Welch ein Geniestreich!

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Der Erzähler

Welch ein Geniestreich!

Beitrag von Der Erzähler »

Die Kinder waren bereits im Morgengrauen quengelig gewesen. Während sein Ältester, der mit seinen acht Jahren eine rechte Landplage geworden war, lautstark liebevolle Kosenamen in sein Ohr brüllte, zerrte die kleine Arrja an der wohlig warmen Deckenschicht, die ihn und seine Frau vor der scharfen Kälte des Wintermorgens schützte. Das murrende Seufzen an seiner Seite versprach für diesen Tag nichts Gutes, er wusste wie sehr sein Weib es hasste, zu dieser Stunde bereits aus ihrem Nest vertrieben zu werden. Dieser Winter war aber auch wirklich bitterkalt. Wenn sie das Feuer in ihrer kleinen, aber sorgsam imstand gehaltenen Hütte über Nacht ausgehen ließen, bildete sich eine dünne Eisschicht in den Waschkrügen. Es war wesentlich angenehmer, zu zweit in der einander gespendeten Wärme zu dösen und kleinen Tagträumen nachzukommen. Diesen Sommer würde er einen zweiten Raum an ihre Hütte anbauen, dann hätten die Kinder ein eigenes Reich. Und jetzt, wo das dritte unterwegs war...

"Mami, Mami, Mamiiiiiiiiii." Nun flötete auch noch Arrja mit ihrer hellen Stimme gnadenlos in ihre Traumwelt, um die vermeintlich schlafende Sirra zu wecken. "Mamiiiiiiiiiiiiiiii!" Ein unheilvolles Grollen drang unter den Decken hervor und er beschloss, die Notbremse zu ziehen.
"Ho, Eliah, Arrja! Was haltet ihr davon, draussen einen Schneemann zu bauen?" Beide Knirpse erstarrten und sprangen dann wie wildgewordene Gummibälle auf und ab. "Aber vorher zieht ihr die Mäntel und festen Schuhe an!" Seine mahnenden Worte gingen unter, denn was er an weisen Worten bereit hatte, wurde bereits im Eiltempo von Eliah umgesetzt. Äußerst hilfsbereit warf er seinen kleinen Schwester den Stoffberg ebenfalls über und zerrte solange, bis nur noch ihre rot gewordenen Backen und die blitzenden Augen über waren. "Fertig!" Verkündeten beide und stürmten bereits nach draussen, einen Schwall noch kälterer Winterluft in den Raum einlassend. Dennoch ließ er sich mit einem zufriedenen Seufzen zurücksinken. Ein Geniestreich! Die Kinder waren nun für einige Zeit beschäftigt und er konnte...

"Machst du Feuer?" Klang es verschlafen neben ihm unter den Decken hervor. "Das Kleine friert."
Er unterdrückte im letzten Moment ein bedauerndes Seufzen. Wie es schien, hatte sein Weib bereits entschieden, dass es für ihn Zeit war aufzustehen. Mit einem Frösteln stieg er aus dem Bett und in die dicken Winterkleider. Seine Finger waren klamm geworden und er rieb sie wild aneinander, während die Atemluft im Dämmerlicht des Morgens in kleinen Dampfwolken empor stieg. Es war allerdings nicht mehr so dunkel wie in den tiefsten Wintermonden, wie er mit einem abschätzenden Blick nach draussen feststellte.
Mit geübter Hand entzündete er in der Feuerstelle aus der Glut ein behaglich prasselndes Feuer, während aus dem Bett wieder gleichmässige Atemzüge drangen und er von draussen das glückliche Geschrei der Kinder hören konnte. Natürlich war aus dem Bauen des Schneemanns eine veridable Schlacht geworden.

Es krachte, als einer der Schneebälle sein Ziel verfehlte und gegen die hölzerne Wand donnerte. Unvermittelt fuhr Sirra wie ein Racheengel mit verzaustem Haar aus den Decken empor, während draussen Stille einkehrte, gefolgt von eilig trappelnden Füssen. Bevor das Unheil losbrach, schritt er ein und versprach die Übeltäter einzufangen. Ein Blick vor die Tür verriet ihm ihre Flucht, nur noch ein wildes Muster aus kleinen Fußspuren war in der dünnen Schneeschicht zu erkennen. Er stapfte hinaus, sich frierend umblickend. Wo waren diese Bengel nur? Eine Runde um das Haus brachte keine weiteren Ergebnisse, nur eine frohe Botschaft: Der Schnee begann zu schmelzen. An der hinteren Holzwand drängte sich ebenfalls frierend die erste Blume, der Bote eines zaghaft heranschleichenden Frühlings. Vielleicht würde der Anblick Sirras Laune heben, und so pflückte er die Schneerose. Die helle Blume, mit ihrem zarten Schimmer von Rot, zwischen den Fingern, stieg er nun auf den kleinen Hügel hinter ihrer Hütte.

Da! War das ein leiser Schrei gewesen? Er beschleunigte seine Schritte, plötzlich von Angst ergriffen. Dort hinten verlief ein kleiner Bach, der den Kindern im Sommer zur Abkühlung diente, im Frühjahr durch die Schneeschmelze allerdings gefährlich anschwoll. Mit hastigen Schritten folgte er den Fußspuren, die in der Dämmerung nur schwer zu sehen waren. "Nein..bitte nicht..bitte.." Er konnte das Rauschen des Baches bereits hören, ein konstantes Geräusch, wild und unzähmbar. Die letzten Schritte lief er, rannte so schnell seine Beine ihn trugen. Aber am Ufer des rauschenden Bächleins waren nichts als plötzlich endende Fußspuren zu sehen.

Die Blume, der verheissungsvolle Vorbote auf sprießendes Leben und Erneuerung, fiel aus seinen Fingern hinab und blieb reglos im Schnee liegen.
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