Heilende Hände - schweigende Zunge: Luuanna

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Luuanna Tilarrah

Heilende Hände - schweigende Zunge: Luuanna

Beitrag von Luuanna Tilarrah »

09. Alatner 250

… so findet auch dieser unangenehme Stück persönliche Geschichte doch noch den Weg in meine Notizen. Schade, dabei sollten diese Notizen eigentlich von privater Natur und dennoch unbefangener inhaltlich sein. Vermutlich lässt sich das aber schon mit meinem Dasein nicht ganz vereinbaren und immerhin verfolge ich ebenso das Ziel mich selbst, durch das Geschriebene, nochmals besser zu verstehen, ja, meiner Natur bewusst werden, denn um Anderer Körper und Seele zu heilen, sollte man wohl auch einmal kurz sich selbst beleuchtet haben. Kurz!
Nungut, Mutter des Lebensfunken, so will ich nicht zaudern und es zumindest versuchen:
Mein Name ist Luuanna Sae Tilarrah, Tochter der Anju du Maurier, ehemalige Tilarrah und leider, leider, leider ist mir noch immer nicht bekannt wer mein leiblicher Vater ist, dem ich diese Tragödie wohl irgendwie zu verdanken habe. Ionar du Maurier, der Mann der mich großzog und welchen ich heute noch der Form halber Vater nenne, ist es zumindest nicht. Alle Einwohner des Städtchens Lurem, in welchem das Herrenhaus der 'du Mauriers' steht, wissen dies, weshalb mir nicht einmal der Name 'du Maurier' je zugesprochen wurde. Ich bin nicht die Tochter eines edlen Mannes, von stolzem Blute und sowohl mit Macht als auch Reichtum gesegnet, nein, ich bin ein Bastardkind, welches die zweite Frau dieses Herren, meine Mutter, schon mit in die Ehe brachte. Er nahm dies einfach so hin und heiratete diese junge Frau sofort, obwohl sie von niederem Stand war und zudem sein erstes Eheweib erst vor wenigen Monden im Kindbett verstarb, als sie ihm den dritten Sohn schenkte. Vermutlich liebte er sie sehr und doch war auch meiner Mutter nicht vergönnt, den Tag nach meiner Geburt noch ganz zu erleben. Vater gibt noch heute der alten Hebamme und dem Heiler die Schuld, welche ihr Leben nicht retten konnten und mich, viel zu spät, aus ihrem Leib schnitten. Unser beider Kraft war dem Ende nah, doch ich verlor so wohl nur meine Stimme, Mutter ihr Leben. In Gedenken und Liebe zu ihr, zog Vater mich groß und sah zu, dass es mir auch an nichts fehlte, was Bildung und Komfort betraf. Zuneigung schenkte er hingegen weder mir, noch seinen leiblichen Kindern in ausreichender Menge, schien seine Zeit doch so knapp, dass ich in meiner Kindheit Tage hatte, in welchen ich mich schwer tat sein Gesicht vor dem inneren Auge zu beschwören. Ich kann ihm dies nicht verübeln, verlor er doch zweimal die Lebensliebe und selbst seine jetzige Gespielin ist ihm nicht viel mehr, als ein warmer Körper, welchen er betten, wohl aber nie ehelichen wird – ein hartes Los für beide!
Im Gegensatz zu seinen Söhnen aber gab mir seine Geliebte nie die Schuld an dem Verhalten des Hausherren, nein, sie bemitleidete mich wohl eher, statt dass sie in mir den Urquell des Bösen sehen wollte. Anders regeln dies meine drei Ziehbrüder!
Ionimar, der Jüngste, zu dem mich nur etwas mehr als ein Jahr trennt, spielte mit mir in Kindertagen, doch nun blickt er mich mit unverholener Verachtung an, wenn er mich überhaupt sieht, denn seit drei Jahren ist er kaum noch im Hause und macht sich eine Art Sport daraus, jede Magd und junge Dame der Stadt irgendwann einmal zu betten.
Ionatin war mir stets der Liebste der Drei, da er mich nie mit Hass betrachtete, sondern stets mit einem schmerzlichen Hauch von Wehmut und Mitleid. Er war freundlich und sanft zu mir, obwohl er in seiner Melancholie allgemein eine derart hohe Mauer aufbaute, durch welche niemand bisher stoßen konnte. Leider ist es so auch mir bis heute nicht geglückt diese hässliche Distanz zu überwinden und selbst eher kleine Schritte von ihm fort machte. Eine traurige Entwicklung, doch manchmal verhalten Menschen sich seltsam, wissen dies und ändern dennoch wenig daran.
Bleibt der Älteste, Ioneval...
Ich wünschte sehr, ich könnte diesen Mann irgendwie innerhalb meines Lebens ausblenden und vergessen, einfach vergessen, was all die Jahre passierte und uns auseinander riss und gleichzeitig grausam noch heute verbindet.
Nun, im Grunde ist es einfach zu erklären: Er hasst mich und lässt es mich spüren!
Dies schließt sowohl die geistige, als auch körperliche Ebene ein. Ich kann mich an abertausende, boshaft und bewusst verletzend gesprochene Worte erinnern und jene mit abertausend blauen Flecken oder kleineren Wunden aufwiegen. Nie hat er mich ein derart großes Leid angetan, dass es auffällig wurde oder ich wirklich in Gefahr schwebte. Wer sieht es, wenn man an den Haaren durchs Zimmer gezerrt wird, wer bemerkt Hämatome an den Rippen oder aufgeschlagene Knie? Meine Kleider waren stets lang genug und schreien konnte ich nur innerlich.
Sicher, ich hätte mich an meine Mitmenschen wenden können, doch an wen? Mein jüngster Bruder wurde mir fremd, der nächste wollte keine derartige Nähe, mein Vater war kaum zugegen und die Mägde oder Burschen hätten sich nicht getraut gegen den Erben des Hauses vorzugehen. Oh, und wie ich sie verstehe, ich traute mich ja auch nicht und blieb lieber alleine, ja alleine bis...


Lorie

Gezwungenermaßen still und stumm stand das sechsjährige Mädchen am Fenster und drückte die Nase am dicken Glas platt, während die Finger bebend nach etwas griffen, was da im Atriumhof des alten, mächtigen Herrenhauses zu sehen war. Die sanften Abendstrahlen den spätsommerlichen Sonne fielen direkt in die Mitte des Hofplatzes und schienen die dort versammelte Truppe regelrecht zu beleuchten. Doch das Mädchen interessierte sich wenig für die marionettenhaften Diener mit dem ewig gleichen Lächeln oder für den hochgewachsenen, hageren Mann im feinen Samtrock, welchen sie noch immer Vater nannte. Auch die drei Jungen, welche in steifer Haltung etwas hinter ihm posierten und das selbe sandfarbene Haar wie „Vater“ hatten, waren längst nicht Blickfang, oh nein. Für gewöhnlich hätte sie den Älteren und Hübschesten der Drei mit ängstlichen Argusaugen verfolgt, doch selbst ihr tagtäglicher Peiniger war an jenem Tag nicht so spannend, wie das kleine Wesen hinter dem eigentlichen Besucher, ein ordentlicher aber gewöhnlicher junger Mann. Das zarte Ding konnte kaum älter als fünf Jahre alt sein und das weiche Gesicht, sowie das lange, dunkle Haar zeichneten es als ein kleines Mädchen aus. Ein Mädchen in etwa ihrem Alter also! Das Herz schlug höher und mit Sehnsucht verfolgte das junge Fräulein im Hause jede Bewegung der möglichen Spielgefährtin. Entzückt und erstaunt stellte sie fest, dass sich die Besucherin so völlig unbefangen und neugierig verhielt, als habe man ihr angeboten in einem Schlaraffenland einfach alles zu probieren, was ihr so in den Sinn käme. Ein herber Gegensatz bildete sich so zu den starren Erwachsenen und den nicht minder steifen, unterkühlten Knaben. Es erschien der Betrachterin fast ein wenig so, als würde der Sonnenstrahl explizit die Gestalt des kleinen Kindes erhellen.

Traurig realisierte sie in ihrem Sehnen dann aber, dass man sie nicht gebeten hatte, den Besuch mit zu empfangen, war sie doch ein Teil der Familie und gleichzeitig etwas ganz anderes. Ein wehmütiger, tonloser Seufzer wich ihren runden Kinderlippen und verbittert fragte das kleine Fräulein im stummen Dialoge die einzige Mutter, die sie je kannte und zu lieben gelernt hatte, die Allmutter der Schöpfung, ob es ihr denn je gegönnt werden würde, ein einziges Mal wenigstens in den verrinnenden Tagen der Kindheit, mit einem anderen Mädchen, ja einem Mädchen genau wie diesem dort im Hofe, fröhlich und frei einen Nachmittag zu spielen.
Ja und dann geschah das Wunder.

Das Kind im Hofe hob den Kopf, als könne es den sehnsüchtigen Blick der Anderen spüren und für den Moment eines Herzschlages starrten die kleinen Mädchen einander stumm an, dann hob die Kleine im Freien den rechten Arm und begann der Betrachterin fröhlich lachend zuzuwinken.
Deren Herz schlug nun bis zum Halse und mit zittrigen Händen erwiderte sie die Geste.
Als nun auch recht rasch die anderen Blicke, die der Erwachsenen und der Knaben, das Mädchen am Fenster erspähten, fürchtete sie um das Schlimmste. Ärger, Schimpf, Schande und bestimmt auch Schläge würden ihr sicherlich drohen... doch die Zeit des Wunders war noch nicht um.
Das kleine Mädchen im Hof begann rasch etwas zu sprechen, zu fragen und wild zupfte sie am Gehrock des Gastgebers. Jener Mann, „Vater“, blickte zu seiner Tochter am Fenster still auf, dann aber verzog sich das strenge, ernste Gesicht zu einem kurzen, warmen Lächeln, welches selbst die grünlichen Augen erstrahlen ließ und mit Nachdruck winkte er das Mädchen am Fenster zu sich.

Sie flog förmlich die Treppen herab, stieß die schwere Haustür mit der ganzen Kraft einer Sechsjährigen wuchtig auf und stolperte eilends ihrem „Vater“ und den Ziehbrüdern entgegen. Vielleicht würde nun erst die Schelte über sie hereinbrechen.
Ängstlich und plötzlich beschämt wollte sie den Blick senken, doch glitt dieser kurz über das fremde Mädchen, welches ihr so munter entgegen lachte, dass sie gar nicht anders konnte, als diese mit großen Augen der Verwunderung anzustarren.

„Luuanna, mein Kind, dies ist dein Onkel und deine Base seitens der Erblinie deiner Mutter...“, begann ihr Vater mit feierlichem Tone. Die Angesprochene hatte nur Augen für das andere Mädchen, ihre Base also.
Plötzlich machte das Mädchen einen Satz auf Luuanna zu und schloss sie so plötzlich in die Arme, dass sie nicht einmal recht reagieren konnte und die Umarmung verwirrt blinzelnd geschehen ließ.

„Ich bin Lorie“, wisperte eine helle Kinderstimme da in ihr Ohr, „lass uns Freunde sein.“

Und als sich nun auch ein Lächeln auf Luuannas Zügen breit machte, betete sie zugleich inständig zur Allmutter der Schöpfung, dankte ihr und flehte inständig, dass es sich bei dieser wundersamen Begegnung nicht nur um einen kindlichen Wunschtraum handeln möge.
Luuanna Tilarrah

Beitrag von Luuanna Tilarrah »

Wendepunkt

18. Lenzing 251

Heute habe ich den Salbei frisch angepflanzt, hat mir doch der eisige Winter mehr vernichtet, als ich hätte glauben können. Erfreulich ist jedoch, dass die Ringelblumen wieder blühen werden, denn das Salbenrezept meiner Meisterin ist ausgezeichnet und hat nicht nur meine Füße vor der Kälte geschützt. Einzig zu bemängeln wäre nur das Schweinefett , in welchem die kräftigen Blüten eingekocht werden, doch was ist das bisschen Gestank schon im Vergleich zu der Schmerzlinderung, wenn diese geschmeidige Creme dann auf rissige, gesprungene Zehen gestrichen wird? Die Mutter ist gütig und weise, kleine Opfer kann man da wohl verkraften, nicht?
Nun, vielleicht auch Größere, wenn sie einem dann den rechten Pfad weisen...


Nachdenklich marschierte Luuanna in ihrem Zimmer auf und ab, während sie ein schneeweißes, besticktes Taschentuch durch die dürren Finger gleiten ließ und diesem ab und an einen unwilligen Blick zuwarf.
Das Tuch war im Grunde ihr Werk.
Sie hatte die Seide aus der eigenen Tasche bezahlt, den Rand, selbstgefertigte Spitzen, daran mit sorgfältigen Stichen befestigt und dann kleine Ornamente mühsam ins Tuch gestickt. Dieses „Werk“ sollte ein Geschenk zu Lories zwölften Geburtstag werden und mit Freude dachte sie an die leuchtenden Augen der jüngeren Base, wenn sie ihr dieses Präsent überreichen würde. Doch noch war es nicht vollendet, noch stimmte es nicht ganz. Wieder ließ sie den zarten Stoff über die Hand gleiten und hielt dann abrupt inne.

Die Farbe! Sie war einfach noch nicht stimmig, denn würden die Stickereien noch besser hervortreten, wenn sie von dunklerer Natur wäre wie... wie... nachtblau, Lories Lieblingsfarbe!
Ihre Brauen sanken etwas herab, als sie nun darüber grübelte, wo sie denn zuletzt ein solches kräftiges, dunkles Blau gesehen hatte. Es war erst vor kurzem, sonst wäre ihr doch die Idee mit der Farbe gar nicht in den Sinn gekommen. Nachtblau... ein kräftiger Farbton in einer bauchigen Flasche. Das heftige Nachdenken brachte ihr letztendlich die Antwort und mit dieser sackten die Schultern des Mädchens herab:

Ioneval hatte sich verschiedene Blautöne in diesen dicken Flaschen aufs Zimmer bringen lassen, um sich eine passende Farbe für seinen prächtigen Jagdrock auszusuchen. Damit war dieser Plan schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt, denn wie sollte sie das Wunder vollbringen genau den Ziehbruder der Drei, welcher sie am meisten verachtete, um eine Probe der kostbaren Farbessenz zu bitten? Richtig, gar nicht, es war schlichtweg unmöglich und so würde Lories Geschenk eben unvollkommen dargeboten werden.

Allein dieser Gedanke betrübte ihr Gemüt und so begann das junge Gesicht sich zu verdunkeln und der Kopf sank etwas herab, ehe sie, wie von einer Wildwespe gestochen, plötzlich zusammen fuhr und scharf Luft einsog.
Wie vergesslich und dumm konnte ein Mensch allein denn sein?
Ioneval war heute morgen erst in die Stadt geritten, um sich passende Handschuhe und neue Stiefel fertigen zu lassen und niemand, rein gar niemand würde jetzt im Zimmer sein und die teuren Flaschen bewachen. Die Magd hatte die Betten schon kurz nach seinem Abschied am Tore frisch bezogen und die Decken aufgeschüttelt. Jetzt war der Raum menschenleer und unbewacht... frei zugängig und wem würde das Fehlen einiger Tropfen dunkelblauer Farbe schon auffallen?
Verlockend, zu verführerisch der Gedanke an das perfekte Präsent für den ihr liebsten Menschen und so dauerte es nicht lange bis Luuanna dieser Verführung nachgab und sich auf zittrigen Beinen rasch aus den eigenen Räumlichkeiten und in den Westflügel des Gebäudes, zu den Zimmern des Ziehbruders stahl.

Mit klopfendem Herzen stand sie wenige Augenblicke später im Türrahmen zu Ionevals Räumen und ließ den Blick suchend durch das vordere Zimmer schweifen. Im Hinteren würde lediglich die luxuriöse Bettstätte warten und seine Schränke voller Kleider und Bücher, wo die Flaschen nichts verloren hatten. Nein, sie waren irgendwo hier und auch wenn das schlechte Gewissen ihr nun langsam ungemütlich auf die Brust drückte, so kam es schleichend und sie zwang sich weiter ihr Ziel zu verfolgen. Welchen Sinn würde es denn jetzt auch machen einfach wieder umzudrehen um sich dann schwarz zu ärgern, weil sie wieder einmal zu feige war einen sicheren Plan auszuführen? Lorie würde sich sicher freuen... andererseits, war das nicht Diebstahl?
Weder sie noch ihre Familie oder gar Lorie würden Diebstahl gutheißen können und während nun die Gedanken sich wild überschlugen, spürte luuanna, wie ein Klos in ihrem Hals sich bildete und ein klammes, festes Gefühl ihre Brust drückte. Das schlechte Gewissen trat nun vollends in Aktion und Luuanna ahnte, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb, ehe ihre Füße ganz von selbst umdrehen und sie zum weglaufen zwingen werden würden.
Erneut den Schwanz einkneifen? Oh nein, nicht diesmal... es ging doch um Lories Geschenk!

Mit einem Ruck riss sich Luuanna von ihrem Platz am Türrahmen los und hastete stolpernd, mit zittrigen Beinen und wackeligen Knien gen Arbeitstisch. Oh, ja da standen die Flaschen, leuchteten ihr entgegen und mit ausgestreckten Armen rannte sie nun regelrecht quer durch den Raum. Doch da geschah das grässliche Malheur: die langen Fransen des Teppichs verhedderten sich in der Spitze ihres feinen Lederpantoffels und mit rudernden Bewegungen flog sie dem Tisch und dem Glas entgegen. Voller Entsetzen reagierte das junge Mädchen noch insofern geistesgegenwärtig, als dass sie den rechten Arm vor das Gesicht riss und versuchte sich mit dem Linken abzustützen. Mit einem lauten Getöse und Geklirre zerbarsten die feinen Flaschen, in welche sie fiel.
Nur für den Bruchteil einer Sekunde spürte sie einen Schmerz an der Hand, dann allerdings ließ das vollrichtete Chaos ihr das Blut in den Adern beinahe gefrieren und jegliche Schnitte an der Linken erst einmal vergessen. Vor ihr breitete sich Verwüstung und Zerstörung am Arbeitsplatz des Ältesten der Ziehbrüder aus und mit dem Scherbenhaufen nicht genug, ergoss sich nun ein Schwall aus blauen Farbtönen quer über Bücher, das edle Holz des Tisches um dann tropfend und rinnend sowohl Boden als auch den Teppich zu besudeln.

<<Nein, oh nein!>> Sie hätte diese Worte gestammelt, vielleicht auch aufgeschrien, wenn sie denn nur konnte, doch so blieb sie nur steif vor dem Chaos an Tisch und Boden stehen und ließ die Arme kraftlos sinken, während sich die Worte in ihrem Kopf immer wieder im Kreis zu drehen schienen und sie lähmend ausfüllten.

Die Schritte, welche sich ihr nun vom Treppenhaus rasch näherten überhörte sie und selbst die aufgeregten Stimmen der Mägde weckten sie nicht aus der Lethargie, erst als eine ihr allzu bekannte, schneidende Männerstimme aufzischte, riss ein Ruck sie ins Diesseits.

„Was zum... LUUANNA!“
Ioneval stand in der Türe und sein Gesicht brodelte beinahe vor Wut und Zorn. Als er einen Schritt auf sie zumachte, ahnte sie, dass nun seinen Worten Taten folgen würden und presste die Augen zusammen. Schon meinte sie die Schläge fühlen zu können, als ein entsetztes Aufkeuchen zu vernehmen war.

„Deine... deine Hand!“
Als noch immer kein Schlag auf sie einprasselte, öffnete sie ihre Augen und sah blinzelnd an sich herab. Zum blauen See im Teppich mischte sich ein dicker, rötlicher Bach... Blut und inmitten der Scherben lag ein kleines Stück Fleisch, welches wohl einst zu ihrem linken Daumen gehörte.
Ein aberwitziges Gefühl von immenser Belustigung empfing sie, als sie nun die sich mischenden Säfte am Boden betrachtete. Sie hatte Ionevals Teppich mit eigenem Blut gleich nochmals besudelt, da er sie ja als ein Wesen mit schmutzigem Bastardblut betrachtete. So ließ sie es zu, dass sich das irrsinnige Kichern vom Halse aus zu ihren Lippen arbeitete und die Schultern zu zucken begannen. Was war denn schon der Schmerz gegen diese abstruse Situation?!
Da machte Ioneval noch einen Satz und als er seine Ziehschwester nicht, wie erwartet, mit Fäusten malträtierte, sondern sanft an Knie und Schultern griff, hoch hob und aus dem Raum trug, da verstummte sie und blickte ihn entgeistert an.

Die nächsten Stunden erlebte sie wie im Traume.
Ioneval trug sie zur Kutsche, warf dem Kutscher nur ein paar verbale Brocken zu und saß dann die Fahrt über mit ihr im Inneren. Noch immer hielt er sie in den Armen und presste sie still, wie ein kleines Kind, an sich. Keiner sprach und so begann die Zeit so seltsam zu verrinnen, dass Luuanna später nie sagen konnte, wie lange sie zur Hütte des Kräuterweibes gefahren waren. Sehr wohl aber konnte sie sich daran erinnern, dass ihr jedes Wort, welches die alte Frau belehrend sprach, als sie die Wunde zunächst abband und dann mit einer blutungsstillenden Salbe bekleisterte, wie klares Wasser im Gedächtnis blieb und sie die Nachricht, dass sie auch die folgenden Tage und Wochen mehrere Besuche bei der Alten abzuhalten hatte, seltsam beseelte.
Einzig ihr Bruder folgte diesen Einladungen dann nicht mehr.
Luuanna Tilarrah

Beitrag von Luuanna Tilarrah »

Lebensbewahrung

29. Cirmiasun 251

Heute ist mein sechzehnter Geburtstag und Nadyenne, meine alte Lehrmeisterin, denkt, dass es nicht mehr so lange hin ist, bis ich genug in Sachen Kräuterkunde und Salbenküche gelernt habe, um tatsächlich eine richtige Ausbildung zur Heilerin zu beginnen.
Ich hingegen denke, dass wir dies erst sehen müssen, denn auch da haben meine Brüder und vor allem Vater noch ein Wörtchen mitzureden. Irgendwie glaube ich manchmal, dass er recht froh ist, wenn er mich los wird, zumindest könnte ich ihm ein solches Empfinden ja auch nicht recht übel nehmen und doch sind es immer die Menschen, die mir als so klar ersichtliche Charaktere erscheinen, welche mich dann am meisten überraschen.
Andererseits glaube ich, dass selbst meine Person schon für enorme Überraschungen gesorgt hat, ganz besonders letzten Winter, als mit dem Ende des Rabenmondes es so wirkte, als würde ich alles verlieren, was mein Lebenslicht bedeutete...


Wie damals, als sie sich kennenlernten, stand Luuanna am Fenster und presste die Nase beinahe am Glas platt. Nur diesmal konnte sie nichts beobachten, außer das wilde Gestöber des Schnees inmitten der Nacht und betete im Stillen zur Schöpfermutter, dass sie bald eine Gestalt im Flockenwirbel ausmachen konnte. Noch immer versuchte sie derweil auch verzweifelt ihr Gedankenchaos, welches sich in den letzten Stunden wie ein Knoten im Gehirn gebildet hatte, zu entwirren und in Ruhe alles Geschehene zu sortieren.

Als ob das jetzt noch helfen würde!
Es war einfach zu viel geschehen, zu plötzlich und das Schlimmste: es war längst alles im Gange!

Noch vor Beginn der Dunkelheit hatte man sich in der großen Halle zum Schmausen eingefunden und Luuanna war bester Laune. Dies lag jedoch nicht an der heftig steigenden, ersten Schneeschicht oder an der famosen Rinderbrühe, welche man als ersten Gang genoss, sondern der Tatsache, dass Lorie neben ihr saß und noch drei weitere Tage bleiben würde, bei heftigem Schneefall vielleicht länger. Doch was ihre Freude bedeutete, war Anderer Verdruss. Ionimar war schon länger verdrieslich, weil ihm mit dem fallenden Schnee auch langsam die Möglichkeit genommen wurde, weiteren Röcken nachzugeifern und Ionatin war gar nicht erst zum Essen erschienen, sondern hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Doch damit konnte man leben, unangenehm wurde dann nur noch Ionevals bitterböses Starren, welches nicht nur Luuanna, sondern auch der zarten Gestalt an ihrer Seite, galt. Die Mädchen kannten diese Blicke und begnügten sich damit, sie zu ignorieren, schließlich würde er Luuanna auch kein Leid zufügen, solange ihre Base zugegen war, doch war es der Vater, der diesmal wohl aus seinen Gedanken erwachte und seinen Sohn stirnrunzeln betrachtete. Als er ihn ansprach, was ihm denn nicht passen würde, überspannte der älteste Zögling den Bogen und spie beinahe aus, dass ihm der Bastard am Tische, also Luuanna, nicht passen würde. Daraufhin war das Getöse groß! Der Hausherr verlangte zu wissen, was denn in ihn gefahren sein und ob er die guten Manieren und auch den Verstand verloren hätte, seiner Schwester so etwas an den Kopf zu werden. Daraufhin legte Ioneval los, dass diese 'kleine Hure' nicht seine Schwester sei und er sie nie als so etwas betrachten würde. Langsam senkte Luuanna, höchst peinlich berührt von einem derartig grässlichen Streit um ihre Person, den Kopf und so merkte sie nicht, dass neben ihr ein Stuhl zurück gerutscht wurde und sich ihre Banknachbarin erhob.

„Er schlägt sie... seit Jahren schon.“
Wie seltsam nur, dass diese Worte für alle Beteiligten gut hörbar waren, obwohl sie doch von einer eher leisen und hellen Mädchenstimme kamen.
Alle Augenpaare des Abends richteten sich auf Lorie, welche den Schwall an Entsetzen, Verwirrung und Hass offensichtlich nicht lange ertragen konnte und plötzlich aus der Halle lief. Luuanna hasste sich selbst noch Tage später dafür, dass sie einmal wieder zuerst wie gelähmt erschien und es Ioneval war, der als nächster ging und dann die Türe krachend hinter sich ins Schloss fallen ließ.
Dann erst folgte eine Art seltsames Gespräch mit ihrem Vater, welcher ihr Federhalter, Tinte und Pergament bringen ließ und sich alles noch einmal auf diese Weise berichten lassen wollte. Die Sorge und der Schmerz im Gesicht des Mannes, den sie Vater nannte, rührte das Mädchen so wärmend, dass sie begann ihm vorsichtig zu schildern, was die Jahre vorgefallen war, wobei man sich eher mit Hand und Fuß und Ratemomenten statt dem Pergament verständigte. In Hinblick auf Ionevals Güte und liebevoller Handlung bei ihrer Verletzung jedoch, unterschlug sie dem Vater die schlimmeren Kniffe und versuchte die Aussage der Base etwas herunter zu spielen. Dies schien ihr zu glücken, denn mit der Zeit wichen die Sorgenfalten aus des Hausherren Gesichts und er entließ sie mit den Worten, dass er seinem Sohne ins Gewissen reden würde und sie nimmermehr zu fürchten haben solle.

Mit leichten Schultern und federndem Gange lief Luuanna die Treppen zu Lories Gästezimmer hinauf, um ihr von dem Glück zu berichten, nur um leere Räumlichkeiten vorzufinden. Schlimmer noch, auch in ihrem eigenen Zimmer war keine Spur der jüngeren Base zu entdecken und auf dem Weg zurück zu den großen Hallen und Speiseräumen kam es dann, dass sie zwei tratschende Küchenmägde zufällig belauschte, welche grauenvolle Neuigkeiten hatten.

„Nun ist die Kleine bestimmt schon seit vier Stunden im Schnee da draußen und Michal will gesehen haben, dass sie weder festes Schuhwerk noch einen Mantel oder eine Mütze trug. Denk dir das doch nur...“

„Oh, viel wunderlicher ist, dass nur wenige Augenblicke später auch Herr Ioneval das Tor eilig passiert hatte und... er soll einen Knüppel bei sich gehabt haben. Hier gehen seltsame Dinge vor...“

„Hah, wem sagst du das, ich bin nun seit achtzehn Jahren hier im Haus und ich erinnere mich gut an die alte Liselle, welche dann immer im Nachthemd...“

Luuanna war umgedreht und ziellos davon gegangen.
Es konnte nicht sein. Er war jähzornig, brutal und grausam doch nie, nie würde er Lorie anfassen, schon gar nicht mit einem Knüppel schlagen. Nicht einmal nachdem sie diese Nachricht am Tisch, wie einen längst fauligen Käse, aufgedeckt und alle hat schnuppern lassen, nicht einmal dann! Nein, denn als sie sich den Finger halb absäbelte, da hatte er sein wahres Gesicht in Zeiten der bitteren Not gezeigt und sich wie ein wahrer Bruder verhalten.

Was verdammt nochmal machte er mit einem Knüppel dann im Schneegestöber der Nacht, während ihre Base da draußen umherirrte?!

<<Er sucht sie... >>
Es war wie eine klärende, beruhigende Erkenntnis, als habe nicht sie, sondern jemand Anderes gesprochen.
<< Er sucht sie und er wird sie finden. Doch wenn er sie zurückbringt, wer wird dann auf die beiden warten und alles bereit halten für zwei Halberfrorene?>>

Mit großen Schritten war Luuanna zurück in ihr Zimmer gerannt und hatte alles an Salben und getrockneten Kräuterbündeln zusammengerafft, die sie selber besaß. Danach hatte der Koch nicht übel gestaunt, als sie auch ihm einige Töpfe und Kamilleblüten, sowie Salbei entwendete und zuletzt musste auch der restliche Hofstaat herhalten, als sie stumm anwies im kleinsten und wärmsten Raum des Hauses ein Doppelbett herzurichten, eine Unmenge an Decken, Kissen und Tüchern herbeischleppen ließ und zusah, dass die Hitze im Raum allein durch das Feuer unerträglich wurde. Dann erst ließ sie alle gehen, bis auf zwei Burschen, welche damit beauftragt waren Ioneval am Tore abzufangen und sowohl Lorie, als auch den besagten Ziehbruder sicher in das kleine Zimmerchen und zu Bette zu geleiten.

Als sie alleine war, setzte sie den Tee auf, füllte die Schalen mit warmem Wasser und ließ darin einen Kräutersüd erkalten. Die Waden-, Stirn- und Halswickel, welche man darin tränken würde, müssten ihren Dienst tun. Doch als jede scharfe Salbe, die das Atmen aufgrund der starken Öle erleichtern würde, aufgeschraubt, die Wickel vorbereitet und mittlerweile drei Kannen Tee über dem Feuer köchelten, war alles an Vorbereitungsarbeit getan und nun galt es zu warten.
Bittere Stunden, mit kalter Nase an der eisigen Fensterscheibe des Wartens voller inbrünstiger Gebete an jene, die sie bisher immer erhört hatte!

So traute sie ihren Augen zuerst nicht und hielt es für Wunschdenken, als sich tatsächlich eine seltsam unförmig wirkende Gestalt, gefolgt von zwei weiteren, den Weg zum Herrenhaus bahnte. Erst als sie Ionevals Stimme hörte, welche mehrfach fauchte:
„Ich sagte verschwindet und macht mir die Türen auf. Ich kann alleine gehen, das Mädchen wiegt kaum etwas aber ich habe keine drei Hände um verdammte Türen zu öffnen!“, da wusste sie, dass es kein Traum war. Ehe sie sich's versah, stand Ioneval im Raum, das Haar fiel ihm wild ins Gesicht und mit grimmiger Miene trug er einen zusammengesunkenen und keuchend atmenden Körper vor sich her: Lorie.

„Sie muss ins Bett, Anna, sofort! Dieses dämliche Gör ist im Schnee umher gerannt, hat sich vermutlich dann auch noch verirrt und war zu blöde auch nur an irgendetwas Wärmendes zu denken. Ganz deine Familie... wirklich!“
Mit diesen schneidenden Worten legte er sie seltsam behutsam ins Bett und legte rasch mehrere Decken über sie, dann erst blickte er unterkühlt gen Luuanna.
„Denk nicht einmal daran mich nun aufpäppeln zu wollen wie eine beschissene Mama. Das darfst du mit ihr machen, sie hat das nötig und ich kümmere mich lieber um mich selbst, statt mich von einem dreckigen, kleinen Bastard-Flittchen berühren zu lassen.“
Er würdigte sie keines weiteren Blickes mehr, doch scheuchte er umsichtig die Diener mit sich nach draußen und ließ Luuanna mit der fiebernden, jappsenden Lorie alleine zurück.

Im Stillen dankte sie ihm und der Allmutter jeder Schöpfung, deren Hilfe sie noch weiter bedurfte, denn es galt ein Leben zu retten. Lories Fieber war längst fortgeschritten und schüttelte das zierliche Mädchen schon länger. Still verfluchte Luuanna die Tatsache, dass es sich bei ihrer Base um ein so zartes Geschöpf ohne viel Kraft handelte, denn diese Kraftreserven lagen nun auf der Goldwaage. Zitternd machte sie sich rasch daran ihr die klammen Kleider vom Leib zu zupfen und lieber noch eine weitere Decke ins Bett zu nehmen. Die Salbe rieb sie sanft, doch rasch, da der Körper nun nicht allzu lange noch unbedeckt liegen durfte, auf Brust und Schultern, ehe sie die Wickel anlegte und dann, über zweier Bettpfannen voller leicht glimmender Kohlen, die Lorie flankierten, einen wahren Deckenberg aufstapelte. Auch der Tee fand seine Verwendung, wenngleich eher in dampfenden Schüsseln, aufdass er sein Aroma im Dienste der Inhalation im ganzen Raum verteilen konnte, denn Lorie war weit davon entfernt etwas trinken zu können.

Als all dies getan war, stand sie allerdings ratlos neben der Patientin und spürte jämmerlich, wie sich ihr Herz beim Anblick des fiebernden Mädchens zusammenkrampfte.

<< Mutter, was kann ich denn noch tun? Ich bin doch keine ausgebildete Heilerin und wir können heute Nacht niemanden mehr holen. Doch die Stunden jetzt zählen, nicht wahr? Oh Herrin der Schöpfung, dies ist Leben, das Leben, welches dir heilig ist und mir nicht minder, dennoch verrinnt es gerade wie Sand zwischen meinen Fingern. Oh Mutter, was soll ich nur tun?!>>
Die Verzweiflung drohte das Mädchen, wie die Tränen, die ihr über die Wange liefen, zu übermannen und wieder geschah ein kleines Wunder, als ihr ein Geistesblitz kam.

<<Mehr Wärme, der ganze Körper braucht mehr direkte Wärme, da langen die Pfannen nicht!>>
...und mit einem leisen Dankesgebet an die Schöpfergöttin stieg sie aus ihrem langen Kleid und den Unterröcken um nur mit dem Nachtleibchen bekleidet in das Bett neben ihre Base zu schlüpfen, wo sie diese still umarmte und im Versuch deren kühlen Körper mit der eigenen Wärme wieder auf die Bahn des Lebens zu reißen, schlief das entkräftete Kind schließlich ein.

Das Klappern einer Türe und das mulmige Gefühl beobachtet worden zu sein, ließen die schreckhafte Luuanna am Morgen regelrecht im Bett hochfahren und noch ohne recht zu realisieren wo sie war und was sie dort machte, war sie auf nackten Füßen gen Türe gehuscht um diese leise zu öffnen und ihrem Beobachter nachzublicken. Nur für wenige Lidschläge erkannte sie Ionevals Gestalte, welche sich die Treppen zu seinen Gemächern wieder hochbahnte und an seinem schleppenden, müden Gang lag es, dass sie sich siedendheiß wieder an die letzte Nacht erinnerte.
Als sie sich nun mit klopfendem Herzen umdrehte und zur Krankenstätte eilte, da erkannte sie rasch, warum Ioneval so ruhig wieder gegangen war und sie nicht geweckt und an ihre Pflichten erinnert hatte: Lorie schlief tief und atmete ruhig und regelmäßig.

Luuanna fiel auf die Knie und dankte der Allmutter weinend über ihren Beistand und versprach ihr diesen Gefallen zu begleichen... wie auch immer.
Mit zittrigen Fingern kleidete sie sich dann an und sah nach den Kesseln. Es galt schließlich die gute, gesundheitliche Verfassung ihrer Base zu erhalten und zu verbessern...
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