Neugierde ist ein gefährlicher Begleiter

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Ilyra Falkhain
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Neugierde ist ein gefährlicher Begleiter

Beitrag von Ilyra Falkhain »

Irgendwann im Jahr 268 bevor Ilyra nach Gerimor kam...



Das Schloss der Schublade gab nach, kaum hörbar, aber genug, um Ilyras Herz kurz stolpern zu lassen. Sie blieb einen Moment still sitzen, spürte den kühlen Luftzug vom geöffneten Fenster auf ihrer Haut, und lauschte. Eine vereinzelte Flamme flackerte und warfen Schatten, die über die Wände tanzten, als wollten sie sie warnen. Sie zuckte nur mit den Schultern. Menschen waren nervös, wenn sie etwas hörten, was sie nicht hören sollten. Ilyra nicht. Sie hörte, um zu verstehen.

Der Raum war dunkel, bis auf das flackernde Licht der einzelnen Kerze auf dem Schreibtisch. Ein Studierzimmer, das zeigen wollte, wie gebildet seine Besitzer waren: Regale voller Bücher, geordnet bis zur Perfektion, Lederbände, deren Rücken glänzten, als hätte man sie gerade noch poliert. Alles ordentlich, alles still. Alles falsch. Menschen, die solch eine Ordnung brauchten, versteckten oft, was sie wirklich wertschätzten. Ilyra wusste das. Sie hatte genug Zeit damit verbracht, Menschen zu beobachten, um jede Maske zu erkennen.

Sie schob die Schublade vorsichtig auf, hörte das leise Klicken des Scharniers und spähte hinein. Rechnungen, Briefe, kleine Stapel voller Papiere, jedes sorgfältig gebündelt, manches schon vergilbt. Der erste Brief, den sie herauszog, war banal. Handelslisten. Mengenangaben. Nichts, das ihre Aufmerksamkeit länger als ein paar Herzschläge beanspruchte. Sie legte ihn zurück und griff nach dem nächsten, durchblätterte ihn flüchtig, dann wieder den nächsten. Wieder dasselbe. Langweilig. Sehr langweilig.

Doch Ilyra ließ sich nicht abschrecken. Neugierde war hartnäckig, hartnäckiger als Vorsicht, und sie war sehr neugierig. Sie griff tiefer, zog ein Bündel Papiere hervor, zusammengebunden mit einer dünnen Schnur. Sofort spürte sie das kleine Prickeln, das ihr sagte: Das hier war wichtig. Oder gefährlich.

Sie löste die Schnur, ließ ein paar Seiten liegen, nahm etwas aus der Mitte und hob sie ins Kerzenlicht. Noch mehr Handelslisten. Langweilig. Namen von Städten, Häfen, Warenmengen. Ilyras Augen glitten über die Zeilen, langsam, aufmerksam und doch schneller als manch einer liest. Sie suchte Muster. Unregelmäßigkeiten. Dinge, die Menschen normalerweise übersahen.

Ihr Blick blieb an einem Hafen hängen. Eirensee. Sie runzelte die Stirn, zog die zweite Liste heran. Dasselbe Ziel, andere Mengen. Noch einmal die dritte. Alles passte nicht zusammen. Ein weiterer Name tauchte auf, der ihr Herz schneller schlagen ließ. Alumena. Ein Feind, der kein Geschäftspartner war, kein Geschäftspartner sein durfte. Ein Ort mit denen man nicht in Verbindung gebracht werden wollte.

Sie las die Namen immer wieder und konnte ihr Glück kaum fassen. Dann ein Blick nach oben, lauschend hält sie Inne. Ilyra legte den ersten Brief beiseite, zog den nächsten heraus. Alumena, Lieferungen, Informationen, vielleicht mehr?

Der Brief war dicker, das Siegel sorgsam gebrochen. Die Handschrift war fein, beinahe arrogant. Kein Händler, ein Adliger. Sie las die Höflichkeiten, die üblichen Worte über Zusammenarbeit, Profit, Vorteile. „… die Lieferungen müssen diskret erfolgen. Unsere gemeinsamen Interessen erfordern Vorsicht…“ Leise murmelt Ilyra die Worte.

Diskret. Ilyra lehnte sich zurück, ihre Finger trommelten leicht auf das Papier. Zahlen, Daten, Orte. Alles eindeutig. Clothars Familie lieferte Waren an die Ketzer. Sie legte auch den Brief zurück auf den Tisch.

Ein Geräusch ließ sie erstarren. Schritte. Leise und gedämpft kamen Schritte den Flur entlang. Ilyra schob die Dokumente zusammen, so geordnet wie möglich, während ihr Verstand bereits das nächste Szenario berechnete.

Sie griff nach dem wichtigsten Brief, dem, der alles bestätigten könnte und schob ihn unter ihr Mieder. Die restlichen Unterlagen wurden wieder zusammengelegt, die Schnur erneut angebracht, alles an seinen Platz. Ein leiser Klick der Schublade, und der Moment der Gefahr war überstanden. Die Schritte hielten vor der Tür, Ilyra saß am Schreibtisch. Ein Schweißtropfen suchte sich seinen Weg ihre Stirn hinab.

Ihr Herz schlug schneller. Ja, aus Angst, aber auch aus Vorfreude. Das Wissen, das sie hielt, war mächtig. Gefährlich. Perfekt, um alles zu verändern. Arda würde sich nicht mehr mit dieser arrangierten Verlobung rumschlagen müssen. Sie würde Arda wieder ganz für sich alleine haben. Und Clothar? Er würde mit seiner Familie untergehen.

Ilyra lächelte leicht. Wissen war ein wunderbarer Ort, und sie hatte gerade erst begonnen diesen zu erkunden.

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