Wenn Engel grausam sind

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Soraya Lanar

Wenn Engel grausam sind

Beitrag von Soraya Lanar »

(...für Telos Agrion gepostet)

Wachsam beobachtete ich die blasse Schönheit. Noch immer hatte sie die Figur eines jungen Mädchens. Haltung gerade und Ausstrahlung majestätisch stand sie vor der mächtigen Eiche und wartete. Fest umschlossen meine Finger die Armbrust und lautlos legte ich an. Ein einziger Schuss und es hätte sich erledigt. Warum musste so etwas schönes von solch abgrundtiefer Bosheit sein? Nein, ich konnte es nicht. Ehrgefühl, Worte und noch einiges mehr banden mich und niemals hätte ich Vergebung gefunden. Sicher verstaute ich die Armbrust und trat zwischen den Sträuchern hervor. Den Kopf in alter Gewohnheit tief zu ihr geneigt drehte sie sich auf den Gruß nicht einmal herum. War ich es nicht wert? In diesem Moment wollte ich es wert sein, hätte einige Grundsätze über den Haufen geworfen um ihr wie früher Achtung abzuringen. Braungebrannt war die Hand die ich ausstreckte die seidigen Haare zu berühren doch dann drehte sie sich herum. Meine Hand verharrte in der Luft, ich wagte es nicht. Kalt und berechnend wie ich es verdrängt hatte musterten mich die verblüffend hellen Augen.

Eine spöttische Verneigung von ihr erfolgte die mit einem gewissen Hohn gepaart war ehe sie der Dreistigkeit die Krone aufsetzte und mir gezuckerte Worte entgegen hauchte. 'Seinen Segen mit dir Telos' Warum tat sie mir das an? Die Baronin wusste doch das ich es niemals über mich gebracht hätte mich von meinem Glauben abzuwenden doch rief meine Erwiederung zu Ehren der Lichtbringerin lediglich ein amüsiertes Funkeln in den Tiefen ihrer Augen hervor. 'Habt ihr meine Aufgabe erfüllt?' Direkt wie eh und je. Tief musste ich einatmen ehe ich den Kopf schüttelte und einige Schritte von ihr zurück trat. Unschuldig, zart und sanft wie ein Engel konnte sie überaus begehrenswert erscheinen doch kam das männliche Geschlecht selten in diesen Genuss. Heute jedoch zog sie die richtigen Fäden und ich sah zu den Abstand zu vergrößern. War es der umwerfende weibliche Duft der allen Frauen gegeben schien oder erlag ich einem ihrer komplexen Spielchen? Ein weiterer, tiefer Atemzug und ich schüttelte den Kopf abermals um ihn frei zu bekommen. Nein, es hatte keinen wert. Nun da die Baronin vor mir stand vermochte ich es nicht mich ihrem Einfluss zu entziehen. Nicht einmal viele Worte und Gesten brauchte sie und schon sank ich auf die Knie den Blick nicht gehoben. 'Es war mir nicht möglich euch zufriedenstellend zu dienen und es wird mir nicht möglich sein diese Aufgabe zu vollenden. Vergebt mir Hochgeboren.'

'Mir ist Heute nicht nach vergeben - Telos' Aus einem mir unersichtlichem Grund schmunzelte sie bei diesen Worten. Ob sie diese nun öfter gebrauchte oder schlichtweg schon zu hören bekam vermochte ich nicht zu deuten. Inzwischen hielt ich die Luft an und harrte aus in der Erwartung was da kommen würde. Kühl, trocken und überraschend samtig waren die Finger die mein Kinn anhoben und mich zwangen in ihre Augen zu sehen. Wahrlich, kein Vergleich zu der Hand einer Arbeiterin. Eine Puppe hätte die Frau ganz gut beschrieben die hier vor mir stand. Verführerisch, interessant, herrisch und wenn man sie nicht kannte durchaus als harmlos einzustufen. Nicht groß und kräftig war sie unscheinbar solange sie es wollte. Mir jedoch brach der Schweiß aus und ran die Stirn herunter was sie dazu veranlasste die feingliedrigen Finger zurück zu ziehen. Einzig der Blick hielt mich gefangen und die zart gehauchten Worte klangen in meinen Ohren nach. Setzte sie gerade ihre Kräfte gegen mich ein? War ich tatsächlich so hilflos was sie betraf? Einst waren wir Freunde gewesen. Einst... ehe sie ihr all die antaten was sie zu dem gemacht hatte was sie Heute war. Nun jedoch folgte ich den Worten, erhob mich und trottete ihr nach wie ein folgsames Hündchen. Es musste doch einen Weg geben ihr zu helfen, sie dorthin zu führen wo sie sein sollte. 'Es tut mir so leid' Im Schritt stockend verharrte sie auf diese Worte und ich sprach weiter. 'So leid was dir in der Vergangenheit widerfahren ist, dich erleben ließ was kein junges Mädchen erleben sollte und...' Ihr Lachen unterbrach mich und mit einem Mal war der Zauber verflogen. Schrecklich dumm kam ich mir vor als sie mir eröffnete was sie sicher verborgen hatte. Es war ihre Schuld, sie hatte ihnen das Gift verabreicht und Athola hatte es sie gelehrt. Die Baronin war diejenige gewesen die dafür gesorgt hatte das der dunkle Glauben meine Heimat vergiftet hatte. Was bezweckte sie mit dieser Eröffnung? 'Hasst du mich?' 'Nein, ich habe Mitleid.' Wut blitze in ihren Augen auf und aus einem mir unersichtlichen Grund hatte ich wohl eine empfindsame Stelle getroffen. Irgendetwas fauchte sie mir entgegen das man mit Sicherheit so deuten konnte das sie mein Mitleid nicht wollte wie auch das anderer Leute nicht. Doch sie hatte es, so schön sie war, so rein und zauberhaft, so zerstört war die Tiefe ihrer Seele. Hassen konnte ich sie nicht. Rache veranlasste sie damals dazu und es war sicher nicht an mir sie dafür zu verurteilen doch leid, leid tat sie mir.

Die Baronin hätte anders sein können. Ihre Zukunft wäre mit Sicherheit schillernd und erfolgreich gewesen doch was hielt sie an die falsche Seite gebunden? War es tatsächlich die Gier? Ich hörte ihr nicht länger zu, trottete ihr nach und verfolgte meine Gedanken bis ich fast gegen sie prallte. 'Geh weiter...' Ein kurzer Seitenblick und einige Momente zog ich es in Erwägung mich zu weigern. Doch dann resignierte ich, warum auch? Ohnehin hätte ich keine Chance gegen sie gehabt und sie wusste es. Beide hatten wir gewusst das dieser Tag eines Tages kommen würde doch warum so früh in meinem Leben? So vieles hatte ich vorgehabt und durch eine Begebenheit die in den letzten Jahren zu einer schwammigen Erinnerung geworden war sollte es nun nichtig sein? Ihren Worten folge leistend hatte ich längst aufgegeben. War es nicht so das ich bereits nach ihrer Nachricht mit allem abgeschlossen hatte? Angst durchzog mich und ich sah sie an. Noch immer hatte ich einen Funken an Hoffnung, wehrte mich nicht und betete lautlos zu meiner Göttin. Forschend ruhte ihr Blick auf meinem Gesicht und kurz glaubte ich ein gewisses Bedauern zu erkennen. Mit den folgenden Worten schwand meine Hoffnung dahin. Nein, sie kannte kein vergeben. Entweder man erfüllte seine Aufgaben und wurde dem gerecht was einen band oder man trug die Folgen. Schatten schienen sie einzuhüllen und ihr helles, nahezu durchscheinendes Seidenkleid verschwand um der schwarzen Tracht platz zu machen. Allerdings ließ sie dies nicht weniger schön wirken. Der Kontrast der hellen Haut zog meine Blicke auf sich und wie gebannt hing mein Blick auf ihren Zügen. Warmer Atem streifte mein Ohr als sie mir etwas zuhauchte und ich senkte den Kopf um ihn in einem Nicken wieder zu heben. Hörte sie mein Herz pochen wie ich es hörte? Die folgenden Stunden waren schmerzhaft, prickelnd und gleichsam ernüchternd. Nein, sie vergab wirklich nicht und ganz gegen ihre Art quälte sie. Vermutlich war es die Antwort auf mein Mitleid, vielleicht hatte sie aber auch gelernt die Demütigung anderer zu genießen. Meine Erinnerungen schwanden, was ich war verblasste und somit hatte sie mir auch das Letzte genommen. Gnädig wäre der Tod gewesen doch gewährte sie ihn mir nicht. An einem der folgenden Tage verließ ich das Land. Heimat – ja... ich würde zurück kehren doch die Erinnerung an mich selbst würde auf immer verborgen bleiben. Meine Strafe würde ich zusätzlich zu dem was ich bereits bekommen hatte erhalten doch der Grund würde sich meinem geschundenen Geist nie mehr schlüssig eröffnen. Die blauen Augen eines fremden Gesichtes allerdings würden mir einige, schlaflose Nächte bringen.

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