Ich schenk dir einen Traum ...

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Tarja Lycron

Ich schenk dir einen Traum ...

Beitrag von Tarja Lycron »

Lucan hatte ihr am Abend noch von seinem Traum erzählt. Ob sie ihm die geschickt habe, das hatte er sich gefragt. Nein, allein an der Reaktion ihrerseits, wie sehr sie sich über den Traum gefreut hatte wusste er, sie konnte es nicht gewesen sein. Aber dann wurde es interessanter. Träume schicken. Sie würde versuchen ihm heute Nacht einen Traum zu schenken. Gewiss gab es keine Sicherheit, dass es klappen würde - aber auf einen Versuch kam es an. Sie waren verbunden durch ihr Blut. Was der Eine tat wusste der Andere genau. Das würde es deutlich einfacher machen. Sie schloss ihre Augen, als sie sich an ihn kuschelte. Vielleicht gelang es ihr ja, sich in seine Träume zu fressen.

Die Nebelschwaden legten sich immer wieder um ihn. Es sah fast so aus, als würden Arme immer wieder nach ihm greifen und ihn weiterziehen. Als führten sie ihn dorthin, wo er hingehen sollte. Die Räumlichkeiten waren schwarz und düster, verhangen mit Spinnweben und einzelne Ratten kreuzten ihm die Wege. Nichts desto trotz sollte er immer weiter in das Innere des Gebäudes gelangen. Ein Labyrinth, so sah es aus. Und dennoch hatte er fleissige Helfer, die ihm den Weg zeigten. Durch die Wege zogen sich Bäche, die von der Decke aus der Wand flossen. Kleine Bäche, rot wie Blut. Den Ursprung der eigentlichen Quelle des Roten Saftes konnte er noch nicht ausfindig machen. Und dennoch trieb ihn der Nebel weiter. Schritt für Schritt wurde er gezogen, geschoben, vorsichtig vorangeschubst. Das leise, flüsternde 'Komm, ich warte auf dich' zog ihn immer näher, selbst wenn er längst die Orientierung verloren hatte. Es schien ein endloser Weg zu sein, die Wege wurden schmäler und mühsamer sie zu beschreiten, nichts desto trotz trieb es ihn weiter. Immer voran, als wüsste er, was ihn am Ende erwarten würde. Letztendlich blieb er vor einem roten Vorhang stehen, ein Vorhang, der keiner war, wenn man ihn genau ansah. Geräuschlos lief der blutige Wasserfall vor dem Raum hinab und trennte ihn vom Rest des Labyrinthes ab. Keinen einzigen Zweifel barg es, keine Sekunde länger stand er still. Stattdessen lief er auf den Vorhang zu um ohne weiteres hindurchzuschreiten. Er konnte nicht wissen, dass sich der "Vorhang" so oder so teilte, sobald er durchlaufen wollte. Und so geschah es, nicht ein Tropfen Blut benetzte ihn.
Als er sich umsah, erblickte er einen großen Raum. Schwarz wie die Nacht und ebenso schön und ruhig. Keine Spinnweben, keine Ratten, nichts war hier von all dem zu sehen, was ihn draußen verfolgte. Der Nebel hatte sich ebenso gelöst und führte seinen Tanz durch den Raum auf. Der Nebel zog umher als würde er etwas suchen, etwas verfolgen. Die Spur von etwas gelesen haben und dieser nun nachrennen. Währenddessen sah er sich weiter um. Die Wände glänzten, schimmerten und dennoch erhellten sie den Raum nicht. Nur ein paar Fackeln an der Wand gaben dem Raum sein schwaches Licht. Um den Raum herum schloss sich ein reissender, blutroter Fluss, - auch dort, von wo er kam. Erneut lies er seinen Blick schweifen und entdeckte ein Buch hinter einer Glasvitrine. Ein verbranntes Buch mit Blut benetzt. Er nahm die Glasplatte ab und legte seine Finger darauf. Es war fast so, als finge das Buch von Neuem an zu bluten als er es berührte, seine ganzen Finger, die es berührten, waren voll damit. Als er es ableckte schmeckte er, wem jenes Blut gehörte. Er hatte es schon einmal gekostet. Und dennoch trugen ihn seine Füße weiter. Weiter zu einer schwarzen Robe, auch sie war blutdurchtränkt. Er kannte die Robe. Es war die erste, schwarze Robe, die er damals tragen durfte. Es war ein Teil von ihm gewesen bis zur Hochzeit mit Tarja, also musste jenes Buch ihr Tagebuch gewesen sein. Langsam ging er weiter im Uhrzeigersinn des Raumes. Dort lagen zwei Ringe - verwunderlich, er hatte seinen bis eben noch getragen. Die Nebel umkreisten ihn erneut, wirbelten um ihn herum und sausten dann zu dem, was sie gesucht hatten. Er folgte. Vor den Treppenstufen blieb er stehen. Erst nach ein paar Herzschlägen ging er die Stufen hinauf.
'Komm, komm zu mir. Ich warte auf dich!' 'Komm, beeile dich. Komm, komm, ich sehne mich nach dir!' - Die flüsternden Worte in seinen Ohren waren in dem mehr als stillen Raum wie Geschrei in seinen Ohren. Geflüster, das langsam zu schmerzen begann umso höher er kam. Und dann sah er sie. Seine Frau. Pechschwarze, lange Haare umgaben ihre blasse Haut. Die sonst so großen, mandelförmigen Augen waren geschlossen und die schwarzen, langen Wimpern umgaben ihre zarten Lider. Die sanft gezogene Nase wurde von einem schwachen Lichtstrahl umspielt und auch ihre sanft gezogenen und geschwungenen Lippen waren blass wie der Rest ihres Körpers. Das Amulett um ihren Hals glänzte und schimmerte, zeichnete sich deutlich von dem schwarzen Kleid ab, welches ihren Haaren sehr glich. Es hatte sich an ihren Körper geschmiegt, als wäre es ihre zweite Haut. Feine Seide, so fühlte es sich zumindest an. Die drei Narben auf ihrer rechten Schulter leuchteten förmlich rot in dem schummrigen Licht. Sanft strich er ihr eine Haarsträne aus dem Gesicht, die Stimmen waren längst verschwunden als er bei ihr stand. 'Meine Schöne..' seine Hände wanderten über ihr Gesicht zu ihren Schultern und ihrem Hals hinab. So schön schmal und lang war ihr Hals, mit einem Griff hätte er sie leicht erwürgen können, so ruhig wie sie da schlief. Aber warum sollte er sich das nehmen, was er geheiratet hatte? Ein vorsichtiger Kuss sollte sie aus ihrem Schlaf reissen. Und wohl wahr, sie schlug ihre Augen auf. Die hellen, eisblauen Augen strahlten ihn an, ein kurzes, sanftes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht.

'Ich habe dir gesagt, ich entführe dich in eine andere Welt ...'
Tarja Lycron

Beitrag von Tarja Lycron »

Neuer Tag, neues Glück - oder wie sagte sie so schön: Neuer Tag - neuer Traum. Es war vielleicht auch eine kleine Übung für das, was bevorstehen würde. Bald würde sie die Krallen ausfahren und auf Beutezug gehen. Wen es erwischen würde war fraglich. Ihrem Liebsten jedoch würde sie nichts antun, was würde ihr das schon bringen? Stattdessen streichelte sie ihm die Haare aus der Stirn und beobachtete ihn beim Schlafen. Oh schöne Nacht, vor deinen Augen hüll ich mich in deinen Mantel...! Sanft schloss sie ihre Augen, die Hände sackten langsam seinen Hals hinab und kamen vor ihm auf dem Laken zum ruhen.

Leise Schritte... Pochend. Schmerzend.
Die Stimmen überall.
Und dennoch leise Schritte, die sich aus der Menge herauskristallisieren.
Aus den Augen. - Aus dem Sinn.
Und da - Schritte. Leise, als wolle man niemanden wecken.
Zu leise, zu bedacht. Zu auffällig für den, der sie kannte.
Ein kurzer Augenblick.
Windhauch, Windhauch. Stürmische See.
Der salzige Duft in der Luft.
Schwarz wie die Nacht, am helligsten Tage.
Ein Versteckspiel in der Menschenmenge.
Um ihn auf eine Fährte zu locken.
In eine Falle zu zerren.
Schnapp.
Damit sie zuschnappt und im Inneren das gefangen hält, wonach man lange suchte.
Schreie. Gesang für Beider Ohren.
Flüche. Liebkosungen für ihre Sinne.
Schmerzen. Extase ihrer beider Werke.
Blut und Tod - das Finale ihrer Wünsche.
Menschen, die sterben.
Durch die Hand der Beiden.
Menschen, die verbluten. Menschen, die leiden.
Menschen, - ohne Kraft. Menschen - ohne Lebenssinn.
Menschen, die sie beide nicht groß achten.
Tod, der Tod kommt immer.
Ein Spiel. Mit bitterem Ende.
Tarja Lycron

Beitrag von Tarja Lycron »

So friedlich lag er neben ihr. Die Schatten warfen ihre Zeichnungen auf die blasse Haut. Die bläulichen Haare schlängelten sich seinen Hals hinab und zeichneten jenen noch viel schöner, als er je gewesen war. Sanft legte sie ihre Hand auf seine Wange, die Fingerspritzen verirrten sich in seinen Haarspitzen, die sie zaghaft zur Seite zog, um sein Gesicht freizulegen. Die Wimpern, welche aufeinanderlagen, zeichneten sich im sachten Kerzenschein ab. Ein kurzes Schmunzeln überkam ihre Lippen. Diesen Mann und keinen anderen hatte sie zu ihrem Mann genommen ... und sie würde ihm einen Traum schenken. Einen schönen Traum ... auch, wenn er ihn schon längst gelebt hatte.

In seinen Träumen tanzte ich im Mondlicht,
Und die Sterne standen glitzernd überm Strand.
Er sah mich fiebernd und in Flammen,
Nie wieder hab ich so gebrannt.


Die dunklen Haare fielen über ihre Schulter hinab. Es war das erste Mal, dass sie in dem Haus saß. Um sie herum war Nebel, als würde sich der Fokus nur auf sie legen wollen. 'Schleppt ihr eure Schülerinnen öfters hier her?' Als Antwort bekam sie nur ein kurzes Schmunzeln, welches sie deuten konnte, wie sie wollte. Die Antwort würde ihr wohl noch eine Weile verborgen bleiben. Und doch sah sie ihn an und er betrachtete sie. Versuchte er, ihre Gedanken zu lesen?
Zeitsprung. Er sah sie noch immer an, doch hatten sich die Seiten gedreht.
Sie sah ihn an, ihre Stimmen hatten sich deutlich gesenkt. Es waren Momente, die sich so schnell nicht wiederholen würden - dachte sie. "Wo liegen deine Grenzen, Tarja?" Er war ihr Lehrer, sie war seine Schülerin. Es war ein großes Geheimnis, dass sie sich so oft getroffen hatten. Wenngleich auch nichts dahinter war. Ihre Grenzen ... Natürlich hatte sie sich ihre Grenzen gesetzt. Und doch übertrat sie jene an diesem Abend. Die erste Berührung seines Armes, Fingerspitzen die sich in sein Fleisch bohrten und sich zu ihm zogen. Ein Haaresbreit zwischen ihren Lippen. "Tu es!" Und sie tat. Sie legte ihre Lippen auf die seinen. Ein Moment, der für die Beiden eine Weile andauern sollte, ehe sie ihre Lippen langsam wieder von seinen löste. Selbst wenn er den Kuss erwidert hatte zog sie zurück und ging. Seine Schülerin, so schmal und zerbrechlich wie sie wirkte. Es war für sie ein Moment, ein einziger. Auch, wenn in ihr alles kribbelte und sie am liebsten geblieben wäre - es war ein Moment gewesen. Ein einziger Moment.
Zeitsprung. Sie drehte sich und drehte sich und sie hatte das Gefühl, er sah ihr dabei zu. Doch dann riss sie sich aus den Phantasien und ging die Treppe hinauf. Und rannte in seine Arme. Ein komisches Gefühl, wie sie da stand und nicht wusste, was sie sagen sollte. So etwas sagte man nur unreifen, pupertierenden Mädchen nach. Fühlte sie sich so? Nein - und doch. Es war etwas in ihr, was sie so nicht kannte. Der Gedanke an den Kuss brannte sich wieder in ihre Erinnerung. 'Nur ein einziger Moment, Tarja'. Sie riss sich zusammen. Und dennoch blieb es nicht bei jenem einzelnen Moment.



Komm mit mir, ich bin der Regen,
Komm mit mir, ich bin der Wind,
Komm mit mir, ich bin das Feuer,
Darfst nicht zögern, komm geschwind!

Ich bin hier, Dich zu erlösen,
Ich bin hier, um Dir zu zeigen,
Welche Wege sich verzweigen
Und wohin die Reise geht.


Sie berührte seine Wange erneut. Wie ruhig er schlief. Keine Bewegung ging von ihm aus, einzig allein das Heben und Senken seines Brustkorbes verriet, dass er noch im Diesseits war. Dann schloss auch sie letztendlich die Augen, um selbst ihren Auftritt in seinen Träumen zu haben.
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