Ein kühler Wind lag über der Stadt, als Janus am frühen Morgen das Gasthaus verließ. Es war ruhig... beinahe totenstill – weder Mensch noch Tier war auf der Straße, die der Magier nun beging, zu sehen. An diesem Morgen würde Janus dem dunklen Mantel, der über der Stadt lag, keine Beachtung schenken, waren seine Gedanken doch von etwas Anderem eingenommen.
Der Stab eines Magiers ... Die Waffe des Wortes, das Szepter eines Weisen und der Maßstab der Welt – diesen Morgen würde er der Erschaffung seiner Waffe, seines Szepters und seines Maßstabes widmen. So führten ihn seine Schritte zum Südtor Varunas und er fand dort auch rasch eine Stadtwache, die sich dazu bereit erklärte, für ihn ein wenig durch den Wald zu ziehen und einen langen, weißen und möglichst geraden Ast zu suchen. Vermutlich kam diese Bitte dem Wachmann sehr gelegen, wirkte er doch noch sehr schläfrig und ausgemärzt, und so ein Spaziergang vermochte ab und an Wunder zu bewirken. So dauerte es auch nicht lange, bis sie mit einem sehr zufriedenstellenden Objekt zurückkehrte.
Die Wache überreichte Janus den Ast, der zunächst ausgiebig von ihm betrachtet wurde. Er ließ langsam die Finger seiner Linken über die helle Rinde des etwa faustdicken und knapp über 2 Schritt langen Stockes gleiten. Er war leicht geschwungen, doch sollte Janus dies nicht stören – er war perfekt, zwar an beiden Enden unsauber abgetrennt, doch würde er ohnehin noch viel zu tun haben. Schließlich dankte er seinem Helfer mit einigen Münzen und zog sich mit dem Stock in den Händen an den vermutlich einzig wirklich friedlichen Ort Varunas zurück – In den Hof des Konvent des Phönix, wo von der vorherrschenden Seuche noch nichts zu spüren war.
Janus legte Mantel und Umhang ab und warf sie auf eine der Bänke in dem kleinen Hof, er selbst ließ sich daraufhin an einem der Bäume hinab sinken, den Ast auf seinem Schoß, und zog einen Dolch von seinem Gurt hervor. Er war sauber gearbeitet, aus reinstem Diamant, und auf dem Griff prangten in geschnörkelten Lettern seine Initialen – J.A.. Er war in diesem Moment besonders Dankbar für dieses Geschenk, das er erst vor recht kurzer Zeit erhielt. Er setzte die scharfe Klinge an den Ast und begann mit ruhigen und geübten Zügen die helle Rinde abzutrennen, die nach und nach ihren Weg ins Gras neben ihm fand und sich ein eben so helles Holz offenbarte. Die diamantene Klinge erleichterte ihm seine Arbeit sehr, drang sie doch ohne wirkliche Mühen durch das feste Holz.
Die Arbeit erinnerte ihn sehr an seine Kindheit. Sein Vater selbst war ein hervorragender Schnitzer gewesen und Janus hatte viel von ihm gelernt, auch wenn dieser Lernvorgang stets unter Zwang stattfand, und so wurde Janus' Arbeit eine kleine Weile von Erinnerungen unterbrochen – Erinnerungen an seine Heimat, seine Eltern und insbesondere an seinen Vater. Er empfand tiefste Abscheu für diesen Menschen, der ihn und seinen Bruder so viele Jahre lang leiden ließ.
Ein Kopfschütteln riss Janus aus diesen Gedanken. Das Leid gehörte der Vergangenheit an, und so konnte er seinem Vater nun beinahe dankbar sein, dass er ihm das Schnitzen beibrachte. Er nahm die Arbeit wieder auf und nach und nach formte sich aus dem Ast ein gleichmäßiger, ebener Stab. Die Enden wurden sauber abgerundet, der Schwung des Stocks angeglichen. Nun dreht er die Handfläche einer Hand nach oben und legte den Stab darauf, darauf achtend, dass er möglichst perfekt im Gleichgewicht auf seiner Handfläche ruhte. Dann umschloss er den Stab fest und glitt etwa eine halbe Handbreite mit der Hand empor, bevor er ober- und unterhalb seiner Hand mit dem Dolch schwache Kerben in den Stab ritzte. Das gleiche wiederholte er mit der zweiten Hand, wobei er sich mit auf das andere Ende des Stabes zubewegte, den Stab dann fest umschloss und erneut 2 Kerben als Markierung setzte. Zwischen den Markierungen umschloss er nun den Stab mit beiden Händen und hob ihn etwas an, probeweise mit einige Drehungen und angedeutete Hiebe ausführend, bevor er ihn zufrieden zurück auf seinen Schoß legte. Er hatte die Balance gut getroffen – und so machte er sich voller Zufriedenheit daran, zwischen den Markierungen die Konturen von zwei Händen einzuschnitzen, wobei er den so entstehenden Griff immer wieder umschloss, um möglichst exakt die Umrisse seiner eigenen Hände zu treffen.
Man konnte ihm womöglich durch die Fenster des Konventgebäudes beobachten, wie er voll konzentriert an dem Baum ruhte und nach und nach den Griff seines Stabes vollendete. Doch wollte er noch keine Pause einlegen und so hielt er sich auch nicht allzu lange damit auf, den geschaffenen Griff zu betrachten. Auch überlegte er nicht lange, wie die weitere Zierde des Stabes aussehen sollte, hatte er doch dessen Vollendung bereits vor seinem geistigen Auge. So begann er damit, von unten anfangend, die Symbole der Elemente in das Holz zu schnitzen. Sehr sehr langsam nur und behutsam führte er die Spitze des Dolches durch das Holz, nahe dem unteren Ende des Stabes ein sauberes Quadrat einritzend – das Symbol der Erde. Dann drehte er den Stab ein wenig setzte ein Stück unter dem Griff wieder an, um zwei parallele, gewellte Linien in das Holz zu schnitzen – das Symbol des Wassers. In gleichem Abstand über dem Griff, den Stab zuvor erneut etwas gedreht, vollführte er eine langsame und saubere Spirale – das Symbol der Luft. Und schlussendlich, nach einer letzten Drehung des Stabes ritzte er mit etwas mehr Druck als bei den anderen Symbolen das Zeichen des Feuers, ein Dreieck, in den Stab, sodass die Elementarsymbole eine gleichmäßige, am Stab empor wandernde Spirale bildeten. Schließlich fuhr er die Symbole ein letztes Mal nach, wobei er jedoch das Feuer von allen vier Zeichen am deutlichsten hervor hob, das nahe der Spitze des Stabes prangte.
Nun fehlte nur noch eines zur Fertigstellung des Stabes ... dessen Spitze. Janus betrachtete sein bisheriges Werk und dachte nach, oder besser, er ging in sich und versuchte das Bild des Stabes, das er in sich sah, genau zu betrachten, zu erkennen, wie dessen Spitze aussah. Es war zunächst verschwommen und verhüllt, doch allmählich gelang es ihm, den Nebel zu durchdringen und die Spitze seines Stabes zu erkennen. Er sah zwei kleine Augen, die ihm entgegen blickten... die Augen eines Fuchses – und sofort schlug Janus die Augen wieder auf. Ein Fuchs, die Gestalt Phanodains sollte die Spitze seines Stabes zieren. Und so konzentrierte er sich fest auf das innere Bild und führte seine Arbeit fort, langsam aber sicher die Form des oberen Stabendes abändernd, bis schließlich nach einiger Zeit der nur angedeutete Kopf eines Fuches an der Stabspitze prangte.
Müde rieb sich Janus nun über die Augen, klopfte die Holzstückchen von seiner Kleidung und drückte sich in den Stand empor. Der erste Schritt war getan, und der Stab war wunderbar geworden. Eine ganze Zeit lang stand Janus still auf dem Hof des Konvents und hielt seinen Stab in den Händen, ihn betrachtend. Er entsprach exakt dem Bild, das er zuvor noch in seiner Selbst sah, doch wusste Janus, das der wichtigste Schritt noch bevor stand. Dennoch tat er sich schwer daran, sich von seinem Werk zu lösen und den Blick um sich herum zu lenken. Es war nach wie vor völlig still am Konvent und er fühlte sich ruhig und ungestört – einen besseren Ort für den nächsten Schritt würde er wohl kaum finden. Auch wenn Janus nicht genau wusste, wie der folgende Schritt aussehen würde, hoffte er doch, dass ihn wieder etwas führen würde, wie das innere Bild, an dessem Vorbild er seinen Stab fertigte.
So führte er seine Hände behutsam und doch fest um den Griff seines Stabes herum und schloss die Augen. Er konzentrierte sich, stimmte sich auf das Lied ein, und tastete nach dem Stab in seinen Händen. Er wollte ihn im Lied spüren, ihn hören, und nach kurzer Zeit gelang es ihm auch. Während er die Welt rings um ihn herum gänzlich vergaß, nichteinmal mehr die Kühle Brise auf der Haut spürte, drang er geistig in sein Werk ein, tastete es ab und prägte es sich ein. Seine Gedanken umkreisten den Stab, und mit jeder Sekunde dieses Abtastens spürte er, wie der Stab sich ihm zu öffnen begann und sich mit seinem Geiste verwob. Er schien den Stab zu erfüllen, so wie der Stab ihn erfüllte. Er wurde eins mit dem Stab, und mit einem Mal schien ein gleißendes Licht von ihm auszugehen, die seine Konzentration in das Diesseits zurück lenkte. Er schlug die Augen auf und wie die geschnitzen Symbole aufglühten, sich das Glühen auf den ganzen Stab in seinen Händen ausbreitete und diesen in eben dieses gleißende Licht hüllte. Der Stab in seinen Händen vibrierte, als das Leuchten wieder an Intensität verlor und Janus daraufhin mit offenem Mund darauf starrte. Der Stab hatte sich verändert: Zwar waren die Schnitzereien die Gleichen geblieben, doch war der Stab auf einmal mit noch immer schwach glimmenden Runen überzogen. Auch schienen die Augen des Fuchses an der Stabspitze einen schwachen Glanz angenommen zu haben. Als Janus die Faszination dieses Anblicks überwand begann ein glückliches Lächeln seine Lippen zu umspielen. Er hatte es geschafft – er hielt seinen Stab in den Händen....