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Klopf, klopf - Niemand Zuhause...

Verfasst: Montag 16. März 2026, 22:00
von Leandra Kalveron
.. und das wusste man.
So war es zumindest die Zeit für eine Botschaft an das Alatarische Reich, als diese Kunde so kurzfristig übermittelt wurde, dass sich auf La Cabeza etwas rührt.

Ab Varuna lassen sich im Staub des Weges deutliche Spuren erkennen. Mehrere Hufabdrücke ziehen sich durch den Boden, eine kleine Gruppe Reiter muss hier entlanggezogen sein. Die Fährte führt ohne große Umwege direkt zur Wegkreuzung, an der das Wachhaus der Legion des Panthers steht. Kurz vor dem Waldrand jedoch enden die Hufspuren abrupt. Offenbar wurden die Pferde dort zurückgelassen. Stattdessen führen nun schwere Abdrücke von Plattenstiefeln vom Waldesrand direkt auf das Wachhaus zu.

Noch bevor man das Gebäude betritt, fällt an der äußeren Mauer etwas auf: Dort ist ein leuchtendes Ankh zu sehen, dessen Licht sich deutlich vom Stein abhebt und selbst bei Tageslicht unnatürlich klar, wenn auch schwach glimmend wirkt.
Vor dem Haus ein merkwürdiges Bild: Der Torwächter sitzt gefesselt und geknebelt auf dem Boden, die Hände hinter seinem Rücken verschnürt. Abgesehen von seiner misslichen Lage scheint er unverletzt zu sein und würde wohl sofort losplappern, sobald man ihn von seinen Fesseln befreit. Mit aufgeregter Stimme könnte er berichten, dass plötzlich jemand mit lautem Krachen die Tür eingetreten hat. Vor ihm stand ein Mann in einer goldenen Rüstung. Direkt hinter ihm kam ein weiterer, ebenfalls in einer heller leuchtenden goldenen Rüstung. Kurz darauf betrat eine Frau den Raum, eine Priesterin, gehüllt in eine blaue Robe.
Die beiden Gerüsteten begannen sofort damit, alles durcheinanderzubringen. Regale wurden umgestoßen, Schriften aus ihren Fächern gerissen und auf dem Boden verteilt. Währenddessen verschwand die Priesterin für einen Moment aus seinem Blickfeld, nur um kurze Zeit später mit einer Statue zurückzukehren. Mit dieser Statue und einigen Zetteln ging sie die Treppe hinauf. Dort oben liegen nun noch immer mehrere Bücher und Schriftstücke verstreut, und zwischen ihnen steht eine Statue eines Adlers, der zum Sturzflug ansetzt. An dieser Statue ist eine Nachricht befestigt.


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Der Wachmann könnte außerdem berichten, dass draußen noch weitere Personen standen, offenbar um Wache zu halten. Er meint, weiteren Plattenträger gesehen zu haben sowie noch einen weiteren Robenträger. Nachdem sie offenbar gefunden hatten, wonach sie suchten, oder das taten, was sie vorhatten, verschwanden sie wieder.

Die Spuren der Pferde führen von der Kreuzung aus nach Süden. Folgt man ihnen ein Stück, stößt man bald auf ein schändliches Bild: Ein totes Pferd liegt am Wegesrand, daneben eine dunkle Blutlache. Nicht weit davon entfernt liegt ein Mann im roten Wams der Legion reglos am Boden, ebenfalls tot. In seiner Tasche befindet sich ein weiteres Schriftstück, scheinbar ein Lobeslied? Die Spuren der Reiter setzen sich noch ein kleines Stück weiter nach Süden fort, bevor sie kurz vor Grenzwarth in den Wald abbiegen. Dort verlieren sie sich schließlich im dichten Unterholz und zwischen den Bäumen, doch wer die Richtung aufmerksam verfolgt, erkennt, dass sie nach Osten deuten, tief hinein in den Wald.

Es war eine Botschaft, die keine Hände als Empfänger benötigt haben, doch gewiss ihr Ziel erreichen würde.
Wirkliche Beschädigungen an der Anlage lassen sich nicht vorfinden, nur eine ziemliche Unordnung im Erdgeschoß.


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OOC: IG sind Dinge vorzufinden.

Und wieder ein Toter

Verfasst: Dienstag 17. März 2026, 02:14
von Lioras Ylais
Er war es so leid.

Erst am 15. Eisbruch der hinterrückse Überfall auf eine Kutsche südlich von Wetterau, bei der ein Kamerad ums Leben gekommen und zwei nur knapp dem Tod entrungen waren. Unter ihnen Jynela, die als ausgebildete Scharfschützin glücklicherweise wohl das Zünglein an der Waage gebildet hatte, um Marius Marlon, den Attentäter, aufzuhalten.

Aber Hauptsache sie predigten Ehre.

Vor vier Tagen dann der Überfall des Regiments auf Emilia Arragar mitten in Wetterau, welcher eine Geisel und ein Scharmützel mit mehreren verletzten Kameraden zur Folge hatte. Noch bei Tageslicht hatten sie angegriffen. Nicht auf den Schutz der Dunkelheit gewartet. Sie wollten auffallen. Ganz im Gegensatz zum Überfall auf die Kutsche.
Und nun direkt der nächste Angriff. Wieder ein Toter. Ein abgeschlachtetes Pferd, ein gefesselter Kamerad und ein verwüsteter Wachturm. Diesmal hatten sie sogar die Dreistigkeit bewiesen, ein klerikales Symbol am Wachturm anzubringen und ihre verblendeten Parolen vor Ort zu verstreuen, als würden sie irgendwas daran ändern, dass im Alatarischen Reich Menschen lebten, die die Wahrheit erkannt hatten. Als würde es etwas daran ändern, dass Lichtenthal sich seine beste Chance auf ein Zurückgewinnen Gregor Granns verspielt hatte, indem sie ihm eine schwache Rekrutin vorgezogen hatten. Indem sie in Kauf genommen hatten, dass er ihren Verrat erkennen und sich endgültig von ihnen abwenden würde.

Aber Hauptsache sie predigten Mitgefühl.

Gregor Grann, dem sie nicht einmal verraten hatten, wo sein Vater begraben lag. Ob er überhaupt ein Begräbnis erhalten hatte. Schließlich sei Gustav Grann ein Schwerverbrecher und Hochverräter gewesen. Den geistig kranken Mann in ihm wollten sie nicht sehen. Ebenso wenig wie das, was sie seiner Familie damit antaten, einen Vater und Ehemann öffentlich hinzurichten. Es war ein Exempel, um sich mächtig zu fühlen. Nicht mehr und nicht weniger. Und alle leugneten es. Alle hüllten sich in Schweigen, weil sie tief in sich drin garantiert spürten, wie falsch sie damit lagen.

Aber Hauptsache sie predigten Gerechtigkeit.

Zweites Kind Eluives ...

Lioras schnaubte. Nicht einmal die Schöpfungsgeschichte kannten sie. Selbst wenn Getares doch noch tot wäre, wäre Temora das dritte Kind, doch Getares lebte, und so war es ein unumstößlicher Fakt, dass sie das dritte und der All-Eine das zweite Kind war. Einfach nur lächerlich, so einen markanten Bildungsfehler auch noch öffentlich zu präsentieren, als wäre es die Wahrheit.

Aber Hauptsache sie predigten Geistigkeit.

Von der Feigheit, im Dunkeln anzugreifen, während bekannt war, dass ein Teil der Garde inklusive Führungspersonen auf La Cabeza bei der Kapellenweihe sein würden. Während sie nicht befürchten mussten, von der eingespielten Truppe unter Hauptmann Dharas Führung in den Dreck geschickt zu werden.

Aber Hauptsache sie predigten Tapferkeit.

Die Liste an Verfehlungen in ihren eigenen Glaubenslehren war genauso lang wie ihre Lehren in sich schwachsinnig. Aber diese Verblendeten hielten daran fest, schmückten sich gar damit, als würden sie hoffen, dass es niemandem auffiel, wie falsch ihr Spiel war. Als sie diese Nacht nach Hause gekommen waren, mussten sie sich garantiert gefeiert haben wie Helden. Weil sie es geschafft hatten, ein Leben zu nehmen, ein anderes zu zeichnen und einen Ort zu schänden, der ihnen in keinster Weise eine Bedrohung war. Es war nur ein einfaches Ziel gewesen. Nah an der Grenze, um schnell fliehen zu können, wenn das Werk vollbracht war oder es brenzlig wurde. Kein weiter Weg, denn man wollte sich offenbar bloß keine größere Mühe mit seinen Aktionen geben. Einfach - nur - lächerlich.
In Lioras begann es zu brodeln. War er vor ein paar Tagen noch im Zwiespalt gewesen, ob er es tragen könnte, andere Menschen zu verletzen und in Kauf zu nehmen, sie dabei zu töten - gleich welchen Alters und Geschlechts - so wich dieser Zwiespalt Klarheit: Er würde es wieder tun und er würde nicht mehr zögern. Wer so dämlich war, diesen Lügenparolen Glauben zu schenken, wer sich mit aller Macht davor versperrte, die Wahrheit zu erkennen, der war genauso schuldig wie sie jeden Gardisten des Alatarischen Reichs als schuldig erachteten, nur weil er seiner Arbeit nachging und seine Heimat beschützte. Ganz gleich, ob er jemals die eigenen Reichsgrenzen überschritten und einem Lichtenthaler etwas getan hatte oder nicht. Angst und Sorge, Luisa in Shevon allein zu lassen, seinen Enkel nie kennenzulernen oder Freunde an den Krieg zu verlieren, war Entschlossenheit gewichen. Lioras würde kämpfen und wenn er ehrlich war, dann konnte er es kaum erwarten, Lichtenthal endlich den Krieg direkt vor die Haustür zu bringen.

Über die strategischen Vorteile leerer Gebäude - und sorgfältig vermiedener Gegner

Verfasst: Dienstag 17. März 2026, 08:38
von Jynela Dhara
Der Wind trug den Geschmack von Salz, den Geruch von Cabeza noch weit ins Landesinnere, als Jynela Dhara in der Nacht vom Hafen gen Kommandantur schritt.
Es war eine jener Stunden, in denen selbst die Stadt beschlossen hatte, dass Probleme am nächsten Tag immer noch existieren würden und sich bis dahin in der Regel nicht einmal die Mühe machten, besser zu werden.
Nur das gedämpfte Geräusch der Stiefel auf Stein und das müde Flackern der Fackeln widersprachen diesem Plan.

La Cabeza hing ihr noch in den Gliedern. Diese verdammte Nebel hatte die unangenehme Angewohnheit gehabt, sich festzusetzen. In den Knochen, in der Kleidung und irgendwo hinter den Augen, wo es nun stetig leise pochte und daran erinnerte, dass Schlaf eine ausgezeichnete Idee wäre.

Sie passierte die ersten Wachen, die starr gerade aus blickten und klug genug waren, sich nicht zu äußern oder sie anzusprechen. Klugheit äußerte sich in Rahal oft dadurch, dass man im richtigen Moment schwieg.
Kaum hatte sie den Hof der Kommandantur betreten, löste sich dann doch eine Gestalt aus dem Halbdunkel.
Ein Gardist.
Jung genug, um noch zu glauben, dass schlechte Nachrichten durch korrektes Auftreten besser wurden. Was sie natürlich nicht taten. Sie warteten nur höflicher.
Seine Haltung war straff, sein Blick ein wenig zu wach für diese Uhrzeit. Ein sicheres Zeichen dafür, dass jemand anderes heute Nacht nicht schlafen würde.
„Hauptmann.“
Jynelas Blick streifte ihn nur kurz, während sie an ihm vorbeiging.
„Wenn du mich jetzt wegen etwas aufhälst, das auch bis morgen warten kann,“ sagte sie ruhig, „werde ich so tun, als wäre es morgen. Für dich.“
Der Gardist schluckte. Man konnte förmlich hören, wie er seine Worte neu sortierte.
„Nein, Hauptmann. Es ist… ein Vorfall.“
Natürlich war es das. Niemand trat mitten in der Nacht aus dem Schatten, um von einer besonders gelungenen Teesorte zu berichten.

„Dann komm.“
Sie führte ihn durch die stillen Gänge der Kommandantur, bis in ihr Arbeitszimmer. Kerzenlicht flackerte auf Karten und Pergamente, als hätte es kurz Hoffnung, Ordnung schaffen zu können und gab diese dann wieder auf.
Jynela blieb stehen, die Hände auf der Tischkante.
„Sprich.“

Der Gardist atmete einmal durch. „Der Wachturm an der Kreuzung. Er wurde angegriffen.“
Ein winziger Zug um ihren Mund. “Wo nur noch der Wächter lebt? Der sonst leer steht?“
„Ja, Hauptmann.“

„Natürlich“, murmelte sie. „Warum auch etwas angreifen, das sich wehren könnte.“

Ein kurzes Nicken.
„Mehrere Reiter. Nachts. Plattenrüstung. Berobte. Fünf… vielleicht mehr. Sie haben die Tür aufgebrochen, alles durchsucht, Zettel verteilt. Ein Ankh draußen. Leuchtet.“

„Natürlich tut es das.“
Ein kurzer Blick, kühl.
„Zeugen?“
„Der Wächter. Gefesselt. Lebt.“
„Also haben sie zumindest jemanden gefunden.“
„…Ja, Hauptmann.“
„Und dann?“
„Sie sind verschwunden.“


Jynela schwieg einen Moment.
„Wie viele braucht der Osten inzwischen für so etwas? Sechs? Oder zählt man Möbel mit?“

Der Gardist schwieg.
Dann, zögernd: „Hauptmann…“

Jynelas Blick hob sich kaum merklich. Man konnte fast sehen, wie die Worte noch einen Moment lang in seinem Hals zögerten, als wüssten sie selbst, dass sie besser dort geblieben wären. Das war der Tonfall, den Menschen benutzten, kurz bevor sie Dinge sagten, die den Abend zuverlässig ruinierten. Sie war nun lange genug dabei, dieses Art von „Hauptmann“ zu kennen, das selten gute Nachrichten einleitete. Meist folgte darauf etwas, das man im Nachhinein lieber nicht gewusst hätte.

„Auf dem Rückweg. Hinter Grenzwarth. Eine unserer Patrouillen… sie haben unseren Mann erwischt.“
Ein kurzer Moment.
„Tot“, fügte er leiser hinzu.

Stille. Das war dann der Moment, in dem aus einer feigen, schlechten Idee plötzlich Ernst wurde, was sie nicht besser machte, nur ehrlicher.

Die Stille war nun nicht mehr die Ruhige, Gewohnte. Sondern die Andere.
Die, die Jynela bekam, wenn sie aufhörte, laut zu werden und begann, gefährlich zu denken.
Die, die in der Garde einen Namen hatte und die niemand laut aussprach, weil sie dazu neigte, sich dann bestätigt zu fühlen und bei der jeder erfahrene Gardist, der den Hauptmann kannte, instinktiv einen Schritt zurücktrat und sich fragten, wer diesmal den Preis zahlen würde.

Jynelas Finger verharrten an der Tischkante. Kein Zucken, kein Atemzug zu viel. Nur dieses eine, kaum sichtbare Innehalten, als hätte etwas in ihr kurz die Richtung gewechselt.

Als sie sprach, war ihre Stimme ruhig. Zu ruhig.
„Also doch.“
Ein langsames Nicken, mehr für sich selbst als für ihn.
„Für einen leeren Turm kommen sie zu sechst.“
Ihre Hand schloss sich ein wenig fester um die Feder.
„Für einen einzelnen Gardisten reicht es dann auch noch.“
Ein Atemzug. Langsam. Kontrolliert. Dann hob sie den Blick wieder und da war nun Kälte, Klarheit und absolut kein Hauch von einem Lächeln mehr.
„Sie warten, bis wir weg sind. Kommen nachts. In voller Rüstung … und greifen an, wo niemand zurückschlägt.“
Ein kurzer Moment.
„Beeindruckend.“

Das Wort klang jetzt anders. Die Art von beeindruckend, bei der man kurz überlegte, ob „erbärmlich“ die Sache nicht unnötig beschönigte.
Sie richtete sich langsam auf und hatte Erbarmen mit dem Kameraden. Er wurde in den Dienstschluss geschickt.



Noch in derselben Nacht hatte man sie wieder reiten sehen.
Nicht viele Worte waren gefallen, nicht viele Befehle gegeben worden und doch genügte es. Ein gesatteltes Pferd, ein knapper Ruf und zwei Gestalten lösten sich aus der Dunkelheit, um ihr zu folgen: die Rekrutin, still und wach und der Barde, der ausnahmsweise nichts sagte, was in etwa so beruhigend war wie ein stiller Sturm.
Sie ritten Richtung Wachturm. Schnell. Zweckmäßig.
Und wer sie sah, hatte nicht den Eindruck, dass es sich um einen Besuch handelte.

Was dort geschah, sprach am Morgen für sich.

Der Wächter war befreit und fortgebracht worden, versorgt, bevor jemand überhaupt Fragen stellen konnte. Das Innere des Turms lag noch immer im Chaos, umgestoßene Dinge, verstreute Schriften, der leise Nachhall eines Auftritts, der mehr Eindruck hatte hinterlassen sollen, als tatsächlich übrig geblieben war. Abgesehen von der Erkenntnis, dass man mit genug Leuten selbst Leere verwüsten konnte.

Doch nicht alles war geblieben.
Die Statue fehlte.
Einige der Schriften ebenfalls.

Und draußen, an der Mauer, wo das bläulich schimmernde Ankh noch immer schwach glomm, hing nun eine einfache, nicht ganz saubere Bettdecke darüber. Achtlos geworfen, um es zu bedecken, als hätte jemand beschlossen, dass dieses verfluchte Licht manchmal besser nichts mehr zu sagen hatte, sondern sich für das, was in seinem Namen getan worden war, einfach still bedeckt halten sollte.
Denn selbst ein göttliches Zeichen, so schien es, hatte ein gewisses Recht darauf, nicht mit solcher Feigheit in Verbindung gebracht zu werden und entweder sah Temora, was hier geschehen war oder sie tat es nicht.

Und beides war ein Urteil, das in dieser Nacht wohl lieber nicht weiter ausformuliert werden sollte.

Es war erstaunlich, wie schnell selbst göttliches Licht an Überzeugung verlor, wenn man es lange genug in schlechte Gesellschaft stellte.
Irgendjemand hatte sich in dieser Nacht für verdammt schlechte Gesellschaft entschieden. Und bald würden das alle wissen.



Später. Sehr viel später, um genau zu sein, saß Jynela wieder in ihrem Arbeitszimmer.
Die Kerzen waren weiter heruntergebrannt, das Licht flackerte niedriger, müder und spiegelte damit nur, was in ihr längst angekommen war. Die Erschöpfung lag nun schwer auf ihren Schultern, zog an ihren Lidern, forderte ihren Tribut nach den letzten beiden Nächten, den immer noch brennenden Erinnerungen.

Sie ignorierte sie. Wie so oft. Vor ihr lag das Pergament. Leer. Noch.

Ihre Finger ruhten wieder auf der Tischkante, die Feder zwischen ihnen, ohne sich zu bewegen. Für einen Moment sah es fast so aus, als hätte sie vergessen, warum sie hier war.
Dann atmete sie langsam aus. Ein Gedanke formte sich. Klar. Scharf.

Jynela hatte nie geglaubt, dass jede Schlacht mit Pfeil oder Stahl entschieden werden musste.
Worte waren… präziser.
Und wenn man sie richtig setzte, trafen sie oft tiefer als jede Klinge und vor allem trafen sie effektiver als alles, was man mit genug Leuten und fehlendem Mut anrichten konnte.

Ihr Blick glitt kurz über das Pergament.
Ein kaum merkliches, müdes Lächeln berührte ihre Lippen.
Sie wusste bereits, wie es aussehen würde. Sehr genau sogar.
Es würde… Berichte geben.
Informationen.
Und verflucht nochmal, sie würde den Barden morgen von Lingor noch vor dem Parkour aus dem Bett holen lassen.

Ein Lied, dachte sie.
Ein sehr gutes Lied.
Eines, bei dem selbst diejenigen, die nicht lachen wollten, es trotzdem tun würden und es erst danach bemerkten.

Die Feder senkte sich und kurz murmelte sie in die Stille der Kommandantur: „Beim nächsten Mal dürfen sie gern kommen, wenn jemand zuhause ist.“
Die Worte blieben im Raum wie ein Nachhall, in dem eine leise Drohung mitschwang.

Und irgendwo im Osten, ohne es zu wissen, hatte gerade jemand begonnen, sich lächerlich zu machen.

Re: Klopf, klopf - Niemand Zuhause...

Verfasst: Mittwoch 18. März 2026, 19:00
von Keylon von Salberg
Zeit ...
Die Fehlte.
Warum hatte Keylon erst zwei Tage vorher erfahren das der Westen zu diesem Zeitpunkt auf La Cabeza weilen würde um einen Tempel zu weihen. Alles was Rang und Namen hatte würde dort sein .
Natürlich wäre der Moment passend gewesen ein zu fallen und vielleicht gar in Düstersee Schaden an zu richten.
Natürlich schrie sein Herz danach diesen Zeitpunkt au zu nutzen. Wenn nicht der Zeitpunkt einfach nicht passte.

Dennoch rief er die Verbündeten zusammen.
Kaluren, Regiment, Geweihte, Mitglieder der Lichtwacht und der Akademie kamen.
Die Thyren selber vermisste er . Der Knappe Nikolai hatte sich darum kümmern sollen, aber vielleicht war es einfach zu Kurzfristig.

Keylon entschuldigte sich .
Entschuldigte, das er seinem Herzen gefolgt war den Moment aus zu nutzen um in den Westen ein zu dringen. Aber er schlug auch vor das, wenn man schon in solch Anzahl beisammen war, gemeinsam etwas Planen könnte.
Düstersee ...
Sein heimlicher Wunsch traf auf genährten Boden ...
Langfristig gab es den Plan diese Stadt an zu greifen. Doch nicht jetzt.
Klar wäre der Moment passend gewesen, aber die Zeit der Vorbereitungen zu Kurz.

Dennoch wollte man etwas unternehmen.
Gregor Grann befreien.
Doch das würde unmöglich sein.
Schließlich kam der Vorschlag ein Wachhaus des Westens an zu gereifen und zu sabotieren.
Schriften Temors da zu lassen...
Die Überlegung jeden Tag etwas zu tun um Granns Freilassung zu erpressen.

Ein Versuch war es allemale Wert.
So verabredete man sich am nächsten Tage sich zu treffen. Nicht in großer Anzahl, denn eine kleinere Truppe würde weniger auffallen.
So traf Keylon sich am nächsten Abend mit den Geweihten und dem Regiment.
Antorius selber war dabei, Hochwürden Leandra, vollgepackt mit Schriften und einer Statue sowie der Herr Oberst, und der Klosterwächter Nathaniel.

Es kam wie es kommen musste.
Man kam ohne Feindkontakt an dem Wachhaus an, und Keylon trat einfach die Tür ein.
Der überraschte Wächter war schnell übermannt. Festgebunden und man drückte ihm Schriften der Temora in die Hände.
Dann verwüstete man das Gebäude.
Hinterließ Schriften und eine Statue Temoras im Inneren, während man draußen ein Symbol Temoras an die Wand zeichnete.
Erst als alles getan war ritt man zurück nur um auf dem Weg einer Wache über dem Weg zu laufen.
Keylon befahl diesem die Waffen zu senken dann würde man ihn laufen lassen, doch der Dummkopft suchte sein Heil im Kampf ...
und fiel.
Keylon blickte noch lange auf den Toten Körper , ,teilweise sogar mit Respekt.
Dummheit das er angegriffen hatte wo doch seine Chancen gleich 0 waren aber er hatte nicht aufgegeben, war mit dem Schwert in der Hand gestorben.
Etwas das Keylon auch für sich selber wünschte... Natürlich nicht in naher Zukunft.
Ein wenig Leben wollte er schon noch, aber dann irgendwann auf diese Weise sein Leben lassen.
Es war ihm ein Graus daran zu denken das er vielleicht ins Alter gekommen , untätig und leidend im Bett zu sterben.

Gemeinsam war man dann zurück geritten.
Klar war das der Westen sich rächen würde..
Man würde darauf warten und weiterhin Zeichen im Westen setzen. Vielleicht vermochte man Gregor doch noch frei zu pressen, doch er selber glaubte nicht daran.
Vielmehr glaubte er das man Gregor gebrochen hatte, oder brechen würde.
Alleine das man beim Austausch ihn im Stich ließ, würde diesem wie ein Verrat vorkommen.
Grann ... war, so war e sich sicher ... Verloren

Jetzt werden wir aufwiegen

Verfasst: Montag 23. März 2026, 15:06
von Jynela Dhara
Der Alarm begann wie alle guten Alarme: zu spät, zu laut und im absolut falschen Moment.

Jynela lief allerdings bereits im Laufschritt gen Stall, als er ein zweites Mal durch die Nacht schnitt, diesmal länger, schriller, als hätte es selbst begriffen, dass Worte hier ohnehin nichts mehr ausrichten konnten.
Der Wind trug den Klang über die Mauern hinweg und brachte ihn direkt zu ihr, zusammen mit dem Geruch von Blut, kaltem Eisen und Entscheidungen, die jemand anders getroffen hatte – und jetzt jemand anderes ausbaden durfte.

„Natürlich“, murmelte sie, während sie die Zügel anzog und ihr Pferd in Bewegung setzte. „Warum sollte heute auch ein ruhiger Abend sein. Das wäre ja beinahe angenehm.“
Die Tore standen bereits offen, Wachen liefen durcheinander, zu viele Stimmen, zu wenig Überblick. Jynela ritt einfach hindurch, ohne jemanden anzusehen. Erfahrung hatte sie gelehrt, dass man in solchen Momenten zwei Arten von Menschen begegnete: denen, die keine Ahnung hatten, was geschah, und denen, die es wussten, aber hofften, jemand anders würde sich darum kümmern.
Sie war, wie so oft, die ungünstige dritte Kategorie.

Kurze Zeit später war der kleine Trupp unterwegs.

Die Spur war nicht schwer zu finden. Tote Wachen hatten die unangenehme Eigenschaft, liegen zu bleiben und Blut war selten diskret, wenn es einmal beschlossen hatte, im großen Stil aufzutreten.

Nur waren es zu viele.

Der erste Körper lag noch halb an die Mauer gelehnt, als würde er eine Pause machen, die ihm niemand genehmigt hatte. Jynela registrierte ihn im Vorbeireiten mit einem kurzen Blick nicht lange genug, um stehen zu bleiben, aber lang genug, um ihn zu erkennen. Einer von den Neuen. Leto Armin. Er hatte die Angewohnheit gehabt, Fragen zu stellen, bevor er handelte. Sie hatte ihm das abtrainieren wollen. Offenbar war ihr die Zeit davon gelaufen.

Sie ritt weiter.

Der zweite lag im Gras, unordentlich, als hätte man ihn einfach fallen lassen, nachdem er seinen Zweck erfüllt hatte, was, wie Jynela mit einem schmalen Zug um den Mund feststellte, vermutlich genau der Fall gewesen war. Branik Feld. Sie kannte auch ihn. Nicht gut. Aber gut genug, um zu wissen, dass er zuverlässig gewesen war. Einer von denen, die man nachts einteilt, ohne noch einmal darüber nachdenken zu müssen.

Ein dritter. Hargen Tol

Ein vierter. Jorin Hall

Mit jedem weiteren Körper wurde die Spur deutlicher, breiter, unausweichlicher. Und mit jedem einzelnen wurde es ein kleines bisschen stiller in ihr.
Nicht nach außen hin.
Nach außen war sie wie immer: aufrecht im Sattel, der Blick wach, die Bewegungen kontrolliert. Wer sie jetzt gesehen hätte, hätte vielleicht gedacht, sie würde einfach nur eine Lage einschätzen.

In Wahrheit zählte sie.

Zählte Gesichter.
Namen.
Fehler.

Jynelas Finger zogen sich einen Moment fester um die Zügel, gerade lange genug, um das Leder knarren zu lassen. Dann ließ sie wieder locker, als wäre nichts gewesen.
Ein weiterer Körper, halb im Schatten, halb im Mondlicht. Marek Venn. Er hatte ihr einmal widersprochen, laut und öffentlich. Sie hatte ihn dafür respektiert. Später hatte sie ihn befördert.

Jetzt lag er still.
Es waren zu viele.

Zu viele, um sie als Zufall abzutun.
Zu viele, um sie als unvermeidlich hinzunehmen.
Und ganz sicher zu viele, um sie zu ignorieren.

Irgendwo tief unter der Oberfläche, dort, wo sie Dinge ablegte, die im falschen Moment gefährlich werden konnten, begann sich etwas zu regen. Kein lauter Zorn, kein unkontrolliertes Aufflammen – Jynela war nicht der Typ für solche Unachtsamkeiten.
Es war kälter als das.
Präziser.

Mit jeder Leiche, an der sie vorbeiritt, fügte sich ein weiteres kleines, scharfkantiges Stück an seinen Platz. Kein Ausbruch, sondern eine Entscheidung, die Form annahm.

Als sie schließlich den letzten Körper hinter sich ließ und die Spur in die offene Dunkelheit hinausführte, atmete sie einmal ruhig ein.
Wer sie jetzt gesehen hätte, hätte nichts Auffälliges bemerkt.
Genau das war das Problem.

Die Schreie kamen aus Grenzwarth.

Dort stand der Feind, ihre Rüstungen bereits von dem durchtränkt, was sie offenbar für eine überzeugende Argumentationsstrategie hielten.
Nicht angespannt, nicht nervös – eher mit der gelassenen Selbstverständlichkeit von Männern, die glaubten, die Regeln wären nicht für sie geschrieben, sondern nur für alle anderen. Als hätte man sie bei etwas Unangenehmem unterbrochen. Zum Beispiel beim Töten von Menschen, die ihren Dienst taten.

Salberg. Zweimal. Sie kannte sie beide aus Berchgard.
Der einäugiger Priester stand etwas versetzt und rief: „Feind!“, mehr der Form halber als aus echter Überraschung.
Sie wusste, dass Edora neben ihr war. Darios hielt sich leicht hinter ihr, der Blick ging immer wieder nach hinten, zur Seite, über die dunklen Höfe hinweg. Wachsam. Ruhig. Bereit.

„Das reicht…“, kam es knapp von Jynela, während sie ihr Pferd ein paar Schritte näher treten ließ. Ihre Stimme war rau und gefährlich ruhig, sie hatte sich alle Mühe gegeben, den Zorn und die Wut über das Geschehene daraus zu verbannen.

Keylon von Salberg nahm tatsächlich den Helm ab, als würde er zu einem Empfang erscheinen und nicht zu einem Schlachtfeld.
„Ah, die Dame Jynela.“
Dame. Wenn sie etwas nicht war, dann sicherlich das.

„Wird das nun der neue Zeitvertreib im Osten?“

Der Priester verzog den Mund zu etwas, das vielleicht ein Lächeln sein sollte. „Das wird so lange unser Zeitvertreib, bis wir unseren Klosterwächter wieder haben.“
Jynela sah ihn einen Moment lang einfach nur an, dann wieder zu Keylon. Grann. Wieder einmal Grann.
„Dann gebe ich euch einen guten Rat.“
Sie ließ eine kurze Pause, gerade lang genug, dass man sie hörte.
„Nehmt euch ein Beispiel an euren Kronrittern… zumindest jenen, die noch mehr im Hirn haben und versucht es mal mit etwas, was nicht schlicht eine brutale Antwort unsererseits sein wird.“

Keylon legte leicht den Kopf schief, als würde er überlegen, ob er sich beleidigt fühlen sollte oder nicht.
„Ihr wollt Grann?“, fuhr Jynela fort, die Stimme nun gedehnt, langsam, fast freundlich.
„Wie wäre es mit einem… Bitte?“
Keylon lachte. Kurz, trocken.
„Als ob das bei euch Wirkung hätte.“

Der Priester schnaubte leise.
„Haben wir Bitte sagen müssen, damit ihr ihn entführt?“

„Das hat er selbst, in dem er angriff. Führt zu Verhaftung. Als guter Soldat wüsstet ihr das… Immerhin nicht sein Tod? Das nennt man dann wohl… Mitgefühl? In euren ach so wichtigen Tugenden.“
Der Priester war es, der wieder die Antwort suchte: “Ich habe in meiner Zeit als Feldgeweihter Dutzende Regimentler beerdigt, die euresgleichen niedergemetzelt hat. Hört mir auf mit eurer falschen Moralpredigt.“

Jynela sah ihn lange an. Dann sagte sie sehr ruhig:
„Es werden demnächst mehr werden… das verspreche ich euch hiermit.“
Ein Windstoß fuhr zwischen sie, zerrte an Mänteln und Schweigen.
„Und noch immer höre ich keine Bitte. Kein Verhandeln um sein Leben. Nicht einmal die schlichte Anfrage… ihn herauszugeben?“

„Ihr habt die Forderung erhalten“, sagte der Priester kühl. „Das muss genügen.“
Keylon zuckte leicht mit den Schultern.
„Es würde doch nur auf taube Ohren stoßen.“

Jynela nickte langsam, als hätte sie genau diese Antwort erwartet.
„Mit wie vielen Toten? Wir werden leider aufwiegen müssen. Und dann…“
Sie zog den Handschuh ein Stück fester.
„Erwartet unsere Antwort.“
Sie sah die beiden noch einen Moment lang an.

„Und jetzt… reitet besser um euer Leben…“


Und dann nickte sie leicht zur Seite.
Eine kurze Bewegung ihrer Hand und das schlichte Wort, nicht gebrüllt, nicht einmal sonderlich laut:„Angriff.“
Der Befehl fiel knapp, sachlich, wie etwas, das längst entschieden war.
Sie hatte keine Geduld mehr. Jynelas Bewegungen waren präzise, beinahe nüchtern, als würde sie eine Aufgabe erledigen, die nur zu lange aufgeschoben worden war. Sie zog den Bogen, spannte, ließ los.

Keylon brach zuerst aus dem Sattel.
Berengur wehrte sich eine Weile länger, doch auch er musste am Ende aufgeben.

Für einen Moment lag nur das Schnauben der Pferde und das Geräusch von Stahl auf Boden in der Luft. Dann Bewegung, hastig, ungeordnet.
Rückzug.
Jynela senkte den Bogen nicht sofort. Ihr Blick blieb auf ihnen, bis sie in der Dunkelheit verschwanden, als könnte sie allein durch Hinsehen verhindern, dass sie diesen Abend überlebten.
Erst dann atmete sie langsam aus.
„Flucht“, murmelte sie. „Dann eben später.“

Sie drehte ihr Pferd herum.
Hinter ihr lagen die Toten.
Irgendwo vor ihr die Mauern von Adoran.
Und dazwischen ein Krieg, der gerade erst beschlossen hatte, persönlich zu werden.
Und mit ihm kam eine Entscheidung, die sie bereits getroffen hatte, lange bevor die beiden überhaupt auf die Idee gekommen waren, klüger zu handeln und das Weite zu suchen.
Rache war kein besonders edles Motiv. Aber sie hatte den Vorteil, dass sie selten Missverständnisse hinterließ.
Und Jynela hasste Missverständnisse.
„Grann“, sagte sie leise vor sich hin, während sie zurückritt. „Ihr hättet einfach fragen können.“
Ein kurzer, humorloser Atemzug entwich ihr. Sie drohte nicht, sie stellte fest:
„Jetzt werden wir aufwiegen.“


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Von der Rache

Verfasst: Montag 23. März 2026, 18:11
von Lioras Ylais
Er war in Düstersee, als es passierte. Die Spätschicht kaum beendet, seine Ablöse gerade erst auf dem Posten, den er in den vergangenen Stunden besetzt hatte. Hatte sich sein 38-jähriger Körper Anfang des Jahres noch daran gewöhnt, still zu stehen, während in ihm drin alles nach Bewegung schrie, so weigerte er sich jetzt, wo er sich mindestens zehn Jahre älter fühlte, sich zu bewegen, während in ihm drin nach wie vor alles darauf drängte. Lioras kannte das. Er kannte sich. So war er schon immer gewesen. Ein Zappelphilipp, wie ihn tadelnde Ältere nannten. Ein Unruhestifter in den Augen Gleichaltriger. Wie der Wind, wenn man Leona gefragt hatte. Immer in Bewegung ... Mal leise, mal laut. Mal sanft, mal rau. Unvorhersehbar. Unterschätzt von jenen, die das Wetter - die Zeichen - nicht zu lesen wussten. Unaufhaltsam im Angesicht von Widerstand und überraschend verheerend, wenn er sich drehte. Lioras war kein schwerfälliges Schiff, das seine Zeit brauchte, um zu wenden. Er war wendig, doch nie orientierungslos. Zielgerichtet, ohne starr zu sein. Erst mit den Jahren hatte er begriffen, was Leona gemeint hatte. Hatte erst erfahren müssen, dass er nicht bloß die Fahne im Wind war. Er entschied, in welche Richtung er ging, worauf sich sein ganzes Sein ausrichtete. Wenn er heute die Richtung änderte, dann nicht aus Wankelmut, sondern aus Entschlossenheit, getragen von Überzeugungen, die schon immer größer als er selbst gewesen waren. Wenn er heute die Richtung wechselte, dann weil er erkannte, dass es Zeit war. Dass es verdammt noch mal notwendig war.

Seine Heimkehr in dieser Nacht war einer dieser Momente. Grenzwarths Umgebung lag zu still in der Dunkelheit. Es war diese Stille, die schwer wog und mehr lärmte als jeder Krach es vermochte. Lioras' Körper verstand, bevor sein Geist es greifen konnte. Unzählige Fußspuren und Hufabdrücke im matschigen Boden. Im Licht aus Fackeln, Mond und Sternen schimmerten einige Stellen rötlich. Blut. Schon wieder. Das Blut seiner Kameraden. Sie hatten gekämpft und da Kameraden auf den Posten standen, die hier nicht stehen sollten ... da sie ihn finster, obgleich nicht feindlich anstarrten, konnte das nur eines bedeuten: Die, die eigentlich hätten hier stehen müssen, konnten es nicht mehr. Und Lioras musste nicht fragen, was daran schuld war. Er wusste, wer es war. Gesichter waren ihm egal. Er brauchte keine Namen. Nur eine Gelegenheit. Doch vorher ... Gewissheit. Und so führte ihn sein Weg nicht in Richtung des eigenen Hauses. Nicht ins trockene, warme Bett, nach dem sein erschöpfter Körper sich so sehnte. Er wendete den Rappen unter sich und preschte die Straße, die er gerade erst gekommen war, gleich wieder hoch. Vorbei an Düstersee. Vorbei an den Höfen. Erst am Haupttor zügelte er sein schnaubendes Ross, stieg ab und übergab das schweißgebadete Tier dem Stalljungen.
Er stellte einem hiesigen Kameraden wenige Fragen. Zielgerichtete Worte. Keines mehr als gerade nötig.
Ein Zeichen.
Er ging weiter stadteinwärts. Lud sich selbst ein in ein Haus, das nicht das seine war.
Ein weiteres.
Er ließ besorgt schlafen, statt neugierig zu fragen.
Noch eins.
In einem anderen Haus ging er sicher, dass alles so war, wie er es kannte und als er erneut in Grenzwarth - in seinem Haus - angekomen war, legte er schließlich seine Rüsttasche näher als üblich ans Bett.
Ein letztes.

Der Wind hatte sich gedreht. Aus dem vertrauten Säuseln einer lauen Herbstbrise, die buntes Laub aufwirbelte und es mit Leichtigkeit unterm grauen Himmel tanzen ließ, war ein sich zusammenbrauender Sturm geworden. Er war wie das Grollen, das eine gewaltige Regenfront vor sich her schob. Noch war die Luft still, aber in ihr lag eine Spannung, die sich kaum in Worte fassen ließ. Die Temperatur fiel ab. Der Geruch wurde erdiger. Und es war, als wartete der Trabant selbst darauf, wo sich dieser Sturm entladen würde.
Wer ihn am nächsten Tag erlebte, der sah nur die altgewohnte Präsenz. Leibhaftig gewordene Selbstverständlichkeit. Schritte, die selbst im Wanken des zu schnell voranschreitenden Alters noch wie Teile einer Choreografie wirkten. Ein Körper, der entgegen allen Zitterns aufrecht stand. Doch seine Stimme war verstummt, sprach kein nicht gefordertes Wort, und sein Blick war nicht ruhig wie sonst. Er war alles andere als das. Wer es nicht sehen wollte, der konnte es auf den Fluch schieben. Auch ein Barde wurde wohl mal müde. Aber wer ihn kannte, der sah, dass das Nachtblau seiner Iriden sich verdunkelt hatte. Dass es fast schwarz wirkte und dass darin eine Tiefe lag, die weit über das hinaus ging, was er sonst im Vertrauen preisgab. Wer sehen wollte, der hörte das Grollen. Der spürte die Kälte und der roch, dass sich etwas in Lioras festgesetzt hatte, das mit aller Gewalt von ihm geerdet wurde. Keine Rage, kein blinder Hass, sondern gebündelter Zorn. Eine Macht, die es schaffte, wenigstens für einen kurzen Moment die Schwäche des Körpers zu überwinden und dem Zwangsrasteneden ein Ziel zu geben, für das es sich lohnte, weiterzugehen, obwohl dieses Weitergehen Grenzen ignorierte, die der Körper nachdrücklich aufwies. Zorn, der auf ein klares Ziel ausgerichtet war: Rache.

Verfasst: Montag 23. März 2026, 23:13
von Jynela Dhara
Das Haus war still, wie es das oft war, wenn Jynela spät zurückkehrte.
Nur eine einzelne Kerze brannte auf dem Tisch, daneben das Pergament, das ihr der Barde gegeben hatte. Sie hatte es unterwegs gelesen, noch einmal und noch einmal, als würde sich der Text verändern, wenn man ihn lange genug ansah.
Tat er nicht. Er war gut. Er war so verdammt gut!
Sie setzte sich, nahm die Feder zur Hand und blieb einen Moment regungslos, die Spitze über dem Pergament, ohne es zu berühren. Dann begann sie zu schreiben. Kein Zögern mehr, keine Korrekturen. Klare und für ihre Verhältnisse sehr saubere Schrift. Ein zusätzlicher Text unter dem Gedicht, wenige Zeilen nur, aber deutlich genug, dass niemand behaupten konnte, er hätte es nicht verstanden.
Als sie fertig war, ließ sie die Tinte trocknen, rollte das Pergament zusammen und band ein schlichtes Band darum.
Am nächsten Morgen ging das Original an die Druckerei.
Nicht offiziell.
Nicht mit Siegel.
Aber mit Geld.
Viele Abschriften würden es werden. Sehr viele. Zu diesem Zeitpunkt wusste sie noch nicht, dass sie zum perfekten Moment in ihre Hände geraten würden.
Einige Tage später lagen die fertigen Pergamente ordentlich gestapelt vor ihr. Jynela betrachtete sie kurz, dann nahm sie den obersten Stapel und reichte ihn wortlos weiter.
„Adoran“, sagte sie nur. „Nachts. Keine Unruhe. Keine Spuren.
Bänke. Briefkästen. Türen. Dort, wo man es findet, aber nicht sieht, wer es hingelegt hat.“
Es wurde genickt. Hier unten in diesem Raum waren keine Fragen nötig.
Und in Adoran, wenn die Lichter langsam ausgingen und die Straßen leer wurden, begannen sie sich zu bewegen.
Ein Pergament auf einer Bank. Eines unter einer Tür. Eines zwischen zwei Rechnungen in einem Briefkasten. Eines auf den Stufen eines Hauses. Ein paar am Hafen.
Eines auf einem Markttisch, früh am Morgen, wenn noch niemand hinsah.
Keine Unterschrift.
Nur Worte.
Und Worte konnten manchmal mehr Unruhe stiften als Schwerter.
Jynela war sich dessen sehr bewusst. Aber das war erst der Anfang.



Wer eilet des Nachts durch Feld und Wald?
Es ist der Osten, der kommet bald.
Sein Schritt ist blechern, er ist so laut,
Dass selbst im Dunkeln er kaum sich traut.


Oh, Freund, sag, kennst du die Geschichte nicht?
Vom Osten mit dem falschen Gesicht?
Der Turmwächter, er sah es klar:
Der Feind, der ist gar sonderbar.


Sie reden von Mut und von Ehr‘,
Doch Tugend gelebt, das fällt ihn‘ schwer;
Kaum geistreich verkünden sie ihr Wort,
Nur zur Deko, scheint’s, ist des Wissens Hort.


Mitgefühl und Güte, sie predigen viel,
Denn sie verfolgen ein perfides Spiel.
Doch kaum, dass du auf sie baust,
Merkst du schnell, dass du den Falschen traust.


Weil in deiner Not, du stehst allein.
Keiner ihrer Schilde wird für dich sein.
Keiner ihrer Richter wird dich verschon‘.
Fragen und Kritik begegnen sie mit Hohn.


Warten aufs Dunkel, den Tag fürchten sie –
Und das als Lichtbringer, welch Ironie!
So Freund, mein Freund, sei hiermit gewarnt:
Dass Hochmut sich hinter Demut bloß tarnt.


Narren nur nähren tödlichen Zwist.
Deppen bloß wissen nicht, wann Ende ist.
Gleich nicht nur ihre ‚hohen‘ Namen,
Sie ignorier’n erneut unser Mahnen.


Als würden zwei Morde nicht reichen,
Als gelüste es ihnen nach Leichen,
Dringen sie nachts ein in unser Land
Und nehmen Leben durch eigene Hand


Bis geschlagen sie zusammenbrachen
Und lagen in ihren Blutlachen.
Rein gar nichts ist tugendhaft daran,
Doch werden sie sagen, dass sie gewann’n.


Sie rügen die Lüge, doch meiden die Wahrheit,
Lieben die Ordnung, doch fehlt es an Klarheit,
Sie leben in Gruppen, sprechen von Einheit,
Haltung fehlt, zeigen nur Feigheit.


Die Tat vollbracht, flieh’n sie geschwind,
Denn sie ertragen keinen Gegenwind.
Spielen sich auf wie große Krieger,
Doch so schnell kommen sie nicht wieder.


Ach Freund, mein Rat ist gut gemeint:
Der Feind ist nur tapfer, bis einer weint.
Darum lausche nicht ihren Worten,
Denn Dummheit gibt’s in vielen Sorten.
Folge besser dem All-Einen,
Oh, denn ER wird uns alle vereinen.
Die, die in seinem Namen streiten
Und sein Wort auf der Welt verbreiten.

Die, die den Aufwand nicht meiden
Und bei ein wenig Schmerz nicht gleich leiden.
Die, die stets nach Perfektion streben
Und die führen ein frommes Leben.


Namen sind das, was übrig bleibt, wenn der Lärm verstummt ist.
Merkt sie euch gut.

Das sind die Namen der Toten:


Hargen Tol

Branik Feld

Leto Armin

Marek Venn

Jorin Hal



Diese Männer starben nicht im Krieg.
Sie starben im Dienst.
Sie starben aus Rachsucht, aus niederem Trieb.
Aus Gelüsten, die es in euren Tugenden niemals geben dürfte
Nachts.
Im Dunkel.
Durch die Hand eurer Obrigkeit.

Weihe und Ritterschlag schützen vor Verfehlung nicht.
Sie schmücken bloß, was im Verborgenen vor sich hin rottet.
Fäulnis, die denen, die wahrlich aufrecht stehen nimmt, was ihnen selbst verwehrt bleibt:
Ehre, Tapferkeit und Sinn.

Rahal vergisst nicht.

Wir zählen.

Re: Klopf, klopf - Niemand Zuhause...

Verfasst: Dienstag 24. März 2026, 02:46
von Leandra Kalveron
Die Nacht lag schwer über dem Kloster, als Leandra noch immer in der Heilstube verweilte. Die Kerzen waren weit heruntergebrannt, ihr flackerndes Licht warf unruhige Schatten an die steinernen Wände, als wollten sie selbst vor dem Anblick zurückweichen, der sich in der Mitte des Raumes bot. Vor ihr lag der Körper eines Mannes in der Montur der Klosterwache, reglos, still, beinahe friedlich… wäre da nicht das Gesicht gewesen. Verbrannt, entstellt, seiner Züge beraubt, als hätte etwas ihm nicht nur das Leben, sondern auch die letzte Würde genommen.

Der Abend hatte schon unruhig begonnen mit der Nachricht von dem Toten war etwas ins Wanken geraten, das sich nicht mehr so einfach aufrichten ließ. Es war nicht nur ein weiterer Verlust gewesen. Es war ein Zeichen.
Als Sir von Salberg zu ihr trat, lag in seinem Blick eine Schwere, die er kaum zu verbergen vermochte. Seine Worte klangen weniger wie ein Bericht und mehr wie ein Geständnis. Sie seien im Westen gewesen, hätten sich dem Feind gestellt. Ein Vorstoß, vielleicht notwendig, vielleicht voreilig, doch in seinen Worten lag die unausgesprochene Wahrheit: Man hatte ins Wespennest gestochen. Und nun… kam die Antwort.
Ohne viele Umschweife hatte er ihr den Zettel gereicht.
Leandra hatte ihn genommen, fast mechanisch. Sie hatte nicht gefragt, woher er kam, sie wusste nicht einmal mehr ob der Kronritter es erwähnte. Doch als ihr Blick über die ersten Zeilen glitt, begann sich die Welt vor ihren Augen zu verändern. Die Schrift löste sich auf, verschob sich, verdoppelte sich, als hätte sie einen eigenen Willen. Buchstaben verschwammen, Zeilen liefen ineinander, und sie musste blinzeln, immer wieder, als könnte sie die Klarheit zurückzwingen.

Fassung wahren.
Der Gedanke kam sofort, scharf und vertraut, wie ein eingeübtes Gebet. Fassung wahren. Sie war Priesterin. Sie war eine Dienerin des Lichts. Sie durfte nicht schwanken. Doch es wurde schwer.

Ihre Finger zitterten leicht, während sie versuchte, die Worte zu greifen, sie festzuhalten, ihnen Sinn zu geben. Sie rang innerlich nach der Stärke, die sie sonst so selbstverständlich fand. Sie wollte sprechen, wollte sagen, dass dies ein Kampf sei, den sie bestehen müssten. Dass niemand zurückgelassen werde. Dass es keine Option sei, zu verzagen.
Doch die Worte formten sich nicht wie sonst. Sie klangen hohl in ihrem eigenen Kopf.

Und die Kälte…
Sie war da, seit… sie wusste es nicht einmal genau. Während andere längst ihre Mäntel abgelegt hatten, stand sie noch immer mit dem Schal um die Schultern, eng gezogen, als könne sie sich damit gegen etwas Unsichtbares schützen. Doch es half nicht. Die Kälte saß nicht auf ihrer Haut. Sie kroch durch ihre Glieder.

Erneut zwang sie sich, den Blick auf den Zettel zu richten. Diesmal blieben die Worte länger bestehen.
Von nächtlichen Angriffen war die Rede. Von Mord, von Grausamkeit, verurteilt in klaren, harten Worten. Doch je weiter sie las, desto mehr verzog sich etwas in ihr. Denn in diesen Zeilen… lag ein Hohn. Das die Mission einen Grund hat, den der Westen einfach lösen konnte, dazu gab es kein Wort. Zunehmend regte sich etwas in ihr.
Sie überflog den Rest nur noch, nahm kaum wahr, was genau dort stand und doch hinterließ es ein Gefühl, das sich wie ein Schatten in ihr ausbreitete. Wut regte sich in ihr, leise zuerst, dann stärker, heißer, ein Gegensatz zu der Kälte, die sie gleichzeitig durchdrang.
Plötzlich wandte sie sich ab und ließ die kleine Gruppe zurück.

Mit einem scharfen Ruck öffnete sie die Tür der Heilstube, als wolle sie sich selbst zwingen, weiterzugehen, sich dem zu stellen, was auch immer dort wartete. Für einen Moment verharrte sie so, die Hand noch am Holz, der Blick nach vorn gerichtet.
Doch dann…
Ein Atemzug.
Langsam, gewohnt sanft, Schloss sie die Tür wieder. Eine Gestalt die direkt in den Weg sprang.

....

Ein paar Minuten später durchbrach ein Ruf die Nacht.
„Wache!“
Er hallte durch die Gänge und kurz darauf folgten Schritte. Rüstungen klirrten, Stimmen wurden laut, Befehle wurden gegeben. Die Ruhe des Klosters zerbrach, als hätte jemand einen Stein in stilles Wasser geworfen.

Wenig später verließ das Regiment das Kloster. Die Atmosphäre war angespannt. Wie der Anfang von etwas anderem.


Weiterhin saß Leandra dort, die ganze Nacht lang. Die Kälte blieb in ihr. Mit der keimenden Erkenntnis, dass der Westen nicht nur jemanden ermordete, sondern auch seine Saat verbreitete.
War es das alles wirklich wert? Nicht Gregor, der war es Wert.
Sondern… diese andere Sache… von der noch niemand so wirklich wusste, außer ein paar Einzelne.

Bild

Re: Klopf, klopf - Niemand Zuhause...

Verfasst: Dienstag 24. März 2026, 12:21
von Leandra Kalveron

Mit tiefen Augenringen trat die Priesterin am späten Morgen wieder hinaus aus der Klosterheilstube, schon alleine an ihrer Gewandung war zu sehen, dass sie wohl auf dem Boden nächtigte, überall kleine Reste von dem Arbeitsalltag einer Heilstube die an diesem sonst so penibel sauber gehaltenem Schmuckwerk der Priesterin hingen. Es wirkte so, als wäre sie wohl am Bett des Toten eingeschlafen. Einige Zeit lang verblieb Leandra vor der Tür der Heilstube und lenkte den Blick über das klare Himmelsbild und dem darunter liegenden Schwingenstein, bis ihr Augenmerk dann schließlich auf Wendla stieß, die wie gewohnt direkt an den Klostertreppen ihre Wache vollübte. Es folgten nur kurze, müde und merklich erschöpfte Worte, doch die Anweisung an die Klosterwache war klar:

"Der Leichnam wird noch in der Heilstube verbleiben und nicht wegbewegt, von niemanden, bis die Splittlerin dies freigibt. Ausserdem wird die Heilstube für Gäste und Besucher für diesen Zeitraum gesperrt."
Schon fast im davontrotten wurde der Klosterwächterin noch entgegnet, damit diese mögliche Gründe anführen kann:
"Wir müssen sicherstellen dass ihm nichts anhaftet, was noch weitere schädigen könnte. Wir brauchen zusätzlich einen Bericht, wie sie die Leiche hier abgeladen haben und wer es war."
Wendla wirkte beunruhigt und die Frage auf den Lippen brannte wohl, ob es Gregor war. Nun bereits völlig abgewandt nur leise, deprimierte Worte:
"Ich weiß es nicht."

Wir zählen...

Verfasst: Dienstag 24. März 2026, 12:37
von Jynela Dhara
Der Abend begann mit Stille.

Nicht mit der angenehmen Stille, die man hat, wenn alles gut ist, sondern mit der Sorte Stille, die entsteht, wenn jeder im Raum weiß, dass gleich jemand Namen sagen wird.
Und dass diese Namen nicht antworten werden.
Und Namen haben in der Garde Gewicht, denn Namen sind keine einfachen Worte. Namen sind Gesichter, Stimmen, schmutzige Witze am Feuer, kaputte Riemen, geliehene Messer, geteiltes Brot, verlorene Würfelspiele und Männer, die man gestern noch gesehen hat und heute nicht mehr sehen wird.

Als Jynela den Raum betrat, war es weiterhin still, aber es war keine unsichere Stille. Es war die Stille von Soldaten, die warten, bis jemand sagt, was gesagt werden muss, damit man endlich anfangen kann zu handeln.

Sie stellte sich nicht hinter den Tisch. Sie ging ein paar Schritte in den Raum hinein, sah jeden einmal an, wirklich jeden, nicht als Gruppe, sondern als Menschen, als Kameraden, als diejenigen, die heute Nacht mit ihr reiten würden und hob dann die Hand zum Salut.

„Macht und Stärke, Kameraden.“

Die Antworten kamen ruhig und fest. Das hier war keine Bühne. Das hier war Arbeit.
Sie ließ sich Zeit. Nicht viel, aber genug, dass jeder verstand: Das hier ist kein normaler Einsatz.

„Gut“, sagte sie dann. „Ich werde nicht drum herum reden.“

Und dann nannte sie die Namen.

Hargen.
Branik.
Leto.
Marek.
Jorin.


Sie sprach sie nicht laut.
Aber sie sprach sie so, dass jeder im Raum sie hörte und dass jeder wusste, dass diese Namen jetzt im Raum standen wie unsichtbare Männer, die sich mit an den Tisch gesetzt hatten.
„Sie sind nicht in der Schlacht gefallen“,sagte sie ruhig. „Sondern im Dienst. Wieder im Dunkeln. Hinterrücks.“
Ihre Stimme veränderte sich kaum, aber etwas in ihr wurde härter, kälter, klarer.
„Das ist der Unterschied, den wir heute Nacht klären werden. Und… korrigieren.“

Sie versprach ihnen keinen Sieg. Sie versprach ihnen keinen Ruhm. Sie versprach ihnen nicht einmal, dass sie alle zurückkommen würden. Jynela war nicht dumm genug, solche Versprechen zu machen.
Aber sie versprach ihnen etwas anderes.
„Ich kann euch versprechen, dass keiner der Kameraden jemals vergessen wird.“

Dann legte sie den Plan auf den Tisch und mit jedem Satz wurde klarer, dass das hier kein Rachefeldzug war, kein blindes Draufschlagen, sondern etwas anderes – etwas, das länger wirken sollte als ein einzelner Kampf.
Sie würden eine Leiche besorgen.
Sie würden diese Leiche zu Grann machen.
Sie würden sie vor dem Kloster ablegen.
Sie würden eine Wache holen.
Sie würden Zettel verteilen.
Und am nächsten Morgen würde der Osten wissen, dass Rahal nicht vergisst, nicht verzeiht und vor allem nicht schweigend zusieht, wie Einzelne im Namen der Tugenden, die sie predigten, vollkommen ehrlos handelten.
„Wir werden ein Zeichen setzen“, sagte sie. „Und dieses Zeichen wird bleiben.“



~~~******~~~



Wenig später brach die Garde von Rahal, die Legion Alatars auf.

Der Angriff auf das Banditenlager war schnell und hart, so wie solche Dinge sein müssen, wenn man keine Zeit hat und keine Zeugen will.
Es war kein schöner Kampf. Es war kein ehrenvoller Kampf. Es war ein notwendiger Kampf.
Stahl und Pfeile im Dunkeln. Kurze Befehle. Ein Schrei. Dann noch einer. Dann nur noch das Knacken von Feuer und das schwere Atmen von Männern und Frauen, die gerade jemanden getötet haben und trotzdem weiter funktionieren müssen, weil die Arbeit noch nicht vorbei ist.
„Alle. Keine Zeugen“, hatte Jynela gesagt.

Und danach standen sie zwischen Rauch, Blut und umgeworfenen Kisten und suchten einen Toten, der einem Gefangenen ähnlich sehen sollte.

Das Kloster hatte Grann gefordert.
Sie wollten ihren Klosterwächter zurück.
Doch Jynelas Worte dazu waren von Anfang an klar gewesen, ruhig gesprochen, ohne Zorn, ohne Zweifel und vielleicht gerade deshalb so endgültig:
Grann hatte sich Alatar zugewandt. Er hatte sich entschieden. Und mit dieser Entscheidung gehörte er nicht mehr ihnen, nicht mehr dem Kloster, nicht mehr seinem alten Leben. Er gehörte dem Einen.
Und über das, was dem Einen gehörte, hatte niemand außer ihm selbst zu richten.
Sie hatten also kein Recht, über Grann zu verfügen.
Aber sie konnten dem Kloster etwas anderes schicken.
Ein Zeichen.
Das Zeichen, dass sie das zurückbekamen, was von dem Temoragläubigen aus den Reihen der Klosterwache übrig geblieben war: eine verbrannte Leiche in ihrem Wappenrock.
Nicht aus Grausamkeit.
Nicht aus Spott.
Sondern als Antwort.

Denn nichts zeigte deutlicher, wessen Hand stärker war, wessen Wille weiter reichte und wessen Glaube nicht im Flüstern, sondern im Handeln bestand, als das, was sie in dieser Nacht taten.
Das Kloster würde dieses Zeichen erkennen.
Auch wenn sie es vermutlich niemals laut aussprechen würden. Sie waren geübt darin, Wahrheiten zu übersehen, wenn sie nicht in ihre Ordnung passten. Und noch geübter darin, so zu tun, als wäre genau das Frömmigkeit.

Es war eine dieser Aufgaben, bei denen man sich, wenn man zu lange darüber nachdenkt, fragt, wann genau das eigene Leben so geworden ist.
Sie fanden einen.
Langhaarig. Statur passend. Größe passend.
„Die Haare sind wichtig“, sagte Jynela ruhig. „Sehr wichtig.“
Christine arbeitete an der Leiche mit einer Ruhe, die fast unheimlich war. Aber genau das war, was man in solchen Momenten brauchte: jemanden, der nicht zittert, nicht wegschaut, nicht moralisch wird, sondern einfach seine Arbeit macht.
Hände wurden zerstört. Bart gestutzt. Jene Teile in Wasser getränkt, die nicht so schnell verbrennen sollten, die man noch erkennen dufte. Bei anderen, die sie unkenntliche haben wollten, wurde Öl aufgetragen. Kleidung wurde angekohlt.

Niemand sprach viel. Lingor sah einmal weg und rieb sich mit der Hand über den Nacken, als das Knacken von Knochen zu hören war. Darios sagte nichts, aber seine Kiefer mahlten langsam. Lioras stand still wie ein Baum. Die Augen wach, die Umgebung im Blick, immer halb Wache, selbst hier.

Dann kam das Feuer.

Sie legten die Leiche hinein, ließen sie brennen, zählten die Zeit, löschten sie wieder. Es ging nicht darum, sie komplett zu verbrennen. Es ging darum, dass sie verbrannt aussah.
Als die Flammen zischend starben und Rauch aufstieg, stand Jynela einfach nur da und sah hinein. Und wer sie kannte wusste, dass sie in diesem Moment nicht die Leiche sah.

Sie sah Hargen.
Branik.
Leto.
Marek.
Jorin.

Und sie sah noch mehr aus ihrer Vergangenheit, aus ihrem Leben. Dinge die sie nie vergessen würde, die sie mit diesem Geruch verband. Erinnerungen, die sie zu der gemacht hatten, die sie nun war.
Dann nickte sie einmal.
„Gut. Das war der erste Teil. Nun zählt Zeit.“



~~~******~~~



Am Waldrand, nicht weit vom Kloster entfernt, hielt Jynela an und wiederholte den letzten Teil des Plans.
Hier trennte sich die Gruppe.
Sie selbst würde mit Darios, Lingor und Lioras die Leiche zum Kloster bringen und dort ablegen.
Die andere Gruppe, Avani, Maralea und Christine, bekam den anderen Auftrag: eine Wache des Regiments entführen. Lebend. Schnell. Sauber. Sie wussten alle, dass das wohl einen Alarm mit sich bringen würde, sie nahmen es sogar mit voller Absicht in Kauf.
Jynela sah die drei nacheinander an und es war kein Zweifel in ihrem Blick, sondern Vertrauen.
„Schlag auf den Kopf, runter vom Pferd, aufs Pferd heben, mitnehmen. Nicht rumtun“, sagte sie. „Ihr habt nur Sekunden.“
Avani nickte nur kurz. Maralea zog die Handschuhe fester. Christine überprüfte noch einmal die Seile.
Dann trennten sie sich.



~~~******~~~



Währenddessen ritt Lingor offen die Straße entlang, die Leiche über dem Pferd, eingewickelt in Tücher, die verbliebenen Haare sichtbar, genau so, dass man sie sehen würde. Lioras ging zu Fuß neben ihm, scheinbar ruhig, aber mit diesem Blick, der jeden Schatten prüft.
Jynela, Darios und Edora bewegten sich parallel im Wald, unsichtbar, schnell, bereit einzugreifen, falls etwas schiefging und dazu zu stoßen, wenn sie gebraucht wurden.

Am Kloster angekommen, ging alles schnell.
Die Leiche wurde abgeladen.
Der angekohlte Hut fiel daneben. Einige Pergamente folgten, manche davon offen, einige so, dass der Wind sie am Morgen finden würde.
Darios stand mit dem Schild bereit, falls Pfeile kamen um sie zu schützen. Lioras beobachtete. Lingor half, die Leiche so zu platzieren, dass man sie sofort sehen würde.
Und in jenem Moment als der Klosterwache bewusst wurde, was dort abgeladen wurde, waren sie schon fertig.
Jynela sah noch einmal auf den Körper hinunter und wurde sich bewusst, dass die Wache sie nun wahrnahm, erkannte WAS dort lag und....reagierte.
Der Alarm war nur noch Sekunden entfernt.

„Das reicht. Rückzug.“

Als sie sich zurückzogen, hörten sie hinter sich die Alarmglocken von Schwingenstein durch die Nacht schallen.
Erst eine.
Dann noch eine.
Dann mehrere.
Jynela drehte sich im Sattel nicht einmal um, als sie sagte:
„Man wird morgen darüber reden.“



~~~******~~~



Die Straße bei Bajard lag ruhig in der Nacht, nur der Wind ging durch das Gras am Wegesrand, und irgendwo klapperte lose ein Stück Metall an einem Pfosten. Es war eine dieser Nächte, in denen alles normal wirkt, bis plötzlich etwas passiert, das nicht normal ist.
Das Geräusch von Pferdehufen, die lauter wurden, drei Gestalten die direkt nach Schwingenstein ritten, eine Wache, die noch den Mund öffnete, als ihr bewusst wurde WAS sie dort sah bevor er schon kippte.

„Schnell“, sagte Avani.

Maralea kam mit dem Pferd. Sie hievten gemeinsam den bewusstlosen Mann hoch, banden ihm Hände und Füße und zogen ihm den Helm tiefer ins Gesicht. Halb hängend, halb liegend, festgebunden wie ein Sack Getreide, fertig.
Die ganze Aktion dauerte vielleicht ein paar Minuten. Vielleicht sogar weniger.
„Das war sauber“, murmelte Christine leise.
Avani nickte nur.
In jenem Moment kam bereits die zweite Gruppe im Galopp angeritten.
Der Auftrag war erledigt.
Zeit zu verschwinden.



~~~******~~~



Der Ritt zurück brachte keine unnötigen Zwischenfälle.
Sie machten sich auch hier nicht einmal annähernd die Mühe vor der Welt zu verbergen, was sie da auf dem Pferd transportierten. Der Osten durfte es wissen, dass sie nicht getötet hatten. Zumindest keinen von ihnen. Ein paar Banditen weniger auf der Welt sollte allen zu Gute kommen.

In Rahal angekommen suchten sie jenen Raum auf, der entgegen der Vermutungen im Osten in der Garde eher selten benutzt wurde. Die Folterkammer.

Der Keller unter Rahal war kein Ort, an dem man sich lange aufhalten wollte, wenn man die Wahl hatte. Die Luft war kühl, roch nach Stein, nach Eisen, nach Wasser, das irgendwo langsam tropfte und nach all den Dingen, die Menschen an Orte bringen, über die später nicht gesprochen wird.
Als sie die entführte Wache die Stufen hinunterbrachten, eher schleiften und trugen, war er immer noch nicht wieder bei Bewusstsein. Unten angekommen wurden ihm die Ketten an der Wand angelegt. Schlaff wie ein nasser Sack hing er dort und Jynela wusste, sie durften nicht zuviel Zeit verschwenden. Ausgekugelte Arme waren nicht ihr Ziel.

Sie sagte lange nichts. Nicht aus Unsicherheit, die hatte sie sich längst abgewöhnt, sondern weil sie gelernt hatte, dass die gefährlichsten Fehler selten aus Unwissen entstanden, sondern aus zu schnellem und unüberlegtem Handeln.

Also stand sie nur vor ihm, ruhig, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und sah ihn an, als würde sie ein Werkzeug betrachten und überlegen, wie genau sie es einsetzen würde.

„Das Ziel ist es, ihn zu blenden“, sagte sie schließlich ruhig in den Raum, nicht zu ihm. „Ein Auge.“

Sie musste es nicht aussprechen, aber jeder im Raum wusste, worauf dieses Handeln abzielte. Ein eindeutiges Zeichen an Berenguer. Ein Zeichen zu den beiden Männern, denen sie den Tod der Kameraden zu verdanken hatten. Ein Zeichen dafür, dass ein Reich gemeinsam stand und einstand für die Taten der anderen. Und auch fallen würde.

Sie trat einen Schritt näher.
„Wenn möglich nicht auf Dauer. Wir wollen keinen Märtyrer.“

Schweigend beobachtete sie, wie Darios dem Mann das andere Auge verband um es zu schützen.

„Zitrone“, sprach am Ende Maralea. So schlicht, so beiläufig, als spräche sie über eine Zutat für einen Eintopf und nicht über den schmalen Grat zwischen Abschreckung und Dummheit.
Jynela musterte sie einen Moment länger, als es höflich gewesen wäre. Der Fluch lag auf Maralea wie ein kaum sichtbarer Schleier: nicht greifbar, nicht immer spürbar und doch da.
In kleinen Verschiebungen. In der Art, wie ihre Gedanken manchmal einen halben Schritt zu weit gingen. Oder gar nicht weit genug.

Zitronensaft im Auge.

Es würde brennen, gewiss. Schmerzhaft, unangenehm. Vielleicht genug, um einen Mann auf die Knie zu zwingen für einen Moment. Aber Blindheit? Dauerhaft schon gar nicht. Und selbst vorübergehend? Für Stunden vielleicht. Eventuell für Tage. Aber Wochen?

Zu sehr dem Zufall überlassen. Jynela verließ sich nicht auf Zufall. Zufall war etwas für Menschen, die sich Ausreden leisten konnten.

Sie neigte leicht den Kopf, als würde sie den Vorschlag noch einmal abwägen, doch in Wahrheit hatte sie bereits eine Entscheidung getroffen.
„Ich gehe trotzdem auf Nummer sicher.“, murmelte sie.

Lioras war nun ebenso vorgetreten und hielt den Kopf des Mannes fest. Daneben zwangen die Hände von Darios das eine Augenlid auf, während Maralea die Zitrone ausdrückte. Jynela wartete, sah einfach nur zu. Nicht aus Grausamkeit – sondern weil sie sicher sein wollte, dass es wirkte.
Dann sagte sie leise:
„Sayer. Die Kerze.“
Avani reichte sie ihr und Jynela hielt die Flamme vor das Auge und erneut wurde das Lid gehalten, man zwang den Körper dazu das Licht zu sehen, das in diesem Moment nichts Warmes mehr hatte, sondern nur noch Helligkeit war, Schmerz und ein weißer Fleck, der sich in die Sicht brannte.
Und sie bewegte sich nicht. Nicht bis Darios sich regte und ihr leise die Worte entgegenbrummte:„Genug.“
Jynela hielt die Kerze noch einen Herzschlag länger, nahm war wie sein Köper leicht zuckte, reagierte, dann nahm sie sie weg und gab sie Avani zurück.
„Gut“, sagte sie ruhig. „Das war’s. Fesseln lockern. Eine Wache bleibt bei ihm. Der Rest – Dienstschluss.“

Darios begann bereits die Ketten zu lösen, damit der Regimentler zu Boden sinken konnte und dann zog sie die vergiftete Nadel. Er würde bald zu sich kommen und wenn nicht, würde sie mit etwas Wasser nachhelfen.

Die meisten gingen bereits zur Tür, als Jynela noch einmal stehen blieb, sich zu dem Gefangenen beugte und leise sagte, so leise, dass es mehr ein Gespräch war als ein Verhör:
„Ich töte dich nicht. Jemand muss erzählen, was passiert, wenn man meine Leute tötet.“
Sie richtete sich wieder auf.

Dann ging sie die Stufen hinauf, zurück in die Nacht, die langsam auf den Morgen zuging und dennoch für sie noch lange kein Ende finden würde.

Und irgendwo im Osten würden vielleicht weitere Glocken läuten. Männer und Frauen würden durcheinander reden, jemand würde eine verbrannte Leiche identifizieren wollen, jemand würde Zettel lesen.
Und genau so war es geplant gewesen.
Sie hatten niemanden wahllos getötet.
Sie hatten eine Botschaft geschrieben.
In Feuer, in Angst und in Erinnerung.
Und das war erst der Anfang.

Ein Soldat kehrt heim

Verfasst: Dienstag 24. März 2026, 21:30
von Jynela Dhara
Als sie die Treppen hinabstiegen, war es still im Keller. Der Regimentssoldat saß an der Wand, die Hände noch in Ketten, der Kopf leicht nach vorne gesunken. Seine Augen waren weiterhin verbunden. Das Essen hatte er nicht angerührt, das Wasser hingegen schon.

Jynela trat als Erste ein, hinter ihr Darios. Er füllte den Raum beinahe aus, blieb aber wie immer ein Stück hinter ihr, mehr Schatten als Mann, still, wachsam, mit diesem unbewegten Blick, der nie ganz verriet, was in ihm vorging.

Jynela sagte zunächst nichts, als sie vor dem Gefangenen stehen blieb. Sie sah ihn nur an, einen langenMoment. Dann prüfte sie mit ruhigen Fingern noch einmal die Augenbinde und sagte knapp:
„Achtung. Wir werden Euch nun die Ketten abnehmen. Freut Euch nicht zu früh, es kommen Fesseln. An eurer Stelle … würde ich … mich fügen.“

Dann trat sie beiseite und nickte Darios zu.

Das Aufschließen der Ketten klang im stillen Keller lauter, als es sollte. Metall auf Metall, ein trockenes Klicken, dann fielen die Ketten von den Handgelenken des Mannes. Nicht in die Freiheit, nur in andere Fesseln.
Seile statt Eisen. Locker genug, dass er gehen konnte. Fest genug, dass er nicht weglief.

Darios trat näher, musterte den Regimentler noch einmal, dann legte er ihm mit geübten Griffen die Verschnürungen um die Handgelenke. Sauber. Fest. Ohne Hast.
„Die Füße lassen wir dir“, sagte Darios ruhig. „Kannst selbst bis zum Pferd laufen.“
„Oder zum Galgen“, kam es trocken von Jynela.

Darios Blick ging kurz zu ihr, dann wieder zum Gefangenen. Ein kurzes, festes Nicken folgte, dann packte er den Mann an der Verschnürung und zog ihn auf die Beine.
„Dann los“, sagte Jynela nur.

Die Treppe hinaufzugehen dauerte länger, als sie sollte. Für jemanden, der nichts sah, wurden selbst flache Stufen zu einer Prüfung. Der Mann stolperte einmal, fing sich, ging weiter. Keiner half ihm. Aber keiner ließ ihn fallen.

Oben empfing sie der Abend und Regen.
Er kam erst leicht, dann stärker, bis Leder dunkel wurde und Stoff sich schwer an den Körper legte. Jynela zog die Kapuze über und setzte den Helm auf, während Darios neben ihr die Maske hochzog. Regen lief über Metall und Stoff, tropfte von Kanten gen Boden.
Auf dem Hof warteten Pferde, dann die Kutsche. Kein großes Aufsehen, keine vielen Worte. Nur Holz, Leder, Eisen und ein Ziel.
Varuna.
Darios schwang sich auf den Rappen und reichte dem Gefangenen den Arm.
„Aufsitzen.“
Wenig später saß der Regimentler mit gefesselten Händen hinter ihm auf dem Pferd, die Leine nach vorn geführt. Jynela beobachtete das Ganze nur, sagte nichts, zog nur den Mantel enger, während der Regen stärker wurde.
„Wollt Ihr ihm schon den Brief einstecken?“, fragte Darios über den Regen hinweg.
„Das machen wir vor Ort“, antwortete Jynela ruhig. „Nicht, dass er ihn … verliert.“

Wenig später saßen sie in der Kutsche. Jynela nahm am Fenster Platz, schob den Vorhang ein Stück zurück, damit sie den Weg und die beiden im Blick behalten konnte. Der Regen schlug gegen das Holz, Wasser lief in schmalen Bahnen über das Glas und verzerrte das Licht draußen zu fließenden Schatten.
Die Fahrt verlief still.
Räder auf nassem Boden, das Schnauben der Pferde, das leise Klirren von Metall bei jeder Bodenwelle.
Niemand sprach viel. Es gab nichts mehr zu verhandeln, nichts mehr zu erklären. Alles, was gesagt werden musste, lag bereits geschrieben auf dem Pergament.

Als sie Varuna erreichten, war es dunkel genug, dass die Welt nur noch aus Schatten und wenigen Lichtern bestand. Der Regen hatte nachgelassen, aber alles war noch nass, der Boden schwer, die Luft kalt.
„Weiter“, sagte Jynela nur.
Sie ritten noch ein Stück bis zu dem Weg, der nach Schwingenstein führte. Dort stiegen sie ab. Dem Regimentler wurde vom Pferd geholfen und er wurde vor ihnen aufgestellt, das Seil noch immer fest in Darios Hand.
Jynela trat vor ihn.
„Von hier aus werdet Ihr laufen. Wir werden Euch gleich die Augenbinde abnehmen.“
Dann schob sie ihm das Pergament unter den Wappenrock, dorthin, wo es vor dem Regen geschützt war.

„Ihr habt ein Pergament von mir bekommen. Und ich verlange, dass ihr dieses sowohl dem Regiment als auch dem Kloster vorlegt. Und … ihr werdet den Inhalt dem Volk mitteilen.“
Ihre Stimme war ruhig, ernst, ohne Zorn.
„Das wird eure Aufgabe. Geschieht das nicht, dann zählen wir weiter, und ihr habt mein Wort: Der Nächste von euch wird dann nicht überleben.“

Darios nickte bekräftigend zu ihren Worten.
Jynela blickte zu ihm.
„Nehmt ihm die Augenbinde ab.“
Darios zog den Mann ein Stück näher zu sich.
„Augen zu“, knurrte er, dann riss er die Binde ab.

In diesem Moment merkte der Regimentler, dass er auf einem Auge nichts sah. Nur Dunkelheit. Auf dem anderen verschwommene Nacht, Regen, zwei dunkle Gestalten vor ihm.

„Los“, sagte Jynela.
Darios gab ihm einen kurzen, nicht einmal harten Klaps gegen den Hinterkopf, dann ließ er das Seil los.

Der Mann begann zu gehen.
Erst langsam.
Dann schneller, als er begriff, dass niemand ihn zurückrief.
Geradeaus.
Immer geradeaus gen Osten.

Jynela und Darios blieben zurück und sahen ihm nach. Lange. Sehr lange. Bis aus einem Mann nur noch eine Bewegung in der Dunkelheit wurde.
Sie warteten noch eine Weile. Lange genug, um sicher zu sein, dass er wirklich geradeaus ging. Dass er verstand. Dass er ankommen wollte.
Erst dann wandte sich Jynela ab.
Eine Sache war beendet.
Eine andere hatte gerade erst begonnen.

Und irgendwo auf der Straße gen Osten ging ein Mann mit einem Pergament unter dem Wappenrock, mit nur noch einem halben Blick auf die Welt – und mit einer Geschichte, die man hören würde.

Nachricht auf dem Pergament:

Der Blutdurst des Hauses Salberg sei euch Mahnung. Das verlorene Augenlicht eine Warnung.
Wir hätten Vergeltung üben können, doch wir taten es nicht.
Tugend und Ehre wohnen nicht im Titel. sondern im Werk und im freien Willen.
Euer Adel hat sich vor dem Volk und Alatar entblößt.
So fragt eure Obrigkeiten: Soll das Volk büßen für den Blutdurst jener, die Stand und Tugend
predigen und doch beides mit ihren schändlichen Taten verhöhnen?

Verfasst: Dienstag 24. März 2026, 22:56
von Cecilia Zola
Gardist Hanrich wurde von einem Kameraden zum Kastell begleitet, als der Trupp gerade zum Banditen ausräuchern aufbrechen wollte.

Wachtmeister Cecilia - gerade erst auf dem Pferderücken angekommen gewesen - rutschte ohne auf einen Befehl vom Oberst zu warten sofort wieder runter. Die Schwerkraft beschleunigte ihr Vorhaben dankenswerter Weise. Es brauchte nur einen Blick, bis sie den zerschundenen und abgekämpften Gardist als Kamerad Hanrich erkannte. Wie oft hatte er ihr mit den Waren geholfen, wenn sie von der Metallhütte bei Schmiedemeister Levar Aufträge des Regiments abgeholt hatte.
Sie eilte an seine Seite und kaum hatte Oberst Kabo die Lage erkannt, verwies er ans Lazarett.
Sie waren kaum dort angekommen, da fiel der Kamerad in eine erschöpfte und gleichsam dankende Bewusstlosigkeit.
Das Pergament in seiner Hand segelte zu Boden. Cecilia sah es. Der Kamerad vom Tor hob es auf. Sie überreichte es später dem Oberst ohne es selbst gelesen zu haben. Somit kennt den Inhalt wohl nur der Oberst derzeit.
Nur kurz schreckte Kamerad Hanrich aus seiner Bewusstlosigkeit auf, brabbelte etwas von "Rahal" und "Banditen überall" und sank dann wieder ohnmächtig weg.

Der Kamerad, welcher Hanrich stützte, floh im erstbesten Moment wieder aus dem Lazarett. Offenbar war keiner daran interessiert zu erfahren, was wirklich in der Gefangenschaft passierte. Die Angst war wohl zu groß. Womöglich sogar die Angst vor dem Eingeständnis, dass so was einem jeden passieren konnte. Und derzeit diese Gefahr größer denn je war.
Cecilia erging es genau genommen nicht anders, doch sie hatte eine Wahl mit ihrer Berufung getroffen. Und im Dienst gab es Befehle an denen nichts vorbei ging.

Sie nahm die Untersuchung auf, rüstete mit Hilfe Hanrich ab und wirkte bei jeder freigelegten Hautstelle überrascht. Es waren keine Wunden zu sehen. Keine Folterspuren. Nichts, was sonst auf eine Gefangenschaft in Rahal hinwies.
Dann fiel ihr ein, dass Hanrich vor der Bewusstlosigkeit die Augen zusammen kniff, eines stärker als das andere. "Das verlorene Augenlicht eine Warnung" zitierte der Oberst dann aus dem Pergament.
Mit der größten Befürchtung lehnte Cecilia sich vor und hob zögerlich, aber sanft ein Augenlid an. Erleichtertes Durchatmen aller restlichen Anwesenden, als darunter alles unversehrt aussah. Dann wiederholt sie die Geste beim anderen Auge. Sofort zuckt sie zurück, stolpert gar einen halben Schritt zurück. Die Hand schnellte wie verbrannt vom Auge weg. Sie hatte mit sämtlichen Folterspuren beim Kamerad Hanrich gerechnet, aber nicht mit einer gezielten Erblindung.
Sofort begann der Oberst mit Überlegungen zu den Hintergründen dieser Tat.

Doch von all dem sollte Kamerad Hanrich nichts mitbekommen. Auch nicht, wie er gewaschen wurde und eine beruhigende Salbe auf die Brust geschmiert bekam. Eine nach Lavendel und Baldrian riechende Salbe. Er bekam auch nicht mit, wie er von der Liege in das Bett umgelegt und sorgsam zugedeckt wurde.
Erst am nächsten Morgen bekam er mit, dass noch am gleichen Abend seine Frau geholt wurde und sorgenvoll an seinem Bett wachte.
Und erst am nächsten Morgen würde er berichten können, was er erlebt hat.

Re: Klopf, klopf - Niemand Zuhause...

Verfasst: Dienstag 24. März 2026, 23:07
von Keylon von Salberg
Er stand Wache. Die ganze Nacht über stand er am Kloster.
Er musste es nicht aber er wollte es so.
War es vielleicht doch eine Spur von Schuldbewusstsein ?
Sicher er war bei Beiden „Schandtaten dabei.“ Doch ritt man nicht hin um jemandes Leben zu nehmen sondern um zu zeigen …
Wir sind da.
Wir sehe nicht mehr einfach nur zu.

Der erste Übergriff fand auf ein Wachhaus statt.
Der Mann auf den man dort traf war vernünftig sich nicht gegen sie auf zu lehnen.
Keylon befahl ihn einfach zu fesseln und da zu lassen.
Dann setzten die Geweihten Zeichen.
Zeichen des Glaubens an Temora so wie gar einer Statue der Streitbaren.
Als sie sich dann zurück zogen, trafen sie auf eine Wache des Westens.

Keylon befahl diesem seine Waffe zu senken dann würden sie ihn gehen lassen, doch der Mann schien ein Dummkopf zu sein, und stürzte sich in selbtsmörderischer Absicht auf Leandra.
Schnell schlossn alle auf. Eine weitere Empfehlung die Waffe fort zu werfen, sich zu ergeben fruchtete ebenso nicht, so das er am Ende blutend am Boden lag.
Natürlich verzichtete der Trupp darauf weiter auf ihn ein zu schlagen. Man ritt heim.

Man hatte eine Nachricht am Wachhaus hinterlassen das man Grann wieder haben wolle,. Sonst würde man sie nun öfter im Westen sehen.
Jetzt konnte man nur warten.

Zwei Tage später traf Keylon in der Nebelfestung auf seinen Schwager,
Der Inquisitor rüstete sich gerade.
Er wollte aufbrechen in den Westen. Erneut einfach zeigen das sie da waren, das man mit ihnen zu Rechnen haben.
Etwas das die dunkle Brut oft genug in Lichtenthal tat.
Amelie wollte deswegen sogar nach Adoran ziehen.
Kurzerhand entschloss sich Keylon Berenguer zu begleiten.
Kaum im Westen angeokommen, zogen sie natürlich direkt die Aufmerksamkeit auf sich.
Wachen die man hier und da antraf suchten den Kampf.

Ehrenvoll und Tapfer … das musste der Ritter zu geben, aber ebenso dumm.
Statt sich zu sammeln um gegen sie vor zu gehen griffen sie zur Waffe und griffen an.
Chancenlos.
Keylon bedauerte es wirklich. Aber es gab keine andere Möglichkeit.
Bald schon ertönten die Alarmglocken.
Jetzt war es wohl wirklich an der Zeit zum Rückzug.
Doch auf diesen Wegen trafen sie Jynela Dhara mit fünf ihrer Gefolgsleuten. .
Jetzt wurde es doch noch Knapp werden.
Viel wurde nicht mehr geredet... Jynela fragte glatt warum sie nicht einfach bitten würde das man Grann freiließ und Keylon musste unweigerlich auflachen.
Als Ob !!
Schon befahl sie den Angriff.
Bere und er schlugen sich Tapfer aber am Ende verloren sie.
Auch die Gegenseite leckten ihre Wunden und so kam es das Keylon mit dem Inqusitor doch noch unbehelligt den Rückzug antreten konnten.

Keylon war klar das die Retourkutsche kommen würde . Aber ihm war auch klar das ihre Feinde nie einen Grund brauchten zu kommen, um zu Morden, töten quälen.
Und sie ertrugen es stets.
Wenn man auf die Alarmglocken reagierten, kam man meist zu spät.

Jetzt jedenfalls hatten sie einen Grund.
Sie würden kommen.
Vielleicht Morgen... Vielleicht übermorgen jedenfalls bald.
Keylon würde dem Regiment jedenfalls bescheid geben damit sie gewappnet waren.
Der offene Schlagabtausch hatte begonnen.
Sie hatten in ein Wespennest gestoßen.

Re: Klopf, klopf - Niemand Zuhause...

Verfasst: Freitag 3. April 2026, 02:40
von Leandra Kalveron
Leandra und Berenguer begannen die klerikale Untersuchung ohne große Worte. Der Klappaltar wurde aufgebaut, ruhig und routiniert, während Leandra bereits die ersten Schutzgebete sprach. Ihre Stimme blieb leise, gleichmäßig und doch lag eine gewisse Anspannung darin, die sie nicht ganz verbergen konnte. Sie hielt den Schutz aufrecht, konzentrierte sich darauf, jeden Zweifel aus ihren Gedanken zu drängen, während Berenguer sich neben den Leichnam kniete und mit der Untersuchung begann.
Er arbeitete sorgfältig, wie es die Lehren vorgaben, prüfte den Körper Schritt für Schritt, ließ sich Zeit und übersprang nichts. Leandra beobachtete ihn dabei aus dem Augenwinkel, ohne ihre Gebete zu unterbrechen. Doch es regte sich nichts. Kein Widerstand, kein Zeichen, kein verborgenes Wirken, das sich zeigte. Die Stille blieb bestehen und mit jeder weiteren Bewegung Berenguers wurde es klarer.
Schließlich hielt er kurz inne, ließ den Blick über den Leichnam gleiten und sagte ruhig: „Nichts.“

Das Wort war ruhig gesprochen, aber es reichte. Leandra atmete langsam aus. Ein Teil der Anspannung wich von ihr. Kein Fluch, keine dunkle Nachwirkung… das hätte alles noch schlimmer gemacht. So blieb es bei dem, was sie sahen. Zumindest vorerst.
Leandra setzte die Untersuchung fort, nun gründlicher. Wenn es nichts Verborgenes gab, musste die Wahrheit im Sichtbaren liegen. Es dauerte nicht lange, bis ein Detail ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihr Blick fiel auf die Haare des Toten. „Die sind… umwickelt“, sagte sie leise. Bandagen, eng anliegend, nicht wahllos angebracht. Und dann erkannte sie das, was nicht passte. „Sie sind nicht verbrannt.“

Berenguer sagte zunächst nichts, doch seine Bewegungen änderten sich, wurden gezielter. Das Gesicht war entstellt, bis zur Unkenntlichkeit, doch die Haare waren erhalten. Ein Widerspruch, der sich nicht erklären ließ. Die Erkenntnis kam schnell.

Leandra schüttelte leicht den Kopf. „Nein… das ist nicht Gregor.“
Es war keine vorsichtige Vermutung mehr, sondern eine Feststellung. Wenn es Gregor wäre, warum ihn so zurichten? Warum ihn unkenntlich machen und zugleich Spuren lassen, die Fragen aufwarfen?
Und doch trug der Leichnam den Wappenrock der Anwärter Klosterwache. Zerschnitten, beschädigt, aber eindeutig.
Ein falsches Zeichen. Oder ein bewusst gesetztes.

Für einen Moment schwiegen beide. Dann erhob sich Berenguer langsam, und Leandra tat es ihm gleich. Es gab nichts mehr, was sie hier herausfinden konnten.

Gemeinsam bereiteten sie den Leichnam vor und brachten ihn in die Krypta. Ihre Schritte hallten leise durch die Gänge, doch keiner von beiden sprach. Unten angekommen legten sie ihn nieder, würdevoll, so gut es noch möglich war. Berenguer entzündete eine Kerze und stellte sie neben den Körper. Die kleine Flamme war ruhig, gleichmäßig. Sie verblieben einige längere Zeit und sprachen leise die Gebete für den Mann.

Als sie die Krypta wieder verließen, übernahm Leandra das nötige. Die Klosterwächter wurden angewiesen, dass der Leichnam in der Krypta liegt und wie auch die Heilstube wieder freigegeben ist.

Der Ablauf kehrte zurück, zumindest nach außen.
Doch als Leandra schließlich einen Moment allein war, blieb sie stehen. Kein Fluch… das hätte beruhigend sein sollen.
War es aber nicht.
Denn wenn das nicht Gregor war… dann bedeutete das nur eines.
Er war noch irgendwo da draußen und wer war dieser Mann in der Krypta?

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