich verzweifelt Mut zusprachen. Der Kopf eines Freundes auf dem Richtblock unter der Axt des Henkers. Fliehen oder sterben, es gab keinen dritten Weg. Zwischen Attacken und Paraden hielten wir Ausschau nach dem blauen Haupt Bronns. Brüllten gellend seinen und Rothens Namen wahllos in die Welt. Eine Antwort blieb aus. Ein einzelner Wolf… Grinwulf hatte ihnen eingebläut nur im Rudel zu streiten. Auch diese Lektion hatten wir vergessen.
Wir entschieden uns zur Flucht. Die Glorie eines sinnlosen Todes verschmähend. Rannten und rannten und rannten wie getretene Hunde, während Angst uns die Sporen gab. Wir folgten den bereitgestellten Fluchtwegen, hofften an jeder Ecke unsere zwei Brüder wieder neben uns zu wissen. Doch wir rannten allein.
Wie allein wir wirklich waren merkten wir erst als wir bei einem alten Grauwolf Unterschlupf suchten. Grenn Starkarm hatte sich unter neuen Namen eine Existenz aufgebaut. Hatte Frau, hatte Kinder. Es war mehr Pflicht alter Tage die ihn uns bei sich aufnehmen ließ. Er hatte nie verstanden warum wir uns dem Reich des Panthers unterwarfen, und er missbilligte es. Wir hatten gehofft Rothen und Bronn würden ihn aufsuchen. Wir wurden enttäuscht. Nach zwei Wochen mussten wir Grenns Heim verlassen, er sorgte sich um die Sicherheit seiner Familie. Als wir uns Lebwohl sagten wusste jeder von uns, dass es das letzte Mal gewesen war.
Wir hielten die Ohren offen ob wir von unseren Brüdern hörten. Kein Wort wurde verloren. Die Geschichte während der Hinrichtung war nach einem Monat bereits vergessen. Nur nicht unsere Gesichter. Steckbriefe hingen aus. Cregans Wolfklaue und Jonath Grauwinds Kopf waren eine stolze Summe wert geworden. Damals hätten wir einen Monat lang unseren Hals riskieren müssen um eine solche Menge Gold unser eigen nennen zu können. Steckbriefe von Bronn und Rothen jedoch blieben aus. Es schmerzte sich auszumalen warum dies der Fall war.
Cregan und ich wurden Geschöpfe der Nacht. Wir verbargen uns vor den Blicken der Welt. Hungrig, kränklich, gebrochen. Wir spürten mit jedem Tag wie sich die eigene Selbsterkenntis gegen uns richtete. Wir hatten alles verloren woran wir uns klammerten. Wir hatten unsere neuen Freunde und Gefährten zurückgelassen für unsere eigene private Fehde mit dem alumenischen Reich, hatten unseren Herrn verraten und hatten Treuebruch am Heiligen Alatarischen Reich verübt. Doch das plagenste war das Wissen, dass zwei weitere Brüder den Tod gefunden hatten für Nichts und wieder Nichts. Versager, Verräter…Verdammte.
Es gab nur noch eines zu dem wir taugten. Sollen unsere gematerten Leiber ein Mahnmal sein für das alatarische Volk, was Treulosigkeit und Feigheit nach sich ziehen.
Dort in der Heiligen Stadt, der sich unser Schiff nähert, werden wir unsere Strafe in empfang nehmen.
Möge der Richtplatz der letzte Ort sein an dem wir uns einen Rest Selbstachtung und Mannheit zurückholen können.
Gemeinsam mit Po Cregan Wolfsklaue verfasst
Oftmals redete man sich in Zeiten der Not ein, dass Licht am Ende des Horizonts warten würde. Die Lichter die sich in der Ferne von den nächtlichen Klippen abhoben kündeten uns hingegen von einem weniger wünschenswerten Schicksal. Dort erstreckte sie sich. Die schwarze Stadt. Heiligtum und Herz eines ganzen Reiches. Einem Reich das für seine Strenge und Disziplin ebenso berüchtigt war wie für seine grausame Härte.
Jonath Hände umklammerten das Holz der Reling als der Schwindel begann. Die letzten Tage hatte ihm das Auf und Ab der Windbraut kaum eine Schwierigkeit bereitet. Nur die Gedanken raubten jeden Schlaf. Und nun, mit dem Blick auf jene Stadt in deren Mauern sie die falsche Wahl getroffen hatten, krampfte sich das letzte bisschen Herz schmerzlich zusammen.
Vor einem Jahr war unsere eigene Vergangenheit mit uns flammenden Greifen geritten. Die Erinnerungen an die Zeit im Söldnerbanner der Grauwölfe und ihr Erbe. Sie hatte bewirkt, dass wir in den Reihen des alatarischen Reiches als anders galten. Unser Verständnis von Ehre würde uns behindern im Dienst, wir wären zu zimperlich und mitfühlend hieß es. Und dennoch, selbst der heilige Ahad Rasakar würdigte unsere Loyalität.
Der Kniefall vor dem Alka war ein großer Schritt für uns. Es war die Überzeugung einem Mann die Treue zu schwören der uns Hoffnung brachte. In unseren Augen war er ein großer Mann. Ein Mann den man aufs Ärgste zu fürchten hatte wenn man ihn enttäuschte.
Vergangenheit hat die Angewohnheit die Gegenwart einzuholen wenn man nicht mit ihr abschloss. Wie sehr sie es getan hatte.
Jonath schloss einen Moment die Augen, besann sich auf die Leere in der Brust. Als er sie öffnete war es Cregan der neben ihm stand. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen, keine zu deutenden Blicke und auch kein mattes Lächeln. Sie waren einfach da. Dennoch war es gut jemanden neben sich zu wissen. Nicht ganz allein in der Dunkelheit zu schreiten die vor ihnen lag.
Wir schwiegen, schmeckten einen eigenartigen Geschmack, der nicht allein von der salzgeschwängerten Seeluft herrührte. Der Nachklang jener Worte, die uns einst soviel bedeuteten lag uns wie ein bitteres Gift auf dem Gaumen: „Ruhm und Ehre“.
Eine kleine Flamme mag genügen einen Pfad in der Dunkelheit zu erleuchten. Wie glücklich hätten wir uns also schätzen dürfen, dass sich uns darüber hinaus ein Leuchtfeuer geboten hatte, welches uns den Weg wies? Doch wir? Wir waren unseren eigenen Irrlichtern gefolgt. Wir strebten nach mehr, wir schürten unser eigenes Feuer. Ließen es lodern und aufflammen. Glaubten unsere Werte ließen uns heller strahlen als andere.
Ein Tier käme nicht auf die Idee jenes Zentrums seines Lebens, welches ihm überhaupt erst ein Ziel gab, übertrumpfen zu wollen. Ein Mensch hingegen schon. Stolz heißt der Nektar des Wahnsinns.
Wie benommen strebten wir nach Ruhm. Einen anderen Grund als Selbstgefälligkeit können wir heute nicht mehr nennen. Die Kunde unserer Taten sollte nicht nur von unserer Stärke und unserem Mut, sondern auch von unserer Ehre berichten. Ein Greif begleicht stets seine Schulden. Ein Motiv der Ehre und gleichauf jener Dolch, den wir uns blind ins eigene Fleisch rammten. Was hatte Ehre je gebracht?
Sie hatte uns zu Verrätern gemacht. Wie Diebe hatten wir uns in der Nacht davon gestohlen. Hatten neue Gefährten ohne ein Wort im Stich gelassen, unserer Pflicht wissentlich verdrängt und am schändlichsten von allem unseren heiligen Eid gebrochen. Wir waren nicht einmal Manns genug gewesen unserem Herrn eine Botschaft zu überbringen. Wie sehr wir fürchteten er würde uns nicht verstehen. Narren waren wir gewesen einer Stimme aus der Vergangenheit zu folgen und alles was uns am Leben hielt aufs Spiel zu setzen. Leben…ja das war es worum es ging. Grinwulf hatte uns einst zu Männern gemacht und mit einem Sinn versehen. Und noch nach seinem Tod war es die Frucht seiner Lenden die uns das Leben schenkte. Wir hätten den Ruf ignorieren sollen.
Es lag Ironie in der Vertrautheit der Szenerie. Schafott, begeisterter Mob, Henker und ein Urteil welches im Namen der verachtenswerten Adlerin Tod bedeutete. Doch dieses Mal waren die Rollen vertauscht. Der Sohn jenes Mannes, den wir noch immer aus einem Schuldgefühl hinaus nachtrauerten, schritt den langen Weg seines letzten Ganges. Einst rettete er uns mit Zunder und Stahl unseren Hals. Nun harrten wir in der Menge um dem Drama seine Wendung zu verleihen. Hätten wir nur gewusst, dass wir in einer Tragödie spielten.
Grey vertraute uns. Wir machten denselben Fehler. Wir dachten in unserem Stolz und unserer Arroganz wir würden in die Höhle des Löwen kehren und den Todgeweihten aus dem Schlund des Raubtieres reißen. Wie konnten wir nur so töricht sein. Wir hatten die Fluchtwege bereitet, hatten bestochen und alte Schulden eingelöst. Wir hatten mir allem gerechnet... nur nicht mit dem Volk und seiner morbiden Gier nach Blut. Wie eng sie beisammen standen, die Augen wie Kinder auf ein neues Spielzeug gerichtet. Wie sie tuschelten und mit dem Finger auf den Prinzen der Diebe deuteten. Für sie war er ein niemand, ein Hund, ein Verbrecher. Wir bahnten uns den Weg durch die Menge, drückten Schultern bei Seite, rempelten und stießen. Zu grob, zu auffällig. Der Ärger begann, und im Hintergrund wurde das Urteil verlesen. Wir waren zu unsicher, zu feige. Wir hätten den Pöbel ignorieren sollen. Doch wir ließen uns aufhalten. Als Lohn empfingen wir den Anblick eines Freundes, sein blau angelaufenes Haupt welches den Strick zierte.
Das Volk blieb still.
Rothen nicht. Wie oft hatten wir uns Scherze über sein ruhiges Gemüt geleistet? Vielleicht war es jene Jahre lange Ruhe die sich nun in blinde Verzweiflung und Wut wandelte. Sein Wutschrei war die Glocke zur Panik. Es ging zu schnell, viel zu schnell. Ein Aufblitzen der Klinge, Schreie des Entsetzens und Warnungen. Er preschte vor, wie flink er war, ja er war wirklich unser Kundschafter. Bronn und Cregan warfen ihre Kapuzen zurück. Der Griff um ihre blankziehenden Waffen war fest und bestimmt, aber ihre Augen begannen die wachsende Furcht wiederzuspiegeln. Ein Blick nach links, ein Blick rechts. Menschen über Menschen.
Ich konnte nicht ausmachen auf wen Bronn einstach, doch bin ich mir sicher dass es ein Wachmann war. Er war es der sich auf Rothens Fährte machte. Und ich? Mir blieb nur den Rücken an jenen von Cregan zu stellen und mich gemeinsam mit ihm jener zur erwehren die auf uns eindrangen. Ich war ihr Hauptmann, ihr Kopf, ihr Befehl… und doch blieb meine Kehle still. Ich hatte versagt. Die Panik lachte triumphierend.
Das einfache Volk wich, diejenigen die seinem Schutz dienten nahten. Erinnerungen rasten zurück in den Geist. Bilder von feuchten Kerkerwänden, dem Frass und den Ratten. In der Ferne die Stimmen von Gefährten die sich verzweifelt Mut zusprachen. Der Kopf eines Freundes auf dem Richtblock unter der Axt des Henkers. Fliehen oder sterben, es gab keinen dritten Weg. Zwischen Attacken und Paraden hielten wir Ausschau nach dem blauen Haupt Bronns. Brüllten gellend seinen und Rothens Namen wahllos in die Welt. Eine Antwort blieb aus. Ein einzelner Wolf… Grinwulf hatte ihnen eingebläut nur im Rudel zu streiten. Auch diese Lektion hatten wir vergessen.
Wir entschieden uns zur Flucht. Die Glorie eines sinnlosen Todes verschmähend. Rannten und rannten und rannten wie getretene Hunde, während Angst uns die Sporen gab. Wir folgten den bereitgestellten Fluchtwegen, hofften an jeder Ecke unsere zwei Brüder wieder neben uns zu wissen. Doch wir rannten allein.
Wie allein wir wirklich waren merkten wir erst als wir bei einem alten Grauwolf Unterschlupf suchten. Grenn Starkarm hatte sich unter neuen Namen eine Existenz aufgebaut. Hatte Frau, hatte Kinder. Es war mehr Pflicht alter Tage die ihn uns bei sich aufnehmen ließ. Er hatte nie verstanden warum wir uns dem Reich des Panthers unterwarfen, und er missbilligte es. Wir hatten gehofft Rothen und Bronn würden ihn aufsuchen. Wir wurden enttäuscht. Nach zwei Wochen mussten wir Grenns Heim verlassen, er sorgte sich um die Sicherheit seiner Familie. Als wir uns Lebwohl sagten wusste jeder von uns, dass es das letzte Mal gewesen war.
Wir hielten die Ohren offen ob wir von unseren Brüdern hörten. Kein Wort wurde verloren. Die Geschichte während der Hinrichtung war nach einem Monat bereits vergessen. Nur nicht unsere Gesichter. Steckbriefe hingen aus. Cregans Wolfklaue und Jonath Grauwinds Kopf waren eine stolze Summe wert geworden. Damals hätten wir einen Monat lang unseren Hals riskieren müssen um eine solche Menge Gold unser eigen nennen zu können. Steckbriefe von Bronn und Rothen jedoch blieben aus. Es schmerzte sich auszumalen warum dies der Fall war.
Cregan und ich wurden Geschöpfe der Nacht. Wir verbargen uns vor den Blicken der Welt. Hungrig, kränklich, gebrochen. Wir spürten mit jedem Tag wie sich die eigene Selbsterkenntis gegen uns richtete. Wir hatten alles verloren woran wir uns klammerten. Wir hatten unsere neuen Freunde und Gefährten zurückgelassen für unsere eigene private Fehde mit dem alumenischen Reich, hatten unseren Herrn verraten und hatten Treuebruch am Heiligen Alatarischen Reich verübt. Doch das plagenste war das Wissen, dass zwei weitere Brüder den Tod gefunden hatten für Nichts und wieder Nichts. Versager, Verräter…Verdammte.
Es gab nur noch eines zu dem wir taugten. Sollen unsere gematerten Leiber ein Mahnmal sein für das alatarische Volk, was Treulosigkeit und Feigheit nach sich ziehen.
Dort in der Heiligen Stadt, der sich unser Schiff nähert, werden wir unsere Strafe in empfang nehmen.
Möge der Richtplatz der letzte Ort sein an dem wir uns einen Rest Selbstachtung und Mannheit zurückholen können.
Gemeinsam mit Po Cregan Wolfsklaue verfasst
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Mor Varnos
Die Sonne wagte es kaum, hinter den grauen, tiefhängenden Wolken, die von einem ungemütlichen Tag kündeten, der anbrechen sollte, hervorzukriechen. Die Luft war schwer von Nässe und ein kalter Wind pfiff ungnädig durch die Gassen Rahals vom Hafen her. Ein Wetter, bei dem man geradezu verzweifelt nach Möglichkeiten suchte, diesem zu entfliehen und so kam es, dass Mor sich in die Kommandatur der Garde zurückgezogen hatte, ehe sie irgendwann im Laufe des Tages doch noch ihren Wachdienst antreten musste.
Das Schwert war geschärft und die Rüstung samt Schild poliert. Berichte gab es keine zu schreiben und so streunte sie in den Gefängnistrakt der Garde, schlug das Gefangenenbuch auf, in dem offenbar ein neuer Eintrag prangte und... stockte.
Still stand sie da, eine Hand hielt noch immer die Seite, die sie umschlagen wollte, sah ungläubig hinab auf den letzten Eintrag mit den wohlbekannten Namen
Jonath Grauwind... Cregan Wolfsklaue...
Es dauerte einen Moment, bis wieder Regung in sie kam. Dazu ein leichtes Blinzeln, ehe sie sich verstohlen umsah, ob jemand sie beobachten würde, doch sie war allein, abgesehen von den Gefangenen ein Stockwerk über ihr.
Wieder ein Blick hinab, leicht schüttelte sie ihren Kopf dazu, während sich die Züge in ihrer Miene deutlich verhärteten.
Sie waren also zurückgekehrt und damit offenbar gleich in den Kerker Rahals - "Eidbruch" war als Grund eingetragen. Es wunderte sie nicht unbedingt, zumal es sich beide um ehemalige Hauptmänner handelte. Die gerechte Strafe offenbar, für das führerlose Zurücklassen ihrer einstigen Gefolgsleute... und doch - in ihr keimte Bedauern auf. 'Ruhm und Ehre' war einst das Schlagwort und die Devise der Greifen gewesen. Nun war von ihnen scheinbar nichts mehr übrig, abgesehen von einer Statue an einem Rahaler Haus, die allmählich von Patina überzogen wurde und auf der sich Tauben niederließen sowie zwei Männern im Gefängnis der Garde... der Garde, der Mor nun angehörte.
Hörbar schlug sie das Buch zu und tief zog sie die muffige Luft des Gefängnis durch ihre Nase ein, während sie den Einband noch anstarrte. Einen Moment war deutlich erkennbar, was für widerstreitende Gefühle in ihr tobten. Neben der Tatsache, dass über ihr zwei Männer in einer Zelle saßen, die für sie eine Weile lang ihre Familie darstellten, einer von ihnen sogar der Mann war, den sie einst geliebt hatte, war da auch noch der Punkt, dass sie nun zu denjenigen gehörte, die die beiden im Gefängnis zu halten und möglicherweise sogar eine Strafe auszuführen hatten.
Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken bei dieser Vorstellung. Sie wusste nicht, was die beiden erwarten würde bei diesem Urteil. Tod? Oder eine Demütigung? Folter und Verhör, falls es den Verdacht gab, die beiden wären Spitzel des alumenischen Reiches? Immerhin hatte es doch einst sogar ein Treffen mit Adrian von Hohenfels gegeben, welches friedlich verlaufen war.
Wie auch immer. Mor war nun ein Soldat des Reiches und ihre Haltung, die sie gegenüber den beiden einzunehmen hatte, war klar - kein MItleid, kein Nachgeben und im schlimmsten Fall die Bestrafung durchführen. In gewisser Weise war sie nun für diesen kurzen Moment froh, dass Tharon nicht mehr Richter Rahals war, denn er hätte sie sicher als eine Art Prüfung die Strafe durchführen lassen, um ihre Treue zu Alatar unter Beweis zu stellen.
So oblag es ihr nun erstmal nur, den beiden Gefangenen etwas zu Trinken und ein wenig karges Essen zu bringen, ehe der Tag des Prozesses anbrechen würde.
Ruhm und Ehre... hallte in ihrem Geiste der Ruf von einst nach und als sie sich umdrehte, rief sie sich noch einmal das verblassende Bild der Greifen in sich wieder, wie sie stolz auf ihren Pferden seiner Heiligkeit ergeben optimistisch in die Zukunft sahen.
Wie schnell jeglicher Ruhm doch vergehen konnte...
Das Schwert war geschärft und die Rüstung samt Schild poliert. Berichte gab es keine zu schreiben und so streunte sie in den Gefängnistrakt der Garde, schlug das Gefangenenbuch auf, in dem offenbar ein neuer Eintrag prangte und... stockte.
Still stand sie da, eine Hand hielt noch immer die Seite, die sie umschlagen wollte, sah ungläubig hinab auf den letzten Eintrag mit den wohlbekannten Namen
Jonath Grauwind... Cregan Wolfsklaue...
Es dauerte einen Moment, bis wieder Regung in sie kam. Dazu ein leichtes Blinzeln, ehe sie sich verstohlen umsah, ob jemand sie beobachten würde, doch sie war allein, abgesehen von den Gefangenen ein Stockwerk über ihr.
Wieder ein Blick hinab, leicht schüttelte sie ihren Kopf dazu, während sich die Züge in ihrer Miene deutlich verhärteten.
Sie waren also zurückgekehrt und damit offenbar gleich in den Kerker Rahals - "Eidbruch" war als Grund eingetragen. Es wunderte sie nicht unbedingt, zumal es sich beide um ehemalige Hauptmänner handelte. Die gerechte Strafe offenbar, für das führerlose Zurücklassen ihrer einstigen Gefolgsleute... und doch - in ihr keimte Bedauern auf. 'Ruhm und Ehre' war einst das Schlagwort und die Devise der Greifen gewesen. Nun war von ihnen scheinbar nichts mehr übrig, abgesehen von einer Statue an einem Rahaler Haus, die allmählich von Patina überzogen wurde und auf der sich Tauben niederließen sowie zwei Männern im Gefängnis der Garde... der Garde, der Mor nun angehörte.
Hörbar schlug sie das Buch zu und tief zog sie die muffige Luft des Gefängnis durch ihre Nase ein, während sie den Einband noch anstarrte. Einen Moment war deutlich erkennbar, was für widerstreitende Gefühle in ihr tobten. Neben der Tatsache, dass über ihr zwei Männer in einer Zelle saßen, die für sie eine Weile lang ihre Familie darstellten, einer von ihnen sogar der Mann war, den sie einst geliebt hatte, war da auch noch der Punkt, dass sie nun zu denjenigen gehörte, die die beiden im Gefängnis zu halten und möglicherweise sogar eine Strafe auszuführen hatten.
Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken bei dieser Vorstellung. Sie wusste nicht, was die beiden erwarten würde bei diesem Urteil. Tod? Oder eine Demütigung? Folter und Verhör, falls es den Verdacht gab, die beiden wären Spitzel des alumenischen Reiches? Immerhin hatte es doch einst sogar ein Treffen mit Adrian von Hohenfels gegeben, welches friedlich verlaufen war.
Wie auch immer. Mor war nun ein Soldat des Reiches und ihre Haltung, die sie gegenüber den beiden einzunehmen hatte, war klar - kein MItleid, kein Nachgeben und im schlimmsten Fall die Bestrafung durchführen. In gewisser Weise war sie nun für diesen kurzen Moment froh, dass Tharon nicht mehr Richter Rahals war, denn er hätte sie sicher als eine Art Prüfung die Strafe durchführen lassen, um ihre Treue zu Alatar unter Beweis zu stellen.
So oblag es ihr nun erstmal nur, den beiden Gefangenen etwas zu Trinken und ein wenig karges Essen zu bringen, ehe der Tag des Prozesses anbrechen würde.
Ruhm und Ehre... hallte in ihrem Geiste der Ruf von einst nach und als sie sich umdrehte, rief sie sich noch einmal das verblassende Bild der Greifen in sich wieder, wie sie stolz auf ihren Pferden seiner Heiligkeit ergeben optimistisch in die Zukunft sahen.
Wie schnell jeglicher Ruhm doch vergehen konnte...
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Jonath Grauwind
Dort stand er. Das Licht der Kerzenhalter spiegelte sich auf seiner Maske wieder. Das regungslose Antlitz des Metalls lächelte ihnen zu, gleichsam trauerte es mit ihnen.
Trauert mit euren Brüdern im Tode und feiert mit ihnen im Leben. Das war einer der Leitsätze der Grauwölfe und der Greifen gewesen. Es sollte dazumahnen weder das hier und jetzt noch die Erinnerungen an das Vergangene zu vergessen. Mit jeder behaltenen Erinnerungen an einen Freund und Kameraden würde sein Tod erträglich werden, sein Leben in einer neuen Form fortwirken. Doch was wenn man selbst für seinen Tod verantwortlich war?
Seine Worte hallten leicht gedämpft unter der Maske hervor: „…Die Greifen würden zerrieben zwischen ihrem eigenen Glauben und dem Glauben der Kirche, an dessen Ende wir als Heiligkeit stehen.“ Zu seiner Rechten blickte Bronn ebenso aufmerksam wie angespannt starr ins Nichts vor sich, während Hauptmann Wolfsklaue zu Füßen des Alkas harrte. Sie waren aus Demut vor ihn gereten, geleitet von einer inneren Flamme die Inbrünstig ihre Überzeugung nährte. Dies war ihr Moment. Jedes Wort war ein Zeichenstrick in der Chronik ihres Daseins, ihr Höhepunkt und gleichsam ihr eigenes „…und hier beginnt die Geschichte.“.
Für einen Augenblick verschwamm der Thronsaal, Kerzenhalter wechselten ihren Platz, Gemälde ihre Darstellungen. Alles war wie es sein sollte.
„Greifenstahl soll unsere Grenzen schützen, und Greifenstahl soll das erste sein auf das die Wogen des Unglaubens treffen.“ Es tat gut den harten Boden am Knie zu spüren. Einen Funken dessen was Seeligkeit bedeutete in der Brust. Hier knieten sie. Gelobten Treue und Leben.
„…geht hinaus in eure Heimat Greifen.“ Heimat… das war es was ihnen all die Jahre fehlte. Seine Heiligkeit hatte ihnen mehr als nur Dienst und Aufgabe gegeben. Er hatte sie wieder zu jemandem gemacht. Sie waren wie Schemen durch die Welt geirrt. Er war ihr Herr, ihr Fürst. Wie stolz leuchteten ihre Augen als sie sich dem Befehl gehorchend der Tür zuwandten.
„Wir stellen uns nur eine Frage Greifenmänner.“ Die Stimme seiner Heiligkeit schwang kühl im Raum, als die drei Männer sich umwandten. „Warum habt ihr Uns getötet?“ Wie ein Echo hallten die Worte im Raum wieder. Ließen die Wände die Anklage wiederholen, als der erste Wurm aus der Augenhöhle der Maske kroch. Der Leichnam des Alkas deutete strafend mit den Finger in ihre Richtung während Maden und anderes Getier ihr Mahl unter der Kleidung beendeten und aus ihrem Verstecken krochen. Er zuckte nicht, er blieb stolz, selbst als er in einem endlosen Gewirr von Kriechern und Fliegen unter dunkler Wolke verschwand. Ein aufblitzen weißer Knochen, dann verschwand jede Spur seiner Heiligkeit und mit ihr das Geziefer. Nur seine Maske harrte am Boden. Weinte gänzlich über ihren Verrat.
„Ihr habt uns getötet.“ Die Stimme gehörte einem anderen. Einem weit aus vertrauterem. – Nicht du!- Wollte Jonath brüllen als er zur Seite blickte. In das kalte bleiche Gesicht Bronns. Er lächelte nicht als er leblos zusammenfiel.
Die kalte die klamme Luft war das erste was sein Geist wahrnahm als er aufschreckte und den Atem weit einzog. Waren die Muskeln bereits verkrampft, hielt eine weitaus festere Gewalt das Herz in kaltem Griff. –Nur ein Traum – ging es Jonath durch den Kopf, als er sich gewahr wurde nicht mehr im Thronsaal des Palastes zu stehen. – Kein Traum – ging es ihm durch den Kopf, als er sich des Hier und Jetzt gewahr wurde..
Trauert mit euren Brüdern im Tode und feiert mit ihnen im Leben. Das war einer der Leitsätze der Grauwölfe und der Greifen gewesen. Es sollte dazumahnen weder das hier und jetzt noch die Erinnerungen an das Vergangene zu vergessen. Mit jeder behaltenen Erinnerungen an einen Freund und Kameraden würde sein Tod erträglich werden, sein Leben in einer neuen Form fortwirken. Doch was wenn man selbst für seinen Tod verantwortlich war?
Seine Worte hallten leicht gedämpft unter der Maske hervor: „…Die Greifen würden zerrieben zwischen ihrem eigenen Glauben und dem Glauben der Kirche, an dessen Ende wir als Heiligkeit stehen.“ Zu seiner Rechten blickte Bronn ebenso aufmerksam wie angespannt starr ins Nichts vor sich, während Hauptmann Wolfsklaue zu Füßen des Alkas harrte. Sie waren aus Demut vor ihn gereten, geleitet von einer inneren Flamme die Inbrünstig ihre Überzeugung nährte. Dies war ihr Moment. Jedes Wort war ein Zeichenstrick in der Chronik ihres Daseins, ihr Höhepunkt und gleichsam ihr eigenes „…und hier beginnt die Geschichte.“.
Für einen Augenblick verschwamm der Thronsaal, Kerzenhalter wechselten ihren Platz, Gemälde ihre Darstellungen. Alles war wie es sein sollte.
„Greifenstahl soll unsere Grenzen schützen, und Greifenstahl soll das erste sein auf das die Wogen des Unglaubens treffen.“ Es tat gut den harten Boden am Knie zu spüren. Einen Funken dessen was Seeligkeit bedeutete in der Brust. Hier knieten sie. Gelobten Treue und Leben.
„…geht hinaus in eure Heimat Greifen.“ Heimat… das war es was ihnen all die Jahre fehlte. Seine Heiligkeit hatte ihnen mehr als nur Dienst und Aufgabe gegeben. Er hatte sie wieder zu jemandem gemacht. Sie waren wie Schemen durch die Welt geirrt. Er war ihr Herr, ihr Fürst. Wie stolz leuchteten ihre Augen als sie sich dem Befehl gehorchend der Tür zuwandten.
„Wir stellen uns nur eine Frage Greifenmänner.“ Die Stimme seiner Heiligkeit schwang kühl im Raum, als die drei Männer sich umwandten. „Warum habt ihr Uns getötet?“ Wie ein Echo hallten die Worte im Raum wieder. Ließen die Wände die Anklage wiederholen, als der erste Wurm aus der Augenhöhle der Maske kroch. Der Leichnam des Alkas deutete strafend mit den Finger in ihre Richtung während Maden und anderes Getier ihr Mahl unter der Kleidung beendeten und aus ihrem Verstecken krochen. Er zuckte nicht, er blieb stolz, selbst als er in einem endlosen Gewirr von Kriechern und Fliegen unter dunkler Wolke verschwand. Ein aufblitzen weißer Knochen, dann verschwand jede Spur seiner Heiligkeit und mit ihr das Geziefer. Nur seine Maske harrte am Boden. Weinte gänzlich über ihren Verrat.
„Ihr habt uns getötet.“ Die Stimme gehörte einem anderen. Einem weit aus vertrauterem. – Nicht du!- Wollte Jonath brüllen als er zur Seite blickte. In das kalte bleiche Gesicht Bronns. Er lächelte nicht als er leblos zusammenfiel.
Die kalte die klamme Luft war das erste was sein Geist wahrnahm als er aufschreckte und den Atem weit einzog. Waren die Muskeln bereits verkrampft, hielt eine weitaus festere Gewalt das Herz in kaltem Griff. –Nur ein Traum – ging es Jonath durch den Kopf, als er sich gewahr wurde nicht mehr im Thronsaal des Palastes zu stehen. – Kein Traum – ging es ihm durch den Kopf, als er sich des Hier und Jetzt gewahr wurde..
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Cregan Wolfsklaue
„Seine Heiligkeit ist tot.“ Vier Worte. Vier Worte reichen als letzter Schubser aus und jener Abgrund an den man zu stehen glaubt verschlingt einen mit Leib und Seele. Der Körper steht unter Schock. Wir sind gekommen um Rechenschaft abzulegen, das Urteil unseres Herrn entgegenzunehmen. Mit jedem Herzschlag beschleunigt der Fall. Unsere Flucht. Unsere Abwesenheit. Unser Verrat. Die Dunkelheit rast unaufhörlich auf einen zu. Der erste Schock verfliegt, der Fall wird realisiert. „Wo – ist – er?“ Panik breitet sich aus. Tot. Mord. Unser Mord? Wir schworen ihm einst ewige Treue und begingen Verrat. Wir schworen sein Haus zu schützen… Pflicht war unser Schwert. Ehre war unser Schild.
Verschwunden in der Dunkelheit der Tiefe in die man unaufhörlich tiefer rast. Welche Tragweite hatten unsere Taten? Welch Unheil haben wir herbei beschworen? Tod und Verderben. Das Herz hämmert gegen die Brust. Ein eisiger Hauch weht dem Fallenden entgegen. Es heißt, dass das Leben vor den Augen vorbeiziehen würde. Es stimmt nicht. Es sind Bilder des Todes, die Bilder jener denen man den Tod gebracht hat. Kameraden. Timoth. Brutus. Bronn. Rothen. Leere Gesichter, schwarze Augen. Sie starren… sie starren mich an! Blut klebt an meinen Händen. Die ewige Finsternis wird mich holen! Verdammnis! Ihr Blut … und nun auch seins? Alatar bewahre! Was haben wir getan? Wir hätten da sein müssen. Ihm dienen im Leben und im Tode. Wir hätten für ihn sterben sollen, stattdessen haben wir ihn getötet.
Kälte breitet sich im Leib des Stürzenden aus. Der eisige Hauch des Todes fährt in seine Glieder. Rechenschaft ablegen. Was soll diese Tat je aufwiegen? Mein Tod? Ewigwährende Qualen? … Welchen Sinn soll das Leben noch haben? … Es gibt kein Ziel… kein Pfad… keine Hoffnung… nur Leere… Ich werde sterben und es ist kein Verlust. Nichts ist geblieben… außer Schmerz…
Zeit verliert für den Gefallenen an Bedeutung. Nur ewige Finsternis ist Zeuge seines ewigen Falls. Er wartet. Er akzeptiert. Ich werde sterben. Ich werde zerschellen. Ich bin bereit… Ist es womöglich schon geschehen? Bin ich frei von den Qualen der Existenz? Ich fühle nichts… keine Furcht, keine Hoffnung…. Nichts! … außer Schmerz!
Schmerz bedeutet zu leben.
„Bei unserem Leben und darüber hinaus!“
Leben bedeutet zu dienen.
„Greifenstahl soll das erste sein auf, dass die Wogen des Unglaubens treffen.“
Wut. Zorn. Hass.
NEIN! Wir haben ihn nicht getötet und doch tragen wir Schuld. Es gibt keine Gnade. Ich will keine Gnade. Bestraft mich! Richtet mich! Aber ich will dienen und den Schwur erfüllen! So dies meinen Tod bedeutet, sterbe ich. So dies Schmerz bedeutet, ertrage ich es.
Das Ende des Sturzes ist ungewiss, doch ist es unvermeidlich. Ich bin bereit und erwarte den Aufprall.
Der Gefangene verharrte auf seinen Unterschenkeln. Langsam öffneten sich seine Augen. Die kleine Zelle war dreckig und kalt. Seine Glieder schmerzten. Getrocknetes Blut klebte an einigen der Steine. Ein Teil davon stammte nun auch von ihm. Er spürte in seinen Fäusten ein Pochen als Nachhall seiner Schläge gegen den Stein der Zelle. Hart schlug er sich in die Magengegend. Er keuchte. Ein kaltes Lächeln legte sich einen Moment auf seine Lippen, ehe die Augenlieder sich wieder senkten. Cregan wartete...
Verschwunden in der Dunkelheit der Tiefe in die man unaufhörlich tiefer rast. Welche Tragweite hatten unsere Taten? Welch Unheil haben wir herbei beschworen? Tod und Verderben. Das Herz hämmert gegen die Brust. Ein eisiger Hauch weht dem Fallenden entgegen. Es heißt, dass das Leben vor den Augen vorbeiziehen würde. Es stimmt nicht. Es sind Bilder des Todes, die Bilder jener denen man den Tod gebracht hat. Kameraden. Timoth. Brutus. Bronn. Rothen. Leere Gesichter, schwarze Augen. Sie starren… sie starren mich an! Blut klebt an meinen Händen. Die ewige Finsternis wird mich holen! Verdammnis! Ihr Blut … und nun auch seins? Alatar bewahre! Was haben wir getan? Wir hätten da sein müssen. Ihm dienen im Leben und im Tode. Wir hätten für ihn sterben sollen, stattdessen haben wir ihn getötet.
Kälte breitet sich im Leib des Stürzenden aus. Der eisige Hauch des Todes fährt in seine Glieder. Rechenschaft ablegen. Was soll diese Tat je aufwiegen? Mein Tod? Ewigwährende Qualen? … Welchen Sinn soll das Leben noch haben? … Es gibt kein Ziel… kein Pfad… keine Hoffnung… nur Leere… Ich werde sterben und es ist kein Verlust. Nichts ist geblieben… außer Schmerz…
Zeit verliert für den Gefallenen an Bedeutung. Nur ewige Finsternis ist Zeuge seines ewigen Falls. Er wartet. Er akzeptiert. Ich werde sterben. Ich werde zerschellen. Ich bin bereit… Ist es womöglich schon geschehen? Bin ich frei von den Qualen der Existenz? Ich fühle nichts… keine Furcht, keine Hoffnung…. Nichts! … außer Schmerz!
Schmerz bedeutet zu leben.
„Bei unserem Leben und darüber hinaus!“
Leben bedeutet zu dienen.
„Greifenstahl soll das erste sein auf, dass die Wogen des Unglaubens treffen.“
Wut. Zorn. Hass.
NEIN! Wir haben ihn nicht getötet und doch tragen wir Schuld. Es gibt keine Gnade. Ich will keine Gnade. Bestraft mich! Richtet mich! Aber ich will dienen und den Schwur erfüllen! So dies meinen Tod bedeutet, sterbe ich. So dies Schmerz bedeutet, ertrage ich es.
Das Ende des Sturzes ist ungewiss, doch ist es unvermeidlich. Ich bin bereit und erwarte den Aufprall.
Der Gefangene verharrte auf seinen Unterschenkeln. Langsam öffneten sich seine Augen. Die kleine Zelle war dreckig und kalt. Seine Glieder schmerzten. Getrocknetes Blut klebte an einigen der Steine. Ein Teil davon stammte nun auch von ihm. Er spürte in seinen Fäusten ein Pochen als Nachhall seiner Schläge gegen den Stein der Zelle. Hart schlug er sich in die Magengegend. Er keuchte. Ein kaltes Lächeln legte sich einen Moment auf seine Lippen, ehe die Augenlieder sich wieder senkten. Cregan wartete...
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Mor Varnos
Was mochte nur alles passiert sein? Erst jetzt, am Tag nachdem sie das Gefängnis aufgesucht und sich selber ein Bild von Jonaths und Cregans Zustand gemacht hatte, bemüht dabei, ihre Beherrschung zu behalten und weder Mitleid, Wehmut oder treibende Wut zu spüren und freien Lauf zu lassen, fand Mor die Zeit und Muße, um über das, was Jonath gesagt und wie er sich verhalten hatte, nachzudenken. Die Nacht hatte jegliche Wehmut nach alten Zeiten fortgespült, als sie die Berührungen des Mannes, der ihr nun nahestand, gefühlt hatte und ihnen nachgab. Mitleid wusste er wiederum mit seinen Worten restlos auszulöschen. Was blieb war Wut, doch würde diese gestillt werden, sobald es zum Prozess kam.
Was nun in diesem Moment vorherrschte, war angenehme Gleichmut. Allein saß sie vor dem Kamin, in dem ein warmes Feuer knisterte und nippte an einer Tasse warmen, herben Kräutertee.
Bronn und Rothen waren tot. Das war das, was nun endlich zu Mor durchdrang. Rothen, der stille Schütze, doch war er immer treu und auf seine Art gewitzt. Bronn, der stets wie ein großer Bruder für Jonath war und der sie einst "Wiesel" genannt hatte - ein Kamerad, wie man ihn selten fand. Sicher, auch sie hatten Rahal überstürzt verlassen, doch redete sich Mor ein, dass es vor allem an Jonath gelegen haben musste. Es war einfacher, all das auf ihn abzuwälzen, während sie Bronn und Rothen keine Schuld geben musste und so einfach still um sie trauern konnte.
Die anderen Worte... sie hatten wirr geklungen, als hätten all die Geschehnisse dem einstigen Hauptmann der Greifen schwer zugesetzt. Von der Schuld am Tode seiner Heiligkeit hatte er gesprochen, von dem Eid, den sie geleistet und gebrochen hatten. Das einstige Oberhaupt des alatarischen Reiches hatte den Greifen viel bedeutet und doch... die Greifen waren schon zu lange in Bedeutungs- und Regungslosigkeit versunken, noch ehe sie Rahal verlassen hatten. Wie oft hatte Clericus Anastra sie mit dem Beispiel der Greifen ermahnt, auf dass sie strebsam sein sollte, um dem All-Einzigen zu dienen?
Doch all das - der Tod der einstigen Kameraden, die teils geistige Verwirrung Jonaths, all die Fehler, die geschehen waren - waren ein Nichts gegen das, was sie an dem gestrigen Abend am meisten getroffen hatte. Zwar hatten Jonath und sie sich stets bemüht, ihre Gefühle füreinander so zu verbergen, dass es zu keinem Unmut in dem Banner kam und doch kam kein Wort dazu über seine Lippen. Einzig dass er während des Großteil des Gespräches nicht in ihre anklagenden Augen zu blicken wagte, zeigte, dass er sich einem weiteren Fehler bewusst war.
Ihre Brauen zogen sich zusammen, während sie weiter die zuckenden Flammen anstarrte. Jonath wünschte sich den Tod, doch sie wusste selber nur zu gut, dass es Schlimmeres als den Tod gab...
Es galt nun, bis zum Prozess abzuwarten, wie geurteilt werden würde. So oder so - sie würde anwesend sein und selbst wenn es ihr für einen Moment das Herz zu zerreißen drohen würde, so wusste sie, dass es dem Werk des Herrn dienlich wäre - ein Mahnmal, wie alles enden kann, entfernt man sich von seinen Geboten.
Was nun in diesem Moment vorherrschte, war angenehme Gleichmut. Allein saß sie vor dem Kamin, in dem ein warmes Feuer knisterte und nippte an einer Tasse warmen, herben Kräutertee.
Bronn und Rothen waren tot. Das war das, was nun endlich zu Mor durchdrang. Rothen, der stille Schütze, doch war er immer treu und auf seine Art gewitzt. Bronn, der stets wie ein großer Bruder für Jonath war und der sie einst "Wiesel" genannt hatte - ein Kamerad, wie man ihn selten fand. Sicher, auch sie hatten Rahal überstürzt verlassen, doch redete sich Mor ein, dass es vor allem an Jonath gelegen haben musste. Es war einfacher, all das auf ihn abzuwälzen, während sie Bronn und Rothen keine Schuld geben musste und so einfach still um sie trauern konnte.
Die anderen Worte... sie hatten wirr geklungen, als hätten all die Geschehnisse dem einstigen Hauptmann der Greifen schwer zugesetzt. Von der Schuld am Tode seiner Heiligkeit hatte er gesprochen, von dem Eid, den sie geleistet und gebrochen hatten. Das einstige Oberhaupt des alatarischen Reiches hatte den Greifen viel bedeutet und doch... die Greifen waren schon zu lange in Bedeutungs- und Regungslosigkeit versunken, noch ehe sie Rahal verlassen hatten. Wie oft hatte Clericus Anastra sie mit dem Beispiel der Greifen ermahnt, auf dass sie strebsam sein sollte, um dem All-Einzigen zu dienen?
Doch all das - der Tod der einstigen Kameraden, die teils geistige Verwirrung Jonaths, all die Fehler, die geschehen waren - waren ein Nichts gegen das, was sie an dem gestrigen Abend am meisten getroffen hatte. Zwar hatten Jonath und sie sich stets bemüht, ihre Gefühle füreinander so zu verbergen, dass es zu keinem Unmut in dem Banner kam und doch kam kein Wort dazu über seine Lippen. Einzig dass er während des Großteil des Gespräches nicht in ihre anklagenden Augen zu blicken wagte, zeigte, dass er sich einem weiteren Fehler bewusst war.
Ihre Brauen zogen sich zusammen, während sie weiter die zuckenden Flammen anstarrte. Jonath wünschte sich den Tod, doch sie wusste selber nur zu gut, dass es Schlimmeres als den Tod gab...
Es galt nun, bis zum Prozess abzuwarten, wie geurteilt werden würde. So oder so - sie würde anwesend sein und selbst wenn es ihr für einen Moment das Herz zu zerreißen drohen würde, so wusste sie, dass es dem Werk des Herrn dienlich wäre - ein Mahnmal, wie alles enden kann, entfernt man sich von seinen Geboten.
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Cregan Wolfsklaue
Cregan verharrte in seiner Zelle. Wie lange er dort schon auf seinen Unterschenkel saß, konnte er nicht mehr sagen. Zeit war auf dem engen Raum das einzige, was endlos erschien. Den Schmerz in seinen Gliedern nahm er kaum noch wahr. Er hatte ihn akzeptiert, sogar willkommen geheißen. Schmerz hieß zumindest etwas in der großen Leere, welche sich in ihm ausbreitete, noch zu fühlen.
Das metallische Scheppern und die schweren Schritte hießen das Näher kommen eines Gardisten. Er schenkte ihm zunächst keine Beachtung. Auch als er bemerkte, dass sie es war zeigte er äußerlich keine Regung. Verborgen in seinem starren Blick beginnen jedoch seine Gedanken zu rasen. Er sah das gefühllose Lächeln der Landsknechtin Swynedd erneut vor seinem inneren Auge. Wut durchströmte ihn. Wie konnte sie es nicht wissen? Die einzige Frage die für ihn noch von Belang war und sie schien die Antwort nicht zu wissen. Zunächst dachte er, dass sie ihn quälen wollte. Welche Pein verheißt die Ungewissheit. Erst brachen sie ihren Eid, waren nicht da als sie ihren Herrn schützen sollten und nun sollten sie nicht mal erfahren wie er gestorben war? Blanker Hass pulsierte in ihm bei dem Gedanken, dass sie es wirklich nicht wissen könnte. Sie waren Verräter vorm Herrn, doch standen für ihre Vergehen ein. Was auch das Urteil sein würde, er war gewillt es zu akzeptieren. Wie stand es jedoch um die Garde? Wo waren die Geschworenen der heiligen Stadt als die Säule alles Weltlichen einstürzte?
Von den eigenen Gedanken gejagt, nahm er nicht wahr, dass eine weitere Landsknechtin vor den Zellen erschienen war. Er hörte nicht ihre Stimme, welche sie als eine alte Waffenschwester identifiziert hätte.
Erst die Worte aus der Nachbarzelle rissen ihn aus seiner Lethargie.
„Wollen die Damen sich weiter an uns ergötzen oder gibt es ein brennendes Verlangen, das euch eigen ist?“
Mor trug nun auch die Farben der Garde. Wo war sie als es geschah?
„Unser brennendes Verlangen können sie sicher ahnen...“, Cregans Mund war staubtrocken. Es war seltsam wieder die eigene Stimme zu vernehmen. Es gab nicht mehr vieles worüber es sich zu sprechen gelohnte hatte. Außer...
„... Antworten auf die eine Frage.“
„Macht keinen Ärger, Grauwind.. und behaltet eure Hände dort, wo ich sie sehen kann.“ Begleitet von Mors Stimme, hörte er das Klicken des Schlosses der anderen Zelle. Swynedd erschien vor der seinen.
„Steht auf, Cregan. Keine Spielchen, keine Scherze.“
Die Erkenntnis dämmerte. Das Warten hatte ein Ende.
„Es ist Zeit!?“
Die ungewohnte, da lange abstinente, Belastung seiner Beine ließ ihn torkeln. Die Landsknechtin nahm ihn an der geöffneten Zellentür in Empfang. Ihre Hand auf seiner Brust gewährte ihn das Wiederfinden von Stabilität nicht aus Hilfsbereitschaft, sondern aus Pflichbewußtsein.
„Es geht zum Richtplatz beim Tempel.. macht keinen Ärger und folgt uns.“
Cregan sah wie Mor Jonath voraus führte.
„Noch mehr Ärger?“ Seine Worte standen konträr zu seiner Fügung. Mors Weisungen folgte er ohne Zögern. Wie auch Cregan hat er sich nicht selbst in diese Situation gebracht um Widerstand zu leisten, sondern um für ihre Sünden zu bezahlen.
„Es hat ein Ende.“
Sie verließen die Garnison. Die Straßen waren leer. Ein leichter Schneefall hatte eingesetzt. Der letzte Gang. Er trat ihn schweigend und in sich gekehrt an. Seine Gedanken waren bei den toten Gesichtern jener, dessen Blut an seinen Händen klebte. Wie aus weiter Ferne hörte er das Hallen der Worte von Jonath und Mor.
„Hatte nie gedacht mal in meinen Woche alten Hosen aus dem leben zu treten.“
„Immer zu Späßchen aufgelegt…“
„Ich hoffe du fühlst dich wohl, Mor.“
„Trabant Varnos heisst das.“
„Hätte gedacht wenn wir mal Arm in Arm gehen, würde ich dich führen.“
„Ich kann dir auch gleich gerne mein Barett in deinen Mund stopfen…“
„Und es würde doch nichts ändern.“
Etwas ändern... eine letzte Sache von Wichtigkeit blieb für Cregan weiter bestehen und holte ihn zurück ins Jetzt.
„So dies der letzte Pfad ist... beantwortet zumindest die eine Frage.“
Swynedd schritt neben ihn, verbot ihm nicht das Wort und doch blieb der Antwort schuldig.
„Die Antwort werdet Ihr noch früh genug erhalten, Cregan.“
„Wie steht es um deinen Eid Mor?“
Die Frage Jonaths war genau jene die Cregan sich auch stellte.
„Ich habe einen Eid im Tempel vor wenigen Tagen geschworen, der mehr wiegt als der gegenüber Eidbrüchigen“
Welch ein Wahnsinn. Verstand sie es denn auch nicht? Der Verrat der Greifen war ihr nicht anzulasten, dies war Jons und seine Bürde, welche sie nun zum Richtplatz trugen. Doch war sie sich nicht auch dem höheren zur Treue verschworen? Jonath sprach es aus:
„Ich rede von deinem Eid gegenüber seiner Heiligkeit. Wo warst du als es geschah? Weißt wenigstens du was vor fiel?“
Ihre Antwort wirkte gereizt. Ausflüchte in den Ohren Cregans.
„Wo warst du, als er verschwand?“ zischte sie Jonath an.
„Nicht wo ich sein sollte. Dennoch offenbarte man uns nicht einmal wie er starb.“
„Die einzige Frage... die noch belang hat“, bestätigte Cregan Jonaths Worte.
Wie konnte es sein? An seiner Schuld bestand kein Zweifel, er war gewillt die Konsequenzen zu tragen. Wenn es sein sollte, dies mit seinem Leben zu bezahlen. Er hatte es für das Leben seines Herrn verpfändet und nun stand es am Urteil des Panthers einzufordern, was ihm gehörte. War die Garde ebenso mit den Folgen ihrer Verantwortung im Reinen? Mor, wie steht es um dein Heil?
Ihre düster gefärbte Stimme schien Bände zu sprechen. Trafen die Fragen in offene Wunden?
„Schweigt jetzt einfach.“
„Die Antwort, Jonath und Cregan, bekommt Ihr mit Sicherheit früh genug. Aber jetzt..“
Der Richtplatz kam ins Blickfeld. Das Volk, der Pöbel hatte sich auf den Plätzen gesammelt. Das Blut pochte in Cregans Adern. Die Überzeugung sein Ende akzeptiert zu haben geriet ins Wanken. Sie traten in die Mitte des Geschehens. Auf dem von Stufen gesäumten Podest befand sich ein Richtblock. Zwei Pfeiler aus Holz waren mit Ketten versehen und der Ort ihrer Bestimmung. Mit dem Erfassen des Ortes wo es geschehen sollte und dem Schließen der Handschellen um die Gelenke war es Gewissheit. Angst keimte auf und versuchte den Körper zu vergiften. Der Ausblick auf die auf Tischen ausgebreiteten Werkzeuge der Busse tat ihr übriges. Peitsche, Knochenspeer, Salz, Nieten, Fakeln...
Hoch über den Platz erhoben stand dann er. Der schwarze Marschall sollte über sie Recht sprechen. An seiner Seite stand ein Clericus des Tempels: Tharon Anastra, einst ihr geistlicher Weiser in den Reihen der flammenden Greifen.
Wo war er als sie seine Führung am meisten bedurften? Waren sie es die seine Worte spurlos an sich vorüber gehen ließen oder war er es dessen spirituelle Führung nicht eindringlich genug war?
Wie die Antwort auch lauten möge, es war nicht länger von Belang. Es war an ihnen nun Rechenschaft abzulegen.
„Gläubige!“, die Stimme der schwarzen Gestalt war Respekt einflößend als sie über den Platz hallte. Auf der einen Seite erschien sie ausdruckslos und monoton, auf der anderen Seite schien etwas Unnatürliches manchmal in ihr mitzuschwingen, als wäre sie nur Überbringer einer höheren Botschaft.
„Senkt eure Häupter! Denn just in diesem Augenblicke könnt ihr euch seiner Aufmerksamkeit gewiss sein. Beweist die Demut, welche Er euch lehrt, mit dieser einfachen Geste.“
Sein Haupt war bereits lange gesenkt, als sich die Köpfe der anderen senkten. Ohne sie nicht zu haben, war es jedoch eher Schuld als Demut welche den Blick zu Boden bannte. Die anfängliche Panik verflog und ließ erneut jenes Gefühl der Leere zurück. Jeglicher Ausdruck verschwand auf seinen Zügen. Dies war die Stunde die er herbei gesehnt hatte, die Stunde ihrer Busse… des herbeigesehnten Friedens!?
„Wir stehen hier am heutigen Tage als Executor Alataris vor euch, um diesen beiden dort hier und jetzt ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Sie haben einst geschworen, Alka und Herrn zu dienen, ihn zu beschützen und ihr Leben zu geben, sollte es von Nöten sein. Wir alle wissen, welche Kunde sich in den vergangenen Wochen in der Stadt verbreitet hat.
Und obwohl sie nicht direkt am Verschwinden, am Tod seiner Heiligkeit beteiligt gewesen waren, hätte es mit ihrer Anwesenheit anderen Ausgang nehmen können. Doch sie waren fort und nicht an seiner Seite, als es geschah, brachen ihren geleisteten Eid.
Uns gegenüber zeigten sie Reue, gestanden alle ihre Missetaten und begaben sich darüber hinaus freiwillig in unsere Hände. Doch der Herr vergibt nicht! Nichts wird ihre Strafe zu lindern vermögen.“
Die Stimme des Erhabenen in einer düsteren Litanei verfallen, deren Wirkung man sich nur schwer entziehen konnte. Glasigen Blickes schaute Cregan zum schwarzen Marschall empor. Er wollte keine Vergebung, er wollte keine Linderung der Strafen! Sie waren hier um für dies einzustehen, was sie taten. Keine Tat bleibt ohne Konsequenz. Ihre Schuld, ihre Sünden sollten aus ihren Leibern gebrannt werden! Lautlos entwich dem Mund des Angebundenen die Worte: „Reinigt uns!“ Es war kein Flehen oder eine Bitte, sondern seine Bereitschaft zu büssen.
„Doch nicht nur den Herr, seine Heiligkeit, nein, uns alle haben sie verraten. Darum soll keine einzelne Hand das Werkzeug schwingen, mit welchem wir über sie richten wollen.
Wen durchdringt das Verlangen nach Ausübung dessen, wer will ihre Hüllen brechen und ihr Blut als Zoll fordern und damit seinen Rachedurst löschen?“
Es fanden sich Zwei aus dem Volke, welche die Pranken des Herrn beim zu vollstreckenden Urteil sein sollten. Die Peitsche sollte Cregans Rücken maltetrieren. Der Knochenspeer war für die Waden Jonaths bestimmt.
Sie hatten ihre Welt zum wanken gebracht, den Tod des Alkas nicht verhindern können. Es war nur gerecht, dass die Orientierungslosen das erste Blut herbeiführen durften. Die Verzweiflung an ihren Leibern hinaus lassen durften.
Schmerz ist ein schnellwachsendes Geschöpf. Fünf Liebkosungen des Leders sollten seinen Rücken heimsuchen. Jeder Schlag übertraf den vorherigen. Ein kurzes Zucken wurde zu einer von Leid gezeichneten Fratze. Die Hände klammerten sich an den Ketten, bis jene fast ins Fleisch schnitten. Seine Welt schrumpfte auf ein Feuer, welches in seinen Rücken brannte. Schneeflocken die sich dort niederließen, schürten es nur noch mehr.
„War das ... alles was du zu bieten hast?“
Es gab keinen Ausweg der Pein zu entgehen. Wenn es keinen Ausweg gibt, ist die einzige Lösung sich tiefer hinein zu wagen. Das Spiel der Peitsche mündete in einen finalen, brachialen Hieb. Er wollte es nicht, doch tat er es. Ein schmerzverzerrter Laut entwich ihm und trug seine Schmerzen hinaus.
„Der zählt nicht…der war…. zu laasch. Weibswerk.. Hättet auch gleich die Knechtin ran lassen können...“
Seine Anstachelungen zeigten keinerlei Wirkung. Es blieb bei fünf Schlägen, die Arbeit jedoch nicht getan. Die Stimme des schwarzen Marschalls donnerte über den Platz.
„Legt Peitsche und Speer zurück und greift jeder eine Handvoll Salz, mit welchem ihr euer Werk vollenden sollt.“
Die Berührung der gesalzten Hand seines Peinigers brachte ein Inferno mit sich. Salzt die Äcker der Feinde und ihre Erde wird nichts mehr gedeihen! Salzt das Blut der Sünder und kein Frevel soll ihrem Geiste mehr entwachsen? Die Dämonen seiner Missetaten zeigten ihre Fratze auf dem Gesicht des Gemarterten. Stumm schrieen sie seine Schande hinaus. Cregan keuchte vor Qual.
„Schmerz heißt leben.“
Voller Leben schaute er hinüber zu Jonath. Ein Zucken in der Brust und der Kehle zeugten von seinem persönlichen Kampf gegen den Schmerz.
„Tretet zurück und gibt den Platz frei für die nächsten, die ein Stück Rache üben wollen.“
Es war nur der Anfang gewesen. Der Panther war noch hungrig und grölte mit der Stimme des erhabenen Ahads.
„Nein, Varnos, ihr bleibt zurück.“
Warum sie nicht? In der Welt des Schmerzes loderten die Zweifel an ihr erneut auf, verblassten jedoch in Bedeutungslosigkeit.
„Wer wird sich kommenden Akt mit Landsknecht Swynedd teilen?“
Jonath Stimme erhob sich. Sie klang weiter entfernt als er sich wirklich befand. Schmerz lag in ihr.
„Wir Schulden… Ivan Del’Mur Sühne... auch ihn haben wir verraten!“
Ja, das taten sie. Cregan schaute zur Seite und nickte Jon zu. Auch ihn ließen sie zurück. Er war einer der Treusten unter den Greifen gewesen. Nicht befleckt mit dem Gram des schattenwölfisches Erbes.
„Auch ihn werden wir nicht vergessen, Gefallener.“
Der Sinn der Worte erschloss sich ihm nicht. Ivan, auch du? Nein, niemals hätte Ivan zugelassen, dass…
„Niemand.“
„Ihr seid nun dafür verantwortlich, die Leiber der beiden ein für alle Mal zu zeichnen, und jedem, der kommendes Mal erblickt, deutlich machen, wer über sie gerichtet hat.
Nehmt jene Pyrianklinge dort an euch. Vier Krallen zählt die Pranke des Panthers - vier Narben sollen Rücken und Brust der beiden zieren.
So, wie das Feuer emittierende Schwert es in ihre Haut brennen wird, wird es der damit resultierende Schmerz in ihren Geist.“
Landsknechtin Swynedd ging ihrem Werk mit Sorgfalt nach. Jonath Rücken sollte als erstes das Mal des Panthers erhalten. Der Anblick seines Elends, schmerzte Cregan fast mehr als die eigene Pein. Jonath war sein Hauptmann, sein Freund, sein Waffenbruder. Ein jeder hätte sein Leben für den anderen hingegeben. Hilflos nun mit anschauen zu müssen… widersprach jeglichem Grundsatz. Nie ließ ein Greif einen anderen in Stich… und doch war es gerade dieses Credo der sie in diese Situation gebracht hat…. Nein… ihr Fehler war gewesen nebulöse Verbindlichkeiten aus vergangenen Tagen über ihren heiligen Eid zu stellen! Sich auf eine Stufe zu stellen mit… er war unbedeutend vor seinem Antlitz. Allein ihn zu dienen hat Bedeutung… dies wusste er nun…
Er war an der Reihe gebrandmarkt zu werden. Der alte Ballast, Quell seiner Ketzerei durfte nicht länger seinen Geist vergiften. Das Pyrian brannte sich in sein Fleisch. Der Schmerz brachte ihn an den Rand des Verstandes. Doch ging er nicht tief genug… die Wurzel des Übels lag tiefer. Durfte dort jedoch nicht neue Sprösslinge setzen. Musste ein für alle mal brandgerodet werden!
„Brenn es… raus!“
Nachdem die vierte Narbe sich in sein Fleisch gebrannt hat, war er am Ende seiner Kräfte. Sein Körper geschunden, legte sich sein Kinn kraftlos auf seine Brust. Er nahm sein Umfeld nicht mehr wahr. Von weit her schien es zu ertönen.
„Kommen wir also zum letzten Akt! Es ist nun an euch, fortzufahren, Del'Mur. Zieht euer Schwert.“
Ivan… erneut fiel sein Name. Durfte er nun doch seine gerechte Rache einfordern?
„Einst war er die 'linke Hand' seines Hauptmannes. Er folgte diesem bis hierher und hat damit in seiner Aufgabe versagt, denn vermochte er offenbar keinen Einfluss auf ihn zu üben. Darum soll ihm die linke Hand genommen werden, gleich dem Rang, den er im Zuge seiner Taten verlor.“
Nein! Er musste es falsch verstanden haben. Er wollte…? Niemals! Wie kann er…? Doch. Ihm stand es zu. Es war sein Recht zu fordern, was immer erforderlich war. Allein die Überzeugung sein Leben als Werkzeug höheren herzugeben war ihm geblieben. Eine Hand, dazu noch die Linke war ein geringer Preis. Stahl führte er in der Rechten. So nur die Linke gefordert wurde, schien sein Leben noch von Nutzen zu sein. Die Rechte wird Blut in seinen Namen Blut vergießen! Im Namen seiner Heiligkeit des Alkas! Er akzeptierte sein Schicksal…
„Es war nicht Cregans Schuld! Sein Hauptmann hat versagt...weil er zu stur war...“
Er hätte versucht das Gleiche für Jonath zu tun. Nicht könnte die Loyalität unter ihnen zum wanken bringen. Ein jeder würde für den anderen über die Klinge springen. Wie zu viele andere zuvor… Bronn, Rothen…
„Halts Maul, Jon.“
„Niemals... du warst eine gute Hand Cregan...elend...“
War er das? Einst war er der Hauptmann und Jon die Hand. Er glaubte, dass er seine Bestimmung als Hauptmann erfüllt hatte und sein weiterhin bestimmter Platz ein anderer war... Es ging aber auch nicht länger um sie. Es ging nie um sie. Eine Erkenntnis, die sie nun teuer erkauften.
„Wir versagten... Blut klebt an unseren Händen und muss vergolten werden.“
Zunächst erkannte er sie nicht wieder, etwas schien sich in Ivans Stimme geändert zu haben.
„Erhabener, dürfte ich einige Worte dazu äußern?
„Wir wüssten nicht, welche. - Oder wollt ihr euch unserer Forderung entziehen?“
Er versuchte die Quelle auszumachen, doch verbarg sich seine Gestalt hinter einer großen Steinsäule.
„Ich werde dem Befehl natürlich folge leisten - jedoch würde ich gerne noch etwas für den 'Angeklagten' sagen.“
„Es wurde alles gestanden.“
Was tat er? Er tat das was jeder Greif getan hätte. Es steckte noch zuviel von der flammenden Chimäre in ihm. Er musste zur Einhalt gebracht werden! Er musste… mit aller aufzubringender Stimmgewalt, rief Cregan:
„Ivan!“
Er schien ihn nicht gehört zu haben
„Erhabener, ich werde gewiss nicht einem Herren widersprechen, jedoch möchte ich zu bedenken geben es handelt sich bei Cregan um einen fähigen, erfahrenen Krieger, der der Sache des Einen gewiss besser dienen kann, wenn er für den Kampf noch beide Hände hat.“
Waren sie es, die jenen Wahn in ihn setzen? Seinen Geist mit ‚Ruhm und Ehre’ vergifteten.
„Verzeih uns! Und nun... tu es!“
„Ihr zögert, Del'Mur.“
Tharon schaltete sich ein. "So stellt ihr die Entscheidung des schwarzen Marschalls in frage?"
„Keineswegs - ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass diese Bestrafung einer Verschwendung von Ressourcen gleich käme.“
Jonath hatte es auch verstanden und schien sich seiner Schuld Ivan gegenüber ebenso bewusst. Ließen sich alte Fehler noch korrigieren?
„Erscheinen wir dir wie aufrichtige Diener Ivan? Erinnerst du dich daran wie wir uns davon stahlen? Nachts wie Diebe durch die Gassen eilten...ohne euch ein Wort zu hinterlassen?“
Der schwarze Marschall forderte sein Recht ein.
„Führt es aus, Del'Mur.“
Worauf wartete der Narr? Wut breitete sich in Cregan aus.
„Verdammt Ivan! Tu es!“
Er hörte wie die schweren Fußteile einer Platenrüstung die einzelnen Stufen emporstiegen. Das Schwert in Händen haltend kam er auf ihn zu. Ivans Blick war gesenkt. Insignien der Greifen spiegelten sich auf der Klinge wieder. Gerechtigkeit. Der Stolz der sie in Verderben führte, führte nun den bestrafenden Schlag aus. Ivan baute sich neben Cregan auf. Langsam hob sich sein Blick, traf jenen Cregans. Bestätigend, auffordernd nickte er Ivan zu.
Es war seine Überzeugung, sein Schicksal. Er war bereit.
„Tu es... es ist der Preis den wir zahlen müssen für unseren Wahnsinn...“
Ivan erhob die Klinge.
„Schmerz bedeutet leben. Leben bedeutet dienen.“
Ivan holte weit aus, setzte zu einem gewaltigen Schlag aus. Leise sprach er:
„Für Alatar, meinen Herrn...“
„Für meinen Herrn“, wiederholte Cregan und fügte im Geiste hinzu ‚Rolsar’.
Der Hieb trennte am Handgelenk sauber Hand von Unterarm. Cregan schrie vor Pein und Agonie. Die Welt verschwamm in einen Bild aus Blut und ewiger Schwärze.
In der Ferne war das Fauchen einer Raubkatze zu hören. Zwei Reiter näherten sich und der Wind begann zu heulen…
Er schlug die Augen auf und starrte gegen die steinerne Decke. Zunächst glaubte er wieder in der Zelle zu sein, doch das harte aber vorhandene Bett straffte ihm Lügen. Sein Körper war Nass vor Schweiß. Er erhob den linken Arm und gedachte sich durch den Bart zu streichen. Ein Leinenverband stieß gegen seine Wange und seine Welt ein Pochen durchfuhr seine linke Hand. Eine Hand die nicht mehr da war, er jedoch zu spüren glaubte. Sein restlicher Körper meldete sich mit einer Symphonie der Qual. Er starrte den Leinenverband der seinen handlosen Stumpf bedeckte eine Weile lethargisch an. Mit aller Mühe und gegen den Willen seines Fleisches versuchte er sich aufzurichten. Der erste Eindruck einer Zelle schien nicht allzu falsch. Der Raum war klein. Allein ein kleiner Tisch mit einer Schale Wasser stand neben dem Bett. Der einzige Ausgang, eine schwere Eisentür, war verschlossen. Erneut widmete er sich dem Stumpf. Erst zaghaft, dann immer wilder riss er sich die Leinen vom Körper. Ein Stumpf. Eine Keule aus Haut. Man hatte ihn versorgt, die Haut war mit einer langen Narbe vernäht. Übelkeit stieg in ihm auf. Er stand auf, wollte rausstürmen. Sein geschundener Körper ließ es nicht zu. Schwindel ließ ihn taumeln. Er erbrach….
„Leben. Die Sünde wurde aus meinem Leib gebrannt, das Leben mir gelassen. Doch ist nichts in ihm geblieben außer völlige, endlose Leere… und ein Eid. Einen Schwur den ich von Anfang an höher hätte stellen sollen als das kümmerliche Ding was mir nun geblieben ist und sich Leben schimpft. Man hat mir meine Schildhand genommen, aber meine Schwerthand gelassen. Mehr will ich gar nicht… mein Fleisch ist mir nichts mehr Wert, die Fähigkeit Blut zu vergießen ist mir geblieben!
Man kommt irgendwann an einen Punkt in seinen Leben an dem man entscheiden muss über welche Brücken man geht und welche man hinter sich abreißt. Jene des Stolzes und Selbstgefälligkeit sind nun gefallen. Was bedeuten schon Ruhm und Ehre? Geehrt wird der Siegreiche und der Ruhm des Panthers ist unvergänglich.
Heil Alatar!“
Das metallische Scheppern und die schweren Schritte hießen das Näher kommen eines Gardisten. Er schenkte ihm zunächst keine Beachtung. Auch als er bemerkte, dass sie es war zeigte er äußerlich keine Regung. Verborgen in seinem starren Blick beginnen jedoch seine Gedanken zu rasen. Er sah das gefühllose Lächeln der Landsknechtin Swynedd erneut vor seinem inneren Auge. Wut durchströmte ihn. Wie konnte sie es nicht wissen? Die einzige Frage die für ihn noch von Belang war und sie schien die Antwort nicht zu wissen. Zunächst dachte er, dass sie ihn quälen wollte. Welche Pein verheißt die Ungewissheit. Erst brachen sie ihren Eid, waren nicht da als sie ihren Herrn schützen sollten und nun sollten sie nicht mal erfahren wie er gestorben war? Blanker Hass pulsierte in ihm bei dem Gedanken, dass sie es wirklich nicht wissen könnte. Sie waren Verräter vorm Herrn, doch standen für ihre Vergehen ein. Was auch das Urteil sein würde, er war gewillt es zu akzeptieren. Wie stand es jedoch um die Garde? Wo waren die Geschworenen der heiligen Stadt als die Säule alles Weltlichen einstürzte?
Von den eigenen Gedanken gejagt, nahm er nicht wahr, dass eine weitere Landsknechtin vor den Zellen erschienen war. Er hörte nicht ihre Stimme, welche sie als eine alte Waffenschwester identifiziert hätte.
Erst die Worte aus der Nachbarzelle rissen ihn aus seiner Lethargie.
„Wollen die Damen sich weiter an uns ergötzen oder gibt es ein brennendes Verlangen, das euch eigen ist?“
Mor trug nun auch die Farben der Garde. Wo war sie als es geschah?
„Unser brennendes Verlangen können sie sicher ahnen...“, Cregans Mund war staubtrocken. Es war seltsam wieder die eigene Stimme zu vernehmen. Es gab nicht mehr vieles worüber es sich zu sprechen gelohnte hatte. Außer...
„... Antworten auf die eine Frage.“
„Macht keinen Ärger, Grauwind.. und behaltet eure Hände dort, wo ich sie sehen kann.“ Begleitet von Mors Stimme, hörte er das Klicken des Schlosses der anderen Zelle. Swynedd erschien vor der seinen.
„Steht auf, Cregan. Keine Spielchen, keine Scherze.“
Die Erkenntnis dämmerte. Das Warten hatte ein Ende.
„Es ist Zeit!?“
Die ungewohnte, da lange abstinente, Belastung seiner Beine ließ ihn torkeln. Die Landsknechtin nahm ihn an der geöffneten Zellentür in Empfang. Ihre Hand auf seiner Brust gewährte ihn das Wiederfinden von Stabilität nicht aus Hilfsbereitschaft, sondern aus Pflichbewußtsein.
„Es geht zum Richtplatz beim Tempel.. macht keinen Ärger und folgt uns.“
Cregan sah wie Mor Jonath voraus führte.
„Noch mehr Ärger?“ Seine Worte standen konträr zu seiner Fügung. Mors Weisungen folgte er ohne Zögern. Wie auch Cregan hat er sich nicht selbst in diese Situation gebracht um Widerstand zu leisten, sondern um für ihre Sünden zu bezahlen.
„Es hat ein Ende.“
Sie verließen die Garnison. Die Straßen waren leer. Ein leichter Schneefall hatte eingesetzt. Der letzte Gang. Er trat ihn schweigend und in sich gekehrt an. Seine Gedanken waren bei den toten Gesichtern jener, dessen Blut an seinen Händen klebte. Wie aus weiter Ferne hörte er das Hallen der Worte von Jonath und Mor.
„Hatte nie gedacht mal in meinen Woche alten Hosen aus dem leben zu treten.“
„Immer zu Späßchen aufgelegt…“
„Ich hoffe du fühlst dich wohl, Mor.“
„Trabant Varnos heisst das.“
„Hätte gedacht wenn wir mal Arm in Arm gehen, würde ich dich führen.“
„Ich kann dir auch gleich gerne mein Barett in deinen Mund stopfen…“
„Und es würde doch nichts ändern.“
Etwas ändern... eine letzte Sache von Wichtigkeit blieb für Cregan weiter bestehen und holte ihn zurück ins Jetzt.
„So dies der letzte Pfad ist... beantwortet zumindest die eine Frage.“
Swynedd schritt neben ihn, verbot ihm nicht das Wort und doch blieb der Antwort schuldig.
„Die Antwort werdet Ihr noch früh genug erhalten, Cregan.“
„Wie steht es um deinen Eid Mor?“
Die Frage Jonaths war genau jene die Cregan sich auch stellte.
„Ich habe einen Eid im Tempel vor wenigen Tagen geschworen, der mehr wiegt als der gegenüber Eidbrüchigen“
Welch ein Wahnsinn. Verstand sie es denn auch nicht? Der Verrat der Greifen war ihr nicht anzulasten, dies war Jons und seine Bürde, welche sie nun zum Richtplatz trugen. Doch war sie sich nicht auch dem höheren zur Treue verschworen? Jonath sprach es aus:
„Ich rede von deinem Eid gegenüber seiner Heiligkeit. Wo warst du als es geschah? Weißt wenigstens du was vor fiel?“
Ihre Antwort wirkte gereizt. Ausflüchte in den Ohren Cregans.
„Wo warst du, als er verschwand?“ zischte sie Jonath an.
„Nicht wo ich sein sollte. Dennoch offenbarte man uns nicht einmal wie er starb.“
„Die einzige Frage... die noch belang hat“, bestätigte Cregan Jonaths Worte.
Wie konnte es sein? An seiner Schuld bestand kein Zweifel, er war gewillt die Konsequenzen zu tragen. Wenn es sein sollte, dies mit seinem Leben zu bezahlen. Er hatte es für das Leben seines Herrn verpfändet und nun stand es am Urteil des Panthers einzufordern, was ihm gehörte. War die Garde ebenso mit den Folgen ihrer Verantwortung im Reinen? Mor, wie steht es um dein Heil?
Ihre düster gefärbte Stimme schien Bände zu sprechen. Trafen die Fragen in offene Wunden?
„Schweigt jetzt einfach.“
„Die Antwort, Jonath und Cregan, bekommt Ihr mit Sicherheit früh genug. Aber jetzt..“
Der Richtplatz kam ins Blickfeld. Das Volk, der Pöbel hatte sich auf den Plätzen gesammelt. Das Blut pochte in Cregans Adern. Die Überzeugung sein Ende akzeptiert zu haben geriet ins Wanken. Sie traten in die Mitte des Geschehens. Auf dem von Stufen gesäumten Podest befand sich ein Richtblock. Zwei Pfeiler aus Holz waren mit Ketten versehen und der Ort ihrer Bestimmung. Mit dem Erfassen des Ortes wo es geschehen sollte und dem Schließen der Handschellen um die Gelenke war es Gewissheit. Angst keimte auf und versuchte den Körper zu vergiften. Der Ausblick auf die auf Tischen ausgebreiteten Werkzeuge der Busse tat ihr übriges. Peitsche, Knochenspeer, Salz, Nieten, Fakeln...
Hoch über den Platz erhoben stand dann er. Der schwarze Marschall sollte über sie Recht sprechen. An seiner Seite stand ein Clericus des Tempels: Tharon Anastra, einst ihr geistlicher Weiser in den Reihen der flammenden Greifen.
Wo war er als sie seine Führung am meisten bedurften? Waren sie es die seine Worte spurlos an sich vorüber gehen ließen oder war er es dessen spirituelle Führung nicht eindringlich genug war?
Wie die Antwort auch lauten möge, es war nicht länger von Belang. Es war an ihnen nun Rechenschaft abzulegen.
„Gläubige!“, die Stimme der schwarzen Gestalt war Respekt einflößend als sie über den Platz hallte. Auf der einen Seite erschien sie ausdruckslos und monoton, auf der anderen Seite schien etwas Unnatürliches manchmal in ihr mitzuschwingen, als wäre sie nur Überbringer einer höheren Botschaft.
„Senkt eure Häupter! Denn just in diesem Augenblicke könnt ihr euch seiner Aufmerksamkeit gewiss sein. Beweist die Demut, welche Er euch lehrt, mit dieser einfachen Geste.“
Sein Haupt war bereits lange gesenkt, als sich die Köpfe der anderen senkten. Ohne sie nicht zu haben, war es jedoch eher Schuld als Demut welche den Blick zu Boden bannte. Die anfängliche Panik verflog und ließ erneut jenes Gefühl der Leere zurück. Jeglicher Ausdruck verschwand auf seinen Zügen. Dies war die Stunde die er herbei gesehnt hatte, die Stunde ihrer Busse… des herbeigesehnten Friedens!?
„Wir stehen hier am heutigen Tage als Executor Alataris vor euch, um diesen beiden dort hier und jetzt ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Sie haben einst geschworen, Alka und Herrn zu dienen, ihn zu beschützen und ihr Leben zu geben, sollte es von Nöten sein. Wir alle wissen, welche Kunde sich in den vergangenen Wochen in der Stadt verbreitet hat.
Und obwohl sie nicht direkt am Verschwinden, am Tod seiner Heiligkeit beteiligt gewesen waren, hätte es mit ihrer Anwesenheit anderen Ausgang nehmen können. Doch sie waren fort und nicht an seiner Seite, als es geschah, brachen ihren geleisteten Eid.
Uns gegenüber zeigten sie Reue, gestanden alle ihre Missetaten und begaben sich darüber hinaus freiwillig in unsere Hände. Doch der Herr vergibt nicht! Nichts wird ihre Strafe zu lindern vermögen.“
Die Stimme des Erhabenen in einer düsteren Litanei verfallen, deren Wirkung man sich nur schwer entziehen konnte. Glasigen Blickes schaute Cregan zum schwarzen Marschall empor. Er wollte keine Vergebung, er wollte keine Linderung der Strafen! Sie waren hier um für dies einzustehen, was sie taten. Keine Tat bleibt ohne Konsequenz. Ihre Schuld, ihre Sünden sollten aus ihren Leibern gebrannt werden! Lautlos entwich dem Mund des Angebundenen die Worte: „Reinigt uns!“ Es war kein Flehen oder eine Bitte, sondern seine Bereitschaft zu büssen.
„Doch nicht nur den Herr, seine Heiligkeit, nein, uns alle haben sie verraten. Darum soll keine einzelne Hand das Werkzeug schwingen, mit welchem wir über sie richten wollen.
Wen durchdringt das Verlangen nach Ausübung dessen, wer will ihre Hüllen brechen und ihr Blut als Zoll fordern und damit seinen Rachedurst löschen?“
Es fanden sich Zwei aus dem Volke, welche die Pranken des Herrn beim zu vollstreckenden Urteil sein sollten. Die Peitsche sollte Cregans Rücken maltetrieren. Der Knochenspeer war für die Waden Jonaths bestimmt.
Sie hatten ihre Welt zum wanken gebracht, den Tod des Alkas nicht verhindern können. Es war nur gerecht, dass die Orientierungslosen das erste Blut herbeiführen durften. Die Verzweiflung an ihren Leibern hinaus lassen durften.
Schmerz ist ein schnellwachsendes Geschöpf. Fünf Liebkosungen des Leders sollten seinen Rücken heimsuchen. Jeder Schlag übertraf den vorherigen. Ein kurzes Zucken wurde zu einer von Leid gezeichneten Fratze. Die Hände klammerten sich an den Ketten, bis jene fast ins Fleisch schnitten. Seine Welt schrumpfte auf ein Feuer, welches in seinen Rücken brannte. Schneeflocken die sich dort niederließen, schürten es nur noch mehr.
„War das ... alles was du zu bieten hast?“
Es gab keinen Ausweg der Pein zu entgehen. Wenn es keinen Ausweg gibt, ist die einzige Lösung sich tiefer hinein zu wagen. Das Spiel der Peitsche mündete in einen finalen, brachialen Hieb. Er wollte es nicht, doch tat er es. Ein schmerzverzerrter Laut entwich ihm und trug seine Schmerzen hinaus.
„Der zählt nicht…der war…. zu laasch. Weibswerk.. Hättet auch gleich die Knechtin ran lassen können...“
Seine Anstachelungen zeigten keinerlei Wirkung. Es blieb bei fünf Schlägen, die Arbeit jedoch nicht getan. Die Stimme des schwarzen Marschalls donnerte über den Platz.
„Legt Peitsche und Speer zurück und greift jeder eine Handvoll Salz, mit welchem ihr euer Werk vollenden sollt.“
Die Berührung der gesalzten Hand seines Peinigers brachte ein Inferno mit sich. Salzt die Äcker der Feinde und ihre Erde wird nichts mehr gedeihen! Salzt das Blut der Sünder und kein Frevel soll ihrem Geiste mehr entwachsen? Die Dämonen seiner Missetaten zeigten ihre Fratze auf dem Gesicht des Gemarterten. Stumm schrieen sie seine Schande hinaus. Cregan keuchte vor Qual.
„Schmerz heißt leben.“
Voller Leben schaute er hinüber zu Jonath. Ein Zucken in der Brust und der Kehle zeugten von seinem persönlichen Kampf gegen den Schmerz.
„Tretet zurück und gibt den Platz frei für die nächsten, die ein Stück Rache üben wollen.“
Es war nur der Anfang gewesen. Der Panther war noch hungrig und grölte mit der Stimme des erhabenen Ahads.
„Nein, Varnos, ihr bleibt zurück.“
Warum sie nicht? In der Welt des Schmerzes loderten die Zweifel an ihr erneut auf, verblassten jedoch in Bedeutungslosigkeit.
„Wer wird sich kommenden Akt mit Landsknecht Swynedd teilen?“
Jonath Stimme erhob sich. Sie klang weiter entfernt als er sich wirklich befand. Schmerz lag in ihr.
„Wir Schulden… Ivan Del’Mur Sühne... auch ihn haben wir verraten!“
Ja, das taten sie. Cregan schaute zur Seite und nickte Jon zu. Auch ihn ließen sie zurück. Er war einer der Treusten unter den Greifen gewesen. Nicht befleckt mit dem Gram des schattenwölfisches Erbes.
„Auch ihn werden wir nicht vergessen, Gefallener.“
Der Sinn der Worte erschloss sich ihm nicht. Ivan, auch du? Nein, niemals hätte Ivan zugelassen, dass…
„Niemand.“
„Ihr seid nun dafür verantwortlich, die Leiber der beiden ein für alle Mal zu zeichnen, und jedem, der kommendes Mal erblickt, deutlich machen, wer über sie gerichtet hat.
Nehmt jene Pyrianklinge dort an euch. Vier Krallen zählt die Pranke des Panthers - vier Narben sollen Rücken und Brust der beiden zieren.
So, wie das Feuer emittierende Schwert es in ihre Haut brennen wird, wird es der damit resultierende Schmerz in ihren Geist.“
Landsknechtin Swynedd ging ihrem Werk mit Sorgfalt nach. Jonath Rücken sollte als erstes das Mal des Panthers erhalten. Der Anblick seines Elends, schmerzte Cregan fast mehr als die eigene Pein. Jonath war sein Hauptmann, sein Freund, sein Waffenbruder. Ein jeder hätte sein Leben für den anderen hingegeben. Hilflos nun mit anschauen zu müssen… widersprach jeglichem Grundsatz. Nie ließ ein Greif einen anderen in Stich… und doch war es gerade dieses Credo der sie in diese Situation gebracht hat…. Nein… ihr Fehler war gewesen nebulöse Verbindlichkeiten aus vergangenen Tagen über ihren heiligen Eid zu stellen! Sich auf eine Stufe zu stellen mit… er war unbedeutend vor seinem Antlitz. Allein ihn zu dienen hat Bedeutung… dies wusste er nun…
Er war an der Reihe gebrandmarkt zu werden. Der alte Ballast, Quell seiner Ketzerei durfte nicht länger seinen Geist vergiften. Das Pyrian brannte sich in sein Fleisch. Der Schmerz brachte ihn an den Rand des Verstandes. Doch ging er nicht tief genug… die Wurzel des Übels lag tiefer. Durfte dort jedoch nicht neue Sprösslinge setzen. Musste ein für alle mal brandgerodet werden!
„Brenn es… raus!“
Nachdem die vierte Narbe sich in sein Fleisch gebrannt hat, war er am Ende seiner Kräfte. Sein Körper geschunden, legte sich sein Kinn kraftlos auf seine Brust. Er nahm sein Umfeld nicht mehr wahr. Von weit her schien es zu ertönen.
„Kommen wir also zum letzten Akt! Es ist nun an euch, fortzufahren, Del'Mur. Zieht euer Schwert.“
Ivan… erneut fiel sein Name. Durfte er nun doch seine gerechte Rache einfordern?
„Einst war er die 'linke Hand' seines Hauptmannes. Er folgte diesem bis hierher und hat damit in seiner Aufgabe versagt, denn vermochte er offenbar keinen Einfluss auf ihn zu üben. Darum soll ihm die linke Hand genommen werden, gleich dem Rang, den er im Zuge seiner Taten verlor.“
Nein! Er musste es falsch verstanden haben. Er wollte…? Niemals! Wie kann er…? Doch. Ihm stand es zu. Es war sein Recht zu fordern, was immer erforderlich war. Allein die Überzeugung sein Leben als Werkzeug höheren herzugeben war ihm geblieben. Eine Hand, dazu noch die Linke war ein geringer Preis. Stahl führte er in der Rechten. So nur die Linke gefordert wurde, schien sein Leben noch von Nutzen zu sein. Die Rechte wird Blut in seinen Namen Blut vergießen! Im Namen seiner Heiligkeit des Alkas! Er akzeptierte sein Schicksal…
„Es war nicht Cregans Schuld! Sein Hauptmann hat versagt...weil er zu stur war...“
Er hätte versucht das Gleiche für Jonath zu tun. Nicht könnte die Loyalität unter ihnen zum wanken bringen. Ein jeder würde für den anderen über die Klinge springen. Wie zu viele andere zuvor… Bronn, Rothen…
„Halts Maul, Jon.“
„Niemals... du warst eine gute Hand Cregan...elend...“
War er das? Einst war er der Hauptmann und Jon die Hand. Er glaubte, dass er seine Bestimmung als Hauptmann erfüllt hatte und sein weiterhin bestimmter Platz ein anderer war... Es ging aber auch nicht länger um sie. Es ging nie um sie. Eine Erkenntnis, die sie nun teuer erkauften.
„Wir versagten... Blut klebt an unseren Händen und muss vergolten werden.“
Zunächst erkannte er sie nicht wieder, etwas schien sich in Ivans Stimme geändert zu haben.
„Erhabener, dürfte ich einige Worte dazu äußern?
„Wir wüssten nicht, welche. - Oder wollt ihr euch unserer Forderung entziehen?“
Er versuchte die Quelle auszumachen, doch verbarg sich seine Gestalt hinter einer großen Steinsäule.
„Ich werde dem Befehl natürlich folge leisten - jedoch würde ich gerne noch etwas für den 'Angeklagten' sagen.“
„Es wurde alles gestanden.“
Was tat er? Er tat das was jeder Greif getan hätte. Es steckte noch zuviel von der flammenden Chimäre in ihm. Er musste zur Einhalt gebracht werden! Er musste… mit aller aufzubringender Stimmgewalt, rief Cregan:
„Ivan!“
Er schien ihn nicht gehört zu haben
„Erhabener, ich werde gewiss nicht einem Herren widersprechen, jedoch möchte ich zu bedenken geben es handelt sich bei Cregan um einen fähigen, erfahrenen Krieger, der der Sache des Einen gewiss besser dienen kann, wenn er für den Kampf noch beide Hände hat.“
Waren sie es, die jenen Wahn in ihn setzen? Seinen Geist mit ‚Ruhm und Ehre’ vergifteten.
„Verzeih uns! Und nun... tu es!“
„Ihr zögert, Del'Mur.“
Tharon schaltete sich ein. "So stellt ihr die Entscheidung des schwarzen Marschalls in frage?"
„Keineswegs - ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass diese Bestrafung einer Verschwendung von Ressourcen gleich käme.“
Jonath hatte es auch verstanden und schien sich seiner Schuld Ivan gegenüber ebenso bewusst. Ließen sich alte Fehler noch korrigieren?
„Erscheinen wir dir wie aufrichtige Diener Ivan? Erinnerst du dich daran wie wir uns davon stahlen? Nachts wie Diebe durch die Gassen eilten...ohne euch ein Wort zu hinterlassen?“
Der schwarze Marschall forderte sein Recht ein.
„Führt es aus, Del'Mur.“
Worauf wartete der Narr? Wut breitete sich in Cregan aus.
„Verdammt Ivan! Tu es!“
Er hörte wie die schweren Fußteile einer Platenrüstung die einzelnen Stufen emporstiegen. Das Schwert in Händen haltend kam er auf ihn zu. Ivans Blick war gesenkt. Insignien der Greifen spiegelten sich auf der Klinge wieder. Gerechtigkeit. Der Stolz der sie in Verderben führte, führte nun den bestrafenden Schlag aus. Ivan baute sich neben Cregan auf. Langsam hob sich sein Blick, traf jenen Cregans. Bestätigend, auffordernd nickte er Ivan zu.
Es war seine Überzeugung, sein Schicksal. Er war bereit.
„Tu es... es ist der Preis den wir zahlen müssen für unseren Wahnsinn...“
Ivan erhob die Klinge.
„Schmerz bedeutet leben. Leben bedeutet dienen.“
Ivan holte weit aus, setzte zu einem gewaltigen Schlag aus. Leise sprach er:
„Für Alatar, meinen Herrn...“
„Für meinen Herrn“, wiederholte Cregan und fügte im Geiste hinzu ‚Rolsar’.
Der Hieb trennte am Handgelenk sauber Hand von Unterarm. Cregan schrie vor Pein und Agonie. Die Welt verschwamm in einen Bild aus Blut und ewiger Schwärze.
In der Ferne war das Fauchen einer Raubkatze zu hören. Zwei Reiter näherten sich und der Wind begann zu heulen…
Er schlug die Augen auf und starrte gegen die steinerne Decke. Zunächst glaubte er wieder in der Zelle zu sein, doch das harte aber vorhandene Bett straffte ihm Lügen. Sein Körper war Nass vor Schweiß. Er erhob den linken Arm und gedachte sich durch den Bart zu streichen. Ein Leinenverband stieß gegen seine Wange und seine Welt ein Pochen durchfuhr seine linke Hand. Eine Hand die nicht mehr da war, er jedoch zu spüren glaubte. Sein restlicher Körper meldete sich mit einer Symphonie der Qual. Er starrte den Leinenverband der seinen handlosen Stumpf bedeckte eine Weile lethargisch an. Mit aller Mühe und gegen den Willen seines Fleisches versuchte er sich aufzurichten. Der erste Eindruck einer Zelle schien nicht allzu falsch. Der Raum war klein. Allein ein kleiner Tisch mit einer Schale Wasser stand neben dem Bett. Der einzige Ausgang, eine schwere Eisentür, war verschlossen. Erneut widmete er sich dem Stumpf. Erst zaghaft, dann immer wilder riss er sich die Leinen vom Körper. Ein Stumpf. Eine Keule aus Haut. Man hatte ihn versorgt, die Haut war mit einer langen Narbe vernäht. Übelkeit stieg in ihm auf. Er stand auf, wollte rausstürmen. Sein geschundener Körper ließ es nicht zu. Schwindel ließ ihn taumeln. Er erbrach….
„Leben. Die Sünde wurde aus meinem Leib gebrannt, das Leben mir gelassen. Doch ist nichts in ihm geblieben außer völlige, endlose Leere… und ein Eid. Einen Schwur den ich von Anfang an höher hätte stellen sollen als das kümmerliche Ding was mir nun geblieben ist und sich Leben schimpft. Man hat mir meine Schildhand genommen, aber meine Schwerthand gelassen. Mehr will ich gar nicht… mein Fleisch ist mir nichts mehr Wert, die Fähigkeit Blut zu vergießen ist mir geblieben!
Man kommt irgendwann an einen Punkt in seinen Leben an dem man entscheiden muss über welche Brücken man geht und welche man hinter sich abreißt. Jene des Stolzes und Selbstgefälligkeit sind nun gefallen. Was bedeuten schon Ruhm und Ehre? Geehrt wird der Siegreiche und der Ruhm des Panthers ist unvergänglich.
Heil Alatar!“
Zuletzt geändert von Cregan Wolfsklaue am Donnerstag 26. Februar 2009, 18:19, insgesamt 1-mal geändert.
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Jonath Grauwind
Sie! Ausgerechnet sie musste es sein. Der Executor wusste wie er einen Gebrochenen weiter demütigen konnte. Die Sache war zu etwas weitaus persönlicheren geworden. Die öffentliche Strafe zu einer privaten. Sicher, sie hatte ihr Verrat gleich zweifach getroffen. Sie hatte alles himmlische Recht ihre Genugtuung zu fordern.
Es war ein dumpfes Gefühl als sich der Magen mit dem Klang des aufschnappenden Schlosses zusammen zog.
„Macht keinen Ärger Grauwind…“ Mor hatte nicht einmal den Anstand sich selbst einzugestehen wie persönlich die Angelegenheit war. Grauwind…ein Name von Gefährten für Gefährten. Nein, in ihrem Mund hatte dieser Name nichts mehr zu suchen. Und noch weniger konnte er ihr als Mörtel dienen um die Mauer ihrer eigenen heuchlerischen Unantastbarkeit zu errichten.
Mor…, sie war allein als sie zu ihnen stieß. Sie hatte Verlust kennengelernt, Verlust der am Herzen nagte und ein Teil dessen mit sich zog. In ihrem Wesen fand sich bald eine Kameradin, fand sich eine Gefährtin für mehr als nur die Waffe. Bronn hatte ihr den Beinamen Wiesel verpasst. Warum wusste Jonath bis heute nicht. Sie war der erste wirkliche Greif. Nicht belastet von der Tragödie der Grauwölfe, aus deren Überresten sich die einstigen Söldner zu Streitern für das Heilige Reich formiert hatten. Sie war ihr ungeschliffener Diamant … ihre Hoffnung.
Sie war mein Fehler. Ging es Jonath durch den Kopf als er sich wankend, die Glieder von der Trägheit des Harrens gematert, erhob. Es tat gut ihr Wut angedeihen zu können. Die Guten Erinnerungen in triste Lügen der Vergangenheit zu wandeln.
Als er aus seiner Zelle trat, war es nur ein kurzer Blick Mors um sich zu vergewissern, dass er keine provisorische Waffe in den Händen hielt. Vielleicht ein Funke Vertrauen. Vertrauen…, sie hatten ihr das ihre gründlich geraubt.
Mor war ziellos gewesen als sie in die Heilige Stadt kam. Sie hatten ihr einen Sinn gegeben, einen Weg…und in der Dunkelheit allein zurückgelassen. Wie lang hatte sie geharrt? Wann hatte sie begonnen zu wanken? War es die Enttäuschung, die Innere Stimme oder ein Ohrenbläser des Tempels der sie auf ihren neuen Pfad führte? War es überhaupt wichtig? Sie hatte ihre Schritte geleitet. Dennoch blieb wenig Trost im Gedanken sie ihrer Menschlichkeit beraubt zu haben. Ein Fehler…nein, dass war sie nie gewesen. Nichts konnte Erinnerungen so leicht auslöschen. Wie Unbehaglich musste sie sich fühlen? Redete sie sich ebenfalls ein sie müssen die beiden hassen während sie sie zu ihrer Richtstätte führte?
Quäl sie nicht Jon…lass sie los und stoss sie fort… Es war das einzige das ihm Sinn machte.
Und so quoll ein Funke des alten Jonath hervor. Die lose Zunge welche wenig drauf gab wann zu schweigen war und wann nicht. Sollte Mor ruhig wütend werden. Es würde alles für sie nur leichter machen… darin lag Trost. Doch bald verflogen die Seitenhiebe, was folgte war eine klare Anschuldigung. Das Weib warf mit dem Wort Eidbrecher um sich sowie der Tempel das Wort Ketzer zur Floskel machte. Sie sprach Worte der Masse, gesichtslos und ohne Persönlichkeit. Und gerade in ihrer Person sollte die Antwort auf die Frage liegen was mit ihrem eigenen Eid geschehen war.
Niemand an den Zellen hatte die Gnade vom Dahinscheiden des Alkas zu sprechen, niemand offenbarte ihnen die Blüte ihres Verrats. Nicht einmal sie! Dabei hatte sie ihn ebenso vergöttert wie sie es taten. Sie hatte zu ihm aufgesehen und ihm Treue geschworen. Doch kaum war er dahin, schien auch sie ihn vergessen zu haben. Ebenso schien es um die Gardistin bestimmt zu sein, welche Cregan führte. Landknechtin Swynedd… Sie genoss das Spiel der Zellen wie eine Katze das Spiel mit der Maus. Von der Heiligkeit dessen was vor sich ging…nein davon konnte ihr morbider Verstand nichts ahnen. Die Garde blendete seine Heiligkeit fort, als hätte er nie existiert, elende Hunde. Wer waren hier die wirklichen Verräter? Eine hassenswerte Stadt, voll hassenswerter Menschen schoss es Jonath durch den Kopf. Und eben jene Stadt und jene Menschen sahen zu ihnen herüber als die Gardisten sie auf den Richtplatz führten. Wie rasch Schande doch zur eigenen Beschämung führen konnte.
Es wirkte vertraut als sich die eisernen Fesseln um die Handgelenke legten. In den letzten Nächten und Tagen hatte Jonath sich oft genug ausgemalt was zu dieser Stunde geschehen würde. Nichts davon behagte ihm. Sie waren mit offenen Armen in den Mauern der Heiligen Stadt aufgenommen worden. Zwei ihrer gefallenen Brüder hatten würdige Orte ihrer letzten Ruhe erhalten, ja selbst eine Statue hatte man ihnen zum Geschenk gemacht. Wie gnädig sie waren. Nein, gnädig war nur Rolsar von Dunkelfels, ihr Herr, ihr Fürst und Gott gehüllt in Fleisch und Blut. Nun da er fort war, war die Leine der Meute frei. Vielleicht war dies die Art des Volkes um ihren Herrscher zu trauern? Es war richtig. Sie waren durchzogen von Schuld. Wenn ihr fließendes Blut die Tränen seines Volkes sein sollten, dann war er bereit seinen gesamten Leib weinen zu lassen.
Dort oben stand er, der schwarze Marshall, jener Mann der ihrer habhaft wurde, als sie in Reue ihr Schiff verließen. Sie hatten sich seinem Zorn und seinem Urteil gefügt. Heute würde es nicht anders sein. Wie erhaben er dort stand. Wie das Schwarz seines Umhangs seinen Leib umspielte. Nun da seine Heiligkeit fort war, war er derjenige zu dem man aufsehen konnte. Wenn man dem Blick denn stand hielt. In seiner Stimme schwang die Anklage wie eine scharfe Klinge. Jedes Wort das er sprach war wahr, jedes Urteil möglich und jedes Ende wäre gerecht gewesen. Wie klein wirkte dagegen Klerikus Anastra an seiner Seite.
Tharon… er hatte einen steilen Aufstieg in den Rängen des Tempels hinter sich gebracht. Wie oft waren er und Jonath aneinander geraten? Sie beide waren das beste Zeugnis dafür wie wenig die Greifen mit dem Tempel gemein hatten. Die meisten Weisungen Tharons schlug Jonath in den Wind, legte sich seinen eigenen Glauben zurecht. Eine weitere Sünde mit der sich die Tore Nileth Azurs weiter verschlossen. Und dennoch, auch Tharon hatte versagt. War es nicht seine Aufgabe als Klerus die Herzen der Menschen zu erreichen? Ihre eigene Inbrunst zu wecken mit der sie sich auf den Pfad des Panthers begaben? Statt dessen hatte er an ihrer Oberfläche gekratzt, hatte sich wie ein gescholtener Streuner aus ihren Reihen entfernt. Es war eine Genugtuung die Gewissheit zu haben, dass auch er versagt hatte, war doch der Tempel unfehlbar. Doch eines musste man ihm anrechnen, er hatte in Jonath oft etwas entfacht, was ihm einen Sinn geben konnte. Zorn und Hass. Sollten wir das hier überstehen Tharon, nimm dich in acht…, Jonath wusste das Tharon keine Sekunde zögern würde sie dem Tod zu übergeben. War es vor Alatar gerecht wenn er es ihm gleich tun würde? Die Frage ob er Tharons Leben beenden würde wenn er die Möglichkeit dazu hätte fand keine Antwort. Die Gedanken wurden durchschnitten von der Stimme des Ahads. Und sie rief zur Demut.
Demut…, ein einfaches Wort, eine einfache Geste. Jeder Narr konnte das Haupt senken. Aber es steckte alles in dieser Tugend. Sie war die Königin der Tugenden. Ohne Demut hatten Stolz und Arroganz ihren Einzug. Waren sie demütig gewesen? Für eine Zeit, gewiss. Aber welcher Sinn lag in sporadischem Werk? Waren sie nicht nach Rahal gekommen um ihre Seele zu retten? War es nicht das Ziel ihre Seelen dem Schlund des Raben zu entreissen? Ja, das war es gewesen. Und nun? In der Ferne der Gedanken hörte Jonath bereits den Flügelschlag.
Das Haupt neigen. Vor wem? Die Menschen um ihn herum neigten ihre Köpfe, zollten dem Gottkönig zumindest äußerlich ihre Unterwürfigkeit. Es war eine Geste von Glaube und Gemeinschaft. Zu beidem gehörte Jonath nicht mehr. Das Haupt neigen, es wäre ein Akt der Blasphemie gewesen. Alatar zu huldigen hieß ihn zu fürchten. Und sie hatten schon genug Zorn auf sich gezogen. Sein aufrechter Kopf harrte schuldbewusst mit gesenktem Blick.
Und dann begann das Schauspiel als der schwarze Marschall die Sünder den Wölfen zum Fraß vorwarf. Ein Teil von Jonath jubelte in der Gewissheit dem Volk seine Vergeltung für den Verlust ihres Hauptes zu geben, der andere Teil fragte sich wie viele von ihnen wirklich wussten wofür all dies stand. Rahal war stets ein Hort von Verrückten gewesen, welche ihre perversen Triebe unter dem Schleier des Glaubens stillten. Jonath hasste es wenn seine Befürchtungen sich bewahrheiteten…
Man nannte den Wahnsinn beim Namen…Vaughain. Dieser Dreckskerl gehörte zu der Sorte Menschen die Schmerzen und Leid anderer genossen. Aus dem Vollzug der Strafe ihr eigenes Spiel machten. Die Sorte Mensch, welche in morbider Erregung zu ihrem Opfer standen. Den Akt von Schmerz als Wonne und Balz ansahen. Menschen die Jonath aus tiefster Seele verachtete. Er war bereit seine Strafe anzunehmen, aber diesem Kerl seine Befriedigung geben? Niemals.
Er fühlte wie die Spitze des Knochenspeers über seine Waden zog, beinah liebkosend. Der Bursche genoss es wirklich. Es war eine Qual sich auf den Schmerz vorzubereiten, zu warten und zu warten. Keine Beleidigung half. Kein Seitenhieb traf Vaughains Geist. Der Bursche wusste dass Jonath eine Maus mit dem Kopf in der Falle war. Hier und jetzt war er König über einen einzelnen Untertan. Zwei Bisse durchrissen die Gedanken. Der erste Schmerz schoss in den Kopf. Ein Segen! Oh wie lebendig fühlte es sich an. Wie gerne hätte er rücklings ausgetreten und seinen Schenkel selbst in die Spitze des Speeres gerammt. Straf mich endlich! … wollte er schreien, stattdessen offenbarte die Kehle ein schmerzliches Ächzen als der Speer erneut zubiss. Vaughain flüsterte sanft. Jonath schwor sich diese Stimme nie zu vergessen.
Standhaft sein. Das war stets ihre Aufgabe. In den Wellen des Sturms und in den Reihen der Verteidigung. Nun verlor er den Stand als der Speer sich in die Wade bohrte. Nicht der Schmerz war es der ihn dazu brachte sich in die Ketten zu ziehen, viele Male zuvor war bereits Metall in seinen Leib gedrungen, es war die bittere Tatsache hier und jetzt nicht den Schmerz zu seiner Stärke zu machen. Ihn im Zorn zu verdrängen und ihn mit Gewalt seinem Gegner entgegenzutreiben. Dieses Mal musste er sich ihm vollends hingeben. Schmerz war zu einer Illusion geworden die verdammt schmerzte.
Das Ende krönt das Werk, sagen die Dichter. Vaughain schien seine eigene Art von Poesie in sich zu tragen, als er beinah schon zärtlich die Salzbenetzten Hände über die Wunde strich. Jonath schrie auf. Die Gedanken explodierten im Geist. In diesem Moment gab es kein Hier und Jetzt, keine Zukunft und keine Vergangenheit. War dies die Verdammnis?
Die Stimmen um sich waren dumpf in die Ferne gerückt. Jonath war erleichtert als sein Peiniger von seinem Tun entbunden wurde. Vaughain flüsterte ihm Worte entgegen. Sie waren nicht von Belang. Sie formten einzig einen Wunsch…Du gehörst mir. Und wenn es soweit war würde Jonath nicht mit ihm spielen. Er würde ihm zeigen was Zorn war. Schnell, grausam und mit aller Kraft.
Es war schwer den Schmerz zu ignorieren. Es war unmöglich. Die Darstellerin des zweiten Aktes zeigte sich ebenfalls von ihrer eigenen Seite. Die Katze hatte ihren Platz freigemacht für die Schlange. Und sie biss mit feurigem Metall zu. Der Körper übernahm die Kontrolle. Reflexe und Instinkte forderten den Leib auf sich der Pein zu entziehen. Landsknechtin Swynedds fester Griff stellte sich der Natur entgegen. Und auch sie schien zu genießen. Reudige Metze… Jonath hatte ihr Spiel in den Zellen bereits erfahren. Sie liebte Überlegenheit, kostete sie aus. Wie konnte Mor neben solchen Menschen dienen? Waren sie verlässlich? Waren sie treu? Waren sie wirklich Kameraden? Oder war es nur der Nutze? Wie gut es tat unter den Schmerzensschreien die Gedanken zu sammeln und sie nicht in die Welt des Nichts zu schicken. Es half bei Bewusstsein zu bleiben, half das Brennen und Leiden zu spüren.
Eine Tatze war gebrannt, die zweite gebührte Cregan. Er hatte die Zeit sicherlich genossen. In den letzten Tagen hatte er begonnen in Schmerzen seine Zuflucht zu finden. Seine Hoffnung und seinen Sinn. Er bettelte regelrecht darum gerichtet zu werden. Und er sprach für sie beide, wenngleich Jonath es nie hätte so offen wie er nach außen tragen können.
Aber es war nicht von Belang, es ging nicht um Cregan. Das hier war seine eigene Strafe, so wie Cregan die seine erhielt. Sie hatten gemeinsam versagt, aber die Sühne und Buße war etwas Intimes.
Dennoch wurde die Intimität gestört, als der schwarze Marschall Ivan aufforderte Cregan seiner linken Hand zu entledigen. Elend! Vor Monaten noch war Jonath seine linke Hand gewesen. Cregan hatte sie gut geführt, hatte sie bis zum Kniefall vor ihrem Fürsten getrieben. Jonath war es gewesen, der Cregans Werk zunichte gemacht hatte. Es war nicht gerecht. Cregan schien es anders zu sehen. Ivan selbst wankte. Neben Mor war er der zweite wirkliche Greif. Er hatte sie oft versucht nahe an den Tempel zu führen, doch nach und nach hatten sie ihn korrumpiert. Er war ein guter Gefährte, und seine Zweifel beim Verüben des Urteils wiesen ihn als guten Freund aus. Rahal hatte auch seine Juwelen.
Und dennoch gab es nichts zu Vergeben. Durch einen Freund verkrüppelt zu werden, dass hatte gewiss etwas beruhigendes. Man konnte sich darauf verlassen, dass er sorgsam war, dass er es nicht genoss und es rasch tat. Jonath wollte es nicht wissen. Blick und Gedanken richteten sich in die Ferne. Doch selbst dort hallte Cregans Schrei.
Und dann endete es wie es begann. Mor sollte es sein. Der Executor labte sich gewiss in der Tragik. Oder testete er nur wie weit er den anderen ehemaligen Greifen trauen konnte?
Ein Auge…ein verdammtes Auge sollte ihm genommen werden. Weitsicht und Stärke hatten sie sich als Motto erkoren. Welch Ironie. Jonath machte sich keine Gedanken wie es wäre zu erblinden. Er fragte sich nur wie sehr es schmerzen würde. Und dann erklang Mors Stimme als sie sich dem Befehl beugte. Die Stimme einer Zweiflerin die sich fragte warum sie es tat. Die nicht alle Erinnerungen losgelassen hatte. Jonath wusste das sie es tun musste, dass sie es tun würde. Dieses mal ist sie es die zu beschämt ist mich anzusehen. Die Augen labten sich an der letzten gemeinsamen Gelegenheit von angenehmen Bildern. Sie betrachteten das hier und jetzt, sahen wie Mor zum Dolch griff. Sie glitten über ihr Haar, ihre Gesichtspartien. Ja sie hatte sich verändert. Aber sie sah der Frau noch immer ähnlich welche er im Arm hielt und gemeinsam mit ihr die Wellen betrachtete. Jene Frau, welche er stets härter bestrafte als die anderen Greifen, nur um keinen Missmut der anderen hervorzurufen. Es war nicht immer gerecht, aber sie hatte es sich ebenfalls ausgesucht. Und sie war die Frau, welche ohne ein Wort aus dem Lager verschwand um Wochen später wieder aufzutauchen, nachdem alles suchen und alles Hoffen bereits verebbt war. Sie hatte damals beinah ihr Leben verloren…wem machte sie einen Vorwurf? Sie wendete sich um, blickte ihm direkt in die Augen. Dafür dankte er ihr.
Sie stand vor ihm. Es gab nur sie und ihn. Das glühende Metall in ihrer Hand war nur noch ein Mittel von letzter Zweisamkeit. Wie sehr er es genoss ihre Hand an seinem Kinn zu fühlen. Nun hieß es loszulassen und ihr ihre Zweifel zu rauben. Ein letztes ernst gemeintes Lächeln, dann stiess er sie hinab in die Dunkelheit. „Ich habe dich nie geliebt.“ Die Lüge schmerzte mehr als das brennende Metall das sein Auge richtete. Ich werde nicht schreien, ich werde nicht schreien. -Koste ihre Nähe aus so lange tu kannst…ich werde nicht schreien.- Und während er seinen Kopf fest an ihre Hand presste schrie er die Agonie seines Seins hinaus, und während vor seinem Auge jedes Bild explodierte legte sich der Segen der Ohnmacht über Leib und Geist.
Es war ein dumpfes Gefühl als sich der Magen mit dem Klang des aufschnappenden Schlosses zusammen zog.
„Macht keinen Ärger Grauwind…“ Mor hatte nicht einmal den Anstand sich selbst einzugestehen wie persönlich die Angelegenheit war. Grauwind…ein Name von Gefährten für Gefährten. Nein, in ihrem Mund hatte dieser Name nichts mehr zu suchen. Und noch weniger konnte er ihr als Mörtel dienen um die Mauer ihrer eigenen heuchlerischen Unantastbarkeit zu errichten.
Mor…, sie war allein als sie zu ihnen stieß. Sie hatte Verlust kennengelernt, Verlust der am Herzen nagte und ein Teil dessen mit sich zog. In ihrem Wesen fand sich bald eine Kameradin, fand sich eine Gefährtin für mehr als nur die Waffe. Bronn hatte ihr den Beinamen Wiesel verpasst. Warum wusste Jonath bis heute nicht. Sie war der erste wirkliche Greif. Nicht belastet von der Tragödie der Grauwölfe, aus deren Überresten sich die einstigen Söldner zu Streitern für das Heilige Reich formiert hatten. Sie war ihr ungeschliffener Diamant … ihre Hoffnung.
Sie war mein Fehler. Ging es Jonath durch den Kopf als er sich wankend, die Glieder von der Trägheit des Harrens gematert, erhob. Es tat gut ihr Wut angedeihen zu können. Die Guten Erinnerungen in triste Lügen der Vergangenheit zu wandeln.
Als er aus seiner Zelle trat, war es nur ein kurzer Blick Mors um sich zu vergewissern, dass er keine provisorische Waffe in den Händen hielt. Vielleicht ein Funke Vertrauen. Vertrauen…, sie hatten ihr das ihre gründlich geraubt.
Mor war ziellos gewesen als sie in die Heilige Stadt kam. Sie hatten ihr einen Sinn gegeben, einen Weg…und in der Dunkelheit allein zurückgelassen. Wie lang hatte sie geharrt? Wann hatte sie begonnen zu wanken? War es die Enttäuschung, die Innere Stimme oder ein Ohrenbläser des Tempels der sie auf ihren neuen Pfad führte? War es überhaupt wichtig? Sie hatte ihre Schritte geleitet. Dennoch blieb wenig Trost im Gedanken sie ihrer Menschlichkeit beraubt zu haben. Ein Fehler…nein, dass war sie nie gewesen. Nichts konnte Erinnerungen so leicht auslöschen. Wie Unbehaglich musste sie sich fühlen? Redete sie sich ebenfalls ein sie müssen die beiden hassen während sie sie zu ihrer Richtstätte führte?
Quäl sie nicht Jon…lass sie los und stoss sie fort… Es war das einzige das ihm Sinn machte.
Und so quoll ein Funke des alten Jonath hervor. Die lose Zunge welche wenig drauf gab wann zu schweigen war und wann nicht. Sollte Mor ruhig wütend werden. Es würde alles für sie nur leichter machen… darin lag Trost. Doch bald verflogen die Seitenhiebe, was folgte war eine klare Anschuldigung. Das Weib warf mit dem Wort Eidbrecher um sich sowie der Tempel das Wort Ketzer zur Floskel machte. Sie sprach Worte der Masse, gesichtslos und ohne Persönlichkeit. Und gerade in ihrer Person sollte die Antwort auf die Frage liegen was mit ihrem eigenen Eid geschehen war.
Niemand an den Zellen hatte die Gnade vom Dahinscheiden des Alkas zu sprechen, niemand offenbarte ihnen die Blüte ihres Verrats. Nicht einmal sie! Dabei hatte sie ihn ebenso vergöttert wie sie es taten. Sie hatte zu ihm aufgesehen und ihm Treue geschworen. Doch kaum war er dahin, schien auch sie ihn vergessen zu haben. Ebenso schien es um die Gardistin bestimmt zu sein, welche Cregan führte. Landknechtin Swynedd… Sie genoss das Spiel der Zellen wie eine Katze das Spiel mit der Maus. Von der Heiligkeit dessen was vor sich ging…nein davon konnte ihr morbider Verstand nichts ahnen. Die Garde blendete seine Heiligkeit fort, als hätte er nie existiert, elende Hunde. Wer waren hier die wirklichen Verräter? Eine hassenswerte Stadt, voll hassenswerter Menschen schoss es Jonath durch den Kopf. Und eben jene Stadt und jene Menschen sahen zu ihnen herüber als die Gardisten sie auf den Richtplatz führten. Wie rasch Schande doch zur eigenen Beschämung führen konnte.
Es wirkte vertraut als sich die eisernen Fesseln um die Handgelenke legten. In den letzten Nächten und Tagen hatte Jonath sich oft genug ausgemalt was zu dieser Stunde geschehen würde. Nichts davon behagte ihm. Sie waren mit offenen Armen in den Mauern der Heiligen Stadt aufgenommen worden. Zwei ihrer gefallenen Brüder hatten würdige Orte ihrer letzten Ruhe erhalten, ja selbst eine Statue hatte man ihnen zum Geschenk gemacht. Wie gnädig sie waren. Nein, gnädig war nur Rolsar von Dunkelfels, ihr Herr, ihr Fürst und Gott gehüllt in Fleisch und Blut. Nun da er fort war, war die Leine der Meute frei. Vielleicht war dies die Art des Volkes um ihren Herrscher zu trauern? Es war richtig. Sie waren durchzogen von Schuld. Wenn ihr fließendes Blut die Tränen seines Volkes sein sollten, dann war er bereit seinen gesamten Leib weinen zu lassen.
Dort oben stand er, der schwarze Marshall, jener Mann der ihrer habhaft wurde, als sie in Reue ihr Schiff verließen. Sie hatten sich seinem Zorn und seinem Urteil gefügt. Heute würde es nicht anders sein. Wie erhaben er dort stand. Wie das Schwarz seines Umhangs seinen Leib umspielte. Nun da seine Heiligkeit fort war, war er derjenige zu dem man aufsehen konnte. Wenn man dem Blick denn stand hielt. In seiner Stimme schwang die Anklage wie eine scharfe Klinge. Jedes Wort das er sprach war wahr, jedes Urteil möglich und jedes Ende wäre gerecht gewesen. Wie klein wirkte dagegen Klerikus Anastra an seiner Seite.
Tharon… er hatte einen steilen Aufstieg in den Rängen des Tempels hinter sich gebracht. Wie oft waren er und Jonath aneinander geraten? Sie beide waren das beste Zeugnis dafür wie wenig die Greifen mit dem Tempel gemein hatten. Die meisten Weisungen Tharons schlug Jonath in den Wind, legte sich seinen eigenen Glauben zurecht. Eine weitere Sünde mit der sich die Tore Nileth Azurs weiter verschlossen. Und dennoch, auch Tharon hatte versagt. War es nicht seine Aufgabe als Klerus die Herzen der Menschen zu erreichen? Ihre eigene Inbrunst zu wecken mit der sie sich auf den Pfad des Panthers begaben? Statt dessen hatte er an ihrer Oberfläche gekratzt, hatte sich wie ein gescholtener Streuner aus ihren Reihen entfernt. Es war eine Genugtuung die Gewissheit zu haben, dass auch er versagt hatte, war doch der Tempel unfehlbar. Doch eines musste man ihm anrechnen, er hatte in Jonath oft etwas entfacht, was ihm einen Sinn geben konnte. Zorn und Hass. Sollten wir das hier überstehen Tharon, nimm dich in acht…, Jonath wusste das Tharon keine Sekunde zögern würde sie dem Tod zu übergeben. War es vor Alatar gerecht wenn er es ihm gleich tun würde? Die Frage ob er Tharons Leben beenden würde wenn er die Möglichkeit dazu hätte fand keine Antwort. Die Gedanken wurden durchschnitten von der Stimme des Ahads. Und sie rief zur Demut.
Demut…, ein einfaches Wort, eine einfache Geste. Jeder Narr konnte das Haupt senken. Aber es steckte alles in dieser Tugend. Sie war die Königin der Tugenden. Ohne Demut hatten Stolz und Arroganz ihren Einzug. Waren sie demütig gewesen? Für eine Zeit, gewiss. Aber welcher Sinn lag in sporadischem Werk? Waren sie nicht nach Rahal gekommen um ihre Seele zu retten? War es nicht das Ziel ihre Seelen dem Schlund des Raben zu entreissen? Ja, das war es gewesen. Und nun? In der Ferne der Gedanken hörte Jonath bereits den Flügelschlag.
Das Haupt neigen. Vor wem? Die Menschen um ihn herum neigten ihre Köpfe, zollten dem Gottkönig zumindest äußerlich ihre Unterwürfigkeit. Es war eine Geste von Glaube und Gemeinschaft. Zu beidem gehörte Jonath nicht mehr. Das Haupt neigen, es wäre ein Akt der Blasphemie gewesen. Alatar zu huldigen hieß ihn zu fürchten. Und sie hatten schon genug Zorn auf sich gezogen. Sein aufrechter Kopf harrte schuldbewusst mit gesenktem Blick.
Und dann begann das Schauspiel als der schwarze Marschall die Sünder den Wölfen zum Fraß vorwarf. Ein Teil von Jonath jubelte in der Gewissheit dem Volk seine Vergeltung für den Verlust ihres Hauptes zu geben, der andere Teil fragte sich wie viele von ihnen wirklich wussten wofür all dies stand. Rahal war stets ein Hort von Verrückten gewesen, welche ihre perversen Triebe unter dem Schleier des Glaubens stillten. Jonath hasste es wenn seine Befürchtungen sich bewahrheiteten…
Man nannte den Wahnsinn beim Namen…Vaughain. Dieser Dreckskerl gehörte zu der Sorte Menschen die Schmerzen und Leid anderer genossen. Aus dem Vollzug der Strafe ihr eigenes Spiel machten. Die Sorte Mensch, welche in morbider Erregung zu ihrem Opfer standen. Den Akt von Schmerz als Wonne und Balz ansahen. Menschen die Jonath aus tiefster Seele verachtete. Er war bereit seine Strafe anzunehmen, aber diesem Kerl seine Befriedigung geben? Niemals.
Er fühlte wie die Spitze des Knochenspeers über seine Waden zog, beinah liebkosend. Der Bursche genoss es wirklich. Es war eine Qual sich auf den Schmerz vorzubereiten, zu warten und zu warten. Keine Beleidigung half. Kein Seitenhieb traf Vaughains Geist. Der Bursche wusste dass Jonath eine Maus mit dem Kopf in der Falle war. Hier und jetzt war er König über einen einzelnen Untertan. Zwei Bisse durchrissen die Gedanken. Der erste Schmerz schoss in den Kopf. Ein Segen! Oh wie lebendig fühlte es sich an. Wie gerne hätte er rücklings ausgetreten und seinen Schenkel selbst in die Spitze des Speeres gerammt. Straf mich endlich! … wollte er schreien, stattdessen offenbarte die Kehle ein schmerzliches Ächzen als der Speer erneut zubiss. Vaughain flüsterte sanft. Jonath schwor sich diese Stimme nie zu vergessen.
Standhaft sein. Das war stets ihre Aufgabe. In den Wellen des Sturms und in den Reihen der Verteidigung. Nun verlor er den Stand als der Speer sich in die Wade bohrte. Nicht der Schmerz war es der ihn dazu brachte sich in die Ketten zu ziehen, viele Male zuvor war bereits Metall in seinen Leib gedrungen, es war die bittere Tatsache hier und jetzt nicht den Schmerz zu seiner Stärke zu machen. Ihn im Zorn zu verdrängen und ihn mit Gewalt seinem Gegner entgegenzutreiben. Dieses Mal musste er sich ihm vollends hingeben. Schmerz war zu einer Illusion geworden die verdammt schmerzte.
Das Ende krönt das Werk, sagen die Dichter. Vaughain schien seine eigene Art von Poesie in sich zu tragen, als er beinah schon zärtlich die Salzbenetzten Hände über die Wunde strich. Jonath schrie auf. Die Gedanken explodierten im Geist. In diesem Moment gab es kein Hier und Jetzt, keine Zukunft und keine Vergangenheit. War dies die Verdammnis?
Die Stimmen um sich waren dumpf in die Ferne gerückt. Jonath war erleichtert als sein Peiniger von seinem Tun entbunden wurde. Vaughain flüsterte ihm Worte entgegen. Sie waren nicht von Belang. Sie formten einzig einen Wunsch…Du gehörst mir. Und wenn es soweit war würde Jonath nicht mit ihm spielen. Er würde ihm zeigen was Zorn war. Schnell, grausam und mit aller Kraft.
Es war schwer den Schmerz zu ignorieren. Es war unmöglich. Die Darstellerin des zweiten Aktes zeigte sich ebenfalls von ihrer eigenen Seite. Die Katze hatte ihren Platz freigemacht für die Schlange. Und sie biss mit feurigem Metall zu. Der Körper übernahm die Kontrolle. Reflexe und Instinkte forderten den Leib auf sich der Pein zu entziehen. Landsknechtin Swynedds fester Griff stellte sich der Natur entgegen. Und auch sie schien zu genießen. Reudige Metze… Jonath hatte ihr Spiel in den Zellen bereits erfahren. Sie liebte Überlegenheit, kostete sie aus. Wie konnte Mor neben solchen Menschen dienen? Waren sie verlässlich? Waren sie treu? Waren sie wirklich Kameraden? Oder war es nur der Nutze? Wie gut es tat unter den Schmerzensschreien die Gedanken zu sammeln und sie nicht in die Welt des Nichts zu schicken. Es half bei Bewusstsein zu bleiben, half das Brennen und Leiden zu spüren.
Eine Tatze war gebrannt, die zweite gebührte Cregan. Er hatte die Zeit sicherlich genossen. In den letzten Tagen hatte er begonnen in Schmerzen seine Zuflucht zu finden. Seine Hoffnung und seinen Sinn. Er bettelte regelrecht darum gerichtet zu werden. Und er sprach für sie beide, wenngleich Jonath es nie hätte so offen wie er nach außen tragen können.
Aber es war nicht von Belang, es ging nicht um Cregan. Das hier war seine eigene Strafe, so wie Cregan die seine erhielt. Sie hatten gemeinsam versagt, aber die Sühne und Buße war etwas Intimes.
Dennoch wurde die Intimität gestört, als der schwarze Marschall Ivan aufforderte Cregan seiner linken Hand zu entledigen. Elend! Vor Monaten noch war Jonath seine linke Hand gewesen. Cregan hatte sie gut geführt, hatte sie bis zum Kniefall vor ihrem Fürsten getrieben. Jonath war es gewesen, der Cregans Werk zunichte gemacht hatte. Es war nicht gerecht. Cregan schien es anders zu sehen. Ivan selbst wankte. Neben Mor war er der zweite wirkliche Greif. Er hatte sie oft versucht nahe an den Tempel zu führen, doch nach und nach hatten sie ihn korrumpiert. Er war ein guter Gefährte, und seine Zweifel beim Verüben des Urteils wiesen ihn als guten Freund aus. Rahal hatte auch seine Juwelen.
Und dennoch gab es nichts zu Vergeben. Durch einen Freund verkrüppelt zu werden, dass hatte gewiss etwas beruhigendes. Man konnte sich darauf verlassen, dass er sorgsam war, dass er es nicht genoss und es rasch tat. Jonath wollte es nicht wissen. Blick und Gedanken richteten sich in die Ferne. Doch selbst dort hallte Cregans Schrei.
Und dann endete es wie es begann. Mor sollte es sein. Der Executor labte sich gewiss in der Tragik. Oder testete er nur wie weit er den anderen ehemaligen Greifen trauen konnte?
Ein Auge…ein verdammtes Auge sollte ihm genommen werden. Weitsicht und Stärke hatten sie sich als Motto erkoren. Welch Ironie. Jonath machte sich keine Gedanken wie es wäre zu erblinden. Er fragte sich nur wie sehr es schmerzen würde. Und dann erklang Mors Stimme als sie sich dem Befehl beugte. Die Stimme einer Zweiflerin die sich fragte warum sie es tat. Die nicht alle Erinnerungen losgelassen hatte. Jonath wusste das sie es tun musste, dass sie es tun würde. Dieses mal ist sie es die zu beschämt ist mich anzusehen. Die Augen labten sich an der letzten gemeinsamen Gelegenheit von angenehmen Bildern. Sie betrachteten das hier und jetzt, sahen wie Mor zum Dolch griff. Sie glitten über ihr Haar, ihre Gesichtspartien. Ja sie hatte sich verändert. Aber sie sah der Frau noch immer ähnlich welche er im Arm hielt und gemeinsam mit ihr die Wellen betrachtete. Jene Frau, welche er stets härter bestrafte als die anderen Greifen, nur um keinen Missmut der anderen hervorzurufen. Es war nicht immer gerecht, aber sie hatte es sich ebenfalls ausgesucht. Und sie war die Frau, welche ohne ein Wort aus dem Lager verschwand um Wochen später wieder aufzutauchen, nachdem alles suchen und alles Hoffen bereits verebbt war. Sie hatte damals beinah ihr Leben verloren…wem machte sie einen Vorwurf? Sie wendete sich um, blickte ihm direkt in die Augen. Dafür dankte er ihr.
Sie stand vor ihm. Es gab nur sie und ihn. Das glühende Metall in ihrer Hand war nur noch ein Mittel von letzter Zweisamkeit. Wie sehr er es genoss ihre Hand an seinem Kinn zu fühlen. Nun hieß es loszulassen und ihr ihre Zweifel zu rauben. Ein letztes ernst gemeintes Lächeln, dann stiess er sie hinab in die Dunkelheit. „Ich habe dich nie geliebt.“ Die Lüge schmerzte mehr als das brennende Metall das sein Auge richtete. Ich werde nicht schreien, ich werde nicht schreien. -Koste ihre Nähe aus so lange tu kannst…ich werde nicht schreien.- Und während er seinen Kopf fest an ihre Hand presste schrie er die Agonie seines Seins hinaus, und während vor seinem Auge jedes Bild explodierte legte sich der Segen der Ohnmacht über Leib und Geist.
-
Mor Varnos
"Ich möchte etwas allein sein... bitte."
Die Worte sprach sie müde, setzte ein bemühtes Lächeln auf, doch hob Mor ihren Blick zu ihm. Zweifelnd sah er sie zwar an, dann jedoch nickte er. "Danke", sprach sie leise und ehrlich, als sie sich abwandte, nur wenige Schritte zur Balkontür ging und diese öffnete. Draußen herrschte, abgesehen von den Windlichtern, die sie mit etwas Zunder entfachte, Dunkelheit. Ihren schlichten Umhang schlang sie um sich und ließ sich auf der Bank nieder, um ihren Kopf an der rauen, kalten Hauswand zu lehnen und ihre Augen zu schließen.
Der zweite Tag schon, an dem sie sich am liebsten verkriechen wollte, sogar vor dem, dem nun ihre Gefühle galten. Kein Rundgang in Uniform durch die Stadt, keine Übungen, keine Jagd. Stattdessen zeigte sie die Unruhe einer verletzten Raubkatze in einem zu kleinen Käfig - im Haus ging sie unstet auf und ab, griff mal zu einem Buch, um zu lesen, legte es wenig später wieder zurück, trat unruhig hinaus und fütterte die Pferde, striegelte sie, doch ehe sie ihr Werk gänzlich vollendet hatte, ging sie auch schon wieder hinein, putzte und pflegte nachlässig Teile ihrer Rüstung, ehe sie einfach nur angespannt aus einem Fenster im oberen Geschoss hinausstarrte.
Oft kam er zu Mor und sprach auf sie ruhig ein, ermahnte sie in geduldigen Tonfall und erinnerte sie an die Gebote des Herrn. Sie verstand ihn zwar und doch fühlte sie sich zerrissen. Bis er sie wieder an Jonaths Worte erinnerte.
Ich habe dich nie geliebt.
Mor wollte in den Augen des Erhabenen und des Clericus bestehen. Sie stand dort, gemeinsam mit ihrer Kameradin, auf einem Podest im Angesicht der Öffentlichkeit. Anastasia war bereit zu strafen, andere, wie dieser in ihren Augen dreiste Kerl Vaughain, gegenüber dem sie seit ihrem kurzen Gespräch in der Taverne eine gewisse Abneigung hegte, ebenso. Sie musste - und ein Teil in ihr, der die letzten Wochen, Monate, gewachsen war, wollte es ebenso - Stärke beweisen vor Rahal und vor allem vor Alatar. Mor wusste selber, wie gering und schwach sie war, doch in diesem Moment konnte sie beweisen, dass dem nicht so war. Doch ein Teil in ihr war nicht frei von MItleid und...
Man konnte tun, was man wollte. Neu, glücklich und zufrieden lieben, ausgiebig für das Zurücklassen und vergebliche Warten hassen und dennoch blieb ein kleiner Rest einer vergangenen Liebe zurück. Nie hatte es ein Wort des Abschieds gegeben und so war es, als wäre etwas offen geblieben. Während die Bestrafung auf dem Podest des Richtplatzes ihren Lauf nahm, schwankte sie zwischen Schmerz vor Mitgefühl, dem Versuch dies stumpf auszublenden und dem Drang sich selbst und anderen etwas zu beweisen. Immer wieder sah sie hinauf zum Podest gegenüber, wo der Erhabene und der Clericus standen. Oft suchte sie den Blick des Clericus', der die letzten Monate ihr geduldiger Mentor war und sie mehr und mehr für den Glauben an den Einzigen geöffnet hatte. Sein Anblick reichte, um ihr, die das Gefühl hatte, etwas würde ihr den Boden unter den Beinen wegreissen, einen festeren Stand zu geben.
Peitschenhiebe, Folter mit dem Knochenspeer, Salz in die Wunden, eingezeichnete und gebrannte 'Krallen'narben nahmen ihren Lauf. Mor hatte in früheren Zeiten die Folter verabscheut, hatte sie doch selber einmal am eigenen Leib erlebt, wie sich Menschen an diesem Anblick ergötzen konnten, während man sich nichts sehnlicher als den erlösenden Tod wünschte.
Doch die letzten Wochen in der Garde hatten sie auch in der Hinsicht verändert. Mor erkannte die Folter als ein Mittel zum Zweck an. Schmerz war wirksamer als mahnende Worte und bleibende Narben ein Mahnmal für die Zukunft. Auch sie trug ihre Male auf ewig und würde niemals mehr in ihr altes Leben zurückfallen. Die gezeichneten, einstigen Greifen würden so auf immer ein Mahnmal sein - so war es richtig, so sollte es sein und so sehr es ihr auch manches Mal selber Schmerzen einzuflößen schien, so war es doch beruhigend zu wissen, dass danach alles vorbei sein würde.
Als Hauptmann besaß er in seinem Handeln nicht die nötige Weitsicht...
Nein, vorbei war es nicht so rasch. Ivan war auserkoren worden, um Cregan seine linke Hand zu nehmen, wobei es Ivan offenbar nicht behagte. Dennoch tat er seine ihm auferlegte Pflicht - ein Moment, in dem Mor sich wieder abschottete, um den Schrei und die Qual ihres einstigen Schwertbruders nicht zu nahe an sich rankommen zu lassen und dann lag es an ihr. Jonath, ausgerechnet Jonath, sollte sie nun strafen, indem sie ihm das Licht eines Auges nehmen sollte.
Verräterisch unsicher war ihre Miene, doch bemühte sie sich, es mit einem respektvollen Neigen ihres Hauptes in Richtung des Clericus und des Erhabenen zu verbergen. Ebenso verräterisch dünn war ihre Stimme, doch wollte sie nicht zögern, keine Blöße preisgeben. Es war der Wille der Höheren und der Wille des Herrn - so war es richtig und Zweifel kamen in ihr ob der Strafe zwar nicht auf, wohl aber Erinnerungen, während sie mit dem Dolch in der Hand von den Steintischen, wo die Folterinstrumente vor den Augen der beiden Greifen lagen, wieder die Stufen hinaufstieg.
Seine hellblauen Augen...
Seine Lippen auf ihre...
Das Knistern des Feuers in der Nacht...
Leise Worte, die sie wechselten...
Frieden, ein seltener Genuss...
Vertrauen...
Das Rauschen des Meeres...
Seine Arme um sie gelegt, die Wärme seines Körpers...
Raue, vom Kampf gezeichnete, doch warme Hände auf kühler Haut...
Sie wagte keinen Blick zu ihm, leise wechselten sie Worte, während Mor ihm offenbarte, dass er sie hassen könnte, hatte sie doch mit allem abgeschlossen. Sie fühlte die Blicke aller, doch die zweier Augenpaare in diesem Moment stärker als alle anderen. Sie könnte schwanken. Sie könnte aber auch ihren Wert beweisen. Wie ein Scheideweg, traf sie da ihre Erkenntnis, doch wusste sie, dass Schwanken auch ihren Tod bedeuten würde. Wenn nicht durch den Erhabenen, dann durch ihr Versprechen, was sie vor einigen Wochen gab.
Sie wandte sich Jonath zu, nachdem sie die Klinge des Dolches einen längeren Moment in die Flammen gehalten und sie so erhitzt hatte. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen, eher er ihr hörbar genug die Worte zuhauchte.
"Ich habe dich nie geliebt."
Es traf sie mit einer eiskalten Wucht, als wenn er sie in eine tiefe, dunkle und kalte Schlucht geschubst hätte und auf einmal kehrte sich alles scheinbar ins Gegenteil um.
Die harten Strafen, wenn sie Fehler beging...
Erbarmungslose Worte...
Abstand...
Ohne ein Wort des Abschieds...
Kein Brief...
Zurückgelassen...
Es schien, in diesem Moment, so entsetzlich klar und mit einem Schlag kühlte ihre MIene deutlich ab. Ihre freie Hand schnellte vor, griff ruppig nach seinem Kinn und ihre mattgrünen Augen verengten sich, als sie den Dolch mit seiner in der kalten Winterluft dampfenden Klinge auf Höhe seines rechten Auges hob. Nun konnte sie nicht mehr ihren Blick von seinem nehmen, während der Hass alles um sie herum verzog.
Beherrschung, Mor, Beherrschung...
Wie gerne hätte sie ihrer aufplatzenden Wut freien Lauf gelassen. Kalter Hass schien für einen Moment ihr die Besinnung zu rauben, doch sie fing sich gerade noch wieder, schloss ihre Augen und stiess zu. Nicht tief, doch es reichte.
Jonaths Schrei ertönte, dann liess sie von ihm ab, nahm einen Moment noch seinen Anblick in sich förmlich auf, während er bewusstlos vor Schmerz und Folter in seinen Fesseln erschlaffte. Genugtuung lag in ihrer Miene, als sie die Stufen nach einem Kopfneigen zu den beiden Hohen auf dem Podest, wieder hinabnahm und die Waffe ablegte, an der sein Blut klebte. Nur nebenher nahm sie die Worte des erhabenen, schwarzen Marschalls wahr. Der nunmehr süße Rausch des Hasses durchströmte sie und doch fühlte sie nun, wie sie Herr über ihn geworden war. Mor griff dann, mehr aus Pflichtbewusstsein, zu einer Bandage vom Tisch und als sie Jonath wieder erreicht hatte, band sie sie achtlos über sein rechtes, verletztes Auge. Danach nahm Mor ihren Platz wieder ein, derweil ihre Zähne aufeinander malmten, ein Zeichen ihrer bestehenden Anspannung und Gefühle, die sie kaum verbergen konnte.
Ich habe dich nie geliebt.
Eine Weile saß sie stirnrunzelnd da und starrte lediglich den steinernen Boden des Balkons an, ehe sie sich langsam erhob, sich mit den Händen auf der hölzernen Brüstung abstützte. War also alles nur eine Lüge? Vielleicht...
Ja, so musste es doch sein. So und nicht anders. Eidbrüchiger, Wortbrüchiger, Lügner...
Zischend zog sie die nasskalte Luft, die kommenden Schneeregen ankündigte, ein, ehe sie mit einem leisen Knurren eines der Windlichter ruppig hinabwischte, so dass es ein Stockwerk tiefer hörbar am Boden zerschellte. Dampfwolken stiegen vor ihrem Mund auf, während sie tief durchatmete, die MIene vor lodernden Hass verzogen.
Es musste einfach so sein.
Und damit begann langsam etwas in ihr zu sterben...
Die Worte sprach sie müde, setzte ein bemühtes Lächeln auf, doch hob Mor ihren Blick zu ihm. Zweifelnd sah er sie zwar an, dann jedoch nickte er. "Danke", sprach sie leise und ehrlich, als sie sich abwandte, nur wenige Schritte zur Balkontür ging und diese öffnete. Draußen herrschte, abgesehen von den Windlichtern, die sie mit etwas Zunder entfachte, Dunkelheit. Ihren schlichten Umhang schlang sie um sich und ließ sich auf der Bank nieder, um ihren Kopf an der rauen, kalten Hauswand zu lehnen und ihre Augen zu schließen.
Der zweite Tag schon, an dem sie sich am liebsten verkriechen wollte, sogar vor dem, dem nun ihre Gefühle galten. Kein Rundgang in Uniform durch die Stadt, keine Übungen, keine Jagd. Stattdessen zeigte sie die Unruhe einer verletzten Raubkatze in einem zu kleinen Käfig - im Haus ging sie unstet auf und ab, griff mal zu einem Buch, um zu lesen, legte es wenig später wieder zurück, trat unruhig hinaus und fütterte die Pferde, striegelte sie, doch ehe sie ihr Werk gänzlich vollendet hatte, ging sie auch schon wieder hinein, putzte und pflegte nachlässig Teile ihrer Rüstung, ehe sie einfach nur angespannt aus einem Fenster im oberen Geschoss hinausstarrte.
Oft kam er zu Mor und sprach auf sie ruhig ein, ermahnte sie in geduldigen Tonfall und erinnerte sie an die Gebote des Herrn. Sie verstand ihn zwar und doch fühlte sie sich zerrissen. Bis er sie wieder an Jonaths Worte erinnerte.
Ich habe dich nie geliebt.
Mor wollte in den Augen des Erhabenen und des Clericus bestehen. Sie stand dort, gemeinsam mit ihrer Kameradin, auf einem Podest im Angesicht der Öffentlichkeit. Anastasia war bereit zu strafen, andere, wie dieser in ihren Augen dreiste Kerl Vaughain, gegenüber dem sie seit ihrem kurzen Gespräch in der Taverne eine gewisse Abneigung hegte, ebenso. Sie musste - und ein Teil in ihr, der die letzten Wochen, Monate, gewachsen war, wollte es ebenso - Stärke beweisen vor Rahal und vor allem vor Alatar. Mor wusste selber, wie gering und schwach sie war, doch in diesem Moment konnte sie beweisen, dass dem nicht so war. Doch ein Teil in ihr war nicht frei von MItleid und...
Man konnte tun, was man wollte. Neu, glücklich und zufrieden lieben, ausgiebig für das Zurücklassen und vergebliche Warten hassen und dennoch blieb ein kleiner Rest einer vergangenen Liebe zurück. Nie hatte es ein Wort des Abschieds gegeben und so war es, als wäre etwas offen geblieben. Während die Bestrafung auf dem Podest des Richtplatzes ihren Lauf nahm, schwankte sie zwischen Schmerz vor Mitgefühl, dem Versuch dies stumpf auszublenden und dem Drang sich selbst und anderen etwas zu beweisen. Immer wieder sah sie hinauf zum Podest gegenüber, wo der Erhabene und der Clericus standen. Oft suchte sie den Blick des Clericus', der die letzten Monate ihr geduldiger Mentor war und sie mehr und mehr für den Glauben an den Einzigen geöffnet hatte. Sein Anblick reichte, um ihr, die das Gefühl hatte, etwas würde ihr den Boden unter den Beinen wegreissen, einen festeren Stand zu geben.
Peitschenhiebe, Folter mit dem Knochenspeer, Salz in die Wunden, eingezeichnete und gebrannte 'Krallen'narben nahmen ihren Lauf. Mor hatte in früheren Zeiten die Folter verabscheut, hatte sie doch selber einmal am eigenen Leib erlebt, wie sich Menschen an diesem Anblick ergötzen konnten, während man sich nichts sehnlicher als den erlösenden Tod wünschte.
Doch die letzten Wochen in der Garde hatten sie auch in der Hinsicht verändert. Mor erkannte die Folter als ein Mittel zum Zweck an. Schmerz war wirksamer als mahnende Worte und bleibende Narben ein Mahnmal für die Zukunft. Auch sie trug ihre Male auf ewig und würde niemals mehr in ihr altes Leben zurückfallen. Die gezeichneten, einstigen Greifen würden so auf immer ein Mahnmal sein - so war es richtig, so sollte es sein und so sehr es ihr auch manches Mal selber Schmerzen einzuflößen schien, so war es doch beruhigend zu wissen, dass danach alles vorbei sein würde.
Als Hauptmann besaß er in seinem Handeln nicht die nötige Weitsicht...
Nein, vorbei war es nicht so rasch. Ivan war auserkoren worden, um Cregan seine linke Hand zu nehmen, wobei es Ivan offenbar nicht behagte. Dennoch tat er seine ihm auferlegte Pflicht - ein Moment, in dem Mor sich wieder abschottete, um den Schrei und die Qual ihres einstigen Schwertbruders nicht zu nahe an sich rankommen zu lassen und dann lag es an ihr. Jonath, ausgerechnet Jonath, sollte sie nun strafen, indem sie ihm das Licht eines Auges nehmen sollte.
Verräterisch unsicher war ihre Miene, doch bemühte sie sich, es mit einem respektvollen Neigen ihres Hauptes in Richtung des Clericus und des Erhabenen zu verbergen. Ebenso verräterisch dünn war ihre Stimme, doch wollte sie nicht zögern, keine Blöße preisgeben. Es war der Wille der Höheren und der Wille des Herrn - so war es richtig und Zweifel kamen in ihr ob der Strafe zwar nicht auf, wohl aber Erinnerungen, während sie mit dem Dolch in der Hand von den Steintischen, wo die Folterinstrumente vor den Augen der beiden Greifen lagen, wieder die Stufen hinaufstieg.
Seine hellblauen Augen...
Seine Lippen auf ihre...
Das Knistern des Feuers in der Nacht...
Leise Worte, die sie wechselten...
Frieden, ein seltener Genuss...
Vertrauen...
Das Rauschen des Meeres...
Seine Arme um sie gelegt, die Wärme seines Körpers...
Raue, vom Kampf gezeichnete, doch warme Hände auf kühler Haut...
Sie wagte keinen Blick zu ihm, leise wechselten sie Worte, während Mor ihm offenbarte, dass er sie hassen könnte, hatte sie doch mit allem abgeschlossen. Sie fühlte die Blicke aller, doch die zweier Augenpaare in diesem Moment stärker als alle anderen. Sie könnte schwanken. Sie könnte aber auch ihren Wert beweisen. Wie ein Scheideweg, traf sie da ihre Erkenntnis, doch wusste sie, dass Schwanken auch ihren Tod bedeuten würde. Wenn nicht durch den Erhabenen, dann durch ihr Versprechen, was sie vor einigen Wochen gab.
Sie wandte sich Jonath zu, nachdem sie die Klinge des Dolches einen längeren Moment in die Flammen gehalten und sie so erhitzt hatte. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen, eher er ihr hörbar genug die Worte zuhauchte.
"Ich habe dich nie geliebt."
Es traf sie mit einer eiskalten Wucht, als wenn er sie in eine tiefe, dunkle und kalte Schlucht geschubst hätte und auf einmal kehrte sich alles scheinbar ins Gegenteil um.
Die harten Strafen, wenn sie Fehler beging...
Erbarmungslose Worte...
Abstand...
Ohne ein Wort des Abschieds...
Kein Brief...
Zurückgelassen...
Es schien, in diesem Moment, so entsetzlich klar und mit einem Schlag kühlte ihre MIene deutlich ab. Ihre freie Hand schnellte vor, griff ruppig nach seinem Kinn und ihre mattgrünen Augen verengten sich, als sie den Dolch mit seiner in der kalten Winterluft dampfenden Klinge auf Höhe seines rechten Auges hob. Nun konnte sie nicht mehr ihren Blick von seinem nehmen, während der Hass alles um sie herum verzog.
Beherrschung, Mor, Beherrschung...
Wie gerne hätte sie ihrer aufplatzenden Wut freien Lauf gelassen. Kalter Hass schien für einen Moment ihr die Besinnung zu rauben, doch sie fing sich gerade noch wieder, schloss ihre Augen und stiess zu. Nicht tief, doch es reichte.
Jonaths Schrei ertönte, dann liess sie von ihm ab, nahm einen Moment noch seinen Anblick in sich förmlich auf, während er bewusstlos vor Schmerz und Folter in seinen Fesseln erschlaffte. Genugtuung lag in ihrer Miene, als sie die Stufen nach einem Kopfneigen zu den beiden Hohen auf dem Podest, wieder hinabnahm und die Waffe ablegte, an der sein Blut klebte. Nur nebenher nahm sie die Worte des erhabenen, schwarzen Marschalls wahr. Der nunmehr süße Rausch des Hasses durchströmte sie und doch fühlte sie nun, wie sie Herr über ihn geworden war. Mor griff dann, mehr aus Pflichtbewusstsein, zu einer Bandage vom Tisch und als sie Jonath wieder erreicht hatte, band sie sie achtlos über sein rechtes, verletztes Auge. Danach nahm Mor ihren Platz wieder ein, derweil ihre Zähne aufeinander malmten, ein Zeichen ihrer bestehenden Anspannung und Gefühle, die sie kaum verbergen konnte.
Ich habe dich nie geliebt.
Eine Weile saß sie stirnrunzelnd da und starrte lediglich den steinernen Boden des Balkons an, ehe sie sich langsam erhob, sich mit den Händen auf der hölzernen Brüstung abstützte. War also alles nur eine Lüge? Vielleicht...
Ja, so musste es doch sein. So und nicht anders. Eidbrüchiger, Wortbrüchiger, Lügner...
Zischend zog sie die nasskalte Luft, die kommenden Schneeregen ankündigte, ein, ehe sie mit einem leisen Knurren eines der Windlichter ruppig hinabwischte, so dass es ein Stockwerk tiefer hörbar am Boden zerschellte. Dampfwolken stiegen vor ihrem Mund auf, während sie tief durchatmete, die MIene vor lodernden Hass verzogen.
Es musste einfach so sein.
Und damit begann langsam etwas in ihr zu sterben...
-
Tharon Anastra
Einige Tage war es her, das die doch recht überraschende Nachricht ihn erreichte, es wären zwei ehemalige Greifen in die Zellen des Kerkers gesperrt worden. Seit wie vielen Mondläufen hatte er angenommen, sie wären auf immer aus diesen Landen verschwunden? Sechs? Acht?
Es spielte jedoch keine Rolle. Sie waren zurück und des Eidbruchs angeklagt. Eidbruch... Er wiederholte das Wort noch einmal und schüttelte den Kopf. Sie hatten weit mehr verbrochen als den Eid an seiner Heiligkeit, zu deren Haustruppen sie seinerzeit erhoben worden waren.
Nur wenige Wochen nachdem er die für ihn fremden Gestade betreten hatte, einen Ort an dem so manches sich als wahr erwies, von dem er zuvor nur in Gerüchten gehört hatte. Hier traf er damals die Drei. Jonath, Cregan und Bronn. Ivan sollte er erst etwas später kennenlernen, wie er auch Morgen nur einmal erblickte und ebenso Mor nur wenige Male im Lager zu finden war. Ein stolzes Banner, in der Tat...
Letzten Endes fühlte er sich ihnen dennoch verbunden, waren sie zumindest teilweise ähnlich wie er, Söldner und Krieger. Nichts anderes hatte er damals kennengelernt und nahm am Abend seines Beitritts mit Ivan an, das es auch so bleiben sollte. Doch weit gefehlt.
Immer wieder ging er seinen Gedanken nach, welche die Erinnerungen recht gut bewahrt hatte und sie nun offenbarten. Sie waren damals ebenso erstaunt wie auch er, als der Tempel ihm die Möglichkeit gab, sich zu beweisen, sich vor den Augen des Einen zu beweisen.
Und doch... Das Banner war alles andere als eine Gruppe Gläubiger. Sie hatten sich das heilige Reich ausgesucht, weil sie woanders den Tod gefunden hätten. War das wirklich ihre Vorstellung von "Ruhm und Ehre" ? Bis heute hatte er keine Antwort darauf aber es war auch nicht mehr von Interesse. Er hatte es selber erlebt, wie sie nicht in der Lage waren, die kleinsten Dinge zu erfüllen. Wie oft waren sie auf irgendwelchen fragwürdigen Grenzritten über Wochen, fast Monate? Auch wenn er noch nicht lange zu der Zeit in den Landen weilte, so wußte er jedoch, daß das Heilige Reich nicht SO groß war. Wer weiß, vielleicht hatten sie damals ja sogar schon die Grundsteine für ihren Verrat gelegt?
Überraschend war es damals dann jedoch, als Jonath ihn noch ansprach, die geistige Führung zu übernehmen, sie im Glauben zu leiten, so wie er sie im Kampf leiten wollte. Zugegeben, es war naheliegend, den erst vor kurzem zum Vicarius geweihten Templer eben diese Aufgabe anzutragen. Und damals, welch ein Narr er doch war, hatte er sich wirklich gedacht, er könne die Greifen, welche sich stets alles so zurechtlegten, wie sie wollten, auf den rechten Glaubensweg bringen. Ein Ziel welches so unmöglich zu erreichen war, wie einen Paladin der Weltenhure Gottlos zu bekommen.
Denn weniger war es der Umstand, das er nicht wollte. Eher war es eine unmögliche Aufgabe, war das Lager fast zu jeder Zeit leer und verlassen. Sie hielten zudem an ihrer seltsamen Personenvergötterung fest, an ihrem ... Tharon mußte überlegen... Grauwolf oder wie sie ihn nannten. Ein in der Stille seines Arbeitszimmers spöttischer Ausdruck huschte über seine Züge. Nicht einmal jene Geschichte hatten sie in den Monaten seiner Zugehörigkeit geschafft, zu erzählen. Cregan hatte damit einmal angefangen, aber sie kam nie zu einem Ende.
Doch war dies wohl kaum genug der Ironie, des Spotts den sie tagtäglich auslebten sobald es um das Banner und den Glauben ging, ja gar um das Reich. Sie schmückten sich mit ihrer Selbstverliebtheit, weil der Alka sie zu seiner Haustruppe gemacht hatte. Und was hat es eingebracht? Erneut mußte Tharon den Kopf schütteln. Es hatte nur dafür gesorgt, das sie selbst für einen Besuch im Tempel nicht in der Lage waren, richtige Entscheidungen zu treffen. So war es vielleicht schon damals der Wille des All-Einzigen gewesen, die beiden anderen Greifen unter dem Feuer und den Klingen der Streiter Temoras fallen und verbrennen zu lassen.
Verdient hatten sie es, und sei es "nur", um den Rest des Banners auf den Weg der Rachsucht und des Hasses zu führen. Weg von diesen nutzlosen Eigenschaften wie Ehre, Achtung und der Suche nach Ruhm. Doch waren seine eigenen Einblicke damals noch nicht tief genug gewesen, hatte er nur zuwenig verstanden. Doch genau dies sind auch die Lehren, und er sah sie darin bestätigt. Nicht ohne Grund sollte den Höheren vertraut werden.
Doch bot sich die Spitze der Arroganz in jenen Tagen, als Knappin Mertas im Beisein von Tharon Cregan und Jonath anbot, ihre Klinge an die Seite der Greifen zu stellen und die Streiter zu jagen, ihnen zu helfen Rache zu nehmen. Sie gehörte damit zu den wenigen, die auch bereit war, etwas zu unternehmen. Doch in seiner Überheblichkeit wurde jenes Angebot ausgeschlagen mit überheblichen Worten. Worten die aufzeigten, wie wichtig sich Jonath damals nahm.
Nach einer Weile schüttelte er nur den Kopf. Auch die Unterhaltung, wenn man sie so nennen wollte, hatte nichts gebracht, daß das Gefühl des Verabscheuens hätte mildern können. An sich gab es nur eine Strafe für all dieses Versagen, doch war ihnen der Eine zumindest in dieser Weise gnädig, hatte er doch erst vor kurzem das Amt als Richter des Reiches abgelegt. So konnte sie nur etwas erwarten, das harmloser war als alles, was er ihnen hätte zukommen lassen.
Sie hatten versagt, ihre Augen, Ohren und ihren Geist verschlossen. Das Beste an das er sich zu erinnern mochte war noch zu den mehr als seltenen Gelegenheiten der Krug Wein am Lagerfeuer. Aber mehr gab es kaum. Und eben dies war die Grundlage für das spätere Versagen. Sie gaben sich allem hin, nur nicht dem, was wichtig gewesen wäre. Also verdienten sie auch keine Nachsicht, hatte ihr Verhalten dazu beigetragen, das die Grenzen nicht beschützt, der Alka nicht gewarnt worden war. Er gönnte ihnen den Tod, war es letzten Endes das Einzige, was sie verdienten.
Doch erst am Tage der Strafe sollte er dann erfahren, daß selbst ein Ahad Gnade zeigen kann und ihnen ihr wertloses Leben ließ. Er ahnte jedoch während all der Stunden, daß damit noch lange nicht alles zu Ende war. Und wer weiß, vielleicht würden sie ja die Dummheit begehen und sich sogar gegen ihn stellen. Doch würden sie dann keine Gnade mehr erfahren, nur die Macht des Hasses und des Zorns, welcher stets leise in ihm brannte gegen alles, was nicht dem rechten Weg folgte.
Seine Gedanken beendend, wandte er sich dann jedoch wieder seine Aufgabe zu, doch mochte der Blick wenig Gutes verheißen, als er über einige Notizen wanderte.
Es spielte jedoch keine Rolle. Sie waren zurück und des Eidbruchs angeklagt. Eidbruch... Er wiederholte das Wort noch einmal und schüttelte den Kopf. Sie hatten weit mehr verbrochen als den Eid an seiner Heiligkeit, zu deren Haustruppen sie seinerzeit erhoben worden waren.
Nur wenige Wochen nachdem er die für ihn fremden Gestade betreten hatte, einen Ort an dem so manches sich als wahr erwies, von dem er zuvor nur in Gerüchten gehört hatte. Hier traf er damals die Drei. Jonath, Cregan und Bronn. Ivan sollte er erst etwas später kennenlernen, wie er auch Morgen nur einmal erblickte und ebenso Mor nur wenige Male im Lager zu finden war. Ein stolzes Banner, in der Tat...
Letzten Endes fühlte er sich ihnen dennoch verbunden, waren sie zumindest teilweise ähnlich wie er, Söldner und Krieger. Nichts anderes hatte er damals kennengelernt und nahm am Abend seines Beitritts mit Ivan an, das es auch so bleiben sollte. Doch weit gefehlt.
Immer wieder ging er seinen Gedanken nach, welche die Erinnerungen recht gut bewahrt hatte und sie nun offenbarten. Sie waren damals ebenso erstaunt wie auch er, als der Tempel ihm die Möglichkeit gab, sich zu beweisen, sich vor den Augen des Einen zu beweisen.
Und doch... Das Banner war alles andere als eine Gruppe Gläubiger. Sie hatten sich das heilige Reich ausgesucht, weil sie woanders den Tod gefunden hätten. War das wirklich ihre Vorstellung von "Ruhm und Ehre" ? Bis heute hatte er keine Antwort darauf aber es war auch nicht mehr von Interesse. Er hatte es selber erlebt, wie sie nicht in der Lage waren, die kleinsten Dinge zu erfüllen. Wie oft waren sie auf irgendwelchen fragwürdigen Grenzritten über Wochen, fast Monate? Auch wenn er noch nicht lange zu der Zeit in den Landen weilte, so wußte er jedoch, daß das Heilige Reich nicht SO groß war. Wer weiß, vielleicht hatten sie damals ja sogar schon die Grundsteine für ihren Verrat gelegt?
Überraschend war es damals dann jedoch, als Jonath ihn noch ansprach, die geistige Führung zu übernehmen, sie im Glauben zu leiten, so wie er sie im Kampf leiten wollte. Zugegeben, es war naheliegend, den erst vor kurzem zum Vicarius geweihten Templer eben diese Aufgabe anzutragen. Und damals, welch ein Narr er doch war, hatte er sich wirklich gedacht, er könne die Greifen, welche sich stets alles so zurechtlegten, wie sie wollten, auf den rechten Glaubensweg bringen. Ein Ziel welches so unmöglich zu erreichen war, wie einen Paladin der Weltenhure Gottlos zu bekommen.
Denn weniger war es der Umstand, das er nicht wollte. Eher war es eine unmögliche Aufgabe, war das Lager fast zu jeder Zeit leer und verlassen. Sie hielten zudem an ihrer seltsamen Personenvergötterung fest, an ihrem ... Tharon mußte überlegen... Grauwolf oder wie sie ihn nannten. Ein in der Stille seines Arbeitszimmers spöttischer Ausdruck huschte über seine Züge. Nicht einmal jene Geschichte hatten sie in den Monaten seiner Zugehörigkeit geschafft, zu erzählen. Cregan hatte damit einmal angefangen, aber sie kam nie zu einem Ende.
Doch war dies wohl kaum genug der Ironie, des Spotts den sie tagtäglich auslebten sobald es um das Banner und den Glauben ging, ja gar um das Reich. Sie schmückten sich mit ihrer Selbstverliebtheit, weil der Alka sie zu seiner Haustruppe gemacht hatte. Und was hat es eingebracht? Erneut mußte Tharon den Kopf schütteln. Es hatte nur dafür gesorgt, das sie selbst für einen Besuch im Tempel nicht in der Lage waren, richtige Entscheidungen zu treffen. So war es vielleicht schon damals der Wille des All-Einzigen gewesen, die beiden anderen Greifen unter dem Feuer und den Klingen der Streiter Temoras fallen und verbrennen zu lassen.
Verdient hatten sie es, und sei es "nur", um den Rest des Banners auf den Weg der Rachsucht und des Hasses zu führen. Weg von diesen nutzlosen Eigenschaften wie Ehre, Achtung und der Suche nach Ruhm. Doch waren seine eigenen Einblicke damals noch nicht tief genug gewesen, hatte er nur zuwenig verstanden. Doch genau dies sind auch die Lehren, und er sah sie darin bestätigt. Nicht ohne Grund sollte den Höheren vertraut werden.
Doch bot sich die Spitze der Arroganz in jenen Tagen, als Knappin Mertas im Beisein von Tharon Cregan und Jonath anbot, ihre Klinge an die Seite der Greifen zu stellen und die Streiter zu jagen, ihnen zu helfen Rache zu nehmen. Sie gehörte damit zu den wenigen, die auch bereit war, etwas zu unternehmen. Doch in seiner Überheblichkeit wurde jenes Angebot ausgeschlagen mit überheblichen Worten. Worten die aufzeigten, wie wichtig sich Jonath damals nahm.
Nach einer Weile schüttelte er nur den Kopf. Auch die Unterhaltung, wenn man sie so nennen wollte, hatte nichts gebracht, daß das Gefühl des Verabscheuens hätte mildern können. An sich gab es nur eine Strafe für all dieses Versagen, doch war ihnen der Eine zumindest in dieser Weise gnädig, hatte er doch erst vor kurzem das Amt als Richter des Reiches abgelegt. So konnte sie nur etwas erwarten, das harmloser war als alles, was er ihnen hätte zukommen lassen.
Sie hatten versagt, ihre Augen, Ohren und ihren Geist verschlossen. Das Beste an das er sich zu erinnern mochte war noch zu den mehr als seltenen Gelegenheiten der Krug Wein am Lagerfeuer. Aber mehr gab es kaum. Und eben dies war die Grundlage für das spätere Versagen. Sie gaben sich allem hin, nur nicht dem, was wichtig gewesen wäre. Also verdienten sie auch keine Nachsicht, hatte ihr Verhalten dazu beigetragen, das die Grenzen nicht beschützt, der Alka nicht gewarnt worden war. Er gönnte ihnen den Tod, war es letzten Endes das Einzige, was sie verdienten.
Doch erst am Tage der Strafe sollte er dann erfahren, daß selbst ein Ahad Gnade zeigen kann und ihnen ihr wertloses Leben ließ. Er ahnte jedoch während all der Stunden, daß damit noch lange nicht alles zu Ende war. Und wer weiß, vielleicht würden sie ja die Dummheit begehen und sich sogar gegen ihn stellen. Doch würden sie dann keine Gnade mehr erfahren, nur die Macht des Hasses und des Zorns, welcher stets leise in ihm brannte gegen alles, was nicht dem rechten Weg folgte.
Seine Gedanken beendend, wandte er sich dann jedoch wieder seine Aufgabe zu, doch mochte der Blick wenig Gutes verheißen, als er über einige Notizen wanderte.