Jenseits des Schweigens

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Shaja

Jenseits des Schweigens

Beitrag von Shaja »

"Es gibt sie !" , ... "Unfassbar, es gibt sie !" dachte Shaja , den Blick auf den Abendhimmel gerichtet.

Sie war zum Fluss gelaufen um allein zu sein. Um den Moment zu geniessen, um diesen Blicken zu entkommen, die ihr alle nur helfen wollten.

Sicher wollten sie ihr helfen ... sie war ja auch "krank". Krank! Sicher; so mussten sie es ja sehen.
Shaja hatte so lange und sooft darüber geschimpft, dass alle Menschen, und damit meinte sie alles was zwei Beine hat, krank sind an ihrer Sprache.

Sprache, die die Menschen verseuchte, die sie lügen lies, die ihr Handlanger war um sich selbst in ein Licht zu setzen, welches nicht von ihnen kam, sie mehr oder anders scheinen zu lassen als sie wirklich waren.
Sprache macht Unterschiede wo keine sind, Sprache hetzt auf, Sprache nimmt Handeln vorweg ohne es je geschehen zu lassen, Sprache verwischt Spuren die gesehen werden sollten.

Nichts war selbstverständlich mit Sprache. Hintertüren, Trugbilder, Erklärungen, Versprechungen und all das schiebt eben jenes weg was sie eigentlich sehen sollten, ... den Menschen ?

Würde das je jemand verstehen ?

Musste man wissen, wie es war nicht zu reden ? Wie man leben konnte ohne ein Wort ? Es nicht mal zu brauchen, weil alle Anderen auch nicht sprachen ?
Wussten sie eigentlich, dass sie andauernd kleinste Regungen von sich gaben, die sie verrieten. Die sie nicht mal unterdrücken konnten, wenn sie wollten, weil es eine Zeit gab in der sie darauf angewiesen waren eben jene zu verstehen ?

Sie taten es, wie die Wölfe ... wie alle Tiere ... und sie waren blind dafür. Sie sprechen und sprechen und merken nicht, wie sie immer fremder werden. Einander, und ... ja und dem Rest der Welt.

Krank ? War sie nun krank ?

Shaja blickte in Falks Augen, in Freias und Alliestras. Sorgen, Entsetzen, "Laila kann sicher helfen ...".

Sie verstanden es nicht, oder ? Verstand Shaja es ? Es war wie früher und sie war alle die Jahre nicht krank gewesen.

***

Shaja hatte mit den Hinrahs am abendlichen Feuer im Clanshaus gesessen und Falk hatte Alliestra verkündet, dass sie alsbald richtig zum Clan gehören würde, hatte von einem "Titel" gesprochen, als wenn dieses Wort alles ändern würde.

Und wie so oft schon hatte sich Shaja darüber aufgeregt, dass man für sowas ein Wort brauche, und dass nicht einfach danach geurteilt wurde was war und was man tat .
Dass man nicht einfach hinnehmen konnte, dass dieser Mensch bei einem war und dazugehörte, weil er es bereits tat. Weil er mitten unter ihnen lebte, für sie da war, mit ihnen Speise und Lager teilte, für sie einstand.
Wozu die Worte die Unterschiede machten, welche die Gemeinschaft in "diese" und "jene" aufteilte. ?

Soetwas wurde überall da gebraucht wo man Grenzen zog, wo die einen besser waren als die anderen, wo man allein mit einem Wort begründen konnte, dass man besser war. Mit einem "Titel" allein.
Nutzlos, ..., Menschenwerk ...

"Wölfe brauchten das nicht. Nicht so. Alles war einfacher ..." hatte Shaja noch gedacht, und war dann vor versammelter Mannschaft aufgebraust. War aufgebraust und hatte inbrünstig erklärt, dass man Worte nicht bräuchte und das sie genausogut ohne auskommen würde !

Und dann war es passiert.

Einfach so, ... ein Funkeln, ein Leuchten, ihre Stimme die tiefer wurde, versiegte einfach so ... ein Windhauch der durch den Raum strich und es besiegelte.

***

War sie krank ? War sie es, die krank war ? Gesprochen hatte sie, oh ja, wie ein Wasserfall hatte sie das. Und sie konnt den Menschen keinen Vorwurf machen. Sie hatten ihre Welt so kompliziert gemacht, dass sie einfach darüber sprechen mussten, eines gibt das andere. Und doch war sie sich immer darüber im klaren gewesen, dass genau das, das Übel in der Welt sei.

Sie hatte gemerkt wie sie immer mehr so wurde wie die Anderen. Unweigerlich, ohne es verhindern zu können. Aber sie mochte diese Leute, wollte sie nicht verlassen, und doch hasste sie, was damit verbunden war.

Und nun ? War sie krank ? ... Oder hatte ihr jemand ein Teil ihrer Freiheit wieder gegeben ?

Frei so gesehen zu werden wie sie ist. Ohne Worte, die anderen den Blick versperren auf ihr Wesen. Ohne Worte, die verhindern, dass man nachdenkt, weil man ihnen einfach zu viel Beachtung schenkt.

Wer war krank ?

***

Hier am Fluss, allein mit den Geräuschen des Waldes, mit den Gedanken soweit weg von all dem Lärm hörte sie schwach aber deutlich die Melodie, die ihr Geist nicht fassen konnte, sie aber glücklich und ruhig werden lies. Die Melodie, die ihr sagte, was sie war: Ein Teil von allem.

Ein unbedeutender Teil, aber ein glücklicher. Ein Teil der daran erinnert wurde was wesentlich ist. Dem etwas gesagt hat, dass sie nicht tun solle was sie nicht wolle, weil es eben auch anders, besser, geht; weil sie jemand war, der damit umgehen konnte.

Wer schweigt hört besser, auch diese ferne Melodie. Und sie war sich sicher, dass jene von der sie kam, es genauso sah.

"Ich hatte ja keine Ahnung ..."
Shaja

Beitrag von Shaja »

Stille ist ein Segen, kein Zweifel. Nicht mehr reden zu können öffnet einem die Augen für die Dinge, welche von der Sprache schlichtweg verdeckt werden.

Es ist, als betrachte man die Welt von außen, klar und mit allen Sinnen. Nur ist man schnell kein Teil mehr von ihr.

Zu sehen woher man kommt, die Dinge zu ehren, die zu Urzeiten Allen wichtig waren, die so selbstverständlich waren, dass niemand darüber nachdenken brauchte, ist vieleicht die wichtigste Erfahrung von allen.
Bescheidenheit, Zurückhaltung, den Geist schweifen zu lassen, zu denken, und eben nicht nur leere Worte zu reden.

Wenn man in der Stille befangen ist und man meint es wäre schon ruhig, dann hört man auf zu atmen, damit die Stille vollkommen wird, damit man die Wahrheit allein hören kann.

Das was übrig bleibt, wenn sonst nichts ist.




Ohne die Gedanken richtig erfassen zu können, die Shaja in den Sinn kamen, war ihr eben jene Wahrheit bewusst, wie bei einem Gefühl, daß tief in der Brust sitzt und einem in jedem Augenblick sagt, dass man lebt.



Soetwas zu wissen, es erfahren zu haben, und sich nicht nur vorstellen zu müssen, ist ein Geschenk, dass man bewahren muß. Etwas, was jeder im Geiste besitzen sollte.



Kein Teil mehr von ihr ... Diese Welt war nicht die einfache des Waldes, wo ein voller Bauch und ein trockenes Lager alles Glück bedeuteten.
Es war weiter gegangen, viele tolle Dinge, Dinge die phantastisch waren, Dinge die so gestaltet waren, dass man Worte brauchte, um sie zu beschreiben.

War das so gewollt ? Hätte es nicht einfacher bleiben können ? Redeten Menschen um die Dinge zu beschreiben, die sie gemacht hatten, ... oder machten sie Dinge indem sie darüber redeten ?

"Ich möchte mit dir über die Zukunft reden können Shaja" hatte Falk gesagt und ihr traurig in die Augen geschaut.

Reden und planen, Dinge vorbereiten, Träume teilen, ... war das schlecht, oder war nicht schlecht was man damit machte ? War es die Sprache oder waren es die Menschen die Schuld an so vielem Leid hatten.

"Wölfe können auch lügen Shaja" wieder einer von Falks Sätzen, die ihr in Erinnerung geblieben waren. Sie hatte das damals nicht verstehen wollen. Es ist ihr nicht in den Sinn gekommen, warum sie es tun sollten.

Sie taten es nicht, aber das hatte nichts mit "können" zu tun. Sie wollten einfach nicht.

"Du hast so ein reines Wesen Shaja", klang es nach. War es das ? War es eben dieses Wesen, welches aus einem "nicht können" ein "nicht auf die Idee kommen" machte.

Sie nannten es nicht "dumm", "naiv" war das Wort dafür.




Mußten Menschen sprechen um dorthin zu kommen wo sie nun waren, und lag es an ihnen, wie sie damit umgingen ?
Verdarben sie es, weil sie nicht "naiv" waren und weil sie alles taten was sie "konnten" ? Alles was sie konnten weil sie auf Ideen kamen, die ihnen selbst am meisten nutzen ?
Weil sie vergessen haben warum sie da sind ? Weil sie verlernt haben manchmal zu schweigen und einfach zu zuhören, zu lauschen und sei es nur dem Klang der Wellen ?

Weil sie sich zu wichtig nahmen auch wenn es kaum einer zugab ?

War es das ?




Etwas aus Nichts zu schaffen, kommt dem schlagen von Wellen gleich,
so man vorher nur die Oberfläche sah.
Das Wasser war immer da, und mit ihm Alles was nun zu Tage tritt.
Und doch ist es erst das Auf und Ab welches es bewusst macht.

So wie alles im Wasser ist und alles aus dem Wasser kommt,
fallen die Wellen zurück wie sie emporsteigen,
vermischt sich was bewusst war mit den Weiten des Meeres,
geht nie verloren was gewesen ist.

Siehe denn die Welt auf der Du wandelst und sei gewiss,
du siehst nur Wellen für den Moment in dem sie sind,
wie auch Du nur Teil dieses Ozeans bist.
Ein Etwas aus dem Nichts, welchem sich die Welt bewusst ward.

Das Wissen der Welt, Gewohnheiten ihrer Schöpfung,
Bilder wie Ideen, Erinnerungen an Vergangenes,
liegen verborgen in den Tiefen, gut bewahrt
und warten darauf nach oben gespült zu werden.

So gedenke deiner Träume, studiere die Zufälle,
verfolge deine Ideen und fühle was dich umgibt.
Wenn du Augen und Ohren schließt und dennoch lauschst,
wirst du spüren was unter der Oberfläche liegt.

Die Welt ist in stetem Wandel und ihre Seele drängt danach.
Geschichten die die Wellen schreiben sind Wege denen man folgen kann.
Still klingen sie im Rauschen der Gezeiten
und schlagen Etwas aus Nichts.




Niemand ist wichtig, Jeder aber besonders,

und Geborgenheit etwas wunderbares.
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