Die Fesseln der Wahrheit

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Emilia Arragar
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Die Fesseln der Wahrheit

Beitrag von Emilia Arragar »

Leise Stimmen drangen aus der Stube, erfüllt vom leisen Knistern des Feuers und dem Duft von Gewürzen und frisch gebackenem Teig. Sie schenkte den beiden Damen einen kurzen, prüfenden Blick, nickte zum Gruße und betrat den Raum. Die Hände ruhig, der Blick kontrolliert, die Stimme sicher. Alles an ihr sprach von der unerschütterlichen Kontrolle, die sie selbst in den kleinsten Regungen ihrer Gefühlswelt zu wahren wusste.
Nach grüßenden Worten gen Malou und Ennika floss das Gespräch ganz normal weiter, Plaudereien über Feste, Kostüme und Whisky. Emilia nahm einen Schluck des warmen, würzigen Getränks, ihre Finger glitten unwillkürlich über die glatte Oberfläche der Gebetskette in ihrem Mantel.
Dann, ohne Vorwarnung, durchbrach ein Lichtstrahl die Dämmerung. Ein blaues, pulsierendes Leuchten schoss gen Himmel, hoch und unerbittlich, wie eine Säule aus reinem Kristalllicht. Die drei verfolgten das Phänomen, fasziniert durch das Fenster. Es dauerte nur einen Herzschlag, dann legte sich das Licht wie ein zarter Schleier über den Raum, nur um sogleich zu verschwinden.
Sie spürte nichts Konkretes – keine Schmerzen, keine Verwirrung – nur ein seltsames, vages Unbehagen.
Das Gespräch ging weiter, doch dann hatte sie mitten im Satz das Gefühl, als hätte jemand unsichtbare Fesseln um ihre Zunge gelegt. Worte, die sonst so leicht über ihre Lippen kamen, blieben in der Kehle stecken. Ein merkwürdiges Ziehen in der Brust, dass sie rasch unterdrückte. Sie räusperte sich, tastete unbewusst nach ihrem Hals, als könne sie so die Blockade lösen und glitt mit den Fingerspitzen über die Perlen ihrer Gebetskette, die ihr Halt gaben.
„Irgendetwas stimmte nicht…“, murmelte sie fast für sich selbst und hob die Augen, die nun einen Hauch von Unsicherheit verrieten. Es war nicht Angst, nicht direkt, aber eine wachsende Ahnung, dass das, was sie erlebte hatte, mehr bedeutete, als sie im Moment verstand. Sie wollte die Bemerkung beenden, wollte eine Erklärung finden, doch die Worte wollten nicht kommen. Ein leises Schmunzeln huschte über ihre Lippen, halb um dies zu verbergen, halb aus einer inneren Anspannung, die sie nicht abschütteln konnte.
Malou legte den Kopf leicht schief, besorgt, und Ennika beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Emilia merkte ihre Blicke, nickte ihnen zu, aber ihr Lächeln wirkte nicht gewohnt gelassen. Sie spürte, dass etwas in ihr nicht stimmte und dass es mit diesem Licht zusammenhing, doch sie konnte noch nicht sagen, was es war.
Ein weiterer Schluck Whisky beruhigte ihre Nerven kaum, die Wärme im Hals vermochte die Unsicherheit nicht zu vertreiben, auch wenn sie jene nicht nach außen dringen ließ. Nie ließ sie überhaupt irgendwen wissen, was in ihr vorging. Sie wusste nur eines, irgendetwas an diesem Abend, an diesem Moment, hatte die Ordnung ihres Inneren erschüttert. Als sie den Raum schließlich verließ, den Mantel enger um sich schließend, blieb die Ahnung zurück wie ein Licht, das sich tief in ihr Herz zu bohren versuchte.

Einige Tage später betrat Emilia den Tempel Rahals, mit ruhiger Haltung und dem unverkennbaren Schritt der von Selbstsicherheit zeugte. Sie neigte Horatio und Jadia zur Begrüßung das Haupt entgegen, und nahm auf einer der Bänke Platz. Als Jadia den Tempel verließ und Horatio sich zu ihr setzte, flackerte etwas in ihrem bernsteinbraunen Blick.
„Ich besuche… ich musste etwas prüfen“, sagte sie stockend, während sie sich die Hände an den Hals legte, ein instinktiver Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen. Horatio Bes beobachtete sie ruhig, doch seine Worte halfen ihr nur bedingt. Immer wieder stockte sie, als würden die richtigen Worte irgendwo zwischen Hals und Verstand stecken bleiben. Schließlich murmelte sie: „nun dann werde ich wieder aufbrechen...“
Sie spürte das Gewicht ihrer eigenen Unsicherheit, das zuvor nicht da gewesen war, die sie nicht greifen konnte.

Später saß Emilia Godeke gegenüber. Sie beobachtete ihn, versuchte aufmerksam zu bleiben, doch ihr innerer Fokus war zersplittert.
„Informiert mich....“, murmelte sie leise, die Lippen fest aufeinandergepresst.
Während sie aß, spürte sie, wie die Kontrolle Stück für Stück aus ihren Händen glitt. Ihre Hände klammerten sich an die Bank, ihre Schultern waren angespannt, jeder Atemzug fühlte sich schwer an. Sie konnte nur beobachten, wie sich die Fragen in ihr türmten, während die Antworten noch jenseits ihrer Reichweite lagen. Alles, was sie wusste, war, dass sie den Kampf um ihre innere Ordnung nicht verlieren durfte, selbst wenn das Rätsel noch nicht zu lösen war.

Die Sonne stand noch tief, als Emilia den Torbereich betrat. Als sie Lingor grüßte waren die Worte wohlüberlegt, die Bewegungen kontrolliert. „Des dunklen Fürsten Segen mit euch“, sagte sie, während ihre Augen kurz die beiden anwesenden Personen musterten. Lingor nickte ihr zu, Jynela hob die Hand in einem leichten Gruß. Emilia erwiderte dies mit einem geneigten Haupt, und der gewohnten unbeirrbaren Haltung, doch in ihrem inneren erforderte es ihre ganze Disziplin, die sie sich mühsam bewahrte.
Sie wünschte sich einen Moment der Normalität und so wandte sie sich bald dem Thema Whisky zu. Lingor Melia bot eine Auswahl an und Emilia nahm die Gläser wie gewohnt mit Ruhe in die Hand, prüfte Aroma und Farbe, verglich, probierte, nickte zustimmend. Ihr Blick glitt kurz zu Jynela, doch dann kehrte er zu Lingor zurück. Jeder Schluck, jeder Zug ihres Glimmstängels schien ihre Sinne zu fokussieren und gleichzeitig etwas in ihr zu verunsichern.
Als Lingor nach ihrem Befinden fragte, stockte Emilia ungewöhnlich. Sie blinzelte, setzte an, stoppte wieder, spürte das vertraute Gewicht ihrer Selbstkontrolle, das diesmal nicht helfen wollte. Die Worte „hervorragend wie stets“ kamen nicht wie gewohnt, sie hingen stattdessen wieder fest in ihrer Kehle. Schließlich brachte sie hervor: „Stimmt… irgendetwas ist nicht ganz mit mir… Ich brauch wohl Whisky dringender als gedacht.“
Ihre Stimme klang ruhig, fast wie üblich, doch sie spürte selbst die innere Spannung. Es war nicht einfach ein kleiner Moment der Unsicherheit, etwas tief in ihr wusste, dass Worte, die nicht stimmten, nicht über ihre Lippen kamen. Selbst die banalen Floskeln, die sie sonst mühelos sprach, stockten. Lingor deutete dies an, Jynela beobachtete sie nachdenklich, und langsam begann Emilia zu begreifen: Sie konnte nicht lügen.
Eine Welle von Wut und Faszination durchlief sie zugleich. Sie sah auf ihr Glas, umklammerte es fester, während ihre sonst makellose Fassade der Seelenruhe bröckelte.
„Nachtragendes Pack aus dem Osten… ich vermute, sie sind Schuld“, murmelte sie leise, die Worte kamen überraschend leicht, weil sie vielleicht zutrafen. Sie wusste selbst nicht, ob sie sich der Wahrheit wirklich sicher war, aber ihre Stimme zwang sie zur Aufrichtigkeit.

Die Erkenntnis ließ sie erschauern und gleichzeitig fokussiert bleiben. Sie musste vorsichtig handeln, ihre nächsten Schritte überlegt wählen. Alles, was sie sagen konnte, musste der Wahrheit entsprechen und das machte jede Interaktion zu einem Balanceakt. Sie dachte an die anderen Glaubensgeschwister und dass sie sofort handeln musste.
Als sie sich verabschiedete, neigte sie den Kopf respektvoll, ihre Bewegungen zwar geordnet, aber etwas eiliger als sonst. Jeder Schritt, jeder Blick durch den Torbereich war nun geprägt von der neuen Erkenntnis: Sie konnte nicht lügen und dieses Wissen würde ihr Handeln in den kommenden Tagen unweigerlich bestimmen.


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Emilia Arragar
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Re: Die Fesseln der Wahrheit

Beitrag von Emilia Arragar »

Das Klimpern von Schmuck und Münzen war zu hören, Bilder von hübsche Markstände voller Kostbarkeiten, dann plötzlich hämmerte sich in ihren Kopf das Rasseln von schweren Ketten, die sie gefangen hielten. Kommandos die vom Hauptmann gebrüllt wurden, gefolgt vom Surren eines Schwertes das gezogen wurde. Blut lief ihr warm über die Nase, das Geräusch wie sie scharf die Luft einsog, welches durch das laute Knallen einer Peitsche ersetzt wurde und ihre Haut zerfetzte. Der Übergang zu den Schreien des Schlachtenlärms war fast nahtlos, dann ein dumpfer Stoß auf den Kopf und letztlich das tosende Meer das alles in den Wellen ertränkte. Ihr Weg nach Gerimor…

Das Erste was sie hörte, die Stimme eines Heilers…Ashtar…dann die Stimme eines Priesters…Berenguer…Glockenschläge des Klosters waren im nächsten Moment zu hören, das Lachen von einstigen Freunden an einem Lagerfeuer. Ein Knistern im roten Nebel, dass sich in ein Gewitter verwandelte…Berchgard, dann Bilder von Adoran, Stimmen aus dem Regiment, wieder die Stimme der Geweihten, Verzweifelte Laute und letztliche hörte sie ihre eigene Stimme ein Gebet an Temora sprechen. Die Worte hallten in ihrem Inneren noch leise von den Wänden der kleinen Kapelle in Kronwalden, ehe sie später einem ruhigen und zugleich immer lauter werdenden Flüstern ihres heutigen Glaubensbruders Lennarts Platz machten.

Die Natur Gerimors blühte bunt, das Heulen aus Varuna mit dem Turm der Nimmeruh welcher hoch in den Himmel ragte und die Laute der Raben, die um jenen herumflogen, unterbrachen das friedliche Frühlingsbild, wie ein karger Fels inmitten einer Blumenwiese. Kurz darauf fand sie sich in einer Runde aus verschiedensten Rabendienern wieder, die sie eingehend musterten. Es dauerte nicht lange bis das Bild der Grabkammer sich als Erinnerung hervordrängte, das Blut welches über den Steinboden spritzte, das spottende Gelächter der Diener das die dunkle Kammer erfüllte, das Kratzen das bis ins Mark drang und schließlich sah sie sich selbst im dämmrigen Licht am Boden knien, umrundet von dunklen Roben. Sie hatte den Dolch in der Hand und zielte genaustens auf die Kehle des am Boden liegenden Mannes, wie von Geisterhand stach sie daneben, wieder und wieder und wieder. Warum? Sie war eine Kriegerin gewesen, sie hatte Ungetüme, Dämonen besiegt, war in Schlachten gezogen, warum rutschte sie jedes Mal an der Kehle vorbei? Es war als würde sie eine Marionette sein, die nicht treffen konnte und ihre Hand geführt wurde, bewusst daneben stechend. Ein „Das ist nun aber eine Sauerei“ drang an ihre Ohren. Sie hielt inne, senkte den Dolch und beobachtete wie ihr Tränen übers Gesicht rannen und sie zu schluchzen begann. Dann eine weitere Stimme eines Diener Krathors: „Jetzt fängt sie auch noch an zu heulen…“ Die verhöhnenden Worte rückten langsam weiter in die Ferne, bis sie nur noch die unendliche Stille der Ewigkeit zu umgeben schien, dann vernahm sie noch etwas...das immer näher zu ihr Drang und in Dunkelheit hüllte und so begann sie zu Krathor zu sprechen…zu glauben…zu dienen.



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Die Bilder aus der fernen Vergangenheit prasselten wie Platzregen in ihren Geist, verwirrend zogen sie an ihr vorbei.
Als sie die Augen öffnete, saß sie an einen Baumstamm gelehnt, auf dem nassen zermatschten Laub und betrachtete die Regentropfen die auf ihre Handfläche fielen und langsam an der Brandnarbe entlang hinabflossen und obwohl sie nun wach war, kreisten ihre Gedanken erneut in die Vergangenheit.
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Emilia Arragar
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Re: Die Fesseln der Wahrheit

Beitrag von Emilia Arragar »

Sie spürte noch das goldene Funkeln das ihr in den Augen gebrannt hatte, die Schwäche, die Schmerzen, die Luft so schwer als würde man sich durch einen Sumpf bewegen. Sie hörte ihren Namen der von Andra wütend durchs Kirchenschiff gebrüllt wurde. „EMIILIAAAAA!!!“ Alles war so langsam und doch viel zu schnell passiert. Sie sah die Blicke der anderen als sie bereits schwer atmend die Treppen hinabstolperte, halb werfend, halb fallend den Beutel dem Raben überreichte der auf sie an der Schwelle zum Kloster gewartet hatte. Sie rannte sogleich über die Wiese, alles voller Skelettdrachen, Glaubensgeschwister, Klosterwächter, Geweihte, ein reinstes Chaos aus schwarz und blau. Plötzlich wurde sie gepackt, das Reißen des Kloster-Wappenrockes hatte sie lauter in Erinnerung gehabt, als es wohl tatsächlich gewesen war. Es war als hätte man einen Teil ihres Lebens gewaltsam herausgerissen, es gab keinen Weg zurück. Im westlich gelegenen Wald angekommen übermannte sie eine gewaltige Welle, wie eine verspätete Lawine die sie zu Boden riss. Ihr Herz schlug so laut, als hätte sie die Schildmaid selbst gejagt und einen tödlichen Stoß versetzt. Vom Adrenalin getragen, bereit zu sterben, wie damals in der Grabkammer, stützte sie sich schnaufend auf dem Boden ab, doch ihre Glaubens-Geschwister hatten sie dieses Mal bereits so schnell wieder auf die Beine hochgezogen, dass ihr gar keine Zeit blieb darüber nachzudenken und sie wenige Augenblicke später sich bereits wieder in der Nimmeruh befand.
Sie ließ den bernsteinbraunen Blick durch den Nebel gleiten, der langsam über den Waldboden kroch, und am Baumstamm entlang zu den Baumkronen weiterwanderte. Die Bäume hatten bereits ihre Blätter verloren und enthüllten ihren kahlen Äste. Sie starrte einen der bereits leer gefegten knorrigen Äst an, der nach und nach mit der Umgebung verschwamm.
Träume, Erinnerungen die sie immer Mal wieder plagten, für jede ruhige Nacht in der sie schlafen konnte, war sie dankbar. Manchmal jedoch verfolgten diese Gedanken sie in den Tag hinein. Würde sie irgendwann doch dem Wahnsinn verfallen? Als wäre die Antwort eine ganz andere, öffneten sich quitschend vor ihrem inneren Auge, die Kerkerzelle des Regiments und des Klosterkellers gleichzeitig, sie selbst kauerte am Zellenboden.
Sie schloss die Augen, ballte die Fäuste und begann zu zittern. War es die nasse Kälte die ihr in die Kleider kroch oder war es…etwas anderes? Eine ihrer Hände griff unterbewusst an den vertrauten Griff ihres Dolches, ihr Anker, welchen sie fest umschlossen hielt bis das Zittern langsam nachließ. Als sie die Augen wieder öffnete, richtete sich ihr Blick klar und kalt wieder auf den kahlen, knorrigen Ast.
Nein. Sie war ein Werkzeug des Willens Krathors. Nicht gebrochen – sondern geschärft. Wie ein Messer, das im Feuer viele Male geformt, in der Finsternis gehärtet und nun erkaltet war.


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Emilia Arragar
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Re: Die Fesseln der Wahrheit

Beitrag von Emilia Arragar »

Ein letztes Mal wanderten ihre Gedanken weiter. Zu der jungen Schreinerin die sie in Bajard getroffen hatte, sie lächelte ihr entgegen und gemeinsam brachen sie auf zu dem umgefallenen Baumstamm nahe Varuna, der im Grunde eine Brücke und Abkürzung zur Nimmeruh war. Die junge Frau setzte sich mit einem Papier und einem Kohlestift ans Ende des Baumstammes und begann ein Bild von Emilia zu zeichnen, wie sie auf der anderen Seite stand, Varuna im Hintergrund, das rabenschwarze Haar im Wind wehte und sie spielerisch über den Baumstamm balancierte.
Eine Wolke zog über den Himmel, Schatten verdunkelten den sonnigen Tag, als sie der Frau immer näherkam und sich in ihrer Hand aus dunklen Fäden und Ranken begleitet, von einem leisen klerikalen Knistern ihr Knochenstab formte. Die Frau hob sofort den Blick von ihrer Zeichnung, wie ein Reh welches spürte, das ein Jäger auf es zielte und wurde in selbigen Moment vom Knochenstab am Schädel getroffen. Leise kippte sie bewusstlos nach hinten auf die Wiese.
Sie erwachte erst wieder in vollkommener Dunkelheit, als tausende Augen blinzelnd auf die Frau herab blickten und sie schien erst verspätet zu erkennen das es die Äste eines großen dunklen Baumes waren, der sich über ihr erstreckte. Die Rinde eine Mischung aus rot wie Blut und grau wie Asche, mit Adern aus Bernstein. Die Diener Krathors standen im Kreis, in der Mitte die Frau, der Baum und sie Emilia selbst. Sie hatte selbigen Dolch in der Hand, den sie bei ihrem ersten Besuch in der Grabkammer in den Händen gehalten hatte und sie konnte an den Augen der Frau ablesen, dass jene junge Schreinerin wusste, dass das letzte Bild das sie gezeichnet hatte der Tod selbst war. Präzise, routiniert, geführt von Krathor wie seine Waffe und als würde der Baum jeglichen Laut in sich aufnehmen glitt die Klinge des Dolches leise durch die Kehle der Frau.

Wenn es eines gab das gewiss war, so war es Krathor der an jedem Ende eines Weges auf sie wartete, bis sie ihren Dienst erfüllt hatte. Noch war sie nicht am Ende ihres Pfades angekommen, doch sie wusste irgendwann würde die Zeit kommen um den roten Teppich für den dunklen Fürsten auszurollen. Vor ihrem Auge verschwamm das Bild eines roten Teppichs, wie ein weiterer Traum, eine dunkle Erinnerung, vielleicht war es auch nur die Robe des Tetrachen im hier und jetzt, der nach und nach mit der Holzfälleraxt auf der Schulter, auf sie zu marschiert kam, nur um schließlich die Stirn runzelnd direkt vor ihr stehen zu bleiben. Er hatte dem Wahnsinn oft genug selbst in die Augen geblickt. Ohne in Frage zu stellen warum sie komplett durchnässt im Regen, mit entschlossenem Schimmern in den Augen, auf dem vom Schnee aufgeweichten Boden lag, griff er nach ihrem Arm und zerrte sie einfach wortlos den Kopf schüttelnd mit sich gen Wetterau, nach Hause…


Einige Schneeflocken fielen ihr auf das Gesicht als sie die Augen öffnete und sich immer noch an den Baum gelehnt im Matsch wiederfand. Ihre Glieder waren kalt, niemand war gekommen um ihr aufzuhelfen, niemand interessierte es wirklich was mit ihr geschah, niemand wunderte sich wo sie steckte, außer jene die ihren Kopf als Trophäe auf einem Spieß präsentieren wollten. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren, der Himmel war so schwer behangen mit Wolken und Nebel der über den Waldboden kroch, dass sie es nicht zu sagen vermochte ob es Morgen war oder ob es bereits dämmerte. Spielte es eine Rolle ob sie nun liegen blieb oder aufstand? Was spielte überhaupt noch eine Rolle auf Gerimor?
Sie seufzte langgezogen, doch ihre Hände wanderten gen Boden und sie richtete sich soweit auf bis sie aufrecht am Baumstamm saß. Es fühlte sich nach einer Welle vieler kleiner Nadelstiche an, als Bewegung in ihren Körper fuhr. Sie erhob sich schwer und das Knistern von Blättern wurde hörbar auf klerikaler Ebene, ehe sich nach und nach der Knochenstab in ihrer Hand formte, mit dessen Hilfe sie sich schließlich erhob.



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