Eintrag 16.12.268
Im Laufe der Jahre hatte ich gelernt viele Dinge zu verabscheuen.
Manche ihrer Natur wegen, andere schlicht aus einer impulsiven, störrischen Laune heraus. Erstere bewiesen sich zuweilen im Laufe der Zeit und erlaubten ein sanfteres, gütigeres Urteil, eine Neubewertung. Letztere aber, aus purer Willkür heraus verdammt, würden auf immer einen Platz auf der schwarzen Liste wissen.
Das, so hatte Meister Kandir wieder und wieder gemahnt, war der Pfad von Stolz und Vorurteil. Hätte den alten Mann nicht im Jahre 255 die Schwindsucht dahingerafft, wäre er nun zweifelsohne sehr selbstzufrieden - auf seine widerwärtige, vermeintlich devote Art und Weise.
Ah. Süße Erinnerungen.
Es blieb der Fakt, dass ich Schiffe bereits verachtet hatte, als sich zu dem Begriff nur das Bild eines zurückgeschnitzten Rindenstückes gesellte. Bucheneck, das auf seinem Wappen stolz zwei gekreuzte Flüsse über einer Brücke präsentierte, konnte zwar mit Fug und Recht behaupten an gleich zwei der größeren und damit wichtigeren Flüsse der Baronie - heute Reichsprovinz - Weidenheim zu stehen. Wenngleich technisch nicht falsch, erweckte das Wappen einen Anspruch der beim Anblick der winzigen Bäche zwangsläufig enttäuscht werden musste.
Es versteht sich von selbst, dass Bucheneck weder Hafen noch Schiffe sein eigen nannte, selbst die Brücke war kaum groß genug, um mehr als einer Ratte Unterschlupf zu bieten. Und natürlich gab es auch keine Buchen mehr: Deren Letzte laut einer in den Dorfbrunnen eingelassenen Plakette bereits im Sommer 219 gefällt für den Fortschritt und den alsbaldigen Sieg, Alatar befiehlt!
Ich erinnere mich als wäre es gestern, an das Gefühl von Freiheit und Aufbruch an jenem Tag als ich Bucheneck den Rücken kehrte, mein Ranzen geschnürt, den Stecken in der Hand und bereit für das große Abenteuer namens Baerweid, gut einen Tagesmarsch entfernt. Dort, so hatte mein Vater es zäh erhandelt, würde ich ein solides Handwerk erlernen, nachdem ich für seine eigene Profession - die des Schuhmachers - wenig Talent gezeigt hatte.
Das Schicksal sollte es anders wollen.
Und wirklich, ich trug einen kaum nennenswerten Anteil an Schuld daran.
Zuviele Irrwege seitdem. Zuviele Enttäuschungen. Andere hätte vielleicht Weisheit daraus gelernt. Aber ein Mann ist nicht ein Mann, wenn er nicht bereit ist, sich den Schädel an einer Wand einzuschlagen. Kompromisse sind Schwäche. Einsicht ist Verblendung. Und Sturrheit die letzte Tugend der Hoffnungslosen und Verzweifelten.
Dieses verdammte Geschaukel bringt das Schlimmste in mir hervor.
Mein erstes richtiges Schiff sollte ich erst während einer späteren Reise nach Bärentrutz sehen - ein tief liegender unförmiger Kasten, stromaufwärts getreidelt von unglücklichen Tagelöhnern, die ich spöttisch verlachte ohne zu ahnen, dass ich schon bald einer von ihnen sein würde. Ich war bereits genug fortgeschritten in meiner Lehre um die Details zu wertschätzen: Die Biegung der Planken, das verdickte Heck, der umklappbare Mast. Aber die Vorstellung zwischen diesen hölzernen Wänden eingepfercht zu sein, blind den Launen des Wassers anvertraut? Die Vorstellung ließ mich schaudern.
Das Wasser gehörte Fischen und Enten und ein Mann hielt sich davon fern, wenn er nur Würde hatte.
Und nun Gerimor. Gerade richtig um den Kopf unten zu halten, zurückgelassene Konflikte abkühlen zu lassen, bis allzu frischer Groll verblasste, bestimmte Schulden in Vergessenheit gerieten. Und gewiss stand auch hier jeden Tag irgendwo ein Dummer auf. Jetzt, im erbärmlich schwankenden Bauch der "Windgespielin", umgeben vom stetigen Lärm eines halben Hunderts weiterer Passagiere fühlte ich mich wie der sprichwörtliche Narr.
Auch das nicht zum ersten - und gewiss nicht zum letzten Mal.
Notizen eines Unbelehrbaren
- Luhan Feilscher
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- Luhan Feilscher
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Re: Notizen eines Unbelehrbaren
Eintrag 17.12.268
Solange ich mich zurückerinnern kann, stand ich immer im Schatten meines Bruders.
Nicht Luon, der Älteste, dessen Gesicht im Laufe der Zeit zu einem unscharfen Fleck verschwommen ist. Auch wenn die Details verblasst sind, ist der Kern unverändert: Er ragt über mir auf, eine stille, blasse Gestalt, vollkommen anders als die raumnehmende Präsenz Lerons.
Leron. Der goldene Junge.
Ein Jahr nach mir geboren, gerade zu Beginn des Frühlings, aber er schloß den Unterschied binnen weniger Jahre und danach war es .. schwierig. Das Heranwachsen war geprägt von einer stetigen Konkurrenz, nach Herzen gefördert durch die Erwachsenen, amüsant in erster Linie dadurch, wie oft der Ältere den Kürzeren dabei zog. Damals schien es mir, als wäre Leron alles, was ich nicht war: Geschickt. Begabt. Beliebt. Selbst Meister Kandir benutzte ihn gern während seiner ausschweifenden Predigten als Beispiel für das uns allen anempfohlene Streben nach Perfektion, nach den persönlichen Grenzen.
Buckeneck war zu klein für einen echter Priester, zu abgelegen und unwichtig in einer sich rapide entwickelnden Region. Was einmal als kleiner Weiler von Köhlern begonnen hatte, stand nun umgeben von Weideland und Acker. Unaufhaltsamer Fortschritt zum Wohle und auf Geheiss des Einen.
Luons Tod, so absehbar wie unvermeidlich in den Monaten des strengen Winters von 242, zementierte nur, dass Leron einmal das Erbe meines Vaters antreten und die Schusterwerkstatt übernehmen würde, geflissentlich unterstützt von all seinen Geschwistern. Nun, zumindest von seinen Schwestern - unser Verhältnis blieb stetig von Kämpfen geprägt, von einer Konkurrenz, die für mich bitterer Ernst war.
Ich kann die Gelegenheiten an einer Hand abzählen, an denen ich meinem jüngeren Bruder tatsächlich Paroli bieten konnte und sie alle sind geschätzte, behütete Erinnerungen. Trotz aller Tricks und Kniffe blieb er mir immer ein paar Schritte voraus.
Und dann: die große Enttäuschung. Das kleine Dorf war nicht groß genug für Lerons Ego, die niedrige Werkstatt zu beengend für seine Ambitionen. Das hätte es sein können: Ein Abschied für immer.
Natürlich nicht.
Solange ich mich zurückerinnern kann, stand ich immer im Schatten meines Bruders.
Nicht Luon, der Älteste, dessen Gesicht im Laufe der Zeit zu einem unscharfen Fleck verschwommen ist. Auch wenn die Details verblasst sind, ist der Kern unverändert: Er ragt über mir auf, eine stille, blasse Gestalt, vollkommen anders als die raumnehmende Präsenz Lerons.
Leron. Der goldene Junge.
Ein Jahr nach mir geboren, gerade zu Beginn des Frühlings, aber er schloß den Unterschied binnen weniger Jahre und danach war es .. schwierig. Das Heranwachsen war geprägt von einer stetigen Konkurrenz, nach Herzen gefördert durch die Erwachsenen, amüsant in erster Linie dadurch, wie oft der Ältere den Kürzeren dabei zog. Damals schien es mir, als wäre Leron alles, was ich nicht war: Geschickt. Begabt. Beliebt. Selbst Meister Kandir benutzte ihn gern während seiner ausschweifenden Predigten als Beispiel für das uns allen anempfohlene Streben nach Perfektion, nach den persönlichen Grenzen.
Buckeneck war zu klein für einen echter Priester, zu abgelegen und unwichtig in einer sich rapide entwickelnden Region. Was einmal als kleiner Weiler von Köhlern begonnen hatte, stand nun umgeben von Weideland und Acker. Unaufhaltsamer Fortschritt zum Wohle und auf Geheiss des Einen.
Luons Tod, so absehbar wie unvermeidlich in den Monaten des strengen Winters von 242, zementierte nur, dass Leron einmal das Erbe meines Vaters antreten und die Schusterwerkstatt übernehmen würde, geflissentlich unterstützt von all seinen Geschwistern. Nun, zumindest von seinen Schwestern - unser Verhältnis blieb stetig von Kämpfen geprägt, von einer Konkurrenz, die für mich bitterer Ernst war.
Ich kann die Gelegenheiten an einer Hand abzählen, an denen ich meinem jüngeren Bruder tatsächlich Paroli bieten konnte und sie alle sind geschätzte, behütete Erinnerungen. Trotz aller Tricks und Kniffe blieb er mir immer ein paar Schritte voraus.
Und dann: die große Enttäuschung. Das kleine Dorf war nicht groß genug für Lerons Ego, die niedrige Werkstatt zu beengend für seine Ambitionen. Das hätte es sein können: Ein Abschied für immer.
Natürlich nicht.
- Luhan Feilscher
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Re: Notizen eines Unbelehrbaren
Eintrag 18.12.268
Zugegeben: Vor dieser etwas überhastet angetretenen Reise hatte ich den Namen "Gerimor" noch nie bewusst wahrgenommen. Das war vermutlich weniger die Schuld dieser wunderhübschen Insel und ihrer ganz gewiss bezaubernden Einwohner und viel mehr meiner eigenen Ignoranz und mürrischem Desinteresse geschuldet, aber Fakt ist, dass die Ankunft der "Windgespielin" im Hafen von Bajard einen nur geringen Eindruck hinterließ - zunächst zumindest.
Ich hatte sicherlich nicht vor in irgendeinem Kaff von Bord zu gehen, die mächtigen Mauern Rahals waren sehr viel mehr nach meinem Geschmack, als eine traurige Ansammlung von Hüten um einen armseligen Hafen mit dem pittoresken Namen "Bajard".
Bajard.
Ich wußte, dass der Ärger mich wieder einmal gefunden hatte, als der Erste Steuermann der "Windgespielin" neben mich trat, die Ellebogen auf die Reling des Schiffes stützend und mit unverkennbarer Selbstzufriedenheit zusah, wie verschiedene Ladung gelöscht wurde. Die einfachen Matrosen waren damit beschäftigt Säcke und Kisten von Bord zu schleppen, stetig begleitet von anfeuernden Drohungen, Beschwörungen und Lobpreisungen eines der Offiziere. Die allermeisten Passagiere hatten das Schiff zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen und erkundeten die überschaubaren Versprechungen Bajards mit einem Glanz von Hoffnung und Neugierde in den Augen, bereit das Beste aus ihrem Schicksal zu machen.
Idioten. Einer wie der Andere.
Mein eigenes Gepäck war nicht der Rede wert, nur dass, was ich hatte zusammenraffen können bei meinem eiligen Abgang. Die schmalen Münzen hatten sich während der Überfahrt auf geradezu wundersame Art und Weise vermehrt - an manchen Tagen waren mir die Karten einfach hold - und erst am letzten Abend hatte der Erste Steuermann einen gewiss nicht unbeträchtlichen Teil seiner Heuer an mich verloren.
"Wir fahren weiter sobald die Ladung gelöscht ist?"
Ich vermute er konnte die Anspannung in meiner Frage hören, denn die erste Antwort war ein dünnes, mir nur zu vertrautes Lächeln. Nein, dieser hier war kein grosszügiger Verlierer.
"Wir fahren weiter. Aber der Preis für die Fahrt nach Rahal hat sich erhöht."
Er ließ mir eben genug Zeit um diese Ansage zu verdauen, bevor er auch schon nachsetzte.
"Jeder gewinnt einmal, jeder verliert einmal. Das ist wie es ist. Aber nicht, wenn nachgeholfen wird. Wo ich herkomme, werden solche wie du geteert und gefedert. Nicht nur zur Abschreckung, sondern auch damit wir etwas zu lachen haben."
Vielleicht hätte ich eine Szene machen sollen. Mich in die Brust werfen und Empörung demonstrieren in der gekränkten Ereiferung eines ebenso ehrlichen wie aufrechten Mannes. Aber das Funkeln in den Augen meines Nachbarn verriet mir, dass er nur darauf wartete. Also nickte ich einfach wie ein Gaunern zum anderen. Vielleicht war Bajard gar nicht so übel.
Noch später an diesem Abend, lange nachdem die "Windgespielin" ihren Anker gelichtet und wieder in See gestochen war, bereute ich meinen Entschluss bereits. Dass ich in Bajard keine Wurzeln schlagen würde, war klar, dass es keine Unterkunft gab, die ich mir leisten konnte, folgte als allzu rasche Erkenntnis.
"Wir fahren nach Adoran um dort neu anzufangen. Ihr seid gern eingeladen uns zu begleiten. Eine Gruppe ist immer sicherer als ein Einzelner."
Das Lächeln der Mittdreissigerin wirkte aufrichtig, ich erinnere mich dunkel sie auch während der Überfahrt schon einmal im Bauch der "Windgespielin" gesehen zu haben - als Teil eines ganzen Pulks, von dem ich mich grösstenteils ferngehalten hatte. Keine Freunde des Kartenspiels, soviel war deutlich gewesen. Aber in Anbetracht der Umstände war irgendeine Gesellschaft besser als im Dunkeln zu frieren.
So fand ich mich dann in einem rumpelnden Wagen wieder, ließ mich von missmutigen Maultieren durch eine nächtliche, mir unbekannte Landschaft ziehen. Keine Beschwerden für den Moment: Der Kopf meiner dösenden Nachbarin war irgendwann auf meine Schulter gekippt und auch wenn sie nun leicht auf den mitgenommenen Stoff meiner Jacke sabberte, machte ihr warmer, gegen meinen Arm gepresster Busen dieses Manko wieder ausreichend wett.
Auf eigenwillig irreale Weise war das vertraut, wie die Wiederholung einer Szene von vor einigen Jahren. Auch damals war ich auf der Flucht gewesen, in einem ganz ähnlichen, aber noch dichter bepacktem Wagen: Die letzte Szene eines halbjährigen Aufenthalts in Baerweids.
Und ehe ich es mich versah, kehrten die Gedanken zu diesem Abschnitt meines Lebens zurück:
Ursprünglich war Baerweid nur ein weiterer Versuch gewesen in einem Handwerk Fuß zu fasse, dieses Mal unter der Obhut eines Großonkels, der mich mit klarem Widerwillen akzeptiert hatte. Der Mann war wie ein Fremder für mich, das Gesicht bestenfalls vage vertraut von der Jahre zurückliegenden Eheschliessung Laris, die seitdem mit dem Enthusiasmus eines unterforderten Karnickels jedes Jahr ein weiteres Kind aus sich herauspresste.
Hannes Sachender war ein vertrockneter alter Mann, der seine Werkstatt nur noch als Gefallen für Freunde betrieb und ansonsten mit zusammengekniffenem Adlerauge über seinen missratenen Nachwuchs wachte - allesame liebenswerte Halunken, mit denen ich viele kurzweilige Stunden teilen sollte. Ich besaß, wie er mir nach einigen Wochen mürrisch zugestand, wenigstens einen Funken von Talent, wenngleich meine Verachtung für die einfachen Dinge ihn schlicht zum Wahnsinn trieb.
Die Dinge wurden interessant, als Hannes aus dem Altenteil zurück in den Dienst gerufen wurde. Die Kormins ragten wie ein Schatten über Bärweid, Schutzherren und Geißel zu gleichen Teilen: Der Vater und Hausherr, Eamon Kormin, natürlich Offizier der Armee, akzeptierte nur das Beste, was die abgelegene Provinz zu bieten hatte und das erlaubte mir die Ehre gleich neben Hannes Sachender vor ihm zu buckeln. Die Täfelung des Jagdzimmers war zu erneuern, es brauchte eine ganze Anzahl dazu passender Schränke und Vitrinen um die großen Errungenschaften der Familie mit der Welt zu teilen.
Kein Lächeln als der Mann seine Anforderungen so präzise darlegte, als hätte er sie vorab niedergeschrieben und dann vor einem Spiegel zu rezitieren gelernt - ich war aufrichtig beindruckt von so viel fehlgeleiteter Zielstrebigkeit.
Demütige Akzeptanz war die einzig korrekte Antwort und das sorgte dafür, dass das weitläufige Anwesen in den kommenden Monaten mein nahezu ausschliesslicher Arbeitsort werden würde.
Es war .. eine interessante Erfahrung: Das ganze Haus lebte und atmete nach den Gezeiten des Hausherren, eingeschüchtert und still, wie Schatten, wie der im Winter erstarrte Traum von Leben in vergeblicher Hoffnung auf den Beginn des Frühlings. Ich erinnere mich vage, dass es einen ältesten Sohn gab, der sich alle Mühe gab - vergeblich - die herrische Arroganz seines Vaters zu imitieren, dann einen verschollenen Jüngeren, über den jedoch nie gesprochen wurde. Eine Tochter noch, bei der ich mich bisweilen fragte, ob sie jemals vergessen würde zu atmen. Traurig. Aber nicht mein Bier: Ich war hier um zu arbeiten und ausnahmsweise war ich entschlossen nicht zu scheitern. Nicht dieses Mal.
Vor allem eines der Dienstmädchen der Kormins hatte es mir angetan: Drall und keck, haselnussbraunes Haar, viel zu lebhaft für diesen Haushalt, was zweifelsohne der Grund war, warum sie wieder und wieder zur Disziplinierung vor den Hausherren gerufen wurde. Ich erinnere mich an ihr Lachen: Immer ganz dunkel beginnend, bevor es mit einem Glucksen kippte und zu einem haltlosen Kichern wurde.
Ich will gern behaupten, dass wir uns näher kamen. Bis die Morgenübelkeit begann. Zugegeben: Ich war schon immer etwas langsam gewesen, aber nicht soo langsam und ich hatte genug Erfahrung gesammelt um zu wissen, dass ein paar nette Worte, geflüsterte Verheissungen und gehaltene Händchen nicht dazu führten. Es sollte keine Rolle spielen: Eamon Kormin, der gestrenge Herr und Meister dieses Hauses, konnte nicht einfach akzeptieren, dass ein Mitglied seiner Dienerschaft geschwängert worden war, noch dazu von einem nichtsnutzigen Taugenichts, der Schande über ihn, seine Familie, diese Haus, die Ortschaft Baerweid und gleich das ganze alatarische Reich mit seiner ungezügelten Lust gebracht hatte und nach der ersten Tirade vor den Augen des eigens zu diesem Zweck versammelten Haushalts, war für mich klar, dass ich keine Nacht länger hier bleiben würde.
Während der Offizier noch von Pflichten und Verantwortung sprach, schmiedete ich bereits meine Fluchtpläne. Zwei Stunden später blieb Baerweid schon hinter mir zurück, der rumpelnde Wagen ganz ähnlich dem von Heute.
Eigenartig wie manche Dinge in der Erinnerung blasser wurden.
Zugegeben: Vor dieser etwas überhastet angetretenen Reise hatte ich den Namen "Gerimor" noch nie bewusst wahrgenommen. Das war vermutlich weniger die Schuld dieser wunderhübschen Insel und ihrer ganz gewiss bezaubernden Einwohner und viel mehr meiner eigenen Ignoranz und mürrischem Desinteresse geschuldet, aber Fakt ist, dass die Ankunft der "Windgespielin" im Hafen von Bajard einen nur geringen Eindruck hinterließ - zunächst zumindest.
Ich hatte sicherlich nicht vor in irgendeinem Kaff von Bord zu gehen, die mächtigen Mauern Rahals waren sehr viel mehr nach meinem Geschmack, als eine traurige Ansammlung von Hüten um einen armseligen Hafen mit dem pittoresken Namen "Bajard".
Bajard.
Ich wußte, dass der Ärger mich wieder einmal gefunden hatte, als der Erste Steuermann der "Windgespielin" neben mich trat, die Ellebogen auf die Reling des Schiffes stützend und mit unverkennbarer Selbstzufriedenheit zusah, wie verschiedene Ladung gelöscht wurde. Die einfachen Matrosen waren damit beschäftigt Säcke und Kisten von Bord zu schleppen, stetig begleitet von anfeuernden Drohungen, Beschwörungen und Lobpreisungen eines der Offiziere. Die allermeisten Passagiere hatten das Schiff zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen und erkundeten die überschaubaren Versprechungen Bajards mit einem Glanz von Hoffnung und Neugierde in den Augen, bereit das Beste aus ihrem Schicksal zu machen.
Idioten. Einer wie der Andere.
Mein eigenes Gepäck war nicht der Rede wert, nur dass, was ich hatte zusammenraffen können bei meinem eiligen Abgang. Die schmalen Münzen hatten sich während der Überfahrt auf geradezu wundersame Art und Weise vermehrt - an manchen Tagen waren mir die Karten einfach hold - und erst am letzten Abend hatte der Erste Steuermann einen gewiss nicht unbeträchtlichen Teil seiner Heuer an mich verloren.
"Wir fahren weiter sobald die Ladung gelöscht ist?"
Ich vermute er konnte die Anspannung in meiner Frage hören, denn die erste Antwort war ein dünnes, mir nur zu vertrautes Lächeln. Nein, dieser hier war kein grosszügiger Verlierer.
"Wir fahren weiter. Aber der Preis für die Fahrt nach Rahal hat sich erhöht."
Er ließ mir eben genug Zeit um diese Ansage zu verdauen, bevor er auch schon nachsetzte.
"Jeder gewinnt einmal, jeder verliert einmal. Das ist wie es ist. Aber nicht, wenn nachgeholfen wird. Wo ich herkomme, werden solche wie du geteert und gefedert. Nicht nur zur Abschreckung, sondern auch damit wir etwas zu lachen haben."
Vielleicht hätte ich eine Szene machen sollen. Mich in die Brust werfen und Empörung demonstrieren in der gekränkten Ereiferung eines ebenso ehrlichen wie aufrechten Mannes. Aber das Funkeln in den Augen meines Nachbarn verriet mir, dass er nur darauf wartete. Also nickte ich einfach wie ein Gaunern zum anderen. Vielleicht war Bajard gar nicht so übel.
Noch später an diesem Abend, lange nachdem die "Windgespielin" ihren Anker gelichtet und wieder in See gestochen war, bereute ich meinen Entschluss bereits. Dass ich in Bajard keine Wurzeln schlagen würde, war klar, dass es keine Unterkunft gab, die ich mir leisten konnte, folgte als allzu rasche Erkenntnis.
"Wir fahren nach Adoran um dort neu anzufangen. Ihr seid gern eingeladen uns zu begleiten. Eine Gruppe ist immer sicherer als ein Einzelner."
Das Lächeln der Mittdreissigerin wirkte aufrichtig, ich erinnere mich dunkel sie auch während der Überfahrt schon einmal im Bauch der "Windgespielin" gesehen zu haben - als Teil eines ganzen Pulks, von dem ich mich grösstenteils ferngehalten hatte. Keine Freunde des Kartenspiels, soviel war deutlich gewesen. Aber in Anbetracht der Umstände war irgendeine Gesellschaft besser als im Dunkeln zu frieren.
So fand ich mich dann in einem rumpelnden Wagen wieder, ließ mich von missmutigen Maultieren durch eine nächtliche, mir unbekannte Landschaft ziehen. Keine Beschwerden für den Moment: Der Kopf meiner dösenden Nachbarin war irgendwann auf meine Schulter gekippt und auch wenn sie nun leicht auf den mitgenommenen Stoff meiner Jacke sabberte, machte ihr warmer, gegen meinen Arm gepresster Busen dieses Manko wieder ausreichend wett.
Auf eigenwillig irreale Weise war das vertraut, wie die Wiederholung einer Szene von vor einigen Jahren. Auch damals war ich auf der Flucht gewesen, in einem ganz ähnlichen, aber noch dichter bepacktem Wagen: Die letzte Szene eines halbjährigen Aufenthalts in Baerweids.
Und ehe ich es mich versah, kehrten die Gedanken zu diesem Abschnitt meines Lebens zurück:
Ursprünglich war Baerweid nur ein weiterer Versuch gewesen in einem Handwerk Fuß zu fasse, dieses Mal unter der Obhut eines Großonkels, der mich mit klarem Widerwillen akzeptiert hatte. Der Mann war wie ein Fremder für mich, das Gesicht bestenfalls vage vertraut von der Jahre zurückliegenden Eheschliessung Laris, die seitdem mit dem Enthusiasmus eines unterforderten Karnickels jedes Jahr ein weiteres Kind aus sich herauspresste.
Hannes Sachender war ein vertrockneter alter Mann, der seine Werkstatt nur noch als Gefallen für Freunde betrieb und ansonsten mit zusammengekniffenem Adlerauge über seinen missratenen Nachwuchs wachte - allesame liebenswerte Halunken, mit denen ich viele kurzweilige Stunden teilen sollte. Ich besaß, wie er mir nach einigen Wochen mürrisch zugestand, wenigstens einen Funken von Talent, wenngleich meine Verachtung für die einfachen Dinge ihn schlicht zum Wahnsinn trieb.
Die Dinge wurden interessant, als Hannes aus dem Altenteil zurück in den Dienst gerufen wurde. Die Kormins ragten wie ein Schatten über Bärweid, Schutzherren und Geißel zu gleichen Teilen: Der Vater und Hausherr, Eamon Kormin, natürlich Offizier der Armee, akzeptierte nur das Beste, was die abgelegene Provinz zu bieten hatte und das erlaubte mir die Ehre gleich neben Hannes Sachender vor ihm zu buckeln. Die Täfelung des Jagdzimmers war zu erneuern, es brauchte eine ganze Anzahl dazu passender Schränke und Vitrinen um die großen Errungenschaften der Familie mit der Welt zu teilen.
Kein Lächeln als der Mann seine Anforderungen so präzise darlegte, als hätte er sie vorab niedergeschrieben und dann vor einem Spiegel zu rezitieren gelernt - ich war aufrichtig beindruckt von so viel fehlgeleiteter Zielstrebigkeit.
Demütige Akzeptanz war die einzig korrekte Antwort und das sorgte dafür, dass das weitläufige Anwesen in den kommenden Monaten mein nahezu ausschliesslicher Arbeitsort werden würde.
Es war .. eine interessante Erfahrung: Das ganze Haus lebte und atmete nach den Gezeiten des Hausherren, eingeschüchtert und still, wie Schatten, wie der im Winter erstarrte Traum von Leben in vergeblicher Hoffnung auf den Beginn des Frühlings. Ich erinnere mich vage, dass es einen ältesten Sohn gab, der sich alle Mühe gab - vergeblich - die herrische Arroganz seines Vaters zu imitieren, dann einen verschollenen Jüngeren, über den jedoch nie gesprochen wurde. Eine Tochter noch, bei der ich mich bisweilen fragte, ob sie jemals vergessen würde zu atmen. Traurig. Aber nicht mein Bier: Ich war hier um zu arbeiten und ausnahmsweise war ich entschlossen nicht zu scheitern. Nicht dieses Mal.
Vor allem eines der Dienstmädchen der Kormins hatte es mir angetan: Drall und keck, haselnussbraunes Haar, viel zu lebhaft für diesen Haushalt, was zweifelsohne der Grund war, warum sie wieder und wieder zur Disziplinierung vor den Hausherren gerufen wurde. Ich erinnere mich an ihr Lachen: Immer ganz dunkel beginnend, bevor es mit einem Glucksen kippte und zu einem haltlosen Kichern wurde.
Ich will gern behaupten, dass wir uns näher kamen. Bis die Morgenübelkeit begann. Zugegeben: Ich war schon immer etwas langsam gewesen, aber nicht soo langsam und ich hatte genug Erfahrung gesammelt um zu wissen, dass ein paar nette Worte, geflüsterte Verheissungen und gehaltene Händchen nicht dazu führten. Es sollte keine Rolle spielen: Eamon Kormin, der gestrenge Herr und Meister dieses Hauses, konnte nicht einfach akzeptieren, dass ein Mitglied seiner Dienerschaft geschwängert worden war, noch dazu von einem nichtsnutzigen Taugenichts, der Schande über ihn, seine Familie, diese Haus, die Ortschaft Baerweid und gleich das ganze alatarische Reich mit seiner ungezügelten Lust gebracht hatte und nach der ersten Tirade vor den Augen des eigens zu diesem Zweck versammelten Haushalts, war für mich klar, dass ich keine Nacht länger hier bleiben würde.
Während der Offizier noch von Pflichten und Verantwortung sprach, schmiedete ich bereits meine Fluchtpläne. Zwei Stunden später blieb Baerweid schon hinter mir zurück, der rumpelnde Wagen ganz ähnlich dem von Heute.
Eigenartig wie manche Dinge in der Erinnerung blasser wurden.
- Luhan Feilscher
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Re: Notizen eines Unbelehrbaren
Eintrag 21.12.2025
Die allzu frommen Pilger auf der Suche nach einem Neuanfang in Adoran hatte ich rasch nach der Ankunft abwimmeln können, meine eigene Sehnsucht mich diesen Mauern ohne Weiteres anzuvertrauen war .. überaus gering und ein seltener Anflug gesunden Menschenverstandes warnte mich davor allzu offensichtlich Erkundigungen einzuziehen, wie ich am Besten in den Westen der Insel gelangen würde.
Sich einfach durchschlagen - das war die einfachste und offensichtlichste Antwort, bis ich unangenehm mit der Realität Bekanntschaft schloss: Der Winter hielt die Insel fest in den Krallen, dichter Schnee bedeckte die Landschaft abseits der Straßen und jene wiederum wurden von marodierenden Banditen unsicher gemacht, die nur auf einzelne, ungerüstete Reisende warteten.
Und ich war schlicht nicht für diese Witterung ausgerüstet, nicht mehr als ein hungriger Tagelöhner mit schon fast auseinanderfallenden Stiefeln, der das Kinn trotzig gegen den Wind stemmte, die Augen zusammenkniff und das Schicsal verfluchte. Ich hatte nicht einmal Werkzeuge bei mir und mein charmantes Lächeln hatte seit jeher eher getaugt jemanden in die Flucht zu schlagen, als mitleidige Hilfsbereitschaft zu erwecken.
Mein Bruder, dessen war ich mir gewiss, während ich in das aufkommende Schneetreiben blinzelte, hätte schon am ersten Abend neue Freundchaften geschlossen, seine Tüchtigkeit, Zuverlässigkeit und Loyalität bewiesen. Aufrichtig. Fähig. Einnehmend. Der Gedanke allein trieb mir die Galle hoch.
Mehr als zwei Jahre waren seit unserem letzten Zusammentreffen vergangen, aber der Ärger war nicht geringer geworden, hatte geschwärt wie eine viel zu lange ignorierte Wunde. Ich wünschte der Zorn würde mich wenigstens erwärmen, aber das Gegenteil schien der Fall: Die Bitterkeit war eher geeignet mir noch die letzte verbliebene Wärme aus den Fingern zu saugen und ich war heilfroh, als sich endlich die Umrisse von Häusern aus dem Schneegestöber schälten.
Hierhin hatte ein im Schnee stecken gebliebener Kutscher mich verwiesen mit der Bitte Hilfe zu schicken um ein gebrochenes Rad zu reparieren, während der arme Hund selbst ausharren und die Ladung bewachen musste - etwas, was ich gewiss nicht getan hätte.
Aber das war nicht der einzige Hinweis gewesen: Am Rande dieser Siedlung sollte es einen Krämerladen geben, in dem ich zumindest eine alte Jacke und ein paar festere Stiefel bekommen würde, finanziert von der restlichen, auf dem Schiff gemachten Beute und der Münze, die der müde Kutscher mir zugesteckt hatte.
Ich machte meine Meldung bei einer frierenden Wache. Selbst wenn es keine brauchbare und für mich finanzierbare Auswahl geben sollte, würde ich mich im Laden zumindest aufwärmen können. Und das war bereits die ungefähre Gesamtheit meiner Erwartungen.
Jetzt, am Nachmittag eines neuen Tages, hatte ich Zeit nachzudenken: Über Möglichkeiten. Über Launen des Schicksals oder absurde Zufälle.
Fünf Jahre zuvor hatte ich Baerweid in Schimpf und Schande verlassen. Und hier, im tiefsten Hinterland der abgelegensten Provinz stolperte ich in einer Krämerhütte abseits über ein vertrautes Gesicht. Zugegeben: "Vertraut" ist nicht ganz das richtige Wort, aber etwas am Gebaren, an der Haltung, an der zurückhaltenden, geradezu demütigen Einsilbigkeit zupfte an längst verblassten Erinnerungen: Kormins Tochter. Ausgerechnet. Und, wie sie später behauptete, in Gesellschaft ihrer Brüder - eine allzu durchsichtige Lüge.
Aber für den Moment war ich es zufrieden mitzuspielen: Alles um der ungewissen Kälte des Winters zu entkommen und das nonchalante Angebot machte deutlich, dass sie sich ihrer Lage nur allzu bewusst war. Obdach und Verpflegung gegen den Dienst einfacher Arbeit? Jederzeit! Zumindest bis zum Einsetzen des Frühlings.
Aber in Gedanken arbeitete ich bereits an lukrativeren Möglichkeiten. Ihr Vater war nicht die Art von Mensch, der akzeptieren würde, dass seine Tochter, sein Besitz, einfach im Feindesland hauste. Und wenn ich meine Karten nur geschickt spielte, konnte ich den aufgeblasenen Offizier vermutlich um die eine oder andere Münze erleichtern, letztlich vielleicht sogar ein halbes Vermögen machen mit dem Angebot die aufsässige Tochter gut verschnürt und nur leicht beschädigt nach Baerweid zurückzuschleifen.
Der Gedanke wärmte mein Herz. Vielleicht war das Glück ja doch einmal auf meiner Seite.
Die allzu frommen Pilger auf der Suche nach einem Neuanfang in Adoran hatte ich rasch nach der Ankunft abwimmeln können, meine eigene Sehnsucht mich diesen Mauern ohne Weiteres anzuvertrauen war .. überaus gering und ein seltener Anflug gesunden Menschenverstandes warnte mich davor allzu offensichtlich Erkundigungen einzuziehen, wie ich am Besten in den Westen der Insel gelangen würde.
Sich einfach durchschlagen - das war die einfachste und offensichtlichste Antwort, bis ich unangenehm mit der Realität Bekanntschaft schloss: Der Winter hielt die Insel fest in den Krallen, dichter Schnee bedeckte die Landschaft abseits der Straßen und jene wiederum wurden von marodierenden Banditen unsicher gemacht, die nur auf einzelne, ungerüstete Reisende warteten.
Und ich war schlicht nicht für diese Witterung ausgerüstet, nicht mehr als ein hungriger Tagelöhner mit schon fast auseinanderfallenden Stiefeln, der das Kinn trotzig gegen den Wind stemmte, die Augen zusammenkniff und das Schicsal verfluchte. Ich hatte nicht einmal Werkzeuge bei mir und mein charmantes Lächeln hatte seit jeher eher getaugt jemanden in die Flucht zu schlagen, als mitleidige Hilfsbereitschaft zu erwecken.
Mein Bruder, dessen war ich mir gewiss, während ich in das aufkommende Schneetreiben blinzelte, hätte schon am ersten Abend neue Freundchaften geschlossen, seine Tüchtigkeit, Zuverlässigkeit und Loyalität bewiesen. Aufrichtig. Fähig. Einnehmend. Der Gedanke allein trieb mir die Galle hoch.
Mehr als zwei Jahre waren seit unserem letzten Zusammentreffen vergangen, aber der Ärger war nicht geringer geworden, hatte geschwärt wie eine viel zu lange ignorierte Wunde. Ich wünschte der Zorn würde mich wenigstens erwärmen, aber das Gegenteil schien der Fall: Die Bitterkeit war eher geeignet mir noch die letzte verbliebene Wärme aus den Fingern zu saugen und ich war heilfroh, als sich endlich die Umrisse von Häusern aus dem Schneegestöber schälten.
Hierhin hatte ein im Schnee stecken gebliebener Kutscher mich verwiesen mit der Bitte Hilfe zu schicken um ein gebrochenes Rad zu reparieren, während der arme Hund selbst ausharren und die Ladung bewachen musste - etwas, was ich gewiss nicht getan hätte.
Aber das war nicht der einzige Hinweis gewesen: Am Rande dieser Siedlung sollte es einen Krämerladen geben, in dem ich zumindest eine alte Jacke und ein paar festere Stiefel bekommen würde, finanziert von der restlichen, auf dem Schiff gemachten Beute und der Münze, die der müde Kutscher mir zugesteckt hatte.
Ich machte meine Meldung bei einer frierenden Wache. Selbst wenn es keine brauchbare und für mich finanzierbare Auswahl geben sollte, würde ich mich im Laden zumindest aufwärmen können. Und das war bereits die ungefähre Gesamtheit meiner Erwartungen.
Jetzt, am Nachmittag eines neuen Tages, hatte ich Zeit nachzudenken: Über Möglichkeiten. Über Launen des Schicksals oder absurde Zufälle.
Fünf Jahre zuvor hatte ich Baerweid in Schimpf und Schande verlassen. Und hier, im tiefsten Hinterland der abgelegensten Provinz stolperte ich in einer Krämerhütte abseits über ein vertrautes Gesicht. Zugegeben: "Vertraut" ist nicht ganz das richtige Wort, aber etwas am Gebaren, an der Haltung, an der zurückhaltenden, geradezu demütigen Einsilbigkeit zupfte an längst verblassten Erinnerungen: Kormins Tochter. Ausgerechnet. Und, wie sie später behauptete, in Gesellschaft ihrer Brüder - eine allzu durchsichtige Lüge.
Aber für den Moment war ich es zufrieden mitzuspielen: Alles um der ungewissen Kälte des Winters zu entkommen und das nonchalante Angebot machte deutlich, dass sie sich ihrer Lage nur allzu bewusst war. Obdach und Verpflegung gegen den Dienst einfacher Arbeit? Jederzeit! Zumindest bis zum Einsetzen des Frühlings.
Aber in Gedanken arbeitete ich bereits an lukrativeren Möglichkeiten. Ihr Vater war nicht die Art von Mensch, der akzeptieren würde, dass seine Tochter, sein Besitz, einfach im Feindesland hauste. Und wenn ich meine Karten nur geschickt spielte, konnte ich den aufgeblasenen Offizier vermutlich um die eine oder andere Münze erleichtern, letztlich vielleicht sogar ein halbes Vermögen machen mit dem Angebot die aufsässige Tochter gut verschnürt und nur leicht beschädigt nach Baerweid zurückzuschleifen.
Der Gedanke wärmte mein Herz. Vielleicht war das Glück ja doch einmal auf meiner Seite.
- Luhan Feilscher
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Re: Notizen eines Unbelehrbaren
Wie sich herausstellen sollte, war mein Glück - wie gewöhnlich - nicht von Dauer.
Launenhaftigkeit, sollte man meinen, müsste doch zumindest dann und wann eine Atempause erlauben, oder nicht?
Die Korminbrüder, soviel sollte ich zu meinen Bedauern sehr rasch lernen, waren nicht etwa eine einfältige Lüge, sondern Wirklichkeit: Stolzierende Abbilder ihres alten Herren, ihm in Gebaren und Verhalten regelrecht aus dem Gesicht geschnitten. Der Anblick brachte mehr unangenehme Erinnerungen zurück, als mir bis dahin bewusst gewesen war.
Vermutlich hätte ich in diesem Moment den einfachen Ausweg nehmen sollten. Vielleicht, ja.
Aber wo wäre ich dann zu dieser Stunde?
Der Winter war einfach nicht die richtige Jahreszeit um sich Schusters Rappen anzuvertrauen und die Freiheit der offenen Straße zu genießen - und von dieser Straße hatte ich in den vergehenden Tagen noch genug. Eine Nachricht nach Weidenheim zu schicken war eine sensible Angelegenheit und mit meinen überaus eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten und noch geringerem Wissen über die lokalen Umstände scheinbar einzig über Bajard möglich - ich war nicht mutig genug mich im Grenzland herumzutreiben.
Pergament, Tinte und Feder waren schon teuer genug um mir die Tränen in die Augen zu treiben, der Preis für eine Postsendung mit dem nächsten Schiff aber erweckte zuerst Mord- dann Selbstmordgedanken, letztlich gefolgt von Resignation: Ich konnte nur beten, dass sich diese Investition auszahlen würde.
Bei meinem vielgerühmten Glück würde der selbsternannte Herr Baerweids meine Schreiben ungelesen verbrennen.
Es verbot sich von selbst irgendeine Kopie dieses Schreibens mit nach Junkersteyn zu bringen - die paranoide Korminbrut nutzte vermutlich jede Abwesenheit meinerseits, um all meine Habseligkeiten ausführlichst zu durchsuchen - aber in Bajard hatte ich eine Abschrift sicher verwahren können.
Launenhaftigkeit, sollte man meinen, müsste doch zumindest dann und wann eine Atempause erlauben, oder nicht?
Die Korminbrüder, soviel sollte ich zu meinen Bedauern sehr rasch lernen, waren nicht etwa eine einfältige Lüge, sondern Wirklichkeit: Stolzierende Abbilder ihres alten Herren, ihm in Gebaren und Verhalten regelrecht aus dem Gesicht geschnitten. Der Anblick brachte mehr unangenehme Erinnerungen zurück, als mir bis dahin bewusst gewesen war.
Vermutlich hätte ich in diesem Moment den einfachen Ausweg nehmen sollten. Vielleicht, ja.
Aber wo wäre ich dann zu dieser Stunde?
Der Winter war einfach nicht die richtige Jahreszeit um sich Schusters Rappen anzuvertrauen und die Freiheit der offenen Straße zu genießen - und von dieser Straße hatte ich in den vergehenden Tagen noch genug. Eine Nachricht nach Weidenheim zu schicken war eine sensible Angelegenheit und mit meinen überaus eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten und noch geringerem Wissen über die lokalen Umstände scheinbar einzig über Bajard möglich - ich war nicht mutig genug mich im Grenzland herumzutreiben.
Pergament, Tinte und Feder waren schon teuer genug um mir die Tränen in die Augen zu treiben, der Preis für eine Postsendung mit dem nächsten Schiff aber erweckte zuerst Mord- dann Selbstmordgedanken, letztlich gefolgt von Resignation: Ich konnte nur beten, dass sich diese Investition auszahlen würde.
Bei meinem vielgerühmten Glück würde der selbsternannte Herr Baerweids meine Schreiben ungelesen verbrennen.
Es verbot sich von selbst irgendeine Kopie dieses Schreibens mit nach Junkersteyn zu bringen - die paranoide Korminbrut nutzte vermutlich jede Abwesenheit meinerseits, um all meine Habseligkeiten ausführlichst zu durchsuchen - aber in Bajard hatte ich eine Abschrift sicher verwahren können.
Der Name war ein Risiko, eines, das mir künftig noch den Hals kosten konnte. Aber irgendwann musste das Schicksal mir doch auch einmal zugetan sein. Richtig?Eamon Kormin,
Vor Jahren kreuzten sich unsere Wege unter unglücklichen Umständen. Ich hoffe heute einen Teil der damals aufgeladenen Schuld begleichen zu können - mit der Aussicht auf einen beidseitig vorteilhaften Handel. Wie mir gewahr wurde, haben Eure Nachkommen den Weg in neue Gefilde gefunden und präsentieren hier ganz stolz den Namen Eurer Familie. Ich vermute, dass Ihr Interesse habt Informationen über Entwicklungen vor Ort zu erhalten.
Ich bin, gegen eine Entschädigung für Ungemach, seelische Qual und unvermeidliche Demütigungen, gern bereit Euer Auge und Ohr zu sein.
Lasst mich wissen, wir Ihr darüber denkt.
Luhan Feilscher.