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Die Kunst liegt im Auge des Betrachters - Das Haus der Künste

Verfasst: Dienstag 17. Februar 2026, 21:48
von Alecia Rundhammer
Jeder besitzt seine eigene Melodie,
seine eigene Dunkelheit, sein eigenes Licht.
Und wer genau hinhört, erkennt das unsichtbare Band,
jenes welches alles zusammenhält –
die Kunst.


Ruhig lasse ich den Blick durch den noch leeren Raum wandern. Immer wieder, bleibt dieser auf den kunstvoll ausgearbeiteten Möbelstücken hängen, jedes für sich ein Meisterstück. Als ein tiefer Atemzug meine Lungen füllt, spüre ich, wie ich wieder in die Realität gezerrt werde. Erst jetzt nehme ich Linus wahr. Wie immer hatte er es geschafft, den Raum zu betreten, ohne dass ich ihn direkt wahrnehme. Es war, als würde man ihn nicht als störend wahrnehmen und daher, schlicht als etwas betrachten, was sich stetig in meinem Umfeld bewegen darf. Als hätte man seine Existenz schlicht akzeptiert und würde es als einen Teil des Ganzen gesehen. Meine Augen fokussieren Linus, unverweigerlich stiehlt sich ein Schmunzeln auf meine Lippen. Er war der Inbegriff des Lebens, jenes Lebens, welches anderen verwehrt blieb. Diese Leichtigkeit und Sprunghaftigkeit, dieses Können sich in das Leben stetig neu zu verlieben und die einkehrende Traurigkeit und Schwere hinfort zu wischen. Zumindest verlor er sich genau in dieser Leichtigkeit, in diesem Leben, in diesem Dasein….in der Hoffnung, daraus schlicht nicht erwachen zu müssen.

Ja, seit ich ihn auf seinem Weg begleiten durfte, steckte er an, die Lebensgeister...so man sie so nennen durfte...kehrten ein kleines Stück zurück und kratzen an der Oberfläche eines tiefen dunklen See's. Ein See, welcher mittlerweile nicht mehr nur in ruhiger Stille verweilte, sondern auf welchem langsam wieder sanfte Bewegungen einkehrten.

Mit eben jenen wiederkehrenden Bewegungen des Lebens…folgte jedoch auch ein sanfter Sog zurück in die Tiefe, ein Sog, der mich daran erinnerte, dass ich nicht alleine war und das eben unter jener seichten Oberfläche, etwas brodelte.


Genau dieser Sog lockte mich in die stillen Gedanken zurück und ließ den Blick für einige Momente hinter den Schleier wandern.

„Du beginnst es zu genießen, dieses Leben, dieses Dasein. Verlierst den Fokus.“
Die Stimme war leise. Nicht fremd. Nie fremd. Sie klang wie ein drohender, zischender Gedanke, der zu lange unbeachtet geblieben war.
Mein Kiefer spannte sich kaum merklich an.

„Genießen ist ein großes Wort.“

„Du lächelst.“

„Ich lächle auch, wenn ich töte.“

Ein Hauch von Dunkelheit huschte durch mein Innerstes, beinahe belustigt.

„Aber nicht so.“

Stille.
„Er ist nur ein Mensch“, entgegnete ich schließlich, ruhig und kontrolliert. „Menschen sind vergänglich.“

„Und du fürchtest genau das.“

Meine Finger schlossen sich fester um die Lehne des Stuhls.
„Furcht ist ein Luxus.“

„Nein“, hauchte die Stimme belustigt und sanft. „Furcht ist Erinnerung.“

Ein Bild flackerte auf, dunkler wabernder Nebel. Ein Griff, der nicht fest genug gewesen war.
Ich blinzelte nicht.


„Er bringt Unruhe“, stellte sie nüchtern fest.

„Er bringt Leben.“

„Leben führt zu Bindung.“

„Bindung führt zu Schmerz.“

„Exakt.“

Ein leises Lachen, kaum mehr als ein Wispern.

„Und dennoch suchst du immer wieder die Nähe der Menschen.“

Mein Blick blieb auf Linus gerichtet. Auf dieser unverschämten Leichtigkeit, die sie gleichzeitig auf völlig merkwürdige Weise reizte und gleichsam reizbar machte.

„Ich studiere ihn.“

„Du hoffst.“

„Ich analysiere.“

„Du hoffst, dass er bleibt.“

Meine Atmung stockte für den Bruchteil eines Herzschlags.

„Hoffnung ist ein Fehler.“

„Und doch stehst du hier.“

Ein kurzer Moment, in dem sich die Oberfläche ihres inneren Sees kräuselte. Tiefer. Dunkler.

„Er wird gehen“, sagte sie ruhig. „Alle gehen.“

„Und wenn nicht?“

Ein gefährlicher Gedanke.
Ein gefährlicher Wunsch.


„Dann“, kommt es leise murmelnd über meine Lippen, „wir werden sehen.“

Die Stimme schwieg. Zufrieden? Wartend? Ich wusste es nicht.

Mein Blick löste sich vom Schleier der Gedanken und kehrte in den Raum zurück. Zu Linus. Zu diesem lebendigen Störgeräusch in ihrer sorgfältig geordneten Welt.

Das Lächeln auf ihren Lippen war nun kontrollierter. Schmaler.
Doch es war noch da.

Und tief unter der Wasseroberfläche zog etwas weiter seine Kreise.

Kurz darauf öffnet sich die Türe, genau dieses Geräusch zerrt mich noch mehr in die Realität. Da stand Julius im Raum mit einer Entscheidung, welche eine doch noch unerwartete, aber wahrlich erfrischende Entwicklung mit sich brachte. Ab dem heutigen Tage, wird die Geschichte des Haus der Künste nicht nur von Linus und Alecia, sondern auch Julius geprägt sein. Jeder wird seinen Teil zur Vollkommenheit dieses Werkes beitragen. Das Lächeln wird nun wieder sanfter, als hätte sie all die Gedanken zuvor schlicht verbannt.

Re: Die Kunst liegt im Auge des Betrachters - Das Haus der Künste

Verfasst: Donnerstag 26. Februar 2026, 11:03
von Alecia Rundhammer
Manche Wege kreuzen sich nicht zufällig,
sie verhaken sich wie Fäden im selben Gewebe.
Wer genau hinsieht, begreift:
Nicht das Schicksal formt das Werk,
sondern die Entscheidung, zu bleiben.


Die Tür fiel nicht krachend ins Schloss, sie schloss sich mit Bedacht.

Nicht hastig.
Nicht unsicher.

Julius trat ein wie jemand, der lange vor einer Schwelle gestanden hatte und nun beschlossen hatte, sie nicht länger nur von draußen zu betrachten.

Ich ließ meine Finger von dem Theresen gleiten und richtete mich auf. Linus hatte ihn bereits bemerkt, natürlich hatte er das. Sein Wesen war wie ein offenes Feuer, durch das jede Veränderung, in Form eines Luftzuges, sofort mit Leben gefüllt wurde. Direkt und unvermittelt, loderte es auf und züngelte mit schwungvoll tänzelnden Feuerzungen empor, bereit in jedem einen Funken zu entfachen.

Ich musterte ihn.

Die Stimme in mir regte sich.


„Er hat gewählt.“

„Ja.“

Ein leises, dunkles Schmunzeln in meinem Inneren.

Das Haus der Künste. Drei Menschen vereint um etwas in die Welt zu tragen, die Augen zu öffnen für Winkel des Daseins, die vielen zuerst verborgen blieben.
Das ist Kunst: das Sichtbar machen dessen, was unter der Oberfläche brodelt.

Dieses Haus würde nicht nur Kunst hervorbringen. Es würde Menschen verschiedenster Stellungen anziehen. Träger von Masken, von Hüllen die Fehler ungerne zuließen und sie viel zu gerne verborgen halten, verletzten und gebrochene Seelen. Ein Ort um zu verarbeiten, abzulenken, zu studieren….ein Ort um zu gestalten.

Re: Die Kunst liegt im Auge des Betrachters - Das Haus der Künste

Verfasst: Donnerstag 26. Februar 2026, 23:00
von Linus van Sturmfang
Es war einer dieser Abende im Haus der Künste, die mein Herz schneller schlagen ließen. Und das lag nicht nur daran, dass Kathrina von Winterwacht anwesend war.

Eigentlich begann alles ganz harmlos.

Ich hatte ohnehin vorgehabt, mit ihr über die Zukunft zu sprechen. Über Perspektiven. Über Möglichkeiten. Über Dinge, die man nicht laut ausspricht, wenn andere Ohren in der Nähe sind. Also sprach ich ruhig, beinahe beiläufig, um unserem Gespräch keinen unnötigen Glanz zu verleihen. Julius stand an der Theke, Alecia wie immer dahinter, aufmerksam, elegant, mit diesem Blick, der mehr sah, als sie je kommentierte.

Mitten im Gespräch bemerkte Alecia plötzlich, dass sie der Hochedlen noch gar kein Getränk angeboten hatte. Ein kleines Versehen oder der Beginn einer Tragödie in mehreren Akten.
Kathrina entschied sich für Tee.

Tee.

Was für ein Tee es war, nun … das war vermutlich ein unglückliches Missgeschick. Denke ich. Hoffe ich. Oder war es Absicht? Jedenfalls roch das Gebräu, soweit ich es feststellen konnte, auffallend nach Kirsche. Ein Früchtetee also. Harmlos. Unverdächtig. Unschuldig wie ein Lächeln vor dem Duell.
Zum Ende unseres Gesprächs erschien die Gräfin Nyome von Meerwacht in unserem bescheidenen Etablissement. Das erste Mal, dass sie den Weg zu uns gefunden hatte. Mein Herz machte einen kleinen, stolzen Satz. Zwei Hochgeborene an einem Abend in unserem Haus der Künste.

Während Kathrina den Tee trank, stutzte sie. Ein kaum sichtbares Innehalten. Etwas war ihr aufgefallen. Sie wusste nur noch nicht, was. Nun, sie führt selbst ein Teehaus. Sie kennt sich mit Aufgüssen aus, mit Nuancen, mit feinen Noten. Wenn jemand bemerkt, dass eine Mischung aus der Reihe tanzt, dann sie.

Wir unterhielten uns mit der Gräfin über mich, über das Haus der Künste und seine Dienstleistungen. Ich sprach gewandt, natürlich, beinahe charmant, wie immer, wenn ich Eindruck hinterlassen will, ohne dass es nach Eindruck aussieht.

Doch während wir sprachen, wurde Kathrina unruhiger.
Ihre Wangen färbten sich rosig. Dann röter. Dann … nun ja. Heißer.
Alecia hatte sich bereits verabschiedet, Julius übernahm die Theke.

Und Kathrina? Sie schien zu glühen.

„Was war in dem Tee?“, fragte sie schließlich.

Ich hob die Hände. Ich hatte ihn weder bestellt noch serviert. Zudem bin ich in der Teeologie nicht bewandert. Meine Expertise liegt eher bei Liedern und leisen Lügen als bei Blättern und Wurzeln.

Sie biss sich auf die Unterlippe und sah mich an wie eine Raubkatze ihre Beute. Ich bin bis heute überzeugt, dass allein die Anwesenheit der Gräfin sie im Zaum hielt. Sonst hätte ich mich wohl wagemutig dem gefährlichsten aller Gegner stellen müssen, dem Verlangen, und zusehen, wie ich es bändige, ehe es ausschließlich mich in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht hätte.
Dieser Blick, dieser Verhängnisse volle Blick.

Für einen Herzschlag lang war es, als hätte sich die Welt verengt, als gäbe es nur noch uns beide. Treffende Blicke, die mehr sagten als Worte es je könnten, und zwischen uns ein unausgesprochenes Verlangen, unsichtbar und doch so greifbar wie das Schlagen meines eigenen Herzens. Darin lag Hitze. Neugier. Ein unausgesprochenes „Wag es.“

Und ich, der ich sonst Worte finde, wo andere nur Schweigen, stand da wie ein scheues Reh am Waldrand. Einen Schritt vor oder doch zurück ins sichere Dickicht?

Bleiben?
Fliehen?

Mein Verstand flüsterte von Vernunft, von Pflicht, von Berchgard.

Doch mein Herz?

Das schlug wie eine Trommel vor einer Schlacht, die es insgeheim gewinnen wollte.
Nyome war es schließlich, die Kathrina`s Teetasse an sich nahm. Mit der Gelassenheit einer Frau, die schon ganz andere Dinge entlarvt hat, wie auch immer die Magierin erkannte die Wurzel des Problems.

Nymphenwurz.

Wie genau dieses … betörende Gewächs in den Tee gelangt war, bleibt ein Rätsel. Ich versicherte hoch und heilig, dass wir unsere Mischungen einkaufen und es sich um eine Verunreinigung handeln müsse. Ein tragischer Zufall. Ganz gewiss kein dramaturgisch perfektes Missgeschick.

Ich zwang mich schließlich zur Bewegung, langsam, würdevoll, als sei ich Herr meiner selbst.
Doch noch im Wegsehen spürte ich das Nachglühen ihres Blickes auf meiner Haut. Ich brachte Kathrina ein Glas Wasser und öffnete ein Fenster. Die kühle Abendluft strich herein und tat, was sie konnte.

Langsam beruhigte sie sich und ungewohnt bestimmend forderte sie mich auf den Teebestand nachzuprüfen. Was ich ihr natürlich ohne Diskussionen zusicherte. Der Abend war inzwischen weit vorangeschritten. Also tat ich, was sich gehört: Ich schloss das Haus der Künste und geleitete beide zur Kutsche, die sie zurück nach Adoran bringen sollte.

Ich schaute der Kutsche hinterher und sinnierte über den Abend.

Kathrina´s Blick, dieser lodernde Blick …

Er traf mich nicht wie ein Pfeil.
Er traf mich wie ein Blitz.

Und ich wusste:

Ich war ihr entkommen.
Aber nur diesmal.

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Re: Die Kunst liegt im Auge des Betrachters - Das Haus der Künste

Verfasst: Samstag 28. Februar 2026, 23:31
von Julius Kerner
In dem seit Monden nun schon leeren Herrenhaus des zu Dynal sitzt er alleine. Seine Aufgaben sind mager, seine Tätigkeiten auf das Alltägliche beschränkt. Es ist eine Zeit, in der einer seinen Gedanken freien Lauf lassen kann, zu reflektieren, die Vergangenheit passieren zu lassen, zu sehen, woher er kam und wo er steht.

Eine Tinte und eine Feder wollen ihm dabei behilflich sein:


Ich glaubte, im Festen die Ruhe zu finden – und fand im Ruhestand nur neue Unruhe.
Mein Wille und meine Fähigkeiten gehören der Lichtbringerin, diesem Reich, seinem Herrscher, seinen Untertanen, dem Regiment, dem Hause Dynal.
Das möchte ich schreiben, doch mein Wille und meine Fähigkeiten gehören einzig mir, sind an Andere nur geborgt oder geschenkt.


Setzt er unter einem Blatt einer bereits fertigen, schon vor langem verfassten Schrift, gezeichnet durch die Gebrauchtheit des Blattes und der Blassheit der Schwärze des Geschriebenen darauf, gezogen von einem breit ausgelegten Stapel an Büchern und losen Bögen, von unvollendeten Gedichten, Geschichten und mal mehr, oft weniger zusammenhängenden Notizen.

Während das Vorherige sich wie von selbst schrieb, Gedanken waren, die er schon längst auf Papier bringen wollte, waren da noch andere, die sich nicht einfach in Worte fassen lassen wollten. Also fängt er, um jede Zeile ringend, auf einem neuen Blatt an, in der Hoffnung, dass sich am Ende eine grobe Skizze zeigen wird.



Von Allem frei zu sein, in aller Freiheit zu leben, heißt auch, sich der Freiheit aller anderen auszusetzen

Ich möchte mich erinnern an die lang vergangene Zeit, als noch Er und ich es waren.
Es waren keine guten Zeiten, doch mit Ihm waren es leichte.
Geworfen wurden wir in den gleichen Dreck.
Gebadet wurden wir im gleichen Humor.
Benebelt vom gleichen Spiel, vom Trinken, von Freundschaft, von Brüderlichkeit.
Wir verstanden uns als Gleiche, obwohl wir so anders waren.
Er so eloquent, ich so stammelnd, Er so leicht im Gang, ich nur stolpernd.
Er der charmante Scharlatan, der den Vermögenden ganze Wochen nimmt.
Ich nur der simple Beutelschneider, der einem Handwerker das Abendbrot stiehlt.
Er war ein Künstler in so vielen Dingen, von allen Göttern dieser Welt begnadet in Wort, Musik und Schrift.
Ich nur bezaubert davon.
Er hatte stets Pläne, ich nur kleine Ideen.
Er wollte die Welt sehen, ich nur bis zur nächsten Stadt kommen.

Auch wenn ich Ihm diesen nie verzeihen werde, weiß ich heute, woher sein Verrat kam.
Ich werde nie so sein wie er, doch gelernt habe ich einiges, wofür ich Ihm ewig dankbar sein werde.
So komme ich nicht umhin, mich zu fragen, was Er heute reden würde über den, der ich geworden bin.
Wohl würde er mich dafür verachten für meine gewählte vermeintliche Unfreiheit.
Vielleicht aber auch nur darüber in gewohnter Leichtheit witzeln.
Mit Sicherheit kann ich nur sagen, hätte Er schon längst gesehen, was mir erst vor Kurzem klar geworden ist.

Vieles habe ich auf dem Wege hierher verloren.
Das Meiste davon möchte ich nicht wieder.
Für den Rest muss ich nicht zurückgehen, nur eine andere Abzweigung nehmen.


An diesem Abend wird er kein weiteres Wort niederschreiben, die Gedanken dafür sind nicht mehr ruhig genug. Aber zu einem Schluss ist er gekommen, dass er mit einer Entscheidung im Gepäck am folgenden Tage das Haus in Berchgard besuchen wird, das Haus der Künste.

Re: Die Kunst liegt im Auge des Betrachters - Das Haus der Künste

Verfasst: Mittwoch 22. April 2026, 21:22
von Alecia Rundhammer
Sanft streift der Wind über meine Haut, während ich im Garten sitze und das Gewusel vor mir betrachte. Drei Wesen, so verschieden, wie sie es nur sein könnten, und doch bewegen sie sich, als würden sie einem gemeinsamen Takt folgen. Der Hund, ruhig und wachsam. Das Frettchen, flink, verspielt, kaum greifbar in seinen Bewegungen. Und der Hase, vorsichtig, beinahe zögerlich, und doch immer wieder mittendrin.

Sie jagen sich nicht wirklich. Sie fliehen nicht voreinander. Es ist ein ständiges Umkreisen, ein Aufeinandertreffen und wieder Lösen, ohne dass je Unruhe entsteht. Als wären sie keine einzelnen Wesen, sondern Bruchstücke eines Ganzen, die gelernt haben, sich trotz ihrer Unterschiede zu ergänzen. Als hätte man etwas, das einst eins war, in drei Formen geteilt… und dennoch blieb der Zusammenhang bestehen.

Mein Blick folgt ihren Bewegungen, während ich die Knie an meinen Körper ziehe, meine Amre darum schlinge und meinen Kopf ablege. Ein tiefer Atemzug, seufzend, ist zu vernehmen.

Ich sitze noch einige Zeit, während meine Gedanken sich wieder in den wahllos herumflirrenden Bildern in meinem Kopf verirren. Wie ein Künstler welcher das Bild welches er zu erschaffen versucht, durch einzelne, wild gesetzte Pinselstriche zusammenstellt. Doch es funktioniert, hier und da funktioniert es.

Ich habe gelesen. Viel. Seiten um Seiten, Notizen in meiner eigenen Handschrift verfasst, Tagebücher voller Erinnerungen, Trauer, Freude, Liebe, Wut und so vieles mehr an Gefühlen. Alles mit einer eigenen Note und Tiefe versehen, manchmal jedoch auch knapp und sachlich, als hätte eine andere Person sie geschrieben...doch die Handschrift war die selbige. Ich erkenne in manchen Schriften die Struktur, die Gedankenführung, die Art, wie Dinge festgehalten wurden. Aber das Erleben dahinter fehlt. Es ist Wissen ohne Gewicht, doch manchmal bleibt mein Blick hängen und für einen Moment ist da ein Bild, eine Szene, Gesichter die sich formen und mir auf eine bestimmte Art bekannt vorkommen.

Auch die Tage haben wieder eine Form angenommen.

Keine feste, keine vertraute, aber eine, welche mich durch den Tag trägt. Die Tage in der Früh, an denen ich erwache, ohne erst prüfen zu müssen, ob ich noch hier bin. Abende, an denen die Müdigkeit einfach nur Müdigkeit ist und kein langsames Versinken in etwas, das mich zu verschlingen droht. Es ist… einfacher geworden.

Nicht, weil ich mich an alles erinnere, sondern, weil ich gelernt habe, mit dem zu arbeiten, was da ist.

Ich habe aufgehört, allem nachzujagen, es bringt nichts, sich an etwas festhalten zu wollen, das sich entzieht, sobald man es greifen möchte. Also arbeite ich anders. Klarer, direkter. Ich nehme, was da ist, und handle danach, intuitiv und es scheint zu funktionieren. Mein Alltag hat sich gefügt. Wege, die ich gehe, Orte, die ich aufsuche, Gespräche, die ich führe....vieles davon ist mir nicht mehr vertraut im eigentlichen Sinne, aber es ist… nachvollziehbar. Ich erkenne Muster, Zusammenhänge, Abläufe und das reicht derzeit, um mich darin zu bewegen.

Vielleicht war ich früher anders, zögerlicher, verfangener in meinen Gedankengängen und Zweifeln.

Ich kann es nicht sagen. Nur, dass ich es jetzt nicht mehr bin.

Wenn ein Problem vor mir liegt, beginne ich, es zu lösen. Ohne es zuvor in alle Richtungen zu zerdenken. Ohne mich in Möglichkeiten zu verlieren, die sich ohnehin nicht greifen lassen. Es ist ein ruhigeres Arbeiten. Weniger Zweifel. Weniger Widerstand.

Klarer.

Auch mein Spiegelbild wirkt… anders.

Ich habe es verändert. Bewusst. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Notwendigkeit. Das Gesicht, das mir entgegenblickte, war eines, das ich nicht kannte. Also habe ich begonnen, es zu formen. Haare, Kleidung, Haltung. Kleine Entscheidungen, die in Summe etwas ergeben, das sich zumindest nicht mehr fremd anfühlt.

Nicht vertraut.

Aber akzeptabel.

Manchmal, wenn ich innehalte, frage ich mich, ob ich mich damit einem Bild annähere, das ich einmal war… oder ob ich etwas Neues erschaffe. Die Antwort bleibt aus. Also lasse ich die Frage stehen.

Es gibt wichtigere Dinge.

Ich reiße mich aus meinen Gedanken, erhebe mich und gehe ins Haus zurück. Ein Linus hat viele große Kisten und in Tücher gehüllte Bilder in den Raum gestellt, mit einem Zettel versehen auf welchem zu lesen ist:

'Kunstausstellung für den Spieleabend am fünften Tag in diesem Wochenlauf. Bitte im oberen Raum verteilen. Gez. Linus'

Ich vermute das es an mich gerichtet ist, also räume ich um, ich räume alles weg was oben ausgestellt ist und platziere die neuen Kunstwerke. Ein Spieleabend, das könnte herausfordernd werden, vor allem weil ich wohl auch vielen begegnen werde die mich sehr wohl gut kennen. Ein spannender Abend voller neuer erlebter Momente die zu Erinnerungen werden und sich vielleicht, ja vielleicht mit alten verknüpfen....wie schon manchmal geschehen.

Wir werden sehen was der Abend bringt.