Nur ein Tropfen Blut

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Velvyr´tae

Nur ein Tropfen Blut

Beitrag von Velvyr´tae »

Der Wilde, hinter die schmierigen Gitter der schwarzen Zellen gepfercht, faszinierte sie. Klein, schmal und von so kindlicher Naivität, dass selbst ein gerade entwöhnter Säugling die Welt in ihrer grausamen Wahrheit klarer wahr nahm. Sie hatten ihn auf der Jagd gefunden - er, vertieft in ein schlichtes Ritual über dem Tier, wessen Fleisch er zum Leben benötigte, sie ebenfalls auf der Suche nach Fleisch und Blut. Doch waren ihre Motive so völlig unterschiedlich...sinnierte die Lethra, die vor den Gitterstangen (oder dahinter?) stand, das Opfer betrachtend. Sie sah ihn ihm kein Wesen, keine Existenz die zu denken vermochte, oder innerhalb der Wertmaßstäbe ihres Volkes einen Platz finden konnte. Es waren diese einfachen Wahrheiten, die den Kindern der Letharen so oft, und mit so brachialer Gewalt eingedrillt wurden. Eine schlichte, und darum so herrliche Vision: Einst würden die Letharen herrschen, die Sieben an ihrer Spitze und der Panthergott thronte über Allem. In einer solchen Wüste würde kein Platz für Menschen sein. Sie waren Werkzeuge, nützlich...und doch: So faszinierend. Wie funktionierten diese Wesen, die Gefühl nicht als störend und hinderlich empfanden? Die sich der Natur zu nähern versuchten, wie ein Tier in ihrem Kreislauf zu existieren? So anders..so krankhaft..und so unendlich anziehend.

Die Lethra verlagerte ihr Gewicht, ihr neuestes Spielzeug weiter aus tiefgrünen Katzenaugen fixierend. Man hatte ihr bislang nicht gestattet, den Wilden zu prüfen, ihn auf seine Aufgabe vorzubereiten. Diese Ehre würde anderen zuteil werden. Sie durfte ihn lediglich beobachten, verunsichern, sollte sich die Möglichkeit bieten. Doch bislang hatte er sich in tiefen Schlaf geflüchtet, unruhig zwar, doch immer noch in trügerischer Sicherheit vor der Realität. Sollte er nur Kraft schöpfen, er würde sie benötigen, wenn er durch Metall und Feuer, durch die Disharmonie geläutert wurde. Es war ein schmerzhafter Vorgang, eine Qual, die sie selbst kennen gelernt hatte. Der Lethyr Syrr'ael war immer ein genauer, ein sinniger Beobachter gewesen. Seine bernsteinfarbenen Augen schienen direkt durch alle Widerstände hinab in die Abgründe der Seele zu blicken, entrissen ihr gnadenlos die tiefsten Geheimnisse. Seit jene Visionen, jene Bilder ihn heimsuchten jedoch...manchmal schien es, als hätte er eine Hülle abgeworfen, eine Hülle die nicht ihn, sondern seine Umgebung schützte. Wo er zuvor gnadenlos gewesen war, schimmerte nun der Wahnsinn jener Wesen durch, die ihren Geist einer unbarmherzigen Macht öffneten. Sah er einen an, war man nicht mehr als Vieh. Nützlich, je nach Fähigkeit. Und doch nur Staub unter den Pranken des Einen. Sie verspürte immer wieder den Drang, zurückzuweichen, denn oft genug hatte sie seinen Zorn gespürt. Wie mussten diese Pantheraugen auf den Wilden gewirkt haben? Die kühle, neugierige Distanz, die ihn musterte wie ein schillerndes Insekt, passend für die Sammlung.

Oh ja, sie gierte danach, dass er aus den Untiefen des Schlafes zurückkehrte. Er mochte die Sprache der Menschen nicht verstehen, andere Verständigungsmöglichkeiten funktionierten jedoch auf elementarer Basis. Ähnlich, wie die Situation mit diesen Menschenweibern verlaufen war, die sich Gefährtinnen des Waldes nannten. Man hatte den Zorn des Lethyren beinahe riechen können, als sie es wagten, die "Einholung" des Opfers zu unterbrechen, Forderungen zu stellen. Man musste ihnen Mut zugestehen, den Einsatz beinahe bewundern..und doch war es verschwendete Energie. Wieder zeigte sich, welch verderblichen Einfluss die Hilfestellung für Schwache ausüben konnte. Wenn dieser Wilde nicht imstande war, sein Leben zu schützen, warum sollte er weiter existieren? Und doch verhandelten diese Frauen um sein jämmerliches Leben, welches in seiner Fehlgläubigkeit nie mehr als eine schlichte Existenz sein konnte. Es war reizvoll gewesen, sich mit ihnen zu messen, ihre Fähigkeiten auszuloten. Wie weit würde ihr Mut reichen? Wie weit gingen sie für diesen Wilden, der ihnen nicht einmal bekannt war...wieviel opferten sie für die abstrakte Idee des Schutzes der Wehrlosen? Wieviel es auch gewesen sein mochte, diesmal waren es die Kinder des Einen, die siegreich mit ihrem Opfer die Insel verließen. Ein mit Blut und Schmerz erkämpftes Opfer war umso wertvoller.

Ihre Lippen schwangen sich zu einem zufriedenen, abgründigen Lächeln. Bis er von Leid und Schmerz erlöst wurde, würde er die Gebote Alatars kennen lernen. Der Pfad des Schmerzes breitete sich vor ihm aus, eine endlose Wüste.
Ty´xare

Beitrag von Ty´xare »

Ihre malvenfarbigen Augen schlossen sich für einen Moment.
Der Tag hatte begonnen wir jeder andere, und geendet wie keiner zuvor.
Jener Verlauf war nicht zu erahnen gewesen. Die Gedanken der jungen Lethra schweiften zum Beginn des Morgens zurück.


Zwei Stufen auf einmal sprang sie die Treppe herunter, um den Weg vom Tempel hinter sich zu lassen. Sie hatte sich wie immer pünktlich beim Praetor einzufinden, der schon auf sie wartete. Wie jedes Mal hatte sie, nach der Messe zu Ehren des All-Einen, den Tempel aufgeräumt und gesäubert. Nun konnte sie den weiteren Pflichten nachkommen die noch auf sie warteten. Ty’xare hatte nur noch wenig Zeit, es sollte gerade ausreichen um andere Kleidung überzustreifen. Gerade als sie aus ihrer Schatulle noch einige Utensilien herausholen wollte, bemerkte sie ihre Brüder hinter sich.

Nach der formellen Begrüßung sah sie, wie auch der ehrwürdige Meister zu ihnen trat.
Ihre Augen klebten förmlich an seinen Lippen als er den Plan darlegte, der für den heutigen Tag angedacht war. Und als wäre dies noch nicht genug, so sollte sie auch noch eine besondere Gelegenheit erhalten. Die junge Lethra hielt ihr Gebetsbuch fest an sich gedrückt. Heute sollte sie Gelegenheit haben ihrem Herrn zu zeigen, dass sie des Weges würdig war, der ihr vorbestimmt zu sein schien. Nachdem ihre Kleidung auf Tauglichkeit, von den scharfen Augen des Letharfen geprüft wurde, konnte auch sie sich anschließen. Die Letharentruppe war zum Aufbruch bereit. Das Gelingen des Planes stand für Ty’xare außer Frage, so diente es doch dem All-Einen und ihm zu ehren.

Langsam öffnete sie wieder die Augen, und besann sich auf ihre nächste Aufgabe.
Ty´xare

Beitrag von Ty´xare »

Die Messe
Schatten senkten sich auf den Altar, der silbrig im Feuerschein funkelte. Kleine Schüsseln mit merkwürdig riechenden Dingen bildeten einen Kreis um ein glühendes Kohlebecken in der Mitte des Tempels. In der neunzehnten Stunde dieses Tages, war es Ty’xare endlich gelungen die Utensilien bereit zu stellen. Stunden hatte sie Schriftrollen, und Pergamente studiert um sich auf dieses Ritual vorzubereiten.
Sie wusste um die Wichtigkeit dieses Abends, und hatte keine Mühen und Kosten gescheut um alles Nötige zu besorgen. Die Messe war heute von ganz besonderer Wichtigkeit, und zu einem ganz besonderen Anlass.

Mit diesem Bewusstsein wandte sich Ty’xare konzentriert wieder dem Altar zu.
Alles musste gelingen, denn es sollte zu Ehren des Vaters, des All-Einen geschehen.
Aus diesem Grunde wollte sie heute kein riskantes Wagnis eingehen, was ihr Schicksal für immer prägen würde. Sondern sie würde sich haargenau an jene Zeilen halten die für eine solche Zeremonie vor Dekaden verfasst wurden.

Ihre Gedanken schweiften nun zum Verlauf des Abends, als ihr das Blut in den Adern zu stocken drohte. Einzig und allein dies Ding, konnte ihr nun einen Strich durch die Rechnung machen. Durch sein Gezappel und Gezeter konnte die ganze Zeremonie gefährdet werden. Wie konnte sie so blind sein. Doch auch dem wollte sie entgegen wirken.
Sie eilte zu den Zellen um dort dann auch prompt auf ihre Schwester zu stoßen. Gefolgt von einigen Brüdern, dem Lethorax und dem Erhabenen selbst.
Schon zu Anfang bemerkte die junge Lethra, das sie auf die gleichen Schwierigkeiten wie immer stoßen sollte. Sie war nur ein Weib. Diese Tatsache so schmerzhaft sie auch war, konnte Ty’xare weder verstecken noch leugnen. Stellte sich also die nächste Blockade in den Weg?

Mit eigenen Ohren hatte sie die ablehnenden Worte vernommen, mit eigenen Augen die Gesten gesehen. Konnte sie jemals in die Fußstapfen ihres Erzeugers treten zu Ehren des Vaters? Schnell schob sie die Gedanken beiseite denn nun sollte es endlich beginnen. Der Erhabene selbst begann die einleitenden Worte, seltsames Gefühl bereitete sich in ihr aus. Es fühlte sich an wie ein Zwischenspiel, Ehre, Hass, Respekt alles dies war in ihren Gedanken kurz vereint. Doch auch dies schob sie zur Seite, diese selbstsüchtigen Gedanken konnten dem Gelingen dieses Vorhabens nicht zuträglich sein. Allein der Vater wusste um ihre Treue.
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