Der Pfad des Verfalls

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Treia

Der Pfad des Verfalls

Beitrag von Treia »

Bis in die frühen Morgenstunden hatten sie zusammen gesessen, debattiert, sich ausgetauscht. Worte wurden gewechselt, erhoben, verworfen und doch war man sich eins gewesen im Konsens. Die Sache einte einen und auch wenn das was sie gerade tat nicht ihre Art war. Sie zog den Peitschenschlag ihrer Zunge jederzeit solch profanen Dingen wie Alchemie oder ein direktes Eingrifen vor, aber, das mußte sie sich eingestehen, ihr Vorhaben war nützlich, wenn man das große ganze dahinter betrachtete.

So stand sie nun an dem kleinen Weiher. Amüsiert betrachtete die dunkelbraun berobte Gestalt die Szenerie um sich herum. Die Vögelchen wie sie im Weiher badeten, die Rehlein, die hier ihren Durst ebenso stillten wie es ihre Freßfeinde, die Wölfe zu pflegen taten. Alles war so süß, so harmonisch, so einfach zum Kotzen. Was auch immer die Schöpferin sich bei all dieser Eintracht gedacht haben mag, es entzog sich dem Verständnis der Frau. Lag nicht gerade in dieser Eintracht die größte Ironie des Lebens überhaupt? Nur im Kampf konnte sich bewähren, was wahrlich gut und richtig war, nur in der Zerstörung lag Gewißheit. Sie bleckte die Zähne. Dieser Ort war in all seiner Pracht und Anmut einfach widerlich. Gut, daß sie sich diesen bis zum Schluß aufgehoben hatte, für das Ende ihrer kleinen Reise.

Seit Tagen hatte sie die Wälder rund um Varuna sondiert, hatte sich Notizen gemacht zu den dort lebenden Tieren, hatte eine Karte gemalt von jedem noch so kleinen Wasserloch, an dem sie sich bedienten, hatte gezählt, wie vielen Vögeln, wie viel Rotwild und wie vielen Jägern sie begegnet war. Was sie vor hatte war simpel. Erschreckend simpel. Und dies hier würde der krönende Abschluß werden, das finale Mosaiksteinchen ihres Vorhabens.
Hier und jetzt war sie durchdrungen von Macht. Die Essenz des Lebens war stark an diesem Ort und reichlich hatte sie sich an dieser bedient, Rehe, Hirsche und Bären ihrer beraubt zurück gelassen. Welch ein herrlicher Anblick, ihre ergrauten Leiber zucken zu sehen in diesem kurzen, machtvollen Augenblick vor ihrem Verenden, all ihrer Essenz, aller Zeit, die ihnen noch beschieden war, beraubt. Gierig hatte sie sich daran gelabt, hatte Jahr um Jahr, Herzschlag für Herzschlag um die sie diese Kreaturen betrogen hatte in sich aufgesogen wie ein Schwamm. Selbst das Gras hatte genug dieser Kraft in sich getragen um ihren Hunger fürs erste zu stillen. Denn nicht nach dem Fleisch der Kreaturen hatte es ihr verlangt, oh nein. Sie war weit, ferab solcher Gelüste. Sorgfältig hatte sie einen jeden Tierkadaver mit ihrem Tonikum behandelt. Man nehme einen Skrupel frische Nachtschattenblätter, gebe zwei Gran geschnittene Fliegenpilze hinzu, verdünne es mit Alkohol in dem der Laich von Kröten ausgekocht wurde, mische noch etwas Rattenblut darunter und lade die gesamte Mixtur mit der rohen Essenz des Verfalls auf. Tada, fertig war eine sehr einfache Rezeptur, welche genug Gift und Siechtum in sich trage um größere Lebewesen erkranken zu lassen, aber gleichwohl zu wenig um auch den an Krankheiten gewöhnten Insekten etwas anhaben zu können. Bei weitem nicht so effizient wie jene Rezeptur, welche die Frau, mit der sie sich noch vor einigen Stunden unterhalten hatte, angefertigt hatte, aber ihr Zweck war ja auch ein anderer. Diese Kadaver würden ungenießbar sein für einen jeden Aasfresser, der größer als eine Ratte war. Wölfe, Raubkatzen, sie alle würden das Mahl kaum verabscheuen und somit ihre Rolle in diesem Werk einnehmen. Blieben noch die Vögel, der wichtigste Teil ihres Planes. Aber ein kalkulierbarer.
Mit sichtlicher Genugtuung goß sie ganze zwei Eimer der Mixtur in den Weiher und betrachtete verzückt, wie die zuerst grün-gräulichen Schlieren sich verflüchtigten und gänzlich im Wasser auflösten. Stehende Gewässer waren etwas tolles. Nun galt es nur noch ein wenig zu warten.

Sichtlich zufrieden wandte sie sich gen der Stadt und bei jedem Schritt, den sie tat, welkte das Gras unter ihren nackten Füßen und die Blüten und Blätter nahe stehender Bäume verdorrten und fielen wie im Herbst vertrocknet zu Boden.

Was blieb waren die offensichtlichen Zeichen ihres Tuns. Der Spur der Gestalt zu folgen war selbst für unerfahrene Spurenleser einfach, hinterließ sie auf ihrem Kurs durch den Wald südlich und westlich von Varuna doch deutliche Abdrücke von verwelktem Gras. Recht zielsicher, so scheint es, habe die Gestalt Trinkstellen, aber auch beliebte Weidestellen wie kleine Lichtungen des Rotwildes aufgesucht. Die Spuren kommen vom Paß am Nordtor Varunas her und enden auch dort. Insgesamt entsteht durch jene Spuren kein erkennbares Muster oder irgendeiner Symbolik und wirken eher zielgerichtet denn aussagekräftig. In den Wäldern auf rahalischem Hoheitsgebiet, nahe bei Bajard oder jenseits des Wegekreuzes wird man keine Spuren ihres Wirkens finden.
Alle Gelege von Vögeln, denen die Gestalt unterwegs begegnete, bis auf die wenigen, welche ihrer Aufmerksamkeit entglitten waren, sind zerstört, die Eier zerschlagen, schon geschlüpfte Jungvögel liegen leblos in den verwaisten Nestern. Ab und an findet man einen toten Vogel auf dem Waldboden, scheinbar nichts ungewöhnliches, doch die Anzahl wirkt ebenso unnatürlich wie die Stille, die sich entlang ihres Pfades ausbreitet.
An den Weidestellen findet man die von Maden, Käfern und Würmern angenagten Kadaver des Rotwildes. Bis auf das Summen von Flügeln scheint auch hier kein Laut die Stille zu durchbrechen.
Die Trinkstellen wirken größtenteils verwaist. Auch hier vermag man ab und an den Kadaver eines Vogels zu finden, jedoch wirken diese deutlich vitaler als jene, denen man auf dem Weg hierhin begegnet war. Auch jene werden, je nachdem wie früh oder spät man sie finden mag, von Ungeziefer angenagt worden sein.
Das Wasser an den Wasserstellen ist ungenießbar, es schmeckt fahl und abgestanden, abgekocht mag es aber trinkbar sein. Die meisten Tiere werden infolge dessen auf angrenzende ausweichen, wo das Wasser noch klar und genießbar ist, zum Beispiel am Fluß, der das rahalische Reich vom varunesischen trennt oder am Burggraben, der die Stadt Varuna umschließt.
Die Wölfe und Raubkatzen scheinen ebenso unangerührt zu sein wie Bären, Hasen, Füchse und andere Tiere. Erst nach zwei, drei Tagen werden sich bei diesen erste Krankheitssymptome zeigen, die die Tiere schwächen, aber nicht zwangsläufig umbringen werden. Wohl aber werden sie für einige Tage in ihrem Bestreben, zu jagen, beeinträchtigt sein und sich eher verkriechen und ihre Wunden lecken.
Was zurück bleibt ist ein Bildnis scheinbar willkürlicher Verwüstung und die Frage, wer so etwas tut. Und weshalb.
Treia

Beitrag von Treia »

Mit geschlossenen Augen lauschte sie verzückt den Tönen der Melodie, des kleinen Liedes, das alles hier umgab. Es war stiller geworden um sie herum. Es war als würde etwas fehlen. Ein dünnes Lächeln huschte über ihre Lippen. Dafür waren auch neue Klänge hinzu gekommen.
Blinzelnd öffnete sie ihre Augen und sah sich in dem kleinen Waldstück um. Auf ihrem Pfad streifte ihr Blick die zerstörten Nester. Ein Wolf schleifte sich vorbei, hungrig fixierte er zweibeinige Gestalt, wandte sich letztendlich ab. Er wußte, daß er zu schwach war um sich allein mit ihr messen zu können und so trollte er sich auf leisen Pfoten. Die Kadaver lagen noch immer dort, wo sie sie zurück gelassen hatte, nach nunmehr einer guten Woche ziemlich weit im Verwesungsprozeß begriffen und über allen lag dieses Summen, dieses monotone, geschäftige Summen. Sie kniete sich hin und beobachtete das tote Reh mit verzückten Augen.
Unter normalen Umständen hätten wohl Wölfe diese Beute für sich beansprucht, aber nun, geschwächt, hatten sie sich einige Tage zurück gezogen und sich gesund gepflegt. Tage in denen die Kreaturen, auf die sie es abgesehen hatte, sich der Beute bemächtigen konnten. Das bunte Schillern der Fliegen, das emsige Winden der Maden, die sich mit Käfern und Asseln um die Beute stritten, oh ja, jene profitierten von den Leichen ebenso wie vom Fehlen so vieler Vögel. So fraßen sie sich an dem dargebotenen Festmahl satt, fraßen sich fetter und fetter. Es war eine gute Zeit für sie, nun, zumindest noch. Die Natur fand immer einen Ausweg, wenn man sie nur ließ. Noch mochte für alle Arten von aasfressenden Insekten das Paradies auf Erden angebrochen sein, sie würden sich sprichwörtlich wie die Fliegen vermehren und doch hieße das langfristig lediglich, daß für die Ameisen, die Waldmäuse und ja, auch für die verbliebenen Vögel bald schon Fettlebe angesagt sei. Doch bis dahin fraßen sie sich gierig durch die Kadaver hindurch, fielen in Schwärmen kranke wie gesunde Tiere an. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Wald ihren Hunger nicht mehr zu stillen vermochte. Allzu gesunde Tiere waren keine gute Beute für sie. Allzu befellte erwehrten sich ihrer und das Gift, das sie in die Weiher geschüttet hatte, hatte sich längst verflüchtigt. Gebissene Tiere gingen baden, sie würden die Insekten auf ihrer Haut ertränken. Selbst diese kleinsten aller kleinen Lebewesen waren sich dessen bewußt. Sie würden sich eine andere Nahrungsquelle suchen. Eine, die sich nicht wehrte. Sie würden sich ein neues Paradies aussuchen.
Ihr Blick wanderte gen Süden zu den Bauernhöfen am Waldrand Varunas.
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