Das letzte Blut

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Viola Ser´Rhal

Das letzte Blut

Beitrag von Viola Ser´Rhal »

Es war schon beinahe Ironie dass die Sonne seit Tagen verdunkelt war und kein Strahl zur Erde gelangte. Dazu kam noch die Tatsache dass sich dunkle Wolken über Varuna zusammengezogen hatten und begleitet von einem kalten Wind prasselten die ersten Regentropfen hinunter auf das Erdreich. An diesem kalten und nassen Vormittag versammelten sich drei Gestalten auf dem Friedhof vor Varuna, zwei gehüllt in kunstvollere und eleganteren Roben und eine dritte, an ihrem Leib nur Hemd und Hose sowie einen Umhang dessen Kapuze vor dem Regen schützte.
Die ersten beiden waren Priester, oder eher gesagt ein Priester und sein Schüler. Sie waren heute an jenen Ort gekommen um einer Toten den letzten Segen auf ihrer Reise ins Jenseits zu geben.

Die dritte Gestalt war eine junge Frau, das rabenschwarze Haar war zu einem langen Zopf geflochten der ihr fast bis zum Hintern hinab reichte und zwei müde Augen blickten auf das zuvor ausgehobene Loch in der Erde. Viola war seit dem gestrigen Tag wieder zurück in Varuna und mit sich hatte sie die Asche ihrer verstorbenen Schwester mitgebracht, auf dass jene an diesem Friedhof begraben werden konnte, dort wo wenigstens jemand nach ihr sehen würde. Denn selbst dem Priester war aufgefallen dass außer Viola niemand an der Zeremonie teilzunehmen schien, und als er sie am Vortag nach eventuellen Angehörigen fragte hatte sie nur bitter gelächelt. Sarah Ser’Rhal hatte keine Angehörigen mehr.
Ihre Eltern hatten sie und Viola damals davongejagt, sie in die Gosse geschickt um selbst überleben zu können und ihr damaliger Ehemann, der Neuanfang in Sarahs zerstörten Leben war tot, ermordet von der eigenen Schwester in der Notwehr. Soviel war geschehen, und am Ende war niemand da um Abschied zu nehmen, niemand außer Viola.
Es hätten andere hier sein können; so zum Beispiel Sarahs leibliche Kinder. Ein Jungen und ein Mädchen hatte sie in ihrer Ehe zur Welt gebracht, doch nach dem Tod ihres Mannes wurden ihr diese von dessen Mutter genommen. Jene hatte Sarah für den Tod verantwortlich gemacht, sie als Miststück beschrien dass Unglück und Pech über alles brachte. Viola war dort gewesen, hatte mit jener Frau versucht zu sprechen und sie zu überzeugen dass die beiden Kinder von ihrer Mutter Abschied nehmen durften, doch sie hatte sie nur verächtlich angesehen und ihr die Türe vor der Nase zugeknallt.

Nun stand sie alleine hier, die Zeremonie nahm ihren Anfang und sie lauschte den Worten des Priesters, doch schon bald verklangen diese im Hintergrund ihrer eigenen Gedanken als sie auf das Loch starrte. Sarah war gestorben, von einem Tag auf den anderen war sie einer Krankheit zum Opfer gefallen. Sie hatte die Augen geschlossen und war nie wieder erwacht, eine friedliche Art des Sterbens und doch war es nicht gerecht. Seit jenem Tag hatte Viola immer wieder die Frage gequält ob Sarah noch Leben würde, hätte sie sich damals nicht so sehr verteidigt, vielleicht würde sie noch bei ihren Kindern sein, vielleicht wäre sie noch überglücklich … und dann fielen Viola wieder Darnas Worte ein „Die Frage nach dem „Was wäre wenn …“ bringt nichts und zermürbt uns nur“ und sie hatte Recht gehabt. Sarah war tot und Viola konnte daran weder etwas ändern noch wusste sie ob alles anders gekommen wäre hätte sie damals nicht so reagiert.

Kurz richtete sie ihren Blick auf ihre verbundene rechte Hand, jene Hand die sie am Abend nach der Nachricht über Sarahs Tod verletzt hatte und jene Hand die sie nur wenige Tage später erneut vor Wut in einen Spiegel geschlagen hatte als sie mit ansah wie der Leib ihrer Schwester verbrannt und die Asche in eine Urne gefüllt wurde. Sie wurde plötzlich aus ihren Gedanken gerissen als sie ihren Namen erwähnt hörte; sie richtete ihren Blick auf und sah den Priester an der sie fragte ob sie noch irgendwelchen letzten Worte an Sarah hätte.
Und die Frage geisterte ihr im Kopf umher. Was sollte sie ihr sagen? Es tut mir leid? Ich liebe dich immer? Oder sollte sie flehen dass sie nicht gehen sollte? Und in genau diesem Moment erinnerte sie sich an etwas, was sie noch aus früheren Tagen kannte. Wortlos schlug sie ihre Kapuze zurück, ihre Hand griff nach dem Dolch an ihrem Gurt und sie zog die Klinge. Der Priester runzelte ein wenig die Stirn, öffnete irritiert den Mund, schloss ihn aber wieder als er zusah wie Viola die Klinge am Beginn ihres Zopfes ansetzte und einmal quer zog. Der hüftlange Zopf war abgetrennt, lag in ihrer linken Hand und sehr behutsam setzte sie die Klinge an die Handfläche der Linken, zog eine dünne Linie aus der etwas Blut quoll und schloss die Hand mitsamt dem Zopf darin. Der ziehende Schmerz erfüllte kurz ihren Körper ehe sie die Hand wieder öffnete und das Haar hinab in das Loch zur Urne warf.

Stunden später stand sie noch an jenem Grabstein den man aufgestellt hatte. An jenem wo schlicht geschrieben stand „Hier ruhe Sarah Ser’Rhal“ und mit einer grässlichen Bitterkeit wurde Viola eines gewahr; von diesem Tag an war sie das letzte Blut der Familie Ser’Rhal.
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