Ein Wandel im Leben hatte man nicht allzu oft. Und wenn man letztendlich noch feststellen darf, dass jener Wandel schon immer auf die eine oder andere Weise da war, dann ist so etwas doch gleich doppelt so schön. Nie wieder kämpfen wenn sie sich und ihre Freunde nicht verteidigen müsste, ein ruhiges Leben führen und nicht irgendwelchen abstrakten Regeln unterworfen zu sein welche einem alles verbieten. All diese Dinge waren seit jeher Violas Meinungsbild gewesen und seit einiger Zeit wusste sie, dass diese Ansichten auch im Götterbild vorhanden waren und den Namen Eluive trugen. Viola hatte nichts Negatives an jener Göttin erkennen können, weder zwang man ihr etwas auf, noch verbat man ihr Dinge die sie gerne tat, und egal wie intensiv sie immer wieder nach dem Haken an der ganzen Geschichte suchte, es schien ihn einfach nicht zu geben. Vielleicht war es auch auf eine gewisse Art und Weise Ironie; sie, die immer gegen die Götter gewettert hatte, die immer Misstrauen den göttlichen Dingen gegenüber daherbrachte, hatte nun einen Bezug zu einer Gottheit und dass ohne Drängen oder Drücken. Jene Entscheidung war ihr selbst gekommen, und sie konnte jene auch wieder ablegen, so sie wollte.
Als ob jener Wandel nicht genug gewesen wäre, war da am Ende noch Lira. Das behäbige und lahme Pferd welches vor dem Haushalt von Elbenau angebunden war und das nun ihr gehörte. Mit Pferden verhielt es sich für Viola immer recht ähnlich wie zu den Göttern; sie misstraute den Tieren. Dies hatte allerdings eher praktische Gründe in der Vergangenheit, als sie beinahe von einem solchen Tier totgetrampelt worden wäre. Umso mehr war sie „überrascht“ gewesen als Darna ihr an ihrem Ehrentag jenes Pferd schenkte und sie somit dezent in eine Richtung schubste die ihr sagte: Lern reiten. Auch jenen inneren Schweinehund hatte sie bis zu einem gewissen Grad überwinden können, immerhin hatte sie sich Lira schon öfters genähert, ihr einen Namen gegeben, sie gefüttert und sie auch immer mal gestreichelt, aber ans Reiten hatte sie noch keine Sekunde gedacht; man sollte die Dinge auch ruhig und langsam angehen um es nicht zu übertreiben. Zu viele Neuerungen auf einmal waren ja sowieso nicht sehr gut für das Gemüt und der Gedanke dass sie auf dem Rücken jener Stute sitzen würde behagte ihr noch immer nicht so richtig, aber früher oder später würde sie sich schon dazu durchringen können.
Ja, man konnte durchaus von einem Wandel sprechen, denn so viele Dinge waren noch nie in so kurzer Zeit geschehen. Natürlich gab es da immer wieder Ereignisse die fast schon einen gewohnten Rhythmus hatten, der es scheinbar nicht wollte, dass Ruhe im Reich einkehrte, aber dieser Wandel überschattete für Viola selbst den damaligen Angriff auf Varuna durch jenen Drachen damals. Und da ein solcher Zeitpunkt nicht alle Tage kam, beschloss sie jenen zu begießen mit einem guten Schluck Met in der Bajarder Spelunke.
Irgendwie war sie ganz froh dass Darna noch unterwegs war, denn sie wusste wie wenig sie Bajard mochte und sie konnte auch ahnen wie sehr die Ritterin begeistert war, wenn sie wusste dass ihr Schützling in einer Stadt wie Bajard war. Doch jene Stadt war mit Abstand immer noch die Interessanteste von allen, gerade was die unterschiedlichen Leute betraf. Hier traf man wirklich jeden an, vom besoffenen Bauer über Mitglieder der Vereinigungen Lameriasts, sie alle saßen mal mehr oder mal weniger friedlich beisammen und tranken und dies machte es so interessant. Eigentlich war Viola schon richtig dankbar für die Neutralität Bajards, denn einen Ort wie jenen gab es nicht sehr oft.
Lameriast war recht ruhig, abgesehen von einigen Konflikten der Inselbewohner, die Reiche Rahal und Varuna lebten auch vor sich her wenn es mal grade keinen Krieg gab aber Bajard erlebte jeden Tag einen förmlichen Schock an Vielfalt und Interessensunterschieden.
Heute Abend schien es allerdings recht ruhig zu sein. Als Viola die Taverne betrat waren nicht viele Besucher zu sehen und bis auf zwei Krieger, die gerade ein Schwätzchen über ihre nächsten Ausflüge in die Labyrinthe von Koragh abhielten, war niemand in der Schenke.
Es machte sich kurz etwas Enttäuschung breit, wenn man sich schon vornahm etwas zu begießen, dann sollte auch wenigstens einmal jemand da sein der es auch mitbekommen konnte aber man konnte nun einmal nicht alles haben und so setzte sich Viola an einen der Tische und bestellte sich vier Flaschen Met. Der Abend war noch jung und der gute Honigwein machte ihrem Körper mittlerweile nicht annähernd so sehr zu schaffen wie er es noch vor einiger Zeit tat.
Die Ruhe in der Taverne hielt noch eine Weile an, doch nach gut einer Stunde schien sich das schlagartig zu ändern. Immer mehr Leute betraten den Schankraum, setzten sich an die Tische, bestellten sich Essen und Trinken und hielten ihre Gespräche ab. Allmählich begann sich die kleine Taverne mit Leben zu füllen und Viola kam das ganz gelegen.
Die unterschiedlichsten Personen hatten sich eingefunden und ein reges Stimmengewirr erfüllte das Gebäude. Viola selbst ließ den Blick umherschwirren, ein bekanntes Gesicht wollte sich unter all den Anwesenden jedoch nicht wirklich finden. Der Alkohol floss immer mehr mit der Zeit, die Wangen der jungen Frau waren mittlerweile in ein sachtes rot gefärbt und sie genoss die Atmosphäre um sich herum.
Dabei war er ihr auch aufgefallen. Jener junger Mann der am Tresen saß und aus einem Humpen trank, den Blick zur Seite zu seinem Sitznachbarn gelegt und mit jenem scherzend. Er wirkte recht ausgelassen und so wie es Viola auf den ersten Blick erkennen konnte, war er auch nicht allzu älter als sie selbst.
Seine Gestalt, sein Auftreten und das ausgelassene Gesicht, irgendwie fesselte es sie, zog sie bis zu einem gewissen Grad schon in ihren Bann und ab und an schien er auch umher zu sehen und das Mädchen zu erblicken. Natürlich waren es nicht mehr als flüchtige Blicke die sich beide zugeworfen hatten, doch dann trafen sich ihre Blicke für einen Moment lang.
Sie sahen sich gegenseitig in die Augen, nicht mehr als ein Bruchteil von Sekunden und doch hatte er ihr in eben jenem Moment zugelächelt. Und was tat sie? Ihn angestarrt und erst nach mehrmaligen Blinzeln hatte ihr Kopf registriert was sie da eigentlich tat und sich knallrot gefärbt. Sie sah schnell auf ihr Glas und doch hatte sie das Gefühl gehabt es wäre nur ein sachtes Lächeln als Antwort auf jene Reaktion gekommen; keinerlei Anzeichen von Spott oder Belustigung über ihr Verhalten.
Der Abend klang aus, viel getrunken hatte Viola nicht mehr. Sie hatte Darna schließlich mehr oder weniger versprochen nicht mehr so viel Alkohol zu trinken und so reichte es aus genug zu trinken, um sich dadurch etwas beschwipster zu fühlen.
Der junge Mann war vor ihr gegangen, zusammen mit seinen Freunden hatte er die Taverne verlassen, aber nicht ohne ihr noch einmal einen kurzen Blick zuzuwerfen. Viola hatte nur kurze Zeit nach ihm die Schankstube verlassen und schritt nun langsam und gemächlich den Weg in Richtung Heimat.
Es war schon irgendwie seltsam. Wann hatte sie jemanden das letzte mal so offen und so interessiert nachgeschaut? Es war sicherlich schon eine ganze Weile her und grade was die Männer anging hatte sie gewisse Vorurteile aufgebaut aber wen wunderte es auch, nachdem man sie zweimal hatte sitzen lassen ohne ein Wort und ohne eine Nachricht oder wenigstens ein „Lebewohl“.
Erst war es ein Tiefländer gewesen der von einem Tag zum anderen verschwand und seither nie gesehen wurde, dann ein junger Mann der bei ihr lebte und für den sie Gefühle hegte. Alle beide hatten sie ihr Herz erobert und waren dann fort gewesen, zurück blieb letztendlich ein gebrochenes Herz.
Und trotz allem, jener Mann hing ihr noch eine ganze Weile im Kopf nach und vielleicht würde sie ihn ja wiedersehen, vielleicht würden sie sich treffen und dann auch mal ein Wort miteinander reden. Sie musste kurz bei dem Gedanken lächeln wobei sie sich jedoch schnell wieder die Schelte gab. Sie wusste nichts über jenen Mann und bei ihrem Glück kam er aus Rahal, diente in der Garde und betete jeden Morgen zu Alatar dass er seinen Segen auf ihn geben würde.
Vielleicht war er aber auch nur ein einfacher Mann, vielleicht auch ein Adeliger der seinem tristen Alltag entkommen wollte? Wer wusste das schon? Sie jedenfalls nicht.
Als sie in der Ferne die dunklen Umrisse des Hauses von Elbenau sah, begann sie schon nach den Schlüsseln zu kramen. Es war doch später geworden als sie gedacht hatte und die anderen Hausbewohner waren sicherlich bereits am Schlafen, und daran sollte sich auch nichts ändern. Sie wollte gar nicht die Miene einer verschlafenen Savea oder Shaya sehen die am Ende vielleicht sauer sein würden dass sie so spät Nachts aus dem Schlaf geholt wurden, genug zu tun hatten sie tagsüber ja als dass sie einen geruhsamen Schlaf benötigen würden.
Mit einem leisen Knarzen drehte sich der Türschlüssel und als sie die Haustüre öffnete, musste sie erst einmal fix nach der kleinen Katze greifen, welche schon raus stürmen wollte. „Gelmira, nein! Keine Ausflüge heute Nacht!“ zischte sie leise zu der Katze die sich eher widerwillig von ihr hereintragen ließ. Aus der Bücherecke drang ein leises Schnarchen, Zyran war also auch am Schlafen. Die Tür links vom Eingang war auch verschlossen und Viola behielt sie wachsam im Auge als sie die Eingangstüre so leise wie möglich schloss, Savea und Shaya sollten schlafen.
Sie war gerade dabei die Treppen hinauf in den ersten Stock zu gehen, als ihr Magen fürchterlich knurrte. Notgedrungen machte sie einen kleinen Abstecher in die Küche, griff sich etwas Wurst und ein Stück Brot und stopfte sich beides in den Mund und kaute es schnell zurecht ehe sie ihren Gang nach oben antrat.
Hier waren ihre Schritte weitaus weniger vorsichtig. Darnas Zimmer war groß und auch wenn die Ritterin selbst im Schlaf so etwas Ähnliches wie eine Alarmglocke hatte, so hatte Viola mittlerweile die nötigen Kniffe drauf leise genug zu sein. Mit einem dezenten Knarzen öffnete sie die Tür in das gemeinschaftliche Zimmer von ihr und Selissa. Jene schlief ebenso, sie lag ruhig zugedeckt in ihrem Bett und schien ebenfalls so tief und fest im Reich der Träume versunken zu sein, dass Viola nicht übertrieben leise und vorsichtig sein musste.
Letztendlich schlüpfte sie aus ihren Klamotten, legte sich ins Bett und deckte sich zu. Der Alkohol würde schon bald seine Arbeit tun und ihr eine gehörige Portion Müdigkeit schenken und dann würde sie wohl wieder viel zu lange schlafen und die meisten der Hausanwesenden wieder sehr spät zu Gesicht bekommen.
Sie musste kurz Grinsen wenn sie daran dachte, wie sehr das Schicksal doch in ihrem Leben eine Rolle gespielt hatte. Von dem kleinen Mädchen dass mit ihrer Schwester von Daheim fortgejagt wurde, welches mit Wut, Hass und einer gehörigen Portion Egoismus und Kälte in den Straßen überleben lernte und letztendlich in einem Clan der Tiefländer endete.
Es war eine schöne Zeit gewesen, jenes Leben bei den Hinrahs und doch hatte sie immer mehr festgestellt dass dies nicht ihr Leben war. Dass sie nicht der Mensch war, der Dinge wie Traditionen über alles stellte, dass es sie wieder zurück in die Straßen einer Stadt gezogen hatte. Und doch, ab und an hatte sie immer wieder etwas Sehnsucht nach dem deutlich familiäreren Leben der Tiefländer und der Ruhe und Abgeschiedenheit der Natur.
In jenen Momenten dachte sie immer wieder darüber nach ihre Sachen zu packen aber am Ende ließ sie es, am Ende hielt es sie hier, bei Darna, bei ihrer Schwester, beim hektischen und chaotischen Alltag des Lebens im Haushalt. Jenes Chaos und jene Hektik war ein Teil von ihr geworden und so wie die Tiefländer für sie eine Familie waren, so war auch Darna ihre Familie geworden und jene wollte sie nie missen.
Alles war irgendwie anders gekommen als sie es sich gedacht hatte und sie wusste auch, dass dies wohl immer so kommen würde. Denn damals in den Straßen, als sie sich mit einem Hund um Essensreste gestritten hatte, hätte sie niemals auch nur im Traum daran gedacht jemals das Mündel einer Paladiness zu werden und ein „normales“ Leben zu führen.
Daher hatte sie sich dazu entschlossen alles auf sich zukommen zu lassen, die Dinge geschehen zu lassen wie sie nun einmal geschahen und letztendlich war dies wohl auch das Beste; denn wer konnte schon etwas am Schicksal ändern?
Sie ganz bestimmt nicht.