Was die Karten (ver)sprachen

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Janus Aethra

Was die Karten (ver)sprachen

Beitrag von Janus Aethra »

Der kalte Wind wehte durch das Blätterwerk der Bäume, die der Nacht dafür ein sanftes Rascheln schenkten. Kaum ein Laut wagte es, die friedvolle Ruhe zu stören, die in dem kleinen Waldstück herrschte ... und kaum ein Laut vermochte es, Janus, der am Fuße eines Baumes im Moos gebettet lag, aus seinen Gedanken zu reißen. Zwar war er müde, doch wollte er noch nicht schlafen. Er wollte dieses Gefühl genießen und bis zum letzten Tropfen auskosten - zu groß war die Sehnsucht danach gewesen, und zu lange hatte sie angehalten. Doch nun ...
Sein Haar tänzelte sanft im Wind, als er den Blick zum Nachthimmel hob. Er fühlte sich frei, vollkommen, und sein Körper schien von einer solchen Wärme erfüllt, dass er den kalten Wind nur als sanftes Streicheln in seinem Gesicht wahrnahm. Und all dies nur wegen ihr ? Wie konnte sie, die nun in seinen Armen lag, nur solch eine Wirkung auf ihn haben?
Er spürte, wie ein Schmunzeln in ihm empor kroch und vergeblich versuchte, das sanfte Lächeln auf seinen Lippen zu verzerren. Für einen kurzen Augenblick fühlte er sich schwach, wie eine Spielfigur, unfähig sich dagegen zu wehren, dass sie jede Faser in ihm erfüllte und ihn dazu brachte, Dinge zu tun, die er selbst nicht verstehen konnte. Doch ...
Konnte er es wirklich nicht verstehen? ...oder wollte er es nur nicht verstehen? Es sich nicht eingestehen, was es in ihm ausgelöst hatte, wenn jemand ihr nahe kam?
Einen Augenblick lang drang wieder dieses Gefühl aus seinen Erinnerungen hervor, das ihn das Weite suchen ließ, als er es mit ansehen musste... dieses Gefühl, das seiner Stimmung so oft eine 180° Wende gab. Wie sehr hatte er sich hinterher dafür geschämt, so gehandelt, so gefühlt zu haben?
Etwas zwang seinen Blick zurück, zurück in das zarte Gesicht dieses vollkommenen Wesens, das friedvoll in seinen Armen ruhte. Ihre Nähe genießend schloss er seine Augen und zog die Arme noch fester um sie. Er würde dieses Gefühl von nun an nichtmehr zulassen. All seine Zweifel waren an diesem Abend unter ihren Küssen dahin geschmolzen. Zweifel, ob es richtig war, sie zu lieben, ob es richtig war, ihr diese Liebe zu gestehen. Doch besonders die Zweifel daran, ob tatsächlich das eintreten würde, was die Karten, die sie selbst ihm ausgelegt hatte, ihm prophezeiten... die Erfüllung eines Herzenswunsches.
Seine Gedanken schweiften die Zeit zurück ...
Er kannte sie seit dem Tage ihrer Geburt und sie waren nahezu sein ganzes Leben lang zusammen gewesen... als Freunde... bis er eines Abends ihre Lippen berührte. Dieser Moment war es, der alles veränderte. Eine neue Empfindung kam in ihm auf, ein Gefühl, das er nur ein einziges Mal zuvor gespürt hatte – Liebe. Janus sträubte sich dagegen, er wollte nicht so fühlen...nicht für sie. Sie gehörte zu seinen liebsten Menschen, und deshalb wollte er das Risiko nicht eingehen, ihre Freundschaft aufgrund seiner Gefühle zu gefährden. Doch als der Abend kam, an dem sie ihm jene Karten auslegte, die von seinem Glück erzählten, fasste er sich ein Herz und erzählte ihr, was der Kuss ausgelöst hatte. Sie jedoch, die noch nie Liebe erfahren hatte, konnte mit der Seinen nichts anfangen. Ihr schien dieses Gefühl fremd, wie also hätte sie es erwidern können?
Bedeutete dies, die Karten haben nicht die Wahrheit gesprochen? Er wusste es nicht, genauso wenig wusste er, was nun geschehen würde, doch entschloss er sich das einzige zu tun, was ihm sinnvoll erschien - zu warten. Möglicherweise würde sein Wunsch irgendwann doch in Erfüllung gehen.

Ein leises, wohliges Seufzen riss Janus aus seinen Gedanken, und er spürte, wie sie sich im Schlaf zärtlich an ihn schmiegte. All diese schmerzlichen Gefühle gehörten nun für immer der Vergangenheit an. Nach der für ihn schier endlos langen Zeit des Wartens wurde sein Wunsch endlich erfüllt. Während er nun seine Augen langsam aufschlug und sie still betrachtete, hallte ganz leise ihre sanfte Stimme in seinen Erinnerungen und er konnte geradezu hören, wie sie die Worte aussprach, auf die er bis zu diesem Abend so sehnsüchtig gewartet hatte.
"und ich... liebe dich"
Janus hob ganz langsam und vorsichtig seine Hand, darauf bedacht sie nicht aufzuwecken, und begann sanft ihre Wange zu streicheln. Er würde sie nie wieder gehen lassen, denn er war sich sicher, in ihr die Liebe seines Lebens gefunden zu haben. Und so begann die Welt um ihn herum zu verschwimmen, seine Gedanken sich im Kreise zu drehen, und bis er die Welt der Wachenden verließ schwebte nur der eine Name in seinem Kopf...Taralea
Taralea Mirrosil
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Beitrag von Taralea Mirrosil »

Lange schon hatte sich die Dunkelheit über das Land gelegt. Ein kühler Wind wehte und an einigen Stellen legte sich eine verdächtig glitzernde weiße Haube dünn auf die Grashalme. Der kalte Zeit des Jahres näherte sich unmißverständlich, doch Taralea nahm die Kälte nicht wahr. Der warme Schein des Feuers zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab und sie hatte es sich auf einem der weichen Felle am Lagerfeuer gemütlich gemacht.
Gerade hatte sie eine der Übungen beendet, die sie Schritt für Schritt mit der Vollkommenheit von Mutters Schöpfung vertraut machten. Sie war erfüllt von einer unbeschreiblichen inneren Ruhe und das leise, wohlige Schnurren der kleinen Katze neben ihr tat sein Übriges um dieses Gefühl noch zu verstärken.
Taralea betrachtete die Funken, die sich tanzend in den Himmel erhoben und lauschte dem sanften Rauschen der Wellen, das aus weiter Ferne leise an ihr Ohr drang.

Das Meer. Noch nicht lange war es her, als sie über genau dieses ihren Weg hierher gefunden hatte. Doch hatte sich so unendlich viel seit diesem Tag verändert.
War ihr Leben bisher recht ruhig und geordnet verlaufen, so stürzten nun die Ereignisse über sie herein. Neue Lande, neue Menschen und eine ganze Menge neuer Gefühle.
Vor ihrem inneren Auge begannen sich Bilder zu zeigen. Kurz sah sie ihr Heimatdorf, seine Wälder und Seen, die ihr eine glückliche Kindheit geschenkt hatten. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Und nun war sie hier. Erst vor kurzem hatte sie diesen Ort der Wärme gefunden... Mit einem kurzen Kopfschütteln korrigierte sie diesen Gedanken. Sie war gefunden worden. Und es hatte sich als eines der größten Geschenke dargestellt, wenn nicht sogar das größte, dass sie je in ihrem Leben erhalten hatte. War es am Anfang verwirrend und auch Angst einflößend gewesen, fühlte es sich nun an, als sei sie nach einer langen, beschwerlichen Reise endlich heimgekehrt.
Die Bilder vor ihrem inneren Auge zogen weiter, zeigten Ereignisse und Menschen. Die Gesichter der Eltern erschienen ihr, des Bruders und vieler Freunde, alte wie neue. Wie selbstverständlich manifestierte sich nach einem kurzen Augenblick das Antlitz eines eines kleinen Jungen, das sich nach und nach zu einem jungen Mann formte. "Janus", flüsterte sie leise, wohl kaum wahrnehmend, dass ihre Lippen sich bewegten.
Deutlich sah sie ihn vor sich. Seine markanten Gesichtszüge, die grauen Augen und die wohlgeformten Lippen, die so ein herrlich warmes Lächeln auf sein Gesicht zaubern konnten...

Das Knacken eines in der Feuerstelle brechenden Holzscheites vertrieb jäh das Bild von ihrem inneren Auge und lenkte ihren Blick in die Flammen.
Feuer- innerlich zählte sie die Dinge auf, welche es symbolisierte. Als sie bei der Liebe ankam, musste sie ein wenig schmunzeln und wieder schweiften ihre Gedanken ab.
Seltsam, wie sich die Dinge verändert hatten. Seit dem Tage ihrer Geburt war er bei ihr gewesen. Hatte sie lachend auf seinem Rücken reiten lassen, wenn ihre kleinen Kinderbeine nicht mehr konnten und hatte ihre Tränen weggewischt, wenn sie sich die Knie aufgeschlagen hatte.
Und dann eines Tages....
Als er ihr gestand, dass sich seine Gefühle für sie verändert hatten, war sie aufgewühlt, verwirrt, verunsichert. Sie verstand nicht, was er meinte und eine leise Angst war in ihr hochgekrochen. Die Angst, es würde sich alles ändern, Angst, ihn zu verlieren. Sie kämpfte dagegen an und doch...
Dann kam der Tag, der alles änderte. Dieser schicksalsträchtige Ausflug nach Menek'ur.
Die Verletzung, die Janus sich zuzog, war schlimmer, als es zunächst den Anschein gemacht hatte. Als er dann im Schein des Feuers schlafend gelegen hatte und sie in sein unnatürlich blasses Gesicht sah, griff die Furcht mit kalter Hand nach ihrem Herzen. Die Angst, ihn zu verlieren war stärker denn je und der Gedanke schnürte ihr beinahe die Kehle zu. Kaum ein Auge tat sie in jener Nacht zu, immer wieder horchte sie auf seinen Atem.
Und auch die Erleichterung, als Vivianne ihr nach der Versorgung seiner Wunde versicherte, er würde keinen weiteren Schaden davon tragen, war ein wenig größer, als sie es wohl sonst gewesen wäre.
Von diesem Tage an grübelte Taralea über ihre neuen Empfindungen nach.
Dann, bei einer ihrer Übungen, begann sie zu verstehen. Ein leiser Ton, fremd und doch unheimlich schön, hatte sich in ihre eigene Melodie geschlichen. Andächtig lauschte sie in sich hinein, prägte ihn sich ein, so gut es nur irgendwie ging.
Am nächsten Abend hatten Janus und sie es sich mit einem Kelch Wein gemütlich gemacht und er hatte sie zum Schutz gegen die kühle Nachtluft an sich gezogen. Sie hatte in sich gelauscht, wie sie es nun häufig tat und wieder diesen Ton vernommen. Deutlicher, klarer. Es fühlte sich wunderbar an. So warm. Erfüllend.
Wenige Tage später hatten sich ihre Lippen berührt und es war Taralea, als fließe eine warme Woge durch ihren Körper, ihre Seele. Diese Worte... Ihm ihre Liebe zu gestehen war wie eine Befreiung gewesen und als sie es aussprach, sie es aus ihrem eigenen Mund hörte, war ihr klar, dass nichts die Wahrheit treffender hätte beschreiben können.

Mit ruhigen Bewegungen, um die kleine Katze neben ihr nicht zu wecken, zog Taralea ihren Umhang aus ihrer Tasche, legte sich auf den Fell nieder und deckte sich zu. Durch die lodernden Flammen und den Umhang wohlig gewärmt, schlich langsam die Müdigkeit über sie herein. Heute Nacht würde sie nicht frieren. Mutter würde über ihren Schlaf wachen. Soviel hatte sie ihr geschenkt und Taralea würde alles tun um sich dieser Gaben als würdig zu erweisen. "Mutter, bitte schenke ihm eine geruhsame Nacht und die schönsten Träume...", flüsterte sie leise in die Dunkelheit, ehe der Schlaf sie umfing.
Janus Aethra

Beitrag von Janus Aethra »

Die Dunkelheit hatte sich bereits wie ein dichter Schleier über das Land gelegt, als Janus auf seinem Pferd den tiefen Schnee durchritt. Jeder Atemzug – ob des Pferdes oder des Reiters selbst – ließ eine dichte Dampfwolke vor ihren Gesichtern aufsteigen, die im Schein der Lichter der vorbeiziehenden Häuser als schwaches Glitzern erkennbar wurde. Es war bitter kalt und ein scharfer Wind peitschte während des zügigen Ritts durch Janus' Gesicht, und er fühlte bereits ein leichtes Stechen in seinen Wangen empor kriechen und wie ihm die Bewegungen seiner Finger immer schwerer fielen. Als er jedoch an Tirell vorbei ritt und in der Ferne schon die Konturen eines Gebäudes wahrnehmen konnte, begann er die Kälte vor Vorfreude auf die Heimkehr nicht mehr zu registrieren. Das Gebäude, dem er sich zielstrebig näherte, gab ganz allmählich genaueres von sich Preis... Es handelte sich um ein einfaches Holzhaus, weder zu groß, noch zu klein, mit einem Strohdach und einem Balkon. Es war wohl nichts besonderes, doch hatte Janus aufgrund einer einfachen Tatsache sein Herz daran gebunden – es war _sein_ Zuhause. Es dauerte nicht lange, und er glitt sanft von dem Rücken des Pferdes hinunter in den kalten Schnee, der unter jedem Schritt, den er nun Richtung Haustür tat, leise knirschte. Aus dem Fenster drang nur das schwache Licht des Kamins, und Janus schob beinahe schon sehnsüchtig mit seinen kalten Fingern den Schlüssel in das Schloss. Ein erleichterndes Klicken ertönte, und als Janus die Tür aufzog spürte er bereits, wie sich die warme Kaminluft um ihn schlang, wie eine sanfte Umarmung, die ihn ins Hausinnere zu drängen schien. Als er die Tür hinter sich zu zog hielt er einen Moment inne, die Augen schließend, und er spürte, wie aufgrund der so entspannenden Wärme langsam eine Gänsehaut seinen Rücken empor kroch. Er schauderte genußvoll, woraufhin er die Augen wieder aufschlug und seinen Blick langsam durch den durch das Kaminfeuer spärlich beleuchteten Raum schweifen ließ. Einem Fremden wäre wohl nichts an dem Haus aufgefallen. Schränke, Tische, Regale ... es schien auf den ersten Blick nichts zu fehlen. Doch war es für Janus noch ein weiter Weg, bis er mit der Einrichtung zufrieden sein würde. Zwar war im Groben alles vorhanden, doch fehlten noch einige der Kleinigkeiten, die einem Haus – oder besser, einem Zuhause – dieses Gefühl der Geborgenheit verliehen. Aber dennoch, er hätte sich keinen schöneren Ort vorstellen können.

Sein Augenmerk fiel schließlich auf das Bett in einer Ecke des Raumes. Die Tatsache, dass niemand darin lag, trieb ein Schmunzeln auf Janus' Lippen. Maldrin, sein Mitbewohner und seit seiner Kindheit engster Freund verbrachte die Nacht wohl wieder bei einer Dame, so dachte er sich, während sein Blick eine Weile auf dem leeren Bett ruhte und sich die Erinnerungen an vergangene Tage vor sein geistiges Auge schoben. So viel hatte er mit ihm bereits erlebt, so viel mit ihm durchgestanden, dass das Band zwischen sich und ihm für den Rest ihres Lebens unzertrennlich sein würde. Janus war glücklich darüber, Maldrin bei sich zu haben...denn wenn es einen Menschen gab, dem er blind vertrauen konnte, dann war er es. Er – und seine kleine Schwester.

Taralea - der Name drang in Janus' Kopf, begleitet von einem unbeschreiblichen Gefühl von Glück... und Liebe. Er hob den Blick in Richtung der Treppe, die eine Etage nach oben führte. An der dahinter liegenden Wand konnte er ein sanftes Schattenspiel beobachten, welches vom schwachen Feuerschein des Kamins erzeugt wurde. Langsam wandte sich Janus um und ging auf die Treppe zu. Kein Laut außer das leise, sanfte Knistern des Kamins war zu hören, als er vorsichtig die Stufen empor schlich. Dabei spürte er, wie allmählich wieder Gefühl in seine von der Kälte betäubten Finger drang, als er diese über das Geländer gleiten ließ. Auch hier, in der zweiten Etage, hatte er einen Kamin errichten lassen, der das etwas kleinere Zimmer in sanftes, flackerndes Licht hüllte. Und dort, auf dem Bett an der Nordwand des Zimmers, ruhte sie, umspielt von jenem sanften Feuerschein, der ihrem zarten Körper eine solch engelsgleiche Erscheinung verlieh. Sie hatte die Decke nur grob über sich gezogen, sodass ein Bein darunter hervor ragte, einen Arm angezogen und auf ihren Bauch gebettet, den anderen von sich gestreckt. Ob sie auf ihn gewartet hatte? Janus stellte sich neben den Kamin und sah sie an, beobachtend, wie die Schatten über ihr Gesicht tänzelnden. Ob des wärmenden Kaminfeuers oder dieses wundervollen Anblicks, erneut kroch eine Gänsehaut an Janus' Körper empor. Niemand vermochte es wie sie, ein Lächeln auf seine Lippen zu zaubern, und niemand vermochte es wie sie, ihm solch ein Gefühl von Glück und Geborgenheit zu schenken. Sie zog ihn zu sich, unaufhaltsam, obgleich sie doch nur schlafend auf dem Bett ruhte. Er hatte er ihr nichts entgegen zu setzen. So ging er auf sie zu, leisen Schrittes, um am Rande des Bettes inne zu halten und auf sie hinab zu blicken. Ihre Miene war vollkommen friedlich, und nun, wo er nah bei ihr war, konnte er erkennen, wie sich ihre Brust ruhig und gleichmäßig hob und sank. Als er sich nun langsam über sie beugte und zärtlich seine Lippen auf ihre Stirn legte, stieg ihm der liebliche Apfelduft ihres Parfums in die Nase und voller Genuss schloss er seine Augen, während er sie sanft küsste. Mit einem liebevollen Lächeln auf den Lippen hob er den Kopf ein wenig an, strich mit dem Handrücken über ihre Wange und flüsterte leise, wohlwissend, dass sie ihn nicht hören würde.
"Ich bin wieder da, mein Schatz..."
Einen Augenblick lang betrachtete er ihre feinen Gesichtszüge, ehe er sich lautlos aufrichtete und sich Mantel und Umhang von den Schultern striff. Vorsichtig zog er sich das Hemd aus und stieg aus seinen Stiefeln, bevor er sich nun langsam in ihre Arme sinken ließ. Mit einer letzten Bewegung breitete er behutsam die Decke über sie und sich aus, bevor er so, sanft an sie gekuschelt, seine Augen schloss...
Taralea Mirrosil
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Beitrag von Taralea Mirrosil »

Die Sonnenstrahlen hatten noch nicht den Raum erhellt, als Taralea erwachte. Sie blieb noch eine Weile liegen, ohne die Augenlider anzuheben. Deutlich spürte sie neben sich den warmen Körper, lauschte auf die regelmäßigen Atemzüge. Wann mochte er heimgekommen sein? Lange hatte sie versucht, sich wachzuhalten und auf ihn zu warten. Die Kerze war beinahe heruntergebrannt, als sie endlich den Kampf gegen die Müdigkeit aufgegeben und ihr Buch zugeklappt hatte.

Langsam hob sie die Lider an. Der Raum war in ein kühles Grau getaucht, das einzig von dem roten Glühen des Kamins durchbrochen wurde. Ein kurzer Blick aus dem Fester zeigte ihr, dass neuer Schnee gefallen war und die Landschaft noch tiefer in sein wunderschönes Weiß gehüllt hatte. Behutsam rollte sie sich zur Seite und schmiegte sich eng an ihn, den Kopf auf seine Brust gelegt. Ihr Blick glitt durch den Raum. Die Möbel, den Kamin und die Pflanzen, auf die sie bestanden hatte. Es schien alles da zu sein und doch... immer wieder fielen ihr Kleinigkeiten ein, die dieses Haus noch mehr zu einem Heim machen würden.
Dennoch. Das Haus hätte leer sein können, ihr Herz hing dennoch daran, war es doch ein eigenes Heim, zu dessen Aufbau sie selber beigetragen hatte. Und das wichtigste war ja da: Maldrin und Janus. Ihr großer Bruder und ihre große Liebe. Mit einem tiefen Einatmen schloss sie die Augen und lauschte einen Moment auf die Melodie des Mannes, der ihre Gefühle so durcheinander gewirbelt hatte. Der ihr gezeigt hatte, wo der Unterschied zwischen lieb haben und lieben lag. Der sich so oft in ihre Gedanken schlich und dabei jedes Mal das Gefühl auslöste, als schenke er ihre eine sanfte Umarmung. Immer war er um sie herum gewesen. Ihr Leben lang. Und immer war er wichtig gewesen. Doch die Wertigkeit hatte sich geändert. Das Vermissen heute war ein anderes als das frühere.
Ihr Blick fiel auf eine kleine Narbe auf seinem Unterarm und sofort schoben sich die Bilder vor ihr Auge, wie er sie sich zugezogen hatte:

Es war ihre Schuld gewesen. Sie war neun Jahre alt und ein kaum zu bändigender Wildfang.
Es gab nichts, was sie nicht konnte. Kein Baum war zu hoch, kein Sprung zu weit, kein Pferd zu wild. So war sie auch fest überzeugt, die steile Klippe erklimmen zu können, die in der Mitte des Sees in den Himmel hinaufragte. Es war Sommer und sie waren zum Schwimmen gegangen. Wie immer zu viert. Die drei Jungen hatten ihr erzählt, oben von der Klippe könne sie bis zum Meer schauen und sie in ihrem kindlichen Alter hatte ihnen Glauben geschenkt. Kopfüber preschte sie ins Wasser und legte rasch den Weg zu den Felsen zurück, ehe die Jungen auch nur reagieren konnten. Flink hatte sie sich die ersten Meter hinaufgezogen, als ihr nasser Fuß auf dem Stein den Halt verlor und abglitt. Verzweifelt hing sie nun in diesem Felsen. Hinunterfallen lassen war nicht möglich, denn der Abstand zum Wasser hätte mehr Schwung erfordert, als sie in ihrer misslichen Lage holen konnte. Wäre sie gestürzt, ein gebrochenes Bein wäre wohl das kleinste zu erwartende Übel. Die Jungen hatten mittlerweile den Felsen erreicht und wohl auch gleich erkannt, dass es dieses Mal ernst war. Janus hatte sie als erster erreicht und im letzten Moment den Arm nach ihr ausgestreckt. Durch ihr Gezappel kam auch er ins Schwanken und konnte nur im letzten Moment das Schlimmste verhindern. Dabei schlidderte sein Arm über die scharfen Kanten und schnitten ihm den Arm auf. Dennoch hielt er sie eisern fest, bis Maldrin und Eliadhas hinzukamen und die beiden aus den Felsen zogen. Janus hatte diese Wunde jedem gezeigt, der sie sehen wollte und obwohl er jede Gelegenheit dazu gehabt hätte, dieses eine mal hatte er sie nicht mit ihrem Missgeschick aufgezogen. Er nutzte es lieber, um sich als kleiner Held loben zu lassen.

Liebevoll strich Taralea mit der Fingerspitze über diesen kleinen weißen Strich. Blut, für sie vergossen. Wieder schloss sie die Augen und atmete seinen Duft ein. Dann löste sie sich langsam von ihm; Bedauern stand ihr ins Gesicht geschrieben. Dennoch, es musste sein. Sie benötigte dringend Kräuter und diese mussten vor Sonnenaufgang geschnitten werden, um ihre größte Wirksamkeit zu erhalten. Bedacht darauf, keinen Laut von sich zu geben, erhob sie sich und kleidete sich an. Den Kleinen Dolch schnürte sie mit einem Ledergurt an ihren Oberschenkel und ließ den Rock darüber fallen. Die Sichel und einige kleine Beutelchen schob sie in ihre Tasche. Dann schlüpfte sie in den Mantel und band noch einen Umhang darüber. Der frühe Morgen war besonders kalt, wie sie bereits schmerzlich lernen musste.
Dann drückte sie Janus zärtlich einen Kuss auf die Stirn und flüsterte "Schlaf aus, ich bin bald wieder bei dir!"
Im Vorbeigehen legte sie einige Holzscheite in den Kamin und stocherte die Glut ein wenig auf, ehe sie sich leise aus den Haus schlich.
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