Mit einer Bewegung, die verriet dass sie inzwischen geübt hatte, schwang sich Julyana auf den Rücken ihres Pferdes, sah schon beinahe Beifall heischend zwischen Alassea und Xinthra hin und her, doch eine entsprechende Bemerkung blieb, natürlich, aus.
Die drei Schwestern hatten sich soeben zusammengepackt in den Katakomben auf zu räumen, schließlich lag Leony friedlich schlafend in der Wiege, Alassea hatte seit mehreren Monden nicht mehr gejagt und es waren noch andere Schwestern für den Fall eines Falles im Lager.
Es schien als war alles durchgeplant, das Wörtchen "schien" jedoch sollte der Jagd zum Verhängnis werden, denn das leise Klopfen an der Tür hielt sich nicht an den Plan.
Julyana war sich nicht sicher ob sie ein genervtes Stöhnen aus Xins Richtung wahrnahm als diese wieder abstieg, oder ob sie sich das nur einbildete, weil ihr ebenso danach war.
Auch sie verließ Gyants Rücken um bessere Sicht auf das Tor zu haben, welches soeben aufgeschlossen und gezogen wurde, und dabei den Blick auf eine traurige Gestallt zuließ:
Eine Frau, blond, vielleicht im selben Alter wie die Heilerin und einen halben Kopf kleiner als Julyana.
Die Tatsache dass sie lediglich mit einem rock bekleidet war, ließ Blicke auf die hervortretenden Rippen zu, doch nur solange wie sie sich gerade auf den Beinen halten konnte ohne von Xinthra gestützt zu werden.
"Hunger..."
vernahm sie die gesäuselten Worte der Frau, die die wachsende Besorgnis in ihrem Blick noch deutlicher hervorbrachte.
Ein Stück weit nur konnte sie so gestützt ins Lager wandeln, bevor sie schließlich zum Heilerzelt getragen wurde.
Wie einfach Xinthra sie hochheben konnte...
Sie war zwar alles andere als eine schwache Frau, doch es machte den Eindruck als würde sie ein kleines Kind in den Händen halte, so wenig hatte die Frau auf den Rippen, so machte Julyana ein paar Schüsseln von Kyras Kartoffelsuppe warm, brachte diese sogleich an ihr Bett.
Dass sie einen Löffel vergessen hatte wurde ihr wohl erst klar, als sie begann die Suppe einfach mit den Händen zu schaufeln, nicht auszudenken wo sie diese schon überall gehabt hatte, schließlich ging sie nicht davon aus dass sie in so einem Zustand zimperlich war...
Julyana wendete ihren Blick rasch ab, teils um sie nicht noch in Verlegenheit zu bringen, teils um sofort einen anderen Gedanken fassen zu können, was nicht schwer war, wo Xinthra grade in einem Buch, der zerflederte Einband ließ auf die Fremde schließen, las, und dabei ein, ein wenig erschrockenes, ein wenig ungläubiges "von Orken..?" von sich gab.
Weitergereicht wurde das ominöse Buch an Alassea, deren Mimik auf einen Inhalt schließen ließ, der nicht für schwache Mägen geeignet war.
Endlich konnte auch sie darin lesen:
Eine gewisse Coliela hatte es geschrieben, was die Frage nach dem Namen wohl erübrigte.
Hastig überflog Julyana die Zeilen.
Als Blinder Passagier nach Lameriast...gefangen von Orken...miss...
Sie runzelte angeekelt die Stirn, vergewisserte sich dass sie die Handschrift, wohl angefertigt als Coliela schon geschwächt war, nicht falsch entziffert hatte, doch kam sie immer wieder zu dem selben Ergebnis, welches sich bildlich vor zu stellen sie erst gar nicht wagte.
July tauschte das Buch gegen drei leeren Holzschalen, die die Autorin sogleich wieder in ihren Beutel stecken wollte, diesen dabei jedoch so schief hielt dass ein paar Fliegenpilze und eine Armbrust der Schwerkraft nachgeben und ins Graß fielen.
Einen Schützinn also?
"Die Pilze...sie sind giftig, ein Heiler kann etwas damit anfangen..."
murmelte sie, wohl die Blicke bemerkend, und räumte die Sachen, bis auf besagte Pilze, wieder ein.
"Dann kann Alassea sie sicher brauchen"
Kam es als Antwort von Xin.
"dann nehmt sie, ich brauche sie nicht..."
Mit dankendem Nicken nahm sie sie an sich und ließ sie in ihrer Tasche verschwinden, bevor sie zu sprechen begann.
"Bei solchen Muskelschmerzen ist ein warmes Bad das Beste, da entspannen sie sich sehr gut."
Gesagt, getan, Julyana heizte das Wasser auf, in dem sich Coliela einige Minuten später räkelte.
Aus irgendeinem Grund schien sie sogar jetzt schon wieder Fett an zu setzten, zwar nicht im Sinne von Übergewicht, aber die Rippen waren nicht halb so entstellt wie bei ihrer Ankunft.
Eine Tatsache die stutzig machte...
Nach dem Bad wurden der Frau noch neue Kleider gegeben, ein weißes Hemd, ein gleichfarbiges Doublet und eine gelbe Hose (es kam Julyana so vor als wäre es keine Stunde her gewesen, dass am Feuer über die Bedeutung dieser Farbe diskutiert wurde).
Coliela war sogar der Meinung sie wolle sich der Gilde anschließen, und das ohne dass sie mehr als die Gastfreundschaft der Gefährtinnen kannte.
Wer war sie?
Eine Frau, die zufällig kam als sie Schützinnen suchten, auf seltsame weise sich wieder erholte und es nicht schnell genug haben konnte in den Reihen ihrer "Retterinnen" aufgenommen zu werden?
Das musste Ronya sich erst anhören.
Die drei anderen Stellvertreterinnen dieser, sprachen ein wenig abseits des Feuers mit gedämpften Stimmen, als July Coliela darüber ausfragte ob sie wisse was sie tut, doch diese schien zu müde um noch eine anständige Unterhaltung führen zu können, also gesellte auch sie sich zu den Drein um die Frage von Colielas Schlafplatz zu klären.
Dass sie nicht hier schlafen würde, war recht schnell klar:
Der Schlafsaal war mit sieben Frauen ohnehin überbeansprucht, und die Truhen darin waren aufgeschlossen:
Gastfreundschaft war eine Sache...
Gegen den Vorschlag ihr ein paar Münzen zu geben, dass sie sich einen Platz in der Herberge nehmen konnte, wollte niemand etwas einwenden, so verließ Coliela mit einem Beutel, in dem sich genug Geld für eine Bleibe für eine Nacht und ein dazugehöriges Frühstück fanden, und der Bitte sich Morgen wieder zu melden noch am selben Abend das Lager der Gefährtinnen...