Es war zumindest nicht der erste Wehrsoldat, den er beisetzen würde, und ohne Zweifel würde es diesmal weniger unangenehm ausfallen als die eilige Feuerbestattung des verwesenden Leichnams, einige Monate zuvor. Neu war diesmal, dass er der Bürgermeister war und die ungewohnte Pflicht hatte die Familie des Verstorbenen aufzusuchen, ihnen sein Beileid auszusprechen und seine Unterstützung zuzusichern. Als Trost spendender Überbringer von Todesnachrichten hatte er sich bisher jedenfalls noch nicht hervortun können und sah der Sache dementsprechend mit gemischten Gefühlen entgegen.
In der Hütte saßen ihm die die alte Mutter und die Ehefrau – oder besser gesagt die Witwe – gegenüber. Während die Alte ihn unentwegt und undurchdringlich anstarrte, ohne je ein Wort zu sagen, so dass er sich durchaus etwas komisch fühlte, folgte in der jungen Frau eine Stimmungsschwankung auf die nächste. Wenn sie nicht gerade seine Tasse umwarf, ihm heißen Tee über die Hose zu schütten drohte oder sich für einen Tränenausbruch in das Hinterzimmer entschuldigte, saß sie stockbleich am Tisch und starrte ihn bemüht an, während sie die Finger zu einem verkrampften Klumpen zusammengekrallt hatte. Ihre Worte überschlugen sich entweder oder blieben vollkommen aus und das machte die Sache nicht einfacher. Gelegentlich sah sie hilfesuchend zu der Alten, aber das Schweigen der Greisin schien selbst für die Schwiegertochter undurchdringbar. Wenigstens schwieg sie nach diesen Versuchen auch, für einen Augenblick.
Die Kinder standen abseits des Tisches, in gebürsteter Sonntagskleidung und feierlich herausgeputzt als wäre bereits die Beerdigung. Der etwa zehnjährige Junge, der alt genug war um in Ansätzen zu verstehen was vorgefallen war, bemühte sich in dem für Kinder so eigenen Verhalten darum die Unruhe und Aufgelöstheit der Mutter durch einen beinahe gestandenen, förmlichen Ernst zu kontern und betrachte den Bürgermeister fest und entschlossen, als wollte er ihm durch seinen Blick und sein Auftreten versichern, dass hier alles in Ordnung war. Seine kleine Schwester, die er an der Hand hielt, war noch zu jung um etwas zu begreifen und drehte nur scheu das Köpfchen, beunruhigt durch die ungewohnte Traurigkeit der Mutter, schüchtern in Anbetracht des fremden Mannes, der mit dieser sprach, und eingenommen von dem seltsamen Verhalten ihres Bruders.
Es war ein zähes Gespräch. Die Stimmung war so peinlich und angespannt, dass er nicht mehr als ein paar Floskeln über die Lippen brachte und schlussendlich nur noch schweigend seinen Tee trank, ohne sich weiter zu äußern. Irgendwann erhob er sich wieder und verabschiedete sich. Die alte Frau erhob sich zeitgleich und ging schweigend, ohne eine Geste des Abschieds, aus dem Raum. Die junge Frau krallte einen Augenblick ihre blassen Finger in seine Hand, dann errötete sie beschämt und floh in den hinteren Teil des Zimmers. Der Junge reichte ihm vornehm die Hand, dann schob er seine kleine Schwester vor, die artig knickste und ihn, als er sich herab beugte, auf die Wange küsste. Völlig unvermutet fing sie dabei an in die peinliche Stille zu lachen als sie mit den Lippen das kratzige Geflecht seines Bartes berührte und sich danach hastig den Mund reiben musste. Während das ahnungslose Kind durch einen strengen Blick seines Bruders und ein plötzliches Aufschluchzen seiner Mutter abgestraft wurde, hinterließ der Bürgermeister etwas Gold auf dem Tisch und verließ eilig das Haus. Witwenbesuche waren vermutlich nicht seine Stärke.
Witwenbesuch
- Beldan Scherenbrueck
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