Kennst Du es nicht, jenes eine Glück?

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Armaiti Omar

Kennst Du es nicht, jenes eine Glück?

Beitrag von Armaiti Omar »

Pitsch, patsch… leise glitten die Tropfen ihre dunkle Haut hinab, liefen den feinen schwarzen Malereien auf ihren Füßen nach, ehe sie wieder in das Wasser des Brunnen fielen.
Die Nacht und die Stille erlaubten der jungen Priesterin jene Freizügigkeit, wenngleich sie die Freiheit nicht hatte, nachts, in menschenleeren Gassen umher zu wandeln.
Doch was waren Dunkelheit und Einsamkeit, wenn die Stimme Eluives der stetige Begleiter war?
Menek’ur schlief friedlich und jener Friede war auch Armaitis Frieden.
Die Nacht verschaffte nicht wie üblich die erhoffte Abkühlung und so hatte sie sich hinreißen lassen, die stetig nackten Füße in den Zierbrunnen gleiten zu lassen.
Die silbernen Kettchen an ihren Fußknöcheln glitzerten sanft durch die Wasseroberfläche und der Mond tat seinen Schein dazu.
Soeben wollte sie auflachen, als sie sich bei dem Gedanken ertappte, ihre Kleider abzustreifen und gedankenlos in das kühle Nass zu gehen.
Soviel Besonnenheit war ihr gegeben, war ihr ganzes Sein, dass es manchmal überraschend war, dass solch Gedanken sie bewegten.
Doch bevor sie jene Gedanken auch nur weiterspinnen konnte, Eluive sei Dank, erschien Fadi am Brunnen.
Fadi… welch unnahbarer Mann. Ein treuer Diener des Volkes, ehrenvoll und mit dem Vertrauen des Emirs gesegnet, der Wesir….
Doch schon einige Male konnte Armaiti den Mann kennen lernen, fern ab jedweder Etikette… jedenfalls ihrerseits.
Würde er jemals die Person hinter dem Schleier des heiligen Blutes der Omar sehen?
Ihr war nicht entgangen, dass sie ein gewisses Interesse an ihm hegte, dessen Wissensdurst durch seine Anwesenheit immer wieder für kleine Momente gestillt werden konnte.
Doch war es der Wesir, der Mensch, oder doch gar der Mann?
Die Gespräche mit ihm verrieten ihr die Ähnlichkeit der Gedanken, die jedoch aus zwei vollkommen verschiedenen Welten zu kommen schienen.
Fadi war besonnen, doch in ihm weilte stetig eine Rastlosigkeit, ein Temperament, dass aus der Glut der Sonne geformt war.
Und sie… sie war wie das kühlende Wasser, das nur selten Wellen schlug, jedoch bereit war, sich sanft über die Feuerbrunst zu legen, so sie außer Kontrolle geriet.
Die Worte waren wie ein Strudel, sie verebbten nie, jedes Wort brachte ein Neues hervor, keine Thematik schien den anderen zu ermüden.
Doch das, was langsam die Furcht in Armaiti aufstiegen ließ, dass ihr Interesse nicht nur dem Menschen galt, sondern auch dem Mann, war der Respekt, die daraus entstandene Nähe.
Immer wieder suchte er ihren Rat, ihre Meinung, schien alle Worte anzunehmen, wenngleich er sie stetig hinterfragte. Nicht, um sie zu hinterfragen, sondern um sie auf sich zu projizieren, sie nicht einfach hinzunehmen, sondern sie zu verstehen.
Und ebenso ging es ihr selbst.
Sein Wort hatte Gewicht, fern ab jeder Form. Gleich welchen Titel beide trugen, welche Maßstäbe damit getragen wurden.
„Du kannst nicht erlangen, was Dir Ruhm bereitet, nicht all diejenigen glücklich machen, denen Du Glück versprichst, wenn Du selbst nicht glücklich bist. Glück ist nicht immer gleich zu sehen, es bedeutet, es nur für sich zu finden. Das eigene Glück. Kennst Du es nicht, jenes Glück?“
Als sie noch zu Anfang des Gespräches jene Worte sprach, hatte sie nicht geglaubt, dass er sie verstehen wollen würde. Zu sehr war er von Pflichtbewusstsein und Ehre erfüllt, zu wenig nur er selbst, ohne Titel, ohne Rang, ohne den Antrieb, der wahrhaftige Diener des Emirs zu sein.
Doch, als die Nacht ihre Mitte erreichte, und der Moment am höchsten Punkt des Glückes stand, wusste sie, dass nicht nur er verstanden hatte, was wahrliches Glück bedeutete.
War sie ihm denn so unähnlich... war sie es nicht, die es verwerflich fand, an das eigene Glück zu denken, wenn man Eluive und dem Emir dienen durfte?
Und wieder einmal hatte Fadi es geschafft, dass sie die predigenden Worte, die sie weise sprach, auf sich selbst beziehen musste. Erkennen musste, dass diese Worte auch an sie selbst gerichtet waren.

Heute Nacht war eine Brücke erbaut worden, die zwei Welten verband.
Die unsicheren Schritte würden zeigen, ob sie Bestand hatte, ob sie den reißenden Fluten unter ihr standhalten würde…
Heute Nacht war eine Nähe entstanden, die über Armaitis besonne Weitsicht hinweg gestürmt war…

Eine wahrlich momentvolle Nacht, in der die leisen Klänge ihrer Fußglöckchen in den stillen Gassen langsam verschallten, als ihre Füße sie zum Palast trugen.
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