Seite 1 von 1
[MMT] Die Stille
Verfasst: Sonntag 26. April 2026, 12:55
von Die Schicksalsweberin
✦ ── ≪≪ ──────────────────────── • ───────────────────────── ≫≫ ── ✦
Der Nordstrand
An jenem Tag stand die Sonne mild über Wulfgard, und Elof Hinrah saß, wo er
immer saß. Der Ausrufer der Thyren hatte seine Bank vor dem Fort und das
Methorn in greifbarer Nähe. Von dort sah er alles. Wer kam, wer ging, wer zu
lange zögerte vor dem Tor, als wolle er sich noch einen Satz zurechtlegen,
bevor er eintrat. Es war sein Platz, und das Rudel wusste das.
Myra hörte er schon herantreten, bevor er sie sehen konnte. Schon von
Weitem drang ihr halblautes Schimpfen über den Hof, bevor ihre Gestalt mit
dem Korb auf der Hüfte überhaupt um die Ecke bog. Irgendetwas von wegen
zwei Reihen am Feld und ständig jemand, der etwas wollte. Elof grinste in sich
hinein. Ihm fiel ein, wie sie sich in ihrer Anfangszeit noch einrichten musste
und nicht alles auf Anhieb funktioniert hatte.
Das hatte sich mit den Mond und Jahresläufen geändert.
Nun hatte sie alles im Griff. Sie zog an ihm vorbei,
grüßte ihn freundlich mit einem "Hossa", und verschwand in Richtung des
Fortkellers.
Thorlav trat gegen Mittag aus der Halle. Der Jarl blieb kurz auf der Schwelle
stehen, die Augen zusammengekniffen gegen die Sonne, und sah sich um. Elof
beobachtete ihn. Thorlav hatte diesen Blick, den er immer hatte, wenn etwas
ihn beschäftigte. Dieser Blick war zu einer Hälfte nach innen gerichtet, die
andere Hälfte war auf die Umgebung bezogen, aber stets wachsam. Elof
erinnerte sich, wie Thorlav zum Jarl wurde, was schon wieder Jahre her war,
oder? Die symbolische Schulterkette saß ihm am Anfang dieser Amtszeit
schwerer, doch heute schien sie nicht mehr zu stören. Der Jarl nickte einem
der Schwerter zu, sagte etwas zu einem zweiten, und ging dann zurück in die
Halle. Elof nickte im Stillen für sich selbst. Doch der Jarl hatte seine Augen
überall, sah über die Schulter zu ihm, erwiderte es.
Kurz danach hörte Elof das Klirren von der Schmiede. Hekja hatte offenbar
etwas Großes in der Mache. Als sie schließlich zur Mittagsrast das
Schmiedefeuer verließ, Ruß im Gesicht und die Ärmel hochgekrempelt, war
sie auf dem Weg zum Brunnen. Elof schaute ihr nach und musste daran
denken, wie Hekja damals, als sie noch keine Oberste Hand oder
Runenskjerme war, deutlich länger an ihren Werken gefeilt hatte, bis es genau
den Glanz hatte, den sie im Kopf sah. Andere hätten zweimal aufgegeben.
Hekja hatte nur wieder angefangen. Das war das Geheimnis der
Runenskjerme, dachte Elof, nämlich nicht die Hand, nicht das Feuer, sondern
die Sturheit.
Brytta tauchte am Nachmittag vom Wachthaus her auf. Sie war den halben
Tag dort beschäftigt gewesen. Eine erste Patrouille, Inspektionen, wo es nötig
war, dann die Wachen für die kommenden Tage eingeteilt. Elof sah, wie sie
kurz stehenblieb, um mit jemandem zwei Worte zu wechseln, dann weiterging,
eine Richtung, ein Ziel, keine Umwege. Er erinnerte sich noch gut an die Zeit,
als Brytta selbst ein junges Schwert gewesen war. Damals hat sie noch den
Unterricht anderer Schwerter besucht, inzwischen hielt sie ihn und wies selbst
an. Sie verschwand um die Ecke in Richtung Halle, und Elof schmunzelte in
sein Methorn hinein.
Caja eilte gegen Abend über den Platz. Sie trug ihre Umhängetasche, und Elof
sah an ihrem Gang, dass sie müde war. Sie blickte kurz in seine Richtung,
nickte ihm knapp zu und ging weiter. Elof ließ sie ziehen. Er dachte an die
Clanner, die schon so zahlreich unter ihrer Obhut gelegen hatten. Er konnte
nicht zählen, wie viele Nächte Caja insgesamt nicht geschlafen hatte, um am
Lager zu sitzen. Alle hatten überlebt. Elof hatte nie gehört, dass Caja darüber
ein Wort verloren hätte. Medizinweiber zählten ihre Siege nicht laut. Das war
vielleicht schade. Aber es war ihre Art.
Njall kam etwas später am Brunnen vorbei, blieb dort stehen, schaute eine
Weile in das Wasser hinab, als warte er darauf, dass etwas darin zu ihm
spreche. Der junge Hagvirkr hatte definitiv seinen Pfad gefunden und
verfolgte ihn eisern. Njall wandte sich vom Brunnen ab und ging weiter, den
Blick am Boden, in Richtung des Forts. Die Hagvirkr und auch die Schamanen
hatten das so an sich, da waren sie mehr bei den Ahnen oder Geistern, als bei
ihrem Rudel. Elof wünschte ihm im Stillen einen klaren Kopf.
Die kleine Lyv wackelte ebenfalls an ihm vorbei. Erst vor wenigen Monden
hatte sie ihre ersten Schritte getan, und nun stapfte sie mit wackligen Beinen
durch das Fort, als wäre es ihr Anwesen. Aegir und Ylvi waren nie weit, aber
der Welpe erkundete schon gern allein. Elof schaute ihr nach, und ihm fiel ein,
wie er sowohl Ylvi als auch Aegir hier damals ankommen sah. Beide aus
verschiedenen Regionen und verschiedenen Richtungen, aber später in der
Liebe vereint. Eines von wenigen Handfastings, das er hier erlebt hatte.
Als die Sonne hinter die Bäume kippte, trat Olov aus der Halle, langsam, wie
es seine Art war. Er bewegte sich mitunter behäbig, aber wer ihn für langsam
hielt, würde es im Ernstfall bitter bereuen. An ihm haftete immer ein
angenehmer Geruch von Kräuterwerk und Met. Elof sah ihn von der Seite an
und dachte an die Geschichten, die Olov immer gerne vortrug und wie sich die
Clanner in großen Gruppen um ihn tummelten. Ein ruhmreicher Einherjer, der
seine Geschichten trug, aber auch davon erzählte, damit jeder daraus eine
Lehre zog. Olov bemerkte Elofs Blick, hob die Pranke kurz in seine Richtung,
eine knappe Geste mit Bedeutung, dann stapfte er weiter zur Halle zurück.
Elof grinste.
Gegen Abend hörte Elof, dass Norwin angekommen sei, irgendwo weiter
hinten am Hafen. Er freute sich darauf, ihn wiederzusehen. Der reisende
Hagvirkr brachte stets Nachrichten mit, die sonst niemand hatte. Elof
sammelte sie mit der gleichen Lust, wie Welpen Muscheln sammeln. Er würde
Norwin morgen besuchen, dachte er. Oder übermorgen. Es eilte nicht. Norwin
war mal hier und dann wieder dort. So kannte man ihn. Und wenn er dem
Rudel etwas brachte, dann war es stets etwas Gutes.
Als die Schatten lang geworden waren und das Rudel zum Fressen saß, aß
auch Elof. Eine Schüssel Eintopf, ein Brocken Brot, ein Schluck Met. Dann
stand er auf. Niemand fragte, wohin er ging. Sie fragten nie.
Der Weg zum Nordtor war nicht lang. Elof ging ihn mit ruhigem Schritt. Die
Wachen dort kannten ihn, und er kannte sie. Einer hob die Hand, als er Elof
sah, und der andere lehnte sein Schwert gegen den Pfosten und kam herüber,
um ein paar Worte zu wechseln. Elof blieb eine Weile bei ihnen stehen. Sie
erzählten sich Kleinigkeiten vom Tag, kleine Geschichten, wie sie zwischen
Wachen und einem Ausrufer eben entstehen, wenn die Dämmerung sich
langsam über das Fort senkt. Dann nickte Elof den beiden zu und ging.
Der Pfad war ihm vertraut. Er wusste, wo die Wurzeln hochstanden, er wusste,
wo der Boden im Frühjahr weich wurde und wo ein Stein im Weg lag, den er
nicht mehr umgehen musste, weil er wusste, dass er dort war. Das Licht war
noch gerade genug. Die Luft wurde kühler, je näher er dem Wasser kam, und
dann kam der Moment, der immer kam, denn sobald sich der Wald öffnete sah
man den Strand daliegen, und dahinter das Meer, grau und weit und still.
Elof setzte sich auf seinen Stein. Es gab nur den einen, den richtigen. Die
Wellen schwappten, das Salz hing in der Luft, und er schaute hinaus. Lange.
Ohne an etwas Bestimmtes zu denken, oder vielleicht an alles gleichzeitig. An
seine Mah, die ihn als Welpen auf Sand gesetzt hatte, auch wenn es nicht
dieser Sand gewesen war. An seinen Dah, der ihm einmal versprochen hatte,
mit ihm zurückzusegeln, wenn die Zeit reif sei, doch sie war nie reif geworden.
An Úlfsteinn, von dem er nicht mehr wusste als das, was die Skalden
erzählten, und doch schmeckte das Wort auf seiner Zunge wie eine
Erinnerung.
Die Wehmut kam dann immer. Er kannte sie gut, sie war wie ein alter Wolf,
der sich zu ihm legte. Er streichelte sie nicht weg, er ließ sie einfach liegen.
Sie ging irgendwann von selbst.
Der Wind drehte und kam von Norden. Er trug Salz und etwas, das Elof nicht
benennen konnte. Er verstand ihn als den Geruch von Tang, vielleicht etwas
anderes. Er schloss die Augen, nur für einen Augenblick. Der Stein war warm
unter ihm, der Sand weich neben seinen Stiefeln, und die Wellen sprachen mit
sich selbst in dieser Sprache, die sie immer sprachen.
Nur einen Augenblick, dachte er.
Nur einen.

✦ ── ≪≪ ──────────────────────── • ───────────────────────── ≫≫ ── ✦
Re: [MMT] Die Stille
Verfasst: Montag 27. April 2026, 22:10
von Njall Wikrah
Etwa zur selben Zeit befand sich der Rotschopf der Wikrah an dem Ort, der ihm Ruhe und Zeit zur Besinnung brachte. Auf einem Baumstamm sitzend unter der mächtigen Krone des Ahnenbaumes. Der Ausblick hier oben war stets die Anreise wert. Meer und Horizont soweit man sehen konnte. Die Fischer am Hafen beendeten gerade ihr Tagwerk, legten Taue zusammen und bereiteten alles für den kommenden Tag vor. Währenddessen stieg bereits der Rauch aus den vielen Räucherkästen nahe des Marktplatzes auf, die den Fang des Tages, von den Weibern des Rudel ausgeweidet, zu einer seiner Leibspeisen verarbeiteten.
Njall lehnte an seinem Speer und sog die Luft in seine Nase. Der Geruch von Meer, feuchter Erde und ab und an eine kleine Note Räucherfisch. Genug, um seinen Magen zum Knurren zu bringen. Er würde bald aufbrechen. Zurück ins Fort. Zurück an das Feuer zu seinen Clanern. Bei einem Horn voll Met würden sie hier von ihrem Tag berichten. Was ansteht, was gebraucht wird. Neuigkeiten aus Sturmouve und welche jenseits seiner Grenzen. Er brauchte oft längere Momente der Einsamkeit, um sich zu sortieren. Wenn wieder Sturm im Kopf tobte und Dinge geordnet werden wollten. Seine Aufgaben innerhalb des Rudels führten ihn oft an diesen Ort. Nicht, um sie zu erledigen, sondern um über sie nachzudenken. Um Mut zu sammeln und einen weiteren Schritt zu gehen. Das war es, was sein Volk auszeichnet. Sie waren Bewahrer. Entschlossen, wenn die Zeiten es erforderten. Blick nach vorne, aber auch immer einen über ihre Schulter. Das musste ein jeder Thyre in sich vereinen und ein Hagvirkr ganz besonders. Auf ihm lagen die Augenpaare einiger mächtiger Ahnen. Oft wohlwollend, aber auch immer prüfend. Keine Gabe darf verschwendet werden und das war es, was den ein oder anderen Sturm auslöste.
Das Laub in der Baumkrone begann ein wenig lauter zu rascheln. Als Njall sich umdrehte, rechnete er bereits damit, dass sein Lehrmeister hinter dem Baumstamm auftauchte. Das war nicht selten der Fall. Norwin ließ ebenfalls kaum einen Tag vergehen, an dem er nicht hier einkehrte, seine Hand an die Rinde legte und den Blick in die Krone hob. Dieser Ort war heilig. Er brachte ein ums andere mal Erkenntnis und ihm innere Ruhe.
Als er sich erhob, klackerten die vielen kleinen Gegenstände an seinem Speer. Knochen, Anhänger, Gebilde aus den unterschiedlichsten Stoffen. Für Unwissende augenscheinlich nichts weiter als Tand. Für den Rotschopf erzählten sie alle unterschiedliche Geschichten. Geknüpft an die Namen großer Helden. Und wieder knurrte der Magen. Zeit herauszufinden, was die Fischer heut mit Heim brachten. Morgen würde er Elof einen Besuch abstatten. Beltaine stand an und kaum einer vermochte Nachrichten so von Ohr zu Ohr zu tragen, wie dieser Hinrah. Mit seiner Hilfe würde jeder Sturmheuler davon erfahren. Doch jetzt Met und Fisch.
Re: [MMT] Die Stille
Verfasst: Dienstag 28. April 2026, 23:54
von Halldis Tryant
Es lag eine bedrückende Stille über ihrem Heim. Selbst Vogelsang war nicht oder nur wie von einem Fell erstickt wahrzunehmen. Selbst das Abendrot wirkte Wolken verhangen und nicht einladend. Für die Jahreszeit nichts Unheimliches und doch war das Auftauchen einer jungen Geistersucherin wie Nora nicht selten auch ein Omen.
Und tatsächlich meldete ein Schwert, dass Elof vermisst wurde, in den Norden gegangen. Mehr brauchte es nicht, dass das Rudel sich ohne groß Federlesens rüstete und dem Wort des Jarl folgen würde. Wie sehr sie sich mit Federn noch befassen würde, stand zu dem Zeitpunkt auf keiner Holztafel geschrieben.
Halldis ließ die alten Lieder auf dem traditionsreichen Dudelsack erklingen, wer auch immer eine Bedrohung darstellte, sollte wissen dass sie kommen. Und das Rudel sollte wissen, dass selbst eine Stille bezwungen werden kann und selbst die Ahnen den Klang vernehmen werden.
Wahrhaftig, das Omen war nicht umsonst gesandt. Auf ihrer Suche nach dem vermissten Bruder spie Helheim blutiges Federvieh aus, das kreischend sich der Schar entgegen stellte. Unter der Ahnen Schutz von Lykka und Njall, gewaltiger Hiebe des Jarl und Einherjer, sirrender Pfeile von Irmlind und auch wie man es von ihr erwartete, mutigerer Kampfeslust von Nora bahnten sie sich den Weg, wurden immer wieder bedrängt. Im Schwertwasser pflügend kämpften sie ohne Unterlass, bis sie den Gesuchten fanden und bergen konnten. Mehr tot als lebend verweigerte Thorlav ihm Rabes Ruf zu folgen. Nicht heute, Elof, nicht heute!
Was immer ihm auch widerfahren war, würde zu lösen sein. Für den Abend entschieden die Clanner jedoch, dass Elof am Ahnenbaum Ruhe brauchen würde.
Und Halldis, die sich nicht erlaubte, sich zu schonen, immerhin war sie als Mah gewohnt, dies nicht zeigen zu wollen, sondern anderen Halt zu geben, würde wie Njall bei ihm bleiben. Lange noch in der Nacht klangen von dort aus Skalen Lieder in die Nacht, die von Treue, Mut und Zusammenhalt auf ihre Weise erzählten, um den Verletzten an Leib und Seele Kraft zu geben, so wie auch Njall auf seine Weise, bis der Morgen grauen würde, oder der Schlaf seinen Tribut forderte...
Re: [MMT] Die Stille
Verfasst: Mittwoch 29. April 2026, 10:47
von Norwin Hinrah
An jenem Abend war Norwin erst sehr spät auf Sturmouve zurückgekehrt. Einmal mehr trieb ihm die Gier nach Blut und die Erwartung auf unschätzbaren Fund weit in die Wälder Gerimors hinaus. Doch bereits bei der Ankunft am Westtor wurde der Ahnenrufer von den Wachen über die Geschehnisse an diesem Abend unterrichtet. Sie wussten, dass der Jarl mit einigen Clanern aufgebrochen war, hatten aber den strengen Befehl das Bollwerk nicht zu verlassen. Dass es um Elof ging konnten sie noch vermelden, doch weitere Details kannten sie nicht. Elof, er hatte Sturmouve doch nie verlassen. Er musste der Sache nachgehen und mehr Antworten finden. Sein Weg führte schnellen Schrittes ins Fort wo man ihm vom Verschwinden, der Suche und den Umständen des Auffindens erzählte. Jedes Wort nährte sein Unbehagen mehr und mehr. Auch wenn sie Elof zurückbringen konnten, blieben unbeantwortete Fragen nach dem wieso und warum. Was trieb ihn in den Norden und was verdammt nochmal hat die Federweiber in den eisigen Norden getrieben. Es würde wohl mehr hinter der Sache stecken. Das ungute Gefühl, dass sich in ihm breit machte, lies es nicht zu den Gedanken zu verdrängen, dass das ganze Rudel in Gefahr sei. Sollte es wieder einer dieser Scheidewege sein, an dem das Rudel sich seiner Prüfung stellen muss, um seinen Fortbestand zu sichern? Für heute war es ihm wichtig gewesen, dass er Elof nun wieder zu Hause und in guten Händen wusste. Er war zu müde gewesen um noch in dieser Nacht tätig zu werden und so trieb es ihm in seine Felle. Er müsse erst wieder zu Kräften kommen um sein Rudel mit voller Körperkraft und mit klarem Verstand zu unterstützen.
Re: [MMT] Die Stille
Verfasst: Mittwoch 29. April 2026, 11:24
von Die Schicksalsweberin
✦ ── ≪≪ ──────────────────────── • ───────────────────────── ≫≫ ── ✦
Pechschwarze Warnung
Er stand auf einem Feld, das er nicht kannte. Der Boden war schwarz und still,
kein Halm, kein Stein, nur eine Fläche, die sich in jede Richtung bis zum Horizont zog.
Über ihm ein Himmel ohne Sterne. Keine Sonne. Kein Mond. Nur ein tiefes,
samtenes Dunkel, das sich anfühlte, als würde es ihn ansehen.
Njall versuchte zu rufen, doch sein Mund formte keine Laute. Er versuchte zu gehen,
doch seine Beine trugen ihn nicht. Er war Gast hier, das verstand er.
Und ein Gast rief nicht.
Dann kam die Stimme.
Sie kam nicht von vorn, nicht von hinten. Sie kam aus dem Boden, aus der Luft,
aus dem eigenen Brustkorb. Sie war ruhig. Fast freundlich.
Das war das Schlimmste an ihr.
„Kleiner Ahnenrufer."
Er spürte, wie es um ihn herum kälter wurde, obwohl sich nichts bewegte.
„Ich sehe dich. Ich sehe, was du dir vorgenommen hast.
Du willst deine Hände heben gegen etwas, das älter ist als dein Rudel.
Älter als dein Ahnenbaum. Älter als das Wort, das du zu sprechen gelernt hast."
Das Dunkel zog sich enger um ihn zusammen, ohne ihn zu berühren.
„Du bist jung. Das ist keine Schande. Doch Jugend allein löst keine Knoten,
die über Menschenalter gewachsen sind. Du wirst es versuchen. Das weiß ich.
Du bist stolz, wie die Deinen stolz sind. Und doch höre gut zu, was ich dir sage,
denn ich sage es nur einmal."
Die Schwärze über ihm atmete.
„Was du mir nehmen willst, gehört mir längst. Was du schützen willst,
kann ich dir dreifach nehmen, in dreifacher Gestalt. Jeder, der neben dir steht,
jeder, der dir den Rücken freihält, jeder, der deinen Namen ruft,
wenn die Flämmchen am Rand deines Ritualplatzes zucken
- jeder von ihnen wird den Preis mittragen für das, was du tust.
Das ist keine Drohung. Das ist nur das, was folgt."
Er wollte antworten. Er wollte die Ahnen rufen. Er wollte irgendetwas tun,
das größer war als dieses Stillhalten. Doch seine Hände hingen schwer neben ihm,
und das Feld unter seinen Füßen nahm ihm die Kraft.
„Lass ab. Kehre um. Lege deinen Stolz ab, wie ein Clanner, der weise genug ist,
einen Kampf nicht zu beginnen, den er nicht gewinnen kann.
Tu es für die, die dir vertrauen. Tu es für den Welpen, der durch euer Fort wackelt.
Tu es für die Stimme, die du nicht heilen kannst."
Ein Schatten kräuselte sich am Rand des schwarzen Feldes.
Er zog vorbei, ohne Gestalt, ohne Gesicht. Nur einen Geruch trug er mit sich,
den Njall nicht benennen konnte, aber der sich in seinen Kopf hineinsetzte wie ein Dorn.
„Oder komm. Komm mit deinem Ahn, komm mit deinem Fluchbrecher,
komm mit allem, was du zu haben glaubst. Ich warte. Und wenn ihr fallt
- und ihr werdet fallen -
dann wird die Große Halle länger leer stehen, als die Sturmheuler es sich leisten können."
Das Dunkel lachte. Es war nicht laut. Es klang wie Atem über totem Holz.
„Ich bin geduldig. Ich war immer geduldig. Ich kann noch lange geduldig sein.
Die Frage ist, ob du es auch kannst."
Dann war Njall wach. Es war still um ihn rum - zu still. Sein Atem ging zu schnell.
Das Feld war fort, die Stimme war fort. Nur ein Hauch hing noch in der Luft.
Trocken. Alt. Wie ein Raum, der lange leer stand.

✦ ── ≪≪ ──────────────────────── • ───────────────────────── ≫≫ ── ✦
Re: [MMT] Die Stille
Verfasst: Mittwoch 29. April 2026, 14:25
von Njall Wikrah
Er war schon länger wieder wach. Saß auf dem ihm vertrauten Baumstamm. Vor ihm erstreckte sich der mächtige Ahnenbaum, an dessen Fuß Elof in Fellen eingewickelt lag und schlief. Sein Blick lag in der Krone. Nachdenklich und aufmerksam nahm er jede Bewegung der Blätter auf, als läge in ihrem Rascheln Erkenntnis. Was auch immer ihn dort im Traum besuchte, las in seinen Gedanken und traf eine erschreckend gute Einschätzung. Ob dahinter ein dunkler Trick steckte oder eine übermächtige Entität, vermochte er nicht zu sagen. Das Volk der Thyren stand mehrfach in ihrer Geschichte vor einem Scheideweg. Auseinandersetzungen untereinander und welche mit dämonischen Kräften dezimierten sie in der Vergangenheit auf eine Zahl, von der man sich nicht so ohne weiteres erholen konnte. Es konnte Weisheit in einem Kampf liegen, den man vermied. Thrail selbst lehrte das. Es lag die Dualität in jeder Entscheidung, die ein Thyre traf. Die Balance zwischen Chaos und Ordnung, zwischen Schöpfung und Zerstörung, zwischen Härte und Mitleid. Wer sich einer Seite vollständig hingab und sich der anderen zu sehr verwehrte, der war dem Untergang geweiht. Der Warnung folge zu leisten, vermochte jetzt eventuell einige Leben zu retten, doch was geschah dann? Flucht? Ein Leben auf Knien? Das stand nicht im Einklang einer weiteren Lehre Thrails: Dem stolzen Streben nach Höherem. Der “kleine Ahnenrufer” war stolz. Stolz auf sein Rudel, stolz auf seinen Werdegang innerhalb der Sturmheuler und er scheute die Verantwortung schon seit längerer Zeit nicht mehr, die mit seiner Position innerhalb des Rudels einherging. Es war ein langer Weg. Es waren viele Kämpfe innerhalb seines eigenen Kopfes und die Entscheidung hier war gefallen. Genauso wie er eine Entscheidung zu dem getroffen hatte, was er gestern und heute Nacht erlebte. Der Weg des Schwertes und der Axt lehrt den Thyren, dass der Schutz des Clans die wichtigste Aufgabe sei. Das keine unnötigen Kämpfe geschlagen werden, die dem Clan schaden könnten. Aber auch, dass ein Thyre den Konflikt nicht scheut, sollte er keinen anderen Weg sehen. Hier sah er keine Alternative. Die pechschwarze Warnung, wollte sie auch noch so betonen keine Drohung zu sein, sondern unausweichlicher Fakt, kratzte auch an der unaufdringlichsten Ehre.
Also stand er auf. Begann seine Vorbereitungen.
Des Rudels größte Stärke war sein Zusammenhalt. Er alleine würde sich dem nicht stellen können. Aber die Sturmheuler, Schulter an Schulter. Eine Wand aus Stärke und Willen. Sie würden erscheinen, wenn es um den Schutz eines Brottr ginge.
Die Frage zum Ort war schnell beantwortet. Der Hain war ein mystischer Ort, an dem der Schleier der Welten so durchlässig war wie kaum woanders. Der Ritualkreis, in dessen Mitte sich der mächtige Menhir erhob. Ganz in der Nähe des Ahnenbaumes.
Dann die Werkzeuge eines Hagvirkr. Sein wohl mächtiges war die Stimme. An wen er sie richtete, welche Worte er wählte, in welcher Intensität. Es musste Narve Keldson Wikrah sein. Sein Clansbrottr, der ihm schon einmal sein Vertrauen ausgesprochen hatte. Derart übernatürliche Dinge wurden am besten mit ihm besprochen. Er vereinte die Ruhe und Besonnenheit in sich, um der Situation Herr zu werden.
Seine Fylkjur. Einfache Gegenstände für den Außenstehenden, waren sie für Njall wichtige Anker. Verknüpft mit den großen Namen. Er würde sein Medaillon mit Federverzierungen tragen, welches den Kopf eines Raben zeigte. Während der Anrufung würde er eine verletzbare Zielscheibe darstellen und er würde um Narves Schutz bitten. Um sein Handgelenk würde eine mit Federn und einer Pfeilspitze bestückte Zahnkette gewickelt sein. Griffbereit, sollte die Situation aus dem Ruder geraten. Sie war verbunden mit Hildref Levynsdottr Ulfert. Ihre Aufmerksamkeit und Zielstrebigkeit sorgt dafür, dass kein Claner seine Orientierung verliert. Das sie die falschen Stimmen zu ignorieren wissen. Auch heute Abend begibt sich das Rudel auf eine Art Reise und die Wolfsheulerin sah immer einen Pfad.
Nicht zuletzt seine Kleidung. Es erschien auf den ersten Blick unwichtig. Dein Kilt, deine Stiefel, sie würden den Ausgang nicht beeinflussen. Doch diese Lehre von Norwin blieb fest in seinem Hinterkopf verwurzelt. Es geht nicht nur darum, wie wir vor die Ahnen treten und wie wir sie ehren. Es geht auch darum, wie das Rudel einen sieht. Sehen sie Njall? Den räucherfischliebenden Wikrah im blauen Kilt und Kopftuch oder sehen sie einen Hagvirkr? Jemanden, der vorangeht und bereit ist das Rudel in Zeiten der Not zu schützen. Einen Kerl, der seine Fähigkeiten zum Wohle anderer einsetzt, auch wenn es sein Leben gefährten sollte. Er würde in den Farben der Hagvirkr erscheinen. Jedes Detail an seiner Aufmachung wohl gewählt.
Alles zu Durchdenken hatte seine Vorteile. Man stieß keine Türen auf, ohne vorbereitet zu sein.
"Was für ein Mann ist ein Mann der nicht versuchte die Welt zu verbessern." - Thrail
Re: [MMT] Die Stille
Verfasst: Mittwoch 29. April 2026, 17:12
von Eskyl Tryant
Eskyl saß auf der Klippe, hoch über dem grauen Meer. Der Wind strich wild wieder der Norden über den Fels, zerrte an allem, was nicht fest verwurzelt war, wollte verändern. Wollte entfernen. Dieser Ort war kein Ort für Schritte. Kein Pfad führte hinau und kein Tier suchte hier Rast. Nur durch die Schwingen des Raben hatte er ihn erreichen können und er genoss die Stille.
Er wartete.
Früher hätte ihn das Warten unruhig gemacht. Hätte ihn zwingen wollen zu handeln und zu suchen. Die Stunden zogen nicht mehr an ihm vorbei, sie sanken. Langsam. Schwer. Wie Schnee, der lautlos fällt. Und mit jeder vergehenden Spanne wurde die Stille tiefer und vertrauter. Sie war kein Feind mehr. Sie war ein Raum, in dem er hören konnte. Den Elementen. Den Geistern.
Selbst das Meer sprach. Der Wind trug alte Stimmen. Im Fels standen Geschichten. Und die Flammen logen nie.
Eskyl erhob sich.
Er ließ sich fallen. Er stürzte nicht. Die Welt griff nach ihm, zerrte an seinem Leib doch der Wind fing ihn auf. Der Rabe glitt hinab
Unter ihm öffnete sich der Hain. Die Menhire ragten wie aus der Erde, uralt und unbewegt. Nur der junge, in der Mitte war etwas größer. Stolzer? Vielleicht. Erinnerte an wohl einen seiner wichtigsten Tage.
Er landete auf ihm.
Wo ein Rabe saß und ihn musterte, ihn abschätze.
Für einen Moment verharrte er. Dann begann die Rückkehr. Es war kein sanfter Wandel. Es war ein Zerren, ein Reißen. Das Lied wollte wieder in den Ursprung zurück. Knochen knackten, brachen, ordneten sich neu. Die Schwingen zerfielen zu Armen, die Krallen zu Händen. Sein Körper erinnerte sich an Gewicht.
Das Federkleid löste sich von ihm. Es tropfte herab, schwarz und zäh wie Teer, rann über seine Haut, als wolle es bleiben aber noch bevor es den Boden berührte, zerfiel es. Wurde zu feiner, grauer Asche, die der Wind entführte und ließ nur den Gedanken daran zurück.
Eskyl stand zwischen den Menhiren, den Atem ruhig, als wäre nichts geschehen. Doch an den Schmerz würde er sich wohl nie gewöhnen.
Nur seine Augen verrieten, dass er noch halb in einer anderen Form verweilte.
Die Nachricht von Njall lag schwer in ihm.
Er kniete sich nieder und ließ die Finger durch die Halme gleiten. Das Gras war kühl, lebendig, verwurzelt. Anders als die Luft der Klippe. Ein Anker. Ein Andenken an das Hier.
Er schloss kurz die Augen und spürte, wie die Erde unter ihm blieb, während alles andere sich bewegte.
„Njall…“, murmelte er leise.
Der Wind antwortete nicht. Er würde sehen was ihn heut Abend erwartete.