Die verschwundene Elfenstadt

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Kanubio Bunjam

Die verschwundene Elfenstadt

Beitrag von Kanubio Bunjam »

Kanubio hatte sich entschlossen, nach Menek’Ur zum Markt zu reisen. Er verzichtete auf die Kutsche, lief lieber zu Fuß - nicht um das Fahrgeld zu sparen, sondern um vielleicht doch noch die eine oder andere Feder aufzulesen. Schon im Wald bei seinem Haus am Wegkreuz fiel ihm eine befremdliche Ruhe auf. Zwar pfiffen die Böen des scharfen Winterwindes durch die kahlen Äste, doch die vielfältigen Stimmen der Tiere waren verstummt. Tatsächlich begegnete Kanubio auf seinem Weg hoch oben aus dem Nordwesten nach Bajard bis kurz vor die Stadt nur einem einzigen Tier – einer Schlange.

Während der Überfahrt grübelte er, was die Ursache dafür sein könnte, dass die Tiere verschwunden waren, fand jedoch keine einleuchtende Erklärung, was ihm größte Sorge bereitete. Umso mehr freute er sich, in Menek’Ur seiner Schneiderin zu begegnen. Überschwänglich in seiner Aufregung und dadurch wohl auch undiplomatisch in der Wahl seiner Worte berichtete er ihr von dem seltsamen Phänomen und versuchte in Erfahrung zu bringen, ob sie etwas darüber wüsste oder vermutete.

Dann brach das Unglück über die schützenden Planken seines Lebens wie eine Sturmflut. Die junge Frau, die sich bereits längere Zeit an ihrem Marktstand aufgehalten hatte, die in diesen Stunden wohl Übles erlebt hatte und wohl schon vor seinem Eintreffen nicht bester Laune war, missverstand ihn gründlich. Sie glaubte, Kanubio würde sie, die Tiere doch liebte, beschuldigen mit ihrem Verschwinden zu tun zu haben, brach in Tränen aus und zog sich in die kleine Seitengasse zurück. Da half es nichts, dass er ihr nachlief, immer wieder beteuerte, dass seine Worte nicht so sondern anders gemeint waren, ihr seine Hochachtung versicherte und sich sogar bei ihr entschuldigte. Sie jedoch wandte sich von ihm ab, ihn selbst seinem Dilemma überlassend, nichts mehr von ihm wissen wollend.

Kanubio blieb noch eine Weile am Markt, versuchte, das Erlebte zu überdenken und hielt vergeblich nach einer Möglichkeit Ausschau, sich mit der jungen Schneiderin zu versöhnen, denn dieser Bruch einer erst losen Freundschaft machte ihm schwer zu schaffen. Als bei anbrechendem Sonnenuntergang die Händler ihre Waren zusammenpackten und mit wohlgefüllten Geldkatzen ihre Stände verließen, setzte er niedergeschlagen über nach Bajard. Bei einbrechender Dunkelheit lief Kanubio durch die nun wieder belebteren Wälder, bis weit hinauf zur alten Elfenstadt. Auch dort schien wieder alles in Ordnung zu sein. Als er um den Riesenbaum bog, blieb er wie angewurzelt stehen und riss die Augen auf. Die halbe Stadt war abgerissen! Nur noch einige achtlos im Schnee liegen gebliebene Laternen zeugten stumm und ausgebrannt von einstiger Bebauung. Der Pier und die beiden morschen Boote waren genauso verschwunden wie jene Hütte, in der Kanubio, als er neu im Land gewesen war, so oft in unwirtlichen Herbstnächten Schutz gesucht hatte und die er in jener Zeit sogar zu kaufen ins Auge gefasst hatte.

Von Panik erfasst rannte er hinüber zu seinem Haus. Auf dem Weg dorthin erwartete ihn die nächste Überraschung: Auch der Versammlungs- und Turnierplatz war mitsamt dem Zelt der Heiler verschwunden.

Wohl erkannte er nun den Zusammenhang, wohl waren die Tiere des Waldes vor dem Lärm der Abrissarbeiten aus den umliegende Wäldern geflohen, doch fragte Kanubio sich nun voller Angst, ob der übereifrige Baumeister auch sein Haus abgetragen hätte. Er hetzte weiter und atmete erleichtert durch, als er den strohgedeckten Giebel seiner Holzhütte erblickte.

In den folgenden beiden Tagen suchte Kanubio in den Wäldern seine Freunde und erzählte ihnen von den merkwürdigen Begebenheiten. Gemeinsam, aber auch jeder für sich alleine, überlegten sie, was das alles wohl bedeuten könnte. Mögliche und unmöglichste, ja unaussprechliche Vermutungen gingen ihnen in den Köpfen herum, doch sie alle waren sich sicher, dass gewaltige Veränderungen bevor standen.

Am dritten Tag nach dem Markt zu Menek’Ur erwachte Kanubio gegen Mittag in seinem Haus. Immer noch betrübt über das Verschwinden der halben Elfenstadt und den Zwist mit seiner Schneiderin sowie frustriert, dass sie seine Entschuldigungen nicht angenommen hatte, beschloss er, noch vor dem Frühstück eine Weile durch den Wald zu streifen, um einen klareren Kopf zu bekommen. Lustlos, deprimiert und müde des Grübelns warf er den Umhang um und trat vor sein Haus, wo er durch den Anblick der sich ihm bot, schlagartig hellwach ward. Wie eh und je lag neben seinem Haus der Versammlungsplatz samt Turnierareal und dem Zelt mit dem Roten Kreuz auf seinem Dach, als wäre nie ein Stein bewegt worden! Der kalte Nordwind, der ihn erfasste, ließ ihn begreifen, dass er nicht mehr in seinem warmen Bett träumte. Kanubio hetzte er hinüber zur alten Elfenstadt. Die Hütten waren wieder komplett. Erst als er mit beiden Beinen sicher auf dem Pier stand, glaubte er, dass auch dieser wieder untrüglich vorhanden wäre. Immer noch zweifelnd betrachtete er die beiden Boote, begab sich dann in die von ihm so heiß geliebte Hütte, ließ sich auf dem Hocker nieder und lauschte dem fröhlichen Schnattern des Delphines. Nein, es war kein Trugbild. Alles war wieder, wie es vormals war.

Eigentlich wäre Kanubios Welt nun wieder in Ordnung gewesen, doch war sie es nicht, denn da blieb immer noch der unselige Zwist mit seiner Schneiderin …
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