Erbstücke

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Allerich von Elbenau

Erbstücke

Beitrag von Allerich von Elbenau »

Immer öfter sah er seine Gemahlin in ihrem Sessel sitzen, in dem sie für gewöhnlich stickte, sah wie sie die Hand ausstreckte nach der Schmuckschatulle, die auf dem kleinen Tisch lag.
Er sah, wie sie diese öffnete und mit den Fingerspitzen über das darin liegende, filigran gearbeitete Schmuckstück strich, es kaum berührend. Mit ihren Gedanken schien sie dabei weit fort zu sein, selbst wenn er sie in solchen Momenten ansprach, reagierte sie nicht.
Er wußte, sie hatte dieses Kleinod nicht mehr angelegt, seit Darna das heimische Anwesen in Elbenau verlassen hatte, um ihrem eigenen Weg zu folgen.
An jenem Tag hatte sie es in die Schatulle gelegt und nicht mehr angerührt, hatte es für Darna aufbewahrt... bis der Bote kam und die Nachricht der anstehenden Hochzeit überbrachte.

„Allerich, mein Gemahl... erinnerst du dich an das Handgeschmeide deiner Frau Mutter, welches sie mir mit diesem Gegenstück zu unserer Vermählung schenkte?“
Natürlich erinnerte er sich, ebenso wie er sich erinnerte, dass sie es an Darna weiter gegeben hatte und jedes Mal wenn sie diese Frage stellte, erinnerte er sich auch daran, dass er ihr nicht erzählt hatte, dass es Darna verloren ging. Es war irgendwie nie der richtige Zeitpunkt gewesen, es ihr zu sagen. Insgeheim hatte er wohl auch gehofft, dass der Tag nie kommen würde, an dem er es erzählen müßte.
„Allerich...“ sagte sie, als sie wie so oft in den letzten Tagen, die Schatulle geöffnet auf dem Schoß liegen habend, mit den Fingern die feinen Glieder des Schmuckstückes entlang fuhr „Allerich, endlich ist der Tag nah, an dem sich zwei zusammen finden wie wir beide damals und auch diese beiden werden wieder zusammen kommen. Wie es von deiner Frau Mutter gedacht war.“
Er sah, wie sie das Halsgeschmeide aus der Schatulle hob und wie die Flammen im Kamin den blutroten Rubin zum aufleuchten brachten.
Es schien als ruhe er in seiner Einfassung als ob ihn dort niemals jemand heraus lösen könne.
Um ihn herum reihten sich Sternsaphirsplitter, so zurückhaltend, dass sie dem Feuer des Rubins nichts nahmen von seiner Kraft und zusammen ein Bild schweigender, harmonischer Übereinkunft zurück ließen. Alles wurde zusammen gehalten von fein verschnörkelten Silberfäden, gerade so dick, dass Rubin und Sternsaphirsplitter nicht den Halt verloren, bis sie mit den fein gearbeiteten Kettengliedern zu verschmelzen schienen.
Rot, Blau und Weiß. Die Farben, die ihn seit seiner Geburt begleitet hatten und Darna ebenso.
Es war keine Frage, dass dieses Kleinod den Hals ihrer Tochter schmücken sollte.

„Allerich... Allerich!“ Wie oft hatte sie nun seinen Namen gerufen? Er hob den Blick vom Rubinfeuer zu ihr. „Allerich, sie wird sich doch darüber freuen?“
Gewiß würde sie das. Zuerst würde ihr Gesicht Freude und Rührung zeigen, dann verlegene Trauer und am Ende würde sie ihn vorwurfsvoll ansehen, weil er nicht den Mut gehabt hatte, es ihrer Mutter zu erzählen.
„Gewiß liebste Siglind wird sie sich darüber freuen, aber größer wird ihre Freude über euer Wiedersehen sein.“
Den Blick, mit dem sie seine Worte quittierte kannte er. Es hieß soviel wie ein Augenrollen mit den unausgesprochenen Worten: Natürlich, glaubst du das weiß ich nicht? Gepaart mit den Worten: Davon haben Mannsbilder keine Ahnung!
Es ist erstaunlich, dass Frauen wenn sie sprechen nur einen Satz herausbringen, der für einen Mann höchst unverständlich ist, während sie mit einem Blick zuweilen fünf Sätze gleichzeitig an den Mann bringen können und er sofort weiß, was sie will.. nämlich, dass er den Mund hält.
In diesem Fall zog er es dann auch vor zu schweigen und senkte seinen Blick in sein Glas, in dem der rote Wein durch den Flammenschein des Kamins fast ebenso feurig funkelte, wie der Rubin.
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