Die Türe fiel leise ins Schloss und hinterließ in dem ruhigen Raum einen kurzen Hall des Klickens. Jisbert sah aus seiner Ecke auf, in der er sich zusammengerollt hatte, blinzelte einige Male müde und gähnte ausdrucksstark, um zu demonstrieren, dass sie zu spät nach Hause gekommen war. Sie sah sich einmal kurz um, ehe der Rücken sich gegen das Holz der Türe presste und sie langsam hinabglitt. Automatisch umklamerten die Hände die Knie und der Kopf dotzte gen des Holzes der Türe. Die Augenlider schlossen sich, tief wurde die Luft ein und ausgesogen. Einatmen....Ausatmen....Einatmen....Ausatmen....
Der Abend flirrte ungeordnet in ihrem Kopf umher, zeigte Bilder, Gesichter. An einem Gesicht blieb der Gedanke hängen, konnte sich nicht losreissen.
Temora gib mir Kraft,
Temora gib mir Stärke,
Temora schenk mir dein Licht,
um alles zu verstehen.
Sie wusste nicht, welches der vielen Wörter, die auf sie einprasselten, sie dazu bewegen ließen; sie wusste nur noch, wie die Finger den Kelch umgriffen hatten, wie die Flüssigkeit kreisförmige Muster schlug und verlockend der Duft in ihre Nase gestiegen war.
Vielleicht war es einfach die Hoffnung, dass es richtig war; vielleicht war es einfach der Wille, sich wieder an einem Strohhalm festzuhalten und daran zu glauben. Es war doch schließlich nur Wein! Ein einfacher, stinknormaler Wein! Eine Flüssigkeit, die aus Traubengärung hergestellt wird, mühevoll und jahrelang in Fässern liegen muss, um sein volles Aroma zu entfalten! Ein Schluck würde niemanden umbringen...
Nein, das würde er nicht.
Aber er ließ Bilder erscheinen, ließ immer und immer wieder den Gedanken an damals aufblitzen. Der Krug, der umher ging....was wäre geschehen, wenn sie nicht zu viel getrunken hätte? Wäre sie heute dann hier? Eher nicht.... sie würde in ihrem Dorf sitzen, vor einer kleinen Feuerstelle und darauf harren, dass der nächste Tag beginnt, um jenen auf dem Feld zu verbringen oder im Haus. Vielleicht hätte sie auch bereits ihr erstes Kind...bei dem Gedanken röteten sich die Wangen und ein verlegenes Lächeln huschte über die Lippen. Langsam öffnete sie die Augen und sah sich um.
Nein, sie war nun hier, auf Gerimor, in Varuna. Sie hatte ein Haus und sie hatte einen Ort, an dem sie gebraucht wurde. Sie diente im Glauben, hatte sich entschieden für ein Leben mit der Klinge. Unwillkürlich musste sie daran denken, wie ihr Vater wohl reagieren würde, wüsste er, dass sie nun ein Schwert trug. Würde er sie verlachen oder sie im nächsten Moment verprügeln wollen?
Nachdenklich fuhr die Hand in den Nacken und rieb einmal darüber, ehe sie in mitten in der Bewegung verharrte und rasch die Hand wieder um das Knie glitt. Sie sollte sich wirklich dringend diese alte Gewohnheit abgewöhnen, da hatte das Fräulein Recht.
Langsam stemmte sie sich auf, fuhr sich mit den Händen über den Stoff und sah sich noch einmal um. Sie würde nie wieder ihr Dorf sehen, das war ihr bewusst. Jedoch keimte nun eine Frage in ihr auf, die sie sich nie zuvor gestellt hatte: Wollte sie das überhaupt? Würde sie je wieder diese kleine Siedlung sehen wollen, mit all den Leuten, die so anders nun dachten als sie selbst? Sicher, sie vermisste die Schwester, sehnte sich sogar nach den Brüdern, die sie so hassen mussten...aber sie hatte bisher nicht einen Gedanken an das Dorf, an deren Bewohner verschwendet. Wieso auch? Dort gab es nichts zu vermissen...ausser man hatte wirklich Spaß an Feldarbeit und Kerlen mit blöden Sprüchen.
Langsam löste sie den Zopf und schritt nach oben.
Am nächsten Tag würde sie den ersten Schritt wagen...sie würde ihren Namen ohne Scham tragen.