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Der Nordstrand
An jenem Tag stand die Sonne mild über Wulfgard, und Elof Hinrah saß, wo er
immer saß. Der Ausrufer der Thyren hatte seine Bank vor dem Fort und das
Methorn in greifbarer Nähe. Von dort sah er alles. Wer kam, wer ging, wer zu
lange zögerte vor dem Tor, als wolle er sich noch einen Satz zurechtlegen,
bevor er eintrat. Es war sein Platz, und das Rudel wusste das.
Myra hörte er schon herantreten, bevor er sie sehen konnte. Schon von
Weitem drang ihr halblautes Schimpfen über den Hof, bevor ihre Gestalt mit
dem Korb auf der Hüfte überhaupt um die Ecke bog. Irgendetwas von wegen
zwei Reihen am Feld und ständig jemand, der etwas wollte. Elof grinste in sich
hinein. Ihm fiel ein, wie sie sich in ihrer Anfangszeit noch einrichten musste
und nicht alles auf Anhieb funktioniert hatte.
Das hatte sich mit den Mond und Jahresläufen geändert.
Nun hatte sie alles im Griff. Sie zog an ihm vorbei,
grüßte ihn freundlich mit einem "Hossa", und verschwand in Richtung des
Fortkellers.
Thorlav trat gegen Mittag aus der Halle. Der Jarl blieb kurz auf der Schwelle
stehen, die Augen zusammengekniffen gegen die Sonne, und sah sich um. Elof
beobachtete ihn. Thorlav hatte diesen Blick, den er immer hatte, wenn etwas
ihn beschäftigte. Dieser Blick war zu einer Hälfte nach innen gerichtet, die
andere Hälfte war auf die Umgebung bezogen, aber stets wachsam. Elof
erinnerte sich, wie Thorlav zum Jarl wurde, was schon wieder Jahre her war,
oder? Die symbolische Schulterkette saß ihm am Anfang dieser Amtszeit
schwerer, doch heute schien sie nicht mehr zu stören. Der Jarl nickte einem
der Schwerter zu, sagte etwas zu einem zweiten, und ging dann zurück in die
Halle. Elof nickte im Stillen für sich selbst. Doch der Jarl hatte seine Augen
überall, sah über die Schulter zu ihm, erwiderte es.
Kurz danach hörte Elof das Klirren von der Schmiede. Hekja hatte offenbar
etwas Großes in der Mache. Als sie schließlich zur Mittagsrast das
Schmiedefeuer verließ, Ruß im Gesicht und die Ärmel hochgekrempelt, war
sie auf dem Weg zum Brunnen. Elof schaute ihr nach und musste daran
denken, wie Hekja damals, als sie noch keine Oberste Hand oder
Runenskjerme war, deutlich länger an ihren Werken gefeilt hatte, bis es genau
den Glanz hatte, den sie im Kopf sah. Andere hätten zweimal aufgegeben.
Hekja hatte nur wieder angefangen. Das war das Geheimnis der
Runenskjerme, dachte Elof, nämlich nicht die Hand, nicht das Feuer, sondern
die Sturheit.
Brytta tauchte am Nachmittag vom Wachthaus her auf. Sie war den halben
Tag dort beschäftigt gewesen. Eine erste Patrouille, Inspektionen, wo es nötig
war, dann die Wachen für die kommenden Tage eingeteilt. Elof sah, wie sie
kurz stehenblieb, um mit jemandem zwei Worte zu wechseln, dann weiterging,
eine Richtung, ein Ziel, keine Umwege. Er erinnerte sich noch gut an die Zeit,
als Brytta selbst ein junges Schwert gewesen war. Damals hat sie noch den
Unterricht anderer Schwerter besucht, inzwischen hielt sie ihn und wies selbst
an. Sie verschwand um die Ecke in Richtung Halle, und Elof schmunzelte in
sein Methorn hinein.
Caja eilte gegen Abend über den Platz. Sie trug ihre Umhängetasche, und Elof
sah an ihrem Gang, dass sie müde war. Sie blickte kurz in seine Richtung,
nickte ihm knapp zu und ging weiter. Elof ließ sie ziehen. Er dachte an die
Clanner, die schon so zahlreich unter ihrer Obhut gelegen hatten. Er konnte
nicht zählen, wie viele Nächte Caja insgesamt nicht geschlafen hatte, um am
Lager zu sitzen. Alle hatten überlebt. Elof hatte nie gehört, dass Caja darüber
ein Wort verloren hätte. Medizinweiber zählten ihre Siege nicht laut. Das war
vielleicht schade. Aber es war ihre Art.
Njall kam etwas später am Brunnen vorbei, blieb dort stehen, schaute eine
Weile in das Wasser hinab, als warte er darauf, dass etwas darin zu ihm
spreche. Der junge Hagvirkr hatte definitiv seinen Pfad gefunden und
verfolgte ihn eisern. Njall wandte sich vom Brunnen ab und ging weiter, den
Blick am Boden, in Richtung des Forts. Die Hagvirkr und auch die Schamanen
hatten das so an sich, da waren sie mehr bei den Ahnen oder Geistern, als bei
ihrem Rudel. Elof wünschte ihm im Stillen einen klaren Kopf.
Die kleine Lyv wackelte ebenfalls an ihm vorbei. Erst vor wenigen Monden
hatte sie ihre ersten Schritte getan, und nun stapfte sie mit wackligen Beinen
durch das Fort, als wäre es ihr Anwesen. Aegir und Ylvi waren nie weit, aber
der Welpe erkundete schon gern allein. Elof schaute ihr nach, und ihm fiel ein,
wie er sowohl Ylvi als auch Aegir hier damals ankommen sah. Beide aus
verschiedenen Regionen und verschiedenen Richtungen, aber später in der
Liebe vereint. Eines von wenigen Handfastings, das er hier erlebt hatte.
Als die Sonne hinter die Bäume kippte, trat Olov aus der Halle, langsam, wie
es seine Art war. Er bewegte sich mitunter behäbig, aber wer ihn für langsam
hielt, würde es im Ernstfall bitter bereuen. An ihm haftete immer ein
angenehmer Geruch von Kräuterwerk und Met. Elof sah ihn von der Seite an
und dachte an die Geschichten, die Olov immer gerne vortrug und wie sich die
Clanner in großen Gruppen um ihn tummelten. Ein ruhmreicher Einherjer, der
seine Geschichten trug, aber auch davon erzählte, damit jeder daraus eine
Lehre zog. Olov bemerkte Elofs Blick, hob die Pranke kurz in seine Richtung,
eine knappe Geste mit Bedeutung, dann stapfte er weiter zur Halle zurück.
Elof grinste.
Gegen Abend hörte Elof, dass Norwin angekommen sei, irgendwo weiter
hinten am Hafen. Er freute sich darauf, ihn wiederzusehen. Der reisende
Hagvirkr brachte stets Nachrichten mit, die sonst niemand hatte. Elof
sammelte sie mit der gleichen Lust, wie Welpen Muscheln sammeln. Er würde
Norwin morgen besuchen, dachte er. Oder übermorgen. Es eilte nicht. Norwin
war mal hier und dann wieder dort. So kannte man ihn. Und wenn er dem
Rudel etwas brachte, dann war es stets etwas Gutes.
Als die Schatten lang geworden waren und das Rudel zum Fressen saß, aß
auch Elof. Eine Schüssel Eintopf, ein Brocken Brot, ein Schluck Met. Dann
stand er auf. Niemand fragte, wohin er ging. Sie fragten nie.
Der Weg zum Nordtor war nicht lang. Elof ging ihn mit ruhigem Schritt. Die
Wachen dort kannten ihn, und er kannte sie. Einer hob die Hand, als er Elof
sah, und der andere lehnte sein Schwert gegen den Pfosten und kam herüber,
um ein paar Worte zu wechseln. Elof blieb eine Weile bei ihnen stehen. Sie
erzählten sich Kleinigkeiten vom Tag, kleine Geschichten, wie sie zwischen
Wachen und einem Ausrufer eben entstehen, wenn die Dämmerung sich
langsam über das Fort senkt. Dann nickte Elof den beiden zu und ging.
Der Pfad war ihm vertraut. Er wusste, wo die Wurzeln hochstanden, er wusste,
wo der Boden im Frühjahr weich wurde und wo ein Stein im Weg lag, den er
nicht mehr umgehen musste, weil er wusste, dass er dort war. Das Licht war
noch gerade genug. Die Luft wurde kühler, je näher er dem Wasser kam, und
dann kam der Moment, der immer kam, denn sobald sich der Wald öffnete sah
man den Strand daliegen, und dahinter das Meer, grau und weit und still.
Elof setzte sich auf seinen Stein. Es gab nur den einen, den richtigen. Die
Wellen schwappten, das Salz hing in der Luft, und er schaute hinaus. Lange.
Ohne an etwas Bestimmtes zu denken, oder vielleicht an alles gleichzeitig. An
seine Mah, die ihn als Welpen auf Sand gesetzt hatte, auch wenn es nicht
dieser Sand gewesen war. An seinen Dah, der ihm einmal versprochen hatte,
mit ihm zurückzusegeln, wenn die Zeit reif sei, doch sie war nie reif geworden.
An Úlfsteinn, von dem er nicht mehr wusste als das, was die Skalden
erzählten, und doch schmeckte das Wort auf seiner Zunge wie eine
Erinnerung.
Die Wehmut kam dann immer. Er kannte sie gut, sie war wie ein alter Wolf,
der sich zu ihm legte. Er streichelte sie nicht weg, er ließ sie einfach liegen.
Sie ging irgendwann von selbst.
Der Wind drehte und kam von Norden. Er trug Salz und etwas, das Elof nicht
benennen konnte. Er verstand ihn als den Geruch von Tang, vielleicht etwas
anderes. Er schloss die Augen, nur für einen Augenblick. Der Stein war warm
unter ihm, der Sand weich neben seinen Stiefeln, und die Wellen sprachen mit
sich selbst in dieser Sprache, die sie immer sprachen.
Nur einen Augenblick, dachte er.
Nur einen.

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