Während draussen der Wintersturm tobte gab es nichts schöneres, als sich in der anheimelnden Stube an Cyrion zu kuscheln und dem Knistern des Buchenfeuers zu lauschen.
Nun stand Enghwyn in einem lichterfüllten Wald und verschwendete keinen Gedanken mehr daran, dass sie eben noch vor dem Kamin auf den Fellen gelegen hatten.
Sonne durchflutete das Blätterdach der uralten efeuberankten Baumriesen und lies den weichen Boden unter ihren blanken Füssen golden schimmern soweit der Morgendunst den Blick gewährte.
Sie kannte den Ort und augenblicklich schlug ihr Herz höher. Der Anflug von Freude setzte gleichsam mit der Trauer darüber ein, wie lange sie nicht mehr hier gewesen war.
Wo war sie ?
Einmal im Kreis gedreht wurde sie der Gestalt, deren Konturen langsam schärfer wurden, zwischen den Bäumen gewahr.
Mutter ?
Atemlos tat sie ein paar Schritte bevor sie vor der Gestalt auf die Knie sank, und ihre Worte nunmehr nur noch so hervor sprudelten.[/i]
Es tut mir so leid. Aber es ging nicht anders ! Du hast gesehen was geschehen war, dass es einfach nicht mehr ging. Sie wollten nicht begreifen was du mit mir vorhast, was du mir gesagt hast. Ich musste sie verlassen, sie haben mir einfach zu weh getan !
Verzweiflung mischt sich ein, aber die Hoffnung nun endlich wieder von Ihr gehalten zu werden war übergross.
Irgendwann nachdem sie ihre Geschichte, einer Eingebung folgend, hervorgebracht hatte, hob sie den Blick und blickte in das gütige Gesicht einer reifen Frau.
Sie lächelte Enghwyn verständnisvoll an und sprach mit der sachten beruhigenden Stimme wie sie sie kannte.
Ich verstehe dich nicht, mein Kind ...
Schlagartig wurde Enghwyn wach. Zuerst stellte sie fest, dass Cyrion nicht mehr da war, und sie allein auf den Fellen ruhte, ein Kissen nun unter ihrem Kopf. Als zweites bemerkte sie, dass ihr Herz raste.
Dann brach die Erkenntnis über ihr zusammen.
"...ich verstehe dich nicht ...".
Es hätte alles sein können. Dass sie sich irre, dummes Zeug rede, sich nicht zu sorgen brauche, aber nicht "ich verstehe dich nicht"
Verblüffung und Angst. Wie jemand am Abgrund der den Boden bröckeln fühlte.
Was sollte das, sie verstand dich nicht ? Enghwyn war Teil von allem, Teil von ihr selbst, es war nicht möglich, dass sie sie nicht verstand.
Das Gefühl etwas gänzlichst missverstanden, oder sehr lange einem Bären aufgesessen zu haben, schlich langsam den Nacken empor.
Auch wenn Enghwyn in diesen Momenten den Traum nicht recht einordnen konnte, hatte es schon begonnen.
Die Perspektive verschob sich bereits.
... sie war es nie gewesen, oder kennt dich nicht ...
Abgründe
-
Cyrion Sha´Ar
Cyrions Blick lag auf dem Bolzen, dem er eigentlich Federn hatte ankleben wollen. Doch seine Gedanken waren weit weg, schweiften immer wieder zu seiner Frau, hingen an ihr fest. Was war nur geschehen? Sie hatte sich nach langem Gespräch mit ihn geschmiegt und war bald darauf eingeschlafen, ihr Haupt auf seine Schenkel gebettet. Cyrion hatte sich irgendwann erhoben, nachdem er sie lange Zeit betrachtet, den Frieden genossen hatte, der mit dieser Frau in sein Heim gekehrt war. Ihm war aufgefallen, dass sie ungewöhnlich fest schlief, nicht erwachte, als er sie nieder liess, auch nicht, als er im Haus umher ging und sich etwas essbares bereitete. Kein Blinzeln, kein Murmeln – sie schlief wie ein Stein. Er hatte noch gelächelt über ihren festen Schlaf, hatte sie nicht mal auf eine Berührung, ein Streicheln ihrer Wange reagiert, bevor er ging. Da hätte er sich denken können – nein müssen, dass etwas nicht stimmte. Sie erwachte immer, wenn er sie berührte, reagierte immer auf irgendeine Weise, und sei es auch nur mit einem Zucken ihrer Augen, einem kleinen Lächeln im Schlaf.
Cyrion war für vielleicht eine oder zwei Stunden aus dem Haus gegangen. Doch als er wieder kam... Enghwyn hatte am Spinnrad gesessen, dieses mit seltsam leerer Miene gedreht. Der Blick war über sie geschweift und er wusste, etwas war vorgefallen. Götter... Ihre Miene... Er brauchte nicht lange, um zu erfahren, dass sie einen Traum gehabt hatte, der sie aus der Bahn warf. ’Ich versteh dich nicht, Kind...’ Hatte sie wirklich von Mutter geträumt? Sie getroffen? Oder war sie einer anderen Wesendheit begegnet, die sich als Mutter ausgab? Nach allem, was er von Mutter wusste, was ihm Solveigh wie auch Enghwyn beigebracht hatten, war es ein Unding, das Mutter, Eluvie, eine junge Frau namens Enghwyn, im Herzen eine Tochter der Mutter, nicht verstand. Enghwyn war am Boden zerstört gewesen. Zum ersten mal hatte er sie weinen sehen, die Stimme hoch und dünn durch Selbstzweifel. Selbstzweifel, ob sie verrückt wurde. Selbstzweifel, ob sie nie Mutter begegnet war, ihre Ziele, all ihre Taten, einem völlig falschem Weg entsprachen. Ihr ganzer Glaube, alles, was sie war, stützte sich auf Mutter. Und Mutter sagte: ’Ich versteh dich nicht...’?
Er schüttelte leicht den Kopf und blickte blinzelnt auf die Federn hinab. Ach ja... hier war er... Leim auf die Federhälfte streichend, setzte er sie auf den Bolzen. Doch kaum sass die Feder, liess er den Bolzen sinken. Der Blick driftete wieder davon.
Ihre Reaktion war Besorgniserregend. Aus tumber leerer Handlung, wohl durch Schock hervorgerufen, erwachte ein verzweifeltes Kind, seinem Glauben, seiner Sicherheit, seinem Halt, den es im Leben gehabt hatte, entrissen. Und noch während er sie in seine Arme hob, ihr versichernd, dass sie nicht verrückt geworden war oder wurde, dass gewiss auch andere ihre ähnliche Gedankengänge wie sie hatten, geschah erneut etwas. Sie wurde ruhig... bat darum, niedergelassen zu werden. Fing an zu nähen, etwas, dass sie verabscheute. Sicher – sie wollte wissen, was sie selbst konnte... Er wusste zum Teil, was sie auf die Beine gestellt hatte – und das war nicht wenig!
Was ihn verstörte, war der plötzliche Umbruch... Eben verzweifelt und jetzt... Ruhige Worte, von Lachen durchsetzt. Ein immer wiederkehrendes Grinsen auf ihren Lippen. War sie letztendlich doch noch übergeschnappt? War das eine weitere Reaktion des Schocks? Er wusste es nicht, konnte es nicht sagen. Aber er würde sie die nächsten Tage im Augen behalten. Gedankenvoll hob er den Kopf und blickte zur Tür herüber. Leise hörte er das Klappern des Webstuhles, an dem sie sass und den Stoff herstellte, am dem sie erneut das Nähen üben würde. Schon seit Stunden war sie an diesem Gerät, dass sie vor wenigen Tagen noch demontieren und verkaufen wollte. Er machte sich Sorgen um sie. Und er wusste, dass ihr seine Sorge nicht verborgen blieb.
Cyrion war für vielleicht eine oder zwei Stunden aus dem Haus gegangen. Doch als er wieder kam... Enghwyn hatte am Spinnrad gesessen, dieses mit seltsam leerer Miene gedreht. Der Blick war über sie geschweift und er wusste, etwas war vorgefallen. Götter... Ihre Miene... Er brauchte nicht lange, um zu erfahren, dass sie einen Traum gehabt hatte, der sie aus der Bahn warf. ’Ich versteh dich nicht, Kind...’ Hatte sie wirklich von Mutter geträumt? Sie getroffen? Oder war sie einer anderen Wesendheit begegnet, die sich als Mutter ausgab? Nach allem, was er von Mutter wusste, was ihm Solveigh wie auch Enghwyn beigebracht hatten, war es ein Unding, das Mutter, Eluvie, eine junge Frau namens Enghwyn, im Herzen eine Tochter der Mutter, nicht verstand. Enghwyn war am Boden zerstört gewesen. Zum ersten mal hatte er sie weinen sehen, die Stimme hoch und dünn durch Selbstzweifel. Selbstzweifel, ob sie verrückt wurde. Selbstzweifel, ob sie nie Mutter begegnet war, ihre Ziele, all ihre Taten, einem völlig falschem Weg entsprachen. Ihr ganzer Glaube, alles, was sie war, stützte sich auf Mutter. Und Mutter sagte: ’Ich versteh dich nicht...’?
Er schüttelte leicht den Kopf und blickte blinzelnt auf die Federn hinab. Ach ja... hier war er... Leim auf die Federhälfte streichend, setzte er sie auf den Bolzen. Doch kaum sass die Feder, liess er den Bolzen sinken. Der Blick driftete wieder davon.
Ihre Reaktion war Besorgniserregend. Aus tumber leerer Handlung, wohl durch Schock hervorgerufen, erwachte ein verzweifeltes Kind, seinem Glauben, seiner Sicherheit, seinem Halt, den es im Leben gehabt hatte, entrissen. Und noch während er sie in seine Arme hob, ihr versichernd, dass sie nicht verrückt geworden war oder wurde, dass gewiss auch andere ihre ähnliche Gedankengänge wie sie hatten, geschah erneut etwas. Sie wurde ruhig... bat darum, niedergelassen zu werden. Fing an zu nähen, etwas, dass sie verabscheute. Sicher – sie wollte wissen, was sie selbst konnte... Er wusste zum Teil, was sie auf die Beine gestellt hatte – und das war nicht wenig!
Was ihn verstörte, war der plötzliche Umbruch... Eben verzweifelt und jetzt... Ruhige Worte, von Lachen durchsetzt. Ein immer wiederkehrendes Grinsen auf ihren Lippen. War sie letztendlich doch noch übergeschnappt? War das eine weitere Reaktion des Schocks? Er wusste es nicht, konnte es nicht sagen. Aber er würde sie die nächsten Tage im Augen behalten. Gedankenvoll hob er den Kopf und blickte zur Tür herüber. Leise hörte er das Klappern des Webstuhles, an dem sie sass und den Stoff herstellte, am dem sie erneut das Nähen üben würde. Schon seit Stunden war sie an diesem Gerät, dass sie vor wenigen Tagen noch demontieren und verkaufen wollte. Er machte sich Sorgen um sie. Und er wusste, dass ihr seine Sorge nicht verborgen blieb.
-
Enghwyn
Einsam im Nichts umgeben von Allem.
Als Enghwyn an diesem Morgen vor der Stehle in Varuna saß, war die Welt definitiv eine Andere, sie wusste nur noch nicht welche.
Der Atem gefror in der Winterluft und trieb in kleinen Wolken davon.
Wo war Mutter ? Sie war nicht da, obwohl sie es hätte sein müssen. Die Nähe und Geborgenheit, die Enghwyn in den letzten Jahren vermisst hatte, war nicht jene gewesen, die Mutter geben sollte.
Es war etwas anderes. Die Geborgenheit ihrer Familie fehlte, jene war nicht da.
Mutter aber war immer da, also konnte sie dieses missliche Gefühl nicht auslösen.
Was immer sie gebunden hatte, es war nicht Mutter gewesen.
Sie war auf sich gestellt, das wusste sie nun.
Der anfängliche Schreck war der Feststellung gewichen, dass sie atmete. Es hatte sich nicht wirklich etwas verändert. War das nicht noch eher Grund sich zu erschrecken ?
Ihr Blick fiel auf die Inschrift der Stehle.
Obwohl ihr selbst diese Worte in den Sinn gekommen waren, wirkten sie in diesem Moment wie Teil einer fremden Prophezeihung, und wie von selbst gesellten sich neue Gedanken hinzu.
Was du schaffst, schaffst du allein,
was misslingt, das sei dein eigen Schuld.
Nicht soll Dank für dich der ihre sein,
noch Zorn, wenn dich das Schicksal holt.
Wieder schien die Welt eine Spur weiter wegzurücken.
Mutter trug keine Schuld an den Übeln dieser Welt und beeinflusste sie nicht.
Natürlich, die Welt war lebendig und sollte nicht gegängelt werden.
Alles war von freiem Willen beseelt.
Niemand konnte sich der Verantwortung für die eigene Handlung entledigen. Und niemand würde verzeihen was einmal geschehen war. Belanglos.
Wer nicht vorher dachte, musste aus Fehlern lernen und mit den Folgen leben, alles Andere war Selbstbetrug.
Jeder Glaube an Vergebung und Heilsversprechungen ein Resultat unbestimmter Angst vor einer ungewissen Zukunft.
Lernen. Die Schöpfung lernte und Mutter gab ihr die Möglichkeit.
Duldete den ganzen Wahn, erfreute sich der schönen Dinge.
Man kann Kinder nicht zu Einsicht zwingen, lediglich zum Gehorsam aus welchem dann der Zorn erwächst und nicht die Zufriedenheit.
Mutter zwingt nicht.
Die in sich einsame Schöpferin, die ein Werk ersann, welches in ihrem Geist geschah, nach Regeln die Leben gaben, nicht nach ihren Wünschen, welche sie schon alle kannte und keine Überraschung mehr bargen.
Sie hatte sich fallen lassen in ihrer Schöpfung, und die Kontrolle aufgegeben, wie auch wir es sollten um Neues zu schaffen und nicht zu erstarren.
Kontrolle bewirkt das Erwartete und erhällt das Bestehende, Aufgabe erst lässt das Neue und das Leben zu.
Das Leben traf eigene Entscheidungen, "gut" und "böse" gab es nur wegen unterschiedlicher Interessen obwohl der Einzelne keine Rolle spielte, auch wenn er immer etwas besonderes war.
Es durfte nicht anhalten, weil es ihr Wille war, und wer es stoppte, vernichtete letztlich sich selbst.
Wie in weiter Ferne gingen die Menschen neben Enghwyn über die Straße, dem beginnenden Tagwerk entgegen.
Heute wirkten sie fremdartiger denn je.
Als Enghwyn an diesem Morgen vor der Stehle in Varuna saß, war die Welt definitiv eine Andere, sie wusste nur noch nicht welche.
Der Atem gefror in der Winterluft und trieb in kleinen Wolken davon.
Wo war Mutter ? Sie war nicht da, obwohl sie es hätte sein müssen. Die Nähe und Geborgenheit, die Enghwyn in den letzten Jahren vermisst hatte, war nicht jene gewesen, die Mutter geben sollte.
Es war etwas anderes. Die Geborgenheit ihrer Familie fehlte, jene war nicht da.
Mutter aber war immer da, also konnte sie dieses missliche Gefühl nicht auslösen.
Was immer sie gebunden hatte, es war nicht Mutter gewesen.
Sie war auf sich gestellt, das wusste sie nun.
Der anfängliche Schreck war der Feststellung gewichen, dass sie atmete. Es hatte sich nicht wirklich etwas verändert. War das nicht noch eher Grund sich zu erschrecken ?
Ihr Blick fiel auf die Inschrift der Stehle.
Obwohl ihr selbst diese Worte in den Sinn gekommen waren, wirkten sie in diesem Moment wie Teil einer fremden Prophezeihung, und wie von selbst gesellten sich neue Gedanken hinzu.
Was du schaffst, schaffst du allein,
was misslingt, das sei dein eigen Schuld.
Nicht soll Dank für dich der ihre sein,
noch Zorn, wenn dich das Schicksal holt.
Wieder schien die Welt eine Spur weiter wegzurücken.
Mutter trug keine Schuld an den Übeln dieser Welt und beeinflusste sie nicht.
Natürlich, die Welt war lebendig und sollte nicht gegängelt werden.
Alles war von freiem Willen beseelt.
Niemand konnte sich der Verantwortung für die eigene Handlung entledigen. Und niemand würde verzeihen was einmal geschehen war. Belanglos.
Wer nicht vorher dachte, musste aus Fehlern lernen und mit den Folgen leben, alles Andere war Selbstbetrug.
Jeder Glaube an Vergebung und Heilsversprechungen ein Resultat unbestimmter Angst vor einer ungewissen Zukunft.
Lernen. Die Schöpfung lernte und Mutter gab ihr die Möglichkeit.
Duldete den ganzen Wahn, erfreute sich der schönen Dinge.
Man kann Kinder nicht zu Einsicht zwingen, lediglich zum Gehorsam aus welchem dann der Zorn erwächst und nicht die Zufriedenheit.
Mutter zwingt nicht.
Die in sich einsame Schöpferin, die ein Werk ersann, welches in ihrem Geist geschah, nach Regeln die Leben gaben, nicht nach ihren Wünschen, welche sie schon alle kannte und keine Überraschung mehr bargen.
Sie hatte sich fallen lassen in ihrer Schöpfung, und die Kontrolle aufgegeben, wie auch wir es sollten um Neues zu schaffen und nicht zu erstarren.
Kontrolle bewirkt das Erwartete und erhällt das Bestehende, Aufgabe erst lässt das Neue und das Leben zu.
Das Leben traf eigene Entscheidungen, "gut" und "böse" gab es nur wegen unterschiedlicher Interessen obwohl der Einzelne keine Rolle spielte, auch wenn er immer etwas besonderes war.
Es durfte nicht anhalten, weil es ihr Wille war, und wer es stoppte, vernichtete letztlich sich selbst.
Wie in weiter Ferne gingen die Menschen neben Enghwyn über die Straße, dem beginnenden Tagwerk entgegen.
Heute wirkten sie fremdartiger denn je.