Heilende Hände - schweigende Zunge: Luuanna
Verfasst: Mittwoch 14. Januar 2009, 19:08
09. Alatner 250
… so findet auch dieser unangenehme Stück persönliche Geschichte doch noch den Weg in meine Notizen. Schade, dabei sollten diese Notizen eigentlich von privater Natur und dennoch unbefangener inhaltlich sein. Vermutlich lässt sich das aber schon mit meinem Dasein nicht ganz vereinbaren und immerhin verfolge ich ebenso das Ziel mich selbst, durch das Geschriebene, nochmals besser zu verstehen, ja, meiner Natur bewusst werden, denn um Anderer Körper und Seele zu heilen, sollte man wohl auch einmal kurz sich selbst beleuchtet haben. Kurz!
Nungut, Mutter des Lebensfunken, so will ich nicht zaudern und es zumindest versuchen:
Mein Name ist Luuanna Sae Tilarrah, Tochter der Anju du Maurier, ehemalige Tilarrah und leider, leider, leider ist mir noch immer nicht bekannt wer mein leiblicher Vater ist, dem ich diese Tragödie wohl irgendwie zu verdanken habe. Ionar du Maurier, der Mann der mich großzog und welchen ich heute noch der Form halber Vater nenne, ist es zumindest nicht. Alle Einwohner des Städtchens Lurem, in welchem das Herrenhaus der 'du Mauriers' steht, wissen dies, weshalb mir nicht einmal der Name 'du Maurier' je zugesprochen wurde. Ich bin nicht die Tochter eines edlen Mannes, von stolzem Blute und sowohl mit Macht als auch Reichtum gesegnet, nein, ich bin ein Bastardkind, welches die zweite Frau dieses Herren, meine Mutter, schon mit in die Ehe brachte. Er nahm dies einfach so hin und heiratete diese junge Frau sofort, obwohl sie von niederem Stand war und zudem sein erstes Eheweib erst vor wenigen Monden im Kindbett verstarb, als sie ihm den dritten Sohn schenkte. Vermutlich liebte er sie sehr und doch war auch meiner Mutter nicht vergönnt, den Tag nach meiner Geburt noch ganz zu erleben. Vater gibt noch heute der alten Hebamme und dem Heiler die Schuld, welche ihr Leben nicht retten konnten und mich, viel zu spät, aus ihrem Leib schnitten. Unser beider Kraft war dem Ende nah, doch ich verlor so wohl nur meine Stimme, Mutter ihr Leben. In Gedenken und Liebe zu ihr, zog Vater mich groß und sah zu, dass es mir auch an nichts fehlte, was Bildung und Komfort betraf. Zuneigung schenkte er hingegen weder mir, noch seinen leiblichen Kindern in ausreichender Menge, schien seine Zeit doch so knapp, dass ich in meiner Kindheit Tage hatte, in welchen ich mich schwer tat sein Gesicht vor dem inneren Auge zu beschwören. Ich kann ihm dies nicht verübeln, verlor er doch zweimal die Lebensliebe und selbst seine jetzige Gespielin ist ihm nicht viel mehr, als ein warmer Körper, welchen er betten, wohl aber nie ehelichen wird – ein hartes Los für beide!
Im Gegensatz zu seinen Söhnen aber gab mir seine Geliebte nie die Schuld an dem Verhalten des Hausherren, nein, sie bemitleidete mich wohl eher, statt dass sie in mir den Urquell des Bösen sehen wollte. Anders regeln dies meine drei Ziehbrüder!
Ionimar, der Jüngste, zu dem mich nur etwas mehr als ein Jahr trennt, spielte mit mir in Kindertagen, doch nun blickt er mich mit unverholener Verachtung an, wenn er mich überhaupt sieht, denn seit drei Jahren ist er kaum noch im Hause und macht sich eine Art Sport daraus, jede Magd und junge Dame der Stadt irgendwann einmal zu betten.
Ionatin war mir stets der Liebste der Drei, da er mich nie mit Hass betrachtete, sondern stets mit einem schmerzlichen Hauch von Wehmut und Mitleid. Er war freundlich und sanft zu mir, obwohl er in seiner Melancholie allgemein eine derart hohe Mauer aufbaute, durch welche niemand bisher stoßen konnte. Leider ist es so auch mir bis heute nicht geglückt diese hässliche Distanz zu überwinden und selbst eher kleine Schritte von ihm fort machte. Eine traurige Entwicklung, doch manchmal verhalten Menschen sich seltsam, wissen dies und ändern dennoch wenig daran.
Bleibt der Älteste, Ioneval...
Ich wünschte sehr, ich könnte diesen Mann irgendwie innerhalb meines Lebens ausblenden und vergessen, einfach vergessen, was all die Jahre passierte und uns auseinander riss und gleichzeitig grausam noch heute verbindet.
Nun, im Grunde ist es einfach zu erklären: Er hasst mich und lässt es mich spüren!
Dies schließt sowohl die geistige, als auch körperliche Ebene ein. Ich kann mich an abertausende, boshaft und bewusst verletzend gesprochene Worte erinnern und jene mit abertausend blauen Flecken oder kleineren Wunden aufwiegen. Nie hat er mich ein derart großes Leid angetan, dass es auffällig wurde oder ich wirklich in Gefahr schwebte. Wer sieht es, wenn man an den Haaren durchs Zimmer gezerrt wird, wer bemerkt Hämatome an den Rippen oder aufgeschlagene Knie? Meine Kleider waren stets lang genug und schreien konnte ich nur innerlich.
Sicher, ich hätte mich an meine Mitmenschen wenden können, doch an wen? Mein jüngster Bruder wurde mir fremd, der nächste wollte keine derartige Nähe, mein Vater war kaum zugegen und die Mägde oder Burschen hätten sich nicht getraut gegen den Erben des Hauses vorzugehen. Oh, und wie ich sie verstehe, ich traute mich ja auch nicht und blieb lieber alleine, ja alleine bis...
Lorie
Gezwungenermaßen still und stumm stand das sechsjährige Mädchen am Fenster und drückte die Nase am dicken Glas platt, während die Finger bebend nach etwas griffen, was da im Atriumhof des alten, mächtigen Herrenhauses zu sehen war. Die sanften Abendstrahlen den spätsommerlichen Sonne fielen direkt in die Mitte des Hofplatzes und schienen die dort versammelte Truppe regelrecht zu beleuchten. Doch das Mädchen interessierte sich wenig für die marionettenhaften Diener mit dem ewig gleichen Lächeln oder für den hochgewachsenen, hageren Mann im feinen Samtrock, welchen sie noch immer Vater nannte. Auch die drei Jungen, welche in steifer Haltung etwas hinter ihm posierten und das selbe sandfarbene Haar wie „Vater“ hatten, waren längst nicht Blickfang, oh nein. Für gewöhnlich hätte sie den Älteren und Hübschesten der Drei mit ängstlichen Argusaugen verfolgt, doch selbst ihr tagtäglicher Peiniger war an jenem Tag nicht so spannend, wie das kleine Wesen hinter dem eigentlichen Besucher, ein ordentlicher aber gewöhnlicher junger Mann. Das zarte Ding konnte kaum älter als fünf Jahre alt sein und das weiche Gesicht, sowie das lange, dunkle Haar zeichneten es als ein kleines Mädchen aus. Ein Mädchen in etwa ihrem Alter also! Das Herz schlug höher und mit Sehnsucht verfolgte das junge Fräulein im Hause jede Bewegung der möglichen Spielgefährtin. Entzückt und erstaunt stellte sie fest, dass sich die Besucherin so völlig unbefangen und neugierig verhielt, als habe man ihr angeboten in einem Schlaraffenland einfach alles zu probieren, was ihr so in den Sinn käme. Ein herber Gegensatz bildete sich so zu den starren Erwachsenen und den nicht minder steifen, unterkühlten Knaben. Es erschien der Betrachterin fast ein wenig so, als würde der Sonnenstrahl explizit die Gestalt des kleinen Kindes erhellen.
Traurig realisierte sie in ihrem Sehnen dann aber, dass man sie nicht gebeten hatte, den Besuch mit zu empfangen, war sie doch ein Teil der Familie und gleichzeitig etwas ganz anderes. Ein wehmütiger, tonloser Seufzer wich ihren runden Kinderlippen und verbittert fragte das kleine Fräulein im stummen Dialoge die einzige Mutter, die sie je kannte und zu lieben gelernt hatte, die Allmutter der Schöpfung, ob es ihr denn je gegönnt werden würde, ein einziges Mal wenigstens in den verrinnenden Tagen der Kindheit, mit einem anderen Mädchen, ja einem Mädchen genau wie diesem dort im Hofe, fröhlich und frei einen Nachmittag zu spielen.
Ja und dann geschah das Wunder.
Das Kind im Hofe hob den Kopf, als könne es den sehnsüchtigen Blick der Anderen spüren und für den Moment eines Herzschlages starrten die kleinen Mädchen einander stumm an, dann hob die Kleine im Freien den rechten Arm und begann der Betrachterin fröhlich lachend zuzuwinken.
Deren Herz schlug nun bis zum Halse und mit zittrigen Händen erwiderte sie die Geste.
Als nun auch recht rasch die anderen Blicke, die der Erwachsenen und der Knaben, das Mädchen am Fenster erspähten, fürchtete sie um das Schlimmste. Ärger, Schimpf, Schande und bestimmt auch Schläge würden ihr sicherlich drohen... doch die Zeit des Wunders war noch nicht um.
Das kleine Mädchen im Hof begann rasch etwas zu sprechen, zu fragen und wild zupfte sie am Gehrock des Gastgebers. Jener Mann, „Vater“, blickte zu seiner Tochter am Fenster still auf, dann aber verzog sich das strenge, ernste Gesicht zu einem kurzen, warmen Lächeln, welches selbst die grünlichen Augen erstrahlen ließ und mit Nachdruck winkte er das Mädchen am Fenster zu sich.
Sie flog förmlich die Treppen herab, stieß die schwere Haustür mit der ganzen Kraft einer Sechsjährigen wuchtig auf und stolperte eilends ihrem „Vater“ und den Ziehbrüdern entgegen. Vielleicht würde nun erst die Schelte über sie hereinbrechen.
Ängstlich und plötzlich beschämt wollte sie den Blick senken, doch glitt dieser kurz über das fremde Mädchen, welches ihr so munter entgegen lachte, dass sie gar nicht anders konnte, als diese mit großen Augen der Verwunderung anzustarren.
„Luuanna, mein Kind, dies ist dein Onkel und deine Base seitens der Erblinie deiner Mutter...“, begann ihr Vater mit feierlichem Tone. Die Angesprochene hatte nur Augen für das andere Mädchen, ihre Base also.
Plötzlich machte das Mädchen einen Satz auf Luuanna zu und schloss sie so plötzlich in die Arme, dass sie nicht einmal recht reagieren konnte und die Umarmung verwirrt blinzelnd geschehen ließ.
„Ich bin Lorie“, wisperte eine helle Kinderstimme da in ihr Ohr, „lass uns Freunde sein.“
Und als sich nun auch ein Lächeln auf Luuannas Zügen breit machte, betete sie zugleich inständig zur Allmutter der Schöpfung, dankte ihr und flehte inständig, dass es sich bei dieser wundersamen Begegnung nicht nur um einen kindlichen Wunschtraum handeln möge.
… so findet auch dieser unangenehme Stück persönliche Geschichte doch noch den Weg in meine Notizen. Schade, dabei sollten diese Notizen eigentlich von privater Natur und dennoch unbefangener inhaltlich sein. Vermutlich lässt sich das aber schon mit meinem Dasein nicht ganz vereinbaren und immerhin verfolge ich ebenso das Ziel mich selbst, durch das Geschriebene, nochmals besser zu verstehen, ja, meiner Natur bewusst werden, denn um Anderer Körper und Seele zu heilen, sollte man wohl auch einmal kurz sich selbst beleuchtet haben. Kurz!
Nungut, Mutter des Lebensfunken, so will ich nicht zaudern und es zumindest versuchen:
Mein Name ist Luuanna Sae Tilarrah, Tochter der Anju du Maurier, ehemalige Tilarrah und leider, leider, leider ist mir noch immer nicht bekannt wer mein leiblicher Vater ist, dem ich diese Tragödie wohl irgendwie zu verdanken habe. Ionar du Maurier, der Mann der mich großzog und welchen ich heute noch der Form halber Vater nenne, ist es zumindest nicht. Alle Einwohner des Städtchens Lurem, in welchem das Herrenhaus der 'du Mauriers' steht, wissen dies, weshalb mir nicht einmal der Name 'du Maurier' je zugesprochen wurde. Ich bin nicht die Tochter eines edlen Mannes, von stolzem Blute und sowohl mit Macht als auch Reichtum gesegnet, nein, ich bin ein Bastardkind, welches die zweite Frau dieses Herren, meine Mutter, schon mit in die Ehe brachte. Er nahm dies einfach so hin und heiratete diese junge Frau sofort, obwohl sie von niederem Stand war und zudem sein erstes Eheweib erst vor wenigen Monden im Kindbett verstarb, als sie ihm den dritten Sohn schenkte. Vermutlich liebte er sie sehr und doch war auch meiner Mutter nicht vergönnt, den Tag nach meiner Geburt noch ganz zu erleben. Vater gibt noch heute der alten Hebamme und dem Heiler die Schuld, welche ihr Leben nicht retten konnten und mich, viel zu spät, aus ihrem Leib schnitten. Unser beider Kraft war dem Ende nah, doch ich verlor so wohl nur meine Stimme, Mutter ihr Leben. In Gedenken und Liebe zu ihr, zog Vater mich groß und sah zu, dass es mir auch an nichts fehlte, was Bildung und Komfort betraf. Zuneigung schenkte er hingegen weder mir, noch seinen leiblichen Kindern in ausreichender Menge, schien seine Zeit doch so knapp, dass ich in meiner Kindheit Tage hatte, in welchen ich mich schwer tat sein Gesicht vor dem inneren Auge zu beschwören. Ich kann ihm dies nicht verübeln, verlor er doch zweimal die Lebensliebe und selbst seine jetzige Gespielin ist ihm nicht viel mehr, als ein warmer Körper, welchen er betten, wohl aber nie ehelichen wird – ein hartes Los für beide!
Im Gegensatz zu seinen Söhnen aber gab mir seine Geliebte nie die Schuld an dem Verhalten des Hausherren, nein, sie bemitleidete mich wohl eher, statt dass sie in mir den Urquell des Bösen sehen wollte. Anders regeln dies meine drei Ziehbrüder!
Ionimar, der Jüngste, zu dem mich nur etwas mehr als ein Jahr trennt, spielte mit mir in Kindertagen, doch nun blickt er mich mit unverholener Verachtung an, wenn er mich überhaupt sieht, denn seit drei Jahren ist er kaum noch im Hause und macht sich eine Art Sport daraus, jede Magd und junge Dame der Stadt irgendwann einmal zu betten.
Ionatin war mir stets der Liebste der Drei, da er mich nie mit Hass betrachtete, sondern stets mit einem schmerzlichen Hauch von Wehmut und Mitleid. Er war freundlich und sanft zu mir, obwohl er in seiner Melancholie allgemein eine derart hohe Mauer aufbaute, durch welche niemand bisher stoßen konnte. Leider ist es so auch mir bis heute nicht geglückt diese hässliche Distanz zu überwinden und selbst eher kleine Schritte von ihm fort machte. Eine traurige Entwicklung, doch manchmal verhalten Menschen sich seltsam, wissen dies und ändern dennoch wenig daran.
Bleibt der Älteste, Ioneval...
Ich wünschte sehr, ich könnte diesen Mann irgendwie innerhalb meines Lebens ausblenden und vergessen, einfach vergessen, was all die Jahre passierte und uns auseinander riss und gleichzeitig grausam noch heute verbindet.
Nun, im Grunde ist es einfach zu erklären: Er hasst mich und lässt es mich spüren!
Dies schließt sowohl die geistige, als auch körperliche Ebene ein. Ich kann mich an abertausende, boshaft und bewusst verletzend gesprochene Worte erinnern und jene mit abertausend blauen Flecken oder kleineren Wunden aufwiegen. Nie hat er mich ein derart großes Leid angetan, dass es auffällig wurde oder ich wirklich in Gefahr schwebte. Wer sieht es, wenn man an den Haaren durchs Zimmer gezerrt wird, wer bemerkt Hämatome an den Rippen oder aufgeschlagene Knie? Meine Kleider waren stets lang genug und schreien konnte ich nur innerlich.
Sicher, ich hätte mich an meine Mitmenschen wenden können, doch an wen? Mein jüngster Bruder wurde mir fremd, der nächste wollte keine derartige Nähe, mein Vater war kaum zugegen und die Mägde oder Burschen hätten sich nicht getraut gegen den Erben des Hauses vorzugehen. Oh, und wie ich sie verstehe, ich traute mich ja auch nicht und blieb lieber alleine, ja alleine bis...
Lorie
Gezwungenermaßen still und stumm stand das sechsjährige Mädchen am Fenster und drückte die Nase am dicken Glas platt, während die Finger bebend nach etwas griffen, was da im Atriumhof des alten, mächtigen Herrenhauses zu sehen war. Die sanften Abendstrahlen den spätsommerlichen Sonne fielen direkt in die Mitte des Hofplatzes und schienen die dort versammelte Truppe regelrecht zu beleuchten. Doch das Mädchen interessierte sich wenig für die marionettenhaften Diener mit dem ewig gleichen Lächeln oder für den hochgewachsenen, hageren Mann im feinen Samtrock, welchen sie noch immer Vater nannte. Auch die drei Jungen, welche in steifer Haltung etwas hinter ihm posierten und das selbe sandfarbene Haar wie „Vater“ hatten, waren längst nicht Blickfang, oh nein. Für gewöhnlich hätte sie den Älteren und Hübschesten der Drei mit ängstlichen Argusaugen verfolgt, doch selbst ihr tagtäglicher Peiniger war an jenem Tag nicht so spannend, wie das kleine Wesen hinter dem eigentlichen Besucher, ein ordentlicher aber gewöhnlicher junger Mann. Das zarte Ding konnte kaum älter als fünf Jahre alt sein und das weiche Gesicht, sowie das lange, dunkle Haar zeichneten es als ein kleines Mädchen aus. Ein Mädchen in etwa ihrem Alter also! Das Herz schlug höher und mit Sehnsucht verfolgte das junge Fräulein im Hause jede Bewegung der möglichen Spielgefährtin. Entzückt und erstaunt stellte sie fest, dass sich die Besucherin so völlig unbefangen und neugierig verhielt, als habe man ihr angeboten in einem Schlaraffenland einfach alles zu probieren, was ihr so in den Sinn käme. Ein herber Gegensatz bildete sich so zu den starren Erwachsenen und den nicht minder steifen, unterkühlten Knaben. Es erschien der Betrachterin fast ein wenig so, als würde der Sonnenstrahl explizit die Gestalt des kleinen Kindes erhellen.
Traurig realisierte sie in ihrem Sehnen dann aber, dass man sie nicht gebeten hatte, den Besuch mit zu empfangen, war sie doch ein Teil der Familie und gleichzeitig etwas ganz anderes. Ein wehmütiger, tonloser Seufzer wich ihren runden Kinderlippen und verbittert fragte das kleine Fräulein im stummen Dialoge die einzige Mutter, die sie je kannte und zu lieben gelernt hatte, die Allmutter der Schöpfung, ob es ihr denn je gegönnt werden würde, ein einziges Mal wenigstens in den verrinnenden Tagen der Kindheit, mit einem anderen Mädchen, ja einem Mädchen genau wie diesem dort im Hofe, fröhlich und frei einen Nachmittag zu spielen.
Ja und dann geschah das Wunder.
Das Kind im Hofe hob den Kopf, als könne es den sehnsüchtigen Blick der Anderen spüren und für den Moment eines Herzschlages starrten die kleinen Mädchen einander stumm an, dann hob die Kleine im Freien den rechten Arm und begann der Betrachterin fröhlich lachend zuzuwinken.
Deren Herz schlug nun bis zum Halse und mit zittrigen Händen erwiderte sie die Geste.
Als nun auch recht rasch die anderen Blicke, die der Erwachsenen und der Knaben, das Mädchen am Fenster erspähten, fürchtete sie um das Schlimmste. Ärger, Schimpf, Schande und bestimmt auch Schläge würden ihr sicherlich drohen... doch die Zeit des Wunders war noch nicht um.
Das kleine Mädchen im Hof begann rasch etwas zu sprechen, zu fragen und wild zupfte sie am Gehrock des Gastgebers. Jener Mann, „Vater“, blickte zu seiner Tochter am Fenster still auf, dann aber verzog sich das strenge, ernste Gesicht zu einem kurzen, warmen Lächeln, welches selbst die grünlichen Augen erstrahlen ließ und mit Nachdruck winkte er das Mädchen am Fenster zu sich.
Sie flog förmlich die Treppen herab, stieß die schwere Haustür mit der ganzen Kraft einer Sechsjährigen wuchtig auf und stolperte eilends ihrem „Vater“ und den Ziehbrüdern entgegen. Vielleicht würde nun erst die Schelte über sie hereinbrechen.
Ängstlich und plötzlich beschämt wollte sie den Blick senken, doch glitt dieser kurz über das fremde Mädchen, welches ihr so munter entgegen lachte, dass sie gar nicht anders konnte, als diese mit großen Augen der Verwunderung anzustarren.
„Luuanna, mein Kind, dies ist dein Onkel und deine Base seitens der Erblinie deiner Mutter...“, begann ihr Vater mit feierlichem Tone. Die Angesprochene hatte nur Augen für das andere Mädchen, ihre Base also.
Plötzlich machte das Mädchen einen Satz auf Luuanna zu und schloss sie so plötzlich in die Arme, dass sie nicht einmal recht reagieren konnte und die Umarmung verwirrt blinzelnd geschehen ließ.
„Ich bin Lorie“, wisperte eine helle Kinderstimme da in ihr Ohr, „lass uns Freunde sein.“
Und als sich nun auch ein Lächeln auf Luuannas Zügen breit machte, betete sie zugleich inständig zur Allmutter der Schöpfung, dankte ihr und flehte inständig, dass es sich bei dieser wundersamen Begegnung nicht nur um einen kindlichen Wunschtraum handeln möge.