Endlich kannte sie die Antwort.
Es war eine tiefgründige Frage, so alt wie ihr Volk. Voll Mysterien und einer Unzahl an unterschiedlichen Entgegnungen. Warum waren Menschen so enervierend? Warum erweckte ihre Präsenz den stetig wachsenden Drang, der nächsten Waffe habhaft zu werden und das Ende zu beschleunigen? Sie hatte häufig genug darüber sinniert. Es mochte am geistigen Durchschnitt liegen, der sich knapp oberhalb eines Hundes befand – manchmal treuherzig, manchmal nur ein bissiges Miststück. Oder an ihrer Beharrlichkeit, sich selbst zu belügen. Aber es war viel einfacher. So simpel, dass sie sich fragte, wie es ihr all diese Dekaden entgehen konnte.
Sie waren überall.
Überall! Man konnte ihnen nicht entgehen, so sehr man es auch versuchte. Sie übervölkerten Städte, trieben sich in ihren heiß geliebten Wäldern und Wiesen herum. Sie füllten ihre Zellen, breiteten sich selbst in die Gefilde ihres Volkes aus. Und selbst, wenn sie Entspannung suchte, diese wohltuende Stille die eintrat, wenn Krathors Maul sich über eine der Höhlen senkte – selbst dann war sie nicht alleine. Mit leiser Wehmut dachte sie an jenes Geräusch, das sie manches Mal zu hören glaubte wenn der letzte Laut verstummte, um sie nichts mehr als Zerstörung existierte. Seine Stimme, klarer und wohltönender als je zuvor. So allumfassend, so ekstatisch. Aber nein. Ihr war dieser Augenblick nicht vergönnt, nicht in diesen Tagen.
Ein Geräusch, vertraut und deutlich zu vernehmen in den düsteren Hallen der verfallenen Krypta. Metall auf Stein, das Scharren einer schweren Rüstung. Ein Mensch. Und ein vorlauter dazu, wie der folgende verbale Schlagabtausch verriet. Es versüßte ihr die Störung, weckte sogar ihr Interesse. Es war ein Spiel, ein Tanz. Und jeder Zug verriet etwas über ihn, schob ihn weiter auf ihre kleine Falle zu. Ja, es war ein ungleicher Kampf gewesen. Aber wenn seine Zunge ihm nicht ein vorzeitiges Grab schaufelte, konnte er mehr werden als nur ein kleines Spielchen. Sie würde ihn beobachten, und nie vergessen lassen, dass sie einen Teil von ihm besaß.
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Ein anderer Tag, ein anderes Geräusch. Ebenfalls eine Rüstung, ebenfalls ein Mensch. Ebenfalls vorlaut, aber weitaus gefährlicher. Ein warnendes Prickeln lief über ihren Nacken, ließ die feinen Härchen zu Berge stehen. Kein Krieger, auch wenn er einen wuchtigen Streitkolben mit sich führte. Vorsichtig, und mit der Umgebung nicht vertraut – aber seiner selbst sicher. Er roch falsch, so falsch wie die Runen und Symbole, welche er auf den zersprungenen, alten Steinboden zeichnete. Sie hatte geredet, ihm eine Geschichte erzählt deren Lüge in der Wahrheit versteckt lag. Aber tatsächlich sprach sie nur, damit auch er sprach. Etwas preisgab, das ihn hier festhielt, identifizierte. Und ihr das Gefühl nahm, sich selbst in eine Falle manövriert zu haben. Was für eine Dummheit, hier unvorsichtig zu sein, nur weil sie es für ihr Territorium hielt. Was für eine Dummheit, sich auf den Schutz des Wächterdämons zu verlassen, der an die Höhlen gebunden war.
Sein aufgesetzter Respekt war geschwunden, als er sich ihr nach dem Untergang des Unheiligen zuwandte. Und sie war nicht schnell genug, nicht vorbereitet – wie das Kaninchen vor der Schlange. Ihre Glieder erstarrten, der eigene Körper hielt sie fest. Nun meinte sie, ihn nicht nur riechen zu können. Sie konnte den Ketzer beinahe schmecken, so wie ihr Zorn auf der Zunge brannte. Zorn auf ihn, aber vor allem auf sich. Was für ein nutzloser Körper, der ihr hier den Dienst verweigerte, sich dem Willen dieses Subjekts unterwerfen ließ. Er lächelte. Und rief seine Göttin in diesem Gemäuer an, ein Akt der ihr abrupte Übelkeit bescherte. Hier...und sie konnte nichts dagegen tun. Sie stand starr, während er seinen Rückzug sicherte, mit beiläufiger Beleidigung erläuterte, warum er sie nun an diesen Ort binden würde.
Die Welt vor ihren Augen färbte sich rot. Blutig rot. Wie sehr es sie danach verlangte, sich dieser Woge hinzugeben und im Hass unter zu gehen. Aber alles was noch blieb, war kühle Ruhe, mühsam erkämpfte Disziplin. Keine Schau, nicht für einen Ketzer. Erst als er den Ort verlassen hatte, begannen ihre Ketten zu brechen. Sie wütete, zerfetzte, was in Reichweite ihrer Klinge gelangte. Tobte. Und doch..sie konnte diesen Raum nicht verlassen. Am liebsten hätte sie wie ein tollwütiges Tier nach dem unsichtbaren Band gebissen, dass sie hier hielt. Aber es half wenig – sie konnte wohl wahrnehmen das sie gehalten wurde. Aber weder ihre Kraft noch ihre Mittel reichten aus, um sich dagegen zur Wehr zu setzen. Es vergingen gefühlte Ewigkeiten, bis neuerlich Geräusche zu hören waren. Die vorsichtige Stimme eines Menschen erklang, der die Verwüstung im Inneren des Raumes irritiert besah. Es war ein harter Kampf, ihren Zorn gegen die Welt im Allgemeinen, und gegen diesen bedauernswerten Menschen, der ihre missliche Lage beobachtete, im Speziellen zu bezwingen.
Dann eine zweite Stimme. Jung, vertraut. Die Schülerin der Lethry. Ihre Rettung und zugleich ihre Nemesis. Blieb ihr denn nichts erspart? Allerdings folgte nun, wonach sie hungerte. Die junge Lethry vertiefte sich in die Disharmonie, tat, wozu ihr Volk geboren und gerüstet war – Zerstörung und Schmerz waren die Folge, dem die Freiheit folgte. Nur aus dem Schmerz, nur daraus konnte die Freiheit entspringen, diesen Leitspruch hämmerte sich die Lethra selbst in aller Eindringlichkeit in ihre Gedanken. Sie war sich nur zu gut bewusst, wie sie im Augenblick wirken mussten. Sie selbst mit dem Auftreten einer nur mühsam beherrschten Furie, die Lethry wankend und von ihrem Einsatz beinahe in die Knie gezwungen. Ein schönes Bild für den Menschenkrieger, den sie mit einer hastig ersonnenen Aufgabe versah und hoffte, dass er den Anblick rasch vergessen würde.
Ja, das schlimmste an den Menschen war ihre Allgegenwart. Als wäre es nicht ausreichend, die Belange einer Stadt zu verfolgen, die sich auf Messers Schneide bewegte. Nicht genug, einen Schritt aus ihren eigenen Grenzen zu wagen. Nicht genug, sich Träumen ausgesetzt zu sehen, die sie in tiefe Unruhe stürzten. Menschen, überall Menschen. Die Ursache, der Anfang und das Ende – und vom Ende träumte die Lethra nun.