Der Abend begann mit Stille.
Nicht mit der angenehmen Stille, die man hat, wenn alles gut ist, sondern mit der Sorte Stille, die entsteht, wenn jeder im Raum weiß, dass gleich jemand Namen sagen wird.
Und dass diese Namen nicht antworten werden.
Und Namen haben in der Garde Gewicht, denn Namen sind keine einfachen Worte. Namen sind Gesichter, Stimmen, schmutzige Witze am Feuer, kaputte Riemen, geliehene Messer, geteiltes Brot, verlorene Würfelspiele und Männer, die man gestern noch gesehen hat und heute nicht mehr sehen wird.
Als Jynela den Raum betrat, war es weiterhin still, aber es war keine unsichere Stille. Es war die Stille von Soldaten, die warten, bis jemand sagt, was gesagt werden muss, damit man endlich anfangen kann zu handeln.
Sie stellte sich nicht hinter den Tisch. Sie ging ein paar Schritte in den Raum hinein, sah jeden einmal an, wirklich jeden, nicht als Gruppe, sondern als Menschen, als Kameraden, als diejenigen, die heute Nacht mit ihr reiten würden und hob dann die Hand zum Salut.
„Macht und Stärke, Kameraden.“
Die Antworten kamen ruhig und fest. Das hier war keine Bühne. Das hier war Arbeit.
Sie ließ sich Zeit. Nicht viel, aber genug, dass jeder verstand: Das hier ist kein normaler Einsatz.
„Gut“, sagte sie dann.
„Ich werde nicht drum herum reden.“
Und dann nannte sie die Namen.
Hargen.
Branik.
Leto.
Marek.
Jorin.
Sie sprach sie nicht laut.
Aber sie sprach sie so, dass jeder im Raum sie hörte und dass jeder wusste, dass diese Namen jetzt im Raum standen wie unsichtbare Männer, die sich mit an den Tisch gesetzt hatten.
„Sie sind nicht in der Schlacht gefallen“,sagte sie ruhig.
„Sondern im Dienst. Wieder im Dunkeln. Hinterrücks.“
Ihre Stimme veränderte sich kaum, aber etwas in ihr wurde härter, kälter, klarer.
„Das ist der Unterschied, den wir heute Nacht klären werden. Und… korrigieren.“
Sie versprach ihnen keinen Sieg. Sie versprach ihnen keinen Ruhm. Sie versprach ihnen nicht einmal, dass sie alle zurückkommen würden. Jynela war nicht dumm genug, solche Versprechen zu machen.
Aber sie versprach ihnen etwas anderes.
„Ich kann euch versprechen, dass keiner der Kameraden jemals vergessen wird.“
Dann legte sie den Plan auf den Tisch und mit jedem Satz wurde klarer, dass das hier kein Rachefeldzug war, kein blindes Draufschlagen, sondern etwas anderes – etwas, das länger wirken sollte als ein einzelner Kampf.
Sie würden eine Leiche besorgen.
Sie würden diese Leiche zu Grann machen.
Sie würden sie vor dem Kloster ablegen.
Sie würden eine Wache holen.
Sie würden Zettel verteilen.
Und am nächsten Morgen würde der Osten wissen, dass Rahal nicht vergisst, nicht verzeiht und vor allem nicht schweigend zusieht, wie Einzelne im Namen der Tugenden, die sie predigten, vollkommen ehrlos handelten.
„Wir werden ein Zeichen setzen“, sagte sie.
„Und dieses Zeichen wird bleiben.“
~~~******~~~
Wenig später brach die Garde von Rahal, die Legion Alatars auf.
Der Angriff auf das Banditenlager war schnell und hart, so wie solche Dinge sein müssen, wenn man keine Zeit hat und keine Zeugen will.
Es war kein schöner Kampf. Es war kein ehrenvoller Kampf. Es war ein notwendiger Kampf.
Stahl und Pfeile im Dunkeln. Kurze Befehle. Ein Schrei. Dann noch einer. Dann nur noch das Knacken von Feuer und das schwere Atmen von Männern und Frauen, die gerade jemanden getötet haben und trotzdem weiter funktionieren müssen, weil die Arbeit noch nicht vorbei ist.
„Alle. Keine Zeugen“, hatte Jynela gesagt.
Und danach standen sie zwischen Rauch, Blut und umgeworfenen Kisten und suchten einen Toten, der einem Gefangenen ähnlich sehen sollte.
Das Kloster hatte Grann gefordert.
Sie wollten ihren Klosterwächter zurück.
Doch Jynelas Worte dazu waren von Anfang an klar gewesen, ruhig gesprochen, ohne Zorn, ohne Zweifel und vielleicht gerade deshalb so endgültig:
Grann hatte sich Alatar zugewandt. Er hatte sich entschieden. Und mit dieser Entscheidung gehörte er nicht mehr ihnen, nicht mehr dem Kloster, nicht mehr seinem alten Leben. Er gehörte dem Einen.
Und über das, was dem Einen gehörte, hatte niemand außer ihm selbst zu richten.
Sie hatten also kein Recht, über Grann zu verfügen.
Aber sie konnten dem Kloster etwas anderes schicken.
Ein Zeichen.
Das Zeichen, dass sie das zurückbekamen, was von dem Temoragläubigen aus den Reihen der Klosterwache übrig geblieben war: eine verbrannte Leiche in ihrem Wappenrock.
Nicht aus Grausamkeit.
Nicht aus Spott.
Sondern als Antwort.
Denn nichts zeigte deutlicher, wessen Hand stärker war, wessen Wille weiter reichte und wessen Glaube nicht im Flüstern, sondern im Handeln bestand, als das, was sie in dieser Nacht taten.
Das Kloster würde dieses Zeichen erkennen.
Auch wenn sie es vermutlich niemals laut aussprechen würden. Sie waren geübt darin, Wahrheiten zu übersehen, wenn sie nicht in ihre Ordnung passten. Und noch geübter darin, so zu tun, als wäre genau das Frömmigkeit.
Es war eine dieser Aufgaben, bei denen man sich, wenn man zu lange darüber nachdenkt, fragt, wann genau das eigene Leben so geworden ist.
Sie fanden einen.
Langhaarig. Statur passend. Größe passend.
„Die Haare sind wichtig“, sagte Jynela ruhig.
„Sehr wichtig.“
Christine arbeitete an der Leiche mit einer Ruhe, die fast unheimlich war. Aber genau das war, was man in solchen Momenten brauchte: jemanden, der nicht zittert, nicht wegschaut, nicht moralisch wird, sondern einfach seine Arbeit macht.
Hände wurden zerstört. Bart gestutzt. Jene Teile in Wasser getränkt, die nicht so schnell verbrennen sollten, die man noch erkennen dufte. Bei anderen, die sie unkenntliche haben wollten, wurde Öl aufgetragen. Kleidung wurde angekohlt.
Niemand sprach viel. Lingor sah einmal weg und rieb sich mit der Hand über den Nacken, als das Knacken von Knochen zu hören war. Darios sagte nichts, aber seine Kiefer mahlten langsam. Lioras stand still wie ein Baum. Die Augen wach, die Umgebung im Blick, immer halb Wache, selbst hier.
Dann kam das Feuer.
Sie legten die Leiche hinein, ließen sie brennen, zählten die Zeit, löschten sie wieder. Es ging nicht darum, sie komplett zu verbrennen. Es ging darum, dass sie verbrannt aussah.
Als die Flammen zischend starben und Rauch aufstieg, stand Jynela einfach nur da und sah hinein. Und wer sie kannte wusste, dass sie in diesem Moment nicht die Leiche sah.
Sie sah Hargen.
Branik.
Leto.
Marek.
Jorin.
Und sie sah noch mehr aus ihrer Vergangenheit, aus ihrem Leben. Dinge die sie nie vergessen würde, die sie mit diesem Geruch verband. Erinnerungen, die sie zu der gemacht hatten, die sie nun war.
Dann nickte sie einmal.
„Gut. Das war der erste Teil. Nun zählt Zeit.“
~~~******~~~
Am Waldrand, nicht weit vom Kloster entfernt, hielt Jynela an und wiederholte den letzten Teil des Plans.
Hier trennte sich die Gruppe.
Sie selbst würde mit Darios, Lingor und Lioras die Leiche zum Kloster bringen und dort ablegen.
Die andere Gruppe, Avani, Maralea und Christine, bekam den anderen Auftrag: eine Wache des Regiments entführen. Lebend. Schnell. Sauber. Sie wussten alle, dass das wohl einen Alarm mit sich bringen würde, sie nahmen es sogar mit voller Absicht in Kauf.
Jynela sah die drei nacheinander an und es war kein Zweifel in ihrem Blick, sondern Vertrauen.
„Schlag auf den Kopf, runter vom Pferd, aufs Pferd heben, mitnehmen. Nicht rumtun“, sagte sie.
„Ihr habt nur Sekunden.“
Avani nickte nur kurz. Maralea zog die Handschuhe fester. Christine überprüfte noch einmal die Seile.
Dann trennten sie sich.
~~~******~~~
Währenddessen ritt Lingor offen die Straße entlang, die Leiche über dem Pferd, eingewickelt in Tücher, die verbliebenen Haare sichtbar, genau so, dass man sie sehen würde. Lioras ging zu Fuß neben ihm, scheinbar ruhig, aber mit diesem Blick, der jeden Schatten prüft.
Jynela, Darios und Edora bewegten sich parallel im Wald, unsichtbar, schnell, bereit einzugreifen, falls etwas schiefging und dazu zu stoßen, wenn sie gebraucht wurden.
Am Kloster angekommen, ging alles schnell.
Die Leiche wurde abgeladen.
Der angekohlte Hut fiel daneben. Einige Pergamente folgten, manche davon offen, einige so, dass der Wind sie am Morgen finden würde.
Darios stand mit dem Schild bereit, falls Pfeile kamen um sie zu schützen. Lioras beobachtete. Lingor half, die Leiche so zu platzieren, dass man sie sofort sehen würde.
Und in jenem Moment als der Klosterwache bewusst wurde, was dort abgeladen wurde, waren sie schon fertig.
Jynela sah noch einmal auf den Körper hinunter und wurde sich bewusst, dass die Wache sie nun wahrnahm, erkannte WAS dort lag und....reagierte.
Der Alarm war nur noch Sekunden entfernt.
„Das reicht. Rückzug.“
Als sie sich zurückzogen, hörten sie hinter sich die Alarmglocken von Schwingenstein durch die Nacht schallen.
Erst eine.
Dann noch eine.
Dann mehrere.
Jynela drehte sich im Sattel nicht einmal um, als sie sagte:
„Man wird morgen darüber reden.“
~~~******~~~
Die Straße bei Bajard lag ruhig in der Nacht, nur der Wind ging durch das Gras am Wegesrand, und irgendwo klapperte lose ein Stück Metall an einem Pfosten. Es war eine dieser Nächte, in denen alles normal wirkt, bis plötzlich etwas passiert, das nicht normal ist.
Das Geräusch von Pferdehufen, die lauter wurden, drei Gestalten die direkt nach Schwingenstein ritten, eine Wache, die noch den Mund öffnete, als ihr bewusst wurde WAS sie dort sah bevor er schon kippte.
„Schnell“, sagte Avani.
Maralea kam mit dem Pferd. Sie hievten gemeinsam den bewusstlosen Mann hoch, banden ihm Hände und Füße und zogen ihm den Helm tiefer ins Gesicht. Halb hängend, halb liegend, festgebunden wie ein Sack Getreide, fertig.
Die ganze Aktion dauerte vielleicht ein paar Minuten. Vielleicht sogar weniger.
„Das war sauber“, murmelte Christine leise.
Avani nickte nur.
In jenem Moment kam bereits die zweite Gruppe im Galopp angeritten.
Der Auftrag war erledigt.
Zeit zu verschwinden.
~~~******~~~
Der Ritt zurück brachte keine unnötigen Zwischenfälle.
Sie machten sich auch hier nicht einmal annähernd die Mühe vor der Welt zu verbergen, was sie da auf dem Pferd transportierten. Der Osten durfte es wissen, dass sie nicht getötet hatten. Zumindest keinen von ihnen. Ein paar Banditen weniger auf der Welt sollte allen zu Gute kommen.
In Rahal angekommen suchten sie jenen Raum auf, der entgegen der Vermutungen im Osten in der Garde eher selten benutzt wurde. Die Folterkammer.
Der Keller unter Rahal war kein Ort, an dem man sich lange aufhalten wollte, wenn man die Wahl hatte. Die Luft war kühl, roch nach Stein, nach Eisen, nach Wasser, das irgendwo langsam tropfte und nach all den Dingen, die Menschen an Orte bringen, über die später nicht gesprochen wird.
Als sie die entführte Wache die Stufen hinunterbrachten, eher schleiften und trugen, war er immer noch nicht wieder bei Bewusstsein. Unten angekommen wurden ihm die Ketten an der Wand angelegt. Schlaff wie ein nasser Sack hing er dort und Jynela wusste, sie durften nicht zuviel Zeit verschwenden. Ausgekugelte Arme waren nicht ihr Ziel.
Sie sagte lange nichts. Nicht aus Unsicherheit, die hatte sie sich längst abgewöhnt, sondern weil sie gelernt hatte, dass die gefährlichsten Fehler selten aus Unwissen entstanden, sondern aus zu schnellem und unüberlegtem Handeln.
Also stand sie nur vor ihm, ruhig, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und sah ihn an, als würde sie ein Werkzeug betrachten und überlegen, wie genau sie es einsetzen würde.
„Das Ziel ist es, ihn zu blenden“, sagte sie schließlich ruhig in den Raum, nicht zu ihm.
„Ein Auge.“
Sie musste es nicht aussprechen, aber jeder im Raum wusste, worauf dieses Handeln abzielte. Ein eindeutiges Zeichen an Berenguer. Ein Zeichen zu den beiden Männern, denen sie den Tod der Kameraden zu verdanken hatten. Ein Zeichen dafür, dass ein Reich gemeinsam stand und einstand für die Taten der anderen. Und auch fallen würde.
Sie trat einen Schritt näher.
„Wenn möglich nicht auf Dauer. Wir wollen keinen Märtyrer.“
Schweigend beobachtete sie, wie Darios dem Mann das andere Auge verband um es zu schützen.
„Zitrone“, sprach am Ende Maralea. So schlicht, so beiläufig, als spräche sie über eine Zutat für einen Eintopf und nicht über den schmalen Grat zwischen Abschreckung und Dummheit.
Jynela musterte sie einen Moment länger, als es höflich gewesen wäre. Der Fluch lag auf Maralea wie ein kaum sichtbarer Schleier: nicht greifbar, nicht immer spürbar und doch da.
In kleinen Verschiebungen. In der Art, wie ihre Gedanken manchmal einen halben Schritt zu weit gingen. Oder gar nicht weit genug.
Zitronensaft im Auge.
Es würde brennen, gewiss. Schmerzhaft, unangenehm. Vielleicht genug, um einen Mann auf die Knie zu zwingen für einen Moment. Aber Blindheit? Dauerhaft schon gar nicht. Und selbst vorübergehend? Für Stunden vielleicht. Eventuell für Tage. Aber Wochen?
Zu sehr dem Zufall überlassen. Jynela verließ sich nicht auf Zufall. Zufall war etwas für Menschen, die sich Ausreden leisten konnten.
Sie neigte leicht den Kopf, als würde sie den Vorschlag noch einmal abwägen, doch in Wahrheit hatte sie bereits eine Entscheidung getroffen.
„Ich gehe trotzdem auf Nummer sicher.“, murmelte sie.
Lioras war nun ebenso vorgetreten und hielt den Kopf des Mannes fest. Daneben zwangen die Hände von Darios das eine Augenlid auf, während Maralea die Zitrone ausdrückte. Jynela wartete, sah einfach nur zu. Nicht aus Grausamkeit – sondern weil sie sicher sein wollte, dass es wirkte.
Dann sagte sie leise:
„Sayer. Die Kerze.“
Avani reichte sie ihr und Jynela hielt die Flamme vor das Auge und erneut wurde das Lid gehalten, man zwang den Körper dazu das Licht zu sehen, das in diesem Moment nichts Warmes mehr hatte, sondern nur noch Helligkeit war, Schmerz und ein weißer Fleck, der sich in die Sicht brannte.
Und sie bewegte sich nicht. Nicht bis Darios sich regte und ihr leise die Worte entgegenbrummte:
„Genug.“
Jynela hielt die Kerze noch einen Herzschlag länger, nahm war wie sein Köper leicht zuckte, reagierte, dann nahm sie sie weg und gab sie Avani zurück.
„Gut“, sagte sie ruhig.
„Das war’s. Fesseln lockern. Eine Wache bleibt bei ihm. Der Rest – Dienstschluss.“
Darios begann bereits die Ketten zu lösen, damit der Regimentler zu Boden sinken konnte und dann zog sie die vergiftete Nadel. Er würde bald zu sich kommen und wenn nicht, würde sie mit etwas Wasser nachhelfen.
Die meisten gingen bereits zur Tür, als Jynela noch einmal stehen blieb, sich zu dem Gefangenen beugte und leise sagte, so leise, dass es mehr ein Gespräch war als ein Verhör:
„Ich töte dich nicht. Jemand muss erzählen, was passiert, wenn man meine Leute tötet.“
Sie richtete sich wieder auf.
Dann ging sie die Stufen hinauf, zurück in die Nacht, die langsam auf den Morgen zuging und dennoch für sie noch lange kein Ende finden würde.
Und irgendwo im Osten würden vielleicht weitere Glocken läuten. Männer und Frauen würden durcheinander reden, jemand würde eine verbrannte Leiche identifizieren wollen, jemand würde Zettel lesen.
Und genau so war es geplant gewesen.
Sie hatten niemanden wahllos getötet.
Sie hatten eine Botschaft geschrieben.
In Feuer, in Angst und in Erinnerung.
Und das war erst der Anfang.