Es war ein Geschenk und die größte Qual für die junge Tiefländerin in das Antlitz ihrer beiden Söhne zu blicken. Sie waren Falk wie aus dem Gesicht geschnitten und vermutlich versetzte ihr genau das wieder und wieder einen Stich im Herzen. So lange hatte er sie nun allein gelassen und langsam begann sie sich auch Sorgen zu machen.
Unschlüssig ging sie den kleinen Raum auf und ab. Was war sie nur für eine Mutter, wenn sie mit dem Gedanken spielte, ihre Welpen zurückzulassen? Aber sie wusste, dass sich das Rudel um ihre Welpen kümmern würde. Was war sie schon für ein Weib? Ein Weib, welches vor Sehnsucht zerfloss und doch innerlich so starke Wut hatte, dass sie es kaum noch aushalten konnte? Sie rieb sich die Schläfen und seufzte. Bei den Ahnen, was sollte sie bloß tun?
Es war ein schwerer Schritt, den sie gefällt hatte. Sie legte ihre Welpen schlafen und lächelte ihnen zu. Ansgar, wie auch Vrai drückte sie einen Kuss auf die Stirn und deckte sie bis oben hin zu. "Schlaft gut, meine zwey Racker! Und denkt dran, mey liebt euch!" Dabei schob sie beiden Welpen die Haare aus der Stirn und betrachtete sie noch eine Weile. Am liebsten hätte sie ihre beiden Kleinen ja mitgenommen. Wie mussten sie sich fühlen, wenn sie morgen aufwachen würden und ihre Mah war nicht mehr da? Ihren Dah hatten sie nie kennengelernt und ob sie es verstanden, dass Jolinn die Schnauze voll hatte und sich selbst auf die Suche nach Falk begeben würde? Sie hoffte, dass ihre Welpen irgendwann verstehen würden. Verstehen und lernen, dass es für Jolinn selbst keinen anderen Ausweg mehr gab. Was auch immer geschehen würde, sie wollte Falk wenigstens noch die Bratpfanne über den Kopf hauen.
Es war etwa gegen Mitternacht, die Geisterstunde - als Jolinn das Nötigste in einen Rucksack gepackt hatte. Hastig huschte sie aus der großen Halle und eilte zum gegenüberliegenden Gebäude. Hier hinterlies sie Hedwig und auch Nethard jeweils ein Schreiben.
Liebster Dah,
mey weyss, dey wirst von deyner Tochter enttäuscht seyn, aber mey macht sey auf dey Suche nach Falk. Mey hälts keynen Tag länger aus ohne ihm ney die Meinung gesagt zu habn. Mey hofft, ihn an seynen Ohren nach Grimwould zurückziehn zu können. Pass mey gut auf meyne Welpen auf und sag meynen Welpen, dass Mah sie liebt und immer auf sey aufpassen wird, tief in ihrem Herzn. Verzeyh mey bitte, Dah. Mey liebt dey, Jolinn.
Auch der Brief an Hedwig sah so ähnlich aus wie der von Nethard.
Hedwig,
meyne Wege treyben mich fort. Gib auf meyne Welpen acht und sag ihnen, ihre Mah liebt sey über alles. Meyne Gründe wird vielleycht nur eyn Weyb verstehn, welches ihren Mann genauso liebt wie mey den ihren, vielleycht isses auch eyne der schwachsinnigsten Ideen die mey hatte, aber mey muss Falk finden. Frag dey Ahnen, wenn dey wissen willst, wie ey mey geht und ob mey noch lebt. Stolz und Ehre, Jolinn.
Dann erst donnerte sie auf ihrer Stute davon in die Dunkelheit. Es blieb keine Zeit, einen Blick zurück zu werfen. Es wäre schwachsinnig zu denken, dass sie ihre Welpen vergessen hatte. Neben ihnen lag ebenso ein Zettel:
Ansgar, Vrai, Mah liebt euch mehr als alles andere auf der Welt. Und Mah kommt wieder zurück zu euch. Verzeyht mey.
Und unter dem kleinen Zettelchen lag ihr Umhang, den sie immer trug. Zusammengefaltet haftete ihr Geruch an ihm. Ebenso lag ihr über alles geliebter Bogen daneben. Und auch das Armband, welches Falk und Jolinn verbunden hatte.