Eigentlich war es eine ganz normale Nacht. Wir hatten wie immer rumgealbert und lange geredet und nun lauschte ich dem ruhigen Atemzügen Selinas neben mir. Nur die ab und zu im Kamin knisternde Glut unterbrach die Stille des Raumes. Wieder einmal waren wir auf den weichen Fellen vor dem Feuer eingeschlafen, ich fragte manchmal wirklich wozu wir Bett und Schlafzimmer hatten, nun ja zumindest war es Selina. Mich selbst hielt eine seltsame Unruhe wach, ein Gefühl das ich von früher her gut kannte, schließlich hatten sie lange genug unsere Sinne verfeinert, besonderst was sie das „Dritte Auge“ genannt haben. Ich hatte geglaubt diese Fähigkeit wäre verschwunden, eingeschlafen mit der Zeit, aber ich hatte mich getäuscht.
Vorsichtig, um meinen Goldschopf nicht zu wecken, stand ich auf und trat zum Fenster. Alles schien wie immer… das fahle Mondlicht konnte kaum durch den wolkenverhangenen Himmel dringen. Es wurde langsam Zeit das es wärmer wurde und das Gras war wieder überall zu sehen … schien so als wäre der Winter vorbei. Ich wollte mich schon abwenden und zurück zum Kamin gehen, als ich das dumpfe Donnern wieder hörte das mich wach gehalten hatte und jetzt entdeckte ich auch den schwachen rötlichen Schimmer in der Ferne. Meine Nackenhaare stellten sich auf und die Unruhe nahm zu. Schön, der rötliche Schimmer eines Feuers mochte ja nichts schlimmes sein, Lagerfeuer waren ja zu jeder Jahreszeit nichts Ungewöhnliches, aber wenn Trommeln dazukamen aus Richtung eines Orklagers dann sollte man dem Beachtung schenken.
Meine nackten Füße machten kein Geräusch als ich ins Schlafzimmer ging und die schmale Holztruhe unter dem Bett hervorholte, die dort sicher verwahrt lag. Selina hatte mir nur stumm dabei zugesehen wie ich sie drunter schob, aber sie sagte nichts, war die Truhe doch Teil meiner Vergangenheit und dieser Teil gefiel ihr nicht sonderlich. Lautlos schwang der Truhendeckel nach hinten und gab den Blick auf den Inhalt frei: die dunkle Lederrüstung, weich und doch für ausreichend Schutz sorgend, das schmale Schwert mit der gekrümmten Klinge und dem schwarzen Griff, in dem der Falke zu sehen war und noch eine ganze menge Dinge die ein Falke so braucht. Ein seltsames vertrautes Gefühl überkam mich als ich in die Sachen schlüpfte und das Schwert seinen Platz auf dem Rücken fand … sie hatten Recht: einmal ein Falke immer ein Falke.
Die Tür knarrte leise, als ich mich nach draußen begab, ‚ich sollte unbedingt etwas dagegen tun’ huschte der Gedanke durch meinen Kopf, aber Selina schien wohl nichts gehört zu haben. Ich ließ meinen Augen Zeit sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, dann machte ich mich auf den weg zum Lager. Für einen Augenblick war ich versucht Mandrek zu satteln, aber der Hengst war nervös in der Dunkelheit und würde mich vielleicht verraten. Wieder etwas dass ich unbedingt tun sollte … den Hengst ausbilden. Selina hatte wohl Recht, ich war faul geworden, aber das würde ich ihr gegenüber natürlich abstreiten.
Am Lager angekommen suchte ich den kleinen Einschnitt in der Felswand, jene Stelle die es ermöglichte nach oben zu klettern und einen Blick über das Orklager werfen zu können. Vorsichtig tasteten sich Hände und Füße voran jeden Fehltritt vermeidend, der mich unweigerlich durch den Lärm von herhabfallendem Gestein verraten hätte. Es dauerte fast solange nach oben zu kommen wie von der Akademie zum Lager zu laufen, aber als ich mein Ziel erreicht hatte genügte ein Blick wie nötig das ganze gewesen war. Schon der Anblick der vielen Feuer und das dumpfe Grollen der geschlagenen Trommeln machten deutlich, dass mich mein Gefühl nicht getrogen hatte. Nein das war nicht mehr das kleine Häuflein von Orken das sich normal hier aufhielt, die Zahl hatte sich fast verdoppelt und am großen Feuer wo sonst nur ein Schamane saß hockte jetzt ein Klotz von einem Ork vor einem schmutzigen Banner. War das ihr Häuptling oder ein wichtiger Heerführer? Und wenn ja ... wieso war das Lager auf einmal so wichtig?
Wie lange ich dort oben im Schatten kauerte, alles in mich aufsog und mir Fragen stellt, die ich nicht beantworten konnte, ich weiß es nicht. Irgendwann riss ich mich von dem Anblick los und machte mich auf den Rückweg. Ich musste mich förmlich zwingen dieselbe Sorgfalt wie beim Aufstieg walten zu lassen, so sehr beschäftigte mich das was ich gesehen hatte. Den Weg zurück zur Akademie legte ich so schnell ich konnte zurück nun aber wieder hellwach, denn wie leicht konnte ich einer Orkwache in die Hände laufen. Aber nichts rührte sich außer den normalen Schatten die in der Nacht ihre Beute suchen, und erreichte ohne Zwischenfälle unser Haus. Nur dunkel war’s nicht mehr dort, denn Selina war inzwischen wach und erwartete mich mit vorwurfsvollem Blick und Laterne in der Tür stehend. „Kannst du mir vielleicht sagen wo du dich mitten in der Nacht herumtreibst, wo dir doch immer ach so kalt ist?“ fragte sie mit mühsam beherrschter Stimme und blitzenden Augen. Für einen Augenblick musste ich Schmunzeln … kannte ich doch ihre Gefühle gegenüber meinem Falkenleben und hatte vage Vorstellungen von dem was sie grade dachte. Ich wurde aber schnell wieder ernst und schob sie ins Haus zurück. Während ich mich dort nun meiner Sachen entledigte begann ich zu berichten was ich gesehen hatte…
Orktrommeln in der Nacht
- Arsen Talmar
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