Wenn der Wind sich dreht

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Lanaya Shevanor

Wenn der Wind sich dreht

Beitrag von Lanaya Shevanor »

Die Augen offen starrte sie zur Decke als würde sie die Balken zählen. Ruhig hob und senkte sich die Brust und man durfte durchaus annehmen das sie überaus entspannt war. Die Wahrheit jedoch sah anders aus. Schmerzen durchzogen ihren Kopf, Erinnerungen, Gefühle – es gab kein Entkommen. Noch immer lag sie da wie eine Tote. Konnte sich nicht wehren und ließ es über sich ergehen. Sekunden verstrichen wurden zu Minuten und schließlich zu Stunden. Dann endlich ging sie dem entgegen. Fassungslos, getroffen und wütend. Der Hass in ihrem Inneren war unbeschreiblich. Wie konnte er nur? Was dachte er sich? Ein jeder der schon einmal vertraut hat wird diesen Hass kennen der auf bittere Enttäuschung folgt. Stark, mächtig und keinesfalls so rasch vergänglich wie er sollte. Nein, hier gab es keine Vergebung. Hier musste man handeln.

Sie setzte sich auf den Schmerz hinter ihren Schläfen ignorierend. Oh nein, so einfach würde sie es ihm nicht machen. Alte Traditionen hatte der Herr also aufgenommen. Hatte beseitigt was im Weg stand um an die Spitze zu gelangen und nun? Nun brach er damit und flüchtete, lief fort erschrocken von dem was er war, was er getan hatte. Unheilvoll wurden die eisblauen Augen zusammen gekniffen. Sie sah in jenem Moment aus wie ein Falke der seine Beute ins Auge gefasst hatte. Ihre Macht reichte nicht aus ihm über das Band zu zusetzen jenes sie noch immer verband. Doch ihre Meinung würde sie ihm wohl überaus deutlich vermitteln ehe es barst.

Immer wachsam!

Eines seiner Lieblingszitate. Warum bei den Göttern vermochte er nicht die nötige, innere Stärke aufzubringen. Nein wahrlich, sie verstand ihn nicht. Er war es gewesen der ihren Herzen Grundsätze und Regeln eingeimpft hatte. Er war es gewesen der sie gefordert, gelobt und getadelt hatte und nun war er es der sich abwendetet. Das war nicht akzeptabel. Unruhig ging sie durch den Raum. Eins, zwei, drei, vier und wieder zurück eins, zwei... groß war er nicht. Überaus beengend und keinesfalls für das geeignet was folgen würde. Ohne sich die Mühe zu machen an eine ordentliche Überkleidung zu denken wurde die Türe beim Verlassen des Häuschens zugeknallt. Was sie so mühsam zu erlangen gesucht hatte war nun kaum zu bändigen. Emotionen – ein Schicksal das man wohl keinem zweiten wünschte. Das Brennen in der Brust wurde stärker. Sie hätte schreien wollen, töten und es an irgend jemandem auslassen. Doch je länger sie zögerte desto weiter würde er fort sein. Tatsächlich entfernte er sich, hatte versucht das Band zu zerreißen und war zu ihrer Überraschung gescheitert. Hatte er es nur halbherzig versucht? Fehlte ihm die Macht dazu? War er gestraft worden? So viele Fragen und nie mehr würde er eine Antwort geben.

So entschlossen das gleich beide Türen auf schwangen zog sie die Großrune des Ordens vor diesen. Geraume Zeit war es her seit das Pentagramm gezogen worden war. Im Grunde hatte es einem anderen Zweck dienen sollen doch war es gleich. Das Nachthemd ablegend nahm sie sich die Zeit sich vorzubereiten. Eine der Ritualroben überstreifend trat sie dann hinein. Nutzte die Energien die bereits an jenem Ort vorzufinden waren und ließ das Band alles andere als sanft aufpeitschen. Mit allem Hass, aller Kraft ließ sie ihn wissen das sie darum wusste. Wusste was er getan hatte, verachtete was er tun würde. Doch noch ehe sie gefährlich werden konnte brach der Kontakt ab. So akut das sie sich sicher sein durfte das er sich dem Bestehen wohl schlichtweg noch nicht angenommen hatte. Unvorbereitet sank sie zusammen. Der Boden war ein überaus gnädiges Opfer das die wütenden Faustschläge stumm hin nahm. Mochten ihm die Götter gnädig sein so er jemals wieder unter die Augen eines Arkorithers kommen sollte. Es gab nur einen Weg des Ordens. Jener führte hinein. Niemals aber hinaus. Sein Tod war unabänderlich und es würde die Zeit kommen da sie sich gegenüberstanden. Im Moment jedoch waren alle Gedanken überaus unklar. Schmerz, Hass und Verzweiflung trieben sie schließlich dazu zu dieser späten Stunde an Ort und Stelle einzuschlafen.
Lythiana Cronor

Beitrag von Lythiana Cronor »

„Lythiana.... Lythiana, komm her.... bleib hier....“ Stimmen, die sie lockten, die sie riefen – oder doch nur eine Stimme, tausendfach wiederholt, vielfach verzerrt?

Die Tür knarrte.

Die Maga schlug die Augen auf und setzte sich ruckartig im Bett auf. Die Sinne waren von einem Augenblick auf den nächsten hellwach und gespannt wie eine Bogensehne. Ein kurzer Blick auf mentaler und realer Ebene genügte, um sie erkennen zu lassen, das niemand hier war – nicht mehr. Denn die Tür war nicht vollständig geschlossen – und selbst im Zwielicht der Morgendämmerung konnte sie erkennen, das ein Gegenstand auf dem Tisch lag, der beim Zubettgehen noch nicht dort gewesen war. Ein Schlüsselbund – das Metall so schwarz wie die Nacht. Sogleich stand sie aus dem Bett auf, schlüpfte in die unordentlich über einen Stuhl geworfene Kleidung des letzten Abends, griff nach dem Schlüsselbund und eilte aus dem Haus. Wenig später schwangen die Tore der Festung vor ihr auf.

Ihre Schritte lenkten sie zu einem kleineren Turm abseits des Hauptgebäudes. Aufs Geratewohl wählt die Maga einen der Schlüssel aus, steckte ihn ins Schloss ... er passte, die Tür öffnete sich mit einem leisen Quietschen der ungeölten Angeln. Sie war noch nicht einmal erstaunt darüber – alles fühlte sich auf seltsamer Weise „richtig“ an. Der Schlüsselbund auf ihrem Tisch war wie ein unmissverständlicher Befehl gewesen – oder halt, hatte sie nicht vorher schon...?
Die Luft im Turm war muffig und abgestanden, Spinnweben hingen in allen Ecken und Nischen. Wochenlang schon schien niemand mehr hier gewesen zu sein. Mit einer Ausnahme.

Auf dem Schreibtisch lag ein Buch, flankiert von zwei Kerzen. Das flackernde Kerzenlicht beschien den Tisch, erhellte die nähere Umgebung notdürftig, schien jedoch die Seiten des Buches zu meiden. Sie blieben im Dunklen. Mehr noch – das Buch WAR die Dunkelheit. Mit langsamen Schritten trat Lythiana näher, den Blick wie hypnotisiert auf das Buch gerichtet. Sie kannte es, kannte es gut. Auch wenn sie es nur wenige Male zu Gesicht bekommen und nur einmal berührt hatte....

Die Fingerspitzen der rechten Hand berührten die Seiten.

„Lythiana, da bist du... du bist hier. Du bist meinem Ruf gefolgt.“ Ein leises Lachen mit der Melodiösität von Krallen auf einer Schiefertafel erklang. „Weißt du, warum ich dich rief?“

Schwärze, nichts als Schwärze, die Wände des Raumes schienen verschwunden, gleichsam die Einrichtung. Lythiana öffnete den Mund, wollte etwas antworten, doch kein Ton kam heraus. Wieder erklangen jene Worte, die von überall her gleichzeitig zu kommen schienen.

„Wie überaus.... ehrlich. Sag mir, Lythiana Cronor.... weißt du was ich bin? Wer ich bin?“

Schmerz. Die Worte hallten in ihrem Kopf wieder, schienen den Schädel zum Zerbersten bringen zu wollen. Hörte sie sie tatsächlich? Und wieder kam die Arkoritherin nicht dazu, zu antworten – die Antwort wurde ihr entrissen, noch bevor sie über die Lippen kam.

„Unbefriedigend. Doch was könnte ich mehr von einem Menschen erwarten? Schau und lerne.“

Eine Flut von Sinneseindrücken überrollte sie. Mehr als Bilder, mehr als vage Gedankenübermittlung – sie gab ihr eigenes Ich ein Stück weit auf, wurde Teil von etwas anderem, nahm Teil an etwas.... und lernte.

„Nun können wir uns unterhalten. Was sind deine Wünsche, Maga?“

Ein schallendes Gelächter durchbrach die Gedanken Lythianas. Die Muskeln spannten sich automatisch an, der Körper versetzte sich in Alarmbereitschaft – und doch spürte sie dies nur am Rande. Die reale Welt schien fern.

„Stark bleiben, Lythiana. Immer stark bleiben... nie Schwäche zeigen, stets widerstehen. Sollte es so nicht sein?“

Das Lachen wich einem Kichern und sie glaubte sogar, etwas wie Amusement darin zu hören.

„Mehr willst du also nicht? Ich kann dir die Welt zu Füßen legen, kann dir die Macht von zehn Erzmagiern verleihen... und du wünschst dir....“

Wieder unterbrach das Kichern die Worte.

„Es scheint mir, ich habe recht getan bei meiner Wahl. Ich werde alle Hindernisse auf deinem Weg bei Seite räumen, werde dir das geben, was du dir wünschst – und noch mehr. Du wirst sehen... mit mir in deinem Rücken steht dir eine glorreiche Zukunft offen. Dir... und der Familie. Jedoch...“

Blutrote Schleier begannen sich vor Lythianas Augen zu senken. Diese Stimme....

„Denke darüber nach.“

Zeit verging. Endlose Sekunden dehnten sich zu Minuten, Minuten sammelten sich an, wurden irgendwann zu Stunden, Stunden vielleicht gar zu Tagen...Und der Geist der Maga verharrte im Nichts.

Ich akzeptiere.

Zum ersten Mal gelang es Lythiana, tatsächlich die Stimme zu erheben. Die Worte schienen sich auszudehen, an Gewicht und Bedeutung zu gewinnen... und blieben noch eine Weile im Raum schweben, ehe sie die Antwort vernahm.

„Gut... sehr gut. Du wirst mich mögen....“

Diese Worte durchdrangen das Nichts, gelangten in die reale Welt und sorgten dafür, dass sämtliche Arkorither, egal ob wachend oder schlafend, ob aufmerksam oder unaufmerksam, folgende unmissverständliche Botschaft erhielten: Die Führung des Ordens lag nun in den Händen einer Maestra. Der Wind hatte sich gedreht.

Und Lythiana schrie....
Zuletzt geändert von Lythiana Cronor am Donnerstag 28. Juni 2007, 00:24, insgesamt 1-mal geändert.
Lanaya Shevanor

Beitrag von Lanaya Shevanor »

Exakt in jenem Moment krümmte sich Lanaya zusammen wie eine Raupe die man ins Feuer geworfen hatte. Die Schädeldecke schien ein weiteres Mal zu bersten ehe der kommende Tag auch nur seinen Lauf genommen hatte. Doch war dieser Schmerz kaum zu vergleichen mit allem was sie bisher erlebt hatte. Jeder Arkorither verkaufte bei dem Aufnahmeritus in den Orden seine Seele. Getrieben von Gier und Macht schrieben sie unbedachte den Namen nieder, besiegelt durch den eigenen Lebenssaft. Nur wenigen war klar was sie damit taten. Doch einmal festgehalten war es zu spät.

Das Buch....

Wie ein Spielzeug wurde gerade weiter gegeben was damals nahezu schmerzfrei von Statten ging. Ein winziger Stich in den Finger hatte genügt doch das hier... Ohja, sie spürte es. Man hätte es wohl kaum ignorieren können. Lag es an der Nähe zum Ort des Geschehens, lag es an ihrem Faible für gewisse Zweige der Magie oder durchfuhren schlichtweg alle diesen Schmerz? Gelenkig wand sie sich und bog den zierlichen Körper in eine andere Richtung. Die Arkoritherin kam nicht dagegen an. Abermals gab es kein entkommen und nahezu hilflos durfte man erleben wie die Führung auf die Maestra überging. Dann endlich war es vorbei, der Schmerz erreichte ein erträgliches Maß und sie rappelte sich auf. Unsicher wurden die Schritte die Treppen hinauf gelenkt. Eine der blassen Hände stets an der Wand um sich abzustürzen. Tatsächlich benötigte sie diese Stützte am heutigen Tag.

Mein Leben für den Orden

Sie hielt inne die Hände vor das Gesicht pressend. Die Finger griffen hierbei tief in das seidige Haar und der Druck gab ihr zumindest das Gefühl etwas gegen den Schmerz anzukommen. Doch trieb es sie weiter. Wie eine Marionette die an einem Faden geleitet wurde. Das wogegen sie sich einst gewehrt hatte trat ein. Aber war dem nicht immer so gewesen? Waren sie nicht alle ein Spielball der geschickt von Worten, Taten und Begebenheiten gelenkt wurde? War eine eigene Entscheidung nicht mehr als eine Illusion, beeinflusst durch jemand Anderen? Schritt für Schritt wurde Fuß vor Fuß gesetzt und endlich erreichte sie den Außenhof. Die kühle Luft belebte kaum und sie taumelte weiter.

Inzwischen war der Schrei verstummt. Stille war eingekehrt und dennoch sie alle durften sich sicher sein keinem Traum erlegen zu sein. Alle waren sie nun an die Maestra gebunden. Ihre Erziehung schlug durch. Trotz des Zustandes straffte sie die Schultern ehe sie in den Turm trat. Sie fühlte sich hier nicht wohl. Der Meister war ein Unmensch gewesen, ein Tyrann dessen Stimme einen Kontrast zu seinem abstoßenden Äußeren bildete. Selbst jetzt durchzuckte sie bei der Erinnerung ein dumpfes Gefühl. Abhalten konnte es sie jedoch nicht. Sie ging weiter. Wie würde sich die Maestra verändert haben? Welche Bündnisse war sie eingegangen um die Macht über die Seelen zu erhalten? Schritt für Schritt, sie würde sehen....
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