Die Vorbereitungen zum Tag der Meerjungfrau
Der Morgen über Bajard begann grau, doch das Meer atmete ruhig. Dünne Nebelschleier zogen über die Wasseroberfläche, als Tehlar den Kai entlangschritt. Sein Schritt war fest und zielgerichtet, und die Hafenarbeiter, die bereits mit den ersten Kisten beschäftigt waren, hoben kurz den Blick, sobald sie ihn bemerkten.
Der stellvertretende Hafenmeister blieb an der Kante des Anlegers stehen und musterte die Szenerie. In wenigen Tagen würde der Tag der Meerjungfrau beginnen – jenes Fest, das tiefer in der Geschichte Bajards verwurzelt war als jedes andere. Ein Tag des Dankes, der Reinigung, der Rückgabe. Und ein Tag, der vorbereitet sein wollte.
Tehlar atmete tief ein, dann hob er die Stimme.
„Die Reusen an der Mole zuerst. Alles, was beschädigt ist, kommt raus. Und die Netze werden heute noch getrocknet und gebündelt.“
Die Männer und Frauen nickten, manche wortlos, manche mit einem kurzen Brummen. Sie wussten, was zu tun war. Der Tag der Meerjungfrau war kein gewöhnliches Fest, er war Verpflichtung. Ein Pakt, der gehalten werden sollte.
Weiter ging Tehlar den Kai entlang bis zum Marktplatz. Die Standbauer hatten sich bereits eingefunden, prüften die Stände, diskutierten über Platzierungen und Materialien. Manche stritten leise, andere laut. Tehlar blieb stehen, hob eine Hand, und die Stimmen verstummten.
„Der Markt wird auf dem Marktplatz und entlang der Hafenstraße aufgebaut. Sorgt dafür, dass die Stände rechtzeitig bis zum Ende der Woche stehen. Und niemand blockiert die Wege zur Anlegestelle.“
Einige Standbauer nickten sofort, andere schauten kurz unzufrieden, doch niemand widersprach. Ordnung war notwendig, besonders an diesem Tag.
Als Tehlar weiterging, hörte er Schritte hinter sich. Salden, die Schmiedin Bajards, trat neben ihn. Ihre Hände waren bereits rußverschmiert, obwohl der Tag kaum begonnen hatte. Über ihrer Schulter hing ein Bündel aus Metallringen, Kettenstücken und kleinen, kunstvoll geschmiedeten Platten.
„Ich habe die Aufhängungen fertig“, sagte sie knapp. „Für die Banner und die Muschelketten.“
Tehlar nickte. „Gut. Wir beginnen am Hauptsteg. Die Leute sollen sehen, dass die Vorbereitungen laufen.“
Gemeinsam gingen sie zum zentralen Anlegeplatz. Dort warteten bereits einige Arbeiter, die große, mit blauen und grünen Farbstreifen bemalte Stoffbahnen trugen. Salden kniete sich an die Holzpfosten, prüfte die Befestigungen und begann, die Metallhaken einzuschlagen. Jeder Schlag war präzise, jeder Handgriff routiniert.
Tehlar wandte sich den Arbeitern zu.
„Die Muschelketten kommen entlang der Geländer. Lasst genug Abstand, damit sie im Wind schwingen können. Und achtet darauf, dass keine scharfen Kanten bleiben.“
Während die Männer sich an die Arbeit machten, befestigte Salden die ersten Banner. Die Farben wirkten im Morgenlicht gedämpft, doch Tehlar wusste, dass sie im Sonnenuntergang leuchten würden wie das Meer selbst.
„Es wird ein gutes Fest“, sagte Salden schließlich, ohne aufzusehen.
Tehlar antwortete erst nach einem Moment.
„Es muss ein gutes Fest werden. Die Laichzeit beginnt.“
Salden fügte hinzu:
„Und der Pakt verlangt, dass wir unseren Teil erfüllen.“
Gemeinsam arbeiteten sie weiter, während die Stadt um sie herum erwachte. Standbauer riefen, Arbeiter schleppten Kisten, Kinder liefen neugierig zwischen den Ständen hindurch. Und über all dem lag das stetige Rauschen des Meeres – als würde es selbst beobachten, wie Bajard sich bereit machte, seinen alten Schwur zu erneuern.
Als die Sonne schließlich über die Dächer stieg, wehten die ersten Banner im Wind. Die Muschelketten klangen leise, wie ferne Glocken. Und Tehlar wusste, dass dies erst der Anfang war.
Der Tag der Meerjungfrau kam näher.
Und Bajard bereitete sich darauf vor, ihn zu empfangen.
[MMT] Tag der Meerjungfrau
- Tehlar Origon
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14. Wechselwind – Alte Boote und schwere Arbeit
Der Morgen begann mit einem Wind, der seinen Namen verdiente. Wechselwind. Mal kam er vom Meer, salzig und kühl, dann wieder aus den Gassen Bajards, warm und staubig. Tehlar stand am Rand der Werft und blickte auf die Boote, die heute an der Reihe waren. Alte Kähne, halb verrottet, mit gebrochenen Spanten und aufgequollenem Holz. Manche hatten den Winter nicht überstanden, andere waren schon seit Jahren im Dickicht der Uferböschung versteckt oder versunken und füllten das Hafenbecken.
„Die müssen raus, alle.“
Seine Stimme war ruhig, aber bestimmt. Die Hafenarbeiter wussten, was das bedeutete: ein Tag voller Kraftarbeit. Einige stöhnten jetzt schon, andere waren gewillt anzupacken.
Das erste Boot war leichter als erwartet, doch hatte auch seine Tücken. Das Holz war so morsch, dass es beim Anheben knackte und Teile abbrachen. Zwei Männer stolperten zurück, einer fluchte laut. Tehlar trat sofort hinzu, packte mit beiden Händen zu und stabilisierte den Rumpf, als wäre er aus Eisen statt aus fauligem Holz.
„Langsam. Hebt gleichmäßig. Und wenn etwas bricht, lasst los – nicht dagegenhalten.“
Der zweite Kahn bereitete mehr Probleme. Er war halb im Schlamm versunken, und jeder Versuch, ihn herauszuziehen, ließ das Seil tiefer in das nasse Erdreich schneiden. Tehlar kniete sich hin, prüfte den Winkel, dann stand er auf und gab neue Anweisungen.
„Wir drehen ihn. Nicht ziehen, schieben. Zwei an die Seite, einer hinten. Auf mein Zeichen.“
Der erste Versuch scheiterte. Der zweite brachte das Boot nur ein Stück in Bewegung. Beim dritten stemmte Tehlar selbst die Schulter gegen den Rumpf, die Muskeln spannten sich, und mit einem dumpfen, widerwilligen Geräusch löste sich das Holz endlich aus dem Schlamm. Die Männer keuchten, einer wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Yeah. Sehr gut.“, brüllte einer.
Langsam kam Stimmung auf unter den Arbeitern.
Das dritte Boot war das schlimmste. Es war halb gesunken, voll Wasser und schwer wie ein Fels. Die Planken hatten sich verzogen, und beim Versuch, es anzuheben, riss das Seil. Ein Arbeiter fiel rückwärts in den Sand, ein anderer verfluchte das Meer.
Tehlar blieb ruhig. Er holte ein neues Seil, prüfte die Knoten selbst und befestigte es an einem noch intakten Querbalken. Dann stellte er sich neben die Männer.
„Auf drei. Eins… zwei… drei!“
Diesmal bewegte sich der Kahn. Zentimeter für Zentimeter, begleitet von knirschendem Holz und dem Stöhnen der Männer. Tehlar spürte, wie seine Arme brannten, doch er hielt durch, bis das Boot endlich auf dem Trockenen lag.
Als die Sonne höher stieg, waren die ersten drei Boote aus dem Wasser gezogen. Weitere wurden in die Werft gebracht, wo sie zerlegt und verwertet werden sollten. Der Platz roch nach nassem Holz, Harz und Schweiß.
Tehlar atmete tief durch. Die Arbeit war anstrengend, härter als die meisten Tage zuvor. Doch sie war notwendig. Der Hafen musste frei sein, sauber, bereit für den Markt und das Fest.
Er sah sich um. Die Männer waren erschöpft, aber zufrieden. Die Werft war voller Bewegung, voller Zweck. Und trotz der Mühen war ein Fortschritt sichtbar, der Tehlar innerlich ruhig machte.
Der 14. Wechselwind war kein Tag für feine Arbeiten.
Es war ein Tag für Kraft, Geduld und Entschlossenheit.
„Die müssen raus, alle.“
Seine Stimme war ruhig, aber bestimmt. Die Hafenarbeiter wussten, was das bedeutete: ein Tag voller Kraftarbeit. Einige stöhnten jetzt schon, andere waren gewillt anzupacken.
Das erste Boot war leichter als erwartet, doch hatte auch seine Tücken. Das Holz war so morsch, dass es beim Anheben knackte und Teile abbrachen. Zwei Männer stolperten zurück, einer fluchte laut. Tehlar trat sofort hinzu, packte mit beiden Händen zu und stabilisierte den Rumpf, als wäre er aus Eisen statt aus fauligem Holz.
„Langsam. Hebt gleichmäßig. Und wenn etwas bricht, lasst los – nicht dagegenhalten.“
Der zweite Kahn bereitete mehr Probleme. Er war halb im Schlamm versunken, und jeder Versuch, ihn herauszuziehen, ließ das Seil tiefer in das nasse Erdreich schneiden. Tehlar kniete sich hin, prüfte den Winkel, dann stand er auf und gab neue Anweisungen.
„Wir drehen ihn. Nicht ziehen, schieben. Zwei an die Seite, einer hinten. Auf mein Zeichen.“
Der erste Versuch scheiterte. Der zweite brachte das Boot nur ein Stück in Bewegung. Beim dritten stemmte Tehlar selbst die Schulter gegen den Rumpf, die Muskeln spannten sich, und mit einem dumpfen, widerwilligen Geräusch löste sich das Holz endlich aus dem Schlamm. Die Männer keuchten, einer wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Yeah. Sehr gut.“, brüllte einer.
Langsam kam Stimmung auf unter den Arbeitern.
Das dritte Boot war das schlimmste. Es war halb gesunken, voll Wasser und schwer wie ein Fels. Die Planken hatten sich verzogen, und beim Versuch, es anzuheben, riss das Seil. Ein Arbeiter fiel rückwärts in den Sand, ein anderer verfluchte das Meer.
Tehlar blieb ruhig. Er holte ein neues Seil, prüfte die Knoten selbst und befestigte es an einem noch intakten Querbalken. Dann stellte er sich neben die Männer.
„Auf drei. Eins… zwei… drei!“
Diesmal bewegte sich der Kahn. Zentimeter für Zentimeter, begleitet von knirschendem Holz und dem Stöhnen der Männer. Tehlar spürte, wie seine Arme brannten, doch er hielt durch, bis das Boot endlich auf dem Trockenen lag.
Als die Sonne höher stieg, waren die ersten drei Boote aus dem Wasser gezogen. Weitere wurden in die Werft gebracht, wo sie zerlegt und verwertet werden sollten. Der Platz roch nach nassem Holz, Harz und Schweiß.
Tehlar atmete tief durch. Die Arbeit war anstrengend, härter als die meisten Tage zuvor. Doch sie war notwendig. Der Hafen musste frei sein, sauber, bereit für den Markt und das Fest.
Er sah sich um. Die Männer waren erschöpft, aber zufrieden. Die Werft war voller Bewegung, voller Zweck. Und trotz der Mühen war ein Fortschritt sichtbar, der Tehlar innerlich ruhig machte.
Der 14. Wechselwind war kein Tag für feine Arbeiten.
Es war ein Tag für Kraft, Geduld und Entschlossenheit.
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Melira Salden
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- Registriert: Donnerstag 4. Dezember 2025, 12:06
Re: [MMT] Tag der Meerjungfrau
Der Morgen über Bajard blieb grau, selbst als die Stadt längst erwacht war. Ein feiner Schleier lag über dem Wasser, und das Meer wirkte ruhiger, als es sollte.
Salden mochte das nicht.
Sie stand noch einen Moment am Hauptsteg, nachdem die letzten Haken gesetzt waren. Die Banner hingen, bewegten sich träge im Wind. Das würde halten.
Mit einem alten Tuch wischte sie sich den Dreck von den Fingern, steckte es weg und schob die Hände wieder tief in die Manteltaschen. Ihr Blick glitt ein letztes Mal über Holz, Seile, Banner und Metall, prüfend, als würde sie nach etwas suchen, das noch nicht ganz stimmte. Dann wandte sie sich ab.
Tehlar würde sich um den Rest kümmern.
Sie hatte anderes im Blick.
Die Hafenstraße war bereits voller Stimmen und Bewegung. Holz schlug auf Stein, Karrenräder knarrten, irgendwo wurde gestritten, anderswo gelacht. Alles wirkte vertraut, beinahe gewöhnlich und doch spüre Salden eine tiefe Unruhe.
Sie blieb einen kurzen Moment stehen und blickte sich um. Nicht lang, nur lang genug um einen Eindruck zu bekommen.
Ein Mann mühte sich mit einem verzogenen Balken ab, rohe Gewalt brachte ihn trotz starker versiche nicht weiter. Zwei andere standen daneben und erklärten ihm, wie es besser ginge, ohne selbst Hand anzulegen. Ein Stück weiter saß ein alter Fischer und zog ein Netz auseinander, Knoten für Knoten, ruhig und gleichmäßig, als hätte er alle Zeit der Welt.
Bei ihm blieb ihr Blick einen Moment länger.
Ein kaum merkliches Nicken.
„So passt’s“, murmelte sie, leise genug, dass es im Lärm unterging und dann ging sie weiter.
An der Böschung hatte sich gesammelt, was das Meer über die Zeit ausgespuckt hatte: Tang, Holz, Reste alter Netze. Salden stieß mit dem Stiefel gegen ein Stück Treibholz, das halb im Sand steckte. Es gab nach. Sie blieb stehen, sah einen Moment darauf hinab und dachte darüber nach ob sich daraus noch was machen lies.
Sie trug es zu einem kleinen Haufen, der hoffentlich noch größer werden würde. Ihre Finger verharrten einen Augenblick länger auf einem kleinen Stück Metall das dort aufblitzte, ein Stück von einem alten Kronleuchter gebrochen, und steckte es dann in ihre Manteltasche.
Ihr Blick ging hinaus aufs Wasser.
Für einen Moment zog sich ihre Stirn zusammen, da war sie wieder, diese Unruhe und weniger Augenblicke später war das Gefühl wieder fort.
Sie schüttelte den Kopf und setzte ihre Runde fort.
Ein Junge saß am Rand und fädelte Muscheln auf eine Schnur, hastig, ohne Maß. Das würde beim ersten stärkeren Wind reißen. Salden blieb stehen und sah ihm zu. Er bemerkte sie erst, als sie neben ihm stand. Ohne Eile zog sie eine Hand aus der Manteltasche, nahm eine der Muscheln und drehte sie zwischen den Fingern.
„Die hält nicht, komm später vorbei ich zeig dir den Kniff.“, sagte sie ruhig und gab sie ihm zurück.
Mehr brauchte es nicht. Der Junge nickte und sammelte sein Zeug zusammen. Er lief los und machte beim nächsten Kind halt. Tuscheln, ein Fingerzeig und beide liegen in unterschiedliche Richtungen weiter.
Salden blieb einen Moment lang stehen und ein kurzer Ausdruck der Zufriedenheit macht sich in ihrem Gesicht breit. Dann wandte sie sich ab.
Hier zog sie ein Stück Netz aus der Böschung, dort löste sie mit wenigen Griffen einen Knoten, der sich zugezogen hatte. Nichts großes. Aber sie ließ nichts einfach liegen, wenn sie es gesehen hatte.
Am Ende führte ihr Weg sie zurück an den Steg ihres Hausboots. Dort blieb sie stehen, die Hände tief in den Manteltaschen, und sah hinaus aufs Wasser. Die Oberfläche lag glatt da, fast unbewegt, das Meer hält den Atem an und Salden traute dem nicht .
„Wenn das nicht reicht …“, murmelte sie leise.
Der Wind nahm die Worte mit, noch bevor sie ganz gesprochen waren.
Sie ließ den Blick noch einmal über die Menschen wandern. Über diejenigen, die arbeiteten, und über jene, die es nicht taten. Über das, was getan wurde und über das, was liegen blieb.
Ihr Blick verweilte nirgendwo lange.
Aber er nahm alles mit.
Das Meer vergaß nicht.
Und sie würde es auch nicht.
Salden atmete einmal durch, richtete sich ein wenig auf und wandte sich ihrer Tür zu. Es gab noch genug zu tun.
Salden mochte das nicht.
Sie stand noch einen Moment am Hauptsteg, nachdem die letzten Haken gesetzt waren. Die Banner hingen, bewegten sich träge im Wind. Das würde halten.
Mit einem alten Tuch wischte sie sich den Dreck von den Fingern, steckte es weg und schob die Hände wieder tief in die Manteltaschen. Ihr Blick glitt ein letztes Mal über Holz, Seile, Banner und Metall, prüfend, als würde sie nach etwas suchen, das noch nicht ganz stimmte. Dann wandte sie sich ab.
Tehlar würde sich um den Rest kümmern.
Sie hatte anderes im Blick.
Die Hafenstraße war bereits voller Stimmen und Bewegung. Holz schlug auf Stein, Karrenräder knarrten, irgendwo wurde gestritten, anderswo gelacht. Alles wirkte vertraut, beinahe gewöhnlich und doch spüre Salden eine tiefe Unruhe.
Sie blieb einen kurzen Moment stehen und blickte sich um. Nicht lang, nur lang genug um einen Eindruck zu bekommen.
Ein Mann mühte sich mit einem verzogenen Balken ab, rohe Gewalt brachte ihn trotz starker versiche nicht weiter. Zwei andere standen daneben und erklärten ihm, wie es besser ginge, ohne selbst Hand anzulegen. Ein Stück weiter saß ein alter Fischer und zog ein Netz auseinander, Knoten für Knoten, ruhig und gleichmäßig, als hätte er alle Zeit der Welt.
Bei ihm blieb ihr Blick einen Moment länger.
Ein kaum merkliches Nicken.
„So passt’s“, murmelte sie, leise genug, dass es im Lärm unterging und dann ging sie weiter.
An der Böschung hatte sich gesammelt, was das Meer über die Zeit ausgespuckt hatte: Tang, Holz, Reste alter Netze. Salden stieß mit dem Stiefel gegen ein Stück Treibholz, das halb im Sand steckte. Es gab nach. Sie blieb stehen, sah einen Moment darauf hinab und dachte darüber nach ob sich daraus noch was machen lies.
Sie trug es zu einem kleinen Haufen, der hoffentlich noch größer werden würde. Ihre Finger verharrten einen Augenblick länger auf einem kleinen Stück Metall das dort aufblitzte, ein Stück von einem alten Kronleuchter gebrochen, und steckte es dann in ihre Manteltasche.
Ihr Blick ging hinaus aufs Wasser.
Für einen Moment zog sich ihre Stirn zusammen, da war sie wieder, diese Unruhe und weniger Augenblicke später war das Gefühl wieder fort.
Sie schüttelte den Kopf und setzte ihre Runde fort.
Ein Junge saß am Rand und fädelte Muscheln auf eine Schnur, hastig, ohne Maß. Das würde beim ersten stärkeren Wind reißen. Salden blieb stehen und sah ihm zu. Er bemerkte sie erst, als sie neben ihm stand. Ohne Eile zog sie eine Hand aus der Manteltasche, nahm eine der Muscheln und drehte sie zwischen den Fingern.
„Die hält nicht, komm später vorbei ich zeig dir den Kniff.“, sagte sie ruhig und gab sie ihm zurück.
Mehr brauchte es nicht. Der Junge nickte und sammelte sein Zeug zusammen. Er lief los und machte beim nächsten Kind halt. Tuscheln, ein Fingerzeig und beide liegen in unterschiedliche Richtungen weiter.
Salden blieb einen Moment lang stehen und ein kurzer Ausdruck der Zufriedenheit macht sich in ihrem Gesicht breit. Dann wandte sie sich ab.
Hier zog sie ein Stück Netz aus der Böschung, dort löste sie mit wenigen Griffen einen Knoten, der sich zugezogen hatte. Nichts großes. Aber sie ließ nichts einfach liegen, wenn sie es gesehen hatte.
Am Ende führte ihr Weg sie zurück an den Steg ihres Hausboots. Dort blieb sie stehen, die Hände tief in den Manteltaschen, und sah hinaus aufs Wasser. Die Oberfläche lag glatt da, fast unbewegt, das Meer hält den Atem an und Salden traute dem nicht .
„Wenn das nicht reicht …“, murmelte sie leise.
Der Wind nahm die Worte mit, noch bevor sie ganz gesprochen waren.
Sie ließ den Blick noch einmal über die Menschen wandern. Über diejenigen, die arbeiteten, und über jene, die es nicht taten. Über das, was getan wurde und über das, was liegen blieb.
Ihr Blick verweilte nirgendwo lange.
Aber er nahm alles mit.
Das Meer vergaß nicht.
Und sie würde es auch nicht.
Salden atmete einmal durch, richtete sich ein wenig auf und wandte sich ihrer Tür zu. Es gab noch genug zu tun.
- Serelithandra Dornfels
- Beiträge: 7
- Registriert: Sonntag 15. März 2026, 23:07
Re: [MMT] Tag der Meerjungfrau
Sie war noch nicht lange in dem kleinen Fischerort. Doch, dass in diesem Wochenlauf etwas anders war, hatte sie bereits bemerkt. Das rege Treiben zu einer Zeit, in der viele sonst erst mit ihrer Arbeit begannen, irritierte sie selbst am zweiten Tag der Woche noch.
Bereits am ersten Tag der Woche hatte sie das ungewohnte Verhalten der Menschen beobachtet, darüber nachgedacht, was es wohl zu bedeuten hatte. Doch wollte sie keine Zeit vergeuden, sich durch Bücher zu wälzen, weshalb sie am nächsten Tag einen der Hafenarbeiter auf sich aufmerksam machte, in der Hoffnung, so an die Informationen zu kommen.
Gewohnt schüchtern und scheu hielt sie ihm einen Zettel hin, entschuldigend zu ihm aufblickend. Doch dieser runzelte nur die Stirn und grummelte vor sich hin, um einen anderen Arbeiter heran zu rufen, der erst einen Blick auf die kleine Gestalt, dann auf den Zettel und wieder auf die junge Frau warf.
„Mädchen, der Tag der Meerjungfrau naht! Wir müss'n den Pakt erfüll'n!“, tönte dieser mit tiefer Stimme, was dafür sorgte, dass die mädchenhafte Gestalt ihren Blick zum Meer richtete, nur um dann mit irritierter Miene wieder zu ihm zu blicken. So kam es, dass er ihr fast schon mit einer unendlichen Geduld den Wert und Sinn ihrer Arbeit und des Tages zu erklären.
„Jetz' muss ich aber weitermach'n!“, tönte er nach einer Weile, wobei er in die Hände klatschte.
Sofort nickte die junge Frau und eilte davon, nur um einige Zeit später in leicht zerschlissener Kleidung wieder am Hafen aufzutauchen, erneut einen Zettel in der Hand, auf dem nun in großer Schrift stand:
Wie kann ich helfen?
So bekam sie ihre ersten Aufgaben, die sie sofort zu verrichten begann und dabei half, den Hafen für den Festtag vorzubereiten. Keinerlei Murren oder Unwillen ging dabei von ihr aus, stetig und geduldig wurden die auferlegten Aufgaben übernommen und absolviert, so half sie beim Einholen von Netzen und Reusen, welche sie sorgsam begutachtete, Knoten entfernte und diese zum Trocknen hing, Treibholz wurde ordentlich gestapelt beiseite gelegt. Einige Stundenläufe verbrachte sie damit, den Hafenarbeitern zu helfen, bevor sie an diesem Tag erst deutlich später mit ihren eigenen, persönlichen Aufgaben anfing.
Schließlich war dieser Ort nun ihr Zuhause und so wollte sie sich anpassen und den Sitten des Ortes und der Bewohner nach Möglichkeit folgen, nicht aus Zwang, weil sie es musste, sondern schlicht, weil sie genau das tun wollte.
Bereits am ersten Tag der Woche hatte sie das ungewohnte Verhalten der Menschen beobachtet, darüber nachgedacht, was es wohl zu bedeuten hatte. Doch wollte sie keine Zeit vergeuden, sich durch Bücher zu wälzen, weshalb sie am nächsten Tag einen der Hafenarbeiter auf sich aufmerksam machte, in der Hoffnung, so an die Informationen zu kommen.
Gewohnt schüchtern und scheu hielt sie ihm einen Zettel hin, entschuldigend zu ihm aufblickend. Doch dieser runzelte nur die Stirn und grummelte vor sich hin, um einen anderen Arbeiter heran zu rufen, der erst einen Blick auf die kleine Gestalt, dann auf den Zettel und wieder auf die junge Frau warf.
„Mädchen, der Tag der Meerjungfrau naht! Wir müss'n den Pakt erfüll'n!“, tönte dieser mit tiefer Stimme, was dafür sorgte, dass die mädchenhafte Gestalt ihren Blick zum Meer richtete, nur um dann mit irritierter Miene wieder zu ihm zu blicken. So kam es, dass er ihr fast schon mit einer unendlichen Geduld den Wert und Sinn ihrer Arbeit und des Tages zu erklären.
„Jetz' muss ich aber weitermach'n!“, tönte er nach einer Weile, wobei er in die Hände klatschte.
Sofort nickte die junge Frau und eilte davon, nur um einige Zeit später in leicht zerschlissener Kleidung wieder am Hafen aufzutauchen, erneut einen Zettel in der Hand, auf dem nun in großer Schrift stand:
Wie kann ich helfen?
So bekam sie ihre ersten Aufgaben, die sie sofort zu verrichten begann und dabei half, den Hafen für den Festtag vorzubereiten. Keinerlei Murren oder Unwillen ging dabei von ihr aus, stetig und geduldig wurden die auferlegten Aufgaben übernommen und absolviert, so half sie beim Einholen von Netzen und Reusen, welche sie sorgsam begutachtete, Knoten entfernte und diese zum Trocknen hing, Treibholz wurde ordentlich gestapelt beiseite gelegt. Einige Stundenläufe verbrachte sie damit, den Hafenarbeitern zu helfen, bevor sie an diesem Tag erst deutlich später mit ihren eigenen, persönlichen Aufgaben anfing.
Schließlich war dieser Ort nun ihr Zuhause und so wollte sie sich anpassen und den Sitten des Ortes und der Bewohner nach Möglichkeit folgen, nicht aus Zwang, weil sie es musste, sondern schlicht, weil sie genau das tun wollte.
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Melira Salden
- Beiträge: 16
- Registriert: Donnerstag 4. Dezember 2025, 12:06
Re: [MMT] Tag der Meerjungfrau
Am nächsten Morgen war es nicht das kreischen der Möwen, das Salden aus dem Schlaf zog. Es waren Stimmen. Viele Stimmen. Unruhig, durcheinander, hell und aufgeregt. Schon ein wenig wie Möwen, nur deutlich menschlicher.
Salden blinzelte gegen das fahle Morgenlicht, das durch die Ritzen ihres Boots fiel, und blieb einen Moment lang reglos liegen. Sie lauschte, ein kurzes Stirnrunzeln, dann ein leises Ausatmen. Kinder. Natürlich. Mit einem knappen Ruck richtete sie sich auf, fuhr sich durch das zerzauste Haar und schob die Tür auf.
Draußen standen sie. Eine kleine Schar, kaum mehr als eine Handvoll und doch genug, um den Steg zu füllen. Die Kleinsten reichten ihr kaum bis zur Hüfte, die Älteren versuchten zumindest so zu tun, als wüssten sie wie man sich verhielt und zogen ihre Mützen ab. In ihren Händen hielten sie Muscheln. Überall Muscheln. Einige hatten Schnüre dabei, ordentlich aufgewickelt oder lose verknotet, andere standen da, die Hände voll mit Muscheln, als hätten sie den gesamten Strand geplündert. Einer hielt sogar eine prall gefüllte Tasche, die bei jeder Bewegung leise klapperte.
Salden ließ den Blick langsam über sie wandern, lehnte sich gegen den Türrahmen und strich sich durch die Haare. „Ihr seid früh.“
Ein Junge trat einen halben Schritt vor. „Du hast gesagt, man muss es richtig machen.“
Für einen Moment sah sie ihn einfach nur an, dann schnaubte sie leise, ein knappes, trockenes Anerkennen. „Hab ich das.“ Sie trat zur Seite und machte eine vage einladende Bewegung. „Dann kommt rein. Setzt euch auf Kisten oder Fässer. Aber steht mir nicht im Weg.“
Das genügte. Es dauerte nicht lange, bis sich die Gruppe im Boot verteilt hatte, die Muscheln auf den Knien ausgebreitet. Salden hockte sich ohne große Geste dazu, einfach als wäre das hier nichts weiter als Arbeit.
Sie griff nach einer der Muscheln, wog sie kurz in der Hand. „Erster Fehler.“ Sie hielt sie hoch, drehte sie leicht. „Zu dünn.“ Mit dem Daumennagel drückte sie gegen den Rand. Ein leises, trockenes Knacken. „Die reißt euch bei erster Gelegenheit, wenn ihr Pech habt.“ Die Muschel landete achtlos neben ihnen auf dem Holz; ein paar der Kinder zuckten leicht zusammen.
Salden suchte bereits die nächste heraus. „Ihr nehmt die hier.“ Diese war schwerer, fester, sie ließ sie zwischen den Fingern kreisen. „Gleichmäßiger Rand, keine Risse. Die hält.“ Dann griff sie nach einer Schnur und zog ein kleines Werkzeug aus der Manteltasche, ein abgenutzter Handbohrer mit altem Holzgriff, der Griff praktisch genug um jemanden damit abzustechen oder nun ja, Löcher in Muscheln zu bohren. „Und jetzt passt auf.“
Sie setzte die Spitze an, vorsichtig und behutsam. „Nicht durch die Mitte. Reißt euch auch.“ Ein kurzer Blick in die Runde. „Immer am Rand, aber nicht zu nah.“ Mit einer ruhigen Drehbewegung arbeitete sie sich durch das Material, langsam und kontrolliert, bis ein sauberes Loch entstand. „Wenn ihr drückt, bricht sie.“
Kaum hatte sie das gesagt, knackte es neben ihr. Zu hastig. Die Muschel eines Jungen zerbrach in zwei Teile. Salden sah kurz zu ihm und den benutzten Eisennagel hinüber und hebt eine Augenbraue. „Danke fürs Vorzeigen.“ Mehr kam nicht.
Sie nahm die Schnur wieder auf, führte sie durch das Loch. „Und jetzt nicht einfach durchziehen und fertig.“ Sie zog die Muschel ein Stück zurück, knotete eine kleine Schlaufe davor. „Sonst rutschen sie euch zusammen. Dann habt ihr am Ende einen Klumpen. Keine Kette.“
Langsam wuchs unter ihren Händen eine Reihe aus Muscheln, gleichmäßig, mit kleinen Abständen, nicht makellos, aber stabil. Sie hielt sie kurz hoch. „So.“ Dann zog sie eine Schublade auf in der eine Reihe neuer Handbohrer lagen. „Jetzt ihr.“
Die Geräusche veränderten sich. Es wurde nicht still, dafür waren es zu viele, zu jung, zu lebendig , aber es wurde konzentrierter. Stimmen sanken, Bewegungen wurden vorsichtiger, Muscheln wurden begutachtet, gedreht, aussortiert. Hier und da knackte es noch, aber es wurde mit der Zeit seltener.
Salden blieb sitzen, beobachtete, griff ein, wenn es nötig war, drehte eine Muschel in die richtige Position, schob eine Hand beiseite, die zu grob zugriff, zog einen Knoten fester. Keine großen Worte, kein Lob, aber sie ließ sie machen. Und das war für die Gruppe mehr wert als viele Worte.
Mit der Zeit sammelten sich zwischen ihnen erste fertige Stücke, unregelmäßig, manchmal schief, hier und da zu eng oder zu locker, aber sie hielten. Salden nahm eine davon auf, prüfte sie mit einem kurzen Zug. „Hält.“ Ein knappes Nicken, mehr brauchte es nicht.
Sie richtete sich auf, klopfte sich den Staub von den Händen und ließ den Blick über die Gruppe gleiten. „Gut.“
Die Kinder sahen zu ihr auf, Erwartung in ihren Gesichtern. Salden steckte die Hände in die Manteltaschen. „Wenn ihr fertig seid…“ Ihr Blick glitt über die Muscheln, dann zurück zu ihnen. „Behaltet das Werkzeug, nehmt euch beim rausgehen eine Münze und etwas Brot“ Ein schiefes Lächeln huschte über ihr Gesicht, kaum da, schon wieder verschwunden. „Jetzt habt ihr etwas das ihr dem Meer zurückgeben könnt.“ Sie nickte in Richtung Hafenstraße. „Und wenn ihr schon unterwegs seid erinnert die Leute an den kommenden Tag.“
Das war alles. Noch bevor sie ganz ausgesprochen hatte, sprangen die ersten auf. Einer schnappte sich seine fertige Kette, ein anderer stopfte Muscheln zurück in seine Tasche, zwei rannten schon los und redeten aufgeregt durcheinander, als müssten sie die Neuigkeit sofort weitertragen. Die Gruppe löste sich auf wie ein aufgescheuchter Schwarm. Schritte auf Holz, Stimmen, Lachen und dann waren sie weg.
Salden blieb zurück. Für einen Moment stand sie einfach da und sah ihnen nach. Dann wanderte ihr Blick weiter, zum Hafen, zu den Menschen, die langsam ihren Tag begannen, zum Wasser, das träge gegen die Pfähle schlug.
„Mal sehen, was draus wird“, murmelte sie leise.
Dann wandte sie sich wieder ihrem Boot zu. Arbeit wartete.
Salden blinzelte gegen das fahle Morgenlicht, das durch die Ritzen ihres Boots fiel, und blieb einen Moment lang reglos liegen. Sie lauschte, ein kurzes Stirnrunzeln, dann ein leises Ausatmen. Kinder. Natürlich. Mit einem knappen Ruck richtete sie sich auf, fuhr sich durch das zerzauste Haar und schob die Tür auf.
Draußen standen sie. Eine kleine Schar, kaum mehr als eine Handvoll und doch genug, um den Steg zu füllen. Die Kleinsten reichten ihr kaum bis zur Hüfte, die Älteren versuchten zumindest so zu tun, als wüssten sie wie man sich verhielt und zogen ihre Mützen ab. In ihren Händen hielten sie Muscheln. Überall Muscheln. Einige hatten Schnüre dabei, ordentlich aufgewickelt oder lose verknotet, andere standen da, die Hände voll mit Muscheln, als hätten sie den gesamten Strand geplündert. Einer hielt sogar eine prall gefüllte Tasche, die bei jeder Bewegung leise klapperte.
Salden ließ den Blick langsam über sie wandern, lehnte sich gegen den Türrahmen und strich sich durch die Haare. „Ihr seid früh.“
Ein Junge trat einen halben Schritt vor. „Du hast gesagt, man muss es richtig machen.“
Für einen Moment sah sie ihn einfach nur an, dann schnaubte sie leise, ein knappes, trockenes Anerkennen. „Hab ich das.“ Sie trat zur Seite und machte eine vage einladende Bewegung. „Dann kommt rein. Setzt euch auf Kisten oder Fässer. Aber steht mir nicht im Weg.“
Das genügte. Es dauerte nicht lange, bis sich die Gruppe im Boot verteilt hatte, die Muscheln auf den Knien ausgebreitet. Salden hockte sich ohne große Geste dazu, einfach als wäre das hier nichts weiter als Arbeit.
Sie griff nach einer der Muscheln, wog sie kurz in der Hand. „Erster Fehler.“ Sie hielt sie hoch, drehte sie leicht. „Zu dünn.“ Mit dem Daumennagel drückte sie gegen den Rand. Ein leises, trockenes Knacken. „Die reißt euch bei erster Gelegenheit, wenn ihr Pech habt.“ Die Muschel landete achtlos neben ihnen auf dem Holz; ein paar der Kinder zuckten leicht zusammen.
Salden suchte bereits die nächste heraus. „Ihr nehmt die hier.“ Diese war schwerer, fester, sie ließ sie zwischen den Fingern kreisen. „Gleichmäßiger Rand, keine Risse. Die hält.“ Dann griff sie nach einer Schnur und zog ein kleines Werkzeug aus der Manteltasche, ein abgenutzter Handbohrer mit altem Holzgriff, der Griff praktisch genug um jemanden damit abzustechen oder nun ja, Löcher in Muscheln zu bohren. „Und jetzt passt auf.“
Sie setzte die Spitze an, vorsichtig und behutsam. „Nicht durch die Mitte. Reißt euch auch.“ Ein kurzer Blick in die Runde. „Immer am Rand, aber nicht zu nah.“ Mit einer ruhigen Drehbewegung arbeitete sie sich durch das Material, langsam und kontrolliert, bis ein sauberes Loch entstand. „Wenn ihr drückt, bricht sie.“
Kaum hatte sie das gesagt, knackte es neben ihr. Zu hastig. Die Muschel eines Jungen zerbrach in zwei Teile. Salden sah kurz zu ihm und den benutzten Eisennagel hinüber und hebt eine Augenbraue. „Danke fürs Vorzeigen.“ Mehr kam nicht.
Sie nahm die Schnur wieder auf, führte sie durch das Loch. „Und jetzt nicht einfach durchziehen und fertig.“ Sie zog die Muschel ein Stück zurück, knotete eine kleine Schlaufe davor. „Sonst rutschen sie euch zusammen. Dann habt ihr am Ende einen Klumpen. Keine Kette.“
Langsam wuchs unter ihren Händen eine Reihe aus Muscheln, gleichmäßig, mit kleinen Abständen, nicht makellos, aber stabil. Sie hielt sie kurz hoch. „So.“ Dann zog sie eine Schublade auf in der eine Reihe neuer Handbohrer lagen. „Jetzt ihr.“
Die Geräusche veränderten sich. Es wurde nicht still, dafür waren es zu viele, zu jung, zu lebendig , aber es wurde konzentrierter. Stimmen sanken, Bewegungen wurden vorsichtiger, Muscheln wurden begutachtet, gedreht, aussortiert. Hier und da knackte es noch, aber es wurde mit der Zeit seltener.
Salden blieb sitzen, beobachtete, griff ein, wenn es nötig war, drehte eine Muschel in die richtige Position, schob eine Hand beiseite, die zu grob zugriff, zog einen Knoten fester. Keine großen Worte, kein Lob, aber sie ließ sie machen. Und das war für die Gruppe mehr wert als viele Worte.
Mit der Zeit sammelten sich zwischen ihnen erste fertige Stücke, unregelmäßig, manchmal schief, hier und da zu eng oder zu locker, aber sie hielten. Salden nahm eine davon auf, prüfte sie mit einem kurzen Zug. „Hält.“ Ein knappes Nicken, mehr brauchte es nicht.
Sie richtete sich auf, klopfte sich den Staub von den Händen und ließ den Blick über die Gruppe gleiten. „Gut.“
Die Kinder sahen zu ihr auf, Erwartung in ihren Gesichtern. Salden steckte die Hände in die Manteltaschen. „Wenn ihr fertig seid…“ Ihr Blick glitt über die Muscheln, dann zurück zu ihnen. „Behaltet das Werkzeug, nehmt euch beim rausgehen eine Münze und etwas Brot“ Ein schiefes Lächeln huschte über ihr Gesicht, kaum da, schon wieder verschwunden. „Jetzt habt ihr etwas das ihr dem Meer zurückgeben könnt.“ Sie nickte in Richtung Hafenstraße. „Und wenn ihr schon unterwegs seid erinnert die Leute an den kommenden Tag.“
Das war alles. Noch bevor sie ganz ausgesprochen hatte, sprangen die ersten auf. Einer schnappte sich seine fertige Kette, ein anderer stopfte Muscheln zurück in seine Tasche, zwei rannten schon los und redeten aufgeregt durcheinander, als müssten sie die Neuigkeit sofort weitertragen. Die Gruppe löste sich auf wie ein aufgescheuchter Schwarm. Schritte auf Holz, Stimmen, Lachen und dann waren sie weg.
Salden blieb zurück. Für einen Moment stand sie einfach da und sah ihnen nach. Dann wanderte ihr Blick weiter, zum Hafen, zu den Menschen, die langsam ihren Tag begannen, zum Wasser, das träge gegen die Pfähle schlug.
„Mal sehen, was draus wird“, murmelte sie leise.
Dann wandte sie sich wieder ihrem Boot zu. Arbeit wartete.
- Tehlar Origon
- Beiträge: 113
- Registriert: Sonntag 9. April 2023, 16:10
Re: [MMT] Tag der Meerjungfrau
Tage nach dem Markt – Die Suche nach dem Omen
Mehrere Tage waren vergangen, seitdem der Markt stattgefunden hatte. Das Wetter war morgens grau und die Luft kalt. Wellen wogen in der Brandung und umspülten das gesäuberte Ufer. Selbst der modrige Geruch um das Hafenbecken schien verschwunden zu sein. Als Tehlar dem ruhigeren Teil des Beckens näherkam, konnte er stellenweise den Grund erkennen. Einige der Kleinode reflektierten das spärliche Licht des grauen Himmels und zeigten, dass manche Bürger an den alten Traditionen festgehalten hatten.
Tehlar suchte das Hafenbecken ab, nach irgendetwas. Etwas, das ihm ins Auge springen müsste – doch er fand nichts. Seine Mundwinkel zuckten kurz nach oben. Wie dämlich sich das anfühlte, nach etwas zu suchen, das einem ins Auge springen sollte.
Wenn man schon danach suchen musste, wäre es wohl kaum das richtige, dachte er sich.
Er machte noch einen Rundgang durch Bajard und später auch am Strand außerhalb der Stadt, in der Lagune.
Doch auch hier war nichts zu finden. Nichts, das irgendwie von Bedeutung war. Er hob eine kleine Muschel auf und betrachtete sie eine Weile.
Hübsch, dachte er. Nicht die schönste Muschel, die er je gesehen hatte, aber… hübsch.
Er steckte sie ein. Nüchtern betrachtet war sie eher gewöhnlich, aber was sollte es schon bringen. Er könnte sie als gutes Omen präsentieren und damit wäre doch alles gut, redete er sich ein.
Als er zurück in den Hafen kam, kam ihm Salden entgegen. Die Hände in den Jackentaschen, nur ein knappes Nicken. Tehlar nickte zurück, holte ohne weitere Worte die Muschel aus der Tasche und präsentierte sie.
Saldens Augenbrauen zogen sich zusammen, als sie die Muschel skeptisch musterte. Nach reichlicher Begutachtung schaute sie ihn an und schüttelte den Kopf.
„Ich werd die Tage mal schauen, ob ich was finde.“
Tehlar nickte.
„Mach das. Ich halt auch weiter die Augen offen. Vielleicht bleibt das Omen dieses Jahr aus.“
Seine Worte klangen eher wie eine Feststellung als eine Frage. Salden erstarrte kurz, als müsse sie verarbeiten, was er gesagt hatte. Dann antwortete sie ruhig, aber mit fester Überzeugung:
„Es wird ein Omen geben. Es gibt immer eins.“
Die Antwort war weder vorwurfsvoll noch enttäuscht. Sie war einfach ehrlich.
So blieb die Frage im Raum.
Wann würde das Omen kommen – und wie würde es ausfallen.
Mehrere Tage waren vergangen, seitdem der Markt stattgefunden hatte. Das Wetter war morgens grau und die Luft kalt. Wellen wogen in der Brandung und umspülten das gesäuberte Ufer. Selbst der modrige Geruch um das Hafenbecken schien verschwunden zu sein. Als Tehlar dem ruhigeren Teil des Beckens näherkam, konnte er stellenweise den Grund erkennen. Einige der Kleinode reflektierten das spärliche Licht des grauen Himmels und zeigten, dass manche Bürger an den alten Traditionen festgehalten hatten.
Tehlar suchte das Hafenbecken ab, nach irgendetwas. Etwas, das ihm ins Auge springen müsste – doch er fand nichts. Seine Mundwinkel zuckten kurz nach oben. Wie dämlich sich das anfühlte, nach etwas zu suchen, das einem ins Auge springen sollte.
Wenn man schon danach suchen musste, wäre es wohl kaum das richtige, dachte er sich.
Er machte noch einen Rundgang durch Bajard und später auch am Strand außerhalb der Stadt, in der Lagune.
Doch auch hier war nichts zu finden. Nichts, das irgendwie von Bedeutung war. Er hob eine kleine Muschel auf und betrachtete sie eine Weile.
Hübsch, dachte er. Nicht die schönste Muschel, die er je gesehen hatte, aber… hübsch.
Er steckte sie ein. Nüchtern betrachtet war sie eher gewöhnlich, aber was sollte es schon bringen. Er könnte sie als gutes Omen präsentieren und damit wäre doch alles gut, redete er sich ein.
Als er zurück in den Hafen kam, kam ihm Salden entgegen. Die Hände in den Jackentaschen, nur ein knappes Nicken. Tehlar nickte zurück, holte ohne weitere Worte die Muschel aus der Tasche und präsentierte sie.
Saldens Augenbrauen zogen sich zusammen, als sie die Muschel skeptisch musterte. Nach reichlicher Begutachtung schaute sie ihn an und schüttelte den Kopf.
„Ich werd die Tage mal schauen, ob ich was finde.“
Tehlar nickte.
„Mach das. Ich halt auch weiter die Augen offen. Vielleicht bleibt das Omen dieses Jahr aus.“
Seine Worte klangen eher wie eine Feststellung als eine Frage. Salden erstarrte kurz, als müsse sie verarbeiten, was er gesagt hatte. Dann antwortete sie ruhig, aber mit fester Überzeugung:
„Es wird ein Omen geben. Es gibt immer eins.“
Die Antwort war weder vorwurfsvoll noch enttäuscht. Sie war einfach ehrlich.
So blieb die Frage im Raum.
Wann würde das Omen kommen – und wie würde es ausfallen.
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Melira Salden
- Beiträge: 16
- Registriert: Donnerstag 4. Dezember 2025, 12:06
Zufall oder schlechtes Omen?
Der Nebel hing tief über Bajard. Er kroch durch die Gassen, legte sich zwischen die Häuser und zog vom Meer herauf, bis selbst die Hafenlaternen nur noch matte Flecken im Grau waren. Geräusche wirkten gedämpft an diesem Morgen. Das Knarren von Holz, das leise Schlagen der Wellen gegen den Kai, irgendwo fern das dumpfe Aneinanderstoßen zweier Boote.
Salden mochte solche Morgen normalerweise.
Heute nicht.
Als Tehlar sie am Kai suchte, stand sie bereits dort, die Hände tief in den Manteltaschen, den Blick hinaus aufs Wasser gerichtet. Feuchtigkeit hing auf ihrem Mantel, als wäre sie schon länger hier.
„Du bist früh.“
„Konnte nicht schlafen.“
Mehr sagte sie nicht und Tehlar fragte nicht weiter. Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander und sahen hinaus in den Nebel, der die Küste bereits wenige Schritt hinter den ersten Wellen verschluckte. Dahinter gab es nichts mehr außer Grau.
Dann setzte sie sich in Bewegung. Entschieden genug das Tehlar ihr ohne Frage folgte.
Sie gingen die Küste entlang, vorbei an stillen Fischerbooten und aufbauten eines kommenden Marktes. Stoffbahnen bewegten sich träge im Wind, Muschelketten klackerten leise gegeneinander.
Der Strand war fast unberührt. Nur ihre Schritte zeichneten dunkle Spuren in den feuchten Sand. Weiter oben saßen Möwen auf den morschen Pfählen, ungewöhnlich still. Keine stritt um Abfälle, keine erhob sich kreischend in die Luft.
„Nicht viel los heute“, murmelte Tehlar.
Salden brummte nur als Antwort und kurz darauf blieb sie abrupt stehen.
Einige Schritt voraus lag etwas Dunkles am Ufer, groß genug, dass die Wellen darum brachen. Im Nebel wirkte es zuerst wie angeschwemmtes Holz, doch je näher sie kamen, desto klarer wurde die Form.
Ein Schweinswal.
Tot.
Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Das Tier lag auf der Seite, stumpf glänzend vom Salzwasser, Sand klebte an der Haut, und eine schmale Schleifspur zog sich von der Brandung bis dorthin, wo die Flut es ausgespuckt hatte.
Neben ihr fluchte Tehlar leise. „Verdammter Mist.“
Salden trat näher heran und ging in die Hocke. Ihr Blick wanderte über den reglosen Körper, blieb schließlich an feinen Einschnitten in der Haut hängen. Ihre Kiefer spannten sich kurz an.
„Jemand hat gefischt.“
„Vielleicht alt.“
Langsam schüttelte sie den Kopf. „Nein. Das Meer spült sowas nicht aus Zufall gerade jetzt an unsere Küste..“
Der Nebel zog weiter über die Wellen. Einer der morschen Pfähle knackte im Wind.
Tehlar fuhr sich übers Gesicht. „Das gibt Gerede.“
„Sollte es auch.“
Salden richtete sich wieder auf und blickte hinaus aufs Meer, als suche sie dort draußen nach etwas. Für einen Moment dachte sie an den Tag der Meerjungfrau. An die Reden, die Kinder mit ihren Muschelketten, die Menschen, die gearbeitet hatten, weil es ihnen etwas bedeutete.
Und an die anderen.
Die, die glaubten, Regeln seien immer für jemand anderen gemacht.
„Ich hab gesagt, das Meer vergisst nicht“, murmelte sie leise zu sich selbst.
Danach blieb nur das Rauschen der Brandung. Salden zog eine Hand aus der Manteltasche und strich sich gedankenverloren einen dunklen Rußrest unter dem Fingernagel weg.
„Dann mal ans Werk“, sagte sie schließlich. „In die Stadt damit, nehmen wir das Geschenk so gut auseinander wie es geht.“
Tehlar nickte, doch beide wussten, dass dies kein Geschenk war. Es war das Omen und es war definitiv kein gutes.
Salden mochte solche Morgen normalerweise.
Heute nicht.
Als Tehlar sie am Kai suchte, stand sie bereits dort, die Hände tief in den Manteltaschen, den Blick hinaus aufs Wasser gerichtet. Feuchtigkeit hing auf ihrem Mantel, als wäre sie schon länger hier.
„Du bist früh.“
„Konnte nicht schlafen.“
Mehr sagte sie nicht und Tehlar fragte nicht weiter. Eine Weile standen sie schweigend nebeneinander und sahen hinaus in den Nebel, der die Küste bereits wenige Schritt hinter den ersten Wellen verschluckte. Dahinter gab es nichts mehr außer Grau.
Dann setzte sie sich in Bewegung. Entschieden genug das Tehlar ihr ohne Frage folgte.
Sie gingen die Küste entlang, vorbei an stillen Fischerbooten und aufbauten eines kommenden Marktes. Stoffbahnen bewegten sich träge im Wind, Muschelketten klackerten leise gegeneinander.
Der Strand war fast unberührt. Nur ihre Schritte zeichneten dunkle Spuren in den feuchten Sand. Weiter oben saßen Möwen auf den morschen Pfählen, ungewöhnlich still. Keine stritt um Abfälle, keine erhob sich kreischend in die Luft.
„Nicht viel los heute“, murmelte Tehlar.
Salden brummte nur als Antwort und kurz darauf blieb sie abrupt stehen.
Einige Schritt voraus lag etwas Dunkles am Ufer, groß genug, dass die Wellen darum brachen. Im Nebel wirkte es zuerst wie angeschwemmtes Holz, doch je näher sie kamen, desto klarer wurde die Form.
Ein Schweinswal.
Tot.
Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Das Tier lag auf der Seite, stumpf glänzend vom Salzwasser, Sand klebte an der Haut, und eine schmale Schleifspur zog sich von der Brandung bis dorthin, wo die Flut es ausgespuckt hatte.
Neben ihr fluchte Tehlar leise. „Verdammter Mist.“
Salden trat näher heran und ging in die Hocke. Ihr Blick wanderte über den reglosen Körper, blieb schließlich an feinen Einschnitten in der Haut hängen. Ihre Kiefer spannten sich kurz an.
„Jemand hat gefischt.“
„Vielleicht alt.“
Langsam schüttelte sie den Kopf. „Nein. Das Meer spült sowas nicht aus Zufall gerade jetzt an unsere Küste..“
Der Nebel zog weiter über die Wellen. Einer der morschen Pfähle knackte im Wind.
Tehlar fuhr sich übers Gesicht. „Das gibt Gerede.“
„Sollte es auch.“
Salden richtete sich wieder auf und blickte hinaus aufs Meer, als suche sie dort draußen nach etwas. Für einen Moment dachte sie an den Tag der Meerjungfrau. An die Reden, die Kinder mit ihren Muschelketten, die Menschen, die gearbeitet hatten, weil es ihnen etwas bedeutete.
Und an die anderen.
Die, die glaubten, Regeln seien immer für jemand anderen gemacht.
„Ich hab gesagt, das Meer vergisst nicht“, murmelte sie leise zu sich selbst.
Danach blieb nur das Rauschen der Brandung. Salden zog eine Hand aus der Manteltasche und strich sich gedankenverloren einen dunklen Rußrest unter dem Fingernagel weg.
„Dann mal ans Werk“, sagte sie schließlich. „In die Stadt damit, nehmen wir das Geschenk so gut auseinander wie es geht.“
Tehlar nickte, doch beide wussten, dass dies kein Geschenk war. Es war das Omen und es war definitiv kein gutes.