Die schmächtige, blonde Gestalt auf dem Achterdeck der „Niola“ war sehr beschäftigt. Zum einen versuchte sie, sich so fest an der Reling festzukrallen, wie es die dünnen, nicht sehr verlässlich wirkenden Finger erlaubten. Nicht, dass es außergewöhnlich starker Seegang an diesem Tage wäre, doch die „Niola“ war auch kein allzu großes Schiff, und so war das Schaukeln auf den unregelmäßigen, windgepeitschten Wellen für die Blonde genug, um ihr das bloße Stehen ohne eine Stütze völlig unmöglich zu machen.
Die zweite Beschäftigung bestand darin, die vor einigen Stunden so mühevoll eingenommene Hühnersuppe bei sich zu behalten – nachdem sie ihr Magen an den vorangegangenen Tagen gezwungen hatte, die meiste Zeit in der kleinen Kajute bei einer äußerst undamenhaften Beschäftigung zu verbringen, war Meredith sehr darauf bedacht, die nunmehr eingetretene kleine Zustandsbesserung auch zu halten.
Ein dritter Punkt, von dem die Aufmerksamkeit der jungen Frau schließlich ebenso gefesselt wurde, war der sture, doch bislang nicht sehr erfolgreiche Versuch, ein halbwegs anständiges Gebet zustande zu bringen. Jeden Tag; so hatte es sie seine Gnaden Esbath gelehrt, so war es ihr mit der Zeit zum Bedürfnis geworden. Nun aber hatten sich die Folgen des Schlafmangels, die drückenden Kopfschmerzen und die ständige Übelkeit zusammengetan und hinderten den sonst so verlässlichenVerstand daran, auch nur zwei durchdachte Sätze zusammenzubekommen, ließen alle Worte, kaum gefunden, gleich unstetem Herbstlaub sofort wieder hinfortflattern.
So stand sie da also, mehr schlecht als recht auf unsicheren Füßen balancierend, die blasse Nase auf Erleichtertung hoffend im Wind, und murmelte Fetzen von ehemals klaren Sätzen vor sich her – bis eine fremde, heisere Stimme sich pietätlos in ihren Aufmerksamkeitsbereich drängte.
„Fräulein Remoe auf ein Wort!“
Das Mädchen drehte sich um, mit einem erzwungenen, recht unüberzeugend wirkenden Lächeln den Blick auf den Störenfried heftend; der Kapitän der „Niola“ höchstpersönlich, ein untersetzter, dicklicher Mann mit bereits vollständig ergrautem, schütterem Haar und einem ungewohnt nervösen, gar verlegenem Ausdruck auf den sonst jovial-ruhigen Zügen. Kaum des Blickes gewahr, räusperte er sich, um sodann in unheilsschwangerem, fast dramatischem Ton fortzufahren.
„Es gibt ein Problem Fräulein Remoe. Mit Eurer Bagage.“
Schweigen trat nach der vielsagenden Verkündung ein, die kleinen, wachen Augen des Mannes huschten unsicher zu den Seiten hin und her. Drei, vier Herzschläge vergingen, ehe Meredith die von ihr erwartete Rolle klar wurde, und sie ergeben nachfragte.
„Welches Problem denn?“
„Es...geht um Folgendes,“ fuhr der Gegenüber sogleich fort. „Wir werden wohl in wenigen Stunden Bajard erreichen...unseren Zielhafen also. Nun seht Ihr, wir führen hauptsächlich Handelsware mit, und haben nur einen Laderaum. Wir bereiten vor der jeweiligen Ankunft also immer das Gepäck der Passagiere vor, schleppen es nach vorne...damit es vor der übrigen Ladung vom Schiff kommt, Ihr versteht?“
„Ja..ja ich verstehe.“ Meredith nickte, vorsichtig, um den Magen nicht mit unbedacht schnellen Bewegungen zu neuerlichen Eskapaden zu reizen, und bemühte sich um einen möglichst geduldigen Blick. „Und wo ist nun...das Problem?“
„Das Problem...das Problem...“ Fast zerstreut wiederholte der Grauhaarige diese Worte, fuhr sich mit der pummeligen Hand nervös zum Gesicht, und nuschelte dann in schneller, verlegener Manier heraus. „Es ist nicht da, Euer Gepäck.“
„Wie? Nicht da..?“ Sie legte den Kopf schief, irritiert die Stirn runzelnd.
„Nun nicht da. Einfach nicht da! Seht Ihr Fräulein Remoe, manchmal...ach es war so ein Gedränge als wir ablegten. Und Ihr kamt ja noch so spät! Es ist wohl...in solcher Hektik können Dinge übersehen werden, wisst Ihr?“
„Übersehen...“ Nahezu tranceartig wiederholte Meredith das Wort, es dehnend, auf der Zunge hin und her drehend, bis ihr schließlich die Bedeutung des Gestammels klar wurde – eine erschreckende Erkenntnis, in schockiertem Tonfall ausgespuckt. „Ihr meint, meine Bagage wurde zurückgelassen?!“
Der Kapitän wich unwillkürlich ein Stückchen zurück, atmete sodann durch und versuchte sich, um Wiedererlagung eines würdevollen Aussehens bemüht, etwas aufzuplustern.
„Ja, zurückgelassen Fräulein. Aber habt keine Sorge, ich werde gleich bei Ankunft einen Brief an den Hafenmeister verschicken, und Euer Gepäck wird mit dem nächsten Handelsschiff nach Bajard verbracht werden. Kostenlos, selbstredend!“
„Mit dem nächsten Schiff...wann wird das sein?“ Etwas gepresst erklangen die Worte, indes die dunklen Augen des Mädchens unwillkürlich etwas schmaler wurden.
„Drei, vielleicht vier Wochen, nicht mehr, dann habt Ihr es wohlbehalten wieder. Darauf mein Wort!“ Er stockte, des sichtlich köchelnden Blickes der Blonden gewahr werdend, und setzte schnell nach. „Ich darf Euch mein tiefstes Bedauern ob dieses Vorfalls kundtun, Fräulein Remoe. Mein allertiefstes!“
Das Fräulein atmete durch. Noch mal, und noch einmal, ganz so, wie es seine Gnaden gesagt hatte. Dem Zorn nicht nachgeben...durchatmen. Durchatmen. Einige Momente lang dauerte das zähe Ringen mit sich selbst, bis schließlich der Verstand den Kampf gewann, den kleinen Klumpen Zorn sicher im Magen verschließend, und Meredith sich ein angespanntes Lächeln abringen konnte.
„Es ist...schon gut. Ich werde mir solange einfach einige Übergangssachen kaufen.“
„Wunderbar...wunderbar. Dann störe ich nicht weiter Fräulein Remoe, seht ähm...seht Euch nur weiter die See an.“
Kaum waren die Worte gesprochen, eilte der Kapitän auch schon mit aller Geschwindigkeit, die seine kurzen Beine aufzubringen vermochten, übers regennasse Deck davon, froh, die Angelenheit so schnell „geklärt“ zu haben.
Einige Momente lang sah ihm Meredith nach, die raspelkurz geschnittenen Fingernägel ins Holz der Reling gekrallt, ehe sich eine kleine, spitze Stimme spöttelnd in ihrem Kopf meldete.
Übergangssachen kaufen? Von welchem Geld? Sicher hatte sie einen angemessen gefüllten Geldbeutel dabei, doch für den sofortigen Kauf einer – wen auch behelfsmäßigen – Garderobe war das kaum ausreichend. Na herrlich...
Schnell ging sie im Kopf durch, was sie denn sonst besaß, gerettet durch den glücklichen Umstand, in ihrem Handgepäck gelandet zu sein. Einige Kleiderstücke zum Wechseln...eine warme Wollrobe, von Frau Mama persönlich gestrickt. Dazu die wenigen, doch wichtigen Kleinigkeiten, die einer jungen Frau tagtäglich ein sauberes, gepflegtes Aussehen verschaffen konnten. Schließlich zwei Bücher, von seiner Gnaden Esbath persönlich mitgegeben – eine Arbeit über die sieben hohen Tugenden, und ein altes, abgegriffenes Gebetsband.
Nun...das Wichtigste hatte sie also noch, so schloss Meredith die Überlegungen. Sie würde nunmehr eben täglich ihre Kleider reinigen müssen. Und dann...dann würde sich vielleicht eine Lösung finden. In drei, vier Wochen würde die unangenehme Lage sich sowieso verflüchten, so der Kapitän nicht gelogen hatte.
Ein abschließendes, festes Nicken, an sich selbst gewandt, dann wandte sich die junge Frau um, balancierte schwankend übers Deck. Es wurde Zeit, sich auf die Ankunft vorzubereiten.
Erstens kommt es anders...
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Meredith Remoe
Erstens kommt es anders...
Zuletzt geändert von Meredith Remoe am Samstag 12. Januar 2008, 23:32, insgesamt 1-mal geändert.