Ein Traum

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Der Erzähler

Ein Traum

Beitrag von Der Erzähler »

Friedlich liegen sie in ihren Betten, Eminenz van Sareth und Lady Darna. Nichts ahnen sie. Garnichts. Doch dann drängt sich ihnen ein Bild auf...

Ein Raum im Halbdunkel, Ankhs an den Wänden. Man sieht einen Dreileuchter, die Insignien eines Hohepriesters liegen mit ihm auf einem Tisch. Es ist wohl ein Altar. An der Stirnseite ein großes Kreuz mit je einer Fackel an den Enden des Querbalkens, eine davon entzündet. Ein warmer Lufthauch durchflirrt den Raum, ehe der Träumer erkennt, dass es eine Kapelle ist.

Nach nahezu unendlich langer Zeit erlischt eine Kerze und der Träumer sieht sie Fackel sich entflammen. Dann werden beide ungewohnt aprubt aus ihrem Schlaf gerissen.
Darna von Hohenfels

Beitrag von Darna von Hohenfels »

Unruhig lief sie durchs Haus. Es war leer. Seltsam leer. "Savea? Selissa?" Nichts. Lohnte sich Furcht? Nein, doch etwas war nicht, wie es sein sollte. Gelmira starrte ihr aus großen Augen nach, als Darna erneut nach oben eilte, um zum Rüstungsständer zu sehen.
Nichts. Leer wie ihr Schwertgurt. Als wär sie nie da gewesen, einfach weg. So wie dieses Gefühl, das sie seit so langer Zeit hielt... enfach weg war. Sie fühlte sich wie auf der Bühne eines leeren Theaters - trotzdem beobachtet. Das war doch alles nicht normal.

Selbst Aarentrutz schien sie seltsam anzusehen, als sie ihn sattelte und zum Kloster preschte, die Härchen im Nacken aufgerichtet, das Gefühl drängender Zeit. Nastad e-goth? Die Tore des Klosters öffneten sich und drinnen auf dem Weg stand Sorcha, blickte ihr entgegen. Wie durch einen Traum gehetzt. Was war nur los?
"Die Streitbare mit Euch, Lady Sorcha - ist alles in Ordnung?"
"Überzeugt Euch selbst."
Sie führte sie zum heiligen Baum, neben dem Schwester Sylvie wie gewohnt Wache hielt: doch das Bild, das sich offenbarte, hatte auch sie vermutlich noch nicht gesehen. Bis zur Hälfte steckte ein weißes Schwert im Stamm des Baumes. Und nicht als Waffe, die frevelnd hineingerammt worden war... sondern als wäre es hölzern dergestalt aus dem Stamm herausgewachsen.
Ein Schaudern brachte ihren Körper zum Beben, die linke Hand glitt zur leeren Schwertscheide. Das konnte nicht sein. Wie betäubt drangen Sorchas Worte an ihr Ohr:
"Sie stammt definitiv nicht von einem Eindringling... Die Klinge kann man nicht anrühren - als ich sie berührte .. glitt meine Hand hindurch." Die Adlerritterin sah zu Darna, die kalkweiß Baum und Schwert anstarrte. "Lady Darna?"
"I...", sie setzte krächzend an, räuspert sich, "Drinnen ... in der Kirche auf dem Temorakreuz sind keine Fackeln, oder?"
"Bitte?", kam es verwirrt, "Ich... kann nachsehen." Sie eilte fort. Als wäre erst ihr Fortsein die Erlaubnis, spekulierend zu denken, starrte Darna weiter das Holzschwert an.

"Wieder weißt du einen Moment eher einen Deut mehr als andere, es ist doch kein Zufall. Dein Schwert ist fort, und hier ist ein neues, das zuvor nicht da war und von Ihr kommt - ist Frau Oberst a.D. zu dämlich, eins und eins zusammenzuzählen? Hast du noch immer Angst, Dinge als gegeben hinzunehmen, nur weil sie von ihrer Macht zeugen und dir wohlgesonnen sind? Hochmut ist Frevel - Duckmäusertum doch auch. Es gibt immer zwei Extreme, wahre die Mitte."
War es so einfach? War es einfach so, daß Sorcha durch die Waffe griff, weil sie eben nicht ihr bestimmt war? Sorcha kehrte zurück. "Wenn Ihr das Bild ebenfalls gesehen habt... ich habe es gerade."
War es so naheliegend, so simpel? "Und das traust du dich überhaupt noch, zu fragen?"
Blitzartig schoß ihr Schmerz durch den Kopf. Bilder... ein intakter Baum, als wäre nichts gewesen... und ihr Adlerritterschwert griffbereit vor ihr. Und schon vorbei.
"Natürlich kannst du zögern, zaudern, rätseln, wo es nichts zu rätseln gibt - und es wird dann alles sein... wie... vorher."

"Mein Schwert weg, meine Rüstung weg... und vielleicht ist die größte Gefahr, daß ich immer fast zu lange zöger."
Ihre Hand näherte sich dem hölzernen Schwertgriff. Und sie konnte kaum aus ihrer Haut, der Blick in die Krone des leuchtenden Baumes wie der Blick eines Kindes, das vor Muttis Augen zum Honigglas greift und erwartet, gleich auf die Finger zu kriegen.
"Das hat keinen Sinn, Lady... aber versucht es ruhig", meinte Sorcha ruhig und nüchtern und beobachtete sie. Verwirrt hoben sich ihre Brauen, als sie sah, wie der Griff nähere Gestalt gewann und änderte, als sich die Finger darum schloßen, ohne zu ziehen: von einem schlichten, handelsüblichen schmalen Langschwert zu einer einfachen silbernen Waffe, danach die Parierstangen in Form eines Hirschgeweihes, zuletzt verblieb es bei den schlanken Adlerschwingen, die das Adlerritterschwert geziert hatten.
Ihr wurde plötzlich klar, daß sie die Waffe gar nicht so oft gebraucht hatte, um etwas in der Welt zu bewegen. Doch jeder Moment, in dem sie sich mit ihrem Schwert in der Hand stark und sicher gefühlt hatte, zog vor ihrem inneren Auge vorbei:

Das erste so naiv gewonnene Duell gegen Luczilla.
Sie zog sie gegen Letast, was kein anderer Ritter vor ihr gewagt hatte.
Die Gewißheit, einen weiteren Kampf gegen Luczilla zu verlieren, und doch etwas Größeres zu gewinnen.
Sie hob die Klinge hoch über ihren Kopf und befahl den Angriff auf die Stadt des Panthers.
Sie hielt sie in der Hand, als sie dem kapitulierenden schwarzen Ritter Rasakar gegenübertrat.
Sie wusch ihre und Rafaels Ehre wieder rein, wieder ihre Niederlage ein Gewinn.
Sie zog sie sogar gegen Rafael, weil es ihr Befehl und Pflicht war.
Das Schwert war der Garant ihres Lebens in den Höhlen von Lameriast.
Mit einem Aufgleißen fraß sich die Klinge in den Arm des Balrons.
Bohrte sich in geschuppte Leiber, als es den Weg zu den Nebelwäldern freizukämpfen galt, das Größte aller Schwerter zu suchen.
Ihre Finger gaben Lichte Schwester frei, einst das Erbe einer anderen Streiterin zu werden.
Ihre Finger schmiegten sich um den Griff der Waffe, die sie zur Adlerritterin erklärte.
Schützend hielt sie die Klinge über den toten Leib Mariellas, bereit, sogar Kra'thors Macht zu trotzen.

"Gibt es noch andere Weisen, wie dir zu dienen sei, so führe mich bitte. Ich will dir dienen so gut wie ich vermag", flüsterte sie mit gesenktem Kopf. Sie spürte leichten Druck der Waffe, als sie ihrer Hand entgegenkam. Sie folgte der Bewegung ohne zu fordern, ohne zu verweigern, bis ein metallenes Schwert, klarer und schärfer als Diamant, in ihrer Hand ruhte. Feinste Gravuren auf der Klinge zeichneten ihren Lebensweg, bis vorne an der Spitze der Baum des Lichtes zu erkennen war... dann verblassten sie, sanken ohne zurückbleibende Spur in die Waffe, verschwanden, ohne zu vergehen.
Die Rinde des Baumes des Lichts schloß sich.
Die Waffe war ihre.

Zwei, drei Lidschläge verharrte sie reglos, ehe sie fast von selbst zu sprechen begann:
"Hoffnung die Basis des Glaubens, das Gute der Welt die Säulen der Tugenden... deine Kraft unser Schwert, der Glaube an dich unsere Rüstung."
Wie auf ein stilles Signal ballte sich Licht um ihren Körper. Sorcha starrte hinter ihr fassungslos auf Darna und sank auf beide Knie. Das Licht umhüllte und formte eine goldene Rüstung, in der das Strahlen blieb, festes Metall zur Gestalt.
Es war... tatsächlich... sie war... tatsächlich... ein Wechselbad der Gefühle. Und ein Auftrag, in Bildern gesehen so deutlich wie ein Befehl: kein Gloria, keine Meditation, die ihre Herrin verlangte, sondern einfache, kräftig helfende Hände, die es auf dem Marktplatz brauchen würde. Sie nickte und wandte sich um, schaute zu Sorcha - kniend.
"Meine Güte...", dachte Darna irgendwie erschrocken und wollte das Visier des adlerkopfförmigen Helmes hochklappen. Sie griff ins Leere, nach einem kurzen Aufglänzen die Sicht plötzlich frei. Sie blinzelte. "Meine Güte. Daran muß ich mich wohl erst gewöhnen." Sie hatte von den Legenden genügend gehört, daß die Rüstung eines Paladins schütze, wenn sie gefordert war, und keinen Augenblick unnötig.
Ein Wechselbad der Gefühle.

"Was ist es für ein Gefühl? Ihr Champion zu sein?", fragte Sorcha, als sie sich dem Südtor näherten.
"Frag ich mich auch gerade...", erwiderte sie, ein wenig mulmig war ihr zumute. Doch gab es etwas auch nicht zu leugnen: "Es wäre gelogen, zu sagen, ich freue mich nicht." Sie atmete durch. "Ich könnte jubeln. Und ich bin froh, daß es ablenkende Arbeit gibt."
Sorcha lächelte.
Das Werk der helfenden Hand... es gab Dinge, die sich nicht änderten, sondern nur bestätigten. Und so war es nicht mehr als eine helfende Hand, die wenige Zeit später Meister Thancred davor bewahrte, einen unfreiwilligen Freiflug vom neu aufgebauten Marktstand zu machen.
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